GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (955 Montag, den 2. Dezember Nummer 94 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann (2. Fortsetzung.) zu brechen. „Und gar nicht teuer! staunt. Gewiß, es einem langen Blick an. „ , „ , .___ Ist es nicht ein stattlicher Kerl?" fragte Lars, um ihr Schweigen ... 7 ' — gQr teuer!" setzte er hinzu. Ich war ganz er- . ist ein wenig pflastermüde und auch das jüngste nicht mehr. Aber was macht das? Es wird sich hier draußen auf der Weide schon mit der Zeit erholen und die Arbeit ebenso gut tun rote ,edes andere, das ein paar hundert mehr kostet. Hinten ,st es ein wenig kuhhessia, das ist richtig", fuhr er fort, um zu zeigen, daß er auch von Pferden etwas verstünde. „Nun, es soll ja bei uns auch nicht in einem Zirkus auftreten, nicht wahr?" Aber Lena ging ohne ein Wort zu erwidern ins Haus, und als Lars, der den Kleinen auf das Pferd gesetzt und es auf die kleine Weide neben dem Kartoffelacker gebracht hatte, auf die Diele kanr sah er, daß sie mit zusammengezogener Stirn am Herd stand und sich bückte, um das Feuer ein wenig zu schüren. , Du magst d-as Tier nicht recht leiden?" fragte er Sena. /O, was das betrifft", antwortete Lena still, „ich verstehe zu wenig i)aD°2)u kannst dich ja ganz auf mich verlassen", sagte Lars, „und wenn du bedenkst, daß ich das Geschirr ohne iebejBeredinung dazubetommcn habe, so muß man doch sagen, daß es wirklich nicht ZU hochbezalstt ist. Pflug und Egge haben wir schon, und mit der Zeit wird auch e n Wagen hinzukommen. Aber damit hat es noch bis zum Herbst Zeitz Vielleicht habe ich über Sommer mal Gelegenhech irgendwo so ein D ng auf einer Versteigerung zu erstehen. Da braucht man mitunter nicht den halben Preis zu bezahlen." 'Za,"'d!°mnf?d°ch einsehen, Lena, daß ich den Ackei- nicht niU den Händen umwühlen kann", fuhr Lars fort, gereizt durch die Gleich gültigkeit, die Lena an den Tag legte. Es war ein stattliches Tier, das muhte Lena zugeben, so wenig sie auch davon verstand, schwarzbunt und mit einem Euter, das reichlich Milch zu geben versprach. Lars erklärte ihr, daß man das schon an den Adern sehen könne, die sich unter dem Bauch bis ins Euter zogen. Nein, es gehörten keine großen Kenntnisse dazu, um auf den ersten Blick zu erkennen, daß er mit dem Tiere nicht betrogen sei. „Dann hast du gewiß sündhaft viel dafür bezahlt?" fragte Lena. „Na, geschenkt habe ich sie nicht bekommen, das ist richtig. Aber man kann auch nicht sagen, daß sie teuer ist. Im Gegenteil. Dafür hab ich sie auch sofort blank auf den Tisch bezahlt! Ich kann dir sagen, man machte Augen. Aber dafür hab ich nun auch den längsten Kredit auf die zweite." „Nein", sagte Lena und war entsetzt. „Das ist zuviel. Lars. Du übernimmst dich einfach. Kaum hast du eine gekauft, denkst du schon an die zweite." „O, keine Sorge", antwortete Lars. „Das hat natürlich Zeit. Aber laß mich nur machen. Du wirft dich noch wundern, sage ich dir. Jetzt muß ich erst sehen, daß ich ein Pferd kriege." „Nun höre aber auf! Du bist leichtsinnig, Lars. Ich habe dich nie wieder gefragt, woher du das Geld nimmst und will es auch jetzt nicht tun. Ich weiß, daß du es nicht liebst. Aber du mußt zugeben, Lars, dies kann unmöglich mit rechten Dingen zugehen." „Meinst du?" sagte Lars. „Aber du siehst doch, daß ich bezahle, was ich kaufe, ist das nicht genug?" Lenau getraute sich nicht, noch ein Wort zu erwidern, und Lars zog die Kuh ins Haus, band sie am Stallpfosten fest und machte sich daran, sie nach dem langen Wege, den sie hinter sich hatte, zu futtern und zu Wirklich schob er es noch auf, ein Pferd zu kaufen. Als aber die Arbeit auf dem Felde allmählich drängender wurde und fein Versuch, sich bei einem der Nachbarn ein Pferd für ein paar Tage zu leihen, mißlang — man brauchte die Pferde dort ebenso nötig wie er —, tarn er eines Tages doch mit einem Gaul auf den Hof gezogen. „Ohne ein Pferd bin ich mit der Arbeit einfach aufgeworfen , sagte er zu sich selber, „bas muß Lena doch einsehen." Er band das Tier vor dem Hause fest und rief Lena und Jan heraus, damit sie es sehen und bewundern konnten. Aber diesmal sagte Lena kein Wort zu dem Kauf, so groß ihre Ueberraschung auch war, betrachtete das Tier nur und sah Lars mit „Mach du nur alles so, wie du es für richtig hältst", sagte Lena, wendete sich um und ging daran, das Abendbrot zu machen. Eine desto größere Freude hatte Jan an dem Pferd. Er lief den ganzen Nachmittag hinter ihm drein und gewahrte mit seinen kleinen, greisenhaften Augen jeden Halm, den es abbiß. Am Abend, als Lars es auf die Diele holte, und in den Stall führen wollte, scheute es ein wenig vor dem ungewohnten Durchgang und rutschte mit den Hinterhufen aus. „Hoppla!" rief er lachend und tätschelte es begütigend auf die Hinterhand. „Und Hoppla soll es auch heißen! Vor allem darum auch, weil es so frohe Laune ins Haus getragen hat!" Dabei schielte er zu Lena hinüber, die am Herde stand und Kartoffeln in die Pfanne schnitt. Aber Lena überhörte die Anspielung. Lars wußte nicht, ob es mit Absicht geschah. Aber mochte es damit fein, wie es wollte, er wollte sich nicht länger die Laune verderben lassen. Lena verstand nun einmal nichts von der Landwirtschaft und mußte erst langsam in das Leben hier draußen hineinwachsen. Nun, gewiß, sie hatte den guten Willen, Lars sagte nichts dagegen. Aber sie machte ihm den Anfang nicht gerade leicht. Wer A gesagt hatte, mußte auch B sagen. Sonst hätte man in der Stadt sitzen bleiben müssen, und Lars hätte weiterhin an jedem Tage, den Gott werden ließ, zum Hasen gehen müssen, um zu sehen, ob Arbeit für ihn da fei. Da war es doch ein anderes Ding, wenn die Arbeit auch genau so sauer war, die der Tag hier draußen verlangte. Er ging und suchte den Melkschemel, den er sich zurechtgezimmert und den der Kleine bei seinem Spielen verschleppt haben muhte, sand ihn, schon ein wenig ärgerlich, nach einigem Suchen und setzte sich zum Melken unter die Kuh, denn Lena traute es sich noch immer nicht recht. Was war es doch für ein Leben, das er hinter sich hatte, wenn er daran zurückdachte! Da konnte er doch heute stehen und gehen, wie er wollte! Nein, ihm machte es nichts aus, und er wäre auch zufrieden gewesen, wenn alles noch langsamer vorangekommen, wäre. Denn nun hatte er doch eine Möglichkeit, zum Satan noch mal, und er war ein Esel gewesen, daß er sie nicht schon längst benutzt hatte. Bedenken hin, Bedenken her! Hätte bas Geld vielleicht lieber Schimmel ansetzen sollen? Jahr und Dag hatte es doch einfach dagelegen und darauf gewartet, daß er kam und es benutzte. Und was die Frage betraf, ob Krick vielleicht eines Tages wiederkam — gewiß, er hatte damals davon gesprochen, und man mußte wohl damit rechnen. Aber hatte er vielleicht in der ganzen Zeit, seitdem er fort war, auch nur ein einziges Mal ein Wort von sich hören lassen? Wenn er nun vielleicht überhaupt niemals wiederkam? O, Lars wünschte ihm nicht etwa den Tod, das wäre das letzte gewesen, — aber war es denn so unwahrscheinlich, daß er überhaupt nicht mehr lebte? Möglich war es ja auch, daß er drüben auf irgend eine Weise zu Geld gekommen war, wer konnte es wissen, und nun dachte er gar nicht daran, jemals wieder zurückzukehren, und er saß hier im Moor und zerbrach sich den Kopf über Möglichkeiten, die kein Mensch übersehen oder entscheiden konnte. Nein, er wollte einfach nicht wehr darüber nachdenken. Gedanken waren überhaupt nicht feine Sache. Sie verwirrten ihn nur, bedrückten und lähmten ihn, das hatte er oft genug erfahren, ja, sie waren schlimmer als die Pestilenz, und alles Grübeln und Nachdenken sollte der - Teufel holen. Man wurde nur unglücklich dadurch. Darum war es ja auch von Anfang an unmöglich gewesen, mit Lena über die Dinge zu reden. War es nicht genug, daß er sich allein mit ihnen herumschlug? Denn wenn er ihr etwa erzählt hätte, wie die Dinge zusammenhingen und wie es möalich geworden war, sich hier draußen anzukaufen und die Wirtschaft in Gang zu setzen, hätte sie längst keine ruhige Stunde mehr gehabt. Gewiß, sie quälte sich auch so, in der Ungewißheit, die für sie mit allem verbunden war. Aber es war trotzdem noch besser, sie hinzuhalten, als ihr klaren Wein einzuschenken, — wenn es mitunter auch chwierig genug war, ihren Fragen auszuweichen. Aber in der letzten Seit hielt sie sich damit ja auch schon mehr zurück, und wenn sie erst sah, daß alles gut ging, würde sie vielleicht eines Tages ganz über ihre Unruhe toegtommen. So etwas wollte Zeit Haden. Er war beinahe heiter, als er von feinem Schemel wieder aufftanb, bie Milch durchseihte und sie in die tönernen Satten goß, aus denen Lena bann ein paar Tage später ben Rahm zur Butter schöpfte. Lächelnd fetzte er sich mit den Seinen hinter die Pfanne mit Bratkartoffeln die Lena auf den Tisch gestellt hatte. Dazu gab cs eine Schüssel mit saurer Milch und für jeden eine Schnitte des derben Schwarzbrotes, das Lars in dem alten steinernen Backofen hinter dem (Saufe selber backte. . , . Nun Lena", sagte er, als alle gesättigt waren, und empfand es als"eine 'Befreiung, das Schweigen zu brechen, das zwischen ihnen qeftanben hatte, „ist es nicht herrlich? Nun haben wir eine Kuh unb em Pferd, brei Schweine im Stall und ein Volk Hühner — du mußt doch jagen,' daß wir vorankommen?" die kleine Ernte, die er gehabt hat, hätte auch aus keinem anderen einen wohlhabenden Mann gemacht. Aber das alles hat er ja gemutzt und immer damit gerechnet... „ , Zähl doch mal die Besen, wieviel fertig sind? Wir wollen einmal rechnen!" bittet er Lena. Und Lena zählt, und Lars rechnet. Es geht etwas langsam damit, denn Rechnen ist seine Sache nie gewesen. Nun, alles ist so lang wie breit, er wird schon einen guten Betrag dafür bekommen, alles in allem, den Torf eingerechnet, den er mit ausladen will. Oh, er ist der Dümmste nicht und wird schon sehen, dah er zurecht kommt. Und wenn er seine Besen gebunden und alle Reiser, die er dafür geschnitten, verarbeitet hat, wird er sich daran machen und Bienenkörbe aus Stroh flechten, einfach! Dafür wird er einen besseren Preis bekommen, und zudem, wird er selber nicht zu imkern ansangen hier draußen? Haha, Lena wird schon sehen. Denn wenn er auch noch nicht sehr viel davon versteht, eine Ahnung hat er schon und in seiner Kindheit oft genug gesehen, wie der Nachbar einen Schwarm einsing und im Herbst die vollen Waben aus den Körben schnitt... Ob Lena vielleicht meint, daß er die Stiche fürchtet? Selbst wenn es nicht allzu viel Honig brachte — gewiß, es kamen schlechte Jahre vor, das mußte er zugeben —, so ließ es sich doch versuchen, und vielleicht hatte man mehr Glück, als man erwartet hatte. Nein, keine Sorge, wenn es auch einmal knapp im Hause stand... . Er redete und redete, und Lena war erstaunt und beinah ein wenig unruhig, daß er sich soviel Mühe gab, ihr Mut zu machen. Hatte sie vielleicht geklagt oder ihm sonstwie in den Ohren gelegen? „Ja ja", sagte sie, „es ist wohl alles richtig, was du sagst, Lars. Du mußt es wohl wissen, siehst du." Aber noch schlimmer als die Abende waren die Nachte. Zuweilen lag er noch stundenlang wach und muhte auf den Schlaf warten; und dann stand alles wieder in ihm auf, was er in sich niedergehalten hatte, und in der Finsternis und Stille um ihn schien alles noch beängstigender und drohender zu werden, so dah er sich mitunter in seiner Unruhe keinen Rat mehr wußte und an dem, was ihn bedrängte, zu ersticken glaubte. Eines Nachts, als es besonders schlimm mit ihm war, und er sich leise erhoben und gemeint hatte, Lena habe es nicht bemerkt, und er bann, etwas ruhiger geworden, wieder ins Zimmer zurückkehrte, erschrak er, als er merkte, daß sie wachte. „Was haft du, Lars?" fragte sie. „Bist du krank? Nein, nein!" antwortete er. „Hast du mich vielleicht schon einmal richtig krank gesehen? Nein, es ist nichts, Lena. Schlaf nur!" „Aber ich merke es feit langem; find es die Gedanken, Lars? Sicher machst du dir Sorgen. Denn glücklich bist du nicht." Da sieht man, was du dir nicht alles einbildest. Glücklich? Ich glaube nicht, dah irgendein Mensch richtig glücklich ist.. Den einen druckt es hier und den anderen da. Das ist nun mal so ... Nein sie brachte nichts aus ihm heraus. O, nur Geduld, er wollte schon fertig werden damit. Mußte es nicht mit jedem Tage leichter wer- den? Wieviel Dinge gab es, die man vergaß! Da mußte schließlich auch einmal dieses eine in ihm versinken, an das er in der letzten Zeit ost hatte zurückdenken müssen ... „ ... In der folgenden Nacht zog er Hoppla aus dem Stall, bürstete ihm das Fell und machte sich daran, ihn vor den Wagen zu spannen. Das Weiter war ruhiger geworden, und der Regen hatte ausgehort. .Hast du den Heusack auch?" fragte Lena. „Komm, ich habe dir Kaffee in die Flasche gefüllt, steck sie in den Sack, da bleibt er langer warm. Und schlag dir die Decke ordentlich um die Beine, wenn du auf der Landstraße bist und auf den Wagen steigst, hörst du?" „Ja, es ist kalt", nickte Lars, dem schon beim Anspannen die Finger steif geworden waren. , , . „Und vergiß den Zettel nicht mit den Besorgungen. Ich brauche so notwendig, was ich dir ausgeschrieben habe! — Was meinst du, wann du zurück sein kannst? —" , Aber es war eine mühseligere Plackerei, seine Besen und seinen Torf zu verhökern, als er angenommen hatte, und er konnte noch froh sein, als er den Rest am Nachmittag, müde und zerschlagen, für einen Schandpreis an einen Kleinhändler los ward, den Gaul in einer Ausfpannwirt- fchaft in den Stall ziehen und daran denken konnte, die Besorgungen für Lena zu machen, die sie ihm aufgetragen hatte. So blieb ihm für den Besuch bei Borte, den er sich vorgenommen und auf Den er sich heimlich am meisten gefreut hatte, nur wenig Zeit, wenn er über Nacht wieder zu Hause fein wollte. , o„ „Sieh an, ja, auf mich hast du wohl nicht gerechnet heute, wie? lächelte er, als er durch den Kellereingang des Hotels zu Dorte in die Spülküche trat. Borte strahlte vor Ueberrcrschung und Freude, als sie ihn fah. „Komm, setz dich", nötigte sie ihn, wischte sich die nassen Hände an der Schürze ab und rückte Lars einen Stuhl hin. „Wie geht es? Und wie geht es zu Hause?" „Nun, wie soll es gehen? Gut natürlich!" antwortete Lars, aber es klang gezwungen, und Borte merkte, daß er sich Mühe gab, heiterer zu scheinen, als er war. Ein wenig niedergeschlagen erzählte er ihr, weswegen er in die Stadt gekommen, und wie gering der Ertrag gewesen war, den er für feine Arbeit bekommen hatte. „Nun", schloß er, „man muß zufrieden fein. Aber es ist nicht ganz leicht heute, durchzukommen, das kannst du mir glauben. Benn schließ' lich kann man nicht immerfort zufetzen, wie ich es getan habe. Alles nimmt mal ein Ende, siehst du." . Aber bann tat es ihm der leib, als er ihr bestürztes Gesicht |ay, unb er tröstete sie: „Bas wird natürlich schon im nächsten Jahre alles besser gehen. Brotkorn unb Kartoffeln haben wir für ben Winter genug Dazu Fleisch unb Speck von unserrn Schwein. Unb wenn die Kuh erst gekalbt hat, werden wir auch wieder Milch und Butter haben. Mach dir nur keine Sorgen, hörst du?" . „Bu bist gewiß hungrig?" fragte sie. „Ich will mal in bte Kuch gehen und sehen, ob ich nicht etwas für dich zu elfen bekomme; sie leyen [ es nicht gern, aber so selten, wie du hierher kommst..." (Forts, folgt-? „Ja, ja",antwortete Lena, „es ist gut und ich bin gewiß zufrieden, wenn ich nur weiß, daß du zufrieden bist." „Gott weiß, daß ich das bin", sagte Lars. Bie Tage vergingen unter Plackerei und Arbeit. Lars grub und ackerte, mähte und heute, stach Torf, pflegte feinen kleinen Viehftand und sank abends todmüde ins Bett. Erst als es Herbst geworden war, und die Tage kürzer und trüber wurden, kehrte zuweilen feine Unruhe und die bumpfe Angst zurück, ber er im Sommer burch die Arbeit die keine Grübeleien zullest, immer wieder Herr geworden war. Schon ein heimlicher Seufzer Lenas konnte die alte Unruhe wieder in ihm wecken, und er war dann froh, wenn er das Haus verlassen und sich draußen eine Arbeit suchen konnte. Als aber wochenlang Regen fiel und das steigende Grundwasser das Moor so aufweichte, dah es unmöglich wurde, die Felder auch nur zu betreten, wurde es mit jebem Tage schwieriger mit ihm, sich draußen zu beschäftigen. Nein, der Teufel sollte diese Tage holen! Wenn es wenigstens Frost gegeben und man einmal wieder festen Boden unter die Füße gekriegt hätte. Benn die Arbeit im Hause war bei dem kleinen Viehstand meistens bald getan, und untätig herumsitzen wäre ohnehin für Lars eine Strafe gewesen. Ba war er zuletzt darauf verfallen, Besen von Birkenreisern zu binden. Em Gluck, daß er sich von seiner Jugend her auch mit solchen Bingen zu behelfen verstand und sich noch an jeden Handgriff erinnerte, den diese Arbeit erforderte. Er hatte sich soviel Zweige dafür geschnitten und auf der Biete auf« gestapelt, dah Lena ihn vom Herde aus kaum zu erblicken vermochte, wenn sie sich nach ihm umsah. Ba saß er nun an den trüben Tagen und ben langen Abenden auf seinem Schemel unter ber brennenden Stall- laterne, die er an einem Braht unter ben Beckenbalken aufgehängt hatte, schnitt sich die Zweige zurecht, wie er sie für seine Arbeit brauchte unb lauschte zwischendurch auf bas Brausen des Windes, der in dumpfen Stoßen über das kalte Strohdach über ihn hinging und in den Fähren wühlte, die bas Haus umstanden. Es war wie ein dunkles, klagendes Rufen in diesen Herbstwinden, ja mitunter dünkte es Lars, als wäre wirklich eine menschliche Stimme darin zu vernehmen, nur dah er nicht hätte sagen können, was sie rief... Aber das war alles nur Einbildung und ein richtiger Unsinn, über den es sich nicht lohnte, ein Wort zu verlieren. Es kam von dem tagelangen Stillsitzen unb Hocken auf dem niedrigen Schemel unb der dumpfen, feuchten Lust, die das Blut dick machte und träge, unb man mußte auf sich acht geben, dah fo etwas feine Macht über einen bekam. Trotzdem kam es zuweilen vor, dah er plötzlich in feiner Arbeit zusammenzuckte und nach drauhen horchte, so merkwürdig wie das Brausen des Windes mit einmal klang, — als zürne, drohe und jammere es zugleich da drauhen in der dunklen Nacht, die um jein Haus stand, starb hin und wachte dann von neuem auf, ein ruheloses heimliches Seufzen und Rufen, ein Mahnen und Brängen, I bas sich anhörte, als wäre jemand in Not unb riefe um Beistand ... „Hallo!" sagte Lars in solchen Augenblicken zu sich selber, räusperte sich und ritz sich zusammen... , „Nun, wieviel Besen hast du heute fertig bekommen? fragt Lena und tritt zu ihm in den Lichtschein der Laterne, deren Flamme unter dem letzten Stotz des Windes unruhig zuckt. Lars ist über der unvermuteten Anrede das Messer aus den Händen geglitten. Bleich unb aus schreckhaft großen Augen sieht er sie an. „Ist bir etwas, Lars?" fragt sie. „So wie du mit einmal aussiehst? Aber er hat sich schon wieder und muh sich über sich selbst ärgern, bah er so zusammenfuhr, reißt bas Beil aus dem Hackblock und schlägt ein paar Zweige von einem Birkenast, die für bas Messer zu stark sind. „Nein, was sollte mir wohl sein?" fragte er, so unbekümmert im Ton wie sonst. , , , „ Lena hockt sich zu ihm auf ein Bund Stroh, und Cars ist froh, dah sie ein wenig mit ihm plaudert... Gegen Ende der Woche will er mit Den fertigen Besen in die Stadt fahren, denn einen eigenen Wagen hat er ja nun auch. Er hat ihn auf einer Auktion erstanden, und wenn nicht noch allerhand Daran zu reparieren gewesen wäre, hätte er die Ausgabe nicht einmal sehr gemerkt. Nun, was sein mußte, mußte sein, da half kein Maulspitzen, und so ein Ackerwagen gehörte nun mal in jede Wirtschaft. Oder sollte er den Torf, den er im Sommer gegraben hatte, vielleicht auf dem Rücken in die Stadt tragen? Ganz in der Frühe, gegen vier Uhr, meint er, wird er losfahren. Bann kann er schon zwischen acht und neun in der Stadt sein und an= Öen, seine Besen zu verkaufen. Los werden wird er sie schon. Warum eicht nicht? Er wird sie billig roeggeben, wenn es sein muß. Vielleicht kann er sie sogar bei einem Händler losschlagen. Bas wäre bas einfachste. Aber vorteilhaft wird es nicht [ein, ba muh er Lena recht geben. Wenn er sie auf ben Straßen stückweise verkauft, wirb er mehr bar aus losen, bas ist sicher. Nur kann es ihm bann auch geschehen, daß er mit ber Hälfte fitzenbleibt, unb bann muß er in ber Stadt nächtigen unb kann am andern Morgen von neuem zu Hökern beginnen... Nun, er muh sehen, wie es sich anlassen wirb. Reiserbesen werben kaum noch begehrt, er weiß wohl. Aber er wirb etwas Torf mit auf ben Wagen laben, wenn er nur irgenb Platz bafür behält. Wenn er nur mehr Torf im Sommer hätte machen können! Aber zuletzt kann man nicht alles, und es war ja verdammt viel Arbeit über Sommer, mehr als er gedacht hatte! Jedenfalls soll es ein guter Tag für ihn werden. Nein, in ein Wirtshaus wird er nicht gehen, das kann er Lena ohne weiteres versprechen. Benn die Wahrheit zu sagen, sieht es mit seiner Kasse nicht mehr zum besten aus... Immer hat er anschaffen müssen, ben ganzen Sommer hindurch, Lena hat es ja selber gesehen, und Dabei hat er kein Stück unnötig gekauft. Ba soll erst einer kommen, ber ihn Verschwender nennen will? Nun, im nächsten Jahr wirb alles ein wenig leichter werben, das ist gewiß. Früher, in ber Stabt, hatte er feinen Taglohn. Bas war eine andere Sache unb mit ben Verhältnissen hier brausten nicht zu vergleichen. Nicht, daß es ihm allmählich leib geworben ist, baß er nun hier draußen sitzt, bewahre Sott. Aber es ist nun mal anders mit allem, und Advenislled. I Von Alsons Hoffmann. Es blüht ein kleines Licht In diese dunkle Welt, Das aus dem Angesicht Mariens niedersällt. Es blüht ein leises Lied Um der Madonna Mund, Das wie ein Lächeln zieht Ins bange Erdenrund. Und dir wird Ahnung schon Im gläubigen Gemüt, Wie uns der Jungfrau Sohn Göttlich entgegenblüht. Zm Advent. Von Hans Leifhelm. Im Gebirge zu wandern, wenn die vorwinterlichen Nebel die Täler verhängen, auch dies ist köstlich und voll vom Atem des Lebens. Noch ist die Erstarrung des Winters nicht tief. An der basteimäßig vorgebauten Mauer des Dorffriedhofes drängen sich die Zeichen des vergangenen und gegenwärtigen Wachstums. Mit silbernen Sternen ist das zähe Schlinggeäst der Waldrebe übersät, noch findest du eine späte Steinnelke, rot leuchten die Früchte der wilden Rose aus dem blattlosen Gezweig, unversehrt sind die zarten Gebilde des Rautenfarns. Starr und dunkel ragen drinnen die Thujen über den Gräbern. Wenn du ihr Grün zwischen den Fingern zerreibst, weht dich ein Hauch an wie aus verfallenen Grüften. In der menschenleeren Kirche liegt purpurn die Dämmerung der mystischen Stille, an einem Altäre siehst du noch die Gewinde der gelben Kornähren mit roten Aepfeln vom längst vergangenen Erntedankfest. Unhörbar singt es schon durch die Gewölbe vom Advent. Am Sonntag Rorate wird der Schrei der Gemeinde sich erheben: Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab. Du verlässest die Kirche, und nun geht dein Weg in beständiger Steigung aufwärts zwischen Gehöften und stillen Gärten, aus denen die letzten türkischen Nelken und die srostversehrten Astern leuchten. Der Nebel bleibt zurück, aber der Himmel ist grau, ein kühles Licht erfüllt die Welt. Die entlaubten Bäume zeigen unverhüllt ihre Gestalt. Die Linde erwächst im geschlossenen Oval, mit ausladender Gebärde ragt die Esche am Wege. Ein zartes Rautenwerk steht in der Krone der Ulme. Mit sparrigem Geäst entbreitet sich der Wuchs des Ahorns, dessen Zweige noch in Büscheln die braunen geflügelten Samen tragen. Nun begleitet tiefgrüner Fichtenwald deinen Weg, und wo die einsamen Waldpfade sich kreuzen, steht magisch noch eine dunkelleuchtende Glockenblume. Und die orangefarbenen rotumkleideten Früchte des Spindelbaumes prangen schön wie fremdartige Frllhlingsblüten. Nun ist es an der Zeit, an die Geborgenheit der Berggehöfte zu denken, an die Tage des von der Höhensonne noch warm durchglühten Vorwinters. Aber die Wanderschaft muß noch einmal in den traurigen Nebelsee der Talebene, denn unser Ziel drüben liegt am anderen Hang, wo sich die dunklen Wälder hoch hinaufziehen, die die wie einsame Burgen liegenden Höfe der Bergbauern umschirmen. Heute ist ein lauer Föhn eingebrochen, der mit warmen Schwingenschlägen auf Südsüdwest über die Berge streicht. Die Luft ist blau wie im März, weiße Wolkengebilde in der Gestalt silberner Meeresfische stehen unbeweglich in der Höhe, am Südhimmel aber weht zerwirktes wolliges Gewölk. Der Weg geht wieder aufwärts. Das Bergdorf, das dem Hochtal feinen Namen gibt, trägt als Zeichen einen massigen viereckigen Kirchturm. Um die uralte Kirche geschart liegen im Schutz eines Waldhügels einige wenig« Häuser, Pfarrhaus und Schule, das Haus des Kaufmanns und ein Bauernhof. Das übrige Kirchspiel liegt zerstreut. Ein Vach geht durch die Wiesen und rauscht durchs Fluder, von dem wie Stalaktitengebilde die schweren Eiszapfen hängen. Einige Höfe liegen sichtbar am Berghang, manche aber finden sich erst ein und zwei Stunden weiter droben, inmitten der großen Bergwälder. Das ganze Hochtal breitet sich vor deinen Augen, durchschnitten von zwei bewaldeten Hugel- zäqen durchzogen von Pfaden und Gräben, mit anmutigen Kuppen und Mulden ein Alpenhochtal, durch das die Luft klar und schneefrisch vom gewaltigen Urgebirgskamm weht und in das die niedrig stehende Sonne ihre Wärme und ihr Leuchten ergießt. Es ist noch früher Nachmittag, aber in einer Viertelstunde wird die Sonne hinter der bewaldeten Bergkuppe versunken fein. Du verweilst, dis die Schatten das ganze Tal füllen. Die Sonne ist nicht mehr sichtbar, aber auf der höchsten Hohe des Kammes leuchten, wie in Weißglut aufgelost, sekundenlang noch drei Fichten. Dann kommt auch in sie das Dunkel der Llchtlosigkelt, und der ganze Berg liegt im frühen Abendfchatten. Es wird Zeit, Herberg zu suchen. Und du findest sie in einem der Bergbauernhofe. Morgens klingt Glockengeläute aus der Tiefe herauf. Aus den Türen der Bauernhöfe treten jetzt Männer und Frauen, voran dw Manner mit den Laternen, dann folgen die Frauen. So will es der Brauch. Es ist bitterkalt. Niemand spricht. Drüben am Berghang wandern andere Lichter. Der Weg geht nun durch den Wald unter türtisgrunem Himmel. In der Kirche brennen festlich die hohen Kerzen auf den Altären, und im altersdunklen Betgestühl tropfen die roten und gelben Wachs- ftörfe. Flackerndes Licht geht über die gefalteten Hände und geneigten Köpfe. Festlich find diese Goldenen Aemter, wie der Dolksmund sie nennt. Die Melodien der uralten Adventgesänge füllen das kleine Gotteshaus und rühren an die Herzen. Nach dem Gottesdienst eilen die Leute heim, die Arbeit muß getan werden wie alte Tage. Den Leuten kommt das Gehen bergauf hart an. Weiß dampfend steht der Atem vor ihren Gesichtern. An den Ufern des Wildwaffers hängen, um Gräser gegossen, Krüge von Eis in der Farbe des Mondsteins. Daheim sind die Schüsseln gerichtet mit der Brocksuppe. Nach dem Essen gehen sie alle an die Arbeit, die Männer in den Stall und in den Wald, die Frauen in die Küche und in die Spinnstube. Die Stube ist schon gut gewärmt, rings um den Ofen sitzen die Frauen an den Spinnrädern. Ebenmäßig drehen sich die Räder, und in ihrem kleinen Wirbelwind wehen kleine weiße Wollflöckchen mit. Die Jung- magd haspelt die Garnspulen ab. An den Fenstern fahren die Knechte vorbei mit den Holzfuhren. Die Bremsen kreischen. Aus der Tenne dröhnen dumpf die Schwingkeulen der Dreschflegel im Dreiertaft. Der Bauer ist in den Kemeten und schaufelt das Getreide durch. Heute, am schulfreien Donnerstag, knien die Kinder auf der Fensterbank und äugen durch die Scheiben. Draußen sichert der Großvater mit Strohbünden den immerfort fließenden Brunnen vor dem Einfrieren. Dann kommt er in die Stube, und die Kinder schnitzen unter feiner Anleitung Tiere für die Weihnachtskrippe. Sie fragen den Großvater, ob heute wieder wie am vorigen Donnerstag die Anklopfer kämen. „Freilich", erwiderte der Alte. „Und nächsten Donnerstag kommen sie zum dritten — und letzten Mal." Am Mittag kommt die Sonne kurz auf den Hof, und die Kinder flnb auf einmal draußen. Sie zerstampfen das Eis am Brunnentrog. Der Altbauer hockt sich mit der Katz« auf die Hausbank, und gerade als der Klemperer — die Metallscheibe, die mit jbem Hammer geschlagen wird —« zum Essen ruft, versinkt die Sonne hinter dem Kogel. Nachmittags stampft die Hausmühle am Vach. Alles beeilt sich mtt der Arbeit, denn früh bricht die Dunkelheit ein. Dann liegen die Knechte müde auf der Ofenbank, und aus dem Dämmer glofen ihre Pfeifen. An den Fenstern warten die Kinder auf die Anklopfer. Endlich kommen sie, die geduldig von Hof zu Hof ziehen, zum uralten Gedächtnis an Josef und Maria, die einstmals von Haus zu Haus zogen und Herberg suchten. Die klopfen an Türen und Fenster und jammern und bitten. Das alte Herbergslied klingt auf mit feinem rührenden Zwiegefang: „Wer klopft an?" — „O zwei gar arme ßeuf." „Was wollt ihr bann?" — „O gebt uns Herberg heut, durch Gottes Lieb wir bitten, — öffnet uns doch eure Hütten." —> „O nein, nein, nein! O nein, das kann nicht fein." Wenn das Lied beendet ist, wird ihnen die Tür geöffnet, und mit kleinen Gaben beschenkt wandern sie weiter, hinauf zum nächsten Hof. Und unerwartet bringt der Abend noch eine Herbergsuchende. Sefa, die Mutter der Großmagd, kommt auf den Hof. Sie wickelt sich aus vielen Tüchern, ihre angegrauten Zopfe liegen breit um den Kopf. Die Bäuerin lädt sie zum Tisch und nötigt fie zum Essen. Sefa ist feit zweiundvierzitz Jahren auf dem Kemptnerhof im benachbarten Kirchspiel, jetzt ist sie an die Sechzig. Schon beim Großvater des Bauern war sie auf dem Hof, und des Bauern Mutter hat ihr dos Ausgeding versprochen — ober jetzt! Sefa rührt den Löffel nicht an. Nach dem Essen fitzt fie mit der Bäuerin hinter dem Herd und klagt und erzählt. Jetzt auf einmal fei fein Platz mehr auf dem Hof für fie, und am Neujahrstag solle sie wandern. Bis heute hat sie doch alle Arbeit getan, nein, alt ist sie noch nicht. Sie zieht die Fransen ihres Umschlagtuches durch die Finger, und ihre Hände zittern ein wenig. „Bleib da, bist was findest", sagt die Bäuerin. Dann geht fie hinaus, und hinter Sefas Rücken fetzt sie sich hin und schreibt einen Brief an ihren Bruder im anderen Tal. Der ist feit einem halben Jahr Witwer, und fein Haus kann eine frauliche Hand brauchen. Fürs Erste bleibt Sefa also hier. Schon morgen findet fie Arbeit genug. — Du hast Abschied genommen und wanderst weiter über das Gebirge. Die Almhüften sind ohne Leben. Zwischen den Felsen starren grün öle Wacholderbüsch« mit ihren blaubereiften Beeren. Die dünnen Wasier- säden am Berg oben sind im Frost verstummt. Wo die Erde sich ht Abstürzen bricht, stehen seltsame Gebilde. Wie in kleinen Basaltbrüchet» wächst das Eis in kristallenen Pfeilern aus der Erde. Ganz einsam ist die Region der Höh«. Aber eine Adventbegegnung geschieht dir auch noch hier oben. Ueber die Einsattlung des Gebirtzs wandert mit behutsamen Schritten eine Frau, jung und hoch in der Zeil. Ihr Bild ist wie das Marias, von der es heißt, daß sie „in denselben Tagen aufstund und eilends über das Gebirge ging." Mit kurzem Gruß wandert sie an dir vorüber, und der Bergwald nimmt sie auf. Ehe du die bewohnten Stätten jenseits des Kammes erreichst, ist die Nacht hereingebrochen. Keine Nacht des Jahres ist so in Sternenfeuern entbrannt wie diese. Heraufgeführt vom funkelnden Aldebaran hebt sich mit der Flanke das Sternbild des Orions bereits vollkommen sichtbar über den gebirgigen Horizont. Gegen Norden neigt sich der Ero^e Wagen leuchtend nieder. Hoch über dir schwingt sich als gleißende- '"and die Milchstraße über den ganzen nächtlichen Himmel. In der Tiefe blitzen Lichter auf aus verdunkelten Häusern. Dort liegt das Ziel deiner Wanderung im Advent. Mit dem Eiichelmond, mit dem Abendstern. Von Hans Leifhelm. Auch im fremden Land, Wo ich dir so fern, Wo ich lange schon verschollen war, Strahlt dein Angesicht Mit dem Abendstern, Weht am nächtigen Himmel hin dein Haar, Tanzt dein^ schlanker Fuß Mit dem Sichelmond, Winkt mir lieblich deine weiße Hand, Grüßt dein Lächeln mich. Das im Lichte wohnt, Süßer Trost im bittern Menschenland. Durch die Fluren geht Kühl der Abendwind, Silbersaiten klingen deinem Tanz, Dunkle Brandung ruht, Und das Leid verrinnt, Silberwolken spiegeln deinen Glanz. Eine Stimme süß Ist im Tal erwacht, Horch, ein Nachtigallenflöten fern, In Vergessenheit Hüllt mich ein die Nacht Mit dem Sichelmond und Abendstern. Ueber fremder Welt Winkt dein holder Gruß, Winkt dein Lächeln, deine weiße Hand, Mit dem Sichelmond Schreitet schlank dein Fuß, Kühler Tau rinnt nieder aus das Land. Fern am Himmel hin Weht dein nächtiges Haar, Wendet nieder sich dein Angesicht, Mit dem Abendstern Strahlt dein Haupt so klar, Meines dunklen Lebens schönes ‘ Oie Heerschau vor Napoleon. Von Friedrich Griese. In seinem neuen, der deutschen Jugend gewidmeten Buche „Die Wagenburg" erzählt Friedrich Griese von einem mecklenburgischen Pferdeknecht, der in der Zeit der napoleonischen Kriege nach Spanien verschlagen wird, bis er nach mancherlei Abenteuern mit seinen Pferden wieder in die Heimat zurückkehrt. Ein hohes Lied der Treue ist dieser schlicht erzählte und mit starker Spannung geladene Roman, bepi wir mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlages in München den folgenden Abschnitt entnehmen. Es begann damit, daß die Soldaten querfeldein zogen, Menschen und Tiere. Sie kamen an Meierhöfen vorüber, weiterhin hob sich, das Land, und nach zwei Stunden hörten sie, daß sie am Ziel seien. Es gab da eine Ebene, wo Truppen zur Besichtigung sehr schön aufgestellt werden konnten, alle Gattungen, seitab die Fahrer. Die wurden sonst meistens nicht hinzugerechnet, nach dem hinter ihnen liegenden Feldzug sollten aber auch sie gemustert werden. Unter den meisten Offizieren war jetzt große Unruhe. Vorher waren sie ganz frisch gewesen, nun aber, kurz vor dem großen Augenblick, wurde ihnen anders zumute. Manche von ihnen beherrschten die fremde Sprache nicht zur Genüge, und außerdem fehlte es bei den meisten noch an einer ordentlichen Ausrüstung; so gab es also bei der Aufstellung der Truppen, die in mehreren Abteilungen vorgenommen wurde, Verwünschungen und Angstflüche genug. Die Fahrer würden am wenigsten ins Bild kommen; der Kaiser konnte an ihnen höchstens vorllberreiten. Karl Johann machte sich keine Vorstellung von den Dingen, die vor sich gehen sollten. Er kannte den Namen des Mannes, den er nun sehen sollte, denselben Mann, der für seine Leute daheim im Dorf so groß und herrlich gewesen war, daß man wohl noch lange von ihm in den alten Geschichten erzählen würde. Mehr als an alles andere dachte er in dieser Stunde aber daran, daß der Mann, der diesen allmächtigen Namen trug, zuerst sein Feind gewesen war, weil er seinem Bauern Habe und Pferde und Wagen genommen und ihn selber aus seinem Dorf verschleppt hatte, daß er darauf für denselben Mann in ein fremdes Land hatte ziehen müssen, dem er dann ein Feind geworden war. Und was für ihn galt, galt auch für alle die anderen, die deutsch sprachen, und mit denen er in dem finsteren Lande da unten zusammen gewesen war, Dörfer verbvannt und Bauern gehenkt hatte. Er erinnerte sich dabei an das Wort des Landsmannes, der gesagt hatte, daß deutsches Blut zu dieser Zeit billig sei, daß es eine Heimat und doch keine habe und daß auf jedem schweren und verlorenen Posten mindestens immer ein Deutscher stehe. Als die Unruhe unter den Kommandierenden immer noch groß genug war und man es manchem ansah, daß er für die nächsten Stunden viel lieber anderswo gewesen wäre, seinetwegen sogar im spanischen Bergbusch, merkte man, daß der Kaiser mit seiner Begleitung herankam. Eine dichte Staubwolke wirbelte in der Ferne auf, sie näherte sich übermäßig schnell, und bald darauf hielt eine große Zahl reichgekleideter Generäle vor den aufgestellten Truppen. Karl Johann wußte sogleich, wen er für den Kaiser zu halten hatte. Dieser eine war unter den Reitern der schnellste gewesen, und obwohl sich die anderen Mühe gegeben hatten, ihm ebenso schnell zu folgen, hatten sie sich doch nur sehr schwer anhängen können. Karl Johann hatte noch niemals ein Pferd mit dieser Schnelligkeit heransausen sehen. Er sah aber auch, daß der, der daraus saß, kein guter Reiter war; und er dachte daran, daß unter den Soldaten erzählt wurde, der Kaiser reite wohl schneller als jeder andere, er halte auch länger aus und könne einen Tag und eine Nacht ohne Äushören reiten, wenn nur immer unterwegs schnelle Pferde zum Wechseln da seien, er sitze aber doch nicht so sicher, wenn es darauf ankomme, und er sei sogar schon bei einer ganz gewöhnlichen Gelegenheit vom Gaul gefallen. Dieser eine, den Karl Johann für den Kaiser halten mußte, war nicht sehr groß, er war auch sehr einfach gekleidet, trug einen grünen Rock mit einem Kreuz und einem Stern daran. Das machte ihn nicht zum Kaiser; aber Karl Johann sah es an der Art, wie sein Auge über die Soldaten ging. So konnte nur einer Menschen ansehen, dem sie in seinem Sinne alle gehörten. Er beschäftigte sich länger als eine Stunde mit den ausgestellten Truppen, und es war zu merken, daß er sie gern hatte. Sie mußten Hebungen machen, einzelne Teile darauf geschlossen; und wenn die Kommandierenden vorher schon in großer Bestürzung gewesen waren, dann verdarben nun einige von ihnen alles, was sie sonst wohl noch gekonnt hätten. Karl Johann sah, daß der Kaiser lächelte; er sah auch, daß einige Soldaten einzeln herantreten mußten, und daß ihnen eine bestimmte Art des Feuerns gezeigt wurde. Dann konnten sie es. Später sprach er zu den Truppen, er sprach sehr schnell, aber Karl Johann verstand ohnehin nichts von seinen Worten; trotzdem wußte er meistens, was der Kaiser sagte, weil dessen Art so deutlich war, daß man gar nicht irren konnte. So merkte er, daß die Soldaten für die ausgestandenen Kriegsnöte gelobt wurden; der Kaiser sah dabei diejenigen an, die im schlimmsten Aufzug dastanden und sich vorher deswegen geschämt hatten. Er lobte sie auch für bewiesene Tapferkeit; mehrere mußten hervortreten, von denen jeder wußte, wie sie sich da unten geschlagen hotten. Sie bekamen ein Kreuz; einer der Generäle hängte es ihnen an. Darauf verstummte der Kaiser so schnell, wie er angefangen hatte; er war inzwischen abgefprungen und stand vor den Truppen. In seinem Inwendigen ging eine Veränderung vor, von der er selber wohl gar nichts wußte. Er stand zuerst nachdenklich, machte dann ein paar Schritte, und wie es schien, hatte er alles um sich herum vergessen. Wieder folgten einige rasche Schritte, die man fast ein Laufen nennen konnte; so kam er bis an das Ende der aufgestellten Truppen, er stand ganz in der Nähe der Fahrer, Karl Johann am nächsten. Der war in diesem Augenblick bei dem Pferd des Kaisers; es gefiel ihm nicht, obwohl er noch niemals ein so schönes und ebenmäßiges Tier gesehen hatte. Er meinte, es sei gar kein Pferd mehr; denn gewiß war es so sehr abgerichtet, daß es von seiner Art nichts mehr in sich hatte. Es sah frisch und feurig aus, aber das täuschte; vor den Ohren dieses Tieres konnte man gewiß eine Kanone abfeuern, man konnte die unsinnigsten Sachen anstellen und ihm den sremdesten und tollsten Gaul vor Augen und Nüstern bringen, er würde sich nicht rühren. So jung und schnell und prächtig es war, so zahm und alt war es in seinem Wesen. Es war also so, wie die Soldaten erzählten, der Kaiser war ein Reiter, dem man die Pferde besonders zurichten mußte. Als er das dachte, kam er mit einem Ruck zu dem zurück, was vor ihm geschah oder doch geschehen sollte. Der Kaiser stand gerade vor dem „Beißer"; er hatte sich hastig umgewandt und drehte dem Tier den Rücken zu. Sein Blick ging über die Truppen; sie standen, wie sie da unten in manchem Lager gestanden hatten. Das Gesicht des Kaisers veränderte sich; er wußte, daß alles, was die Soldaten erlitten hatten, für ihn geschehen war. Er wußte auch, daß neben jedem einzelnen von ihnen zehn Tote Aufstellung genommen hatten, die in jenem düsteren Lande geblieben waren. Darüber dachte er jetzt wohl nach, sein Gesicht wurde finster, sein Rücken schmal, es war etwas in ihn gefahren, das ihn verändert hatte. Seine Stirn wurde bleich, und wenn die Augen darunter nicht gewesen wären, hätte man denken können, fein Gesicht wolle einfallen, wie das eines Sterbenden. Karl Johann merkte: Der Kaiser sah etwas; er hatte inwendig etwas vor sich, und das sah er nun. In diesem Augenblick hob eines der beiden Tiere den Kopf; es war der Beißer. Er hatte sich von seiner wölfischen Art noch nichts abgewöhnen können, obwohl die letzten Monate Ruhe und Pflege gebracht hatten. Karl Johann wollte vorspringen, weil er voraussah, was nun sogleich geschehen mußte. Es war gar nicht zu umgehen; die Bestie braucht nicht einmal einen Sprung nach vorn zu machen, ihre Zähne waren ohnehin über der Schulter des Kaisers. In dieser Weise griff sie ja am liebsten an. Das Tier hatte den Kopf schon oorgestreckt, die Zähne gebleckt; aber es tat dann gar nichts, es zog den Kopf wieder zurück, schüttelte ihn und blieb im übrigen völlig unbeweglich. Was sich vor ihm befand, war nicht vorhanden; es stand nun selber wie ein gut zugerichteter Gaul. Niemand außer Karl Johann hatte den Vorgang beobachtet; niemand außer ihm sah auch, daß das Tier den Kopf dann seitwärts kehrte, als ob da vor ihm etwas sei, was es gewaltsam zurückhalte. Dabei hob es die Oberlippe wieder und legte alle Zähne bloß; es tat so, wenn es einem an den Leib wollte, aber nicht konnte, well man ihm vorher eine scharfe Kette durch das Maul gezogen hatte. Diese Kette fehlte heute. Karl Johann duckte den Kopf. Er erschrak. Der Kaiser kam wieder zu sich, er ging zu feiner Begleitung zurück, die sich zurückgehallen hatte, wohl well sie solche Augenblicke an ihm schon kannte. Er bestieg sein Pferd, sah noch einmal über bic Truppen hin, grüßte sie und stob dann mit feinen Generälen so eilig ab, rote er gekommen war. In der Ferne sahen sie nun wieder die Staubwolke. Dann war alles vorüber. Die Soldaten ordneten sich zum Abmarsch, und bald waren alle auf dem Heimweg. Unterwegs hatte Karl Johann genug zu tun, den Beisier ohne Uebeltat zurückzubringen. Es ging nun wieder nach der alten Weife; ja. er kehrte sie besonders hervor, so. als ob er soeben etwas vor sich gehabt habe, wovon er sich nun befreit fühle. -verantwortlich; Dr. Hans Thtzriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts-Duch. und Steindruckerei. L anae, Gießen-