Nummer 77 Zreitag, den 4. Oktober Jahrgang 1955 wird wohl einen Tag cmfzuschi Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Holländer Copyright 6y August Scherl S.m.b.H., Berlin (4. Fortsetzung.) Das Fest wird nun wirklich lustig, nachdem alle Damen in die rechte Beleuchtung gesetzt waren und nachdem man ein paar Frösche durch die Büsche hat knallen lassen, damit alle wieder in den Tanzraum zuriick- ’innbil) I Ich uni W ’enbung I ' scheint W igetalfij I 'ie einjt ■ y«; wit I »e einft I are bas er läuft | Stabt: I Reichen I i) immer I staubige, I chkf kein I - Sinin« I egen als I ten hin> I ie Stabt, I den unbl ttplatz ist I - Sdjloi I astanicn-1 n Hellem I aris btsl 'in. Ulurl et sie die I von |o| iranfreidj | !In einem I Kindern I ttern mitj üngsseierl ie Kinder I t anderen! ngen unbl Satt. Ml holzha»-! n geniest! I Seiten bei! n baraiil'l erstklassig! I rüder, bal HIechterttnI liiert. [en immerI >em Früh>I sarbensroU :z 'st eil" dinge alti ich in Bel von grelles Blau zm erschnürte' Wchen - wrhos dei nit klemei Frömmig Molken • den v>ei' rien trotje» n Bäumen wie eiM w«! -S t und NlA bt f't w JÄ» onengZ steht ohende r d°r ■gltä* ’n. GiehenerZamilienvMer Unlerhallungrbeilage zum Gießener Anzeiger gehen. Gegen ein Uhr geht Barbara ein wenig müde durchs Zimmer. Otto Schreiner trägt gerade dem Amtsrichter seine Ansichten über die Wertewährung vor, und ob ihm der Amtsrichter vielleicht sagen kann, wie die Neger in die Lage zu versetzen seien, Schreinersche Nadeln zu beziehen. Pritzke, der Oberst, tanzt mit der Amtsrichterin den Walzer seiner Jugend, schwungvoll, mit wippenden Knien und riesigen Schritten, Kleesand sagt den jüngsten Damen aus der Hand ihren Charakter, den er im Lauf des Abends aus ihrem Benehmen erfaßt hat; die Brettwitz hat endlich ihren Ahnenstreit mit der Tante Anna, geborenen Löpel, begonnen .. Barbara setzt sich einen Augenblick ins Halbdunkel in den Sessel hinter das Klavier. Sie hat unter aller Zufriedenheit wieder diesen leisen Druck verspürt Sie wünscht sich, daß dies ganze Fest schnell zu Ende gehen soll. Sie merkt, sie hat schon Abschied genommen, alles hinter sich gelassen. Sie will in ihr neues Leben hinein. Jetzt gleich. Schade, daß sie ihren Alfred nicht unter den Arm nehmen kann und mit ihm in die neue Wohnung ziehen. Jetzt, in dieser Sekunde. Sie hat eigentlich gar keine Lust, wegzureisen. Eine Heirat ist eine Reise an sich, weiter als irgend- eine Reise, wenn es einem Ernst ist. Nun setzt sich Kleesand ans Klavier. Er ist em großartiger Spieler. Und an diesem Abend führt er seine Glanznummer vor: berühmte Klavier- spieler, paradiert an Chopins Nocturne As-Dur. Edwin Fischer, Giese- king, Elly Ney, Eduard Erdmann. Das Klavier schüttert und lustert. Die Gäste schreien vor Lachen. Barbara sieht ängstlich zu ihrem Bater hinüber. Das Nocturne As-Dur war das Lieblingsstück ihrer Mutter. Sie spielte es sehr schön. Sehr heftig, sehr trotzig und sehr weich. Es entsprach genau ihrem seltenen Charakter, den nur einer verstand und mit dem nur einer fertig wurde: er, der Vater. Barbara sieht, rote die Brettroitz zu ihm kommt und ihm etwas zu- flüstert. Sie sieht, wie er verstimmt hinausgeht. Sie geht leise hinterdrein. Nein ... er ist nicht qeslohen. Er steht draußen am Telephon Er spricht ruhig und sachlich, ein wenig ärgerlich. „Nein , sagt er, „ichi kann morgen unmöglich. Meine Tochter heiratet Sie werden das einsehen Es wird wohl einen Tag aufzuschieben sein. Tut mir leid. Richt zu andern. 'ersieht die Tochter stehn. Sie sagt: „Soll ich das da drinnen ab- stellen . den Chopin ...es geht ganz gleicht. Kleesand kann auch was anderes spielen oder überhaupt aufhören." ™ „ h Schreiner aber antwortet etwas Merkwürdiges: Wenn man e dadurch wieder lebendig machen könnte. Aber sonst laß nur. Es tut des- ^'Barbara^le^ihre Arme fest um (einen Hals, Sie denkt: Warum hat er niemals mit mir darüber gesprochen, wie weh es tat? Warum muhte ich jahrelang denken, er hätte sie über feiner 2Irb«it fafl oeroeffen? Warum sind diese Männer so schweigsam und fressen alles in Jirf) hmem Aber Alfred soll sprechen lernen. Und ich will mit ihm sprechen. Ich will ihm sagen was ich bin, was ich denke und was ich will. Und sie sagt. „Ich danke dir für alles. Für heute, für gestern und für morgen Der Professor kann nichts Feierliches vertragen. Darum agt er indem er ihre Arme von seinem Hals nimmt: „Dieser Rauchammer - weißt du: der Mann, den wir heute vormittag sahen — bat eben ange rufen. Wollte mich sofort sprechen. Behauptete, es sei lebenswichtig. Nun, -«»»"«■"-- „ „I-,,-. .ntworkl ».r Eltern es getan haben. Man darf nicht einfach das hinnehrnen und fertig^ leben, was sie einem mitgegeben haben. Man muß darauf aufbaue.- und weiterkommen. Man muß — — _. k Da taucht das Katzengesicht der Friseuse wieder auf und spricht: „toi" Sie zufrieden, gnädige Frau?" ... . Jawohl, die gnädige Frau ist zufrieden. Sie hört die Autos über offl Asphalt surren und halten. Sie hört unter den Stimmen der Gaffe ou Stimmen von Weppen und Dr. Kleesand, die mit den jungen MaoE" die Scherze von gestern wiederholen und ausbauen. Auch Stößler. i«, Internist, ist angekommen, fein Baß dröhnt tonnenhaft unter der tu™ im Garten. hli. Jetzt kommt IDleimberg und wird mit Hallo begrüßt. Jetzt fahren " ersten Gäste in die Kirche ab. Jetzt klopft es, und Sophie Wahnke 1» ein, sehr hübsch, in einem teefarbenen Kleid, sehr stark parfümiert, naq Jasmin duftend. Barbara winkt aus dem Spiegel heraus. Sie kann nicht von ihrem weißen Spiegelbild trennen und von ihren weiten i ■ bauten. „Komm, Sophie", fagt sie unb schließt bie Freundin m Arme. Unb Sophie flüftert ihr bas uralte Freunbinnenlieb ins Ohr, vn ber Ewigkeit ber Freunbschaft, bie burch keine Ehe gelöst ober werben könne, unb weiß boch ganz genau, baß ihre Freunbschaft np- fo bleiben kann, wie sie ist, unb wahrscheinlich langsam welken an sterben wirb. Sie sehen sich lange in bie Augen. Sie benfen dabei - e- an Raulhammer unb an ihre Gespräche am Tag zuvor. Barbara 9« bas Gefühl: Das liegt ganz weit hinter ihr. Ist winzig geworor Man kann es schon nicht mehr erkennen, Rauthammer? Ricyfig . • war eine Geschichte, bie spielte vor fünf Jahren unb vor einem (Fortsetzung folgt.) ßanafam zieht sie sich zum Standesamt an, ein hellgraues Kostüm trägt Hennen hellgrauen Hut, ber wie ein Wildwesthut gebogen ist, eine rofa Blume. („Rosa steht dir entzückend", hat Alsred gesagt.) Sie nimmt aus der Vase eine der Moosrosen, die der Vater ihr geschenkt.hat.eine Knospe, die gerade erst aus dem Moospelz heraussieht, und steckt sie in den Revers. Sie reibt wieder ein wenig Rot in die Haut, denn sie ist doch zu blaß heute, zieht ein bißchen die Lippen und die Augenbrauen nach. Immer noch sitzt der Schatten in den Augen. Aber er wird bald erlösen a^ tQmmt h^unter, gerade als die Tante Anna auch erscheint. ,Bravo", sagt die Tante, „du siehst wunderbar aus. Zart und elegant. Na also! Es ist alles in Ordnung. Kriegst einen famosen Mann. Fange an, dich zu verstehn. Wie ihr gestern getanzt habt —! Es war ein Schauspiel. Vorbildlich! So ist es richtig. Man muß tn bie Ehe hineintanzen Das Stolpern unb Hinken lernt sich später von selbst. Erlaube mir, daß ich bir setzt wirklich gratuliere." , .. , . „Vielen Dank", lächelt Barbara, „ich suhle mich auch sehr gut unb ^Danach geht alles winbschnell. Der Prosessvr kommt aus ber Klinik. Sein Tagewerk ist vollbracht. Ein Patient ist gestorben, em anberer gerettet. Für bieten Tag ist nichts Ausregenbes mehr zu erwarten. Er hat für seine Tochter eine Kette von roten Granaten mitgebracht, die Kette ihrer Mutter, ein wenig vergrößert und mit einem perlenumrahmten riesigen Granaten als Schlußstück versehen. Die Kette paßt ausgezeichnet zu der rofa Bluse und der Moosrose. Barbara kommt sich em bißchen fremdländisch vor, ein bißchen wildwestlich und abenteuerlich. Recht so: Es beginnt ja auch eine abenteuerliche Reise, die Reise mit einem fremden, unbekannten Mann in ein unbekanntes Leben. Nun kommt der Bräutigam den Gartenweg herauf. Barbara erwartet ihn in der Haustür, umrahmt von einer Rofengirlande, die der Lohndiener gerade noch rechtzeitig angebracht hat. Guten Morgen!" sagt sie. „Was für ein wunderschöner Tag! Diese Sonne ... unb noch bazu heiraten wir." Meimberg aber küßt sie unb antwortet: „Guten Morgen! Hier bin ich also, falls bu mich noch nimmst. Siehst großartig aus. Wie eine Zigeunerin. Gefällst mir überhaupt immer besser. Wenn bas so weitergeht, begreife ich gar nicht, warum ich bich eigentlich heiraten wollte, als bu mir noch lange nicht fo gut gefielst. „Du, ich habe bir einen Photoapparat besorgt", erzählt Barbara, „sieh mal — hier! Schön, nicht wahr?" „Jawohl. Vielen Dank!" Alsreb fmbet ihn sehr schon, obwohl ihm im Augenblick nicht nach Photographieren zu Sinn ist. Er fmbet nämlich, baß man nur bas zu photographieren brauche, was unwichtig ist. Denn bas Wichtige vergißt man nicht. Dies Bild zum Beispiel eben: Barbara in ber Tür. Unb ba hat er ben Apparat gezückt und aus Barbara eingestellt ... Aber Barbara ist mit einem leichten Schrei ins Haus geflohen. Sie mutz sich erst an den Apparat gewöhnen. Gestern, nicht wahr, hat sie Rauthammer damit eingefangen. Sie ist einen Augenblick ganz verwirrt. „Ich finde mich durchaus nicht unwichtig!" ruft sie, indem sie vorsichtig wieder hinaussieht. Sie bekommt Zeit, sich wieder zusammenzunehmen. Denn es treffen schon wieder Blumen ein, die Brettwitz rast atemlos herein auf der Suche nach zwei Suppenkellen, Onkel Otto Schreiner, Trauzeuge Nummer zwei, kommt im Zylinder, vergnügt trotz der Neger, die infolge der Weltwende nicht mehr in der Sage find, Schreinersche Nadeln zu kaufen. Und es kommt Trauzeuge Nummer eins, Professor Schreiner, in einem funkelneuen Zylinder, einem hochmodernen, den man eigentlich etwas schief aufsetzen müßte und der, professoral gerade aufgestülpt,, unkorrekt wirkt. Es ist zehn Uhr. Vor ber Tür stehen bie Kinder der Nachbarn. Hausfrauen mit Einkauftafchen haben sich bazugestellt. Man geht also durch ein kleines Spalier zum Auto. Vom Hause winken Tante Anna Schreiner, Fräulein von Brettwitz; Klothilde von Löpel, bie Filmnichte, hat noch einen Apparat gezückt. Der Moment bes Autoeinsteigens muß unter allen Umftänben für bas Familienarchiv festgehalfen werben. Unb fo stehn benn um bas Auto brei Herren im Zylinber unb eine schlanke, sehr ernste Dame im Wildwesthut mit Granatkette und Moosrosenknospe im Revers, stehn, nicken zufrieden, als es geknipst hat, die beiden älteren Herren nehmen im, Fond des Wagens Platz, Braut unb Bräutigam vorn. „Neun Zylinder", sagt Onkel Otto, „drei wir unb sechs bas Auto ... bamit werben wir ia in bie Ehe kommen." Alfreb fährt ziemlich schnell, aber sehr sicher. Man wiegt sanft um bie Ecken, gleichmäßig schwanken bie brei Zylinber hin unb her. Onkel Otto macht noch einen Witz. Aber ben kann man nicht aufschreiben. Dann spricht niemanb mehr, bis man vor bem Stanbesamt hält. Die vier gehen burch einen in Amtsölfarbe gestrichenen, angenehm kühlen Flur. Sie warten fimf Minuten in einem Vorraum, in bem nur noch „ein Tvbesfall unb zwei Geburten sitzen", bie „gleich erlebigt fein werben" — wie ber Diener versichert. Sie kommen in einen hellen, großen Raum, ein profanes Zimmer, bas einen gewissen Ehrgeiz zeigt, eines -Tages eine Kapelle zu werben, ein Kapelloib also (wie Alfreb meint). Der Stanbesbeamte ist sehr sachlich unb erfreulich schnell. Vielleicht ein bißchen zu schnell. Man wirb atemlos vom Zuhören. Er rasselt bie Namen herunter, mit Punkt und Komma, mit ausgeschriebenen Jahreszahlen. Stimmt es? Ja, es stimmt. Unterschrift bitte? Hier ... genau hier ... Dr. Alfred Meimberg ... Und bie Braut bitte ... Genau hier ... Bitte ausfchreiben ... Barbara ... Achtung ... halt ... Barbara Meimberg ... ganz recht, geborene (ausgeschrieben) Schreiner. Hier bie beiben Zeugen. Ausgewiesen durch Paß. Danke. Hier bitte: Otto Schreiner, Fabrikant. Hier bitte: Max Schreiner, Ordentlicher Professor für Chirurgie, Leiter der Medizinischen Klinik. Fertig. Gratuliere. Danke sehr. Trinkgeld an ben Diener. Spenbe. Ein paar Verbeugungen. Wieder das Vorzimmer. Jetzt ist gerade „eine zweite Trauung" eingetreten, so wie eine Zwillingsgeburt. Zwei Jungen. Alle gratulieren dem etwas mickrigen Vater, ber vor Stolz glührot ift. Er ift selbst auch ein Zwilling. Die Jungen „finb nach mir geschlagen." Oktober. Von Lina Staab. Der Morgen weht mit Straßen feucht und blaß und spiegelt einen blauen Frühling vor. Doch früh am Abend hocken Sträucher naß und fröstelnd am verschlossnen Gartentor. Von kleinen Feuern knistert rings das Land. Den Bäumen fällt das Goldne aus der Hand, sie merkens nicht, sie scheinen halb im Schlaf. Das Dunkle nistet heimlich in den Kronen. Bald wird in Aesten, die der Tod schon traf, nur noch das Braune und das Leere wohnen, bald wird das Helle ohne Heimat fein — die Tage ducken sich schon wie zur Flucht. So fall noch einmal, Himmel, in mich ein! Ihr Gärten, schließt mich auf mit letzten Blüten, ihr kleinen Feuer, sammelt Licht und Schein in mir, so wie in einer warmen Bucht. Ich will das Sanfte, das sich sehnt und sucht, in einem Lächeln winterlang behüten. JRoalb Amundsens Hunde. Von Helmut Giese. Wie bunte Tiere liegen die Fischerhütten im Gras und Moos der Insel. Vor den gelben, roten und grauen Häuschen blühen kleine Gärten. Ein kupferstichklarer Himmel wölbt sich über dem Granit und Gneis der Felsen. Zerzauste PZachholderbüsche klammern sich an ihre Schroffen. Das Meer um die Insel ruht nie. Selbst in klarem, stillem Wetter zerrt und saugt seine Unterströmung an Strand und Stein. An Sturmtagen aber fegt die Brandung wie ein gewaltiges Schneegestöber um Schären und Sandbänke. Fels, Erde und Hütten zittern. Um die gefähr- detsten Holzhäuser ziehen die Fischer bann dreifach und vierfach starke Taue, die sie mit Ankern beschweren und um Felsblöcke festlegen. Denn der Sturm packt die Dächer wie Segel und weht sie wie ein Schiff auf die See. An solchen Tagen und Nächten geht keiner der zweihundert Menschen, die hier leben, zur Ruhe. In der Postmeisterei, in der niedrigen Gaststube des Kaufmanns fitzen die Fischer und Fangleute, rauchen, wechseln wenige Worte miteinander und horchen auf das Tosen des Meeres. Auf dem Pfarrhof und im Hause des Lehrers brennt Licht. Ueber den Sandstrand aber stürzen, knurren und heulen die Wellen wie Rudel riesiger, grauer Wölfe. Boller Salz und Schaum ist die Luft. Bor dem Orkan sind alle Vögel geflüchtet, große Scharen von Möwen und Eideroögeln, die sommertags wie schwarze und weiße Wolken auf den Schären liegen, und deren heiseres Schreien als ein einziger, ewig schwingender Ton über dem Lande steht. Der Sommer ist kurz im Haalogaland. Die Insel, erwacht bann gleichsam zum Leben wie am ersten Tage, ba sie aus bem Meer stieg. Den Menschen geht bie Sonne ins Blut wie ein süblicher Wein, ber das Lachen löst und ben Mut. Sie sprechen untereinander mehr als bisher mit eigenen, lebhaften Bewegungen und find neu erfüllt und,erregt doh ber Hoffnung auf gute Fahrten und Fang. So hofften jedes Fruhiahr ihre Väter, Großväter und Vorfahren schon auf den großen Fischzug, der sie von allen Sorgen und ben kleinen Schulben beim Kaufmann befreit, unb so hoffen sie auch: diesen Sommer werden riesige Henngs- schwärme in die Treibnetze gehen, diesen Sommer kommen die Boote mit großem Tiefgang voller Dorsch unb Kohlfisch heim ... Die gelbe Lampe ber Mitternachtssonne hängt in ben Felsen rote eine mächtige Schiffslaterne über bas Kreuzrah am Großmast. Und schaukelt sie nicht in der Dünung des Nordmeers? Segelt die ganze Insel nicht, ein gewaltiger Kutter aus Stein mit kleinen Kajüten unb Kombüsen, mit Beibooten, Netzen, Tieren und Mensechn iedes Jahr um bie Erde? Frühling, Sommer, Herbst unb Winter wehen über seine Borbe. Grünes Gras, weißer Schnee wechseln die Schiffsiarben. Cb- unb Flut werfen Wellen um Bug unb Kiel. Cm?^^r Fischer ist Mann im Ausguck. Der sichtet bie silbernen Schwarme im Meer unb bie goldenen ber Sterne am Himmel. Sohn unb Enkel losen ihn ab. So w r es seit taufenb Jahren unb so soll es bleiben. Denn so ist es gut.. Dieser teuflische Zauber gleißenber Mitternachtssonne! Ich kenne nüchterne Amerikaner, bie fromm unb gerührt unter ij)r Generale ber Heilsarmee. Ewig träumt man in ihrem knstallenen Licht! Summe, fortschrittliche Träume. Abergläubische alte Dinge und®e- banfen. Gebauten, bie wie bunte Bälle unter den Hanben eines Jongleurs kreisen. Die in bas Metall des Himmels steigen und aus ihm stürzen wie die grünen, roten, blauen, gelben Kugeln, Sterne und B men des Nordlichts. .. .. Die fielliateit die durch bas schmale, halboerhängte Fenster in die SbidiersUibe des Pfarrers fällt, gräbt das Gesicht lies Freundes mit funkelndem Meißel aus dem Dunkel des Raumes. „Hören Sie, Lonkin, Polfahrer, Waler Spitzbergen,ager S.e wissen es auch: die Insel segelt mit uns durch den Raum, und ihr -weg , die Zeit. Wenn einer hier stirbt, das ist so seltsam. Der Pfarrer bei dem wir wohnen, sieht aus wie ein Schlffszimmermann, und ruber st- einen Toten im Sarg mit ihren Nordlandbooten auf das Netz drüben, dann denke ich immer: ber Sarg ist eine ..9. 6ee._ geglättet mit Schmierseife, unb über sie gleitet ber Tote, eine deine kiste in ben Hänben, ein eisernes (Blieb der Ankerkette an ben Füße«, nicht in bie Erbe, sonbern in die See. Hier sterben bie Menschen nicht wie im Binnenlanb, hier mustern sie ab wie alte Matrosen, bie ber sieben Meere biefer Welt mübe sind. Die letzte Heuer für bie große Fahrt in ben ewigen Frieben nehmen sie bei einem Kapitän, ber anbere als bie irbischen Meere mit seinem Schiff befährt. Der Pfarrer hier ist nur eine Art Heuerbaas für ihn. Jebesmal, wenn er bas Vaterunser am Grabe spricht unb Amen sagt, bann ist es mir, als ob er im Herzen hinzufügt: „Gute Reise!" Unb ben Kapitän, Lankin, ben sehen bie toten Fischer unb Matrosen in biesem Augenblick zum ersten Male auf ber Kommanbobrücke stehen. Unb unter feinert Augen setzen sie bie Segel ber Ewigkeit... Der Norweger nickt: „Ja, der Kapitän, das muß wohl Gott sein. Man mag sich wehren, wie man will. Am Ende ist es doch jener unsichtbare Menschsischer, der einem aus bem Meer ber Zeit in seine höllischen ober himmlischen Treibnetze holt. Unb man mag laufen wie bie Rosse ber Hedschra, die den Propheten von Mekka nach Medina trugen, oder die Hunde Amundsens, die ben Sübpol eroberten. Er holt einen ein. Uebrigens, bas mit ben Hunben Amundsens, will ich Ihnen erzählen. Es hat nichts direkt mit unserem Gespräch eben zu tun und liegt nur an feinem Rande, wenngleich es feinen Kreis vielleicht doch auf eine andersgültige Art überschneidet. Sie wissen, daß England Roald Amundsen einen Teil der Mittel für feine Fahrten gab. So rüsteten sich, fast gleichzeitig, in jener säst beinahe verschollenen Epoche ber Polschifse unb Hundeschlitten — heute schreiben wir bekanntlich in der Polar- forschung das Zeitalter der Flugzeuge und Luftschiffe — zwei Expeditionen. Die Norweger unter Amundsen wollten zum Nordpol. Das Ziel der Engländer, die Robert Scott führte, war der Südpol. Wir wissen nicht genau, warum Amundsen damals sich plötzlich entschloß, den Kurs seines Schiffes „Fram" statt nach Norden, nach Süden zu wenden. Die Gründe find hier auch gleichgültig. Genug, es entspann sich ein Wettlauf zwischen Norwegern und Engländern, die auf getrennten Wegen über das Eis vordrangen, zum Südpol. Ein Wettlauf, in dem englischer Sportgeist, wenn man so sagen will, bas Letzte hergab. Der Sieger aber würbe Roalb Amunbsen. Fünf Wochen später als er tarnen bie Englänber an jenen sinnlosen Ort ber weißen Wüste, ben wir den Südpol nennen. Sie sahen dort an einem überreiften und vereisten Fahnenmast ein rotes Kreuz im blauen Feld. Die reine norwegische Flagge. In diesem Augenblick muß eine Kraft von ihnen gewichen fein. Sie mögen Aehnliches gefühlt haben wie bie alten preußischen Offiziere Friedrichs bes Großen nach ber Schlacht bei Jena. Nationale Kräfte finb unwägbar unb irrational. Waren Aufbruch und Vorstoß der Engländer über bas Eis eine einzige Saga bes Mutes, ber Hoffnung, ber Tat, so wurde ihr Rückmarsch ins Winterlager eine endlose Straße ber Niedergeschlagenheit, ber Hoffnungslosigkeit, ein einziger Passionsweg. Der Glaube eines-ganzen Volks, ber sie bis an ben Pol getragen, hatte sie verlassen. Unb bie eigenen Kräfte vermochten nicht mehr sie zu retten. Robert »Scott unb feine Begleiter schlafen im Schnee. Ihre Tagebuchblätter aber, bie man neben ihnen fanb, leben ... Die Royal Geographica! Society in Lonbon ehrte Roalb Amunbsen nach seiner Rückkehr bnrch ein Fest. Und als ber Chairman ben Toast ausbrachte, ba trafen, sei es bewußt ober unbewußt, feine Worte noch anbers, als er es ahnte unb vielleicht wollte, ben Forfcher wie eine Harpune ins Herz. „Wir wollen, meine Herren", sagte ber Professor ber Geographie, „neben bem Sieger nicht bie Sieger vergessen, beren Kraft unb Ausbauer ben Sübpol eroberte. Ich bitte Sie, Ihr Glas auf bie Hunbe Amunbfens zu leeren, auf bie schnellsten Hunbe ber Welt!" Da ftanb Roalb Amundsen auf und verließ stumm den Raum. Was begreifen Professoren von Polarmenschen, deren Reisen und Ergebnisse sie aus Berichten kennen unb in Kompenbien verwerten? Der Grönlanb- sorscher Lauge Koch erzählt irgenbroo von einer alten Eskimofrau, bie wissen wollte, bevor sie starb, warum jedes Frühjahr ein ferner, stählerner Glanz in die Augen der Männer trat, der sie unwiderstehlich aus den Schneehütten auf die große Jagd unb Reife trieb. Jahr um Jahr begleitete sie, eine Tagereise lang, alle Expeditionen, bie in bas Inlanb- eis aufbrachen. Nach bem ersten Rasttag blieb sie zurück. Aber lange bewahrten bie Männer, bie sich oft nach ihr umwandten, wie sie sttimm und ernst, die alte Eisfrau Grönland selbst, mit ihrem Blick Menschen und Hunden folgte, die bann ber Schneenebel verschluckte. Jetzt konnte sie heimkehren. Denn sie hatte jenes innere Feuer sich in den Herzen ber Männer wie bas Norblicht am Himmel entzünben sehen, bas ben Fuß ber Forscher ewig auf jungfräuliche (Erbe führt, auf Schnee unb Erbe, bie keines weißen Mannes Fuß vor ihnen betreten. Sie hätte Roalb Amunbfens wortloses Verlassen bes Hauses in London besser begriffen als die gelehrten Herren, bie alte Frau. Sie unb Robert Scott selbst. Es ging nicht um bie kleine Kränkung. Es ging um ganz anbere Dinge. Roalb Amunbsen hat jene geringe Schulb, wenn es überhaupt eine mar, vor einigen Jahren überreich bezahlt. Er hat sie Nobile bezahlt. Mit feinem Leben. Cs gibt zwei Arten von Ruhm. Den Ruhm bes Kampfes unb ben Ruhm ber Liebe. Der Ruhm bes Kampfes birgt wohl immer einen Tropfen Schulb im Siegesbecher. Der Ruhm ber Siebe aber füllt ihn mit bem Weine Gottes. Aus biefem Wein hat Roalb Amunbsen ben Tob getrunken, bie Italiener bas Leben Diesmal leerte er bas gebotene ©[äs unb trat bie große Expebition an. Unb die Hunde, die den Südpol eroberten, alle Hunde Roald Amundsens ziehen wieder seinen Schlitten aus ber Reise in bie Ewigkeit ..." 2Ius Mitternacht ist es Morgen geworden. Das Gelb ber Sonne hat sich in Gold unb Rot geroanbelt. Weit öffne ich bie beiben Flügel bes Fensters. Wir legen uns nieber. Das Rauschen bes Meeres aber erfüllt die niedrige Stube wie bie Orgel Gottes. Häusliches Gespräch. Von Iustinus Kerner. „Mir leeren die Mäuse, Spitzmäuse und Ratten, Verschlossne Gehäuse Und offene Platten. Mann! Die Apotheke Hilft sicherlich hier. Gift schaffe aus ihr, Auf daß ich es lege Dem wüsten Getier!" Weib! Lasse das Morden! Vergönn unsere Speisen, Die bürgerlich heißen, Den schwäbischen Spatzen, Den Mäusen und Ratzen. Wenn voll die geworden, In stillem Behagen Die Mäuler sich wischen Und weiter dann sagen, Die nirgends doch klagen, Wie sehr sie gelitten. An unseren Tischen! Durch Mangel an Fischen Und Schnepsendreckschnitten! Das Kahentier. Zum well-Tierschuh-Tage am 4. Oktober. Von Felix Riemka st en. Eines Tages war unversehens ein Katzentier in der Wohnung. Das Katzentier sah mager und schäbig aus, hatte einen graugrünen Pelzmantel, es leckte sich eine Pfote, saß in Ruhe da und blickte mit gläsern schimmernden Augen außerordentlich forschend auf die alsbald ver- ammelte Familie hin. Es war ein junges Tier, Katzenkenner schätzten es auf höchstens sechs Wochen Leben. Entdeckt wurde das Kätzchen von der Tochter des Hauses, einem Kinde, das sich gerade seit neun Jahren des Lebens erfreut, und man kann sich denken, welches elementare Toben losbrechen muß, wenn ein Kind in diesem Alter mitten in der Wohnung eine zugelaufene Katze entdeckt und von dieser Entdeckung aus'unverweilt und ohne die mindeste Zwischenstation zu dem Geheul gelangt: „Die behalten wir!" ... , „ , .. _ Der Hausherr war entschieden nicht für Behalten, auch die Frau war nicht sehr dafür. Sie war aber dafür, daß man dem fremden, jungen, armen Kätzchen zunächst einmal Milch geben müsse, und damit war bereits alles gewonnen und erobert für die Katze, denn sobald die Milch auf der kleinen Schale vor sie hingesetzt wurde, erhob sich im Innern der Katze die wundersame Musik eines vollkommenen Schreitens und herrlich in Kugellagern verrollenden Bewegens, und dann leckte ein feines und flinkes Zünglein von zartem Rot die gute weiße Milch vom Teller. Und dies war alles so hübsch und so prachtvoll einfach und so sauber und lautlos dazu, daß die Hausfrau mit aufglänzenden Augen und einem strahlenden Gefreu in jeder mütterlichen Miene kundgab: „Vorläufig kann sie hierbleiben." Seitdem ist Kätzchen bei uns. Es ist zu merken, daß Kätzchen bei uns ist. Die Tochter vernachlässigt ihre Schularbeiten; der Hausherr wurde durch grobe Worte bewogen, aufs schleunigste eine Kiste zu holen und Sand zu beschaffen; die Hausfrau verschwendet das meiste vom Schatze ihrer Zärtlichkeit an das graugrüne Katzentier, und das Katzentier wirft Kakteentöpfe um, ohne daß die Hausfrau deswegen in Krämpfe fällt. Es war vordem einmal geschehen, daß auch der Hausherr selbst mit seinem „persönlichen" Ellenbogen zufällig einen Kakteentopf umgeworfen hatte, und aus diesem Vorfall heraus war ein langer und bitterer Krieg zwischen dem Täter und der gemarterten Hausfrau entstanden; ein Krieg, in dessen Verlauf dem Hausherrn eine außerordentliche Mißachtung zuteil geworden war, so daß es sich seiner Seele tief einprägte, wie wichtig Kakteentöpfe seien. Und nun waren Kakteentöpfe fast unwichtig, säst wie nichts waren sie, und Kätzi sollte sogar „süß" sein, trotz des umgeworfenen Topfes. Seitdem ist der Hausherr in schweres Grübeln verfallen, er hat sich sogar an das Problem „weibliche Logik" gemacht, und davon wurde er beim Nachdenken natürlich saft wahnsinnig. Es gibt Probleme, die dem Denker gefährlich werden können und die der Nichtdenker viel besser lösen kann, indem er es macht wie der Pastor Nolte; der machte es so, wie er gerade wollte. Und so oft der Hausherr anfängt: „Zu mir hast du gesagt ... und zu Kätzchen sagst du gar nichts ..— dann brennt es. Kätzchen aber sitzt auf dem Tische und schaut zu, und wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, so muß man zugeben: Kätzchen hat einen wunderschönen, ernsten, löwenmähigen Dickkopf, eine zierliche Nase und zwei Augen, die immer wieder ein Rätsel sein werden durch ihre Unbedingtheit, ihre Klarheit und ihre noble, würdige Aufmerksamkeit. Es geht stets etwas vor in diesem Katzenkopfe, aber die Augen verkünden niemals mehr als di« Tatsache eines Vorganges, während sie über den Vorgang selbst Näheres nicht einmal andeuten. sherrn nicht ganz ohne ’Jiugeni irgendeinem Grunde die Pfeif« warfen und vernichtet. , ,, . , . Das Kätzchen erobert die Herzen und die Wohnung. Es hat ein. Körbchen mit weichem Kiffen, aber es mag weder Kissen noch Körbchen, es mag viel lieber den Sessel, in dem der Hausherr zu sitzen hebt un», wenn er ich hinzusetzen gedenkt und als müder Mann keine Umstande mehr liebt, so sitzt dort Kätzchen und geht nicht fort, und hier oergißt Kätzchen sogar die vornehmen Seiten des ihm eigenen Charakters untu läßt es darauf ankommen, ob und wie und wie sehr der Hausherr es. durch schimpfliche Gewalt nötigen wird, vom Sessel abzuhopsen und sich, anderweit einen Platz zu suchen. So hat Kätzchen vor nichts Respekt, am wenigsten vor dem Haushern, den es freilich glatt und ohne Rest: verdrängt, besiegt und in Mißachtung gebracht hat. Nur in der Tiefe der Katzenseele schlummert eine dumpse Furcht vor der brutalen körperlichem Uebermacht des Hausherrn, und zuweilen geschehen im Innern der Katzem- ssele rätselhafte Rucke und Sprünge beim Anblick des Hausherrn, unö, diese innerlichen Schreckzustände verwandeln sich dann in unvermutet rasch« körperliche Sprünge und Stürze, und am liebsten geht Kätzi in solchem Zuständen unter das Klavier. Da kann ihm keiner... Inzwischen ist zwischen Kätzi und dem Hausherrn Frieden entstanden, Kätzi hat zu starke Verbündete in dieser Wohnung. Man muß lieb fein,, sonst gilt man als roh. Da wahre Liebe sich am sichersten durch Liebesgaben erweist, muhte ein fetter Bückling die Friedensverhandlungen ein- leiten und den Frieden befestigen. Seitdem ist es so, daß auch auf des. Hausherrn Schoße Kätzchen sich beim Klange des Radios warm vertraut: mit Reiben und Hinschmiegen wohl fühlt, krumme Buckel macht und dem Schweif vor Wohlsein manchmal so jählings aufrichtet, daß dem Hausherrn die Zigarrenasche auf den Teppich fällt. Es liegt ganz im Zuge Der Gerechtigkeit, daß der Hausherr alsdann mit ungeduldigen Vorwurfem bedacht wird, während Kätzi nur ein Tier und damit also unschuldig ist- Immerhin ist Kätzi aber auch dem Hausherrn nicht ganz ohne Nutzem gewesen, denn eines Tages als ihm aus irgendeinem Grunde d:e 7!""“ aus dem Munde fiel und der Teppich stark voll Asche lag, schob er dies« Sünde rasch und mit kalter Seele sogleich auf das Katzentier und entrann also dem Zorn einer leidenden Hausfrau, die den ganzen lag über nichts macht als reine und kann sich totmachen damit — und ist doch m« reine bei uns! . Und vieles mehr wäre zu berichten von Kätzi — von Kätzis erftauneno, rätselhaftem Derschwundensein und dem Wiederfinden Kätzis im Schalloch« des Sprachapparates; oder von der enormen Tragödie beim Hinfetzem des Hausherrn auf einen Stuhl, auf dem ungesehen bereits Kätzi lag! und schlummerte; oder von dem Brief der Lehrerin „... hat ihre -toajter feit längerer Zeit nicht mehr die erforderliche Sorgfalt bei den häusliche« Arbeiten ..." Und dann abends die große Katzenjagd, denn über Nachi soll Kätzi nicht im Zimmer bleiben. Kätzi weiß das bereits und sicht zur: rechten Zeit zwischen die Sprungfedern der Matratze. Dann muß Die Matratze angehoben werden, wobei es an harten Zurufen an den Hausherrn selten gebricht, und wenn Kätzi heraus ist aus den Sprungfedern,, so ist sie im gleichen Augenblick schon wieder hinein in etwas anderes. Einmal schlief sie im Bücherschrank. Und einmal warf sie eine große, teure Vase um. Da war die Stunde des Grimmes gekommen, des allgemeinem Pfuirufen? und des wahrhaftigen Zorns. Und da man Kätzchen sucht« um es zu vernehmen, war es zuletzt zu finden im Puppenwagen Den Tochter, faß als wollener, warmer, lebendig atmender Klumpen hiniell den Gardinen des Wägelchens und schaute uns alle an, ganz ohne Bor- rourf, fast mit Gnade, und fo ruhig und fein wie ein sehr, sehr vornehmer alter Graf, der sich in di« Zeiten schickt und das grobe Boiu wohl duldet, aber ohne sich etwas zu vergeben. ... Und da kannst nix machen! Somit ist Kätzchen von vorn ohne Zweifel fabelhaft vornehm, untadelig und sogar interessant. Aber von hinten ist Kätzi gar nicht ... also wirklich gar nicht angenehm. Es riecht furchtbar! Je furchtbarer es riecht, um fo maßloser erheitert fühlt sich der Hausherr, denn dann kommt die Hausfrau zu ihm und ruft feinen männlichen Schutz zum mindesten [einen ehekameradfchaftlichen Trost an. Sie klagt und klagt, derweil es riecht und riecht. In solchen Stunden kann der Hausherr das Wort wagen, daß es vielleicht doch besser sei, wenn man ... Aber wenn das die Tochter hört, das Kind von neun Jahren — Und Kätzi schleckert und ledert sich satt an Milch,Katz, sitzt aus dem Schoß und auf dem Arm, sitzt wohlig, fett und angenehm und laßt sich mit aufmerksamem Zublick der kreisrunden Glimmeraugen sagen, daß es ein armes, gutes Kätzchen fei, und der da, das fei ein bofer: Tlann. So bö e der Mann auch ist, gemein ist er trotzdem nicht. Er wirst nicht mit Stiefeln, er pustet auch keinen Rauch in Katzis Nase, er begnüg sich mit Seufzen, und zuweilen, wenn Seufzen nicht zulangt bei so viel innerlichem Druck, geht er minutenlang hinaus auf den Balkon, um zu platzen. .. Das liebe Kätzchen! Es fitzt am Fenster, um die leckeren Plepvogelchen fchärfstens zu betrachten, und wenn ein solcher fliegender, kalter Braten sich gar außen auf das Gesims des Fensters setzt, setzt Kätzi sich innen vom Fenster auf die Fensterbank und runxt und raunzt vor Aufregung, und nun verlieren sogar die Augen den edlen, müden Stolz der spanischen Granden, und unversehens springt Kätzi in das Gewebe der Gardin- binein und muh durch einen Klaps auf die für Morallehren vorgesehen« Stelle des Körpers ermahnt werden. Bei solchen Gelegenheiten, die dem Hausherrn sehr gelegen kommen, gefällt sich der Hausherr in -Berner- tungen darüber, daß alle Katzen weiter nichts als mordluftige 'Raubtiere feien, und an diese Bemerkung knüpft er eine übermäßig genaue, haarkleine Beschreibung der widerlichen Scheußlichkeit des Wühlens Der Raubtiere im dampfenden Leibe ihrer klagenden Opfer. Dann wird Der Hausfrau fo lila im Magen, daß sie dem Hausherrn gebietet, davon auf- zuhören und Kätzi bleibt trotzdem in der Gnade — ja, Katzi bekommt sogar frische Milch, durch die ihr eine frömmere Denkungsart angewohnt werden soll, während der Hausherr Vorwürfe erhält wegen feiner widerlichen Schilderungen. In allen Stücken ist demnach der Hausherr Der- werantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Studltnb Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. «.Lana«, Dieben-