0 SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener AWiger Jahrgang 195^*5" Freitag, denHanuar !MM? M Nummer l ------------------------,. ...................... ........ —LS2—ggs&fesl-.. rx4 - .............. ■ r— nwmmr«■n.iwrwii. ■■■■»aEMggggMMB=a==M f ™»ngnlwm ...............■■■■■■■■■■■■■■■ ■ HANS DOMINIK • EIN STIEIRN FIEL^ÜMHIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANC G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) Ein eigenartiges Bild bot sich seinen Blicken. Er stand auf einer Art von Gebirgskamm, der eine Kreislinie zu bilden schien. Ein Kreis, in gleichmäßigen Abständen mit hohen Gittermasten besetzt, die in etwa dreißig Meter Höhe mächtige Starklichtlampen trugen. Jetzt begriff er die Ursache der sonderbaren Lichterscheinung, die ihm während der Fahrt so rätselhaft war. Aber noch etwas anderes erblickte er. Dort zur Linken in einer Entfernung von kaum hundert Meter lag der schimmernde Rumpf eines Stratosphärenschiffes. Viel größer und gewaltiger war der Metllbau als der von ,St8, den er kannte. Das mochte wohl ein Schiff der neuen stärkeren Type sein. Und zur Rechten lag auch solch Flugschiff und noch andere lagen daneben. Acht der riesenhaften walfischartigen Ungeheuer zählte er. Eine ganze Flotte von Stratosphärenschiffen hatten die Eggerth-Werke hierhin entsandt. Nachdenklich schritt er langsam weiter, den Hang hinab. Er kam nicht roelt Der Boden hörte plötzlich wie abgeschnitten vor ihm auf. Jäh verhielt er den Schritt und erkannte im Augenblick, daß er am Rande eines gewaltigen Kraters stand, durch den — vor undenklichen Zeiten vielleicht — eine Vulkan seine Glutmassen emporgeschleudert haben mochte. Regungslos stand er am Rande der steilen Kraterwand, schaute hinab und sah auch in der Tiefe dort unten Lichter, erkannte Menschen, die sich dort unten bewegten. Ein dumpfer, hämmernder Lärm drang aus dem Schlund empor, als ob Maschinen auf seinem Grunde arbeiteten. ,^)err Ministerialrat Schmidt!" Der Ruf war hinter ihm erklungen. Er drehte sich um. Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand Reute. Nur mühsam fand Dr. Schmidt Worte. „Ich begreife das alles nicht, Herr Ministerialdirektor. Eine Flotte von Stratosphärenschiffen hier! Diese Arbeiten — grade hier am magnetischen Pol, wo wir unsere Messungen machen wollen." Ein leichtes Lächeln glitt über die Züge Reutes. Ich fürchte, Herr Ministerialrat, daß der Ort wenig dafür geeignet ist. Sie werden keine große Freude an ihren Messungen erleben." „Wie meinen Sie das? Hier ist der Pol, die Magnetnadel weist hierhin." Das Lächeln auf Reutes Gesicht wurde stärker. .Kein Wunder, Verehrtester. Dort auf dem Grunde liegen schätzungsweise fünf Milliarden Tonnen reines Eisen. Das ist für die Magnetnadel schon ein triftiger Grund, hierhin zu weisen. Wir kannten den Ort schon früher. Mein Kompliment, Herr Kollege, daß Sie ihn nach Ihren magnetischen Messungen auch so genau ermittelt haben. Während Reute sprach, wurde das Gesicht des langen Schmidt immer verdutzter. Ein paar Sekunden starrte er den Sprecher mit offenem Munde an, bevor er etwas zu sagen vermochte. „Ja, aber — ja — ja, dann Herr Ministerialdirektor müssen wir — alle Bedingungen haben sich verändert — dann müssen wir aufs neue auf die Suche gehen — das ist — ich verstehe, eine so enorme Eisenmasse muß natürlich eine Störung in den erdmagnetischen Fluß bringen — aber ich begreife nicht — warum kommt die Störung erst jetzt. Wir haben im vergangenen Winter in unserer Station am Shackleton-Pol nichts davon gemerkt, die Störung muß erst später aufgetreten fein — wie ist das möglich, Herr Ministerialdirektor —" Reute griff ihn unter den Arm und zog ihn mit sich. „Das ist eine lange Geschichte, lieber Ministerialrat. Zu lang, um Sie Ihnen hier draußen zu erzählen. Kommen Sie mit in mein Haus. Da wollen wir in Ruhe darüber sprechen." Wie benommen ging Schmidt neben Reute her. Er schaute kaum um sich, als der ihn an einem Stratosphärenschiff vorbeiführte, und sah erst auf, als sie vor einem Haus standen, das in seiner Ausführung den Gebäuden der Willeschen Station sehr ähnlich sah. Neben dem Haus erhob sich ein Mast, an dem die Flagge des Deutschen Reiches in leichtem Winde flatterte. „Treten Sie bitte ein", sagte Reute. „Herr Wille ist schon hier. Wir müssen diese Angelegenheit zu dritt gründlich besprechen." * Hätte Berkoff den Gebrauch voraussehen können, den Bolton und besonders Garrison von den ihnen überlassenen Werkzeugen machten, so wäre er vielleicht etwas weniger freigebig damit gewesen. Auf die Gefahr hin, die beiden Dankees zu Rohköstlern zu machen, hätte er ihnen dann vielleicht nicht einmal Streichhölzer und Feuerzeuge dagelassen. Scharfe Handbeile und Aexte, Sägen und Stemmeisen hatte er ihnen damals in die Erzkiste gepackt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Bäume zu fällen und sich eine menschenwürdige Behausung zu errichten. Aber die Herren Bolton und Garrison hatten ganz und gar nicht die Absicht, sich auf ihrer Insel seßhaft zu machen. Auch jetzt noch — der Kalender, den Garrison nach Robinsons Vorbild in Kerbschnittmanier an einem Baumstamm angelegt hatte, zeigte bereits den dreißigsten Tag — bestand ihre Behausung nur aus einem primitiven Zelt, das aus drei Baumstämmen und ein paar wollenen Decken zusammengebaut war. Ihre ganze Arbeit galt einem anderen für sie viel wichtigeren Zweck. Während der ersten zehn Tage ihres Aufenthalts auf der Insel beschäftigte sich jeder der beiden auf seine eigene Art. Bolton schoß Ziegen und allerlei Geflügel und betätigte sich nach erfolgreicher Jagd als Koch. Garrison kehrte immer wieder nach jenem waldlosen Gipfel zurück, den sie schon am ersten Tage aufgesucht hatten. Viele Stunden lang saß er hier, machte Schattenmessungen, schrieb und rechnete. Auf der Suche nach neuem Papier — das letzte Blatt seines Notiz- buches war mit Zahlen vollgekritzelt — machte er sich auch über die Konserven her. Vielleicht, daß das Papier, mit dem die Blechbüchsen beklebt waren, für weitere Rechnereien einen brauchbaren Untergrund liefern konnte. Büchse um Büchse ließ er durch seine Hände gehen. Kondensierte Milch, Corned Beef und Ochsenschwanzsuppe, und was sonst noch die Vorratskammer von ,St 8‘ für sie hergegeben hatte. Plötzlich stutzte er. Eine Büchse — nach der Aufschrift enthielt sie Hummer — war ihm in die Hände gekommen. Aus irgendwelchen Gründen — die Wege der Reklame sind bisweilen unerforschlich — hatte der Erzeuger dieser schmackhaften Konserven es für zweckmäßig gehalten, eine Karte der Südsee auf der Büchse anzubringen. Mit zitternden Fingern drehte Garrison den kostbaren Fund hin und her. Dicht an die Augen brachte er die Büchse, um die Darstellung in allen Einzelheiten zu prüfen. Mit unbeschreiblicher Freude stellte er fest, daß er nicht irgendeine Phantasievorstellung, sondern eine richtige Karte mit eingetragenem Gradnetz entdeckt hatte. Tiefer sank die Sonne. Die Flinte über die linke, ein halbes Dutzend Tauben über die rechte Schulter gehängt, kam Bolton von der Jagd zurück. Verwundert schaute er feinen Gefährten an. Der lag der Länge nach im Grase eine Konservenbüchse und fein Notizbuch vor sich, und zirkelte in einer unbegreiflichen Weise an der Büchse herum. „He, Garrison, was haben Sie da? Hat's Ihnen der Hummer von Jenkins & Parry angetan oder fehlt Ihnen sonst was?" Garrison sprang auf und streckte Bolton die Konservenbüchse mit einem so mächtigen Schwung entgegen, daß der einen Schritt zurücktrat. „Bolton! Ich weiß, wo wir sind. Hier! Sehen Sie, hier!" Er wies auf ein Bleistiftkreuz, das er auf die Büchse gemacht hatte. , Hier sind wir. kaum zweihundert Kilometer von Tahiti entfernt. Da müssen wir hin, Bolton." Kopfschüttelnd nahm ihm Bolton die Büchse aus der Hand und sah sie sich genau an. „Gott segne Jenkins 8- Parry, daß sie uns diese Karte sandten. Aber — zweihundert Kilometer — ein langer Weg, Garrison. Wie sollen wir über das Meer kommen?" „In einem Boot natürlich, Bolton, wie andere Leute auch." „Erst eins haben, Garrison. Wo sollen wir auf dieser dreimal verfluchten Insel ein Boot finden?" „Wir werden uns eins bauen, Bolton!" — Lange noch lag Garrison während der Nacht wach in dem Zelt. Stunden hindurch konnte er keinen Schlaf finden. Zu sehr arbeiteten die Gedanken in seinem $Virn. Immer festere Formen aeroannen dabei feine Pläne. Bis in alle Einzelheiten hatte er sie durchdacht, als er endlich einsckllummerte. — Während der nächsten Tage führte Garrison ein Wanderleben. Er d^chstreifte die Uferwaldungen, bis er nach langem Suchen fand, was ihm für feine Zwecke brauchbar dünkte. Er entdeckte es an einer Stelle, an der ein steiler Felshang dicht an das Ufer henantrot. Nur einen knappen Steinwurf breit war der flache sandige Strand davor. Aus niedrigem Gehölz ragte dort ein mächtiger %’ÄÄÄÄ « * » *„■* ben Baum und erklärte ihm seine Absichten. Der sah sich den mächtigen Stamm an und warf Garrison einen mitleidigen Blick zu. Den Riesenstamm wollen Sie mit unseren Werkzeugen umlegen? Ebensogut können Sie es mit Ihrem Taschenmesser versuchen — unb dann noch ein Boot aus diesem Mordsbaum herausarbeiten — unmöglich, was Sie sich da in den Kopf gesetzt haben." — In einem Punkt behielt Bolton recht. Es war eine schwere, langwierige Arbeit, den mächtigen Baum umzulegen, und zwar so umzu- leoen, daß er nach außen hin auf den Strand stürzte. Vom ersten Morgenschein bis zum Untergang der Sanne arbeiteten sie daran. Mit schmerzendem Rücken, in Schweiß gebadet, die Hände voller Schwielen hieben sie unablässig Span um Span aus dem zähen Holz, bis am Abend des dritten Tages ein Schüttern durch den Riesen des Tropenwaldes ging, der gewaltige Baum sich langsam neigte und krachend auf den Strand niCGinen Iag gönnten sie sich Ruhe, dann kam ein zweites, kaum minder schweres Stück Arbeit. Die Krone mußte vom Stamm gekappt werden. Rur kurze Pausen machten sie für die Mahlzeit; längere, unwillkommene mußten sie einlegen, um die stumpf werdenden Aexte immer wieder zu schärfen Eine Woche war vergangen, seitdem Garrison den Baum entdeckte, da lag der Stamm von allem Astwerk befreit auf dem Sand. „Was kommt setzt?", fragt« Bolton und besah sich seine zerschundenen Cyin^, ,Jetzt wird es viel leichter, Bolton. Jetzt soll das Feuer für uns arbeiten Sie werden es bald sehen", tröstete ihn Garrison. „Brennholz brauchen wir jetzt, viel trockenes Brennholz, das müssen wir noch herschaffen." Als die zweite Woche zu Ende ging, sah das Bild ganz anders aus. Der ganzen Länge nach brannte auf dem mächtigen Stamm ein Feuer, sorgfältig genährt durch fortwährend neu aufgelegtes Brennholz, aber in genau vorgezeichneten Grenzen gehalten durch Wasser, das die beiden mit leeren Konservenbüchsen unablässig aus der See schöpsten und sofort aufgossen, wo das Feuer die Grenze überspringen wollte. Mit Feuer sollten die Wilden Baumstämme aushöhlen und sich so ihre Boote herstellen. Oester als einmal hatte Garrison das gelesen, und als Physiker hatte er schnell begriffen, daß es nur möglich war, wenn man das Feuer durch Wasser im Zaume hielt und es nur da brennen und fressen ließ, wo es brennen sollte. Anerkennend verfolgte Bolton den Fortschritt der Arbeit. Im Laufe zweier Tag« war die obere Hälfte des runden Stammes von dem Feuer restlos verzehrt, verascht und verschwunden. In den übrigbleibenden Halbzylinder fraß die Glut jetzt eine Höhlung hinein, die durchaus der inneren Form eines Bootes entsprach. Wie Zunder brach das verkohlte Holz unter dem Stemmeisen fort. Rach nochmal achtundvierzig Stunden war die innere Höhlung sauber und glatt ausgearbeitet. Soviel hatte der Stamm durch diese Feuerarbeit an Gewicht verloren, daß sie ihn ohne allzu große Mühe mit Aeineren Stämmen umkanten konnten. Mit der Höhlung nach unten lag er jetzt auf dem Sand. Der letzte Teil des Werkes, die Ausarbeitung der äußeren Form begann. Seufzend machte sich Bolton auf neue schwere Arbeit mit Beil und Axt gefaßt, aber vorsichtig, sehr vor- sichllg freilich, nahm Garrison auch hier das Feuer zu Hilfe. Geschickt brannte er so weit vor, daß die'Schneide der Axt keinen großen Widerstand mehr fand. An dem Tage, an dem Garrison den vierzigsten Strich in seinen Kalender kerbte, schoben sie das fertige Boot auf untergeschobenen Rundhölzern die wenigen Meter über den Strand in das Wasser. Fast kamen ihnen die Tränen, als sie es schwimmen sahen, als es sie beide sicher trug. Sorgfältig zogen sie es nach dem ersten Versuch auf den Strand zurück, denn unfaßbar, untrüglich war ihnen der Gedanke, daß etwa ein auf- kommendes Wetter das Erzeugnis so langer und harter Arbeit auf das offene Meer entführen könnte. Was noch weiter z utun war, wurde schnell erledigt. Ein Mastbaum erhob sich im vorderen Drittel des Bootes, aus Decken wurde ein Segel genäht, Ruder wurden mehr zweckmäßig als schön aus jungen Palmenstämmen zugehauen. Proviant und Trinkwasser, soviel die leeren Konservenbüchsen zu fassen vermochten, trugen sie hinein. — Dann kam ein sonnenklarer strahlender Morgen, an dem das Boot von der Insel abstieß. Wenige Ruderschläge nur, dann fing sich eine frische Brise in seinem Segel und ließ die Flut vor seinem Bug aufrauschen. Am Heck saß Garrison, das Steuer in der Rechten, die Uhr in der Linken, die ihm bei dieser Seefahrt den Kompaß ersetzen mußte. Neben dem Mast hatte sich Bolton niedergelassen und zündete sich eine Zigarre an, die letzte ihres Vorrats, die er zufällig noch kurz vor der Abfahrt entdeckt hatte. Leise atmend wogte die See auf und nieder, frisch wehte die Brise. Weithin am Horizont sah Bolton di« Insel langsam versinken. Himmel und Meer nur umgab die einsamen Seefahrer in ihrem selbstgezimmerten Boot. — ,St 8‘ kreuzte über der Insel. Berkoff war in dem Schiff. Wie der heilige Nikolaus ungesehen kommt und geht, sollte er für die Amerikaner Lebensmittel und andere wünschenswerte Dinge bringen. Er kam zu spät, die Insel war verlassen. Vergeblich durchsuchte er sie mit der Mannschaft des Schisses. Nur ein paar Feuerstellen verrieten, daß hier vor nicht allzu langer Zeit Menschen gehaust hatten. Er stand vor einem Rätsel, und er fühlte wohl, daß die Lösung dieses Rätsels recht unangenehm werden könnte. Eine deutsche Kolonie in der Antarktis. Ein« Stunde und eine zweite fast noch vergingen, aber noch immer war die Unterredung zwischen Reute und den beiden Doktoren nicht beendet. Mit glänzenden Augen folgte Wille den Worten, die aus Reutes Mund kamen. Mit unbewegter Miene, hölzern und steif wie immer hörte Schmidt sie cm. Mek schwerer äks Wille sieß er sich davon überzeugen, daß die reine Wissenschaft sich hier dem gemeinen Wohl unterordnen und ein Opfer bringen müsse. Langsam nur schmolz sein Widerstand. Die enorme Eisenmasse, die da unten in dem Krater steckte und die erdmagnetischen Kraftlinien in Unordnung brachte, war dem braven Schmidt immer noch viel wichtiger als die Goldmengen, die man aus diesem Erz gewonnen und nach Deutschland schaffen wollte. Erst als Reute ihm versicherte, daß er seinem Forscherdrang auch in Zukunft keine Zügel anzulegen brauche, daß man die feste Station des antarktischen Instituts nur in der Nähe des Kraters haben wolle, um das Unternehmen der Regierung für das Ausland zu tarnen, gab er feine Zustimmung zu allem, was von ihm verlangt wurde. „Dann, meine Herren", sagte Reute, während er nach einem Schrist- tllck griff, „habe ich die Ehre und das Vergnügen, Ihnen Herr, Dr. Wille, die Bestallung als Reichskommissar zu überreichen." Er zog eine Karte der Antarktis heran, aus der ein Gebiet von etwa dreihundert Kilometern im Durchmesser rot schraffiert war. „Sie sehen hier das zukünftige deutsche Gebiet, dessen Erwerbung durch das Reich die Regierung in den nächsten Tagen öffentlich verkündigen und den anderen Regierungen notifizieren wird. Ihnen, Herr Reichskommissar untersteht die Verwaltung dieses Gebietes, für die Sie dem Reich verantwortlich sind." Trotz seiner gehobenen Stimmung konnte Dr. Wille bei den letzten Worten ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. „Ich glaube, Herr Ministerialdirektor", warf er ein, „es wird in dieser Eiswüste nicht viel zu verwalten geben. Meine Station ... nun, ich glaube, ich habe sie ohne besondere Anstrengung bisher ganz gut verwaltet. Und außerdem ..." „Außerdem", unterbrach ihn Reute, „unterstehen Ihnen m Ihrer Eigenschaft als Kommissar alle Personen, die in unsere neue Kolonie einwandern, und alle Unternehmungen, die sich in ihr auftun. Sie haben ie zu beaufsichtigen und ihnen erforderlichenfalls den Schutz des Reiches zu gewähren." „Ich gratuliere als erster, Herr Reichskommissar", sagte der lange Schmidt und schüttelte Wille die Hand. „Danke, lieber Schmidt, Sie bleiben nach wie vor mein bester Mitarbeiter. Was sollen wir jetzt tun, Herr Ministerialdirektor?" „Ich möchte Ihnen die Arbeiten hier zeigen und Sie darüber ins Bild bringen, was hier entstehen wird." Gemeinsam traten sie ins Freie. Suchend blickte sich Schmidt umher. So scharf er auch nach allen Seiten hin ausschaute, er konnte nur noch zwei Stratosphärenschifse sehen. ,-,Sie vermissen die sechs anderen Schiffe, Kollege Schmidt", sagt« Reute, der seine Gedanken erriet, „die sind schon wieder auf dem Wege nach Deutschland, um neues Material und neue Menschen zu holen." „Menschen?" Es wird also doch Ansiedler in der antarktischen Kolonie geben?" warf Wille ein. „Wir brauchen Hände für die Arbeiten, die hier geleistet werden sollen", erwiderte ihm Reute. „Hände und Köpfe. Absolut zuverlässige Leute, die wir auf das sorgfältigste ausgewählt haben. Zweihundert Menschen werden hier tätig fein. Verschwiegene opferwillige Männer, die den Staatsgedanken über alles stellen, die nur von dem einzigen Wunsch beseelt sind, ihrem Vaterlande zu dienen. Dom einfachen Arbeiter bis zum Chefingenieur ist jeder von ihnen von dieser Idee erfüllt. Schwierigkeiten mit der Verwaltung werden Sie hier nicht haben, Herr Doktor." — lieber den Bergkamm schritten sie einer Stelle des Kraterrandes zu, an der sich ein blinkender Metallbau erhob. Ein Fahrstuhl nahm sie auf und glitt mit ihnen in die Tiefe. Dunkel wurde es über eine Strecke und bann roieber heller, als der Liftkasten sich dem Kratergrunde näherte. Ein leichter Druck, der Kasten stand still. Reute öffnete die Tür und trat als erster hinaus; die andern folgten ihm. Warme trockene Luft schlug ihnen beim Verlassen des Fahrstuhls entgegen. Obgleich nun schon ein rundes Jahr vergangen war, seitdem der Bolide aus Weltraumfernen kommend in die Erdkruste einschlug, strahlte die Erzmeng« noch immer eine Wärme aus, die für die drei aus der Kälte der Polarnacht Kommenden doppelt stark fühlbar war. „Das lassen wir besser hier", meinte Reute, während er seinen Pelz ablegte unb in ben Fahrstuhl wars. Wille und Schmidt folgten feinem Beispiel. „Gehen Sie vorsichtig, meine Herren", warnte Reute, „der Boden hier greift das Schuhzeug scharf an. Schade, Herr Schmidt, daß Sie keine Magnetnadel mit haben. Hier würde sie senkrecht nach unten zeigen. Sie könnten hier den magnetischen Südpol damit feststellen. Schmidt murmelte etwas Unverständliches. Nach seiner persönlichen Meinung war diesenr Bolide lediglich deshalb aus dem Weltraum hierhergekommen, um ihn bei feinen Arbeiten unb Messungen unabsehbare Schwierigkeiten zu bereiten. Weitergehend stießen sie auf ein Feldbahngleis und folgten ihm ein Stück. Es endete bei einer Arbeitsstelle. Bohrmaschinen waren hier auf- gebaut. Zitternd und knirschend fraßen sich die Drehbohrer schräg in das Erz hinein, fast armstarke Spiralbohrer, aus höchstwertigem härtesten Spezialstahl gefertigt. Reute stellte eine kurze Frage an den Schachtmeister der Kolonne und wandte sich bann an Wille. „Es wirb noch eine halbe Stunbe bauern, bis hier gesprengt werben kann. Wir wollen zu einer anbern Stelle gehen, an der die Sprengung in wenigen Minuten fällig fein dürste." Beim Weiterschreiten sahen sie plötzlich in weiter Entfernung ein rotes Licht aufflammen. Reute blieb stehen. „Nicht weiter, meine Herren. Rotlicht heißt Sprengung. Nehmen wir auf alle Fälle Deckung." Er zog die beiden Gelehrten mit sich zu einem gewaltigen Löffelbagger, der in der Nähe stand. „Hier hinein! In dem schweren stählernen Löffel sind wir vor Sprengstücken sicher." (Fortsetzung folgt.) Kleiner Aachigesarig. Von Ruth Schaumann. Und da der Tag verglommen. Der erste Stern geschah. Aus Lieb' sind mir gekommen, Zu lieben sind wir da. Mond läßt in Wolkenherden Die Welt vorüber drehn. Zu Lieb' sind wir auf Erden, Aus Liebe zu vergehn. Nacht löscht mit leisem Munde Das Licht der Stunden aus. Lieb' hebt uns aus dem Grund Und führt zur Lieb' nach Hous. Das Wirtshaus im Spessart. Von Heinrich Hauser. An einem dieser grauen Tage, wo die Straßen der Stadt krank aus- schen, wo die Turmspitzen im Himmel verschwinden, wo die Mauern ihre Körperlichkeit verlieren und die Seele der Menschen sich wie mit Spinnenweben umzieht, fuhr der Wagen aus der Stadt heraus. Wir kamen zuerst durch eine weite Ebene, gerade Landstraßen teilten sie in große Rechtecke. An den Wegrändern wucherten ganze Wälle schwammiger Pilze. Die grauen seidigen Stämme der Buchenwälder sahen aus wie verdichteter Nebel, als hätten die weißen, strähnig ziehenden Schwaden sie kristallisiert und abgesetzt. Aus einem Teppich von rotbraunem Laub wuchsen sie empor; es knisterte im Laub von fallenden Tropfen. Ich stellte mir vor, wie es den Hasen wohl zumute sei, die in den Wäldern lagen, dicht an das wärmende Laub gedrückt, dem erregend-ruhelosen Fall der Regentropfen lauschend, die Dämmerung erwartend. Dann kamen wir in Berge. Sie hingen schwer unter dem niedrigen Himmel wie Gondeln unter dem Leib eines Luftschiffes. Große, kahle Wälder sogen uns ein; an den Berghängen aufwärts schraubte sich der Wagen, höher und höher, als gäbe es kein Ende. Indes wir fliegen, sank die Dämmerung, Krähenschwärme ruderten über unseren Weg, Häher kreischten tief im Holz, daß die Echos von den Stämmen prallten. Es wurde Nacht. ' Ich kannte nicht das Ziel der Fahrt, ich wußte nur, daß wir im Spessart waren und daß wir das Dorf „Zeitlos" suchten, ein seltsamer Name. Manchmal prallten die Schweinwerser gegen Fachwerkwände von Bauernhäusern, manchmal blendeten sie in die rötlichen Augen falber Kühe, die man heimtrieb, oder in die grünen Augen einer Katze auf der Mäusejagd. Zuweilen sah man die Höfe am Berghang, dann wieder Schieferdächer beinahe senkrecht unten; in der Tiefe rauschten unsichtbare Bäche. lieber Holzwege fuhren wir, deren Schlamm an die Scheiben spritzte, in ausgefahrenen Radspuren schwang der Wagen hin und her, dann tastete er vorsichtig über ein Brückchen — ein kleiner Junge lief voran und zeigte den Weg: wir hielten vor einer steinernen Treppe, über uns schwang ein schmiedeeisernes Wirtshausschild, es zeigte einen grünen Ochsen. Jetzt erschollen laute Rufe, und Schritte dröhnten im Haus und um das Haus herum: eine ganze Schar von Männern in dunkelgrüner Jägertracht brach ein ins Licht der Scheinwerfer. Ein alter Graubart, dessen Gesicht aber so rot und glänzend war wie ein polierter Jonathan-Apfel, fiel dem Freund um den Hals und küßte ihn auf beide Backen. Es war der Vater, den zu besuchen wir gekommen waren, denn er feierte an diesem Tag den siebzigsten Geburtstag und das vierzigjährige Jubiläum als Förster im Dienst des Grafen F. Rechts und links untergehakt wurden wir über di« Steinfliesen der Diele in die gute Stube gezogen. Nein, in die Küche durften wir nicht, da wehrte die Wirtin und die beiden hübfchen Töchter mit erhobenen Händen. — Nein, in den Feftfaal durften wir auch nicht, obwohl die herrlichsten Düfte ihm entströmten; das ganze Haus war in die erregendste Geheimniskrämerei gehüllt. . ...... Der kleine Eisenofen der guten Stube glühte, zwei Dackel bellten scharf und giftig als wir eindrangen, aber gleich wurde ein freudiges Gewinsel daraus. Mit ihren beweglichen, langen Leibern, mit ihren tappenden dicken Pfoten kollerten sie um unsere Füße, sprangen an unseren Beinen heraus, streckten die feuchten Nasen in unsere Handteller und fingen freudevoll an unseren Schnürsenkeln zu zerren und zu nagen an. „ . _ Dreißig große, schwere Männer füllten den kleinen Raum zum Bersten an. Niedrig hing die Decke über ihren Köpfen. Die hängende Petroleumlampe schien milde in all die breiten, gesund geröteten Gesichter, mit den lachenden Mündern und den stachlichen Schnurrbärten. Nur sekundenlang lief Ruck um Ruck über jedes Gesicht ein Schatten von Ernst, fast von Verlegenheit — bei der Vorstellung. Dann dröhnten wieder Stimmen und Lachen, daß die Milchglasglocke klirrte. Da tat die Tür sich einen Spalt weit auf, herein schaute ein faltiges, altes Männergesicht mit listigen, zwickernden Augen unter einem Zylinderhut. Das Männchen stellte sich vor als Ordner der festlichen Veranstaltung, es lüftete höflich den üppig geschweiften Chapeau-Claque und lud zum Essen ein. In der Gaststube standen die Bänke an den Wänden entlang, wie sich das gehört, und die Tische in Hufeisenform, wie sich das ebenfalls gehört. Met vem tun Wänden war nichts zu sehen, so dicht umhNkte sie der ganze bunte Rock des Herbstes mit Eichen- und Buchenlaub. Wik stockten in der Tür, es war ein schöner, feierlidjer Anblick. Vor jedem Platz brannte eine Kerze, ihre Flammen machten das Laub schimmern, und die aufsteigende Wärme machte es duften, und der Waldduft vermischte sich mit dem der Speisen. Es war wie Weihnachten. An der Spitze der Tafel thronte der Jubilar, zu [einer Linken der Festordner und der Sohn, zu seiner Rechten der Patron der Gegend, der Herr der großen Wälder, der Graf mit seiner jungen Frau. Dann folgten die anderen in bunter Reihe, es zeigte sich, daß die alten Jägersleute junge Töchter hatten, sogar mitgebracht hatten in der malerischen Tracht der Gegend. Die Mägde trugen die Wildsuppe auf; sie war dunkel-rotbraun, klar unter einer schimmelnden Haut von kleinen Augen, stark, um Tote zu beleben; es hatte mehr als ein Reh sein Leben für sie lassen müssen. Sie stimmte ganz andächtig. Dazu gab es ein Bier, wie ich es nie im Leben getrunken habe. Es stammte aus der gräflichen Brauerei und war besonders für diesen großen Tag gebraut, seit Monaten hatte es ihn in feinem Faß erwartet. Es hatte die Farbe von ganz dunklem Honig und einen Schaum wie Elfenbein. Stark war es wie drei Männer, schwer wie eine Sommernacht, bitter und süß zugleich, kalt und frisch wie ein Gebirgsquell — ein unbeschreiblich schönes Bier. Und nun geschah etwas, was mir als der Beginn einer neuen Sitte in Deutschland erschien: der Bürgermeister des Dörfchens stand auf und sagte mit ein paar Worten, man solle doch bei einem so schönen Fest der Armen gedenken, die keinen Teil hätten an dieser Fröhlichkeit. Kaum hatte er ausgesprochen, da griff schon eines der jungen Mädchen nach dem Zylinderhut, es wanderte reihum und endete beim Ortsgendarm; der bekam den Auftrag, das Ergebnis der Winterhilfe zu übermitteln. Es geschah dies alles ohne Aufhebens, wie selbstverständlich. Jetzt erst, als der Rehrücken von den Mädchen stolz erhobenen Hauptes aufgetragen wurde, begann das eigentliche Fest. Der Rehrücken — ja, wer den beschreiben könnte! Das Rehwild oft sich groß und stark in diesen Bergwäldern, es wandert weit, die Böcke erreichen vierzig, fünfzig Pfund Gewicht, die Gehörne sind prachtvoll, stark gekrönt, fast schwarz mit langen, weißen Ecken. Aus diesem Geschlecht also stammten die Rücken, von einer Wirtin mundgerecht gemacht, der sieben Förstereien der Umgebung mit Verehrung anhingen. Es wurden Reden gehalten. Natürlich wurden Reden gehalten, aber von einer Art, die dem Menschen der Stadt fremd geworden ist. Dem alten Herrn, der feierlich entschlossen den Zylinder auf dem Kopf behielt, als er seines Freundes, des Siebzigjährigen, gedachte, dem zitterte die Stimme und die Tränen liefen ihm die Backen hinunter. Es war unmöglich, sich dem Eindruck zu entziehen, wie die beiden Alten sich in den Armen lagen. Und wie könnte man den Reiz der Szene beschreiben, als drei junge Mädchen in die Höhlung des Hufeisens traten, hochrot vor Lampenfieber ein Gedicht auffagten und bann keck einen Seelenwärmer hervorholten, den sie selbander dem Jubilar gestrickt hatten. Da half gar nichts, er mußte sich des Festrocks entledigen und das Werk gleich anprobieren. Die Kerzen begannen zu flackern, als die Gäste im Chor und Rund- gefang die Jägerlieder anstimmten, von denen mir nicht viel in der Erinnerung geblieben ist, als ein schneller Rhythmus, eine bewegte Melodie: „Halli-Hallo, wenn's Hüfthorn durch die Büsche schallt, frisch auf zur Jagd im dunkelgrünen Wald — dann Weidmannsheil für mich und meine Freunde." Der ganz kleine Saal begann zu mögen wie eine Luftschaukel, so kam höher und höher die Stimmung in Schwung. Es kamen die bauchigen Boxbeutelflaschen auf den Tisch und die dicken Bouteillen des Zwetschen- fdjnapfes. Die junge Gräfin hatte ein Schifserklavier hervorgeholt, und nun tanzte man. Lauter wurde die Fröhlichkeit, man sprach von den guten und bösen Zeiten, die man zusammen verlebt hatte, von Jagd und Hund und Wild, von Pacht und Holzpreis und vom Krieg. Cs war tatsächlich unter all diesen so verschiedenen Menschen eine Gemeinschaft da. Das war nichts Neugeschaffenes, sondern die Gemeinschaft bestand von altersher; da hatte an hohen Festen schon immer der Gras neben dem Förster gesessen und der Schultheiß unter feinen Bauern, Orts- genbarmen neben bem Jagbgast. Der Jubelgreis ergriff mit jeher Hanb eine Flasche unb begann bamit auf ber Tischplatte einen wilden Trommelwirbel; bas steckte an, halb sprangen bie Gläser im Tanz, bie Mädchen schrien; es war wie in den flandrischen Schenken zur Zeit Till Eulenspiegels: „T'is Tied to beewen den Klinkard". Aber das war nur ein kurzer Ausbruch von Urnatur, ein kleiner Vulkan, der sich legte, sobald der Kaffee unb bie Butterbrote kamen. Zum ersten Male fah ich nach ber Zeit: es war 5 Uhr früh! Ich ging in bie Küche. Da tobte bie Arbeit wie eine Schlacht. Unaufhörlich wurden Gläser gespült; Korken sprangen knallend aus Flaschenhälsen, Geschirr mußte gewaschen werden, immer neue Kannen Kaffee wurden gekocht, Brote geschnittten, geschmiert, belegt unb Aschenbecher geleert und wieder auf den Tisch gebracht. Ohne Pause schafften bie Frauen, wie Mütter umsorgten sie bie Männer, bie doch fast alle älter waren, nur eine ganz leise Ironie lag in ihren Blicken. „Wann sie schlafen gingen?" — Gar nicht; sie arbeiteten durch. Ob wohl bie Jäger jemals schlafen gingen? — Heimlich, ganz heimlich würben bie ersten nicht ohne Hilfe zu Bett gebracht. Das schafften bie jungen Mädchen, die noch ganz frisch unb munter waren. Sie for- berten einfach ben roeinmüben Vatersfreund zum Tanz — wie hätte er nein sagen können —, unb bann walzten sie ihn sanft, aber resolut zur Tür hinaus. Und ehe er wußte, wie ihm geschah, ba lag er auch schon fest verstaut im Bett. Selten habe ich weibliche List so triumphie- renb siegen sehen. Es lichteten sich bie Reihen. Da lag mancher auf ber schmalen Bank, von forgenben Freunden mit einer Burg von Stühlen umstellt, damit er nicht herunterfiele. Andere taumelten Arm in Arm zum Kuhstall, wo es warm war, denn nicht für alle waren Betten ba. Eine nach ber Feindschaft mit- eine Fernsicht An die Geliebte. Von Eduard Mörike. Wenn ich, von deinem Anschau'n tief gestillt, mich stumm an deinem hetl'gen Wert vergnüge, dann hör' ich recht die leisen Atemzüge des Engels, welcher sich in dir verhüllt. Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge. Daß nun in dir, zu ewiger Genüge, mein kühnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfüllt? Bon Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, ich höre aus der Gottheit nächt'ger Ferne die Quellen des Geschicks melodisch rauschen. Betäubt kehr' ich den Blick nach oben hin, zum Himmel auf — ba lächeln alle Sterne; ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen. Der Liebesroman -er Kreiin Emilie von Münchhausen. Bon Heinrich Gloöl*. mahlin und wurde dieser immer langweMger und unleidlicher. Die lebenslustige und kokette Frau richtete ihr zärtliches Auge auf andere, z. B. auf Goethe und auf Karl Ludwig v o n K n e b e l, der ihr auch feine Huldigungen darbrachte. Das Benehmen der „kleinen Werthern" kam Goethe so merkwürdig vor, daß er am 2. Februar 1782 an Knebel schrieb: „Ich sehe ihr im Stillen zu, sie will mir gar nicht gefallen." Endlich fand sie, was sie suchte, nämlich einen Mann, der ihr geeignet schien, ihre Sehnsucht nach Befreiung aus der unglücklichen Ehe zu stillen. Es war der Freiherr August von Einsiedel, der jüngere Bruder des Weimarer Kammerherrn Hildebrand von Einsiedel. Er war in der Tat ein außergewöhnlicher Mensch, kenntnisreich und unter- nehmend. Nachdem er Offizier gewesen war, studierte er in unersättlicher Wißbegierde selbständig vielerlei, besonders Naturwissenschaft, Chemie und Erdkunde, war eine Zeitlang Bergrat in Freiberg in Sachsen und kam von feinetp Schloß Lumpzig in Thüringen öfter nach Weimar, um feinen Bruder und namentlich Herder zu besuchen, der mit ihm eng befreundet war und von ihm für seine „3been zur Philosophie einer Geschichte der Menschheit" zahlreiche Aufzeichnungen über Natur, Völker und Menschen erhielt. Auch mit Goethe war er gut bekannt. Dieser verhandelte z. B. 1781 mit ihm wegen der großen Bibliothek des Göttmger Philosophieprofessors Büttner, durch deren Ankauf der Her- zog Karl August*** dem Bergrat zuvorkam, der nun eine Entschädigung für den Verlust verlangte. Vielleicht ist das Goethe zugeschriehene geistreiche Fragment „Die Natur" (Hempelsche Goethe-Ausgabe, Band 34, Seite 71 bis 74), durch die an Herder gesandten Aphorismen Einsiedels beeinflußt. Für diesen Mann begeisterte sich Freifrau von Werthern. Und dl« Liebe machte sie erfinderisch. Emilie wird plötzlich krank, reift nach Halle Zu einem Arst, wird hier noch kränker und stirbt. So rasch es die damaligen Postverbindungen zulassen, fliegen die Todesanzeigen in alle Schlosser und Häuser der adligen Verwandten. Mit großem Prunk wird das Leichenbegängnis gefeiert. Auch der zum Witwer gewordene Ehemann ist zugegen, innerlich vielleicht ganz zufrieden, auf diese Weise nach etwa zehnjähriger Che die launenhafte Lebensgefährtin verloren S haben. In Leitzkau und in den umliegenden Münchhausen» en Patronatsdörfern werden vierzehn Tage hindurch täglich eine Stunde lang in drei Zügen die Glocken geläutet. Und wahrend dessen macht die für tot gehaltene und betrauerte Frau frlsch und gesund eine große Reise mit August von Einsiedel. Dieser hatte sich nämlich, einem abenteuerlichen Drange folgend, der französischen Regierung zur bergmännischen Durchforschung von Algier und Tunis erboten, um die hier in der Erde verborgenen edlen Metalle zu finden und Goldbergwerke zu eröffnen. Und nun trat er im Mai 1785 die Reise wirklich an, begleitet von zwei Brüdern und von der Geliebten. Weber Straßburg ging es nach Marseille und von da zu Schiff nach Tunis. In Straßburg wurde das Paar aber von jemand erkannt, der sofort den Herrn von Werthern benachrichtigte. Dieser ließ den Sarg offnen. Und was fand sich darin? — Statt einer Leiche eine große aus- gestopfte Puppe. Das Liebespaar hatte also durch eine schlau erlonnene Komodie alle Welt getäuscht. , $n AstWa, wo die Flüchtigen am 30. Juli ankamen, hatte der Berg- rat freilich keinen Erfolg und fand kein Gold. Wenn er auch das Schiff nach langer Quarantäne schließlich verlassen konnte, so versperrte ihm bae an der Nordküste gerade wütende Pest alle Wege, so daß ihm das Durchforschen des Erdbodens unmöglich war. Die Unternehmungslustigen traten daher bald die Rückreise an und hielten sich bann eine Weile in Italien auf. Unb von hier brang von neuem ber Ruf nach Deutsch, laut», daß Frau von Werthern nicht tot sei, sonbern lebe, wirklich und wahrhaftig lebe. Die strenge Mutter Emiliens, Freifrau von Münch- hausen, war so empört, baß sie, mieses scheint, bie Tochter wegen ihres Leichtsinns enterben wollte. Darauf begab sich August von Einsiedel nach Leitzkau, um mit der Familie zu verhandeln. Darüber schreibt Goethe am 9. Juli 1786 an Frau von Stein: „Nun ein Wort von des Afrikaners Emsiedels Negottation. Er war bei ber Werthern Bruder und hat freundschaftlich mit ihm getrunken. Dieser edle Bruder ist des Morgens duster, nachmittags bettunken, und das Resultat der Unterhanb- lung ist sehr natürlich unb sehr sonderbar ausgefallen. Münchhausen er- W?rt: daß, wenn seine Schwester von ihrem Mann ordentlich geschieden, mit ihrem Liebhaber ordentlich getraut seyn werde, er sie für feine Sdjroefter erkennen und bet) ber Mutter ausroürten wolle, baß sie auch als Tochter anerkannt und ihr das Erbteil nicht entwendet werde Für Trunkenen ein sehr nüchterner Vorschlag. Nun aber unsere Flllcht- hngel W,e abscheulich! Zu sterben! Nach Afrika zu gehen, den sonder- barsten Roman zu beginnen, um sich am Ende auf die gemeinste Weise scheiden unb kopulieren zu lassen." ' 1 Der folgende Ehescheibungsprozeß erregte ungeheures Aufsehen. Das rne^.m^n ?e,5 Paares fand aber bei ber sentimental gerichteten Gesellschaft auch Jubel unb Zustimmung. Cnblich 1788 erreichte Emilie Gr Ziel- Sie würbe m Leitzkau in aller Form mit August von Cinsiebel getraut. So enbete ihr Liebesroman. Der Stallmeister von Werthern aber tröstete sich durch Vermählung mit Zäzilie von Ziezesar aus Drarenoorf. Der zweite Ehemann sagte Emilien doch immerhin mehr zu als der erste, wenngleich er ihr zu gelehrt unb zu unruhig war. Nach bem Tobe besJBergrats fetjrte sie oft zu ihrer alten Mutter in ihren Geburtsort ."elyknu zuruck, wo sie im Alter eine fromme Frau war, bem sonn- raschen Gottesdiensten in ber Schloßkirche beiwohnte, jcbesmal ein Goldstück in der, Klingelbeutel warf, bis 1827, wo sie wohl starb häufig auch den Patronatspastor Gloel besuchte und 1818 Pate des ältesten Sohnes und später noch einer Tochter dieses Pfarrers wurde. taufVnb ®Verroarb für bie Universität Jena für acht- anderen erloschen die schon erneuerten Kerzen, unruhig wehten die Schatten durch den Raum. Vor halbgefülltem Glas saß mancher, leise schwankend wie ein Tanzbär, ganz mit sich allein, murmelnd, Sieber- setzen fingenb ober mit zornigem Ausruf auf ben Tisch schlagenb. Anbere suchten noch Geselligkeit; immerfort entströmten ihnen Worte, unb ber erstaunte Ausbruck ihrer Augen ftanb bazu in fonberbarem Gegensatz, als rounberten sie sich, baß sie in Zungen sprechen konnten. Alle Charaktere lagen klar zutage. Jeber in seiner Eigenart, aber alle friedlich beieinander. Die zähesten Jäger saßen in einer Ecke, klopften ihren Skat unb blinzelten mit listigen Augen burch ben blauen Pfeifenrauch einanber zu. Die Gewehre ftanben neben ihren Stühlen, bie Teckel schliefen in bem warmen Raum zwischen Stuhllehne unb Jägersrücken. So erwarteten sie bie Dämmerung. * Anbern Tags vernahm ich manchen Schuß im Wald des Dorfes „Zeitlos". Als aber bie Jäger mittags zusammenkamen, hörte ich nicht, daß irgendein Wild erlegt worden fei. Allbekannt ist burch feine Aufschneidereien und Lügenmärchen der Baron Hieronymus von Münchhausen (1720 bis 1797), und der ?^°""iche Minister Baron Gerlach Adolf von Münchhausen (1688 bis war von anerkannter Tüchtigkeit. Wir haben es aber hier mit den Münchhausens zu tun, die in Leitzkau bei Zerbst fett dem 16. Jahrhundert ihre Rittergüter als Allodialbesitz inne hatten. An der Stelle des im 12. Jahrhundert vom Magdeburger Erzbischof Norbert im Wendenland gegründeten, später hochberühmt gewordenen Pramonstratenserttosters Laetitia Dei liegen die beiden herrschaftlichen Hauser oder Schlosser Atthaus- und Neuhaus-Leitzkau, durch einen etwa hundert Schritte breiten Hof getrennt, durch die stattliche Schloßkirche verbunden, von Schloßpark und Tiergarten umgeben. Neuhaus-Leitzkau von ber abligen, Althaus von der sreiherrlichen Familie von Münchhausen bewohnt. Seit dem Mittelalter gab es eine weiße und eine schwarze Linie von Münchhausen. Beide Leitzkauer Familien gehörten zur letzteren, aber beide lebten seit langer Zeit in Feindschaft mit- hi«atfror\ ?°n benl hochgelegenen Leitzkau hat man eine Fernsicht Unterba9bC6Ur0 Unb bet beItem Weiter bis zum Brocken unb zum hn..» Frei'n n ch h a u s e n wurde um 1755 in Alt- Hhr Pater war der Freiherr Georg von Münch- hausen - ihre Mutter war eine Tochter des Pastors Petri in Braun- u^bCfflerWulhen5 8reif)crr Karl Adolf von Münchhausen, Erb- maab® G$n? to h 2l"haus-Le,tzkau. verheiratete sich mit einer Vieh- ?Vre9ifraif non TO ^k blrC bürgerlich geborene, aber adelsstolze rountWaufen, geborene Petri, billigte die heimlich ge- Ö1831?' d°°r, s° lange sie lebte (sie starb hoch- hiJ KAmiJn' lm Schlosse, sondern im Amtshause wohnen und soll die Schwiegertochter Niemals gesehen und gesprochen haben. n. ^shone und talentvolle Emilie herangewachsen war wurde M b? be< Herzogin Anna Amalia von Weimar Die beteiligte L'ebenswürdigkeit an den Liebhaber-Aufführungen sä « s j's-Ä-äB ®ro6oSrbeanu^ten ÖUe“en ^'"b mir bie Erinnerungen meine- Dr' 8,1,8 ».MCI«. u„° »»„M,,,,.g. g.,„.