Zreitag, den 2. August Nummer 59 Jahrgang 1955 Seine Kraft war in ihm mächtig Sm F>ändd-Ronian von Srnst Murm Copyright 1935 dy Deutsche Verlags-Hnstalt, Stuttgart und Berlin (4. Fortsetzung.) Lord Bingley, der zweite Gouverneur der Gesellschaft, förderte einen römischen Komponisten, Domenico Scarlatti, mit dem Händel einst in Italien gut bekannt war. Bon seinem Können war der Meister weniger überzeugt, als daß er ein besserer Mensch sei, denn etwa Porta. Aber gleich dessen Werk wurde auch Scarlattis Oper „Narciso" kein Erfolg, obwohl sich Händel alle Mühe gab, sie zu einem solchen zu führen. Eine sehr blasse dritte Erstausführung kam, die neue Oper konnte mit Mühe und Not fünfmal gegeben werden, danach machte bis zum Ende der Spielzeit der „Radamisto" volle Häuser. Aber Bononcini verstand es, aus der Niederlage seiner Landsleute Stimmung für sich zu schaffen. Er schürte und schürte. Ein Aufsatz erschien in einer Londoner Zeitung, in dem den hohen Wohllauten und fein- strömenden Melodien des Südens das Lob gesungen wurde. Als Muster war den Londonern Bononcinis Oper „Astarto" angepriesen, deren Schönheiten mit den Maßen der Seligen, nicht mit denen der gewöhnlichen Musikkritik gemessen werden müßten. Für Gesangssterne, wie sie in der nächsten Spielzeit am Himmel der Royal Academy leuchten wurden, biete keine andere Oper Aufgaben wie dieses göttliche Werk... Händel las; er wußte, Bononcini, der im Umgang sehr geheimnisvoll tat, wagte sich mit keiner neuen Oper hervor, oder er hatte überhaupt nichts unter den Händen und schob deshalb das in Italien schon bewährte Werk vor. Aber gleichzeitig machte er das Publikum närrisch und impfte ihm den Glauben ein, die angekllndigten Gesangsgrößen könnten sich nur in seinem Werk ganz entfalten. Der Keim für die künftigen Starkriege war gelegt. _ . < .L , ... . , Im Frühherbst, zwischen der ersten und zweiten Spielzeit, als Handel sich noch auf einem Landgut Burlingtons von den Anstrengungen des Opernanfangs erholte, trafen die in Dresden freigewordenen berühmten Sänger in London ein. Die Zeitungen hatten für einen guten Empfang gesorgt und vor den Hotelfenstern des Senesino und der Durastante sammelten sich Menschenmengen an. Wie Könige ließen sich die beiden Verwöhnten ans Fenster rufen, der Kastrat schmunzelte hochmütig und bewegte ganz rasch und anmutig die Finger der erhobenen Hand „Entzückend!" riefen die Londoner, „seine zarte Figur und das schmale Gesicht! O Gott, wie wird er singen! Und sie dort am Balkon des anderen Hotels, die so munter den Fächer bewegt! Die drei Herren an ihrer Seite, natürliche Garden ihrer Schönheit!" An dem bescheidenen Baldas- sari und an der weniger rühm- als vergnügungssüchtigen Salm hallen die Londoner noch nicht erfahren, was die Herrschsucht italienücher Sanger, anmaßender als je eine politische aus Erden, für Dpf6*; an fchenwürde verlangte. Das Gold in der Kehle dieser Menschen schien wahrhaft Satansgut zu sein. . . . m .... ,, . Sofort nach ihrer Ankunft befand sich Bononcini m Gesellschaft der zwei Sänger. Er wußte, was es hieß, sie für die italienische Kolonie in London zu gewinnen, noch ehe Händel in die Stadt zuruckkehrte. Aber der war nicht mehr weit. Er hatte sich als Gast Burlingtons mit diesem besprochen. Die Gesellschaft wollte etwas von Bononcini für das Gehalt, das sie ihm bezahlte. Händels Absicht war es ja auch durchaus nicht, den anderen zu verdrängen. Er hatte selbst auch keine neue Oper fertig und konnte nicht vom Erfola des „Radamisto" feine Zukunft abhängig machen Das Leben, auch der Kunst gnadenlos innewohnend, ging weiter. Der andere kam an die Reihe. „Astarto" mußte einstudiert werden. Bononcini ließ vor der Erstaufführung mehr Trommeln schlagen, als Händel hätte' rühren können. Alle seine Freunde waren auf dem Plan, um in London Lärm zu machen, unb Bononcini zeigte sich nicht so verschlossen wie Händel. Er gab in Gesellschaft schon vorher Nummern aus „Astarto" zum besten, und sein Cellospiel, ein ähnliches Geschenk wie die Stimme der Sänger seines Landes: berückend und entwaffnen , ieh seines Werkes Gehalt süß und vollendet erscheinen. Was aber der Oper Bononcinis am besten zur Werbung diente war em Ereignis ,m Kreise allerhöchsten Adels, in des Herzogs von New Castle Haus. Dort sang Senesino das erstemal vor Londoner Ohren eine Arie aus Bononcinis Werk, drei Wochen vor der Aufführung. In diesen drei Wochen ging ein Raunen durch die Stadt, phantastisch und der nordischen Art nicht angemessen: der Kastrat sei seiner Stimme nach der Sohn einer Göttin... Der tiefste Blick auf die Erstaufführung des „Astarto" geschah aus Händels Augen. Der erkannte am Rausche des Publikums, daß dieses sein Entzücken zu teilen vermochte und daß es sich der Gefahr nicht bewußt wurde, wenn es dem Starken wie dem Schwachen gleicherweise Beifall zollte, von äußeren Dingen betört. Händel empfand niemals Neid, wohl aber in diesen Jahren weltlichen Ehrgeizes leicht Aerger, wenn er mit jemand in Vergleich gestellt wurde. Und das geschah nun, als der „Astarto" den gleichen Erfolg fand wie in der vorigen Spielzeit „Radamisto". Londons Zeitungen zuerst und bald das ganze Opernpublikum der Stadt spaltete sich in Parteien: Händel und Bononcini. Es nahm bald die peinliche Form der Arenakämpfe an, vor denen Bononcini Monate früher Abscheu geäußert hatte. Nun zeigte es sich, damit war er wohl einverstanden, besser jedenfalls als Händel, der bei den Herren der Gesellschaft Beschwerde erhob und scharfe Bedenken aussprach: „Das Getriebe, das da angezettelt wurde, ist ein Mistkäserauflaufl Ich sage, rechtzeitig Schluß damit, oder unser Haus leidet Schaden!" „Bisher war es der große Vorteil für die Royal Academy, daß nach Ihrem Erfolg der Herrn Bononcinis kam." „Erfolge hin oder her, aber sie müssen doch nicht zum Hader führen! Auch dürfen Sie sich, meine Herren, von Bononcini nicht dasselbe versprechen wie von mir! Ob er es aushalten wird, auf die Dauer im Wettkampf mit mir Opern zu schreiben? Bei zwei Parteien müßte der Spielplan abwechselnd besetzt sein." „Ja eben! Spielen wir einmal Händel und einmal Bononcini!" Die abweisende Aeußerung Lord Bingleys erhielt eine deutliche Antwort: „Ich wünsche Ihnen da eine gute Unterhaltung in der Pausenzeit zwischen Händel und Händel!" „Was wollen Sie damit sagen?" „Daß Bononcini ein bißchen Zurückbleiben wird beim Opernschreiben!" Burlington schien den Augenblick jetzt für richtig zu halten, zu welchem er etwas vorschlagen konnte, was ihm, dem Gönner beider Komponisten, als der Ausweg erschien, um ihren Wettkampf vor der Gemeinheit zu bewahren: „Lieber Herr Händel, das ließe sich an Hand der gleichen Aufgabe besser und gerechter beurteilen, als wenn die Tondichter zu verschiedenen Zeiten stofflich ungleichwertige Textbücher in Angriff nehmen." „Niemals werden zwei Komponisten auf die Minute genau ein und dasselbe Textbuch zu vertonen beginnen!" „Vielleicht aber jeder einen anderen Teil desselben Buches?" Händel sah groß in die Augen des Lords, nach welchem auch die anderen schauten. Burlington schmunzelte und sprach dann weiter: „Ich nannte einmal Ihr Wirken, Händel, gemeinsam mit anderen Direktoren Kraftmessen. Es wäre doch dse reinste Probe auf Kraft, wenn Sie, Bononcini und Ariosti zu brüt eine Oper komponierten, über beren Akte bas Publikum urteilen würbe, ohne zu wissen, welcher Komponist sie eigentlich schrieb." Beifall ber Herren begrüßte ben Einfall Burlingtons. Aber Hanbel schwieg. Er sah ununterbrochen den Lord an. Ein Gönner, dachte er, und doch kein reiner Freund. Ihm bin ich sowenig wie dem Publikum der einzige, sondern einer von zweien, einer wie der andere... Im Übrigen ließ er die Sache hingehen. Den Stolz der Komponisten außer acht gelassen, ist Ihr Einfall, mein Lord, recht erfrischend. Ich würde einem solchen Versuch nicht abgeneigt sein, schon allein, um das Publikum zu erziehen." Bononcini tat mit, nur Ariosti war erkrankt und konnte nicht. Händel schlug als dritten Mann eine Begabung aus dem Orchester vor, Filippo Mattei, den die Londoner sehr gern mochten. Nun bestellte die Gesellschaft das Textbuch. Unter den Angeboten, die alsbald gemacht wurden, gefiel Händel am besten ein „Muzio Scevola". Bononcini war einverstanden unter der Bedingung, sich den Akt ausfuchen zu dürfen, der ihm zusagte Es war der zweite. Händel wählte den dritten und dichtete sich ihn um. Was er vorschrieb, war die Frist der Vertonung, sechs Wochen. Und was er erbat, wir das Ehrenwort ber beiben Mitarbeiter, nietnan- bem vor ber Aufführung zu verraten, welcher Akt ber ihre fei. Er erhielt bas Ehrenwort. Aber Bononcini war leicht geneigt, es zu brechen. Ihm lag baran, baß Sonbon genau wußte, wann feine Musik erklang unb wann bie ber beiben anberen. Das hätte London auch ohne die eifrige Vorankündigung gemerkt, melche der ehrgeizige Italiener neben der öffentlichen des Opernhauses betrieb Durch diese unredliche und selbstsüchtige Aufreizung des Publikums mißlang das Vorhaben der Gesellschaft, einen friedlichen Wettkampf dreier Talente an einer Koppel zu veranstalten. Mehr als nach Bononcinis „Astarto" waren die Zeitungen diesmal bereit, ihn und Handel aufeinanberzuhetzen. Unb biefes merkwürbige Werk zweier innerlichen Feinbe würbe trotz ber glanzvoll hergerichteten Erstaufführung nur Siebener Samilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger ein kleiner Skandalerfolg. In Sprechchören einander ihre Stellungnahme zurufend, verliehen die Hörer das Opernhaus. „Zweiter Akt!" „Dritter Akt!" So ging es auf der Straße, dann im Kaffeehaus und nächsten Tages in den Zeitungen weiter. Bononcini oder Händel! Es gab kein „und" und noch weniger ein „nur". Am wenigsten ein „nur Händel..." Eher ein „mehr Bononcini". Dieser hatte sich mit seinen Arietten und Kavatinen besonders in das Herz der Londoner Frauenwelt eingeschmeichelt, die hinwieder gegen Händel eingenommen war, seit man wuhte, daß er Damen auf der Probe nicht immer zimperlich behandelte. Bononcini ärgerte Händel immer mehr durch fein selbstherrliches Auftreten. Er ließ merken, der Gegner, er hatte etwas mitzureden. Gegen Ende der zweiten Spielzeit fchürte er wie an ihrem Anfang „das Verlangen aus dem Publikum" und kam mit einer zweiten Oper aus seiner früheren Schaffenszeit zu Wort. Dabei hatte Händel schon die Partitur eines älteren Werkes von sich zurechtgelegt, um die Ausführung bei der Gesellschaft zu beantragen. Drängte der schmächtige und gewandte Italiener den Riesen in den Hintergrund? Heidegger hatte etwas wie Mitgefühl mit Händel, als er diesen beschäftigungslos während einer Probe, die Bononcini leitete, hinter der Bühne, die Hände auf dem" Rücken, langsam daherkommen sah. Aber eigentlich war dieser General nicht zu bemitleiden. Wie wollte er doch seinerzeit die Südländer ducken! Daran mußte man ihn erinnern. Heidegger tat es nicht ohne Spott. Er zeigte mit dem Daumen gegen die Bühne hin. „Die gehorsamen Italiener!" „Lassen Sie, Heidegger, sie haben viel Glück auf der Welt, aber es find doch nur Eintagsfliegen." Dennoch stellten sie Händels Geduld arg auf die Probe. Die zweite Spielzeit schloß mit Bononcini, die dritte sing mit ihm an. Händel geriet in Unruhe und komponierte über einem schwachen Buch eine mittelmäßige Musik. Die Beschämung blieb nicht aus. Er holte sich von der Gesellschaft sogar für ein neues Werk einen Korb und bekam zu hören, London brenne daraus, Bononcinis soeben fertiggestellte jüngste Oper zu sehen. „Liebster Händel", sagten die Herren achselzuckend. Das hieß: man verlangt ja gar nicht nach Ihnen ... Händel hatte letzt in seinem Amt fast nur mit der Verwaltung zu tun. Er leitete Proben. Man sprach ihm entgegen, auf der Bühne, im Orchester. Da ging er aus sein Zimmer und ließ den Korrepetitor weiterarbeiten. Briefe liefen bei ihm ein, ungewohnt im Ton und schwer zu beantworten. „Bester Händel, ich borge mir Senesino aus für morgen abend. Da meine Oper gespielt wird, ist mir nichts daran gelegen, wenn Sie die Rolle mit Berselli notbesetzen." So schrieb sein Feind. „Soeben höre ich, daß Dienstag vormittag Freunde von zu Hause in London eintreffen. Entschuldigen Sie mein Fehlen bei der Probe." So schrieb die Primadonna. Und es kam schlimmer. Im Januar eine Bononcini-Aufsührung, im Februar schon die zweite. Beides wurden durchschlagende Erfolge. London war blind und taub für anderes als die Melodien des Südens. Einmal kam Händel nach Schluß einer Vorstellung aus dem Bühneneingang ins Freie, da stand ein Opernbesucher am Tor und sprach ihn an: „Sagen Sie, Pförtner, ist heute noch der göttliche Bononcini im Haus" anwesend?" 3. Kapitel. Krieg der Primadonnen. Am Beginn der dritten Opernspielzeit stand das große Warten. Die Leitung der Royal Academy hatte sich zu den Sternen Senesino und Durastante noch den berühmtesten und merkwürdigsten Gesangsstar der Zeit verschrieben. London war auf ihn vorbereitet, der Name wurde durch Geschriebenes und Gesprochenes in alle Köpfe gehämmert, am längst bekannten Tag der Ankunft sammelten sich Mengen vor der Oper, und — der Star kam nicht. Händel wußte, daß mit dieser Gesangskraft der heikelste und anmaßendste von allen italienischen Künstlern in den Bereich seiner Arbeit kam. Er war aber entschlossen, diesmal sich nichts mehr gefallen zu lassen. Was ihn zuletzt bedrückt hatte, die Verstimmung nach Bononcinis Erfolg im vergangenen Jahr, war überwunden. Er nahm sich endlich den Lärm um den anderen nicht mehr zu Herzen und schrieb eine neue und starke Oper, während Bononcini sich mit zwei Werken und zahllosen Stücken für Festabende verausgabt hatte in der vergangenen Spielzeit. Die Operngesellschaft, stets auf ihren Gewinn bedacht, sah jetzt ihren Vorteil darin, daß bald der eine, bald der andere Komponist erlahmte, und wandte, den erschöpften Bononcini beiseite stellend, wiederum Händel ihre Gunst zu. Auch im abwechslungshungrigen Publikum wollte man dies. Schon sprach es sich herum, daß Händels neue Oper eine Glanzpartie enthalte für den ungeduldig erwarteten Star. Inzwischen verzögerte die Sängerin willentlich und bedenkenlos an allen Orten, wo es ihr gefiel, die Reise. Niemand in den schönen Städten zwischen Rom und London hätte vermutet, wieviel Macht, aber auch wieviel Bosheit der kleinen Person innewohnte, die in den Gasthöfen mit Hausknechten anknüpfte, junge Bauernsöhne bei der Feldarbeit störte und das größte Vergnügen hatte, wenn ein Rad ihres Wagens zerbrach. An ihren Geldausgaben und an dem Kleiderstaat, den sie mit sich führte, ja!) man, daß sie vermögend war, aber ebenso schien sie gezeichnet zu sein und vom Glucke verdammt. Ein Höcker verunstaltete ihren schmächtigen Körper, abstoßend wirkten ihre riesigen Nasenlöcher und der auf- ds'morfene Mund mit dem vortretenden Gebiß. Doch die grünbraun ichitternden Augen schlugen in Bann Dieses gnomenhafte junge Weib nrnr nicht mit Abscheu abzutun. Auf der Waage ihres Lebens lag links n ■U<^Lun? {cc^s der Segen. Nicht bloß die männertolle Jungfer wr, sondern auch die „göttliche Leier". Und eine Welt nahm den schrecklichen Anblick der Francesca Cuzzoni in Kauf, um ihre beseelte Stimme zu Horen. Und sie ließ, leidender und böser als andere Sänger, warten auf sich, vretbegger gab Händel den Rat, ihr einen Mann entgegenzuschicken, das sei vielleicht die einzige Möglichkeit, ihre Reise zu beschleunigen. Sardoni, ein Mitglied des Orchesters, Übernahm diese Ausgabe. Sie wurde dem hübschen Menschen zum seltsamen Schicksal. Er traf die Cuzzoni in Aachen, und sie verliebte sich auf der Stelle in ihn. Sardoni glaubte Vorteile in London aus dieser Gunst schlagen zu können und sagte ihr zum Uebersluß Schmeicheleien. Da stieg der Sängerin das Blut zu Kopf, und sie weigerte sich, weiterzureisen, wenn Sardoni sie nicht sofort heirate. Der Cembalist gab nach, und Fräulein Cuzzoni, als welche sie verpflichtet worden war, erschien in London als Frau... Sie stutzte beim Anblick Händels. Wie leibhafte Gegensätze standen sich das zwerghafe Weib und der riesige Mann gegenüber. Er [rüg, worauf das verspätete Eintreffen zurückzusühren fei. „Privatangelegenheiten! Zuerst gefielen mir Land und Leute, und dann kam die Heirat!" „Das steht alles nicht im Vertrag, Signora!" (Eine Tonleiter der Entrüstung singend, kam die Sängerin zu ihrem jungen Gatten. Der hatte ihr schon auf der Reise von Händel erzählt. Sie lachte darüber, aber jetzt schwor sie im Ernst, Herr über diesen Koloß zu werden. Zur selben Zeit äußerte Händel vor Heidegger, daß er diese Frau auf Biegen oder Brechen erziehen wolle. In ihr sehe er das „Italienische" schlechthin, und es müsse sich einmal zeigen, ob diese Tyrannen der Musik nicht in Grenzen zu weisen seien. Unter einem so wettergeladenen Himmel begannen die Proben zu Händels neuer Oper. Der Komponist hatte dieses Werk mit angespannter Kraft aus einem Guß geschaffen. Er wußte, daß es ein Erfolg sein würde, wenn die Cuzzoni darin fang, sogar ein außergewöhnlicher. Doch hatte Händel der Sopranpartie Züge verliehen, die der Italienerin nicht entsprachen. Schon nach flüchtigem Durchlesen schickte ihm die Cuzzoni ihren Part zurück. Er sei zu schwer für sie, zu gepanzert. Händel machte die Arien und Rezi- tatioe locker — für die Triller der Cuzzoni. Aber einige Nummern, deren geschlossene Schönheit ihm zu schade war, sie zu unterbrechen, ließ er unverändert stehen. Auf das Rottenheft der Cuzzoni schrieb er: „Endgültig!" Mit dieser Aufschrift ging es an die Leichtverletzliche. Das Einstudieren begann. Es geschah im großen Saal des Akademiegebäudes unweit von der Oper. Bevor jemand da war, machten zwei Theaterdiener den Raum für die Probe zurecht, stellten Stühle vor die Pulte und legten auf diese die Notenblätter. Während der Arbeiten unterhielten sie sich in derbem Flüsterton. „Pah auf, wir erleben etwas in der nächsten Zeit!" „Keine große Kunst, das vorauszusehen! Die neue Italienerin ist ein böses Luder." „Ich verstehe nicht, daß die Leute sich so einen Krüppel überhaupt anschauen mögen!" „Du bist und bleibst ungebildet. In der Oper geht's doch nur um den Gesang!" „Sage das nicht! Noch wichtiger ist manchen während der Vorstellung der Schlaf." „Der überfällt höchstens die geringen Kaufleute oder den König. Komm her, hilf mir das Harmonium rücken, Händel will dem Korrepetitor ins Gesicht sehen — so — ho-ruck! Gib doch acht, du kannst nicht deine Pfoten auf die Tasten legen!" „Ach, als verdürben meine Hände etwas an dem Instrument! Dienerhände, Arbeitshände! Bin ich auch nicht das, was diese Künstler sind, so fühle ' ich mich doch ebenso ehrenwert! Und mache weniger Krach als sie!" Heidegger war bei den letzten Worten in den Saal getreten und hatte ie noch gehört. Er wußte, worauf des Volkes Stimme anspielte. Ihn elbst trieb es aus seinem Arbeitsbereich hierher, weil er von einer ansteigenden Verstimmung zwischen Händel und der Cuzzoni gestern gehört hatte und vermitteln wollte, wenn es ging. Aus der Straße traf er noch den Korrepetitor und kam jetzt mit ihm in den Saat Auf den Diener hinzeigend, meinte er zu dem Musiker: „Sogar der hat schon Wind und — eine schlechte Meinung! Was war eigentlich gestern noch?" „Die Cuzzoni will eine wichtige Arie im .Dttone' nicht fingen, weil ihr der Aufbau nicht gefällt. Sie sagte, sie müsse es sich nochmals überlegen." „Da kann ich mir den Händel vorstellen und feine Antwort!" „Es sah recht gefährlich aus. Aber die Zeit war knapp, und wir probten eben über die Arie weg..." Musiker und Sänger füllten in rascher Folge den Saal, in dem ein starkes Murmeln aufstieg, das Schwirren vom Stimmen der Instrumente dazwischen, Bogenstriche und Blastöne. Mit einemmal aber brachen diese ordnungslosen Geräusche ab, und es wurde fast lautlos still. In die Tür trat eine massige Gestalt, kam schweren Schrittes näher, daß die Bretter des Saalbodens knarrten. Und jeder, der saß, erhob sich... Händels Miene zeigte großen Ernst an. Als er Heidegger sah, hellte sich sein Gesicht etwas auf. „Sie auch hier? Müssen sogar Ihre Rechnungen warten wegen meiner Musik? Sie kommen doch zuhören?" „Gewiß, lieber Händel. Nur das." „Na, bann vorwärts, meine Damen und Herren! Sie sind doch vollzählig? Oder fehlt jemand, Shunt?" „Frau Cuzzoni fehlt noch." „Wo ist die Dame?" „Sie hat genaueste Anweisung über die heutige Probenzelt." „Und fehlt noch? Frau Cuzzoni weiß, wann ich anfangen will, und fehlt noch!" „Auch Herr Sardoni ist noch nicht anwesend im Orchester..." „Also glücklich die ganze junge Familie!" Heidegger sah den Kops Händels rot werden und wollte ihn beschwichtigen: „Nehmen Sie es doch nicht so heikel mit der Primadonna, lieber Händel!" (Fortsetzung folgt.) Oer Gesang des Meere«. Don Conrad Ferdinand Meyer. Wolken, meine Kinder, wandern gehen wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen! Eure wanderlustigen Gestalten kann ich nicht in Mutterbanden halten. Ihr langweilet euch auf meinen Wogen, dort die Erde hat euch angezogen: Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer! Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer! Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften! Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! Traget glüh'nden Kampfes Purpurtrachten! Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen! Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen! Braust in Strömen durch die Lande nieder — Kommet, meine Kinder, kommet wieder! Oie graue Stadt am Meer. Von Hermann Otto Vaubel. „Am grauen Strand, am grauen Meer Und seitab liegt die Stadt; Der Nebel drückt die Dächer schwer, Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt.. Theodor Storm. Die Meinungen über die Schönheit der Natur sind ebenso verschieden wie die über Frauenschönheit. Der Hamburger Geschäftsreisende mit dem gutgeschnittenen Gesicht erzählt der jungen Frau, die ihm im Eilzug nach Westerland gegenübersitzt: „Ja, und bei Husum, da gibt's über- e nichts mehr zu sehen als Wiesen, Wiesen und Vieh. Das ist 'ne »eilige Gegend". Unser Zug gleitet wie ein Küstendampser in voller Fahrt am Rand der Geesthügel entlang durch das Marschland der Westküste Schleswig- Holsteins. Er donnert über den Kaiser-Wilhelm-Kanal, aus den wir hoch von oben hinabsehen, er rasselt über die Eider, die mit grauem Wasser zwischen den hohen Uferdeichen breit dahinströmt. Das Meer ist nicht sichtbar, und doch ist alles voll seiner Ahnung. Es ist nicht die flache Weite der Marsch allein, in der die Kirchtürme wie Jewaltsame Versuche des Menschen wirken, durch eigene Kraft das eherne »orizontal-Gesetz der Landschaft zu durchbrechen. Es sind nicht die Deiche, die die Ufer jedes kleinen Flüßchens begleiten, zum Zeichen, daß bis hierhin der regelmäßige Pulsschlag der See mit Ebbe und Flut dringt. Es find auch nicht die windgeneigten Baumreihen am Horizont, die so oussehen, als ob ein Riese sie von der einen Seite her angestoßen hätte, fo daß sie nacheinander halb umsinken mußten. Cs ist das Wehen des Seewindes und d.as Jagen der grauen Wolken an dem unendlich hohen Himmel, es ist der feuchtsilbrige Ton der Luft, der über allem liegt. Irgendwo am Horizont, wo das Grün der Marsch in den Himmel über- S, muß die Linie liegen, wo die irdische Dreieinigkeit von Wasser, ,: und Erde sich zusammenfindet. Die Marschbauern, die hier hausen, sind anders als die Bauern des Binnenlandes, denn sie erleben Gott und das Schicksal nicht nur im Ringen mit dem Boden und dem Wetter. Als Freund und als Feind, wie es ihm gefällt, pocht der „Blanke Hans", die Nordsee, an ihre Hos- türe. Erdverwachsen, wie kleine Hügel, stemmen sich die breiten Strohdächer der Höfe Nordfrieslands in die endlose Ebene, überragt von den Masten der Blitzableiter. Selten leisten ihnen die Eichen Gesellschaft, die untrennbar mit dem Bilde der Bauernhöfe Niedersachsens verbunden sind. Der ewige Wind läßt sie nicht hochkommen. Gemächlich kauen die Kühe, die im blühenden Marschwiesengras liegen. Fohlen galoppieren erschreckt davon, als der Zug verüberbraust, während ihre älteren, erfahreneren Genossen sich -nicht stören lassen. An den zahlreichen Wassertümpeln und Gräben stehen oft würdevolle Störche und beobachten lespannt ihre Beute. Gänseherden schnattern dazwischen. Wenn ein Geeststreifen sich einschicbt, ändert sich das Bild. Ginster zlüht golden an den Böschungen, und Rotdorn färbt die Raine bunt. Zwischen braunen Heidestreifen breitet sich grauer Sand. Seeluftgerötete, t> lande Menschen stechen Spargel auf den Feldern. Windmühlen drehen keschäftig ihre Flügel. — Dann aber wieder endlose, grüne Marsch, über tie riesige Herden verstreut sind, soweit das Auge reicht. Es scheint ein Land zu sein, das dem Tiere gehört, in dem der Mensch nur als Eindringling ein geduldetes Dasein führt. Und doch hat er erst lurch die „goldenen Ringe" der Deiche alles dem Meere abgerungen. In dieser Landschaft liegt Husum, die Geburtsstadt Theodor Storms, im ihr wurde er groß, sie formte ihn entscheidend, und dankbar und in Sehnsucht schuf er sie nach in seinem Werk. Wie Goethes Elternhaus am Hirschgraben In Frankfurt so ganz maufsällig in der Reihe der anderen Bürgerhäuser steht, so fügen sich Ue schlichten Häuser der Erinnerung an Storm in die Straßenfronten Husums ein. Nicht an seinen Wohnhäusern, nur am Geburtshaus am ^larkt ist eine Gedenktafel angebracht. Schmucklos wie die Stätten seines lebens sind die grauen Mauern seiner Gruft unter den alten Bäumen les Klosterkirchhofs von St. Jürgen. Im Schloßpark versteckt steht eine »üste des Dichters. Es könnte beinahe pietätlos erscheinen, daß man nicht viel Wesens Dn dem größten Sohne der Stadt macht. Doch die nordfriesische Ver- lhlossenheit mag das Ihrige dazu beitragen. Man äußert nicht gern die 18 ^üHle, die man im Herzen trägt. Viel schöner und tiefer als in äußeren Zeichen de» Gedenkens lebt der Dichter in dem Bilde des Landes und der Stadt, die er in seinen Erzählungen und Gedichten immer wieder nachbildete, und das heute noch fast genqu so erhalten ist, wie es das empfängliche Auge Storms fah. Wenn man vom Meere her sich Husum nähert, dann liegt die Stadt grau und flach, nur überragt von dem Kirchturm, auf der weiten, blaß blinkenden Wasserfläche des Watts. Wenn man dann aber durch die Straßen an den alten Backsteinhäusern vorbei zum Marktplatz gelangt, ist man Überrascht von der Farbigkeit, die sich hier birgt mit rotleuchtenden Mauern und Ziegeldächern. Gotische Staffelgiebel werden unterbrochen durch das Rathaus, das in den Formen der holländischen Renaissance, in rotem Backstein mit hellen Sandstein-Beischlägen, gehalten ist. Eine Freitreppe ist stolz vorgelagert. Geschmackvoll zeigt es den alten Wohl- stand der Stadt. Sie hat noch heute ihre zwei Gesichter. Das eine schaut nach dem Meere, wenn auch nicht unmittelbar auf das große Weltmeer, fo doch auf das Wattenmeer her Westküste Schleswig-Holsteins und die ihr vorgelagerten Inseln. Das andere aber blickt nach dem fruchtbaren Bauernlande, dessen Bewohner nicht nur zu den großen Viehmärkten, zum Einkauf und Verkauf in die Stadt kommen. Wie sehr sich Husum als Mittelpunkt dieses Bauernlandes fühlt, beweist das Ostenfelder Haus von 1600, das 1899 in dem benachbarten Dorfe Ostenfeld abgebrochen und dann in Husum als Beispiel eines niedersächsischen Bauernhauses der Gegend wieder errichtet wurde. Es ist im Innern genau fo eingerichtet, wie es einst gewesen war. Die Konstruktion dieses Hauses hat sich seit 2000 Jahren nicht geändert. Die großen Tongefäße, die um den Herd, den Mittelpunkt des Ganzen, aufgereiht sind, sind in ihrer Form noch viel älter. Alt sind auch Muster und Technik der farbigen Webstücke. Uralte, germanische Bauernkultur hat dieses Haus geschaffen. Und doch zeigen englisches Geschirr, holländisches Porzellan, Kaffee- und Teemaschinen die Nähe der See und die Beziehungen zu fernen Ländern. Vom Grün des Schloßparks wird der schönste Teil des alten Hufum umschlossen. Das slache, langgestreckte Schloß, der einstige Witwensttz der Gottorper Herzoginnen, mit seinen rötlichen Backsteinmauern, ist weniger anziehend als sein ehemaliges Pfortenhaus, das sogenannte Eornilsche Haus. Aus ruhigem Baumgrün leuchten seine weißen Mauern heraus. Ueber dem rosenübersponnenen Renaissanceportal lächelt eine liebliche Venus, die zwei Tauben auf dem Arme trägt, dem kleinen Amor zu. Zwischen den Rosenblüten schauen Medaillonköpfe hervor. An allen Fenstern stehen bunte Blumen in holländischen Porzellantöpfen. Die Husumer lieben Blumen und Buntheit. Alte Damen, die vielleicht den greifen Storm noch als Backfische gekannt haben, unterhalten sich, wir hören es zufällig, darüber, welche Blumen „finnige" Geschenke seien und welche nicht. Ueberall sieht man hinter den Weißen Gardinen die kunstvollen Porzellantöpfe. Die jungen Mädchen, es gibt einen schwereren Typ und einen schlankeren, manche von unwahrscheinlicher Blondheit, tragen mit Vorliebe die leuchtendsten Farben. Vielleicht ist die Farben- Cintönigkeit von Marsch und Meer, die nur unzählige Schattierungen von Grün und Grau kennen, der Grund für diese Farbensehnsucht. E» ist dieselbe Sehnsucht, die auch das Innere der Häuser der friesischen Fischer auf den Jnfeln mit ihren bunten Möbeln und den Porzellankacheln an den Wänden zu wirklichen Schmuckkästchen macht. Die berühmte friesische Sauberkeit, die man überall antrifft, kann aber auch ihre Schattenfeiten haben. Dann geht es fo zu im Hause wie in Storms Gedicht „Engel-Ehe": „Wie mit Flederwisch und Bürste sie regiert! Glas und Gerät, es blitzt nur alles so Und lacht und lebt! Nur ach, sie selber nicht..." Auch heute noch kann man solchen Engeln, wenn man Glück hat, in Husum wirklich begegnen. Wie man der kleinen Stadt der Vergangenheit die als „Spione" dienenden Erker im Erdgeschoß verzeihen muß, durch die sich so schön die Straße übersehen läßt, so wird man auch heute den Großvater im Haufe am Markt verstehen, der morgens nach dem Kassee, halb hinter der Gardine versteckt, unsichtbar, wie er glaubt, mit der langen Psefse im Mund, das Leben und Treiben aus der Straße beobachtet. Zum Bilde einer Stadt gehören auch die Namen an den Schildern der Läden und an den Häusern. Die Broder Brodersen, Christiansen, Johannsen, Carstensen, Asmussen, Andresen, Michaelsen, Dethlefsen könnten in. jeder Novelle von Storm vorkommen. Etwas besonders Schönes aber wären Clausen Duglsang und Arbast Thoms. * Der Deich, auf dem Storm oft fpazierengina, und von dem er in seinen Brautbriefen an Constanze Esmarch erzählt, liegt heute weit im Marschland drin. Ein neues großes Stück Land ist dort in den letzten Jahrzehnten dem Meere abgerungen und da, wo sich zu Storms Zeiten noch die silberne Flut breitete, wiegen sich jetzt saftige Wiesengräser im Seewind und weiden braunweiße und schwarzweiße Kühe, bis zum Bauch im Grün. Drüben, auf der anderen Seite des kleinen Seekanals, der die Stadt mit dem Meere verbindet, klappern, schrill pfeifend, Feldbahnen entlang und puffen weiße Wolken in die Luft. Von morgens früh bis in die Nacht hinein wird hier mit dem Meere gerungen. Buhnen werden gebaut, Deiche angelegt und mit Rasenstücken bedeckt, damit sie widerstandsfähig werden. Ein Koog nach dem andern wird eingedeicht. Langsam gewinnt der Mensch sich in vielen Jahren zurück, was ihm riesige Sturmfluten in Tagen entrissen. Es gibt vielleicht keine andere Stelle, wo der unbändige Lebenswille Deutschlands sich so kraftvoll zeigt wie hier bei den Deich- bauten an der Halbinsel Ciderstcdt. Die Zeit scheint nicht mehr fern, wo auch auf unserem Ufer die flache Silberschale des Wattenmeeres vor dem heutigen Deich verschwunden ist, wo die Häuser der gegenüberliegenden Insel Nordstrand nicht mehr wie kieloben treibende Schiffe auf dem Wasser zu schwimmen scheinen, sondern eine grüne Marfchfläche sich vom Festland bis zur Jnselküste dehnt. Glückliche Fahri. ;en da ihr Papa mit seiner Dame, und es war W. von Goethe. Nebel zerreißen, Himmel ist helle, Aeolus löset ängstliche Band, säuseln die Winde, von I. Die der und das Es es rührt sich der Schisser geschwinde! Geschwinde! Es teilt sich die Welle, es naht sich die Ferne, schon seh' ich das Land! Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Eteindruckerei,2i. Lange, Zisch und Wein. Sanftes Abenteuer auf der Jsola Vella. Von Hans Leib. Fräulein Engel Luv, ein junges Mädchen aus Hamburg, kam eines Tages auf die Jsola Bella. Fräulein Luvs Mama war in Locarno verblieben, um sich dem Golf und einem Herrn aus dem gleichen Hotel namens Grönedal (aus Kopenhagen) zu widmen. Der Papa nun, ein stämmiger Fünfziger und ehrbarer Ueberseekaufmann, war mitgefahren und hatte während der netten Reise seiner Tochter die erdgeschichtlichen Zusammenhänge des Tessins aus dem Führer vorgetragen, um ihre Blicke von denen einiger junger Holländer abzulenken. Än Stresa jedoch tauchte eine lebhafte Dame in rundlichem Alter auf und erwies sich als eine Reifeerinnerung von irgendwo im Mittelmeer her, ja, aus Herrn Luvs kaufmännischen Wanderjahren. Sie war außerordentlich erfreut und aus Genf und hieß Madame de L'Angeaux und tat riesig vornehm, und Papa Luv redete sofort nur noch Französisch, obgleich es unmöglich klang und wie Englisch, (es war so lange her) und Madame klopfte dem „süßen Töchterchen" die Wangen und riet dringlich, nicht die Inseln zu ver- säuinerx. Es erwies sich, daß Papa nicht so große Lust bei der Wärme habe. Cs gebe auch sicher Gewitter. Aber Engel, Engel habe ia ihren kleinen niedlichen Regenflügel, ihre Fliegentüte, ihre Wetterhaut mit, wenn sie denn wolle, so solle sie nur. Ein unleidliches Erzeugnis, diese Oelseiden (sein Export liege auf anderen Gebieten), nur verständlich als Angleich zur modernen Wäsche der Damen ... Papa Luv war sehr aufgeräumt. Die kleine, noch gar nicht recht erfahrene Engel fühlte sich nicht behaglich dabei. Und die Dame aus Genf trug beschämend große Brillanten in den Ohrläppchen, und sie tat so schrecklich vertraut mit Papa und lachte so laut über die Entgleisung mit der Wäsche, und sie duftete so übersüß, und man wußte nicht, war sie jung oder alt. „Welche denn von den Inseln?" fragte Engel Luv da kleinlaut. „Nicht die Jsola Bella!" anwortete schmelzend Madame. „Da ist nur Schloß und nichts als Schloß und Eintritt. Die Madre, da ist Natur." „Tu das!" sagte aufleuchtend Papa und legte einen guten Lireschein und den Reiseführer in die Hand seiner Tochter. Wir treffen uns hier, wir bleiben eine Nacht, wegen dieser Landschaft, Kind, wunderschön, ah, wunderschön! Doch noch eins — sei vorsichtigt und iß keine Fische! In diesem Klima sind Fische nicht bekömmlich. Und keinen Wein. Er erhitzt den Puls. Und vergiß nicht, es heißt: Aqua minerale. Und da nun ist eine Gondola mit einem Ruderer, da hast du wenigstens ein büfchen hübsch ordentlich lange was fürs Geld. Au revoir!" Gehorsam, doch auch dem eigenen Wunsche nicht mehr entgegen, nahm Engel Luv das Bodt. Es war nicht besonders hübsch, weder das Ganze noch das Boot. Doch immerhin hatte der Bootsmann den Morgen Waschtag gehabt. Seine Hose war weiß wie das Pfingstkleid der Madonna zu Al Sasso, und das Blau seiner Bluse übertrumpfte das oft über Gebühr gerühmte des Wassers. „Dove?" fragte er. Es heißt bestimmt „wo", aber ich habe den anderen Namen vergessen, sagte sich Engel Luv. „Also bella!" erwiderte sie mit der inneren Versicherung, daß es tatsächlich ebenso gut weiter nicht bedeuten brauche, als wenn man so sagt: Also schön! Sie setzte sich in das gewölbte Sonnenzelt. Der säuberliche Bootsmann steuerte sichtlich auf die Jsola bella zu. Sie wuchs und versank zugleich hinter einer steineren Hafenmulde. Aber ehe sie an den Steg legten, wurden sie von einer schnaubenden Barkasse überholt, in der zwei Fahrgäste saßen, liebevoll miteinander beschäftigt, und vor ihnen ausstiegen. Fräulein Luv wußte nicht, sollte sie erfreut oder betreten fein; denn es waren ihr Vater und die adelige Dame. Schon wollte sie, unschlüssig hinter dem umfänglichen Rücken ihres in den Anblick seiner übermütig Voraustänzelnden vertieften Papas hersteigend, sich bemerklich machen, als jene munter rief (und das auf Deutsch): „Komm auch schön, Dickerchen!" Bestürzt und taktvoll hemmte sich Engels Schritt, sie blieb zurück, unbeachtet, unerkannt. Langsam nur getraute sie sich aus dem Schatten der Hafenmauer aus den Weg. Sie hatte ihren Bootsmann nicht mehr beachtet, er hatte auch kein Geld gekriegt. Und sie fühlte sich nun doppelt verlassen. Ihre Mama und ihr Papa hatten einen Flirt, sie hatte nichts. Auch im Hotel nicht. Selbst in Hamburg kaum. Die jungen Leute, die dem Alter nach in Betracht kommen mochten, hatten einen Sporiskalender km Kopf und ekn Motorrad zwischen den Knien und an Stelle des Herzens ein paar mäßige Filme. Das war entschieden z« mager. — Seeleute, das war das einzige. Das war noch rechte Mänw lichkeit von Jugend auf. Sie begab sich wieder zur Hasenbucht, sah hinab zum Steg. Leer und still lag die Gondel an einem blauweiß gt< streiften Pfahle. Es war schrecklich heiß. Man müßte nun etwas trinken, redete sie sich gut zu. Sie sagte abermals „Aqua minerale" vor sich her, um es beim Bestellen glatt über die Zunge zu bringen. Als sie ein Lokal betreten wollte, saßen da ihr Papa mit feiner Dame, und es war unzweifelhaft eine tüchtige Flasche Wein, was ihnen da die Hebe getobt hinwippte. Hier zu stören, nein, das lag Engel Luv völlig fern. Ihr Durst war sonderbarerweise auch gelöscht. Sie entzog sich dem. Es schien ihr fast um so etwas wie Familienehre zu gehen, und sie gelangte an ein Gartenbeet. Dort setzte sie sich auf eine tröstlich kühle marmorn« Bank, legte Mütze und Mantel neben sich und versuchte zu beten, was ie seit Kindertagen nicht mehr getan hatte. Ihr Anliegen war kurz dar, raß durch den „vino rossa1' (sie hatte diese Bemerkung von den befriedig, zwitschernden und überroten Lippen der Genferin deutlich gehört) ben Puls ihres verehrten Papas nicht allzu sehr erhitzt werden möge. Unter Palmen und Tulipanen zu ihren Füßen girrten unbeirrt zärtlich zwei untadelige weiße Tauben. Sie sah ihnen zu. Ihr Herz klopsl« unsinnig. Vielleicht war es das Gewitter, das in der Luft lag. Auf einmal kam ihr Bootsmann daher, pflanzte sich blauweiß roi« ein Anlegepfahl vor sie hin, und feine Hände und sein Gesicht mann tief braun wie Holsteiner Landbrot. Dahinter war die helle Schloßmauer. Er machte eine sanfte Bewegung und zog ein Buch aus seiner Bluse Das habe das Fräulein im Boot vergessen. Er sagte es deutsch und sagte Boot und nicht Gondola, und das roo« angenehm und männlich .Ja, soviel Deutsch könne er, und es klang hamburgisch breit, er sei nämlich Jahrende aus deutschen Schiffen gefahren Er sagte „Jahrende" (das ist die norddeutsche dritte Steigerung; form von Jahr) und das war wunderschön. Sie fühlte sich wie zu Haufe Er sei auch Fremdenführer deshalb, fuhr er fort und könne ihr alles zeigen. m Sie folgte ihm vertrauensvoll in den Palast. Er benannte Oemalbe Grasen und Ereignisse. In einem Zimmer stand ein riesiges Bett. Dm große Napoleon und andere Souveräne hätten hier... Sie unterbrach ihn. Sie sei Republikanerin von Geburt und Napoleon sei der Unterjocher Hamburgs gewesen anno dazumal, sie möchb: nichts davon wissen. Und sie fragte rasch: „Wie heißen Sie eigentlich?" Giovanni Baptista Botticelli." „Aus einer klassischen Sünftterfamilie und Seemann? Mein Gollt wie gelungen! Ich heiße nur Engel Luv. Aber aus erster hanseatisch» Familie." „Luv?" lächelte er. „Das ist Seite, wo Wind herkommt." Ut* als ob er wüßte, daß man Eigennamen nie mit den Begriffen ber JIßirfb lichkeit in Beziehung bringen soll, setzte er vor Höflichkeit schnüffeln!» hinzu: „Sehr gute Seite und sehr guter Wind!" „Es ist nur Mohn!" lächelte sie zurück. Er sah sie glühend an: „Ist Mohn? Nein, ist Mund!" lachte er, un$ damit hatte er unversehens eine Pranke um ihre zarte Schulter geschwungen und sie geküßt. Gott sei Dank war niemand sonst in diesem historischen Zmimen Dennoch war es abscheulich. Vor allem, weil dieser Mensch so schreck!« merkbar vorher Fisch gegessen hatte. Die Warnung ihres Vaters leglo sich erkältend über den Augenblick. O, sie hatte einen Ekel vor Fischen ihr fiel ein, sie hatte sie sich längst übergegessen. Somit sagte sie „Z gift!" und enteilte. Sie schluchzte einmal auf, wischte sich erschauernd über den Munir kam durch einen finsteren Hof, fand sich höchst albern, gelangte durch em Tor auf eine Terrasse. Auf der Mauer zum See, da saß ihr Papa i uw eng daneben Madame de L'Angeaux, und es sah aus, als habe Madamc ihn soeben geküßt. Engel Luv trat ungehemmt hinzu. Sie hatte ein Abenteuer gehn»» und abgebrochen, und hier schien es Zeit, das gleiche zu tun. Ihr Vater war ungemein überrascht, seine Tochter so plötzlich l*r- erblicken. Er stotterte, es habe mit dem Gewitter doch wohl nichts avr sich. Madame aber war sogar ungehalten und sprach von Spionnqa. warf die prallen Beine über die Brüstung auf den Weg und w tu sich an den Bootsmann, der Engel Luv nachgeeilt war; denn er hallu noch immer ihren Reiseführer in der Hand. Madame heuerte ihn foforr für sich, sie wolle zur Jsola Madre, wo, wie sie schnippisch zu Papa Lut: zurückäußerte, mehr Natur sei, und Papa Luv könne mittommen, roe® er sich getraue. Aber Engels verehrter Papa winkte ab, bezahlte den Bootsmann ur . tat, als sei alles im Lot. „Wir nehmen den Dampfer, der nach ßocarm. geht; denn ich fürchte, aus dem Gewitter könnte doch noch etwas wen den!" sagte er, und seine Stimme war schon wieder ganz leichten, ä»- Grunde aber suchte er sichtlich nach einem Ausweg seines ärgerliche Gewissens, er krauste die Nase, und er sah seine Tochter auf einm® fürchterlich strenge an: „Du hast Fisch gegessen! Die so leicht t>erberberu „Nein!" entgegnete sie kühn. „So leicht oerbirbt mich nichts. sehr gern hätte ich Wein getrunken, mein Puls hätte es auch gebrauch können." ■„„.a- „So?" sagte ba ber erhitzte alte Herr. Unb man sah, wie er innen, erschrak. Er erkannte, unb bas ist eine zwiespältige Sache für ei Vater, daß seine Tochter kein Kind mehr sei. Seine Stimme rou • ziemlich hilflos: „Laß, laß das lieber! Kauf dir lieber ein Andenken, . für dich und eins für Mama!" ___, , h,.n „Und eins für dich!" lächelte sie, als setzte sie das Lächeln„aus, 1 Zimmer Napoleons fort, obwohl sie fühlte, daß es böse sei. Und I kaufte fie für sich eine fingerlange Gondola aus mäßiger Goldbronze, : ihre Mutter eine der zweckvollen Muscheln, für ihren Vater adere w der kleinen Pantoffeln, daraus der Name der Insel in Brandmai , eingegraben steht.