Nummer 27 Zreitag, den 5. April Jahrgang 1935 je, ■Wan "«lori» en rourbi, th Io toftbe, t(ner [inj "e. Weitz dem Sri, luntangei 1 Hot D«|, .Etwa K| Jn, als fi( •8 für ch len Iota 1 b« unser, Mng jun id, immer Üppig. Da cht hätten, Platten, in eingeprefil wohl ftot । dicht ®it VON olfa Sin halb,! m [o lagen die Schäp mnche z sind ne) mutet, oli >aben dich weiß mm li von bet nnjen) bei und bie|et m Sporen, Drohung. Bon Carl Spitteler. Wenn du dich noch einmal unterstehst Und mir im Kopf herumgehst, Hol ich gleich nebenbei Die Stadtpolizei. Die hängt dir jedenfalls Einen Schandbrief um den Hals, Damit jeder es liest. Was für ein Spitzbub du bist. Wenn du mir das noch einmal machst Und mich im Traum anlachst. Guckt aus der Münftertür Der Kapuziner herfür. Der malefizt dich mit feinem Latein Von Schwarzkunst so rein. Daß von dir Hexenweib Bloß das Apfelhäuschen bleibt. Wenn du mir nur noch einmal kommst Und nicht gleich zu mir kommst. Hetz ich mein Hündlein nach dir. Das beißt dich zu mir. Dann sperr ich dich, Gott sei Dank, In einen gläsernen Schrank. Ein Schlüssel hängt dran. Daß ich auch hineinkann. Die Reise nach Venedig. Von Görge Spervogel. SietzenerZamiliendMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger zusammt, tanzen, bii i aus Geben Bild diese! Iber waren und in ta mefenjeii. gen, kW nie got# die Ledev Abfall«! FeuDst'll nnoolk ml und reichen riet buchten Serben m es wird u® r und alt« , wenn w he. die ff* Erdem!«* uge, do bn mt»«.* In unfete* Born W* ; Boden- )er 14*! optwrf luogeft* uno °b'l ,ie UeI sondes«" i alter (P«‘ vekb°Ä>k tb,e & me * einmal deinen kleinen Kosfer durch die Lust nach Venedig bringen. Das gelbe Heft stellt den Flugschein vor, dieses Geld mein Reisegeld und dein Koffer meinen Reisekofser. Auf diese Art soll ich nun nach Venedig fliegen, ohne Lust und Geld, nur weil mein Onkel auf die Idee kommt, mir plötzlich etwas Gutes antun zu wollen. Ach, Maleen, soll ich dir sagen, wie ich das Leben finde?" Ja, freust du dich denn nicht?" fragte das Mädchen vor Staunen beinahe entrüstet. „Du freust dich doch wohl, nicht? Oder was bist du für ein Kerl?" . ... „Freuen?" fragte Toon. „So dumm bin ich schließlich doch noch nicht. Auch noch freuen?" murmelte er. „510!" „So!" sagte Maleen. „Willst du nun reifen ober nicht? „So eine Frage", sagte Toon. „Natürlich will ich." „Und warum freust du dich dann nicht? Oder willst du mich ver- ^"sei artig, Maleen", bat Toon, „sei still und höre zu. Da ist erstens kein Geld, zweitens kein anständiger Anzug, drittens kein Paß, viertens keine gewaschene Wäsche und fünftens ein verabredetes Mädchen ohne Telephon und ein junger Mann ohne Zeit zum Absagen. Und es ist ein schönes und wichtiges Mädchen. Stell dir nun bei den Hindernissen vor, ich würde mich auf diese Reise freuen — ach du lieber Gott, dann käme sie ja ganz bestimmt nicht zustande." Maleen kramte in allerlei Winkeln herum, überlegte halblaut, telephonierte ein wenig und erklärte bann, Toon solle augenblicklich beginnen, sich zu freuen, benn nun nehme fie bie Sache in bie Hanb. Aber eins müsse er ,yr versprechen, unb zwar mitten in bie rechte Hanb hinein: mit ganz altmobischem, ganz großem Männerehrenwort müsse er versprechen, was sie nun sagen werbe. „Ist es auch nicht zu schwer?" fragte Toon ein wenig mißtrauisch. „Du mußt wissen, ob ich es halten kann." „Du kannst es", sagte Maleen. „Zwei Tage bleibst bu in Venebig, nicht? Unb da mußt du nun versprechen, daß — baß bu — ach, ich sage es, wenn du startest." Toon bettelte unb bat, aber Maleen ließ sich nicht erweichen. „Morgen,früh wirst bu es erfahren", sagte sie, „unb nun wollen wir losgehen." Am Abenb besah Toon durch Maleens Hilse über dreißig Mark, dem schönen, wichtigen Mädchen war eine Postkarte geschrieben worben, bie Wäsche hing auf Maleens Balkon, eine wunberoolle Oxfordhofe lag bereit, daneben ein rostbrauner Sakko, unb der Paß — Maleen hatte durch ihre Menschenkenntnis, und gerade die Kenntnis der wichtigsten Menschen, bewirkt, daß der Paß in den ersten Morgenstunden zum Abholen bereitlag. Toon hätte in dieser Nacht mithin beruhigt schlafen können, aber einmal bas Reisefieber, bann bie Freube unb ferner bas altmodisch ehrliche, große Männerehrenwort quälten ihn sehr. Er war noch so jung, hatte noch nicht viel erfahren und war seiner Kräfte noch nicht sicher; er war ihrer vielleicht noch gar nicht bewußt. Maleen, bie wie alle guten unb liebenswerten Frauen sehr viel Mütterliches unb damit Erzieherisches hatte, war in ihrer Klugheit und Tatkraft fchon längst über diesen Mangel Toons klar geworden. Sie brachte den Jungen also zum Flugplatz, wo sie sogleich nach allerlei technischen Dingen zu fragen begann, unb Toon, versteht sich, wußte ihr eine Menge zu erklären und auseinanberzusetzen. Die Eme-Million- Kilometer-Piloten spazieren nicht selbstsicherer, großartiger und allmächtiger auf den Flugplätzen einher als Toon hier neben Maleen. Als nun bie brei Motoren ber gewaltigen Maschine zu bonnern begannen, sagte fie- Jetzt mußt bu mir versprechen, alle brei Stunben ein Abenteuer zu erleben Horst du? Alle brei Stunben eines. Natürlich nicht in ber Zeit, bie bu mit Schlafen unb Fliegen verbringst, aber irotzbem mm- bestens zwanzig. Hast bu oerftanben?" „ . ... 4 Bitte einsteigen!" rief eine Stimme, b>e Propeller dröhnten, die Kabinentür wurde geschlossen, unb Toon merkte vor Grübelei und Ueberraschung nicht, daß nun der große Augenblick gekommen war da er zum ersten Male in einem sich bewegenden Flugzeug saß. Die Maschine rumpelte über das Flugseld, sie fuhr und fuhr für mindestens eine Mark fünfzig Taxe fuhr Toon in dem Flugzeug dahin. Dann tarn ein Bogen, die Motoren zeigten sich von ihrer wahren Seite unb Toon wußte nicht, ob er das Rad besehen sollte, das über den Rasen fegte, oder ob er Maleen zu beachten hatte, die dahinten stand und winkte. Ehe er aber zu überlegen begann, hatte er sich schon für das Rad entschieden. Er hatte es wirklich nicht kommen sehen, aber nun geschah es daß trotz aller Gröhe, Schwere und Dicke dieses Rad nur eben noch bie Spitzen ber Grashalme streifte, unb bann konnte von Gras unb berartiaem überhaupt keine Rebe mehr fein, benn bas alles war schon Diel zu weit weg. Es hanbelte sich noch um Laubenkolonien und Baume, bis sich herausftellte, daß die Laubenkolonien nichts anderes als aus- gewachsene Stadthäuser bedeuteten mit winzigen Autos und Straßenbahnen dazwischenher. Grünflächen schoben sich ein. errangen bie Ober- honb und endlich war nichts von Bestand als die Geometrie ber Aecker, In alle Freube hinein melbete sich ber Onkel, unb Toon hatte ganz vergessen zu überlegen, was er nun eigentlich sagen wollte. Er raufperte sich und sagte mit leiser, tiefer Stimme: „Hier ist em Freund von Toon. Ich suche Toon und kann ihn nirgends smden. Er wollte m den nächsten Tagen mit einigen von uns eine kleine Reise unternehmen. Vielleicht •‘'Ä"»1“*. d« OnM.. MW -°- er noch zu Hause. Und in den nächsten Tagen wird er übrigens verreisen Weit fort, ja. Mit dem Flugzeug sogar. Ja, em vornehmer Jung' sing. Wissen Sie, er soll sich mal die Welt ansehen. Em bißchen wenigstens. Na, da habe ich ihm „einen Flugschein nach Venedig geschenkt. ^^Ver^ammtz'bachte" Toon°"unter Kopfschütteln, also ist es wahr. Da tlingdte bas Teleph Woher wissen beine Freunbe meine Telephonnummer unb bah ich bein Onkel bin? orhmina „Wissen sie bas benn?" murmelte Toon.„ Ich hatte keine Ahnung, dah sie es nicht wissen. Sei nicht böse, Onkel. Mock, Warst du schon im Reisebüro, um bemen Flugschein abzuholen. Mach schnell", sagte ber Onkel, „sonst ist ba geschlossen. Viel Vergnügen. -- «wt °.° 7- * Scheinen barin. Er ging zu Maleen, legte bas gelbe Äeft_unbi ferne ®eIb- börfe vor sie hin und fragte, ob sie einen kleinen Koffer habe, unb ob sie ihn wohl für eine Woche entbehren könne. Ja? Vielen Dank Darauf legte er sich in einen Sessel unb stöhnte. „Was ist denn> eigentlich los fragte Maleen unb begann in dem gelben Heft zu blättern. „Dasi tft ja wunderbar", flüsterte sie plötzlich. Da (prang Toon„ auf und schüttete den Inhalt feiner Börse auf den Tisch. „Zwei vierzig 'sagte Maleen. „Ja, und? Was ist denn nun eigentlich los? wiederholte fie- -'Z°on(n^? ? ± „Ach" sagte er, „meinem Onkel ist es eingefallen, ich sollte doch Ist es möglich? fragte sich Toon. Nein, es kann nicht möglich sein. Möglicherweise ist es aber doch möglich? Nein, von allen Möglichkeiten ist das hier bie unmöglichste. Toon überlegte nach allen Seiten, backte oor sich hin unb grübelte in sich hinein, aber es kam nichts habet heraus. Endlich beschloß er zu telephonieren. „Maleen", sagte er im ersten Gespräch, vielleicht habe 'ch getraumt vielleicht aber auch nicht. In aller Früh so träumte ich, rief wem Onkel an. Er sagte etwas, das nicht wahr sein kann. Sage bu, ob ich es glauben soll ober nicht." „Was hat er benn gesagt?" fragte Maleen „Das kann ich so schnell nicht sagen", erwiberte Toon. „Dann frage boch deinen Onkel", sagte Maleen. ,, „Teufel!" schrie Toon. Maleen bezog bas auf sich und hängte ab. Toon wählte des Onkels Nummer, Je, dachte er, was man doch für kluge ■um Wiesen, Wälder, zerlegt von Landstraßen, Graben und Flutzlausen, Toon hatte bisher nicht gewußt, daß eine Wiese zum Beispiel nicht etwa grün zu sein braucht, sondern ebensogut bräunlich sein fang, ockerfarben oliven oder smaragden, wie es solchen Wiesen eben gerade einfällt. Die Aecker erschienen schwärzlich mit violettem Schimmer, auch arau und braun oder silbrig und golden, und in den Wäldern sorgten die verschiedenfarbigen Laubbäume für Abwechslung, die einen durch ihr buntes Laub, die andern durch ihre leuchtenden Stämme und d,e dritten durch rötlichen oder blauen Schimmer in dem feinen Astwerk. Nun war es an der Zeit, sich ein wenig in der Kabine umzufehen. Der Sessel, in dem Toon saß — alles was recht ist, aber einen der- artiaen Ausbund wohliger Anschmiegsamkeit war er bisher in keinem Sofa oder Klubsefiel begegnet. In solcher Weise, halb sitzend und halb liegend, hätte er gern einen beträchtlichen Teil seines Lebens verbringen mögen, vorzüglich neben einem Fenster mit solchen Ausblicken. Die Tür zum Führerstand wurde geöffnet, aha, das war alfo der Bordfunker, der da eine Meldung durchgab. lieber dem Platz des Funkers war ein Meßgerät angebracht. Toon strengte feine Augen an und fand, daß es ein Höhenmesser war; die zitternde Nadel stand auf etwa tausend, dann kroch sie weiter auf elfhundert, zwölfhundert, und ganz plötzlich war die Kabine mit einem seltsamen Licht erfüllt, hell, stark und klar kam es zu den Fenstern herein, und als Toon hinaussehen wollte, mußte er die Augen schließen. Die Maschine flog über den Wolken, aus tiefem Blau kam das Licht herab auf sttahlende Grate mit durchsichtigen Schatten; da schwebten Gebirge mit schwarzen und unergründlichen Schluchten, glänzenden Hängen und leuchtenden Gipfeln; gewaltige Türme gingen durch Wind und reinstes Licht; aus Fällen und Schründen brodelten schwere Dämpfe empor, formten sich zu Tieren und Geistern der Traumlandschaft. Das glitt und zog, saugte sich wirbelnd hinab, staute sich machtvoll empor, zerfranste, zerriß, ballte sich gefährlich und verwehte in der machtvollen Strahlung. Toons Herz geriet in Unordnung, ging säumig und trommelte bann; es war solche Anblicke nicht gewöhnt. Die Wolken fliegen höher, das Flugzeug schien auf einem flachen Buckel landen zu wollen. In der Nähe aber verlor der Buckel seine Massigkeit, Schleier wehten an den Fenstern vorbei, es gab ein gedämpftes Licht in der Kabine, und dann war nur noch Dunst umher, sehr wohltuend und beruhigend für Toons verzücktes Herz. Der Nebel wurde durchsichtig, einige Schwaden schossen noch vorüber, in Farben und Flächen zeigte sich wieder die Erde. Langsam veränderte sich der Maßstab des bunten Planes, je größer er wurde, desto klarer unterschieden sich Baum und Gebüsch, Wagenspur und Schienenweg. Häuser, zuerst vereinzelt, ballten sich dichter, Straßen liefen von fernher einem Ziele zu, die Aecker wurden zu Gärten, Gehöfte zu Reihenhäusern und. Blöcken, Rauch stieg von Fabriken. Eine weiße Rakete schoß empor. Das Flugzeug legte sich in einen Bogen, der Toons Herz von neuem verwirrte, denn sah er zu dem einen Fenster hinaus, so stteifte der ttef- liegenbe Flügel des Flugzeuges fast die Bäume, blickte er aus dem anderen, so war die Erde noch fern und der Himmel groß. Rasen glitt reißend schnell dahin, Grashalme wurden von dem Radungetüm gestreift, die Maschine setzte ruhig auf, rumpelte ein wenig, fuhr eine Kurve und wieder für eine Mark zwanzig Taxe und hielt. Zwischenlandung. Toon stieg aus. Er trat auf die Erde und fühlte den festen Grund bis tief hinab. Er hob den Kopf, atmete und sah die gefieberten Eiswolken ber Stratosphäre. In feinem Blut war bas Schwirren unb feine Zittern ber Motoren. Er spannte alle Muskeln seines Körpers, behnte unb streckte sich unb fühlte, wie er bis unter bie Haut angefüllt war mit Kraft, Sehnsucht und Mut. Er ging auf bie Hangars zu, ließ sich durch einen Boy eine Postkarte bringen unb schrieb an Maleen: „Zwanzig Abenteuer sinb zu wenig. Toon." Er setzte hinzu: „Viel zu wenig." Viel unterstrich er breimal Er warf bie Karte ein unb ging zurück auf bas Rollfelb. „Fertigmachen für München—Venebig, bitte!" wurde gerufen Toon stieg ein wie in die Straßenbahn, aber als die Motoren aufdröhnten, begann auch sein Herz von neuem zu fingen. ©er „Adler" von Nürnberg. Ein Jahrhundert deutsche Eisenbahn. Von Dr. Kurt Warnecke. „Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das ihrige tun." Große Zuversicht spricht aus dieser Aeußerung Goethes, die er 1828 gegenüber Eckermann tat, und fast hätte der Weife von Weimar noch mit eigenen Augen bie Triumphfahrt ber ersten beutschen Eisenbahn erblicken können. Sieben Jahre nach ber Verheißung Goethes fuhr biefer erste Bote der neuen Verkehrstechnik auf der Strecke Nürnberg—Fürth, von den fortschrittlich Gesinnten stürmisch begrüßt, von den allzeit Bedenklichen und Gestrigen aber mit größtem Mißtrauen gemieden, ja als Teufelswerk verflucht. Schon bei der Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke jenseits des Kanals hatten bibelkundige Engländer allen Ernstes behauptet, daß sich mit dem Aufkommen der Eifenbahn die Prophezeiung der Apokalypse erfülle: feurige Wagen würden über die Erde laufen und alles, was auf ihr wachse, vernichten. Die Bauern fürchteten für ihre yelber unb Häuser, und überall verkündete man, daß ber Teufel alltäglich ein paar ber frevlerischen Reisenden verschwinden lasse, bie es gewagt hatten, sich mit ber Eisenbahn einzulassen. Viele ber Passagiere hatten darum auch ebensoviel Angst wie Wagemut und unternahmen die Fahrt erst, nachdem sie ihr Testament gemacht und sich mit Heiligenbildern versehen hatten. Einige Gelehrte blamierten sich bis über die Ohren- sie bewiesen nicht nur, baß bie Bahn nach allen Gesetzen ber Wissenschaft Überhaupt nicht fahren könnte, sondern sie sagten für den Fall, daß sie sich doch mit geheimnisvollen Kräften bewegen follte, schwere Gesund- heitsschadigungen für die Fahrgäste voraus. Schon ber Anblick eines fahrenben Zuges sollte Geisteskrankheiten Hervorrufen, unb für ben Reisende« selber hatte die große Schnelligkeit angeblich' ebenfalls höchst nachteilige Folgen für Körper und Geist. Auch als die Erfahrungen mit der ersten deutschen Eisenbahn bereits praktisch erwiesen hatten, bah sich olle biefe Gutachter im Irrtum befanben, beharrten sie auf ihren Behauptungen. Als bie Berliner es einige Jahre banach wagten, zum erstenmal nach Potsdam mit dem Dampfroß hinauszufahren, unterließ es der Prediger Goßner von ber Böhmischen Kirche nicht, seine Gemeinbe- mitglieber zu bitten, „sie möchten sich boch um ihrer Seele Seligkeit willen von bem höllischen Drachen, bem Dampfwagen, sernhalten". Neben biesen gutgläubigen Gegnern ber Eisenbahn fanben sich aber auch solche, bie ihre eigenen Interessen glaubten gegen ben unangenehmen Konkurrenten burch bie Verbreitung solch abschreckenber Mitteilungen schützen zu müssen. Die Posthalter unb Fuhrunternehmer, bie Kutscher unb Sattler, bie Schmiebe und Wagenbauer fühlten sich nicht nur in ihrer Berufsehre, fondern auch in ihrer Existenz, bedroht. So kann man die Schwierigkeiten ermessen, die von ben Pionieren ber Eisenbahn überrounben werben muhten, ehe bas Werk gelingen konnte. Es war beshalb ein großer Vorsatz, als ber Nürnberger Johannes Scharrer sich bie Aufgabe stellte, den Plan des bayerischen Oberbergrates Ritter Joseph v. Baader, die Städte Nürnberg unb Fürth durch eine Eisenbahn zu verbinden, in die Wirklichkeit umzusetzen. Um Argumente für die Zweckmäßigkeit ber Bahnverbinbung zu schassen, würben vom 20. Januar 1833 ab vierzig Tage lang alle Fußgänger, Wagen unb Reiter auf ber Landstraße von Nürnberg nach Fürth sorgsam gezählt. Die Ermittlungen ergaben, daß täglich rund 1720 Personen die Straße benutzten, so daß ein Bahnunternehmen sich wohl rentieren könnte; an eine Güterbeförderung durch bie Eisenbahn buchte man zu jener Zeit überhaupt noch nicht. Schon im Mai 1833 würbe zur Zeichnung von Eisenbahnaktien im Gesamtwert von 224 000 Mark aufgerufen; bie zwölf Prozent Zinsen lockten schließlich auch ben Zweiflern bie ersparten Florins aus ber Tasche. In Anwesenheit von 207 Aktienbesitzern — der Staat hatte lediglich zwei Aktien zu je hundert Florins zu kaufen gewagt — wurde am 18. November 1833 bie Ludwigs-Eisen- bahngefellschaft in bem historischen Rathaussaal von Nürnberg gegrünbet Man faßte ben großzügigen Entschluß, zwei „Dampfwagen" zu bestellen, im übrigen aber ben Betrieb durch Pferde durchführen zu lassen, von denen bie Wagen auf ben Gekeifen gezogen werben sollten. Was waren bas für feltfame Vorstellungen; Pferbe- unb Dampfbetrieb mit- einanber zu verbinben, um bas Risiko bes Unternehmens zu verringern! Man wollte aber beweisen, baß man nicht phantasierte, fonbern auf bem Boben ber Wirklichkeit ftanb. So hieß es beim in bem Bericht ber Gesellschaft: „Neben ber Kostenersparnis würde hieraus noch ber Vorteil hervorgehen, baß bie Fahrt auch zur Nachtzeit im Winter ftattfinben könnte, unb baß auch biejenigen Personen für bie Bahn gewonnen werben, welche aus Besorgnis oder Furcht bei ber Dampffahrt zurückblieben, jebenfalls würde dadurch unsere Unternehmung an Sicherheit unb an Rente bebeutenb gewinnen." Man traute ben englischen Dampfwagen offenbar ben Kampf mit Dunkel, Kälte und Schnee weniger zu als den bewährten Postpferben. Ms ber „Adler", wie bie erste Maschine hieß, aber bann eintraf, für bare vierunbzwanzigtausenb Mark aus Newcastle bezogen, ba man zu ben englischen Konstrukteuren anscheinenb mehr Vertrauen hatte, war man über ihre fünfzehn Pferbekräfte fehr begeistert. Elf wirkliche Pferbekräfte würben neben sie in Dienst gestellt. Am 5. Mai 1835 begannen bie Versuchsfahrten, unb ba sie zur größten Befriebigung ausfielen, konnte am 7. Dezember bes gleichen Jahres bie Linie Nürnberg — Fürth eröffnet werben. Nicht nur ganz Deutfchlanb, bie ganze Welt blickte in biefem Jahr roieber einmal auf Nürnberg. Es war ein benfroürbiges Ereignis in ber Geschichte ber Stabt, bie schon Glanz unb Größe so vieler Jahrhunderte in sich vereint hatte. Der Dampswagen bewährte sich, aber er mußte es sich immer noch gefallen lassen, baß richtige Pserbe ihn ablösten. Auf brei Fahrten mit Dampfbetrieb tarnen je acht Pserdebahnfahrten, unb mancher, ber sich zum erstenmal zu einer solchen Reise entschloß, hielt Vorsicht für bie Mutter der Weisheit und probierte zunächst einmal eine Schienenfahrt mit Pferden aus, ehe er seine Seele ganz bem mobernen Zeitalter bes Verkehrs verschrieb. Allzuviel traute man ben Eisenbahnen auch jetzt noch nicht zu, wenn sie auch halb ba unb bort eingeführt mürben. So äußerte sich ein „Sachverständiger" im „Preußischen Bürgerblatt" im Jahre 1835 folgendermaßen: „Die Eisenbahnen können nicht um die Ecken herum- geführt ober auch nur im Bogen angelegt werden, indem sonst bie Wagen burch bie Schnelligkeit ihres Laufes bei ber Krümmung aus ber Bahn herausgefcßleubert werben würben." Und in ber „Cameralistifchen Zeitung" vom Jahre 1837 ist bie Erkenntnis zu lesen, baß „je kürzer bie Bahn, befto sicherer ber Gewinn" ist unb baß mit bem Güterverkehr sicherlich kein Geschäft zu machen Ist. „Eine Eigentümlichkeit ber Eisenbahnen ist noch bie", heißt es bort, „baß nur bie Personenfreguenz Gewinn bringt unb ber Warentransport wenig berücksichtigt werben bars." Aber was konnten biefe „Berechnungen" schon angesichts der Mitteilung der Ludwigs-Eisenbahngesellschaft Nürnberg nutzen, daß nach einem Jahr bereits 450 000 Personen die Eisenbahn benutzt unb 102 000 gute Mark dafür gezahlt hatten. Der Verkünber ber neuen Verkehrsidee, Friedrich L i st, dem bie Herauskunft bes neuen Zeitalters auch über Deutfchlanb in erster Linie zu bauten war, sah in bem begonnenen Werk eines beutschen Eisenbahnwesens aber mehr als einen Sieg bes technischen Gebankens unb eine Möglichkeit wirtschaftlichen Aufstiegs. Die arbeitenden Menschen aller Stände sollten durch die Eisenbahn "miteinander zu friedlicher Arbeit verbunden werden. So schrieb er 1837 die denkwürdigen Worte: „Was die Dampfschiffahrt für den See- und Flußverkehr, ist die Eifenbahn-Dampf- wagenfahrt für den Landverkehr: ein Herkules in der Wiege, ber bie Völker erlösen wird von der Plage bes Krieges, ber Teuerung unb Hungersnot, bes Nationalhafses unb ber Arbeitslosigkeit, ber Unwissenheit und des Schlendrians, der ihre Felder befruchten, ihre Werkstätten und Schächte beleben und auch den Niedrigsten unter ihnen Kraft verleihen wird, sich durch ben Besuch fremder Länder zu bilden, in entfernten Gegenden Arbeit und an fernen Heilguellen und Seegestaden Wiederherstellung ihrer Gesundheit zu suchen." England und die Engländer. Von Botschaftsrat a.D. Harold Nicolson. England ist ein so fernes Land, daß man es wirklich als unbekannte znfel bezeichnen könnte. Die Entfernung ist aber keine räumliche, sondern line der Gedankenwelt und Sitten. Während der ersten Tage, die ein Deutscher unter Engländern weilt, virü er murmeln: „Ich werde sie nie kennenlerncn. Sie werden mich nie verstehen!" Aber er fasse Mut. Wenn er erst einmal von ihnen anerkannt worden sein wird, hat er verlähliche Freunde an ihnen. Man lese das Buch von Oberst Lawrence: „Aufstand in der Wüste", und man wird finden, daß dieser Engländer allein in ein gefähr- iidjes Wüstengebiet zurückgekehrt ist, um nach einem von der Karawane zurückgelassenen belanglosen Araber zu suchen. Die Freundschaft der Besten »on ihnen sieht so aus. Es ist weit leichter, im Ausland mit zahlreichen Leuten in oberflächlich Mrtraute Beziehungen zu treten: in England hingegen bedarf es vieler 3aljre des Lebens, um mit einem einzelnen Menschen in eine vertraute üerbindung zu kommen. Ist diese Verbindung aber einmal da, so ist sie üeser und dauerhafter, als man glauben möchte. Di« Engländer besitzen nichts von dem Apparat gesellschaftlichen Umgangs wie die Romanen. Ihre Beziehungen sind menschliche, manchmal unmenschliche, aber niemals mechanisierte. Die Engländer sind eine seltsame verschlossene Rasse, die sich schämt, uatllrlich zu sein. Der Engländer, selbst wenn er lustig ist, lacht nicht gern laut. Von Natur aus, in sich gekehrt, zögert er, seinen Mund und seine Zähne jremben Blicken zur Schau zu stellen. Seine ganze Erziehung hat ihn die Ansicht gelehrt, daß ein Gentleman nie seine Gefühle äußert, seien es Lust ober Schmerz. Laut oder lange zu lochen ist eine Gefühlsäußerung. Der Engländer hält es deshalb, besonders wenn er den gebildeten Kreisen angehört, für wohlerzogener, zu lächeln. Man sollte daran denken, daß kein Engländer selbst über den besterzählten Witz laut lacht, er sei denn ein Mitglied der königlichen Familie ober beschwipst. Oxford, diese seltsame Universität, wo die jungen Leute in Abgeschlossenheit leben, ist eine Stabt mit nur männlichen Einwohnern. So etwas wäre in einem romanischen Lande undenkbar. Die Engländer interessieren sich nicht für Frauen — d. h für das Ewigweibliche. Sie kümmern sich eingehend um die Fußgelenke ihrer Polo-Ponys, aber sie scheren sich nichts nm einen hübschen Knöchel. Schauen sie eine Frau an, so schauen sie kaum tiefer als das Gesicht. Wenn die Engländer des Abends mit ihren Freunden zusammensitzen, so halten sie ihre hochgezogenen Knie umschlungen, rauchen ihre Pfeifen lind reden von Sport, von Politik. Als ob es keine Frauen gäbe; Frauen lind schlechter Ton. Am schwierigsten zu verstehen ist die Art der englischen Verstandes- hegnbung. Diese Art kann durch die Verschiedenheit sestgestellt werden, mit der Deutsche und Engländer an geistige Probleme Herangehen. Es ift eine Verschiedenheit zwischen „Vorstellung" auf Seite der Engländer nnb „Begriff" auf Seite der Deutschen. Die Engländer gebärden sich bescheiden. Es kann dir dort einer von «in em „Häuschen auf dem Land" erzählen, und wenn er dich dorthin linlädt, findest du, daß das Häuschen ein Herrensitz von 300 Zimmern ift England ift das einzige Land, in dem ein Mann unverblümt zu einem Tchriststeller sagen kann: „Bücher? Ich habe nie ein Buch gelesen ..." Um die Engländer zu überzeugen, vermeide eine zu schlagende Beweis- lührung. Was sie lieben, ist ein Beweisgrund, der durch die Zeit, die Erfahrung, alte Regeln und alten Brauch erprobt ift. Um sie zu etwas Neuem zu bewegen, zeige ihnen, daß sie das schon immer getan haben. Es gibt zwei Arten 'von Witz in England. Die eine ist der eigentliche Witz, etwas, von dem man schon gehört hat, und das man sofort erkennen fann. Das andere ist die „Veröppelung". Das bedeutet einen Witz, den man noch nicht gehört hat und nicht wiedererkennt. Wenn es ein wirklich jan,3 neuer Witz ist, so spricht man von „nicht ganz gutem Ton . Denn her Engländer liebt es unter keinen Umständen, überrascht zu werden. Eine der Hauvtreize der englischen Geselligkeit ist die Achtung vor dem Privatleben. Da jede „persönliche Bemerkung" hier ost für eine Ungehortg- 1 eit gehalten wird, verlangt niemand eine vertrauliche Mitteilung. Niemand wird Fragen stellen, ob man verheiratet ist ober tnas man: fonft treibt, unb in welcher Gestalt man durchs Leben geht. ®m Schriftsteller hört hier kaum von feinen Werken sprechen unb eine Frau nicht von ihren Liebhabern. . , „ ... . Unlängst versuchte ein deutscher Gelehrter, einen «ungen Engländer, her zwei Jahre in Oxford war, über die dort lebenden berühmten Aka- hemiker auszufragen. Der Engländer kannte nicht einmal ihre Dornen. „Wie sollte ich?" sagte er. „Ich fing mit der Ruderei an, kaum daß ich 1 hingekommen war, unb wenn man ernsthaft rudert, lebt man in einem 1 sehr eng beschränkten Kreis." Und im Zusammenhang damit begann er ich über die junge Generation auszulassen, die verdorben werde durch Tanzen und eigenes Auto unb sich, wie er fagte. weigerte, für ihre Smu.i tu arbeiten. Das Wort „arbeiten" aus dem Munde bes jungen Eng- Itinbers erstaunte den Deutschen. Er befragte ihn: ber Engländer meinte Ruabp spielen. Der Deutsche war beruhigt. ■ Reben diesem „athletischen" Typ muß man sich mit dem „oft^M^en vertraut machen. Kultivierte Engländer gibt es wenige aber ihre KMtur ft dann erlesen, ihre Unterhaltung treffend und geschliffen ihr Geschmack lieber. Sie verfügen über eine Mischung von Sichgehenlassen und Herab- ioffung, die das eigene Selbstgefühl in Frage stellt. Die englischen Richter sind fürchterlich und die Kreuzverhöre ihrer Staatsanwälte von teuflischer Beharrlichkeit. „Betreten der^Wies !»oten!" bedeutet in England nicht „Geh' auf diesem Rasen spaziere .. Schaut die Engländer an. wie sie gehen: mit eher langsamen, ‘angen Schritten. So bewegen sie sich auch durchs Leben. Sie heben es nich, man dem Schicksal aus die Fersen tritt. (Berechtigte Uebertragung von Hans B. Wagenfeil.) Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Frau Hediger hatte ihren Mann indessen nicht mit Unwahrheiten berichtet, als sie ihn zum Ausgehen veranlaßte. Die Nachricht, die sie ihm mitgeteilt, war nur zu beliebigem Gebrauch noch aufgespart unb bann im rechten Augenblicke benutzt worben. Es sanb in ber Tat eine Versammlung statt, nämlich ber Gesellschaft ber sieben Männer, ober der Feste, ober ber Aufrechten, ober der Freiheitliebenden, wie sie sich abwechselnd nannten. Dies war einfach ein Kreis von sieben alten bewährten Freunden, alle Handwerksmeister, Vaterlandsfreunde, Erzpolitiker und strenge Haustyrannen nach dem Musterbilde Meister Hedigers. Stück für Stück noch im vorigen Jahrhundert geboren, hatten sie als Kinder noch den Untergang der alten Zeit gesehen und bann viele Jahre lang bie Stürme unb Geburtswehen ber neuen Zeit erlebt, bis diese gegen bas Enbe ber Vierzigerjahre sich abklärte unb bie Schweiz roieber zu Kraft unb Einigkeit führte. Einige von ihnen stammten aus ben gemeinen Herrschaften, bem ehemaligen Untertanenlanb ber Eidgenossen, unb sie erinnerten sich, wie sie als Bauernkinber am Wege hatten hin- tnieen müssen, wenn eine Kutsche mit eidgenössischen Standesherren und dem Weibel gefahren kam; andere standen in irgendeinem Verwandtschaftsgrade zu eingekerkerten oder Hingerichteten Revoluzzern, kurz, alle waren von einem unauslöschlichen Haß gegen alle Aristokratie erfüllt, welcher sich feit deren Untergang nur, in einen bitteren Hohn verwandelt hatte. Als dieselbe aber später nochmals auftauchte in demokratischem Gewände und mit den alten Machtvermietern, den Priestern verbunden, einen mehrjährigen Kampf aufwühlte, da kam zu dem Aristokratenhah noch derjenige gegen die „Pfaffen" hinzu; ja nicht nur gegen Herren und Priester, sondern gegen ihresgleichen, gegen ganze aufgeregte Volksmassen mußte ihre streitbare Gesinnung sich nun wenden, was ihnen auf ihre alten Tage eine unerwartete, zusammengesetzte Kraftübung verursachte, die sie aber tapfer bestanden. Die sieben Männer waren nicht weniger als unbeträchtlich; in allen Volksversammlungen, Vereinigungen und dergleichen halfen sie einen festen Kern bilden, waren unermüdlich bei der Spritze und Tag unb Nacht bereit, für die Partei Gänge und Geschäfte zu tun, welche man keinen bezahlten Leuten, sondern nur ganz Zuverlässigen anvertrauen konnte. Ost wurden sie von den Parteihäuptern beraten unb ins Vertrauen gezogen, unb wenn es ein Opfer galt, da waren die sieben Männer mit ihrem Scherflein zuerst bei der Hand. Für alles dies begehrten sie keinen anderen Lohn, als den Sieg ihrer Sache und ihr gutes Bewußtsein; nie drängte sich einer von ihnen vor ober strebte nach einem Vorteil ober nach einem Amte, und ihre größte Ehre setzten sie barem, gelegentlich einem ober bem anbern „berühmten Eibgenossen" schnell bie Hanb zu drücken; aber es mußte schon ein rechter fein unb „sauber übers Nierenstück", wie sie zu sagen pflegten. Diese Wackern hatten sich seit Jahrzehnten aneinander gewähnt, nannten sich nur beim Vornamen und bildeten endlich eine feste geschlossene Gesellschaft, aber ohne alle andern Satzungen als die, welche sie im Herzen trugen. Wöchentlich zweimal tarnen sie zusammen, unb zwar, ba auch in biefem kleinen Vereine zwei Gastwirte waren, abwechselnd bei diesen. Da ging es bann sehr kurzweilig und gemütlich her; so still unb ernst die Männer in größeren Versammlungen sich zeigten, so laut und munter taten sie, wenn sie unter sich waren; keiner zierte sich unb keiner nahm ein Blatt vor ben Munb; manchmal sprachen alle zusammen, manchmal horchten sie anbächtig einem einzelnen, je nach ihrer Stimmung unb Laune. Nicht nur bie Politik war Gegenstanb ihrer Gespräche, sonbern auch ihr häusliches Schicksal. Hatte einer Kummer unb Sorge, so trug er, was ihn brückte, ber Gesellschaft vor; bie Sache würbe beraten unb bie Hilfe zur gemeinen Angelegenheit gemacht; fühlte sich einer von bem anbern verletzt, so brachte er seine Klage vor bie sieben Männer, es würbe Gericht gehalten unb ber Unrechthabende zur Ordnung verwiesen. Dabei waren sie abwechselnd sehr leidenschaftlich ober sehr ruhig unb würbevoll, ober auch ironisch. Schon zweimal hatten sich Verräter, unsaubere Subjekte unter ihnen eingeschlichen, waren erkannt unb in feierlicher Verhanblung verurteilt unb ausge- stahen, bas heißt burch bie Fäuste ber wehrbaren Greise jämmerlich zerdläut worben. Traf ein Hauptunglück bie Partei, welcher sie an- hingen, so ging ihnen bas über alles häusliche Unglück, sie verbargen sich einzeln in ber Dunkelheit unb vergossen bittere Tränen. Der Wohlredenbste unb Wohlhabenbste unter ihnen war Frymann, ber Zimmermeister, ein wahrer Krösus mit einem stattlichen Hauswesen. Der 'llnbemittelfte war Hebiger, ber Schneider, dagegen im Worte gleich ber zweite nach Frymann. Er hatte wegen politischer Leibenschastlichkeit schon längst seine besten Kunden verloren, dennoch seine Söhne sorg, fällig erzogen, und so besaß er keine übrigen Mittel. Die andern fünf Männer waren gut versorgte Leute, welche in ber Gesellschaft mehr zuhörten als sprachen, wenn es sich um große Dinge handelte, dafür aber in ihrem Hause und unter ihren Nachbarn um so gewichtigere Worte hören ließen. ... Heute laaen wirklich bedeutende Verhandlungen vor, über welche sich Frymann und Hediger vorläufig besprochen hatten. Die Zeit der Unruhe des Streites und der politischen Mühe war für diese Wackern vorüber und ihre langen Erfahrungen schienen mit den errungenen Zuständen für einmal abgeschlossen. Ende gut, alles gut! konnten sie sagen und sie fühlten sich siegreich und zufrieden. So wollten sie sich denn an ihrem politischen Lebensabend ein rechtes Schiustvergnügen gönnen und als die sieben Männer vereint das eidgenössische Freischießen besuchen, welches im nächsten Sommer zu Aarau stattfinden sollte, das erste nach der Einführung der neuen Bundesverfassung vom Jahr 1848. Nun waren die meisten schon längst Mitglieder des schweizerischen Schützenvereines, auch besaß jeder, mit Ausnahme Hedigers der sich mit feiner RoMinte begnügte, eine gut» Büchse, mit welcher sie in früheren Jahren zuweilen bes Sonntags geschossen. Ebenso hatten si-> »wzeln schon Feste besucht, so bah bie Sache gerabe nicht absonderlich schien. Allein es war ein Geist des äußeren Pompes in einige gefahren und es handelte sich um nichts Geringeres, als in Aarau mit eigener Fahne auszutreten und eine stattliche Ehrengabe zu überbringen. ... Als die kleine Versammlung einige Gläser Wem getrunken und die aute Laune im Zuge war, rückten Frymann und Hediger mit dem Vor- stblaae heraus, welcher dennoch die bescheidenen Manner etwas -uber- raickte so daß sie einige Minuten unentschlossen schwankten. Denn es wollte ihnen nicht recht einleuchten, ein solches Aufsehen zu erregen und mit einer Fahne auszuziehen. Da sie aber schon lange verlernt hatten, einem Aufschwung und einer körnigen Unternehmung ihre Stimme zu versagen, so widerstanden sie nicht länger, als die Redner ihnen aus- malten, wie die Fahne ein Sinnbild und der Auszug ein Triumph der bewährten Freundschaft sein und wie das Erscheinen von solch sieben alten Krachern mit einem Freundschaftsfahnchen gewiß einen fröhlichen Spaß abqeben würde. Es sollte nur ein kleines Fähnchen angefertigt werden von grüner Seide, mit dem Schweizer Wappen und einer guten Nachdem die Fahnenfrage erledigt, wurde die Ehrengabe vorge- nommen; der Wert derselben wurde ziemlich schnell festgesetzt, er sollte etwa zweihundert alte Franken betragen. Die Auswahl des Gegenstandes jedoch verur achte eine längere und fast schwierige Verhandlung. Fry- mann eröffnete die Umfrage und lud Rufer, den Silberschmied, em, al- ein Mann von Geschmack sich zu äußern. Rufer trank ernsthaft einen guten Schluck, hustete bann, besann sich und meinte, es füge sich gut, daß er just einen schönen silbernen Becher im Laden habe, welchen er, falls es den Mannen genehm wäre, bestens empfehlen und auf das billigste berechnen könnte. Hierauf erfolgte eine allgemeine Stille, nur unterbrochen durch kurze Aeußerungen, wie: „Das laßt sich Horen! oder: Nun ja!" Dann fragte Hediger, ob ein weiterer Antrag gestellt werden wolle? Worauf Syfrig, der kunstreiche Schmied, einen Schluck nahm, einen Mut faßte und sprach: „Wenn es den Mannen recht ist, so will ich hiermit auch einen Gedanken aussprechen! Ich habe einen ganz eifernen sinnreichen Pflug geschmiedet, der, wir ihr wißt, mir an der landwirtschaftlichen Ausstellung gelobt worden ist. Ich bin erbötig, das fein gearbeitete Stück für die zweihundert Franken abzutreten, obgleich die Arbeit damit nicht bezahlt wird: aber ich bin der Ansicht, daß dieses Werkzeug und Sinnbild des Ackerbaues eine echt volksmäßige Ehrengabe darstellen würde! Ohne im übrigen einem anderen Vorschläge zu nahe treten zu wollen!" Während dieses Spruches hatte Bürgt, der listige Schreiner, sich das Ding auch überlegt, und als abermals eine kleine Stille herrschte und der Silberschmied schon ein längeres Gesicht machte, eröffnete sich der Schreiner also: „Auch mir ist ein Gedanke aufgestoßen, liebe Freunde, der vielleicht zum großen Spaße gereichen dürfte. Ich habe vor Jahr und Tag für ein fremdes Brautpaar ein zweischläfriges Himmelbett bauen müssen vom schönsten Nußbaumholz, mit Maserfurnieren; täglich steckte mir das Pärchen in der Werkstatt, maß Länge und Breite und schnäbelte sich vor Gesellen und Lehrburschen, weder deren Witze noch Anspielungen scheuend. Allein als es zur Hochzeit kommen sollte, da fuhren sie plötzlich auseinander wie Hund und Ratz, kein Mensch wußte warum, das eine verschwand dahin, das andere dorthin und meine Bettstatt blieb mir stehen, wie ein Fels. Sie ist unter Brüdern hundertachtzig Franken wert; ich will aber gern achtzig verlieren und gebe sie für hundert. Dann lassen wir ein Bett dazu machen und stellen es vollständig ausgerüstet in den Gabenfaal mit der Aufschrift: Für einen ledigen Eidgenossen zur Aufmunterung! Wie?" Ein fröhliches Gelächter belohnte diesen Gedanken; nur der Silberund der Eisenschmied lächelten kühl und säuerlich; doch alsbald erhob Pfister, der Wirt, seine starke Stimme und sprach mit seiner gewohnten Offenheit: „Wenn es gilt, ihr Herren, daß jeder sein eigenes Korn zu Markte bringt, so wüßte ich denn etwas Besseres, als alles bisher Angetragene! Im Keller liegt mir wohloerspundet ein Fuß vierunddreißiger Rotwein, sogenanntes Schweizerblut, das ich vor mehr als zwölf Jahren selbst in Basel gekauft habe. Bei eurer Mäßigkeit und Bescheidenheit wagte ich noch nie, den Wein anzustechen, und doch liegt er mir im Zins um die zweihundert Franken, die er gekostet hat; denn es find gerade hundert Maß. Ich gebe euch den Wein zum Ankaufspreis, das Fäßchen werde ich so billg als möglich anschlagen, froh, wenn ich. nur Platz gewinne für verkäuflichere Ware, und ich will nicht mehr von hinnen kommen, wenn wir nicht Ehre einlegen mit der Gabe!" Diese Rede, während welcher die drei früheren Antragsteller bereits gemurrt halten, war nicht sobald beendigt, als Erismann, der andere SBirt, das Wort ergriff und sagte: „Wenn es so geht, so will ich auch nicht dahinten bleiben und erkläre, daß ich das Beste zu haben glaube für unsere Absicht, und das wäre meine junge Milchkuh von reiner Oberländer Rasse, die mir gerade feil ist, wenn ich einen anständigen Räuferfinde. Bindet dem Prachttiere eine Glocke um den Hals, einen Melk- stuhl zwischen die Hörner, putzt es mit Blumen auf —" „Und stellt es unter eine Glasglocke in den Gabentempel!" unterbrach ihn der gereizte Pfister, und damit platzte eines jener Gewitter los, welche die Sitzungen der sieben Festen zuweilen stürmisch machten, aber nur um desto hellerem Sonnenscheine zu rufen. Alle sprachen zugleich, verteidigten ihre Vorschläge, griffen diejenigen der andern an und warfen sich eigennützige Gesinnungen vor. Denn sie sagten sich stets rund heraus, was sie dachten. Als nun ein Heidenlärm entstanden war, klingelte Hediger kräftig mit dem Glase und redete mit erhobener Stimme: „Ihr Mannen! Erhitzt euch nicht, sondern laßt uns ruhig zum Ziele gelangen! Es sind also vorgeschtagen ein Pokal, ein Pflug, ein aufgerüftetes Himmelbett, ein Faß Wein und eine Ruh! Es sei mir vergönnt, euere Anträge näher zu betrachten. Deinen alten Ladenhüter, den Pokal, lieber Ruedi, kenn' ich wohl, er steht schon seit vielen Jahren hinter deinem Schaufenster, ich glaube sogar, er ist einst dein Meisterstück gewesen. Dennoch erlaubt seine veraltete Form nicht, daß wir ihn wählen und für ein neues Stück ausaeben. Dein Pflug, Chüeri Syfrig, scheint doch nicht ganz zweckmäßig erfunden zu fein, sonst hättest du ihn seit drei Jahren gewiß verkauft! Wir müssen aber darauf denken, daß der Gewinner unserer Gabe auch eine unverstellte Freude an derselben haben kann. Dein Himmelbett dagegen, Heinrich, ist ein neuer und gewiß ergötzlicher Einfall, und sicher würde er zu den volkstümlichsten Redensarten Veranlassung geben. Allem zu seiner schicklichen Ausführung wäre eine Ausrüstung in fernem und hinreichendem Bettzeug erforderlich und das überschritte die festgesetzte Summe zu stark für nur sieben Röpfe. Dein Schweizerblut, ßtenert Pfister, ist gut und es wird noch besser sein, wenn du einen billigeren Preis ansetzest und das Faß endlich für uns selber anstichst, auf daß wir es an unseren Ehrentagen trinken! Deiner Ruh endlich, Felix (Erismann, ist nichts nachzusagen, als daß sie beim Melken regelmäßig ben Rubel umschlägt. Darum willst du sie verkaufen; denn allerdings ist diese Un- tugend nicht erfreulich. Ader wie? Wäre es recht, wenn nun ein braves Bäuerlein das Tier gewänne, es voll Freuden feiner Frau heimbrachte, die voll Freuden melken würde und dann die süße, schäumende Milch auf den Boden gegossen sähe? Stelle dir doch den Verdruß, den Unwillen und die Täuschung der guten Frau vor und die Verlegenheit des guten Schützen, nachdem der Spektakel sich zwei- ober bretmal wieber- holt! Ja, liebe Freunde! nehmt es mir nicht übel! aber gesagt muß es jein: Alle unsere Vorschläge haben den gemeinsamen Fehler, bah sie bie Ehrensache bes Vaterlanbes unbebaut unb vorschnell zum Gegenstand des Gewinnes unb ber Berechnung gemacht haben. Mag bies tausendfältig geschehen von groß unb klein, wir in unserem Rreife haben es bis jetzt nicht getan unb wollen es ferner so halten! Also trage jebek gleichmäßig die Rosten der Gabe ohne allen Nebenzweck, barmt es eine wirkliche Ehrengabe sei!" Die fünf Gewinnluftigen, welche beschämt bte Ropfe hatten hangen lassen, riefen jetzt einmütig: „Gut gesprochen! Der Chäpper hat gut gesprochen!" unb sie forderten ihn auf, selbst einen Vorschlag zu tun. Aber Frymann ergriff das Wort und sagte: „Zu einer Ehrengabe scheint sich mir ein silberner Becher immer noch am besten zu eignen. Er behalt seinen gleichen Wert, wird nicht verbraucht und bleibt ein schönes Erinnerungszeichen an frohe Tage und an wehrbare Männer des Hauses. Ein Haus, in welchem ein Becher aufbewahrt find, kann nie ganz verfallen, unb wer vermag zu sagen, ob nicht um eines solchen Denkmals willen noch manches mit erhalten bleibt? Unb wirb nicht ber Runft Gelegenheit gegeben, burch stets neue unb schöne Formen Mannigfaltigkeit in die Menge ber Gesäße zu bringen unb so sich in ber Erfindung zu üben und einen Strahl der Schönheit in das entlegenste Tal zu tragen, so daß sich nach und nach ein mächtiger Schatz edler Ehren- geschirre im Vaterlande anhäuft, edel an Gestalt und im Metall! Und wie zutreffend, daß dieser Schatz, über bas ganze Lanb verbreitet, nicht zum gemeinen Nießbrauch bes täglichen Lebens verwenbet werben kann, sonbern in seinem reinen Glanze/in seinen geläuterten Formen fort unb fort bas Höhere vor Augen stellt, den Gebauten bes Ganzen unb bte Sonne ber ibeal verlebten Tage festzuhalten scheint! Fort baher mit dem Jahrmarktströbel, ber sich in unfern Gabentempeln anzuhäufen beginnt, ein Raub ber Motten unb bes gemeinsten Gebrauches! unb festgehalten am alten ehrbaren Trinkgefäß! Wahrhaftig, wenn ich in ber Zeit lebte, wo bte schweizerischen Dinge einst ihrem Enbe nahen, so wüßte ich mir kein erhebenberes Schlußfest auszubenken, als bie Geschirre aller Rörperschaften, Vereine unb Einzelbürger, von aller Gestalt unb Art, zu Tausenben und aber Tausenden zusammenzu- tragert in all' ihrem Glanz ber verschwunbenen Tage, mit all' ihrer Erinnerung, unb ben letzten Trunk zu tun bem sich netgenbcn Baten lanb —" „Schweig! bu grober Gast! Was sinb bas für nichtswürbige (gebauten!" riefen bie Aufrechten unb Festen unb schüttelten sich orbent- lich. Aber Frymann fuhr fort: „Wie es bem Manne geziemt, in träftiger Lebensmitte zuweilen an ben Tob zu beuten, so mag er auch in beschaulicher Stunde das sichere Ende feines Vaterlandes ins Auge fassen, damit er die Gegenwart desselben um so inbrünstiger liebe; denn alles ist vergänglich und bem Wechsel unterworfen auf bieser Erbe. Oder sind nicht viel größere Nationen untergegangen, als wir sind? Oder wollt ihr einst ein Dasein dahiuschleppeu wie ber ewige Jube, ber nicht sterben tann, bienftbar allen neu aufgeschossenen Böltern, er, ber bie Aegypter, bie Griechen unb Römer begraben hat? Nein! ein Bolt, welches weiß, baß es einst nicht mehr sein wirb, nützt seine Tage um so lebendiger, lebt um so länger unb hinterläßt ein rühmliches Gedächtnis; denn es wirb sich feine Ruhe gönnen, bis es die Fähigkeiten, die in ihm liegen, ans Licht unb zur Geltung gebracht hat, gleich einem rastlosen Manne, ber fein Haus bestellt, ehe benn er bahiu scheibet. Dies ist nach meiner Meinung bie Hauptsache. Ist bie Ausgabe eines Voltes gelöst, so tommt es auf einige Tage längerer ober türzerer Dauer nicht mehr an, neue Erscheinungen harren schon an ber Pforte ihrer Zeit! So muß ich benn gestehen, daß ich alljährlich einmal in schlafloser Nacht ober auf stillen Wegen solchen Gebauten anheimfalle unb mir vorzu- ftellen suche, welches Völterbilb einst nach uns in diesen Bergen walten möge? Und jedesmal gehe ich mit um so größerer Hast an meine Arbeit, wie wenn ich dadurch die Arbeit meines Volkes beschleunigen könnte, damit jenes künftige Dölkerbild mit Respekt über unsere Gräber gehe! Aber weg mit diesen Gedanken und zu unserer fröhlichen Sache zurück! Ich dächte nun, wir bestellen bei unfeim Meister Silberschmied einen neuen Becher, an dem er keinen Gewinn zu nehmen verspricht, sondern ihn so wertvoll als möglich liefert. Dazu lassen wir von einem Rünjtler eine gute Zeichnung entwerfen, welche vom gedankenlosen Schlendrian abweicht; doch soll er, wegen der beschränkten Mittel, mehr auf bie Verhältnisse, auf einen schonen Umriß unb Schwung bes Ganzen sehen, als auf reichen Zierat, und ber Meister Rufer wirb danach eine saubere unb solibe Arbeit Herstellen!" (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: l)r. tzans Thyriot. — Druck unb Berlag;(Vrübl'sche Untversitäts-'Luch« unb Steindruckerei,A. Lange, Gießen.