Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer (8 Montag, den Marz Zchrgang 1935 Copyright 19 L 8 b y (Fortsetzung.) sorgsam in die ihm die Wut, quellen. Siebentes Kapitel. Wirrnisse. Bertold war in seiner Kammer lange im Vollmond wach gelegen unt> hatte an Birge gedacht. Aber ihr Bild wurde immer wieder verbringt von der rätselhaften Gegenwart Annas. Sie war ihm in den Süden ging. Da stand der Dom vor ihm. Er erschrak und schloß die Augen. Dann irertete er sich ins Innere des Domes, indes seine Seele übermächtig HL (ItC. Er setzte sich in eine Bank, bis er ruhiger wurde. Dann blickte er auf. Zwei Fremde, die er bisher nur wie in einem Schleier durch den R-um hatte gehen sehen, fesselten ihn nun. Der Blonde hatte sich in liie Bank gesetzt und barg feinen Kopf in den Händen, während der Dnifle die Schulter des Freundes umschlang und ruhig mit dem Auge bi, Halle durchmaß. Der Sitzende stand endlich auf und ging mit dem Dunklen Hand in Hand hinaus. Es war Bertold, als bliebe fein Herz plötzlich stehen. Der Blonde war Dito, sein Freund vom Gymnasium her, Otto, der Dichter, den er sich in mancher trüben Stunde heiß herbeigewünscht hatte. Nun war er da. , ■ Er folgte den beiden. Sie standen auf dem Domplatz. Der Dunkle deutete den Dom ab. Otto folgte seiner Hand. Bertold stellte sich in die Rihe. Der Dunkle sagte: „Wer hebt aber wieder das Bild des Meisters aus dem Grabe? Es jdeint versunken und niemand gewaltig genug, es zu heben." Der Dunkle schwieg. Otto wandte sich langsam um und sah Bertold w sich stehen. Sie flogen sich in die Arme und sprachen lern Wort. Denn nahm Otto Bertolds Hand und führte chn vor den Dunklen. „Das ist mein Freund", sprach er und legte beider Hände ineinander. Bertold griff herzhaft zu und fühlte im ersten Augenblick, daß sie sich gewogen seien. Erich, der anfänglich erstaunt war, wandte sich plötzlich ab und ging einige Schritte seitwärts. e „Laß ihn", sprach Otto, „er muß es erst fassen, daß wir auch zusammengehören. Er ist es aber wert, daß du um ihn kämpfst." Sie gingen nun zu Erich, nahmen ihn Arm in Arm in die Mitte und wallten durch die Stadt, bis sie sich gefunden hatten. Sie sahen sich v»n nun an jeden Tag und hatten bald kein Geheimnis mehr voreinander. In jenen Frühlingstagen erhielt Bertold einen Brief von Anna. Sie teilte ihm in ungelenken Buchstaben mit, er möge sie doch einmal besuchen, sie habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Tag und Stunde waren angegeben, und so stieg Bertold in der Abenddämmerung die vier Treppen eines alten Hauses hinauf, in dessen Dachkammer Anna, wenn sie vom Dienst heimkam, schlief. Er fand sie in der Ecke unter dem schrägen Dache sitzen. Die Lampe brannte und es rührte Bertold, zu sehen, wie Anna sich Mühe gab, in einem Buche zu lesen, das sie auch nicht aus der Hand legte, als Bertold schon im Zimmer stand. Sie. sah ihn erstaunt an, als er sich bemerkbar machte, sprach ihr „Ach so!" und lud ihn erst dann zum Sitzen ein, während sie das Buch aufgeschlagen neben sich legte. Dann fing sie rasch und etwas hastig zu erzählen an; sie sprach in der Eile von allen fernen und nahen Dingen, kochte dann Tee und bewirtete ihn. Ihre Hände zitterten, als sie die goldgeränderte Tasse vor ihn stellte. Als sie nichts mehr wußte, bat sie ihn, zu erzählen. Der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, war eiegentümlich genug. Er war gemischt aus Scham und Zärtlichkeit. Beides hätte Bertold lieber vermißt. Er erzählte aber tapfer, was ihm wähnenswert schien. Und plötzlich war er in der Heimat, bei Birge. Als er ihren Namen zum erstenmal aussprach, glühte leise Röte auf Annas Wangen. Aber sie ermunterte ihn selbst, weiter zu sprechen, als er stutzte; sie stellte ihm hundert Fragen und Bertold gab unbefangen Antwort. Er merkte nicht, wie sich Anna immer tiefer in ihr Unglück hineinredete, und pries Birge nach Herzenslust. Plötzlich sah er Anna hochatmend und blaß dasitzen. Sie verstummte. Bertold betrachtete sie forschend. Als sie seinen Blick auf sich ruhen fühlte, fuhr sie auf, erschrocken. Sie zitterte und sah an Bertold vorbei. Graue Schatten liefen über ihr Gesicht. Sie griff nach dem Herzen und stöhnte leife. Es war ihr nicht mehr möglich, zu sprechen. „Mir ist nicht gut", sprach sie endlich. Wollen wir nicht ein Stück an die Luft gehen", fragte Bertold. Sie holte eilig ihren Mantel und stieg mit ihm die Treppen hinab. Bald waren sie aus der Stadt am Flusse. Bertold nahm Annas Arm, ihre warme Hand preßte unwillkürlich immer wieder die seine, wahrend ihr Gesicht regungslos zur Erde gewandt war. „Es ist doch schön", sagte Bertold, „wenn man jemand aus der Heimat bei sich hat." „Den man noch nicht vergessen hat, antwortete Anna etwas unbe- ^o^^Nun" lachte Bertold, „das habe ich wirklich noch nicht vergessen, Anna, wie wir beim Paten Garben geworfen haben." Das hast du nicht vergessen", antwortete Anna. „Aber mich hast du doch sicher in der Zeit vergessen! Oder hast du einmal an mich ge- ba^8ertolb besann sich. Er wollte ehrlich sein. Nein, er hatte kaum mehr an Anna gedacht, mit keinem Liebesgedanken, seit dem schlimmen Heimweg am Dreschabend. Durfte er ihr das sagen? Er ließ lange aus eine Antwort warten, während der Mond durch die bläulichen Aeste schien. Warum hatte er eigentlich so wenig an sie gedacht? Sie war doch schon und hatte ihn nie gekränkt. War es der heimliche Makel, daß sie Hott geliebt hatte? Und plötzlich fragte er sie, wann sie Hott zum letzten Male gesehen habe Das war hart und sicher ein Vorwurf. Aber Anna schien das gar nicht zu fühlen. Sie sprach lachend: „Das weißt du doch ganz qut daß ich mit Hott nichts mehr habe. Ich habe ihn übrigens nie gemocht und bin froh, daß ich das jetzt alles hinter m*r habe, du!" Und plötzlich stand sie vor ihm und verstellte ihm den Weg. Sie schaute ihn mit halb geschlossenen Augen an und bat ihn, er möge ihr Georg Müller Verlag A.-G., München letten Tagen in der Stadt auffallend oft begegnet, war aber immer feiiem Blick ausgewichen. Sie sah sehr blaß aus und trug sicher einen Stimmer, vielleicht wegen Hott, um dessentwillen sie, wie Bertold ver- niitete, in die Stadt gekommen war. Er hatte die beiden im Anfang auch ofrr zusammen gesehen, an lauen. Abenden unten am Fluß. Vielleicht hssten sie einen schweren Streit gehabt, und nun suchte die halb Ver- fti'jene Zuflucht bei ihm. Aber wie konnte er ihr helfen? Träume verschlangen seine Gedanken. Endlich, gegen Morgen, läutete eine große, schwere Glocke. Bertold hechte, bis sie ausgeklungen hatte. Der tauende Schnee troff von den Aichern und die Sonne strahlte herein. „Frühling!" rief er, sprang aus dem Bett und wusch sich kalt ab. Als er aus die Straße trat und die vielen luftigen Menschen sah, io;u den rosenroten Rauch aus den Dächern, zweifelte er nicht mehr: 15 wurde Frühling. Und plötzlich fliegen vom Stadthügel die durchbrochenen Dolden le- Domtürme vor ihm auf. Er glaubte, sie noch nie recht gesehen zu joen, so herrlich standen sie jetzt im frühen Licht. Aus den Büschen, die aus den großen Plätzen standen, dämmerte ftfpn ein goldener Schein, ohne daß Knospen oder Blätter sichtbar waren, feine ganze Lust drang in jenes Bergtor, durch das der Weg nach Die Hochzettskuh Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner Birge aber gab ihm die Hand und führte ihn hinein, sorgsam m die Sfobe. Der Vater fühlte, als er mit ihr unter die Lampe trat, wie schon sie war. Er schämte sich vor ihr, schließlich aber siegte in ihm die Wut, bat. seine Birge vom Nachbarn für immer verschmäht war. Er zog sich eilig aus und kroch ins Bett. Hätte Birge glücklich sein sollen, daß Hans als Brautwerber nun sicher nicht mehr über den Hof kommen werde? Daß der Weg zu Bertold Ur rein und frei war, wenn auch der Vater noch ehrenhalber einen Wverstand bei kleinem Feuer anblafen werde? Nein, Birge war durch- air nicht glücklich. Sie sah ihren Vater verkommen und immer finsterer ttirben. Durch ihre Träume zogen wie Ahnung eines großen Unglücks in. diesen Nächten Totenfratzen mit länglichen Gesichtern und rauchigen Lebern. Sie drängten sich an sie heran und suchten sie zu verschlingen. Das dauerte so lange, bis im Frühling die Blumen aus der Erde sagen, eb er nicht ein einzigesmal an sie gedacht habe Die Welt schwankte um ihn Ein festes Nein lag ihm aus der Zunge Aber er sprach es nicht aus. Und da rief sie jubelnd: „Nein, du brauchst es mir auch nicht zu sagen. Schweig nur still!" Sie legte ihren Kopf an seine Brust, und wenn Bertold, dem sein Schweigen eine schwere Lüge dünkte, nun auch dastand wie aus dem Dach der Hölle, er kannte in diesem Augenblicke weder vorwärts noch zurück. Er streichelte das Haupt des armen Fremdlings und dachte in Die Ferne, an Birge, Sie gingen dann wortlos. Arm in Arm, weiter, bis es Mitternacht schlug, Bertold war verwirrt und ergriffen von der ersten heimlichen Sünde, Sie trafen sich am nächsten Mittag nach dem Essen zu einem kurzen Spaziergang in den nahen Wald, Und dort küßten sie sich scheu und flüchtig in der sonnigen Kälte, Beide hatten das Tier nicht gesehen, das ihnen schlau und behend gefolgt war Hott hatte, seit Anna in der Stadt war, nichts getan, als sie und ihn 'zu beobachten. Mit der Klugheit des geborenen Zwischenträgers hatte er Anna, nachdem er sie unter dem Vorwand, Bertold liebe sie heimlich, in die romantische Stadt gelockt hatte, immer wieder von ihm erzählt und in dem schnell verliebten und neugierigen Mädchen allmählich eine Flamme entsacht, von der Bertold nichts wußte. Er war ihnen auch unbemerkt aus dem buschreichen Pfad nachgeschlichen, als sie in den Wald gingen, Kaum hatte Bertold dem glühenden Mädchen den verhängnisvollen Kuß gegeben, da riß er sich blaß und jäh bewußt von ihr los. Sie sah seinen Schrecken nicht, sondern schaute ihn voll Liebe an, Birge war wie vom Donner gerührt, als ihr der Vater einige Tage später ein schlechtes Lichtbild unter die Augen hielt. Sie erkannte Bertold sofort und verglich im ersten Augenblick seine Gestalt mit ihren Erinnerungen an ihn. Sie wollte das Mädchen nicht sehen, das er am Waldrande im Arm hielt. Sie kannte sie auch nicht und gab das Bild mit einem" verlegenen Achselzucken dem Bater zurück. Der aber fragte sie, ob sie die schöne Anna, die neue Braut Bertolds, nicht wiedererkenne. Es lag gar kein Spott in dieser Frage, das Lächeln auf den faltigen Zügen des Vaters entsprang vielmehr der Freude über einen gelungenen Streich, bei dem sich der Alte auch beteiligt fühlte. Er war überzeugt, daß Hott die Sache fein gemacht habe, und erwartete in seinem- verhärteten Herzen, auch Birge werde in fein gesundes Lachen ausbrechen. Mrge aber taumelte gegen den Ofen. Sie war blaß wie der Tod, und hätte sie der Vater nicht aufgefangen, dann wäre sie vor dem Gehäuse der alten Standuhr zusammengebrochen. Er trug das Mädchen aus fein dunkles Bett in der Kammer und eilte in die Küche, um trifc Kanne aus dem eiskalten Brunnen zu holen. Als er zurückkehrte, faß Birge am Bettrand. Sie blickte starr auf das andere Bett, das leer in der Kammer stand. Dort war ihre Mutter gestorben, und niemand hatte sich seither in die Linnen gelegt. Sie blickte lange in die gespenstische Stille, ihr. Herz stockte, ihr Atem ging stoßweise wie ein heftig getretenes Spinnrad, und ihre Brust war in das Dunkel der winterlichen Kammer oorgebeugt. Ihr Vater stand mit der Wasfer- kanne vor ihr, regungslos wie eine Amme, der die Frau stirbt. Auf einmal stand sie auf. Frost jagte über ihre Schultern, und ihre Zähne klapperten laut. Dann schrie sie: „Das ist nicht wahr, das kommt von Hott, so wahr Gott lebt. Er soll ihn strafen für die Lüge." Sie stürzte an das kleine Fenster und wollte es öffnen. Aber es war vereist. Sie trat einen Schritt gegen das Bett ihrer Mutter, um ja nicht am Vater vorbeizumüssen, aber es war ihr unmöglich, in den Bannkreis einzudringen, den die Tote zog. Sie fuhr zurück, als sie die roten Pfosten der Bettstatt sah, und prallte gegen den Vater, daß die Brunnenkanne übersprang. Und plötzlich war sie aus der Stube hinaus, während Friedrich ratlos stehen blieb. Sie taumelte an der hell lodernden Küche vorbei und lief wie von selber in den Stall. Die Kühe standen dort in langen Reihen zu beiden Seiten des Ganges. Eine Laterne, die vom atemfeuchten Balken herabhing, verbreitete gelbes Licht über Stroh und Tierfelle. Birge wußte nicht, wie es kam, aber auf einmal stand sie neben der Kuh, die vor mehr als zwei Jahren in der Herbstnacht mit Bertold auf den Hof gekommen war. Als Birge die Wärme des mütterlichen Tieres an ihren Wangen spürte, da kamen ihr die Tränen herauf, und sie schluchzte herzzerbrechend. Als Friedrich, der langsam und spürend auf den Flur gegangen war, ffe so meinen hörte, sagte er sich, Birge sei nun über das Schlimmste hinaus, sie werde nun nicht mehr gegen ihr Leben angehen, das in den Tränen Uebermacht über sie gewonnen habe, und er ging in die Stube Zurück, um den Bries Hotts noch einmal zu überlesen. Dieser Brief, in der Eile hingeschrieben, teilte die nackte Tatsache mit, daß nach dem Augenschein Bertold und Anna sich demnächst verloben würden. Das Bild, das die beiden zeige, lasse wohl keinen Zweifel mehr. Er hoffe, noch vor seiner tierärztlichen Prüfung einmal auf dem Berghofe vorzusprechen, um Friedrich allerlei zu erzählen und sich gleichzeiUg in der Stadt nach einer Wohnung umzusehen, die er als künftiger Tierarzt beziehen werde. Er bitte ergebenft um gute Aufnahme und, wenn es erlaubt sei, einen schönen Gruß an Birge. , 3m Sopf des Alten gingen, als er gelesen und verstanden hatte, selt- ame Gedanken um, Ungetüme, böse Gedanken, die sich auch vom leisen Weinen Birges nicht einwiegen ließen. Er haßte seinen stolzen Nachbarn toDlich Wie, wenn er ihm jetzt einen Streich spielen könnte, gerade jetzt, da jener durch eine leichte Krankheit geschwächt war? Wenn er jetzt vor fernen Todfeind treten und ihm die Verlobung (einer Tochter Birge mit Hott anzeigen mürbe? Vielleicht mürbe Matthies lachen, aber dies Sachen mürbe ihm ben Nest seiner Gesunbheit kosten. Und der stolze Hans, der m „T0,5 an d'c -Lust befördert, mürbe vor Zorn die Dielen mit ben o a0Cl®enrrc?cno®5 6°b nichts Schöneres für Friebrich in diesem Augenblick, als ben Zorn der Ohnmacht anzuschauen. Als Friedrich in den Stall ging, um nach Birge zu sehen, war das Mädchen verschwunden. Er hörte ihre Schritte oben in der Kammer gehen. Sie deckte bas Bett auf. Auch Friedrich ging schlafen. Ehe er aber in die hohe Bettstatt stieg, rührte er mit dem Knöchel an die Trommel, die an der Wand hing. Er probte einen Wirbel, und die Trommel grollte dumpf durch das stille Haus. Alte Leute wissen, wie schnell ein Gerücht über Täler und Berge springt. Als der Briefträger einmal den Brief Hotts heimlich gelesen hatte, verständigte er schon am nächsten Tage gegen ein gutes Frühstück die Familie Annas. Diese, zunächst betreten, weil niemand wußte, was Bertold eigentlich studiere, und ob er auch einen allgemein anerkannten Beruf wählen werde, dann aber beruhigt, weil Anna so auf jeden Fall für immer aus der Heimat verschwinden würde, beeilte sich, die Neuigkeit weiter zu tragen, wobei Bertold zum Doktor und künftigen Professor befördert, Anna aber mit allen Mitteln reingewaschen und seelisch wieder geadelt wurde. Das Gerücht lief weiter und wurde immer glänzender. So war bald das ganze Tal und die Berge noch hinter den Tälern von diesem undurchdringlichen Gerede überspannen, dessen Ursprung niemand kannte, dessen Fäden aber jeder mit unerhörter Lebhaftigkeit seinen Nachbarn weitergab, nicht ohne sie vorher mit dem eigenen Speichel gehörig befeuchtet zu haben. Und leis« wurde auch Birge eingesponnen. Bertold haßte sie nicht. Er war hinter eine Tür gegangen und stand nun in einem fremden Raum, zu dem sie keinen Zutritt mehr hatte. Auch auf Anna konnte sie nicht böse fein; sie war jetzt eine Städterin, mit der sie nicht mehr wettlaufen wollte. Beide mochten tun, was sie wollten, es kümmerte sie nicht mehr. So sagte sie sich in Stunden stummer Verschlossenheit, wenn sie stark war. Ader das war nicht oft. Viel häufiger meinte sie einfach vor sich hin, am Tag in irgendeinem Winkel, wenn sie sich allein wußte, und besonders nachts in ihrer Kammer, wenn die Geschwister nebenan schliefen. Daß sie Bertold schreiben und von ihm eine Erklärung fordern könnte, fiel ihr gar nicht ein. Empfindliche und stolze Seelen fragen nicht, wenn sie gekränkt werden. Ja, wenn jetzt auch Bertold vor ihr gestanden wäre und hätte sie um Verzeihung gebeten, sie hätte sich von ihm abgewandt. Sie war so weit, daß sie ihn auch verschmäht hätte, wenn das alles, was fetzt über ihn gesprochen wurde, nicht wahr gewesen wäre. Sie witterte in der bloßen Tatsache, daß sich ein solches Gerücht überhaupt um ihn hatte spinnen können, etwas Unreines, Ungeschicktes, das Bertold zur Last fiel. Sie hatte ihn groß und leuchtend im Gedächtnis getragen, daß sie ihn lieber völlig begrub, als ihn noch ein einzigesmal, geschändet von einer Fahrlässigkeit, die nur sie voll empfand, zu sehen. Aber es war ein langer und bitterer Weg, ehe sie sich von ihm losgerungen hatte. Es wurde Ostern, ehe Bertold von der ganzen Lüge erfuhr. Weder seine noch Annas Angehörige hatten ihm das leiseste Wort geschrieben. Da stand er eines Tages im Universitätshof. Plötzlich war Hott vor ihm. Bertold schaute den gelben Gesellen verwundert an. Hott näherte sich ihm mit einem in den Mundwinkeln gefrorenen Lächeln und sprach: „Schon lange nicht mehr gesehen; gratuliere zur Verlobung!" Bertold nahm die verquollene, porige Hand nicht an. Er schaute dem Gratulanten fest ins Gesicht. Was ging jenen Birge an? Hott aber fuhr fort: „Man hat mir geschrieben, Annas Verwandte schaffen schon tüchtig an der Aussteuer. Birge soll ein paar Wochen geheult haben; sie hat sich aber inzwischen beruhigt." Jetzt stutzte Bertold. Hinter diesen Reden mußte ein böser Sinn lauern. Aber er konnte nicht fragen, er verachtete Hott zu sehr. So fuhr er gespannt und erregt in die Osterferien. Er hatte nicht einmal ausgiebig Abschied von seinen Freunden genommen. Je näher er der Heimat tarn, desto unruhiger wurde er. Von allen Kuppen floß ihm das Bild Birges entgegen. Einige Haltestellen vor feinem Dorf stiegen Bekannte ein, Angestellte des nahen Bergwerks, die jeden Abend mit der Bahn nach Hause fuhren. Sie taten fremd und verlegen. Auch der Vater war merkwürdig fremd. Cs schnürte Bertold das Herz zusammen, als er den gealterten Mann mit dem grauen Bart hinter der Lampe sitzen sah, mißtrauisch und jede Rechtferxigung durch Stummheit abwehrend. Er schüttelte den Kops, als Bertold das Gerede als eine Lüge bezeichnete, und fuhr erst gegen Mitternacht mit der Wahrheit auf, Birges Vater habe sogar ein Verlobungsbild von den beiden, auf dem sie sich während eines Kusses hätten abbilden lassen. Bertolds Zorn war unermeßlich. Warum hatte ihm kein Mensch von diesen Dingen geschrieben? Auch Birge nicht? Er warf ihr in dieser Nacht furchtbare Herzenshärte vor und tat ihr in jähen Gedanken jedes Unrecht. Ja, sie hatte dem Gerede der Leute, den Einflüsterungen irgendeines gleichgültigen Menschen mehr geglaubt als feinem Wort. Sein gekränkter Stolz kannte keine Grenzen. Er schwor sich, Birge nie mehr ZU sehen. Am nächsten Morgen fuhr er, ohne Abschied zu nehmen, wie ein Wirtshausgast, dem Berghof zu. Er hatte sich plötzlich entfchlossen, vor Birge zu treten. Nur wenige Worte wollte er mit ihr wechseln, aber sie sollte erfahren, daß sie ganz allein schuld daran sei, wenn er sie jetzt für immer aus feinem Herzen stoße. So panzerte er sich immer dicker und stachliger in seinen Zorn, als er den gefrorenen Berg hinausstieg. Als er die beiden Häuser vor sich sah, dämpfte er unmerklich den Schritt, als wolle er Birge überraschen. Aber sein Plan nahm ein völlig anderes Ende, als er gedacht hatte. Er sah auf einer braunen Eislache mitten in der Straße einen Mann stehen, der ihn unbeweglich anftarrte und den er bis auf wenige Schritte vor lauter Gedanken nicht gesehen hatte. Cs war der Pate; Bertold blieb vor ihm stehen. I (Fortsetzung folgt.) Der Schäfer putzte sich zum Tanz. Von 3. SB. von Goethe. Der Schäfer putzte sich zum Tanz, Mit bunter Jacke, Band und Kranz: Schmuck war er angezogen. Schon um die Linde war es voll, Und alles tanzte schon wie toll. Juchhe! Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! So ging der Fiedelbogen. Er drückte hastig sich heran, Da stieß er an ein Mädchen an Mit seinem Ellenbogen. Die frische Dirne kehrt sich um Und sagte: „Nun, das sind' ich dumm! Juchhe! Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! Seid nicht so ungezogen!" Doch hurttg in dem Kranze ging's, Sie tanzten rechts, sie tanzten links, Und alle Röcke flogen. Sie wurden rot, sie wurden warm Und ruhten atmend Arm in Arm. Juchhe! Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! Und Hüft' an Ellenbogen. Und tu mir doch nicht so vertraut! Wie mancher hat nicht seine Braut Belogen und betrogen! Er schmeichelte sie doch beifeit, Und von der Linde scholl es weit: Juchhe! Juchhe! Juchheisa! Heisa! He! Geschre und Fiedelbogen. Mensch in Maske und Verkleidung. Von Dr. Johannes Günther. Die Zeit des Faschings ist da. Die Menschen „maskieren" sich: sie stecken sich in fremde, feltsame Kleider, tun sich Masken vors Gesicht oder bedecken die Augenpartie mit Larven, und so drängen sie hinaus auf Straßen und Plätze, tummeln sich in Sälen und Gaststätten. Aber es mag doch hie und da jemand fragen, wie denn der ruhige Alltags- menfch, der ehrsame Bürger, der etwas aus sich hält, der vielbeschästigte Sorgenreiche — wie es ihm denn zuzutrauen sei, daß er an diesem Mummenschanz teilnehme! Die erste Antwort liegt schm in der Frage selbst, liegt schon in den Ausdrücken „der Bürger, der etwas auf sich hält", der „vielbeschäftigte Sorgenreiche" usw. Das sind Ausdrücke, die von einem Zwange zeugen Der zivilisierte Mensch ist eingefpannt in die Konvention. Die Konvention hat gewiß ihre Berechttgung: als notwendige Rücksicht des einen auf den andern oder auf die anderen. Aber der Mensch ist eben nicht bloß bewußt und rücksichtsvoll, er ist auch ein gut Teil Geschöps und Kreatur. Und diese Bestandteile seines Seins verlangen auch einmal Befriedigung. Wenigstens einmal! Sie sind da und möchten einmal zu ihrem Recht kommen: zur Rücksichtslosigkeit, zur Ausgelassenheit. Aber um rücksichtslos und ausgelassen sein zu können, dafür meint der Mensch sich unkenntlich machen zu müssen. Rur wenn er ein Mittel hat, feine Persönlichkeit, sein Aussehen verbergen zu können, nur bann wagt er es, einmal die Schranken der Bürgerlichkeit zu durchbrechen und sich loszulassen. Die Mittel sind Kostüm und Gesichtsmaske. Das ist psychologisch interessant. Das ist ein Stückchen Vogel-Strauß-Politik. Wenn der Mensch sein Gesicht verdeckt, wenn er seine Augen verdeckt, bann meint er wohl, sich nicht schämen zu müssen — umgekehrt: wenn er sich schämt, bann schlägt er bie Augen nieber ober bebetft bas Gesicht, roenbet bas Gesicht weg usw. Die Maskenfreiheit hat viele verschieben^ Grabe. Der eine wirb bas Ventil nur ein wenig öffnen — bas genügt ihm schon Der anbere kennt bann keine Binbungen mehr, er wirst alle Fesseln von sich. Dazwischen liegen viele, viele Stufen. In bie Lust, sich in ber Maskierung gehen zu lasten, spielt nun noch bie Freude am Jrreführen und am Rätseln hinein. Wir haben Spaß daran, uns unerkannt an einen Menschen heranzumachen und zu beobachten, wie er auf uns reagiert. Umgekehrt raten wir, selbst maskiert, wieder an anderen Masken herum: wer wohl bahinkerstecken mag! Dieses Spiel, das sich besonders im Erotischen auswirkt, wird bann in ber Stunbe ber „Demaskierung" aufgelöst. Diese Reize entgehen benjenigen, bie einem Maskenfeste ein Kostümfest vorziehen: sie sinb nur kostümiert, ihr Gesicht ist unver- beckt. Nun, in ben großen Stabten kennt ja ohnehin meistens ber eine den anderen nicht, da mag man auch ohne Gesichtsmaske, auch ohne Larve, das Gefühl haben, „unterzutauchen" und „nicht erkannt" zu werden. Vielleicht hat aber überhaupt der moderne Mensch bie Hemmung überrounben, bie noch bie Menschen vor zwanzig, breißtg Jahren hatten. Er wagt es, sich loszulasten — auch ohne daß er schamvoll bas Gesicht bebetft. Der zweite Grunb unseres Vergnügens an Maske unb Kostüm ist ber Darstellungstrieb. Es gehört Mut unb Überlegenheit bazu, sich selbst wesentlich barzustellen. Das hieße also in biefem Zusammenhang: sich selbst zu karikieren. Die meisten Menschen werben etwas barzustellen versuchen, was sie selbst im allgemeinen Leben nicht sinb, was sie aber vielleicht fein möchten, wozu sie also eine Sehnsucht brängt unb wozu sie keimhafte Ansätze in sich oder an sich tragen. Freilich gehört nun auch dazu wieder eine Ueberlegenheit, ein Abstand von sich selbst, um diese Sehnsüchte zu ironisieren. Nun stellen aber bie Menschen nicht nur eigene Eigenschaften bar, sondern manchmal auch das, was sie an ihrer Umgebung zum Spotte reizt. Wenn es sich um große Maskenfeste handelt, dann ist das ein rein mimisches Vergnügen. Bei kleinen Festen im Bekanntenkreise ist es ein Mittel, diesem und jenem etwas am Zeuge zu flicken — natürlich wiederum im Schutz der Maske denn m unserer gewöhnlichen Erscheinung am Alltag Hütten wir nicht den Mut dazu. Aus solchen Scherzen können kleine Szenen entstehen, wenn der Zufall sein übriges tut und wenn die Beteiligten gelöst und schlagfertig genug sind. Wir gehen nicht fehl, wenn wir im Karneval einen der Ursprünge Des Theaters sehen. Die „Commedia dell arte" mit Gozzi und G 0 1 - d o n i in Italien, bie „Fastnachtsspiele" aus ben Kreisen eines Rosen- plüt, Hans Volz unb Hans Sachs in Deutschlanb beweisen bas. Die Darstellungsfreube, bie zur Maskierung brängt, finbet ihre Kultur in ber Auswahl ber Masken unb Kostüme, in ber persönlichen Note unb geschmackvollen Aufmachung eines Kostüms, in ber eigenartigen unb bildhauerisch wertvollen Modellierung einer Gesichtsmaske und im Stegreifspiel der Maskenträger (unter sich und zum Vergnügen des zufälligen Publikums). Und endlich m dem Gesamtcharakter, der von den Veranstaltern einem ganzen Masken- und Kostümfest gegeben werden kann: indem es unter ein Motto gestellt wird, unter ein bestimmtes Thema, so daß bann alle Masken unb Kostüme in ihrer Gesamterscheinung ein harmonisches Bild darstellen. Und eine dritte Antwort auf die Frage nach dem Grunde unseres Vergnügens an ber Maskierung Wir stehen noch im Zusammenhang mit ben Kultformen ber Vorzeit Der Mensch bes Ursprungs glaubt an Dämonen, bie ihm Segen ober Verberben bringen. Er denkt sich diese Dämonen in bestimmten Gestalten. Und um diese wichtigen Dämonen an sich heranzuziehen unb günstig zu stimmen ober von sich sernzuhalten unb abzustoßen, steckt er sich in eine Maske, in eine Verkleibung, bie ber Erscheinung bes Dämons ähnlich (ein soll Auf bicfe Weise, gleichsam als Seinesgleichen, glaubt er ihn anzulocken ober wirksam zurück- zustoßen. Solche zauberische Dämonbegegnungen treibt ber Mensch bes Ursprungs auf Höhepunkten bes Lebens unb zu wichtigen Zeiten bes Jahres Sie hat sich aus ber Vorzeit her erhalten in gegenwärtigen Volksbräuchen, bei Hochzeiten unb Erntefesten unb, wenn man bie Ueberroinbung bes Winters burch ben Frühling feierlich begeht — gerabe bies ist ja auch bie Zeit, in bie ber Fasching fällt. Die kultischen Zusammenhänge werben bem klar, ber sich ber unausweichlichen Dämonie ber Maske hingibt, besonbers ber mobetfierten geschnitzten Gesichtsmasken — wie sie von Volkskünstlern im Volke selbst zu ben heiligen Bräuchen hergestellt werben. Mir haben neuerbings burch Hermann Reichs Forschungen auf bem Gebiete bes Mimus, burch Bi11ingers Theaterstücke burch Mary W i g m a n s , Herta Feists unb Wy M a - gitos Tänze, burch Louis Trenkers Film vom „Verlorenen Sohn" lebhaftes Verständnis für die zwingende Kraft der Masken Wir haben auch ein eindringlich lehrreiches Bilderbuch: von Ilse Schneider- L e n g y e I über die Gesichtsmasken aller Völker. Und wenn wir uns auch der Freude des Karnevals hingeben, so wollen wir doch nicht ganz die kindliche Furcht einbühen. die uns beim Anblick einer Maske ergreift, besonders einer gewaltig burchgesührten Gesichtsmaske! Eigentlich macht ja erst ber Maskenträger bie Maske Die Starrheit wirb in ber Bewegung erst recht bämonisch. Daher auch bie tiefste Wirkung ber Maske im Maskentanz! Da faßt uns wahrhaftig bas Ewige an. Der Türke aus der „Blauen Laterne" Auch eine Faschingsgefchichte von Frank F. Braun. Die „Blaue Laterne" öffnete ihre Pforten nachts um 4 Uhr, gerabe zu ber Zeit, wenn bie Ball-Lokale schließen mußten Kurz nach vier Uhr war bas Lokal baher ber Treffpunkt aller Nachtschwärmer, bie noch nicht nach Hause finben konnten. In biesen Wochen bes Faschings unb der Bälle erlebte es eine Hochsaison. Alfreb Bisse saß hinter der Zeitung an einem Ecktisch und rauchte. Sein Grog war kalt geworden; er hatte bas Getränk vergessen Dieser Zeitungsbericht verlangte seine ganze Aufmerksamkeit Frecher Einbruch. Gestern in ben frühen Morgenstunben würbe in ber Amfelstraße ein kühner Einbruch verübt. Einbrecher statteten ber Wohnung bes Stabtrats K einen Besuch ab unb ließen Bargelb sowie Schmuckstücke im Werte von mehreren taufenb Mark mitgehen ©tabtrat K., ber sich auf einem Wohltätigkeitsfest befanb, muß seine Schlüsse! verloren haben, beim Türen unb Behälter waren in ber Wohnung ohne jebe Beschäbigung geöffnet worben Für bie Ergreifung ber Täter unb Herbeifchaffung bes Raubes ist eine gute Belohnung ausgesetzt Sachbien- liche Mitteilungen an bie Kriminalinspektion A. IV erbeten ober an die nächste Polizeistation Alfred Bisse ließ das Blatt sinken. Er lächelte schwach Dann legte er bie Zeitung ganz beiseite Cs kam gerabe ein neuer Schwarm Besucher herein Der kleine bickliche Herr mit ber Golbbrille blieb an ber Tür stehen. Höflich nahm er seinen roten mit einer Quaste verzierten Türkenfez vom Kopf. Jrgenb jemanb lachte. Da fetzte er ihn roieber auf. Ratlos blickte er sich um. Alles besetzt. Nur an Alfreb Bisses Tisch schien noch Platz. Entschlossen gab sich ber falsche Türke baher einen Stoß unb steuerte heran. Man erkannte, er war nicht mehr ganz nüchtern; aber er erreichte sein Ziel noch glatt. „Wenn Sie nichts dagegen haben . „Gewiß nicht", antwortete Bisse freundlich. „Nämlich, die Amorsäle haben eben geschlossen." Gespräche beginnen zuweilen auf absonderliche Weise. Alfred Bisse fand sich zurecht. „Sie waren dort? War es schon?" „Ganz — hup — großartig. Sonst wäre ich auch eher weggegangen Nämlich, meine Frau ist nicht mit. Sie hat sich erkältet Es ist nicht die Grippe. Nur ein Schnupfen. Aber Frauen sind so eitel Mit einer roten Nase wollte sie mich nicht begleiten Da bin ich ohne sie gegangen." „Ihre Gattin wird Sie jetzt nicht gerade herzlich empfangen1" „Ich wohne nicht weit", erklärte ber Türke, „in ber Kleiststraße; ich gehe auch halb." „Sn der Kletststraße wohnen Sie? Da bin ich auch zu Hause. Gestatten Sie übrigens: Lander, Zahnarzt." „ „Ange—angenehm. Lohorn; ich bin Banner. , Ich qlaube, ich habe Ihr Namensschild schon im Vorbeigehen gelesen Wohnen Sie nicht Nummer 18 im Erdgeschoß? ,Falsch Nummer 22 im ersten Stock!" „Sehen Sie, ungefähr stimmt es doch." ., : , ®in eiliger Kellner bediente. Sie tranken sich zu. „Wenn ich setzt nach Hause komme, schläft alles", sagt Herr Lohorn. „Ich werde auch niemanden wecken Gestern abend habe ich veranlaßt, daß tue Sperrkette ajcht oorgelegt wurde So komme ich lautlos in die Wohnung. .Store Frau wird selbstverständlich aufwachen." Der Bankier schüttelte mit verschmitztem Gesicht den Kopf. „Das Schlafzimmer liegt nach hinten heraus. Gleich die erste Tür aber, die vom Korridor abgeht, führt in mein Arbeitszimmer. Dort werde ich auf dem Diwan kampieren Kein Mensch weiß, wann ich gekommen bin. „Ich wünsche Ihnen, daß Sie nicht, wie ich Pechvogel, Ihre Schlussel vergessen haben und hier den Tag abwarten müssen/ Der Bankier schüttelte den Kopf. „Kann mir gar nicht — pardon — gar nicht passieren." Er suchte in seinen Taschen und fand das Schlüsselbund. „Da", sagte er und hielt es triumphierend hoch. In diesem Augenblick stand am Nebentisch ein falscher Apache auf und wollte im engen Gang vorbei. Aber er verlor das Gleichgewicht und stolperte. Al? er die Arme in die Luft warf, schlug er dem Bankier die Schlüssel aus der Hand und stieß die Gläser vom Tisch. Alfred Bisse und der Bankier standen auf. Bisse bückte sich, er suchte die Schlüssel unter dem Tisch. Lohorn wehrte den Betrunkenen ab. Aber der meinte man habe ihn absichtlich zum Stolpern gebracht und fing mit Lohorn einen Streit an. Mit Mühe gelang es, ihn zu beschwichtigen. Er verschwand scheltend im Waschraum. Alfred Bisse gab dem Bankier die Schlüssel zurück. Lohorn steckte sie dankend ein. „Ich muh mir die Hände waschen", sagte Bisse, „ich habe da in den vergossenen Wein gegriffen. Sie warten wohl auf mich?" „Natürlich. Wir gehen zusammen nach Hause, da wir in derselben Straße wohnen." Alfred Bisse ging nicht in den Waschraum, sondern verließ durch eine Nebentür die „Blaue Laterne". An der Ecke traf er den Apachen, der hier vollkommen nüchtern ihn erwartete. „Gut gemacht, Emil", sagte er. „Ich habe die Schlüssel. Der dicke Bankier hat die von gestern aus der Amsel- ftrafje. Gehe wieder hinein und halte ihn noch eine kleine Viertelstunde auf. Ich erledige inzwischen den Besuch in seinem Herrenzimmer, das er mir so gut geschildert hat." Die Kleiststraße war nicht weit Alfred Bisse fand das Haus und öffnete es mühelos. Er stieg kn den ersten Stock. Da stand wirklich LOHORN an der Tür. Geräuschlos schloß er auch hier auf. Der Korridor lag dunkel, aber Bisse vermochte sich zurechfzusinden. Die erste Tür nach vorne heraus sollte in das Arbeitszimmer führen. Da würde der Schreibtisch stehen, zu dem gewiß der kleine Schlüssel paßte, den er am Bund entdeckt hatte. Vorsichtig drückte er die Türe auf. Sie öffnete sich lautlos. Er trat ein und schloß sie sofort hinter sich. Schon erkannte er den eckigen Block eines Schreibtisches und wollte darauf zu — da flammte Licht auf und das ganze Zimmer war strahlend hell. Drei Männer, die er unschwer als Kriminalbeamte erkannte, standen mit erhobenen Revolvern vor ihm, zwei vom Fenstervorhang noch halb bedeckt, einer aus dem Schatten des Bücherschrankes aufgetaucht. „Hände hoch! — Stehen bleiben!" Er ließ sich festnehmen. — Die Beamten warteten. Worauf? Es dauerte nicht lange, dann tarn der kleine dicke Bankier Lohorn, der falsche Türke aus der „Blauen Laterne". Er rieb sich die Hände. „Wundervoll sind Sie uns diesmal auf den Leim gegangen, Alfred Bisse. Ich dachte mir gleich, daß der Einbruch in der Amselstraße Ihr Werk war. Ich kannte Ihr Stammlokal und da Sie mich nicht kannten, konnte ich selber die Hauptrolle spielen Ihren Komplizen, der meinen Wein umwarf, haben wir natürlich auch " „Wer sind Sie?" knurrte Bisse. „Kriminalinspektor?" „Ja", sagte der kleine Herr. „Sie sind bei mir eing«t>rochen. Allerdings heiße ich nicht Lohorn. Das Schild an der Tür haben wir nur für eine Nacht angebracht. Mein Name ist Türk." Und er nahm den roten Fez ab und lächelte, als bringe er eine kleine Pointe. Hans Sachs, der Klassiker des Fastnachtsspiels. Von Dr. Paul Junghans. Ein Kupferstich, der in Hans Sachfens letztem Lebensjahr entstanden ist, zeigt uns einen alten knorrigen Mann, dessen Antlitz von langen weißen Haaren und dem aus den Pelz herabfallenden ehrwürdigen weißen Bart umrahmt ist. Nicht das Gesicht eines Gelehrten ist es, aber dennoch das eines Weifen, der mit wachen, beobachtenden Augen in die Welt schaut und viel von seinem inneren Licht über sie hin- faücn läßt. Zur ehrsamen Zunft der Schuhmacher gehört Hans Sachs, und er versteht sein Handwerk wohl; auch die philosophische Natur seiner Zunstgenossen hat er besessen, die, tief über die Schuhe ihrer Mitmenschen gebückt, oft seltsamen Gedanken nachspinnen. In ihrem alten, heute vergessenen Berusswahrzeichen, der mit Wasser gefüllten Glaskugel, die das Tageslicht hell auf den arbeitenden Händen sammelt, spiegelt sich die ganze Außenwelt: die Besitzer der Schuhe kehren ein und verweilen ein roentg bei dem Meister, um seinem Tagwerk zuzusehen, ihren Frohmut zu verschenken oder ihren Kummer zu klagen und den schrulligen Worten des ^chmters zu lauschen, in denen ein geheimes Lachen klingt: und die Schuhe selbst erzählen schließlich von den Schicksalen ihrer Herren und von langen Wegen über hartes Straßenpflaster und über staubige Landstraßen. Eiwas von diesem Urbild des Schuhmachers, der wie jeder Handwerker ein besonderes Berufsgepräge hat, das durch Arbeit und Werk geformt wurde, ist in dem Bildnis des 77jährigen Nürnberger Schuhmachers und Poeten zu entdecken. Aber auch das Besondere und Einmalige dieses Meisters seiner Zunft leuchtet in den festen sicheren Zügen seines Gesichtes. Er ist ein Bücherwurm und Vieleswisser, der am liebsten bei seinen alten Büchern fitzen blieb, tn denen Volkswitz und Weisheit in wunderliche Worte und rührend einfache Reime gefaßt find, zugleich ist er aber auch ein Betrachter der lebendigen Welt, die er mit den ausgezeichneten Geschichten vergleicht. Er verleiht ihnen dann, wenn sie bestehen können, in der Gegenwart neues Leben, da Lachen und Tränen ewig dauern. „Der so fröhlich die Töglichkeik sah, wußte, so war es immer gewesen: die Guten und Bosen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre, wie Flamme und Rauch: wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben am liebsten geschäftig." Mit diesen Worten hat Wilhelm Schäfer in einer seiner Miniaturen die Lebensweisheit des Nürnberger Schuhmachers und Poeten beschrieben, aus der soviel fromme und lehrsarne Meinungen und derbfröhliche Schwänke hervorgingen. Sein Dichten war ihm niemals nur eine Nebenbeschäftigung, sondern etwas seinem Wesen und Beruf Zugehöriges, das sich nicht von ihm trennen lief). Der Siebenjährige war zur Lateinschule gegangen, um dort Grammatik und Musik zu lernen, und danach in die Schusterlehre gekommen. Die Wanderjahre führten den jungen Hans durch den ganzen deutschen Süden; während er so anderer Meister Kunst und Geschick in seinem Handwerk erlernte, übte er sich gleichzeitig in der Kunst des „Meiskersingens", um selber einmal eine „Schule" dieser Kunst für feine Zunftgenoffen zu halten. Als Meister der Ahle und Feder lebte er dann in der Stadt Dürers, aus derselben Erde erwachsen und von gleichem realistischen Gegenwartsbewußtsein und wundersamer EwigkeUs- bezogenheit. Nur wer den frommen und lehrsamen, den kämpferischen und bekennenden Hans Sachs kennt, versteht auch den schelmischen Spötter und Tadler der menschlichen Schwächen und Tücken recht, nur wer verfolgt, wie Sachs feine Mitbürger belehren und erziehen will, erfaßt auch die Fülle und den tiefen Sinn feiner burlesken, derben Schwänke. Wohl ist er dort zumeist trocken und dürr für unsere Ohren, hier jedoch saftig und kräftig. Aber immer sind feine Spiele, die von einer lebendigen spielfreudigen Jugend in den letzten Jahrzehnten wieder aus den Studier- ftuben der Philologen auf die Bühne gestellt wurden — fei es das vom „Fahrenden Schüler im Paradeis" ober das vom „Kälberbrüten" ober eines ber vielen Dutzend anderen — in ein weltweises gütiges Lächeln getaucht. Alle die knappen Szenen, in denen das ganze Alltagsleben der deutschen Städte und Dörfer feiner Zeit wie aus einer farbenkräftigen Chronik wieder ersteht, strahlen eine bezwingende Fröhlichkeit aus, die nie in Bitterkeit mündet; der Kummer ber Getäuschten und Betrogenen und der Triumph ber durch List und Schläue Ueberlegenen klingen zuguterletzt stets in freundliche belehrsame Reime aus, die den Schwank zum Gleichnis machen, wie es heute noch die Kalendergeschichten tun. An alte Scherzworte und Schwänke anknüpfend, hat Hans Sachs feine Spiele aus dem Volk selbst geschöpft und sie für das Volk geschrieben, das sie in ursprünglicher Spielfreude am einzigen dafür erlaubten Tag, zu Fastnacht, barfteUte unb beifaUsfreubig aufnahm. So finb die Fastnachtsspiele des Hans Sachs ein Keim geworden, aus dem unser weltliches Theater emporwuchs. Zu seiner Zeit war Theaterspiel geradezu der Darstellung dieser Fastnachtsschwänke aleichzn- setzen. „Das gesamte weltliche Drama des 15. Jahrhunderts darf in Deutschland als Fastnachtsspiel angesehen werden" (Scherer); neben dem frommen Mysterienspiel, aus dem die überwuchernden komischen Szenen ausgeschlossen wurden, erblühte in den Fastnachtsschwänken aus unverlierbarer Spiellaune des Volkes die profane Theaterkunft. Immer wieder haben größere Meister des Wortes als Hans Sachs aus seinen Fast- nachtsschwänken geschöpft und sich durch ihre übersprudelnde Luft am Spiel zum Theater hinleiten lassen. Goethe hat sich „in der Jacke von Hans Sachs", dessen „Narrenschneiden" er im Weimarer Liebhabertheater zur Ausführung brachte, eine Zeitlang sehr wohl gefühlt und seinen Dank an Meister Sachs mit ehrlichen freimütigen Worten abgeplattet: „Hans Sachs, der wirklich meisterliche Dichter lag uns am nächsten Ein wahres Talent, freilich nicht wie jene Ritter und Hofsänger, sondern ein schlichter Bürger, wie wir uns auch zu sein rühmen. Ein didaktischer Realist sagte uns zu, und wir benützten den leichten Rhythmus, den sich willig anbietenden Reim bei manchen Gelegenheiten. Es schien diese Art so beguem zur Poesie des Tages und deren bedurften wir jede Stunde!" Das letzte Geheimnis dieser tiefgehenden Wirkung der kleinen Fastnachtsschwänke des Hans Sachs liegt in ihrer Sprache nicht minder als in ihren uralten Schwankgestalten. Es ist die Sprache des Volkes, in der es seine Reime und Lieder dichtet, ohne viel Kunst, aber voll Gemüt und Tiefe, voll Kraft und Klang. Das war sicherlich des Schuhmachers und Poeten größter Vorteil, den er durch fein Handwerk gewann; es ließ ihn mitten im Volk hören und sprechen, mit Vornehmen und Armen, mit Städtern und Bauern, mit Männern und Frauen, mit Soldaten und Kindern. Ihre herzhaften Morte drangen in ihn ein und strömten dann in seine lustigen Schwänke: er .vergalt, was er empfing, so wie er auch bekannte, wem er Dank schuldete. Sein Lobgedicht auf Nürnberg wird so zu einem Ruhmeswort für alle Lande, in denen die deutsche Sprache, Hans Sachsens lebendige und gemütvolle Dichtersprache, erklingt: „Aus hoher Gunst ich mich verpflicht. Zu vollenden dieses Lobgedicht Zu Ehren meinem Vaterland, Das ich so hoch lobwürdig fand Als ein blühender Rosengart, Den Gott ihm selber hat bewahrt Durch seine Gnad bis auf die Zeit, Gott geb noch lang, mit Einigkeit, Auf das Lob grün, blüh und wachs. Das wünschet von Nürnberg Hans Sachs." Verantwortlich: l^r. Hans Thyrivt. — Druck undDerlag:Drühl'sche Antversitäts»Duch» und Steindruckerei, A. Lange. Gießen.