Nummer 5H Zreltag, den 5. Mai Jahrgang 1955 trat vom odjbenfr: Ueberall auf seinem breiten, fächigi über der Schminke, sammelten "'<$) ging mit schweren, hinter sich abschloß. sich, und Ludwig Thie ; Garderobe, deren Tür er 'S ,°h er seinen kantigen Schädel mit dem schon gelichteten borstigen Blond- herB haar und unter der dicken Schminkschicht die scharsen Falten, die sem Ltiiig ut Gesicht in breite Flächen zerlegten. Er sah die Ansätze der länglichen Lei ir Wülste unter seinen blauen, noch immer halbgeschlossenen Augen, ob n neue e bei überl mb aber tun d°h of)n nah luchzeyd: , komm!' h unter in!“ ri*le en E die M iuris N »platz.hi irg Heien o®“1 stssah^ ß-n i Sie» bei - und * Ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. H, Äerlin Der Vorhang fiel. Der dritte Akt war vorüber. Ludwig Thiele, im Harnisch Götz von Berlichingens, stand am rechten Proszenium und lauschte mit vorgebeugtem Kops, mit halbgeschlossenen Augen auf den Applaus, der sofort einsetzte und rasch anschwoll. mit dir । s nun ”!, [ frieg* t und * sie ifü J ir di-L mm«' s,, -5 djrte blr !°gte, et >g°n d«; ■ nüber-,,s ! tzi nun eine -Lach,,, häch dein' eben noch oe purte triumpyierenoe oiujcivcn * C", ~ ,r„h und die Notwendigkeit eines raschen Uinzuges. Er stand regung^os und musterte mit einer jähen, unnatürlichen, fast grausamen Heilßcht sein Erscheinung vom Kopf bis zu den Fußem Unter der t)albtangen W11"6 nnen, dch eien! 3t tgemche ic ich fni labe bij mir zu gründ« m Echch 1 unb ber! jnb über , büß ■ nbeit! ft Dortöärt: i soll ibttr aufgelii ib gib mit 5ebinguni >n Pro» irschiing'i - ich « ochzeü -- eben Keder an sich und seine Zukunft glaubte, so daß er das oft mühsam erkämpfte Geld mit beiden Händen nach allen Seiten hin ausstreute. Garderobe zurück. Thiele starrte sein Spiegelbild an und vergaß einen Augenblick alles um slch h/rum d!e AZegLng der für ihn entscheidender' Pr-m'^e d'e eben noch gespürte triumphierende Sicherheit seines endlichen Stege^ GiesjenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger das ihn beim „ , wieder und erfüllte ihn jetzt ganz, nen Intensität und zweifelte nicht im scheidenden Erfolg auch über den vierten halten, sogar noch überbieten würde. Dem Schrank entnahm er eine volle, bauchige Flasche, füllte ein Glas bis zum Rand und leerte es mit einem Zug. Flasche und Glas m den Händen, kehrte er zum Spiegel zurück und rief dem Garderobier zu: „Her mit dem Wams, mein Junge! Und bring dir ein Glas mit! Du weißt, wo du es findest!" Weidner kam näher mit Glas und Wams. Thiele schenkte ihm ein. , Ein alter, guter Burgunder ist das. Den trinkt man, ohne abzusetzen. — So mein Junge! — Unfug ist das alles. Abgenommen hab ich in diesen drei Monaten, mindestens sechs bis acht Kilo. Das wirst du mir zugeben. Alls mü [en mir das zugeben. Aber das wichtigste ist, daß das im Grunde vollkommen gleichgültig ist — nach dem heutigen Abend! Toi, tot, toi — er ist noch nicht ganz zu Ende. Trotzdem ist das vollkommen gleichgültig. Meinst du nicht auch, Weidner?" Sicher, Herr Thiele", murmelte der Garderobier, während er ihm in das neue Wams hals. „Es schließt ganz leicht von oben bis unten Und das mit dem Wein, Herr Thiele ... Wir tun vielleicht Hetzer daran, wenn wir ihn wegstellen heute ... Die Frau Gemahlin ... .Haben wir nicht mehr nötig, alter Junge! Wir waren noch nie ängstlich' weder wir noch die Frau Gemahlin. — Wetten wir, daß sie lacht, wie ich darüber lache! — Dein Wohl, alter Junge!" Es war das brüte Glas, das er leerte. Auf vorsichtige Vorstellungen seiner Frau hin hatte er seit einigen Monaten seine Tafelfreuden rationiert und einen Trainer genommen, der schon in aller Frühe an feinem Bett erschien und ihn mit systematischer Gymnastik und harter Massage tyrannisierte. Diesem Trainer war es, trotz passiven Widerstandes, gelungen, das Gewicht des Schauspielers auf einer bestimmten Höhe zu erhalten. « Unsinn das alles! Lächerlicher, ängstlicher Unfug! dachte Thiele und lachte plötzlich fein altes, tiefes, dröhnendes Lachen. Mit einem einzigen Ruck riß er das zerknitterte Wams auf, wobei ein paar Knöpfe im Bogen zur Erde sprangen, reckte die breiten Schultern im offenen Hemd und Spiegel weg zum Schrank, den er öffnete. Das Siegesgefühl, ieim Niedergehen des Vorhanges überfallen hatte, ergriff ihn (Er gab sich ihm hin mit der ihm eige- geringften, daß er feinen ent» und fünften Akt hinweg durchgleich sie jetzt hinter geschickt gezogenen F^bstrichen verborgen waren, und ebenfo lene fleischige Falte hinter dem Bart, für die er sichDie Bezeichnung „Doppelkinn" bisher verbeten hatte. Obgleich er das Lederwams noch nicht geöffnet hatte, erkannte er deutlich darunter die Linien feines muskulösen, stämmigen Körpers, und die erschienen ihm in diesem Augenblick viel massiger, unförmiger, als fie in Wirklichkeit waren. Auchspure er stärker den Druck des breiten Maßgurteis von den Husten abwärts ms zum Ansatz der Beine, die im Verhältnis zu den übrigen Gliedmaßen etwas zu kurz und zu schwach erschienen. In der letzten Zeit war dieser kraft- und saftoolle Körper zum Gegenstand der Besorgnis geworden, nicht so sehr feiner'eigenenw f Freunde. Thiele hatte die Fünsunddreiß.g überschritten und durfte sich nicht länger verhehlen, daß in der Zunahme seines Gewlchts trotz feiner stattlichen Größe eine Gefahr lag. Eine Gefahr, über die er bisher mit feinem starken, selbstsicheren Lachen hinweggesehen hatte. Er liebte es gut zu essen und viel zu trinken. Eine volle, üppige Tafel, mü^nlg Freunden und ein paar hübschen Frauen besetzt, gehörte zu sei wie fein tiefes, dröhnendes Lachen, wie fein breiter, wiegender Gang - des ehemaligen Matrosen — und wie die unbeirrbare Sicherheit, mit ö Ein Klopfen an der Tur. Wer da?" rief Thiele mit voller, klarer Stimme. Ich wollte dir nur die Hand drücken, Ludwig", antwortete der heisere Bariton des Direktors und Regisseurs Steinten. „Außerdem ... „Kannst du auch eine Stunde später l Du kommst doch mit zu mir hinaus?" unterbrach ihn Thiele. „ „Ja — außerdem sagte man mir, daß die Kritik ... „Morgen früh!" „Na, bann: Götz von Berlichingen ..." „Spiel ich heute! Auf Wiedersehen!" „Wir hätten ihm öffnen sollen, Herr Thiele. Er ist so empfindlich, sagte Weidner nach einer Pause. „Unsinn!" lachte Thiele. „Ich mag niemand sehen außer ... Da ist sie! Mach auf, alter Knabe!" Weidner hatte das leise Klopfen überhort. Er eilte zur Tur und drehte den Schlüssel um. ./ . ... .. In einem silbergrauen, bis zu den Fußspitzen reichenden Abendkleid erschien Elisabeth Thiele und trat auf ihren Mann zu, beide Hande aus- gestreckt, mit einem erregten, ausgeschlossenen Gesicht, wie er es in seiner dreijährigen Ehe nur von seltenen Augenblicken kannte. 2. Hau ab, mein Sohn!" rief Thiele dem Garderobier zu, und Weidner drückte sich scheu an der Frau vorbei aus der Tür. Thiele ging ihr entgegen und nahm sie in ferne Arme. Sie küßte ihn mehrmals auf den Mund, ohne daran zu denken, daß die Schminke über feinem Gesicht auf ihrer zarten, hellen Haut Flecke hinterlieh. Sie war ebenfo groß wie er. Ihr blonder Scheitel schimmerte rötlich neben dem stumpfen Gelb seiner Perücke. Ihre Gestalt auf den langen Beinen uns eng umschlossen von der silbergrauen Seide, aus der das blühende Weiß ihrer Haut über der Brust und bis tief in den Rucken Tjtnab leuchtete, wirkte neben ihm schlank und 'fast mädchenhaft. Erst, als sie sich aus feiner Umarmung loste und ein paar Schritte zurücktrat, wirkte ihre Erscheinung so, wie sie wirklich war: Ende der Zwanzig, staulich und voll CrblU@s war schön ... dein Bestes ... Ganz so, wie du es dir gedacht hast'!" sagte sie, und ein glückliches Lächeln loste alle Erregung aus ihrem Gesicht. ■b« bt|| Sugleid) j ben g(l ,bas gilt der tont ichdenlei, die neue-, auch eilt irt, nein,, den &ii i Es ist entschieden — ich habe gesiegt! dachte er, und ein tiefer Atemzug dehnte seinen mächtigen Brustkorb, daß die Ringe des Panzers knackten. ' feinem breiten, sächigen Gesicht standen dicke Schweißperlen , „ j zu kleinen Bächen und liefen in den dunkelblonden " Bart, 'der das kurze, fleifchige Kinn verbarg. Jetzt klang der Applaus nah und stark. Der Vorhang war in die Höhe gegangen, und er mußte an die Rampe hinaus, um zu danken. Dreimal, fünfmal ... Bon der anderen Seite des Proszeniums tarnen die Kollegen hinzu. Er ergriff bargebotene Hände, verbeugte sich. Und dann muhte er noch dreimal allein hinaus. Die große Pause begann. Der riesige, amphitheatralisch emporsteigende Zuschauerraum des neueröffneten Deutschen Voltstheaters leerte sich, und Ludwig Thiele W LLLL klirrenden Schritten in seine Der Garderobier, ein sechzigjähriges dürres Männchen mit einem spitzen Vogelgesicht und einer dünnen, verschüchterten Stimme, nahm ihn in Empfang und nestelte mit eifrigen Fingern an den Riemen des Panzers. Sie losten sich, und Ludwig Thiele stand im zerknitterten Lederwams vor dem hohen, von drei Seiten beleuchteten Spiegel neben dem Schminktisch. „Laß niemand herein, Weidner! Nur meine Frau — wenn sie kommt!" sagte Thiele, ohne den Blick vom Spiegel zu nehmen. Seme Stimme klang rauh, aber beherrscht, mit einem leisen fremben Unterton so baß Weidner besorgt zu ihm hinübersah, wahrend er ben Harnisch in eine Ecke stellte unb ein neues Wams bereitlegte. ^hre Sxene mit ßerfe war großartig. Haben Sie bemerkt, wie alle hinter ben Kulissen die Hälse nach Ihnen reckten?" fragte Weidner, der wußte daß Thiele das Urteil der Bühnenarbeiter oft wichtiger war als das der Kritiker und des Berliner Premierenpubllkums, und der aus der ungewohnten Haltung des Schauspielers den Schluß zog, daß er ihm etwas Gutes sagen müßte. . Er betam keine Antwort und zog sich auf feinen Stuhl im Wmtel der Ihre wenigen Worte waren für ihn die Bestätigung seiner Empfindung für die er vergeblich nach einem Ausdruck gesucht hatte. Während er sie schweigend ansah, trat in seine Augen ein so starker Glanz, daß sein Gesicht wie von innen erhellt schien, gleichsam durchsichtig wurde und nichts mehr enthielt wie Güte und Dankbarkeit. Beide fühlten in diesem Augenblick des Schweigens ihre tiefe Verbundenheit, und dieser Augenblick erschien ihnen noch viel später wie ein kostbares, unvergeßliches Geschenk. Sie drehte ein wenig den Kopf, und ihr Blick fiel auf die fast leere Weinflasche. Das Lächeln, das bisher auf ihrem Gesicht liegengeblieben war, verschwand. Ihm war, als wehte plötzlich ein kühler Luftzug durch die heiße Garderobe. Sofort aber gab er sich einen Ruck, als schüttle er alles, was ihn und sie in den letzten Monaten bedrückt hatte, von sich ab, und sagte mit seinem mitreißenden, unbeschwerten Lachen: „Komm, Lisa, du mußt mit mir anstohen und alles andere vergessen i Es gehört nicht zu mir und auch nicht zu dir. Ich hab mit Weidner gewettet, daß du mich verstehst — heute und immer. Alles andere hat nichts zu sagen." Er ging zum Schrank und holte eine zweite Flasche hervor, die er entkorkte. Elisabeth stand noch auf dem gleichen Platz und folgte jeder seiner Bewegungen mit den Augen. Als er sah, daß diese Augen über alle Zurückhaltung hinweg ihm recht gaben, kam es über ihn wie ein Rausch. „Hier, das ist mein Glas. Das nimmst du. Aus diesem hier hat mir der alte Weidner Bescheid getan. Das nehme ich. Wir haben schon öfter aus einem Glas getrunken, Weidner und ich", sagte er und schenkte die Gläser voll. „Dein Wohl, Lisal — Ich glaube, nur du allein weißt, wie es tatsächlich in mir aussieht." „Sein Wohl!" antwortete Elisabet und stieß mit ihm an. Ihr Lächeln war nicht zurückgekehrt. Doch waren ihre Haltung und die Geste, mit der sie das Glas an die Lippen führte, frei von jedem inneren Vorbehalt. „Kommt Steinlen nachher mit hinaus?" fragte sie. „Ich denke, ja. Er war eben hier an der Tür, und ich habe ihn daran erinnert." „Bann wird es bas beste sein, du nimmst ihn zu dir in den Wagen. „Und du?" „Ich fahre voraus mit dem Doktor Kern, der auch Martin, Hubert und Billy mitnimmt. Dann bist du ganz frei, wenn der Agent mit dem Film-Menschen dich nachher sprechen will. „Bisher hat sich keiner von ihnen sehen lassen." „Sie werden kommen, verlaß dich daraus." „Wir werden ja sehen! Auf keinen Fall gebe ich ihnen heute mehr als eine halbe Stunde." Elisabeth berührte mit der Hand leicht seine Schulter. „Wirst du wirklich vorsichtig und vernünftig mit ihnen umgehen? Gerade diese Leute verstehen deine Art so schwer." „Keine Sorge, Liebe." Aus einmal war ihr Lächeln wieder da. „Brauche ich wirklich gar keine mehr zu haben von heute ab?" „Nein, meine Gute!" „Auch nicht — Miras wegen?" „Wie kommst du darauf?" „Sie ist wieder da und sitzt im Theater mit ihrem ewigen Schatten, der Aenne ..." „Mira ist im Theater —?" wiederholte er gedehnt und machte ein paar Schritte durch die enge, heiße Garderobe. „Das ist endgültig aus und begraben!" sagte er nach einer längeren Pause und hielt den Augen Elisabeths stand. „Das klingt ein wenig zu stark und zu sicher, Ludwig! — Du kennst leider die Frauen nicht. Noch immer nicht!" „Gott sei Dank!" warf Thiele dazwischen. „Sie wird zu dir kommen." „Mag sie!" „Du hast nie nein sagen können ihr gegenüber." „Sie wird es einmal erleben — heute! Aber sie wird gar nicht kommen. Dazu ist sie viel zu stolz. So weit kenne ich sie." Elisabeth schüttelte leicht den Kopf. „Du warst immer ein Kind, was sie betrifft. Sie ist einfach wieder da, wie immer, wenn etwas Entscheidendes mit dir geschieht. Genau so, wie sie verschwand, wenn das vorüber war. Und du glaubst, das hat nichts mit dir zu tun!" „Ihre Sache! Du kannst wirklich ganz ruhig sein." „Ich glaube, ich bin nicht mehr eifersüchtig. Wenigstens nicht auf sie. — Trotzdem ..." „Du überschätzest sie." „Du hast sie zu lange nicht gesehen. Heute ist es schon saft ein Jahr." „Ich tjabe sie ganz einfach vergessen und Wichtigeres zu tun von jetzt ab. Weiß du, was ich damit meine?" Er umfaßte die ganze Figur mit einem langen, zärtlichen Blick, über den sie vor Freude errötete. Schnell kam sie auf ihn zu, küßte ihn und flüsterte in fein Ohr: „Mag sie Herkommen, die Mira! Was kann sie mir .jetzt noch wegnehmen?" Ueber feine Schulter hinweg sah sie plötzlich im Spiegel ihr Gesicht und entdeckte die gelben Flecke, die feine Schmink« darauf zurückgelassen hatte. Die Klingel über der Tür schrillte. „Mein Gott, wie seh' ich aus!" rief sie erschrocken, machte sich von ihm los und trat zum Spiegel, wo sie sich mit Puder und Quaste zurechtmachte. „Und du sagst mir kein Wort! Du hättest mich so hinausgehen lassen, zum Gaudium des ganzen Parketts. Wahrscheinlich hast du nicht einmal bemerkt, wie du mich zugerichtet hast, Barbar, der du bist! So genau siehst du mich an! — Ueber mein Kleid hast du mir auch kein Wort gesagt, obgleich du es jetzt erst zu Gesicht bekamst. Aber da ist bei dir nichts mehr zu ändern. Das weih ich nun schon. — Heute verzeihe ich dir überhaupt alles. Sag wenigstens jetzt noch schnell, daß es dir gefäUtr „Es ist entzückend!" „Dank«. Und halb so teuer, wie du glaubst. — Adieu! vielleicht komm' ich nach Schluß noch auf einen Moment." „Du mußt!" „Du wirst gar keine Zeit haben." „Du mußt! Weidner öffnete vorsichtig die Tür, tarn herein und schlich zu seinem Stuhl im Winkel. Elisabeth war mit ihrer Toilette fertig und ging rasch an ihm vorbei zur Tür. „Auf Wiedersehn!" Sie nickte ihm zu und war hinaus, bevor er sie noch einmal erreichen konnte. 3. Elisabeth Thiele ging durch die schmale Tür, die die Bühne mit dem Zuschauerraum verband. Der uniformierte Diener, der sie bewachte, grüßte mit einer höflichen Verbeugung Der breite Gang zwischen den Garderoben und dem Parkett war überfüllt von dem Strom des Publikums, das nach Beendigung des Zwischenaktes auf feine Plätze zurückkehrte. Elisabeth schob sich langsam vorwärts; sie hatte den ganzen Halbkreis des Theaters zu umschreiten, erwiderte Grüße nach rechts und links und war etwa in der Mitte ihres Weges angelangt, als aus dem Gewirr ringsum eine bekannte Stimme bis zu ihr drang. „Hallo, Lisa ...!" Sie blieb stehen, stemmte sich gegen den Strom und sah sich um, konnte jedoch den Gesuchten nirgends entdecken. „Wo stecken Sie beim, Doktor?" „Einen Augenblick. — Es ist nicht ganz so einfach." Hinter einer korpulenten, schwerfälligen Dame, die am Arm eines ebenso starken Herrn im Smoking hing, tauchte ein kleiner, schmächtiger Mann auf, der behend durch die entstandene Lücke bis zu Elisabeth vor- brang. Doktor Felix Kern, praktischer Arzt unb Spezialist für Hals- und Nasenleiben, mußte in jeber Umgebung auffallen; hier unter dem Premierenpublikum in Smoking unb Abendkleib um so mehr, sowohl burch sein saloppes Aeußere wie durch seine Kleinheit unb Magerkeit. Obwohl er sich nicht bireft vernachlässigte, wirkte er stets ungepflegt. Sein bunt« les strähniges Haar war aus ber hohen Stirn zurückgestrichen unb zu lang. Vor ben klugen, nußbraunen, kurzsichtigen Augen trug er einen Klemmer mit bicken schwarzen Hornrändern, ber auf bem Buckel seiner schmalen Hakennase nie ben richtigen Halt fanb, sonbern ftänbig abwärts rutschte, so baß er gezwungen war, ihn in kurzen Abstänben zurechtzurücken. Um ben weichen, schöngeformten Munb, auf ben eingefallenen Backen unb bem vorspringenben spitzen Kinn wuchs ein so starker schwarzer Bart, baß seine Spuren burch bie schärfsten Rasuren nur für wenige Stunben ganz zu beseitigen waren. Dieser hagere Kopf saß auf einem zu langen Hals mit kräftigem, beweglichem Adamsapfel, unb biefer Hals wuchs roieber aus einem Körper heraus, ber kaum bie Höhe unb ben Umfang eines sechzehnjährigen Jungen erreichte unb über bem auch ber bestgeschnittene Anzug ins Schlottern kam. Doktor Kern war vierzig Jahre alt, Junggeselle unb Schweizer von Geburt. Viele ber prominenten Sänger, Schauspieler unb Redner Berlins gehörten zu seiner ausgedehnten Klientel unb vertrauten willig ihre Kehlen unb Stimmbänder seinen erfahrenen Händen an. „Warum sind Sie nicht mitgekommen, Doktor? Sie wissen, wie sehr Ludwig sich gefreut hätte ... gerade heute!" „Nichts mehr davon, Lisa. Natürlich haben Sie recht. Aber ich habe auch recht, wenn ich mich erst kurz vor Mitternacht bei ihm melde." „Wohin waren Sie denn so plötzlich verschwunden?" „Ich habe ein wenig sondiert und Stimmung gemacht, und ich kann Ihnen sagen, Lisa, daß die Presse — wenn nicht noch ein sinnloses Unglück passiert — einmütig begeistert ist." „Ihnen gegenüber! Und morgen früh sieht das wieder ganz anders aus! „Unsinn, Lisa! Ich kenne doch meine Leute. Diesmal hat der Blitz eingeschlagen und gezündet!" „Und damit gehen Sie nicht schnurstracks zu Ludwig?" „Noch zu srüh — für ihn!" „Zyniker!" Elisabeth lachte angesteckt unb froh erregt von feiner festen Ueberjeugung. Sein Urteil war ihr unb ihm stets eines der wertvollsten. „Ich bin ja nebenbei auch noch sein Arzt!" sagte Sem. Im Strom, ber an ihnen oorbeibrängte, tauchten zwei Damen auf, bie langfam näherrückten. Mira von Alten unb Aenne, ihr ewiger Schatten, wie nicht nur Elisabeth sie genannt hatte, irgenbeine entfernte Kusine Miras, bie man stets an ihrer Seite erblickte unb von ber niemand Genaueres wußte. Mira von Alten war etwas kleiner als Elisabech, schlanker und dunkler von Haar und Hautfarbe. Das elfenbeinfarbene Kleid mit tiefem, spitzem Ausschnitt auf der Brust und im Rücken ließ den bronzenen Ton ihrer Haut noch dunkler erscheinen. Das halblange Haar war in kunstvollen Wellen wie ein wirksamer Rahmen um das längliche, ganz ebenmäßige Oval ihres Gesichts gelegt, aus dem die großen schwarzen Augen unter den erhöhten Bögen Der Brauen in einem matten, unnatürlichen Feuer brannten. Auch die Linien des Mundes fügten sich in diese gewollte künstliche Form und waren um eine Nuance zu rot. Doch ber schlanke trainierte Körper unter ber hellen weichen Selbe erschien vollkommen in seiner zarten, aber febernben Biegsamkeit. Sie hatte den rechten Arm leicht unter den der Kusine geschoben, die in ihrer Länge neben ihr wie ein hartes Knochengerüst und um mindestens zehn Jahre älter wirkte. Die beiden befanden sich jetzt in gleicher Höhe mit Elisabeth und Doktor Kern. Als habe Mira die Frau des Schauspielers erst in diesem Moment erkannt, löste sie plötzlich den Arm aus dem der Kusine, drängte sich durch die Dazwischenstehenden und hielt, den schmalen Kops zu einem Gruß leicht vorgebeugt, dicht vor Elisabech. (Fortsetzung folgt.) Wie eine Saite straff. Von Ina Seidel. Du handle gar nicht mehr, als es der Fischer tut, Der seine Netze senkt in undurchsicht'ge Flut. Er weih nicht, welcher Fang ihm jeweils vorbestimmt, (Noch weiß ja auch der Fisch, wohin er blindlings schwimmt.) Wie eine Saite straff, wie eine Tafel rein, Bereit zur Schwingung und bereit für Schrift zu sein: Dann fällt dir zu, was du mit Mühsal nicht erlangst, Dann füllt der Gott dein Wort. Und dann vergeht die Angst. Oer Schachspieler. Von Julius Zerzer. Julius Zerzer, 1889 als Sohn eines Arztes in der Untersteiermark geboren, lebt als Lehrer in Linz an der Donau. Seine Erzählungen „Johannes" und „Stifter in Kirchschlag", 'seine Wallenstein-Novelle „Das Bild des Geharnischten" und seine Gedichte „Vor den Bergen" gehören mit ihrer zuchtvollen Form und ihrer reichen Innerlichkeit zum wertvollsten Schrifttum des süddeutsch-österreichischen Kulturkreises. Hier erzählt Zerzer eine schelmenhaft-anekdotische Begebenheit aus der Zeit des großen Korsen in Wien. Als Napoleon sein bei Aspern ins erste, warnende Schwanken geratene Glück bei Wagram wieder befestigt hatte, fand er im Laufe der folgenden Monate, die er in Schönbrunn mit Unterhandlungen hinbrachte, gelegentlich auch eine ruhige Stunde, um sich von den Kriegs- und Staatsgeschäften abzuwenden und zu den harmlosen Interessen des Privatmanns herabzulassen. So hörte er eines Tages — es war schon Oktober geworden, und der entscheidende Abschluß des Friedens rückte sichtlich heran —, daß ein besonders geschickter Mechanikus, der Instrumentenmacher Melzel aus Wien, einen Automaten gebaut habe, der die Bewunderung aller Kenner erwecke und wohl überhaupt das Künstlichste sei, was man in dieser Hinsicht dem verblüffenden Fortschritt dieser Zeit verdanke. Denn wenn sonst ein Automat schon Staunen erregte, der nur einige gleichsam eingelernte Schritte und Griffe oder etwa das abgebrochene Stück einer Melodie aus ruckweise hin und her geführter Flöte darzubieten vermochte, so handelte es sich hier um eine Maschine, die sich nach eigener Ueberlegung zu betätigen schien und die Reihen ihres Ablaufs in immer wechselnder Folge, der jeweils gegebenen Lage Rechnung tragend, mit Scharfsinn entfaltete. Um das Geheimnis etwas deutlicher auzudrücken, es handelte sich um nichts Geringeres als um eine Schachmaschine, die so manchen aus feine Erfahrung pochenden Spieler matt oder wenigstens patt setzte. Eine Schachmaschine! Hat man jemals gehört, daß man die Grenzen der Mechanik weiter hinausgeschoben, daß man das in Rädern, Hebeln und Schrauben eingebaute Gesetz dem geregelten Ablauf des menschlichen Denkvermögens erfolgreicher angenähert oder vielmehr überzeugender gleichgestellt hätte? Der Mensch — die Maschine. Lamettrie hatte recht, hier wurde der Beweis des Philosophen auf dem entgegengesetzten Wege erbracht: Die Maschine — der Mensch. Denn eine Maschine, die Schach spielt, die alle Möglichkeiten des geistigen Schlacht- und Kraftfeldes klar im Kopse — nein, in den Schrauben hat, eine Maschine, die kombiniert, die rochiert, die den gewiegtesten Gegner in Verlegenheit bringt —, eine solche Maschine braucht nur einige Hebel und Schrauben mehr um die Menschheit ganz zu ersetzen, ja den Globus völlig aus den Angeln zu heben. Kein geringerer Ruhm für Altösterreich, daß diese Maschine in Wien das Licht der Werkstatt erblickte. Daß ein österreichischer hoher Beamter, der Hofrat Kempelen — er hätte von seinen Amtsstunden keinen besseren Gebrauch machen können — im geheimen ihr geistiger Vater war. Der Mechanikus hatte ihr nur die irdische Hülle auf ihren Lebensweg mitgegeben. Vielleicht da und dort eine kleine Verbesserung angeregt. Und übrigens seinen Namen zur Verfügung gestellt. Denn es ging nicht an, dag ein Beamter beweisen sollte, das Räderwerk eines Automaten fei im großen und ganzen nicht geringerer Bewunderung würdig als das des Staates. Napoleon galt selbst für einen ausgezeichneten Schachspieler. Wenigstens unter seinen Vertrauten, von denen es wohl keinem rötlich scheinen mochte, ihn matt zu setzen. Uebrigens würden wir gar nicht bezweifeln, daß er, der die Möglichkeiten des Schlachtfeldes so scharfsinnig überblickte, auch auf dem Schachbrett unüberwindlich gewesen sei wenn nicht — doch dies sei der Folge der Erzählung anheimgegeben. Napoleon hatte also kaum von dem mechanischen Schachspiel Kunde erhalten, als er auch schon Befehl gab, dieses samt seinem Erbauer Melzel nach Schönbrunn zu befördern, da er die Absicht hege, es persönlich einer Probe zu würdigen. Nun aber tut es not, daß ein Schleier gelüftet werde, soll das Weitere durchaus verständlich fein. Ich lüfte ihn ungern, denn em Gunter Schleier ist zuweilen lockender als die Sache selbst, und ich mußte mich sehr irren, wenn dies nicht gerade für alle Arten von Automaten feine Richtigkeit hätte. Doch greifen wir entschlossen ins Triebwerk, und wenn es auch em wenig knistert und kracht — seht, dahinter steckt der Mensch verborgen, der noch nicht völlig, der durch die Maschine ersetzte Mensch, dessen Räderwerk eben doch ein wenig künstlerischer ist, weil er aus der Werkstatt eines größeren Mechanikers kommt, und weil der Plan der schopfung Dinge in sich beschließt, die selbst dem gewiegtesten Hosrat über die Hutt schnür gehen. Die Schachmaschine, so schlau sie ersonnen war, wirkte doch nicht ganz aus eigener Kraft. Sie war nur der hölzerne Arm zu c niemals gezeigten Fach, darin saß der Schachspieler, der 'hr Getriebe beherrschte. Und da man den Ruf der Maschine zu wahren suchte, steckte man einen guten Schachspieler in das geheime Fach, Darum also spielte die Maschine so ausgezeichnet, darum berechnete sie ihre Gegenzuge so überraschender Sicherheit. Begreislich, daß die beiden Verschwörer, der Hosrat mb Melzel, in keine gelinde Erregung gerieten, als ihnen der Befehl Napoleons hinterbracht wurde. Sie hatten schon so viele Leute jedes Standes und Alter« mit ihrer Maschine zum besten gehalten. Sollten sie es mit dem großen Eroberer gleichfalls wagen? Jedoch das Geheimnis ihrer Erfindung öffentlich preisgeden — und anders hätte sich eine Weigerung schwerlich begründen lassen — war mehr, als ihr Stolz vertrug. Lieber wollten sie mit der Ehre das Leben zugleich in die Schanze schlagen. Galt es nur, den' richtigen Partner für den Kaiser zu finden. Der Hofrat machte diesen und jenen Versuch bei vertrauten Freunden, aber keiner zeigte besondere Lust, in eine Maschine verpackt nach Schönbrunn zu wandern, um dort mit dem launischen Korsen unter so zweifelhaften Umständen näher bekannt zu werden. Endlich fand sich doch ein mutiger Mann. Der Pater Josef aus dem Schottenkloster, der als Schachspieler einen gleichfalls gefürchteten Namen hatte, erklärte sich nach mancherlei Ausflüchten endlich bereit, das Abenteuer zu wagen. Bestimmend war ihm, daß Melzel feine Maschine begleitete und hoch und teuer versprach, ihn nicht allein zu lassen und für seine schleunige Rückreise alle erdenkliche Sorge zu tragen. Außerdem lockte es ihn, den Kaiser, der im Schottenkloster nicht zum wenigsten seines Rufes als Schachspieler hoch im Ansehen stand, auf dem friedlichen, einem frommen Drbensmanne angemessenen Felde der Ehre die Spitze zu bieten. So fuhrwerkte also Melzel seinen fraglichen Automaten, der gleich dem trojanischen Rosse in seinem Bauch den listigen Gegner verbarg, nach Schönbrunn hinaus, wo ihm auch alsbald in einem abgelegenen Raume des Schlosses Gelegenheit ward, sein Kunstwerk für den hohen Besucher zur Schau zu stellen. Hier sollte er warten. Er wartete lange, und mit jeder halben Stunde wurde ihm bänger zu Mute, denn die Türen des kleinen Saales war von Chasseuren der Garde besetzt, die mit ihren ungeheuren Pelzmützen, ihren weih verschnürten Uniformen und martialischen Bärten einen bedrohlichen Eindruck machten. Die verstanden gewiß keinen Spaß, und wenn ihr Kaiser — man traute ihm ja einen übernatürlichen Scharfblick zu — dem verwünschten Blendwerk des tzof- rats Kempelen auf die Schliche kam, fo würde ihm selbst und seiner Maschine wohl das letzte Stündlein geschiagen haben. Endlich klappten fast lautlos die Türen auf. Der Gewaltige war eingetreten. Nur begleitet von Savary, dem Herzog von Rovigo, seinem Generaladjutanten. Melzel machte die tiefste Verbeugung feines Lebens. Sie wurde so wenig beachtet, als ob der Automat sich verneigt hätte. Napoleon trat mit raschen, kleinen Schritten heran. Das also sollte das gepriesene Wunderwerk sein! Das kraß bemalte Holzbild einer Figur, eines Weibes, geschmacklos und veraltet gekleidet, mit starren, gläsernen Augen. Davor der Tisch mit dem Schachbrett. Sehr wahrscheinlich ein plumper Schwindel! Napoleon ging um den ganzen Aufbau herum, setzte sich, schnupfte rasch eine Prise Tabak. Das Spiel war ausgestellt, bot ihm die weihen Figuren. Ziehen wir also an! Der Königsbauer eröffnet die Schlacht, geht über zwei Felder vor. Der Automat erwidert mit den entsprechenden schwarzen Bauern. Das Spiel entwickelt sich. Napoleon tut hastig Zug um Zug, als wollte er feinem Gegner nicht Zeit lassen, sich zu besinnen. Der überlegt bedächtig und scheint allmählich den Eroberer ins Gedränge zu bringen. , v Melzel hatte sich inzwischen so weit gefaßt, daß er nun den seine Wenigkeit nicht beachtenden Kaiser von der Seite zu mustern wagte. Grüner Uniformrock mit roten Aufschlägen, weiße Hosen, dunkles, wenig gepflegtes Haar. Das Gesicht gelblich, blaß. Die Augen vermochte er nicht -u sehen, aber es schwankte in seiner Erinnerung, als hätten sie ihn mit schwarzen Dolchen durchbohrt, früher, als die Flügeltür auseinanber« klaffte. Der Kaiser nimmt eine Prise nach der anderen, schneuzt sich geräuschvoll, spricht keine Silbe. Savary steht halb hinter ihm, soldatisch geschmeidig, neigt sich ein wenig vor. Folgt hem Spiele taktvoll belustigt, die Herablassung seines Gebieters teilend. Da geschah etwas, das dem guten Melzel das Herz zum Stehen brachte. Nur einen Augenblick lang, dann war alles vorüber. Aber in diesem Augenblick büßte er alle seine Mechanikerschliche für diese Zeit und die Ewigkeit. Der Kaiser hatte offenbar auf bequeme Lorbeeren gerechnet. Vielleicht war er auch von anderen Dingen in Anspruch genommen und hatte seinen Kopf nicht fo frei für das Spiel wie fein versteckter Gegner, der Schottenmonch, der auf dieser Erde keinen weiteren Ehrgeiz kannte. Genug Napoleon sah sich in übler Lage. Ein überraschender Zug seines Gegners hatte ihn in entscheidenden Nachteil versetzt. Er blickte rasch in die Höhe nach den Augen des Automaten. Sie waren gläsern und blicklos wie immer. Eine Maschine? Ein denkendes Wesen? Ein verkapptes Gleichnis der Austria, die es so gut verstand, ihn immer wieder hinter das Licht zu führen? Der Kaiser überlegte nicht lange. Er tat einen unerlaubten, nie gesehenen Rösselsprung, nahm ganz einfach die Dame des Gegners, fetzte sie außer Gefecht. Savary lächelte. „Alexander zerhaut den Knoten der Oesterreicher." Er wollte etwas sagen, aber er erkannte noch rechtzeitig etwas im Wesen Napoleons, das es ihm geraten erscheinen ließ, den Gewaltstreich nicht zu bemerken. Weniger nachsichtig aber war Pater Joses. Freilich hatte er keine Gelegenheit, die finsteren Brauen feines Gegners zu sehen. Er gewahrte nur dessen Verstoß gegen alle Regeln. Und der war allerdings unerhört. Hätte der Gewaltsame noch einen Bauern als Opfer feiner Willkür beiseite geschafft, es mochte ihm vielleicht hingehen. Aber die wirksamste Figur des ganzen Spiels, deren Verlust allein nicht viel weniger als die Niederlage bedeutete, die konnte man sich nicht einfach gefallen lasten. Und so geschah, was Napoleon nicht weniger unerwartet kam als der Widerstand der Oesterreicher bei Alpern und Eßling Der Automat tat den falschen Rösselsprung wieder Zurück und setzte hierauf die Dame an die frühere Stelle. Der Kaiser sprang in die ^öbe. Ging es ihm vor, daß hier mehr als ein Automat ihm Widerpart hielt? Ahnte er das Geheimnis, ohne es doch fasten zu können? Noch einen giftigen Blick schoß er nach den veralasten Augen des hölzernen Weibes. Dann fegte er mit der Rechten über das Schachbrett bin. daß alle Figuren reglos durcheinanderstürzten. Er batte zum zwell'"mal den gordischen Knoten durchschlagen. Und schon brebte er sich auf dem Absatz herum und war mit wenigen Schritten verschwunden. gebracht. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl',che UniveriULlS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Dieben- Dies alles hatte sich so unvermittelt begeben, daß Melzel an seinen - t »rft denken konnte als die Flügeltür hmter dem Herzog von Ens ÄV «su." L'S mnter entgegen, als dieser durch die verborgene Oeffnung ans Tageslicht krocb Der Pater straffte sich. Seine Glieder schmerzten ihn. Dieser fran- älttche Kaiser h° - hn ange in seinem engen Loch gefangen gehalten Wie es war? Ich erwidere mit der Gegenfrage: Em Schachspieler fall Napoleon sein? Ein Schlachtenlenker soll Napoleom sem? Mein verehrter Hosrat, der Eroberer hat die Nerven verloren. Mit Bonaparte sieht es bedenklich aus." minnbet durch tausend Klänge und Farben eine unendliche Fülle per- trhtohonor Crmcfinbunaen der Schwermut und Trauer und unergründbare Gedanken'über den Tod erweckt. Dennoch bringen seltsamerweise auch in bie iubelnbe Begrüßung bes Frühlings immer «leb« wehmütige Klänge, bie uns verraten, daß Lachen und Tranen Ge bah Liebe immer Kummer unb Schmerz tm Gefolge hat. Unter den Lenzgebichten bes Minnesangs finben wir barum auch viele traurige Sieber bie ben Frühling anklagen, daß er unerhörte Liebe s^Erzlicher empfinden läßt und gerade durch feinen schimmernden Einzug mit Blumen- und Vogelliedern im Herzen der Betrübten tiefere Trauer Ad schmerzlichere Wehmut weckt. Der kaiserliche Minnesänger Heinrich hat diese Tragik des Liebenden in einem feiner Lieder ergreifend zum Ausdruck Freundschaft. Von Eduard Mörike. Durchs Fenster schien der helle Mond herein. Du saßest am Klavier im Dämmerschein, Versankst im Traumgewühl der Melodien, Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin. Wo der Gesang versteckter Quellen klang. Gleich Kinderstimmen, bie ber Winb verschlang. Doch plötzlich war bein Spiel wie umgewanbt, Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt. Ein jeber Ton ein lang gehalt'nes Schweigen. Da fing bas Firmament sich an zu neigen, Unb jäh baran herab ber Sterne selig Heer Glitt rieselnb in ein golbig Nebelmeer, Bis Tropf um Tropfen hell barin zerging, Die alte Nacht ben oben Raum umfing. Unb als bu neu ein fröhlich Leben wecktest. Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest. War ich schon weit hinweg mit Sinn unb Ohr, Zuletzt warst du es selbst, in den ich mich verlor; Mein Herz durchzückt mit eins ein Freudenstrahl: Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal. So wunderbar empfang ich es, so neu, Daß noch bestehe Freundeslieb und Treu! Daß uns so sich'rer Gegenwart Genuß Zusammenhält in Lebensüberfluß! Ich sah dein hingesenktes Angesicht Im Schatten halb und halb im klaren Licht; Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll, Wie mir das Auge brennend Überquoll. Du endigtest; ich schwieg. — Ach! Warum ist doch eben Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben? Da tritt dein Töchterlein mit Licht herein, Ein ländlich Mahl versammelt groß unb klein. Vom nahen Kirchturm schallt bas Nachtgeläut, Berklingenb so bes Tages Lieblichkeit. Auch in der Cambridger Sammlung lateinischer Gedichte um bie Jahr- taufenbroenbe finben sich solche Zeugnisse bes Gegensatzes zwischen der Schönheit ber wiebererwachten Natur unb der Trauer des Menschenherzens dessen Sehnsucht keine Ersüllung finden kann. Das Blühen in Flur und Wald, Westwind und Sonne werben gepriesen unb ber würzige Duft ber Ackerkrume, ber über bem Felb tn blauer Luft steht, aber a l bies verdoppelt nur den Schmerz der einsamen Frau, bie mit Wehmu das Hochzeitslieb ber Vögel vernimmt. Ihre Klage lautet in ber ® t n terfeld scheu Uebersetzung: „Ich Aermste sitz' in Einsamkeit Versonnen ba mit meinem Leib, Unb hebe ich bas Haupt empor. Ist blinb mein Auge, taub bas Ohr. Erhöret ihr bas Flehen mein, Herr Mai, in ©naben seht barein; Die ganze Welt in Blüten steht, » Indes mein darbend Herz vergeht.' Zuweilen kommt dieses Verschlossensein gegen die Fröhlichkeit des Frühlings unb seine Bolen aus einer religiösen ©rui^ftimmung, die sich ber Verlockung ber Natur widersetzt. So spricht eine N°nne: „Was kümmert mich bie Nachtigall, Christi Dienerin bin ich Auch spater in ber Barocklyrik wirb häufig ein Verlangen nach himmlischer Settgte, gerabe Inmitten ber irbischen Friihlingsfreube zum Ausbruck gebracht. Um ben Gegensatz zwischen bem „Paradies ber Erbenlust und den uIruhlings- freiiden "ber Seele" zu überbrücken, werden ein „geistlicher Maien der Seele durch ein Abwenden von der Zauberpracht der Jahreszeit und eine verstärkte Versenkung in Gebet und Andacht vorbereitet. Im Zeitalter der Empfindsamkeit schwelgen die Dichter geradezu in diesem Zwiespalt freudiger und trauriger Empfindungen, und dort kann man bie Anfänge einer bichterischen Gestaltung jener Frühlingsschwermut finben, für bie ber moberne Mensch eine Fülle von Erklärungen zu geben weiß. Die körperliche unb seelische „Umstimmung" bes Menschen auf den elementaren Anfang des neubeginnenben Naturjahres bringt nicht nur über empfinbfame Menschen in einer wiberspruchsvolle Verfassung, auch ber Gesunbe spürt einen ©anbei in sich, ber ihn vorübergehenb gerabe im Ueberschwang ber Friihlingsfreube ganz unvermittelt in eine Unsicherheit, Leere unb schmerzliche Schwermut versetzen kann. Es ist begreiflich, dotz die Grunbstimmung jenes „Zeitalters ber Empfinbsamkeit gerabe Diese Gefühle bichterisch verklärte unb geneigt war, ben Einzug bes Lenzes mit melancholischen Klagen zu begleiten. Vor allem d-r früh verstorbene H ö 11 y ist hier zu nennen, an dessen Grab der ihm tn dieser Melancholie verwandelte Nikolaus Lenau klagend ausrief: „Hdlty, dem Freunds der Frühling ist gekommen! Klagend irrt er im Haine, dich zu finden. Es ist ein Schwelgen in unerlösten Empfindungen, ein Bedürfnis, tn jebem glücklichen Augenblick Tränen zu vergießen unb auch in ber Siebe immer Wehmut unb Trauer zu empfinden. Die Siebenden wandeln verzückt in erdichteten Hainen, „allein geehrt von der Freunde Tranen, bis Elysiums stille Hütten uns umsahen." ...,. Aber erst die mystische Versenkung der Romantik gibt dieser Fruhlmgs- wehmut einen tieferen Sinn und deutet sie als das tiefe Geheimnis Der beseelten Natur. Es ist das All, das sich erneut unb, um Gestalt zu gewinnen, sich in Natur unb Mensch herabsenkt. „Der lockere Staub wird zum Gesträuch, ber Baum nimmt tierische Gebärben, bas Tier soll gar zum Menschen werben", sagt Novalis über bas Frithlingsgeschehen. Dies geheimnisvolle Werben ber Natur wirb nicht Anlaß zum Jubel, fonbern es wirb als ein schmerzlicher Wanbei mitempfunben. Justums Kerner gibt biefer Ausfassung ben kürzesten Ausbruck, wenn er sesi- ftelft- „Schmerz ist ber Grunblon ber Natur!" Nicht baß es an freubtgen hellen Frühlmgsliebern fehlte! Schon bie Wiebererweckung bes Dolks- (iebes gibt einen Reichtum unbefangener froher Klänge. Aber so wie bort plötzlich ein „Reif in bie Frühlingsnacht" fällt unb mitten im frohen beschwingten Sang ein ernster bunkler Sautenschlag erklingt, so überwältigt auch bie Dichter jubelnber Frllhlingslieber plötzlich ein unerklärliches Weh. Eichenborff kann sich in ber Frühlingsmonbnacht grunblo|er Tränen nicht erwehren, unb 8 e n a u malt „bes halben Frühlings Tobe»- ftUn$om Volkslieb her erschließt sich uns am tiefsten bas Verstehen für dieses geheimnisvolle Nebeneinanber von Friihlingsfreube unb Fruhlmgs- wchmut. 3m einfachsten Klang ist biefe fröhliche unb traurige Empfindung enthalten, unb wenn einmal mehr bie Freube unb einmal mehr 01 Wehmut empfunben wirb, fo bleiben boch beibe zugleich im Keim Der Dichtung enthalten. Es ist bas rounberbare Mysterium ber „blauen Blume", bie sich nicht nur ben Romantikern offenbarte, fonbern bie immer roieber erblüht; in ihrem Kelch erglänzt der Tautropfen einer Trane. Ich klage Dir, Maien, ich klage Dir, Sommerwonne, Ich klage Dir, lichte Heide breit, Ich klage Dir, Augen brechender Klee Ich klage Dir, grüner Wald, ich klage Dir, Sonne, Ich klage Dir, Venus, sehnendes Seid, Daß mir die Siebe tut so weh!" Frühling in der deutschen Dichtung. Von Dr. Paul Junghans. „Zergangen ist der winder chatt ber mich so [ere mitte, Gelobet stat ber grüne walt, bes froet sich min gemüte. Niemanb kann nu werben alt, vröbe Han ich manichvatt von eines wibes güte.“ Dies alte beutsche Frühlingsoebicht braucht nicht erst in unsere Sprache übertragen zu werben, damit wir es verstehen können. 3ebes (einer Worte unb ber einfache Klang seiner Reime oertünben bie Fruh- lingsbotschaft vom Neuwerden der Natur und vom neuen Auftun der Herzen. Die Traurigkeit, die der Winter mit seinen Unbilden immer tiefer ins Gemüt senkte, ist verflogen, unb bamit auch alle Gebauten von Mube- sein unb Altern. Die Einbezogenheit bes Menschen in ben Wechsel der Jahreszeiten wirb bort schon beutlich empfunben, unb wie in Alku i n s tateiniiehen Texten unb in einem Gebicht über bie Nachtigall aus bem 10. Iahrhunbert wirb freubig begrüßt, baß „ein blütenreiches Keimen aus bunter Erbe bringt" unb daß „sich im Walb alle Zweige belauben unb burch bie blumigen Wiesen süßer Dust strömt." Es smb bie immer gleichen Attribute bes Frühlings, bie hier beounbernb genannt werden, als seien sie zum ersten Mal vom Zauberstab ber Sonne aus der Erde gelockt worben. Unb bennoch vollzieht sich biefe Auferstehung allfahrlick in ber Natur unb in ber Seele bes Menschen, wie Fausts Verse aus bem Osterspaziergang oertünben: „Doch jebem ist es eingeboren, Daß sein Gefühl hinaus unb vorwärts brängt, Wenn hoch im blauen Raum verloren» Ihr schmetternb Sieb bie Serche singt." Durch ben unermeßlichen Reichtum ber beutschen Dichtung mit ihren mannigfaltigen Gehalten unb Formen tlingt immer roieber biefe Fruh- lingsmelobie. Es ist ein einfaches beschwingtes Sieb, bas nicht so abgestuft unb vielfach variiert ist wie bie Reihe jener Verse, bie sich auf Winter unb Sommer ober gar ben Herbst beziehen, ber in feinem geheimnisvollen