Gießener ZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den 4» Hebruar Nummer 10 HANS DOMINIK • EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 SY KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) „S ie Tonnen Silber, sagten ^ie, Bolton?" Der tnurrte etwas Unverständliches, Garrison fuhr fort. „Das Kilogramm Silber notiert augenblicklich zwei Dollars. Sind immer-' hin schon achttausend Dollars. Neunhundert Kilogramm Platin, die letzte Notierung für das Kilogramm lag bei tausend Dollars. Macht neunhunderttausend, zusammen mit dem Silber 908000 Dollars. Ziehen wir die Rechnung der Melting and Refining Company ab, bleiben 808000 Dollars für uns." Bolton wühlte in den Schriftstücken und zerrte ein anderes Blatt hervor. „Sie rechnen wie ein Schuster, Garrison! Hier sind unsere andern Unkosten zufammengestellt. Ich will Ihnen nur die wichtigsten Posten nennen. Ein Flugzeug verloren. Zwei Reisen der ,City of Boston“ nach dem Mac- Murdo-Sund. Captain Andrews Expedition ausgerüstet. Zum Schluß noch der unverschämte Zoll, den 'ie uns in Frisko für das Erz abgenommen haben. Alles in allem rund eine halbe Million Dollars. Ich danke schön für das Geschäft — was Sie so .Geschäft“ zu nennen belieben." Ungeduldig griff Garrison wieder zum Bleistift und rechnete weiter. Ziehen, tvir also die halbe Million Dollars auch noch ab, so bleiben immer nock l08000 Dollars Reingewinn. Ich meine, auch damit könnten Sie zufri den sein." B l on griff sich an die Stirn und warf seinem Partner einen wütenden Blick zu. „Sie find ein kompletter Narr, Garrison! Anders kann ich mir Ihre Rede nicht erklären. Bilden Sie sich denn wirklich im Ernst ein, daß ich mir ein volles Jahr meines Lebens um die Ohren schlage, mich in Abenteuer und Strapazen stürze, um schließlich mit einem lumpigen Gewinn von 300000 Dollars."-- „— — 308000 Dollars", wagte Garrison einzuwersen. „--von 300000 Dollars, die ich noch nicht einmal habe, herauszu- gel en", brüllte Bolton. „Ich habe sie ja noch nicht einmal. Die neunhundert Kilogramm Platin müssen erst noch an den Mann gebracht werden. Es sind zwanzig Prozent der jährlichen Weltproduktion. Wer weiß, wie der Markt darauf reagieren wird." „Man muß das Metall vorsichtig atif den Markt bringen. In kleineren Mengen, so daß der Preis nicht gedrückt wird", versuchte ihn Garrison zu beschwichtigen. Bolton lachte auf. „Die Interessenten in Chicago und New York wissen heute schon längst, daß für meine Rechnung bei der Melting and Refining Company neunhundert Kilogramm Platin lagern, und sie werden ihre teile danach machen. Der Metallhandel ist nicht besser als der Pferde- ha del." — Bolton sprach aus Erfahrung. Er hatte in früheren Jahren manchen fetten Fischzug an der Metallbörse gemacht, und kannte sich in allen dabei üblichen Tricks und Kniffen genau aus. Einen Teil seiner Millionen hatte er mit Kupfer und Zinn verdient, indem er blanko teuer verkaufte und vor dem Liefertermin die Preise durch allerlei dunkle Manöver ins Bodenlose drückte. Jetzt waren die Rollen vertauscht, und während der nächsten Wochen bedurfte es aller Gerissenheit von Seiten Boltons, um feine Vorräte abzufetzen, ohne daß die Preise dabei allzu lehr sauken. Als er das letzte Kilo glücklich los war und das Fazit zog, blieb ihm gerade noch ein Reingewinn von zweihundertfünfzigtausend Dollars. Mit saurem Gesicht schrieb er den Scheck aus, der Garrison zehn Prozent davon überwies. Die Feder spritzte, als er den Schlußstrich feines Namens zog. „So, Garrison! Da haben Sie Ihren Anteil. Einmal und nicht wieder. Bon der Antarktis bin ich kuriert." Garrison löschte den Scheck ab und barg ihn sorgsam in feiner Brieftasche. „Captain Andrew hofft", begann er vorsichtig, „daß Sie ihm die Mittel für seine nächste Expedition zur Verfügung stellen werden.““--- „Da hofft Captain Andrew vergeblich", unterbrach ihn Bolton unwirsch. Die nächste Reise mag ihm meinetwegen des Teufels Großmutter bezahlen. Ich nicht, Garrison! Ein zweites Mal falle ich auf den Schwindel nicht rein. Das ist mein letztes Wort in dieser Sache. Wenn Sie einen Dummen brauchen, müssen Sie sich an jemand anders wenden. Für mich ist die Sache ein für allemal erledigt." Garrison sah das Zwecklose seiner Bemühungen ein und wollte gehen, als Bolton noch einmal anfing. „Ein wahres Glück übrigens, daß mein Telegramm an den Präsidenten, das ich damals auf der .Frejus“ aufgab, nicht angekommen ist. Das hätte eine fchöne Blamage für mich werden können. Manchmal haben auch Aetherstörungen ihre Vortelle." Garrison hielt den gegenwärtigen Augenblick nicht für geeignet, Bolton darüber zu unterrichten, daß jene Depesche in Wirklichkeit niemals abgegangen war. Er verabschiedete sich, um vorläufig nach Pasadena zurückzukehren. Bolton machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten. Sein Hirn spielte bereits mit anderen Ideen, die ihm während der Abwicklung des Platingeschäftes gekommen waren. Sie waren vielleicht nicht ganz mit den Gesetzen der amerikanischen Union in Einklang, aber sie versprachen einen schnelleren und größeren Gewinn als das antarktische Unternehmen, an das er in späteren Jahren nur noch mit flüchtigem Bedauern zurückdachte. Ein neuer Tag brach in der Antarktis an. Wie in flüssiges Gold getaucht, erschienen die Industriebauten am Bolidenkrater in den Strahlen der wieder , hochkommenden Sonne. Anderthalb Jahre waren verflossen, seitdem man hier mit dem Abbau der wertvollen Erzadern begann. Achtzehn lange Monate hindurch hatte der Donner schwerer Sprengungen den Krater durchtost. In steter Arbeit hatte der elektrische Strom in den Aufbereitungsanlagen das gediegene Gold aus dem gewonnenen Erz gezogen, durch fast fünfhundert Tage und ebenso viele Nächte war ununterbrochen das dröhnende Spiel der Münzstempel erklungen, die es zu Kronen und Doppelkronen ausprägten. Jeder Ader, die das gelbe Metall enthielt, waren die Sprengungen in die Teufe nachgegangen, soweit sie lief. Nun ging die Arbeit zu Ende. Das Goldnest war leer, war restlos ausgenommen. Professor Eggerth und Ministerialdirektor Reute, die am Rande des Kraters standen, die Abbaupläne des Kratergrundes in den Händen, konstatierten es in der gleichen Sekunde. „Ihre Schätzung traf genau zu, Herr Professor", sagte Reute. „Mit dem letzten Gold, das unsere Schiffe heute nach Deutschland mitnehmen, kommen wir auf zwanzig Milliarden und ein paar Millionen." Professor Eggerth faltete die Pläne nachdenklich zusammen. Reute ging ein paar Schritte weiter zu dem Kraterrand hin und Professor Eggerth folgte ihm. Beide blickten in den Schlund hinab. Es war still dort in der Tiefe, wo noch vor kurzem der brausende Takt rastloser Arbeit dröhnte. Nur noch wenige Lampen erhellten den dunklen Grund, Werkleute waren an der Arbeit, Bohrmaschinen und Feldbahngleise zu demontieren und die einzelnen Teile zu den Fahrstühlen zu bringen. „Kehraus, mein lieber Reute!" sagte der Professor. „Es stimmt immer wehmütig, wenn man mit ansieht, wie eine Arbeitsstätte aufgegeben wird." Der Ministerialdirektor schüttelte den Kopf. „Es will mir immer noch nicht recht eingehen, Herr Eggerth, daß wir den Abbau schon aufgeben. Die Regierung in Berlin hat es beschlossen und als Beamter muß ich den Beschluß ausführen. Aber mit vollem Herzen bin ich nicht dabei. Die vielen Tausende von Tonnen reinen Nickeleisens, die da unten noch lagern — und bann vor allen Dingen die Unmengen von Platin, die man aus dem Erz ziehen könnte. Ich sehe nicht ein, warum man das nicht ausnutzen will." Der Professor konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. Es lag noch auf seinem Gesicht, als er Reute antwortete: „Haben Sie vergessen, Herr Ministerialdirektor, wie sehr der Platinmarkt schon durch die paar hundert Kilo erschüttert wurde, die wir uuserm Freunde Bolton zukommen ließen? Der Platinbedarf der Welt ist nur gering. Es gibt genug vollwertige Ersatzstoffe dafür. Kämen wir auch nur mit ein paar Dutzend Tonnen dieses Metalles auf den Markt, so würden die Preise sofort ins Bodenlose stürzen. Es lohnt sich wirklich nicht, den Abbau hier noch fortzusetzen, so verlockend er auf den ersten Blick vielleicht auch -scheinen mag." Reute schüttelte den Kopf. „Ich weiß, Herr Professor, daß der Beschluß unserer Regierung zum Teil auf Ihr Gutachten zurückzuführen ist. Trotzdem will es mir nur schwer eingehen, daß wir die Kraterstation aufgebeu sollen." • Professor Eggerth merkte wohl, daß die Angelegenheit dem Ministerialdirektor ernstlich zu Herzen ging, und er wurde selbst ernst, während er weitersprach. „Sie dürfen überzeugt sein, Herr Reute, daß mein Gutachten auf sehr genauen Berechnungen basiert: „Wir müßten das Rickeleisen hier mit immerhin ziemlich erheblichen Kosten gewinnen und um den halben Erdball nach Deutschland schaffen. Das ergibt schließlich einen Preis, der um fünfzehn Prozent höher liegt, als für den Stahl, den wir in unfern deutschen Werken aus einheimischen Erzen erzeugen. Dazu käme noch, daß wir unserer einheimischen Industrie damit eine Konkurrenz bereiten. Wir müßten in Deutsch- land wieder Feierschichten einiegcn und einen Teil unserer Hochöfen aus- blasen, wenn wir hier weiter arbeiten wollten. Das sind, denke rch, zwingende Gründe, denen sich niemand verschließen kann." ~ Reute fuhr sich über die Stirn, als ob er lästige Gedanken vertagen wollte. Erst nach einer Weile antwortete er. „Ich will zugeben, Herr Professor, daß Sie recht haben. Aber das andere — Sie wissen, was ich meine — ist das wirklich unbedingt notwendig? „Es ist jedenfalls besser, wenn es geschieht, Herr Reute, und ich freue mich, daß unsere Regierung auch hier meinem Vorschlag zugestnnmt hat. Bon allen Seiten trommelte und dröhnte es in den Lüften. Es toten, als ob die ganze Luftflotte der Eggerth-Werke sich hier in der fernen Antarktis ein Stelldichein gäbe. In kurzen Zwischenräumen kamen die neuesten größten Stratosphärenschiffe an. Maschinen und Bauteile aller Art der- schwanden in ihren Rümpfen, und voll beladen mit Material und Menschen stiegen sie bald wieder auf, um ihre Last nach Deutschland zu bringen. Schon seit Tagen war der Krater selbst vollkommen geräumt. Viel schneller, als sie einst entstanden waren, verschwanden nun auch die Bauten an seinem Rande. Rur noch der geebnete Felsboden verrret die Stelle, an der das große Kraftwerk so lange gestanden hatte. Verschwunden waren die ausgedehnten Wohnbaracken zusammen mit der bergmännischen Belegschaft, die in ihnen gehaust hatte. Nur eine kahle Stelle zwischen Erzhalden verriet dem Wissenden, daß hier einmal die Erzaufbereitung stand. Reute hatte seinen Arbeitsplatz in eine Kabine von ,St 14* verlegen müssen, die Professor Eggerth ihm einräumte. Man schrieb den siebenten April, als der leitende Ingenieur ihn dort aufsuchte und meldete. „Herr Ministerialdirektor, die Arbeiten sind beendet. Die letzten Schiffe sollen in einer Stunde nach Deutschland abgehen." Reute nickte. „Ich danke Ihnen. Glücklichen Heimslug für Sie und alle die andern." Der Ingenieur wollte gehen, als ihn Professor Eggerth aufhrelt. „Sind die Sprengkammern geladen?" „Jawohl, Herr Professor, es ist alles planmäßig geschehen." „Ist die Zündung nach den Spezialzeichnungen vorbereitet?" „Auch das, Herr Professor. Sie brauchen nur einzufchalten, um sie scharf zu machen." Der Professor stand auf und drückte dem Ingenieur die Hand. „Dann danke ich Ihnen. Auch ich wünsche Ihnen einen guten Heimflug. Auf Wiedersehen in Deutschland." Der Ingenieur >var gegangen. Schweigend blieben Reute und Eggerth in der Kabine zurück. Nicht lange, dann drang das Dröhnen von Motoren zu ihnen. Eins der Stratosphärenschiffe nach dem andern schraubte sich in die Höhe und verschwand am Nordhorizont. Rur noch ,St 14* lag allein in der eisigen Einöde am Kraterrand. Professor Eggerth erhob sich und warf den Pelz über. „Es wird Zeit, Herr Ministerialdirektor. Der letzte Akt des Dramas be- ginnt. Wollen Sie mitkommen?" Reute schüttelte den Kopf. Er zog es vor, im Schiff zu bleiben. Ohne ihn ging Professor Eggerth über das verschneite Land zu einem Mastenpaar, das man allein von allen den vielen Masten hier stehengelassen hatte. Eine Antenne war zwischen den Mastspitzen ausgespannt. Ein Draht von ihr führte zu einem Schalter. Von dein Schalter lief ein isoliertes Kabel weiter und verschivand zwischen den Felsen. Der Professor legte den Schalter um und kehrte zum Schiff zurück. Gleich danach begann auch die Hubfchraube von ,St 14" einen dröhnenden Wirbel zu schlagen. Das Schiss stieg auf und trieb in großer Höhe langfarn nach Norden ab. Im Funkraum stand der Prosesfor zusammen mit Reute. Tief unter ihnen lag der verlaffene Krater. Wie eine Mondlandfchast wirkte das ganze in den Strahlen der tiesstehendeu Sonne. Sorgsam stimmte Professor Eggerth selbst den Sender ab, und in einem eigenartigen Rhythmus gab er danach Striche und Punkte mit der Morsetaste. Kein Funker hätte dies Telegramm entziffern können, aber eine eigenartige Wirkung hatte es. Kaum hatte der Professor das letzte Zeichen gegeben und die Hand von der Taste zurückgezogen, als das Land um den Krater zu erzittern und zu beben begann. Einen Augenblick schient, als ob das ganze Ringgebirge sich von seiner Unterlage ablösen und in die Höhe steigen wollte. Dann brach es in sich zusammen, kippte von allen Seiten nach der Mitte hin und ließ unendliche Gesteinmengen in den Kraterschlund stürzen. Graugelber miß- karbiger Qualm, durchzuckt von roten Stichflammen, brach aus den stürzen- ocn Gesteinsmengen hervor, und im Augenblick war das Bild verwandelt, nur noch eine trümmerbefäte Ebene, wo sich vor Sekunden noch deutlich daS riinde Ringgebirge zeigte. Noch starrte Reute aus das so vlötzlich verwandelte Gelände, als der Donner der gewaltigen Sprengung bas Schiss erreichte und ihn für Sekunden säst taub machte. Rollend und grollend verdröhnten allmählich die gewaltigen Schallwellen und das Geräusch der Schiffsmoforen drang wieder durch. ,SI 14' änderte seinen Kurs und kehrte zu der ©teile zurück, an der früher die Kraterstation stand. In verschiedenen Höhen kreuzte es über dem Platz und immer zufriedener wurde dabei das Gesicht des Professors. „Fürchterlich!" sagte Rente. Es war das erste Wort, das seit der Sprengung Über seine Lippeii kam. „Großartig, Herr Rente!" erwiderte der Professor. „Genau so dachte ich eS mir. Die tausend Tonnen Dynamit haben genau so gewirkt, wie ich es wollte. Kein Mensch wird hier noch einen Bolidenkrater vermntcn. Run mögen die Amerikaner, Norweger und wer sonst noch will in den nächsten Monaten hier spazieren fliegen, soviel sie Lust haben. Was hier einmal war und was hier noch ist, das werden sie niemals entdecken." Er gab einen neuen Befehl in den Führerstand. ,St 14* drehte nach Norden ab und setzte seinen Kurs auf Deutschland. * »Tag, Schmidt, da sind wir wieder." Dr. Witte sagte es auf der Schwelle von Schmidts Arbeitszimmer, während er sich die Schneeflocken vom Pelz schüttelte. Nur langsam tauchte die lange dürre Gestalt Schmidts aus seinem Wust von Papieren und Tabellen empor. Es bedurfte einiger Zeit, bis seine Gedanken sich aus dem Reich der Theorien und Zahlen in die Wirklichkeit zurückfanden, und die schmalen Lippen sich zu ein paar Worten bequemten. „Schon wieder hier, Herr Witte? Schon wieder sechs Monate vorüber? Die Zelt ist schnell vergangen, aber ich bin auch gut weiter gekommen." Er griff nach einer Kurvenkarte, und ehe Dr. Wille noch dazu kam, feinen Pelz abzulegen, hatte er ihn fchon in ein gelehrtes Gespräch Über seine Entdeckungen verwickelt. Eine Weile ließ ihn Wille gewähren, bann winkte er ab. _ „Das Neueste, lieber Schmibt, bas wissen Sie ja noch gar nicht- Tas Neueste ist, baß wir jetzt auf Wunsch unserer Regierung bie Zelte hier toieber abbrechen unb hunbert Kilometer weiter nach Süben gehen. Die Schiffe, bie den Transport besorgen sollen, sind fchon zufammen mit unferent ange» kommen. Aber Sie hören und sehen ja nichts, obwohl sechs Stratosphärenflugschiffe bei ihrer Landung doch einen ziemlichen Krach machen. Wenn nicht wenigstens der neue Mafchinist herauskam, wäre überhaupt tem Menfch zu unferem Empfang dagewefen." Schmidt kniff die Lippen fest zufammen und brummte etwas Unverständliches vor sich hin. Immer noch knurrend und murrend begann er bie Unmenge von Tabellen unb Aufzeichnungen, bie ben großen Arbeitstisch vollkommen bebedten, zusammenzulegen und in einzelne Mappen einzuordnen. t , Schweigend Überließ ihn Dr. Witte seiner Beschäftigung und ging kops- schüttelnd in den Vorraum zurück. „Was hast du, Vater?" fragte ihn Rudi. „Der gute Schmidt fängt an, wunderlich zu werden. Ich glaube, mein Junge, es war nicht gut, daß wir ihn hier ein halbes Jähr allein gelassen haben. Es wird höchste Zeit, daß er mal wieder nach Deutschland unter andere Menschen kommt, sonst schnappt er uns am Ende noch über. Das nächste Mal muß er mit, ob er will oder nicht."--- Schon in den nächsten Stunden begannen die Abbauarbeiten. Es wiederholte sich das alte Spiel, das die Station schon einmal erlebt hatte. Die 'Stationsgebäude wurden auseinandergenommen und alles, was nicht niet» und nagelfest war, verschwand in den Laderäumen der Stratosphärenflotte. Als vorletztes Frachtstück verstauten sie den Dieselmotor der Maschinenanlage, als letztes den langen Schmidt mitsamt einem Berg von Mappen. Dann brach die Flotte auf. Schneewüste und eisige Einöde war wieder, wo fast ein Jahr lang das deutsche antarktische Institut seinen Platz hatte. Hundert Kilometer südlicher ließen sich die Schiffe vorsichtig finken und fuchten nach einem brauchbaren Landungsplatz. Anders sah das Gelände an dieser Stelle jetzt aus wie damals, als Professor Eggerth und Reute es nach der Sprengung verließen. Wie ein weißes Tuch hatte der Schnee sich darüber gelegt und alle Schroffen unb Schrunden, alle Narben unb Wunben mit» leidig verbeckt, bie ein gewaltiges Naturereignis unb menfchliche Technik, der alten Erdkruste hier geschlagen hatten. Erst als die Werkleute bie Schisse verließen und aus die Suche nach einer passenden Baustelle gingen, merlten sie, wie uneben und zerrissen das Land unter der Schneedecke war. Nach längerem Suchen fanden sie eine Stelle, die allen Anforderungen genügte, und auf den Abbruch folgte nun der Wiederaufbau. Zwei Tage und zwei Nächte nahm er in Anspruch. In Wechselschichten arbeiteten die Mannschaften, die in ben Schiffen mitgekommen waren. Dann war bas Werk vollenbet. Fertig unb arheitsbereit staub bie Station an bem Ort, an bem man noch vor kurzem uneubliche Golbmengen aus ber Tiefe holte. Ein kurzer Abfchieb, ein letztes Winken unb Grüßen, unb bie Strato- sphärenflotte stieg zum Rückflug nach Deutschlanb auf. Rur auf sich selbst angewiesen waren bie wenigen Menschen toieber allein, bie im Dienste ber Wissenschaft unb im Kampfe mit einer unwirtlichen Natur schon so viele Monate in ber Antarktis verbracht hatten. Als läge kein Urlaub, kein deutscher Frühling und Sommer dazwischen, nahm die altgewohnte Arbeit wieder ihren Anfang. Aus Tagen ivurdeu Wochen, und bie Wochen begannen sich zu Monaten zu summen. Schon war die Mitte des kurzen antarktischen Sommers erreicht. Dr. Wille befand sich mit den Fahrzeugen ber motorisierten Station auf einer Forschungsreise, bie ihn bis zu ben Hängen des Markhan-Gebirges führen sollte. Der lange Schmidt war in der festen Station zurückgeblieben, eifrig damit beschäftigt, das letzte Kapitel feines neuen Werkes nieberzu- schreiben. Zu seinem Leidwesen konnte auch Hagemann an der Expedition nicht teilnehmen. Dr. Wille hatte ihn mit dem fehr bestimmten Auftrag zurück- gelassen, sich um Doktor Schmidt zu kümmern und dafür Sorge zu tragen, daß ber immer mehr in seine Arbeit verbiesterte Gelehrte wenigstens bie Mahlzeiten regelmäßig innehielt. Ein mächtiger Raupenwagen, ber gleiche, ben vor Monaten ,St 11* an Borb bet ,City of Boston* absetzte, glitt nach Süben hin burch bie Antarktis. Jetzt verlangsamte er seine Fahrt unb hielt aus dem verschneiten Feld. Eine Tür öffnete sich, Captain Andrew kletterte hinaus und ging ein paar Schritte über den Schnee. Parlett folgte ihm, würdig wie ein englischer Lord, obwohl er mit allerlei Gerätschaften beloben war. Vor Captain Anbrew begann er sie aufzubauen. Ein breisüßiges Stativ zuerst, auf bas er sorgsam einen Theoboliten mit allem Zubehör aufschraubte. Ein Tischchen kam baneben, auf bem ein Präzisionschronometer unb ein elektrisches Chronoskop ihren Platz fanben. Captain Anbrew wollte auf Garrisons Wunsch noch einmal eine genaue Ortsausnahme machen. Er ging ans Werk. Immer wieber visierte er bie Sonnenscheibe an, drehte an Mikrometerschrauben, las feinste Skalen mit der Lupe ab, schrieb endlose Äffern in ein Buch, Winkelgrabe unb Winkel« minuten unb die dazu gehörigen mit dem Chronoskop ermittelten Zeiten. Griff dazwischen zu astronomischen Tabellen unb versuchte zu rechnen, während ihm die Finger klamm wurden. — Mr. Parlett erschien wieder auf ber Szene, um Captain Andrew einen heißen Toddy zu bringen. Der trank davon und stürzte sich dann nengestärkt wieder auf seine Rechnung. Parlett trat näher an das Stativ heran. Das blinkende Fernrohr des Theoboliten interessierte ihn. Spielerisch drehte er es hin und her und brachte dabei ein Auge an das Okular, um hindurch zu schauen. Plötzlich zuckte er zusammen. „Mr. Andrew I" Captain Andrew blickte von seiner Rechnung auf. lSchlich folgt.) Nordleuie. Don Karl Burkert, GDS. Sie kamen aus der Nordlichtnacht. Das Eis hat sie so hart gemacht. Der Schnee so frisch und rein. Blau war ihr Blick, ihr Schwert geschwind, Sie brausten, brausten wie der Wind In alle Welt hinein. Und all das Meer, und all das Land, Sie nahmen es mit kühner Hand, Und kamen sern und fern. Und nie es fiel sie an ein ©raun; Bei dunklem Wein, bei fremden Fraun Vergilbte leis ihr Stern. Doch einmal stöhnten sie im Schlaf. Es war, als ob ein Speer sie traf Im feindumringten Zelt. Sie fuhren hoch zum Reckensprung. Zu spät! Rings Götterdämmerung Lag schwer aus dieser Welt. Der alte Feldhusar. Von Georg von der Bring. Im Nachbarhause wohnte ein Arzt. Seine beiden Söhne, die von en Eltern die Spitznamen Ernst und Heiter erhalten hatten, waren «eine Freunde. Vor allem liebte ich Ernst, er war sanft; Heiter aber war lebenslustig und grob, der hätte am liebsten alle Schmetterlinge gebraten, die er sah. Eines Tages stellte es sich heraus, daß die Flügeltüren von des Doktors Bücherschrank ausgequollen waren. Sie schlossen nicht mehr und muhten herausgenommen werden; es traf sich gut, daß es damals grade Rode wurde. Bücherschränke ohne Türen zu haben. Als wir Kinder uns tiefe drei Türen im Keller ansahen, kam der Bruder Ernst auf einen ferrlichen Gedanken; man konnte daraus ein Kasperltheater bauen. Sogleich ans Werk! Wir nagelten die Türen mit Scharnieren so «neinander, daß die beiden äußeren rückwärts gedreht werden konnten. Die Fensterchen wurden als Hinterglasbilder mit Oelsarbe zugemalt, inmit das Publikum nicht sehen sollte, was hinter der Szene vor sich ging; aus allen Fenstern würden ihnen die seurigsten Fratzenbilder ent- «ogenschauen. Nur das obere Fenster der mittleren Tür bemalten wir iirfjt, sondern schlugen es entzwei: hier sollte die Bühne sein. Der Arzt, der an unserem Treiben Gefallen sand, schrieb eine Post- ' Karte und ließ drei Kasperpuppen kommen, und zwar den Kasper selbst, jebann Mariechen, Kaspers Frau, und als dritte den Teufel. Eines tages traf sogar ein Buch ein, in dem all die alten Kasperstücke ausgezeichnet standen, die man in Hamburg spielt. Eisrig studierten wir iie ■ Geschichten. Sie waren sehr luftig und überaus derb, also genau gichtig für uns. Danach begannen die Proben. Wir versuchten zuerst Itejetiigen Stücke, die mit unseren drei Puppen besetzt werden konnten, s, „Kasper und Mariken", „Fies Mark Deertein", ..©rigri" und andere. Son allen Personen aber gefiel uns am besten eine Figur, die wir i'ider nicht besahen; gar zu gern hätten wir uns ihre Rollen eingeübt. U war der alte Feldhusar. Er trat auf mit den Worten: Ich bin ein alter Feldhusar, Der lang in fremden Ländern war. Hab manche Schlacht Dort mitgemacht Und kehr zurück recht müde nun. Mich in der Heimat auszuruhn ... worauf er sich niederlegte, aber natürlich sogleich von dem tollen Kasper jLkitzelt wurde. Da der Arzt sich weigerte, noch eine weitere Figur anzuschaffen, so Irschlossen wir, uns das Geld für den Feldfoldaten selbst zu verdienen, k r sollte gegen fünf Mark kosten. Eines Tages, als der Arzt mit feiner firau verreist war, gingen wir an die Arbeit. Das Kaspertheater stand in ©arten auf dem Rasen. Wir stiegen in den Salon der Frau Doktor finauf und trugen die „goldenen Stühle" in den Garten hinunter; sie B'aren der Sperrsitz, also Die teuren Plätze. Die anderen Stühle, ob aus ü ohr ober aus Holz, standen hinter den „goldenen", sie waren der erste ^latz. Dahinter gab es Raum genug für Stehplätze. Während Ernst und ich das Spiel vorbereiteten, ging Heiter mit dem § peisezimmer-Gong durch die Straßen und Sandwege unserer kleinen 6-tabt. UeberaU, wo Häuser waren oder Kinder sich im Sande wälzten, i rsrtünbete er, daß wir heute nachmittag Kaspertheater machen wollten tnb daß es Eintritt kostete: Sperrsitz 4 Pfennige, 1. Platz 2 und Stehplatz 1 Pfennig. Aus den Eintrittsgeldern, die in die Kaffe fließen wür- ten, sollte der Feldhusar gekauft werden; zwar zogen wir in Rechnung, taf; man mehrmals würde spielen müssen, um gegen fünf Mark zu- silmmenzubekommen. Am Nachmittag, zu der angekündigten Stunde, drängte es sich vor hm Gartentor, lauter Volk, Kinder mit zerrissenen Hosen und ungeschorenen Köpfen. Die stärksten Jungen der ganzen Gegend waren ge- isrnmen, sie starrten mit Begeisterung durchs Staket auf unser Theater Md auf die „goldenen Stühle". Als wir ihnen das Tor öffneten, stellte «s sich heraus, daß diese Jungen überhaupt kein Eintrittsaeld zahlen wollten. Sie hatten gar nichts mitgebracht und bezahlten mit Hosen» knöpfen, die damals allerdings ziemlich hoch im Wert standen, wegen dem Knopfspiel. Da sie in starker Uebermacht gekommen waren und bereits auf den „goldenen" und den anderen Stühlen sahen und ihre Witze rissen, machten wir gute Miene zum bösen Spiel, sammelten die Knöpfe ein und begannen die Vorstellung. Wir führten alle Stücke vor, die wir eingeübt hatten, bis wir heiser waren. Die Zuschauer spendeten viel Beifall. Zuletzt aber wollten sie die Puppen näher betrachten und wurden grob. Jetzt zeigte es sich, daß wir so etwas vorausgesehen hatten, denn plötzlich traten wir drei mit Säbeln und Dolchen bewaffnet aus dem Kasten und befahlen die Räumung des Gartens. Die Menge gehorchte angesichts der schweren Bewaffnung, die wir trugen; unsere Schwerter und Dolche waren scharf und kostbar und echt chinesisch, wir hatten sie von der Wand des Wartezimmers genommen. Unsere Einnahme war: ein ganzer Sack voll Knöpfe. Für Knöpfe konnte man den Feldsoldaten nicht kaufen. Also roar's ein Fehlschlag. Für dies Volk würden wir nicht wieder Kaspertheater spielen. Auf welche Weise konnte man zu fünf Mark kommen? Das war die Frage. Eines Tages kam Bruder Heiter auf einen Gedanken. Er hatte bemerkt, daß einer von den „Ungeschorenen", die jetzt häufig an des Doktors Hause vorbeistrichen und am Staket erschienen, immer die Backen voll Bonbons hatte. Er rief ihn an und bekam einen Bonbon geschenkt, den er hernach, bevor er ihn in den Mund steckte, unter der Pumpe abwusch. Sodann hatte er herausbekommen, daß jener nicht nur Bonbons besaß, sondern eine Menge Nickelgeld. Woher mochte es ihm zugeslossen sein? Er war bei einem Kaufmann angestellt, wo er es hätte verdienen ober stehlen können. Heiter hielt sich auf feiner Fährte. Er stellte fest, baß jener auch bie anbern „Ungeschorenen" mit Leckereien versorgte. Unb halb barauf glückte ihm feine wichtige Beobachtung. Er kam also zu uns unb beutete an, baß wir am fommenben Montag in ber Frühe (wir hatten Sommerferien) einen ersten Fang machen würben, bem noch weitere folgen sollten. „Bonbons ober Hosenknöpfe?" fragte Ernst. „Diesmal Gelb", sagte Heiter. Am Montag in aller Frühe machten wir uns unter Heiters Führung zum Hafen auf,, tarnen in bie Nähe ber Schisferkneipe „Zum Angelhaken", umschlichen sie, bis wir bie offene Kegelbahn vor uns hatten, unb versteckten uns gegenüber in einem leeren Güterwagen. Noch war es still. Nur in ber Kegelbahn rührte sich etwas; es war gewiß ein Betrunkener, ber noch vom Sonntag her bork lag unb feinen Rausch ausschlief. Die Wirtsfrau aus bem „Angelhaken" war stadtbekannt; sie pflegte, sobald sich ein Gast in der Wirtsstube mausig machte, denselben am Rockkragen vom Stuhl zu lupfen unb in bie Kegelbahn hinauszutragen, wo sie ihn fallen ließ Währenb wir vom Wagen aus ben Betrunkenen beobachteten, besorgte Heiter ben Kunbschafterbienst. Er war schon eine Weile fort, als wir ein lautes Geschrei vernahmen. Gleich darauf kam Heiter geschlichen und sagte: „Der kommt nicht wieder. Ich habe ihm die Nase platt gehauen, er wird sie erst kühlen müssen. Es war der Ungeschorene, damit ihr es euch denken könnt ... bleibt aber still!" Wir gehorchten, denn eben war die Wirtin aus der Gaststube getreten. Sie trug einen Korb Kartoffeln und einen Eimer mit sich, füllte diesen an der Pumpe und setzte sich in die Kegelbahn, wo sie mit Kartoffelschälen begann. Von Zeit zu Zeit steckte sie sich ein Stück Kartoffel in ben Munb, blinzelte in bie Sonne unb taute es auf. Ernst, ber neben mir hockte, stieß mich an unb schüttelte sich bei biefem Anblick. Dann stieß er seinen Bruber an unb flüsterte mit ihm. „Ne Viertel- ftunbe noch", hörte ich Heiter sagen. Also Gebulb. Die Viertelstunbe mochte verstrichen fein. Cs begann warm zu werben. Die Wirtin schälte unb taute fort. Plötzlich erhob sie sich und trug Eimer und Korb ins Haus. „Jetzt Achtung!" machte Heiter. Wir konnten uns nichts denken . . Nachdem wieder eine Zeit vergangen war, wurde die Saaltür geöffnet. Darauf erschien ein Besen, der einen ganzen Hausen Staub und Dreck aus dem Saal nach draußen kehrte. Wieder unb roieber erschien ber Besen. Zuletzt schloß sich bie Tür. In biefem Augenblick tat Heiter einen leisen Pfiff. Er glitt aus dem Wagen. Wir schlichen ihm nach bis vor die Saaltür. Schon kniete er vor dem Dreckhaufen unb begann zu wühlen. Auch Ernst unb ich wühlten, hastig unb lautlos, minutenlang ... bann mit der Beute auf und davon. Erst in des Doktors Garten schnauften wir aus. Jeder von uns hatte Geld gefunden, mehrere Groschen und auch Pfennige, und Ernst sogar ein Fünszigpfennigstück. Das war natürlich kein sauberes Geschäft. Aber als wir es noch an drei Montagen wiederholt hatten, konnten wir den Feldhusaren kaufen. Sofort wurde er bestellt. Als er im Paket ankam, verhörte der Arzt feine Söhne. Sie sagten ihm die Wahrheit, worauf er sehr lachen mußte. Man muß in Rechnung ziehen, daß meine Geschichte vor dem Kriege spielt; damals lag das Geld ja auf der Straße. Auch wir drei hatten es dort gefunden und ben Felbhusaren also mit echtem Straßengelb bezahlt. Es war ein herrlicher Tag unserer Iugenbzeit, als wir zum ersten Male bas Stück „Der alte Felbhusar" unseren Eltern unb Tanten Vorspielen bürsten. Sie saßen nicht auf ben „golbenen Stühlen", fonbern lagen im Sommergras auf großen Decken, trugen Helle Kleiber unb waren ebenso luftig wie wir. Als bann ber Feldhusar, in Rot mit silbernen Schnüren — nun ber tolle Kasper in enblich in Ruhe ließ — sein Leibstückchen anstimmte: Noch einen Kuß von rosigen Lippen ... ba kannte bie Fröhlichkeit unserer Zuhörer keine Grenzen mehr. Wir Kinber spielten mit hohem Eifer, unb keiner von uns Dreien bachte daran, wo sich das Geld für diesen prächtigen Husaren gefunden hatte. Ballade. von ErnstMoritzArndt. Und b* Sonne machte den weiten Ritt Um die Welt; Und die Sternlein sprachen: wir reisen mit Um die Welt; Und die Sonne, sie schalt sie: ihr bleibt zu Haus! Denn ich brenn euch die goldenen Aeuglein aus Bei dem feurigen Ritt um die Welt. Und die Sternlein gingeni zum lieben Mond In der Nacht, Und sie sprachen: du, der auf Wolken thront In der Nacht, Laß uns wandeln mit dir! denn dein milder Schein Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein. Und er nahm sie, Gesellen der Nacht. Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, In der Nacht! Ihr versteht, was still in dem Herzen wohnt In der Nacht. Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht. Byrd überfliegt den Südpol. Von H. H. Hauben. Vor kurzem wurde gemeldet, daß der bekannte Polarforscher Admiral Byrd seine neueste Expedition in die Antarktis abgebrochen habe. Man weiß noch nicht, welche Ergebnisse der kühne Entdecker und seine Gefährten diesmal mit nach Hause bringen. Mit großer Spannung erwartet die Welt den genauen Bericht über die wissenschaftliche Ausbeute, die den Kamps um den Südpol zweisellos um ein gutes Stück vorwärts gebracht hat. Es sind jetzt vier Jahre vergangen, seit Byrd seine Ueberfliegung des Südpols mit Erfolg durchführte. Davon erzählt H. H. H o u b e n in dem im Verlag Ullstein, Berlin, erschienenen Buch „Sturm auf den Südpol". In der amerikanisch-britisch-norwegischen Ansiedlung Klein-Amerika, die drei Funktürme, ein großes Verwaltungsgebäude, ein Maschinenhaus als Licht- und Kraftquelle, ein Schlachthaus, eine besondere Villa für die Norweger, Lebensmittelmagazine, drei Hauptverkehrsstraßen und eine Bibliothek von 3000 Bänden besitzt, wird mit Ablauf des Winters der bevorstehende Polflug das Tagesgespräch. Im Lesezimmer geht es laut zu, wenn dort der Pol-Ausschuß tagt, der sechs Mitglieder und noch etliche Beiräte hat... Bald ist überall Hochbetrieb. Der Polflug soll die Gesamtübersicht über den ganzen Roßbarrierensektor vermitteln, aus der Vogelschau; die wissenschaftliche Arbeit muß nach wie vor am Boden kriechend geleistet werden. Byrd legt auf die Untersuchungen der Geologen sogar das Hauptgewicht; sie sollen die Königin-Maud-Berge erforschen, müssen dazu ganz wie Ä m u n d s e n mit einer großen Schlittenexpedition über die Rohbarriere ziehen, hin und zurück über 2000 Kilometer, eine Reise von drei Monaten mindestens. Am 15. Oktober geht eine Depotabteilung vorauf; die Gelehrten schließen sich probeweise an, kommen aber schon nach zwei Tagen recht verstimmt zurück. So genau man auch Amundsens und andere Schlittenfahrtberichte studiert hat, in der Praxis sieht das immer etwas anders aus. Ein Motorschlitten, den auch Byrd bei sich hat, schafft seine volle Ladung 120 Kilometer weit, bleibt aber dann mit gebrochener Achse liegen. Am 4. November zieht die Geologengruppe endgültig ab, sechs Mann mit fünf Hundegespannen; auf 81° 45' hat die Vorhut ein Depot angelegt, für die weiteren muß die wissenschaftliche Abteilung selbst sorgen. Ihr bleibt nichts von den Strapazen und Gefahren erspart, "*e ® b ackleton, Scott, Amundsen und andere Pioniere der Antarktis zu überwinden hatten. Inzwischen wird auch der „Floyd Bennett" aus dem Winterschnee geschaufelt, am 13. November mit Schneeklötzen im Gewicht von 5900 Kilo beladen und auf Probe in die Luft geschickt. Er hat drei Motoren; !n*‘ nur einem würde er, nach komplizierten physikalischen Gesetzen, bei Belastung höher steigen und schneller fahren können. Aber «yrd halt drei für sicherer; versagt der einzige Motor, bann ist alles aus; versagt von dreien einer, dann kommt man mit zweien immer noch vorwärts, wenn auch langsamer; setzt auch der zweite aus, genügt der dritte immer noch für eine sanfte Landung. Bei der Probefahrt kommt oer „Fioyd Bennett nicht über 3000 Meter Höhe. Ein neuer Vergaser wird eingebaut; d,e zweite Prüfung ergibt 3700 Meter. q. lf®Pri3 (™artet init Ungebufb, daß die Geologenabteilung endlich den Fuß der Berge erreicht. Am 27. kommt Goulds Meldung: „Anqelangt g anzendes Wetter.' Noch um 10 Uhr abends wiederholt er: „Unverändert schön." Wird es sich morgen halten? Wetterwart Haines nickt. Am Mittag des 28. ist klare Sicht, nirgends Wolken. Haines holt Byrd aus dem Lesezimmer heraus: „Jetzt wird es Zeit. Diese Gelegenheit kehrt vielleicht nie wieder!" Um 3.30 Uhr steigt der „Floyd Bennett" wieder auf und skiust auf dem 143. Längengrad nach Süden. B a l ch e n am Führerstand, die Augen gebannt auf Motoren und Schaltbrett, wo ein Dutzend Zeiger zittern. June, um den Kopf eine Strahlenkrone von Drähten, bedient das Funkzeug, die Filmkammer, die verzwickten Hähne der sechs Benzinbehälter und löst zwischendurch Balchen am Steuer ab. McKinley macht Ausnahmen, seine Meßbilder sind der Hauptzweck des ganzen Polflugs. Byrd — Karten, Pläne und Bilder vor sich — leitet die Fahrt. Jeder denkt nur an den „Buckel", ob das Flugzeug das Polplateau schaffen wird. Hohe Schneegipfel glühen in der Sonne wie feuerspeiende Berge. Um 8.15 Uhr sichten sie, 500 Meter hoch, die beiden Seite der Geologen, werfen mit dem Fallschirm Gebirgskarten für ould und andere Grüße herab — dann beginnt der Anlauf nach oben. Die Steiganzeiger rücken sprunghaft auf 900, 1000, 1200, 1400 Meter. Die Paßhöhe des Livgletschers ist breiter als die des Axel-Heiberg- Gletschers — also dort hinauf! Kurz nach 9 Uhr fliegen sie, 3000 Meter hoch, über ihr Depot weg, sehen es aber nicht. June schüttet den letzten Brennstoff in die Hauptbehälter. Durchschnittsverbrauch 240 Liter in der Stunde, mehr als Byrd erwartete, aber noch ist ein Ueberschuß da. Wie ein gefrorener Wasserfall quillt der Livgletscher dem Flugzeug entgegen. Fallwind von oben läßt den Riesenvogel erzittern. Kommt er denn nicht höher? Die Luft ist sehr dünn; das Steuer setzt sich nicht recht durch. Mehr Auftrieb! June legt die Hand an den Auslaß des Hauptbehälters — ein Druck und 2500 Liter Benzin ergießen sich ins Freie. Balchen ist noch nicht zufrieden und brüllt: „lieber Bord! lieber Bord! 100 Kilo!" Ein Sack Nahrungsmittel wird zur Falltür geschleift, 57 Kilo, und wirbelt zum Gletscher hinab. Das hilft, aber der Fallwind verstärkt sich. Balchen flucht. „Noch einen Sack!" McKinley schiebt den zweiten durchs Loch, 114 Kilo Lebensmittel, Monatsproviant für vier Mann, zerplatzt auf dem Gletscher. Das ist die Rettung — das Flugzeug springt hundert Meter höher — sonst hätte die Bildkammer drangemuht! Der „Buckel" ist überwunden, schnurgerade voraus, kaum 500 Kilometer, liegt der Südpol! Die Firnebene dacht sich schüsselförmig ab. 3250 Meter Höhe. Plötzlich ein Schreckensruf: „Der Steuerbordmotor kotzt!" Balchen setzt schon zum Gleitflug an, June stürzt zum Benzinauslaß, ein paar Handgriffe, alles ist wieder in Ordnung. Byrd und McKinley knien am Boden beobachten den Triftanzeiger und geben die Richtung an. Zwischendurch frühstücken sie etwas gefrorenes Butterbrot und Kaffee aus der Thermosflasche — aber wer fühlt bei dieser Aufregung Hunger! Kurz nach Mitternacht zeigt sich die Sonne — bas ermöglicht eine Ortsbestimmung: 89" 4' — noch 103 Kilometer vom Pol. Um 1.14 Uhr ist bas Ziel erreicht — ber Südpol — eine öde Schneefläche, vom Sturm wellig gestrichelt, keine Landmarke, kein Hügel, nichts. Byrd läßt noch zehn Kilometer weit hin und her kreuzen, um den Pol einzukreisen, berechnet die Mitte und wirft hier das Sternenbanner ab, beschwert durch einen Stein vom Grabe seines Freundes Floyd Bennett, mit dem er den ersten Arktisflug machte. Um 3 Uhr gibt Balchen nochmals Vollgas und steigt auf 3600 Meter, damit McKinley noch ausgedehntere Karten aufnehmen kann. Mit 200 Kilometer Geschwindigkeit rast bas Flugzeug wieber nach Narben, bem Depotplatz zu, dessen Benzjnvorrat jetzt unentbehrlich ist. Das Flugzeug nimmt das Gletschertor und schwimmt schon im Freien. June errechnet einen Benzinüberschuß — nochmals nach Osten, um durch die Kamera zu beweisen, daß Carmenland nicht existiert! Und bann zum Depot! Aber wie anders sehen die Berge plötzlich aus! Byrd schwindelt es vor den Augen — welcher von diesen Gipfeln ist nun der Ruth-Gade-Berg? Ein paar gräßliche Sekunden — endlich findet er sich zurecht, da ist auch der Nansen- berg mit seinen Vorhügeln. Ein paar Korkenzieher nach unten — ein schwarzer Punkt wird sichtbar, das Depot. Um 4.47 Uhr setzt June das Flugzeug sanft dort nieder. Blechgefäße öffnen, zu June hinausreichen, die Arme leisten es kaum mehr! Um 6 Uhr ist alles fertig, der Cndflug beginnt. Schon bäumen sich schwarze Sturmwolken über dem Bergwall, aber sie holen den „Floyd Bennett" nicht mehr ein. Um 10 Uhr kommen die Funktürme von Klein-Amerika in Sicht — einige Minuten später ist ber Polflug beenbet. Auf einem zweiten Flug entbeckt Byrb Anfang Dezember jenseits des 150. Längengrades neues Land, das er Mary-Byrd-Land nennt und für Amerika in. Besitz nimmt. Am 19. Januar 1930 kommt auch die Geologenabteilung wohlbehalten nach Hause, und einen Monat später holt die „City" Byrds siegreiche Expedition zurück in die Heimat Die Geschichte der Südpolarforschung ist auf einen Höhepunkt gelangt, der schwer zu überbieten sein wird.-Der Forschung selbst ist kein Ende. Von allen Seiten pirscht sich die Wissenschaft heran, denn je weiter die Uebersicht, um so zahlreicher werden die Probleme. Die Frage, o(* Kontinent, ob Archipel großer Jnselmassen? rückt mehr und mehr in den Brennpunkt, und F i l ch n e r s großer Plan der Ueberquerung der Antarktis vom Roßmeer zum Weddellmeer beschäftigt neue Expeditionen. Byrd ist wieder darunter. Amundsens Framheim hat der Eisboden verschluckt. Klein-Amerika steht an seiner Stelle, noch ragen seine Funkturme wie weiße Zahnstocher gen Himmel, wenn der Sturm sie nicht gefällt hat; noch liegen dort seine Flugzeuge, wenn ein Orkan sie nicht zerstörte. Die Welt wartet auf neue Kunde aus der Antarktis, die längst den wie verlassen daliegenden Nordpol überholt hat. Wer löst das Rätsel des sechsten Erdteils? Die Favoriten sind Byrd, Wilk ins und E l l s w o r t h. Am Totalisator ber antarktischen Rennbahn überbieten sich die Einsätze. Wer wirb als Erster durchs Ziel gehen? verantwortlich; Dr. Hans Thyriot. - Druck unb Verlag: Brühl',che Unlverfitäts.Buch. und Steindruckerei. D. Lange, ©lebe*.