Jahrgang 1935 Hreitag, -en November Nummer 85 flußaufwärts. Sie fchurrt mit findet sie — das Herz leichter 0ie8{11 Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hottanöer kopgrlght 6g August Scherl S.m.d.y., Berlin < 12. Fortsetzung. 'wir 'beten s Ab. °u in wurde ch int röutj. ‘it des gefügt istreis uerien ie Cr- n und ifRing 'n der n, mit schein gelben e man l wird > jeden jmücfte rnderer ■cib, ist nd der 'echens, ie denn (le ein. n einen müsse, in solle, et bald tge aus chmülkt, ifonbere n Gold- t finben da der hundert 6felett; )ie Ber- t einem len oder feit und t stachen ♦ waren ber stets reu«. In ter Ber- aalte dec er steckte e er den n Mann t und zu >b er es heirats- inb, nach iing über anzeigen njoHtß- nobel sich >ung »en iber. nach m sollen tu backen, chen fein al um?«« oße p1’ nd >ch>- ien 2«bc r Dchen- [ spreche«- rtnen- , -ule «>ch' ber W ch ander« hie 5«r” ongere -x« t der H Sin«' L rechten und zu kämpfen? Nun dann liegt es --------,— , schon so alt war. Daß sie schon ein ganz selbständiger Mensch war. Sie hat es doch ihrem Alfred immer wieder warnend gesagt. Sollt also die Ehe nichts mehr für selbständige Frauen sein? Sollen die allein bleiben? Barbara schüttelt den Kopf. Nein, sie sollen nicht allein bleiben. Nein, sie wird mit Alfred noch ganz zusammenkommen. Sie liebt ihn jetzt ganz selbstverständlich. Sie hat ihn durch die körperliche Liebe wirklich erst ganz kennengelernt. Da ist er ganz klar, ganz selbstverständlich und ganz herzlich. Da erlaubte er seinem Herzen mitzuschwingeü, wahrend doch sonst, nicht wahr, ein Mann kein Herz haben darf. „Wohin käme der Mann, der ein Herz zeigte", hat er neulich nachts gesagt, „ins Gefängnis ober ins Irrenhaus oder ... na ja ... ans Kreuz GietzenerZaimlienblälter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger atmend im Grafe. „Wo bleiben denn eigentlich alle Männer?" murrt er. „Müssen am Abend so lange reden, bis sie am Morgen nicht auf» stehn können. Als ob jeden Tag Sonne wäre. Nicht wahr?" „Wo bleiben denn die Männer?" lacht Barbara, als sie die Hütte wieder betritt. „Es ist Sonne, Heuernte und Floßbau angesetzt." Meimberg sitzt und rasiert sich. Er nickt Barbara zu. „Siehst schön aus", sagt er, „man muß wirklich zufrieden fein mit dir." Draußen trommelt Hauptmann Gericke an das Gong. „Aufstehn, die Floßbauerl" schreit er. „Antreten!" Und oben im Fenster erscheint Körners Kopf. Die Backen hat er wie Meimberg eingeleist. Er schwingt ein Rasiermesser in der Hand. „Antreten, die Floßbauerl singt er, „alles an* treten, Mößbauer und Floßbäuerin ..." „Ich muß vielleicht doch nach Stuttgart heute", sagt Meimberg, „ich habe schon ein Gespräch mit Berlin angemeldet. Die Sache scheint brenzlich zu fein. Hier — lies das Telegramm!" „Nimm mich doch mit", bittet Barbara, „ich möchte so gern mit." Meimberg schüttelt den Kopf. „Ich bin am Spätnachmittag wieder da. Oder am Frühabend. Bleib nur hier! Du würdest dich auch wieder über Fehr ärgern. Kannst ja an meiner Stelle das Floß rnitbaun." „Ich möchte doch mit", wiederholt Barbara. Aber Meimberg findet es Unfinn. Er muß beim Anwalt sitzen, bei der Arztfrau. Es ist sicher bullig heiß in der Stadt und außerdem doch nicht so schlimm, wenn man sich mal für einen Tag trennt. Barbara gibt ihm recht. Es ist nicht so schlimm. Sie kann ihm auch jetzt nicht erzählen, daß sie nicht allein Zurückbleiben will, weil sie einen Rauthammer ähnlichen Mann gesehen hat. Das sieht wie ein Druck aus. Wenn es allerdings doch Rauthammer war ... bann ist bie Sache rettungslos schief. Sollte sie also boch lieber sprechen? Unfinn. Es ist boch nicht Rauthammer gewesen. Unfinn. Währenb sie noch überlegt, kommt bas Gespräch aus Berlin. Weppen ist am Apparat. „Hallo, alter Junge! Weiberknecht, Honigmonbler, Hoch- zeitsreisenber!! Müssen bald zurückkommen. Ist nichts hier mit bem Trio zu zweien. Kleesanb ist schon ganz mufflig." „Hallo", ruft Meimberg zurück, „alte Asphaltknechte! Verbrennen euch bie Gummisohlen in ber Hitze? Schwimmt ihr Sonntags als Fettaugen auf ber Wannseebouillon? Mir geht's großartig. Gehe spazieren, esse Kuchen, tanze unb baue ein Floß. Wie? Ja ... ein Floß ..." Jetzt kommt Kleesanb: „... Wohl ins Gehirn geblasen? Macht mit eurem überflüssigen Geschrei bie Reichspost reich. Sinb 700 Kilometer Draht zwischen euch! Also können Sie bie Sache machen? Ja? Natürlich? Weppen meinte, wegen ber Hochzeitsreise könnten mir Sie nicht belästigen. Ist boch Unsinn. Selb ja schon ein uraltes Ehepaar. Zankt euch doch sicher schon. Also. Denn man los. Aber ein bißchen vorsichtig natürlich. Kennen Sie nicht irgenbeinen Arzt ... Sie haben boch ba Ihren Freunb Fehr ... Kann vielleicht vermitteln. Also fahren Sie los! Baut euer Floß morgen fertig. Geht in Drbnung! Schluß ..." Bald nach bem Frühstück rollt ber schöne graue Hochzeitswagen aus ber Garage. Alfreb sitzt brin, stäbtisch getleibet. Jetzt erst sieht man, wie unstäbtisch verbrannt unb gesunb er geworben ist. Seine Augen glänzen unb funkeln wie Filmaugen. Barbara fährt auf bem Trittbrett mit bis gur Chaussee. Springt kußlos, grußlos ab. Steht unb winkt. An ber Ecke hält ber Wagen. Alfreb steigt aus. Winkt mit bem Hut. Weg ist er. Barbara mürbe gern ein bißchen meinen. Himmel, man gemöhnt sich aber schnell daran, immer jemanden zu haben, mit dem man sprechen kann. Den man streicheln kann. Dem man etroas Nettes sagen kann. Das ist ja greulich, so eine Ehe ... wenn man allein ist. Unten am Haus hat bie Görnemitz schon auf sie gewartet. Lächelt ihr zu Zerrt ein Gespräch über bie Ehe an ben Haaren herbei. Erzählt von ihrer Ehe mit bem Maschinenfabrikanten Görnemitz, ber ein schöner unb reicher Mann mar. Nur leiber haltlos. Konnte ohne viel Alkohol unb Diel Frauen nicht leben. Wurde schließlich Morphinist. Die Fabrik ver- kam Dann kam ber Krieg. Alles schien besser zu roerben. Die Fabrik kriegte riesige Aufträge. Görnemitz muhte als Hauptmann ins Felb. Hielt sich sehr gut. Aber brei Monate später fiel er. Kurz bevor man ihn reklamieren konnte. „Tragisch, wie?" Barbara nickt, obwohl sie bas gar nicht tragisch fmbet, fonbern höchstens traurig. Unb als Schicksal, trotz bes versöhnlichen Ausgangs, eher ein bißchen abstoßenb. Sie muß noch hören, wie Frau Görnemitz bie Fabrik währenb ber Inflation verkaufte unb alles verlor bis auf biefes Denfionshaus. Unb daß sie froh ist. nach soviel schweren Erinnerungen noch ein Stück von einem helleren Leben, wenigstens auf ber 3u|diauer» bank, zu erwischen. Unb wie bas Zuschauen weise macht unb friedfertig. Da ist sie also enbli4'. wo sie hin wollte. Sie bietet Barbara ihre Hilfe an. Barbara soll nur Vertrauen zu ihr haben, wenn sie in eine schwierige Lage kommt. Sie, die Görnemitz, hat für alles, aber auch alles Verständnis und meist meist einen Ausweg. Sie steht immer auf ber Seite ber Frauen bie als ber passive Teil ber Menschheit allzuviel zu le,ben haben. ° Barbara bebantt sich. Im Augenblick geht es ihr großartig. Sie kann Barbara geht im Babeanzug ein Stück ben Füßen burchs Taugras. Das macht — , , ... unb den Kopf klarer. Die Wiese ist schon ganz abgeheut. Aber weiter oben müssen noch Heumiesen liegen. Denn der Heugeruch ist saft so stark wie am Tage zuvor. Rechts am dunkelblauen Himmel entdeckt sie jetzt ben kalkweißen Mond. Schon halbiert. Eben war doch erst Vollmond. Immer wieder vergißt sie, wie schnell bas geht, immer wieder bekommt sie einen Schreck, wie schnell ber Sommer vergeht, das Leben. Sie ist jegt, warte mal, elf Tage, zwölf Tage verheiratet. Unterdes ist eine ganze Welt aufgegangen unb eine untergegangen. Er war, im ganzen betrachtet, unerwartet schon. Aber es war auch unerwartet schwer unb ganz anbers, als alle Menschen barüber sprechen unb schreiben. Wahrscheinlich liegt bas, so bentt sie, auch an ihrem ganz befonberen Fall. Daß sie biesen Rauthammer getroffen hat. So etwas passiert ja wohl selten, aber haben anbere Frauen nicht mit vergangener Liebe zu 1 “ vielleicht boch baran, baß sie CtOT,Dber", hat Barbara geantwortet, „ober er könnte bie Welt umgestalten." Alfred bat gelacht. Die Welt umgestalten ... bas will er gerabe nicht. Er finbet sie ganz gut, so wie sie ist, unb vollkommen soll sie ums ! Himmels willen nicht werben. ! „Ums Himmels willen ja!" hat Barbara geantwortet, unb bann ist das Gespräch nicht weitergegangen. Muß auch noch weitergefuhrt werden, wie so vieles, wie soviel Wichtiges. Da ist sie also am Wehr. Sie balanciert über ein paar Steine bis in die Mitte bes Flusses. Sie muß an bas erste Fruhbab bentem damals vor bem Walbhaus. Sie setzt sich schnell unter den kstmen Wr alL Das Wasser springt kräftig auf den Nacken, auf bie <5rf)ultern_ 6-e laßt sich ganz in ben Fluß hineingleiten. Schwimmt ein paar Stoße Denkt. Man könnte sich ein bißchen unter ben Wasserfall stellen Vorsichtig halt sie Umschau, ob jemanb in ber Nähe ist. Aber es .st für Sommerfr, 4(er zu früh, unb bie Mäher sinb weit. Alfa ... !Rein ... halt ... ba |tebt zweihunbert Meter entfernt, brüben am ©albranb auf beih «nb«ren Flußseite ein Mann. Na gut, bann ist es eben nichts mtt bem »ab Schabe! Sie sieht hinüber. Ist übrigens komisch: Der Mann hat genau io einen Panamahut wie ... ja, wie Rau Hammer. Er hat nen Jo beli'i o'nzug wie er. Das besagt allerbings nichts. H'-r tragen alle Manner h (ie Anzüge. Aber jetzt hebt er bie Hand zum 6^. Grüßt. Wen grüßt er? Er steht, ben Hut etwas über bem Kops gehoben. Wie damals Rauthammer in Berlin. Er ... . ., mns„. Barbara steigt langsam aus bem Wasser. Sie nimmt ihren Babemantel. Sie geht ziemlich schnell fort. Rautbammer? Sie steht sich noch einmal um. Der Mann ist verfchwunben Sie schüttelt ben Kops. Das 'ammt bauon, wenn man eine Auseinanbersetzung "^ ^u Enbe fuhrst Warum hat sie nicht mit Allreb ben Fall fertig berebeL Jetzt W er fischen ihnen. Jetzt beschäftigt er sie betbe über Gebühr, unb sie wird «och unter jebem 'Panamahut Rauthammer suchen. Sie lacht Hellaus, unter jebem Panamabut Rauthammer suchen. , Sie setzt sich in Trab. Sie läuft, ben Bademantel w e e m Fahne s»wmgenb, über bie Wiese. Jemanb ruft: „Frau M«mü>erg! Frau , Meimbergi" Eine mertwürbig Helle Stimme. Es ist ber etfj hfl ' , d°r kleine Körner Er versucht auf ber Wiese ben SjanbftanbSu fo l mal Herkommen und ihm bie Füße f-sthalten, wenn er hmGchwingst So ... Achtung .. so ... sehr gut. Noch mal? Im noch mal. Shr-gut. Nun noch mal allein. Na ... es geht ja schon. Der Junge sitzt schw Aber bis jetzt würden empfinden." Sie sehen schweigend die Eric hinübergestiegen her läutet es zwölf Uhr. sich auch nicht denken, daß sich das so bald ändern wird. „Ja, ein prachtvoller Mensch, der Herr Meimberg", sagt die Sörnewitz kurz und geht etwas ver chnupst ins Haus, irr dessen Tür gerade das blondere Kichermädchen erschienen ist, Arm in Arm mit dem Globetrotter, der die Frauen verehrt. „ ,, Barbara schließt sich den Mannern an, die das Floß bauen. Sie steht in kurzen weihen Hosen und in Tennisdluse den Halden 23ormiiiog neben Körner und Gericke im Wasser. Es ist angenehm. Denn der Fluß atmet etwas Kühlung. Das Tal schwingt und brennt vor Hitze. Frau Korner erscheint in ihrem rückenfreien Badeanzug und verteilt schöne schwarze Kirschen an die Mannschaft. Sie selbst ißt immer zwei auf einmal und versucht, bis in die Mitte des Flusses zu spucken. Sechsmal geht sie ins Wasser, taucht mit Geschrei unter und läßt sich wieder von der Sonne „auftiämpseNn (ommt grQU Gericke. Sie hat eine schlechte Nacht gehabt, hat Schatten unter den Augen. Sie sitzt übertrieben gerade im Gras und lächelt, wenn ihr Mann sie ansieht. Sie holt sich schließlich Barbara heran. Möchte sie dringend, muß sie sofort sprechen. Die beiden Frauen gehn in die Hütte. Die Tür bleibt offen, damit wenigstens ein leiser Zugwind die Hitze mildert. Was ist also los? Ein Unglück? Ja, beinahe ein Unglück! Mag ste etwa ähren Mann nicht? O ja, strahlt die kleine Frau, sie liebt ihn innig! Ob Gericke sie nicht liebt? O doch ... er betet sie beinahe an. Na ... was ist Sie sagt das ganz erbittert. Sie geht, während sie weiterredet, mit kräftigen kleinen Schritten, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab. „Es ist nicht leicht. Ich weiß es. Man zögert und zögert. Und wenn man zu früh spricht, ist es ebenso falsch, als wenn man zu spät anfängt. Meine Mutter und Ihre Mutter, das war die letzte Generation der Dulderinnen und Schweizerinnen. Was sie kriegten, nahmen sie hin. Gutes und Schlechtes. Dann kamen die Schwätzerinnen. Das sind die, die jetzt zwischen fünfzig und sechzig sind (aber nicht alle in dieser Generation waren natürlich Schwätzerinnen). Die waren nicht mehr schicksalsgläubig. Sie nahmen nichts mehr einfach so hin. Wenigstens nicht, ohne darüber zu reden. Sie wollten aktiv sein. Aber sie redeten und redeten. Sie haben aus allem ein Problem gemacht. Aus der Liebe und aus dem Haß. Aus dem Kinderkriegen und der Kinderlosigkeit. Aus der Ehe und aus der Ehelosigkeit. Und vor allem aus dem Mann. Der ist zu einer wahren Sphinx geworden. Und nun sind wir da. Wir wissen, daß es nichts nützt, wenn etwas schwer ist, zu sagen: Es ist schwer. Wir glauben nicht mehr an den Zufall und nehmen ihn nicht hin. Wir meinen, daß man vieles ändern kann, vieles richtig und gut machen, was bisher falsch war. Wir denken, daß aus den meisten Frauen auch richtige Frauen werden könnten. Aber wir erziehen uns nicht genug. Wir arbeiten nicht genug. ®ir müssen doch ganz anders werden ... ganz anders ... selbständiger, mehr in uns ruhend ... Meinen Sie nicht auch?" Frau Gericke ist nun auch aufgestanden. Sie hat Barbara umarmt. Sie sagt: „Ich finde Sie wundervoll. Ich könnte Ihnen tagelang zuhören. Ich habe manchmal gedacht, man könnte so denken, wie Sie denken. Aber ich habe tatsächlich nie den Mut dazu gefjabt. Und vielleicht werde ich auch nie den Mut haben. Nur habe ich jetzt einen Wunsch: Ich möchte gern, daß mein Kind ein Mädchen wird. Bielen Dank..." Es ist Mittag geworden. Di« Männer sind, durch zuviel Sonne erschöpft, streitlustig gewesen. Sie haben gegessen, obwohl sie infolge der Hitze gar nicht hungrig waren. Das bekommt ihnen schlecht, aber sie glauben nun mal, daß man essen muß, wenn es Mittag geworden ist. Jetzt hört man den Schauspieler Körner sich mit seiner Frau streiten. Sie schimpfen beide ziemlich laut. Dann lachen sie ebenso laut. Es ist doch Unsinn, sich zu streiten. Ferien sind zum Lachen da. Also lachen sie lieber. Barbara liegt auf ihrem Bett. Es ist ziemlich dumpf in der Hütte. Schritte kommen. Es klopft. Sie sieht vorsichtig hinaus. Sie schreit überrascht auf. Sophie Wahnke steht vor der Tür. Barbara zieht die Freundin herein. Sie versucht erstaunt zu fein. Aber leider weiß sie in dieser Sekunde schon alles. Schrecklich! „Was machst du denn hier?" fragt sie noch freundlich. „Das ist ja eine ulkige Sache. Seit wann bist du hier? Wo wohnst du? Da oben? So ... Ach ... Alfred hat schon neulich gesagt: Da oben müßten wir wohnen, nicht hier unten. Hier sind zuviel Menschen. Alfred ist heute in Stuttgart. Er hak zu tun. Sie lassen ihn nicht einmal auf der Hochzeitsreise in Ruh. Ich weiß aber nicht, um was es sich dabei handelt." „Siehst sehr gut aus", sagt Sophie, „du warst noch niemals so schön. Deine Augen haben endlich wieder das Flaschengrün, das ich früher so an dir liebte ..." Sie lachen über den Ausdruck „Flaschengrün . Barbara findet, das sei keine schöne Farbe. Dann schweigen sie ein paar Sekunden. Barbara wartet, daß Sophie spricht. Sophie hat strengen Befehl, nur zu sprechen, wenn Barbara fragt. Aber Barbara fragt nicht. Sie fragt nicht nach Ber- lin, sie fragt nicht nach dem Bater. Sie vermeidet jedes persönliche Wort. Sie erzählt von den Gästen, von der Frau Görnewitz, von Frau Gericke; sie erzählt sogar die Geschichten von der baltischen Baronesse, die wegen ihres Hofmarschalls vom Felsen heruntergesprungen ist, und von dem reichen Holländer, der seiner Frau den Revolver an die Schläse hielt. Und Sophie berichtet von einer Affäre, die sie gerade in der Zeitung gelesen hat: Ein Mann hat zwanzig Jahre nach begonnener Ehe den ersten Liebhaber seiner Frau niedergeschossen. Warum? Nur weil er der erste Liebhaber war. „So sind diese Männer", schließt Sophie, und dabei schiebt sie ein klein wenig das Kinn vor, wie es Rauthammer tut. Ja, wenn cs noch einen Zweifel gäbe, jetzt in dieser Bewegung wird es klar: Sophie Hebt Rauthammer. Das könnte vielleicht die Sache leichter machen, nicht wahr, wenn Rauthammer die Sophie nur wiederliebte. Aber es ist ja Unsinn. Sie wären dann doch nicht zusammen hierhergefahren. Barbara geht mit Sophie langsam den Wiesenweg zur Chaussee hinauf. Sie sagt plötzlich hart: „... Und jetzt Schluß mit dem Versteck- spiel! Was soll das Ganze?" Sophie geht noch ein paar Schritte weiter. „Du hast mir zu antworten!" ruft Barbara heftig. Sie war vierzehn Tage lang nichL.mehr böse. „Antworte...!" ruft sie. „Wie kommst du hierher?" Sophie Wahnke sieht vorsichtig auf. Sie sieht die böse funkelnden flaschengrünen Augen. Sie muß Rauthammer doch recht geben: Barbara ist ein Mensch mit einer Riesenskala der Gefühle. „Ich liebe dich", sagt Sophie leise. Barbara schüttelt ärgerlich den Kopf. Eine wunderbare Liebe! Kommt hier angefahren und bringt Verwirrung in Barbaras Leben! „Und ich liebe ihn", setzt Sophie hinzu, „wirklich: Er hat recht. Er hat bestimmt recht. Es gibt nicht zweimal Menschen wie ihr beide. Und darum kann man das nicht so lassen. Nicht wahr? Man muß ..." „So ...", unterbricht Barbara, „man muß ... Was muß man? Ich will nichts mit der ganzen Sache zu tun haben. Unb was der andere will, ist mir einerlei ... das sage ich dir ..." „Das ist nicht wahr", flüstert Sophie, „da lügst du." Barbara zuckt die Schultern. Es ist vielleicht wirklich nicht ganz wahr. Aber dann gehört die ganze Geschichte zu den Dingen, die auf einer anderen Ebene fertiggemacht werden müssen und nicht auf der Ebene der Wirklichkeit. Wenn es eine Liebe war, so ist es jetzt bestimmt keine Liede mehr, die sich erfüllen kann. Sophie soll das doch verstehn. Sophie versteht. Sie ist jetzt an so schwere Gedankengänge gewöhnt. Rauthammer hat es noch anders ausgedrückt. Ehe er nicht diese Liebe aus der Ewigkeit zurückgeholt hat, kann er nicht in die Ewigkeit hinein- gehn. Oder bedeutet das gerade das Umgekehrte? Barbara geht wieder ein paar Schritte. Sie sagt: „Wenn Rauthammer mich wirklich liebt" (und jetzt fällt zum erstenmal der Name), „und ich will es nicht bezweifeln, dann muß er abfahren. Wenn er aber nicht abfährt, liebt er mich nicht. Das mit der Ewigkeit in Ebren. Aber er soll erst mal hier abfahren. Er soll weg. Verstanden? Weg, weg." „Und du willst ihn also bestimmt nicht sehn?" fragt Sophie. „Ganz bestimmt nicht?" „Nein, ganz bestimmt nicht." Barbara gehört nicht zu den Frauen, das sollte Sophie doch wissen, die alles zusammen haben wollen: Ehe und Freundschaften mit vielen Männern, Kinder und keine Kinder ... Nein ... nein, auf keinen Fall will sie ihn sehn. „Und du weißt auch, daß er sehr krank ist", fragt Sophie, „sehr schwer krank? Daß er jede Nacht mit feinem Herzen kämpfen muß, daß dein Vater ihn gewarnt hat? Daß er aber auf alle Warnungen nicht hört? Daß er jeden Augenblick sterben kann ...?" „Nein", antwortete Barbara, „das wußte ich nicht. Aber glaubst du denn, daß das etwas ändert? Was denkst du denn eigentlich?" Sophie geht plötzlich fort, ohne etwas zu erwidern. Sie ist zu böse. An der Wegbiegung dreht sie sich noch einmal um. „Was ich denke? jagt sie; „ich denke, daß man nicht kaltherzig und hochmütig sein soll. Daß man Pflichten hat, wenn man jemals geliebt hat ... auch wenn man nicht mehr liebt. Das denke ich ... und das gehört sich für eine wirkliche Frau." Damit kehrt sie endgültig um, läuft über den Fahrweg und verschwindet im Gebüsch des Abhangs. 16. Als Sophie kurz darauf das Zimmer Rauthammers im Hous am Hang betritt, ist der alte Sanitätsrat Stoll gerade am Gehn. „Ah ... da kommt ja die Gattin", sagt er in schönstem Schwäbisch, „na .. - f5 komtat ja nun alles in schönste Ordnung. Ein bißchen Ruhe . • cn* bißchen Pflege ... liebevolle Pflege, versteht sich ... die gute Lust hier ..." . ,. „Ich bin nicht die Gattin", antwortet Sophie überflüssig grob, „«? pflege Herrn Rauthammer." ., Der Sanitätsrat nimmt das zur Kenntnis. Er bittet Sophie, w« hinauszubegleiten. An der Gartenpforte sagt er: „Dann kann ui) ” Ihnen ja sagen: Es steht schlecht. Als ich vorhin kam, arbeitete das Herz überhaupt fast nicht mehr. Später setzte es wieder ein. Er oe» hauptete, das käme vom Atem. Hätte es in China gelernt. Na . ■. halte nichts von diesem östlichen Hokuspokus. Verstehe auch nuyis davon." . „Und was halten Sie von der ganzen Krankheit?" fragt Sophte. (Fortsetzung folgt.) denn bann los? , Das ist nicht einfach zu sagen. Sie braucht seine Liebe nach einem sehr liebeleeren Leben notwendig ... aber ... aber ... ja, sie hat Angst, ganz einfach Angst vor seiner Liebe. Sie ist seiner Liebe nicht gewachsen. Sie ist zu zart. Wenn sie zusammen sind, schwingt alles in ihr. Tagelang. Aber er kann doch nicht warten, bis das Schwingen aufgehört hat, und jetzt ... seit zwei, drei Tagen, ist es noch schlimmer. Frau Gericke weiß genau, woran es liegt. Sie wird ein Kind bekommen. Schön, nicht wahr? Aber nun ist sie noch empfindsamer geworden und würde am liebsten immer allein fein. Oder nein ... im Zimmer darf der Mann fchou fein. Er darf sie auch streicheln. Er darf sie sehr vorsichtig küssen. Aber dann soll er wieder gehn. So ist das, und das ist doch ganz unmöglich. Das kann man doch von einem Mann nicht verlangen... Barbara hat ihre Hand gehalten. Sie nimmt sie jetzt vorsichtig in die Arme. Sie sagt: „Ich weiß das alles auch nicht so genau. Wir Frauen lernen ja überhaupt nichts von dem, was wir wissen müßten. Weder über uns selbst noch über die Männer. Deshalb wissen wir auch nie, wo wir richtig fühlen und wo ganz falsch. Wahrscheinlich ist bas, was Sie fühlen, vollkommen richtig. Unb ben Männern wäre sehr wohl, wenn sie sich banach richten müßten, sie es wohl als eine untragbare Zumutung zusammen hinaus. Gerabe ist bie Sonne über unb blenbet in ben Fluß hinein. Von ber Stabt Man hört ein paar Mäher oben im Bergwalb nacheinanber rufen. Ein Heuwagen kommt ratternb die Walbschneise herunter. Sonst ist es ganz still. „Wir werben darüber nachbenken", sagt Barbara, „unb wir werben auch mit unfern Männern sprechen. Wie? Nein? Sie können bas nicht? Ich glaube, wir müssen es lernen." Den Toten an -en Grenzen. Von M. C. Steinhäuser. Jede Tat sei ein Denken an euch, ihr großen Mahner in den Gräbern der Grenzen, die wie der Reif einer Krone das Land umschließen, daß es in Frieden wohne. • Eures Opfers gedenk, find wir die endlichen Ahner eurer Sendung. Noch seid ihr die warnenden Wächter um der blühenden Heimat uneroberte Fluren, noch steht euer gewaltiger Schild vor den furchtbaren Spuren des Krieges. Keine Treue zu euch ist echter als der stumme Schwur zu eurem heldischen Schweigen. Nichts gilt vor euch als ein zähes Wachsen zur Höhe. Still reicht der Bruder dem Bruder die Hand zum helsenden Steigen, pflügt der Vater das Feld dem kommenden Sohne. Wie der Frieden der Wälder in göttlicher Nähe, wächst euer Kreuz aus dem Wipfel der Krone. Episode über Tag. Von (Ernft Kreuder. Ich lag drei Tage und drei Nächte in dem leeren Schlafhaus, bis der Arzt kam. Mein Bein war steif geworden und angeschwollen. Es war vereitert; wenn man mit dem Daumen in das Fleisch drückte, blieb eine Delle. Ich hatte Schmerzen. Nachts ließ ich das Licht brennen. Die Glühbirne glühte trüb und rötlich dn der kahlen, schmutzigen Decke. Der Verwalter war verreist. Niemand ließ sich sehen. Ich werde hier liegen, bis ich versault bin, dachte ich. Die Nachtstunden waren lang. Ich hatte mit einigen Studenten in der Eisengrube gearbeitet und war am letzten Tag im Abbau gestürzt. Das Semester hatte begonnen, die Studenten waren abgereist. Das Schlafhaus war leer. Es lag auf einer Höhe im Wald. Bis zur Bahnstation war es eine Stunde. Die Zeche lag auf der nächsten Höhe. Ich hatte auf Sohle dreihundert gearbeitet. Beim Losbrechen von hangenden Blöcken war mir der Spieß ausgeglitten, und ich war hintenüber gestürzt, hinunter und mit dem Bein auf einen kantigen Erzbrocken. Ich hatte das Bein mit einem roten Taschentuch verbunden. Es war unterhalb des Knies. Als der Steiger kam, saß ich am Boden und sagte, daß ich Schmerzen hätte. „Ach was", sagte er, „im Krieg sind die Leute mit einem Bein gelaufen." Ich sollte an die Arbeit gehen. Ich schlug noch ein paar Blöcke klein, dann war Schicht; es wurde geschossen, und ich ging mit den Kameraden vor zum Schacht. Die Gänge waren voller Rauch vom Schießen, und es roch beißend und salzig. Die Karbidflamme leuchtete keinen Meter weit in dem dichten Nebel. Das Bein tat noch etwas weh. Wir stellten uns in den nassen, triefenden Förderkorb und fuhren hoch. Ober schien die Sonne, und es war herrliches Wetter. Die Kumpels gingen in ihre Dörfer. Am nächsten Morgen konnte ich das Bein nicht mehr bewegen. Ich stützte mich auf meinen Bergstock und humpelte die Treppen hinunter. Ich saß im Stiegenhaus und hatte Schmerzen. Die Frau des Verwalters ging draußen vorbei. Ich rief sie an. „Telephonieren Sie zum Arzt, er soll kommen, mein Bein ist vereitert", sagte ich. „Schon recht", sagte sie. Dann zog ich mich wieder die Treppen hoch und legte mich auf die Strohmatratze. Das Bein pochte. Es wurde Abend. Es kam niemand. Ich wußte nicht, ob ich Fieber hatte. Manchmal schlief ich etwas ein. Ich hatte keinen Hunger. Dann mußte ich mal runter. Das war eine elende Sache. Ich biß die Zähne zusammen und hinkte am Stock die Stiegen hinunter. Es ging sehr langsam. Das Bein war schwer und baumelte. Unten muhte ich mich mit den Händen an der Wand halten. An einem Kran füllte ich die Feldflasche mit Wasser. Als ich wieder oben war, schienen Stunden vergangen. Ich lag die ganze Nacht wach und ließ das Licht brennen. Ich war ganz allein, hatte nichts zu lesen. Ich hatte nur Zigaretten. Ich steckte eine nach der anderen an. In dem kahlen Raum standen sechs Feldbetten, je zwei übereinander. Und sechs eiserne Spinde, graublau lackiert. Sechs Schemel Und ein Tisch. Es war Ende Avril und regnete. Ich rauchte die ganze Nacht. Als es hell wurde, schlief ich ein. Ich erwachte und es war Mittag Ich hatte keinen Hunger. Die Feldflasche war leer, ich hatte Durst, und ich mußte mal runter. Es kam niemand. Das Licht brannte noch von der Nacht. Ich versuchte aufzustehen. Es ging nicht. Das Bein schmerzte zu sehr. Aber es mußte gehen, es wurde mir schwarz vor den Augen, und dann sah ich lauter Sterne, und dann schleppte ich mich hinaus. Das Bein schwoll noch mehr an, es sah gelb und grün und violett aus. Ich lag den ganzen Tag und die Nacht tarn, und es kam niemand. Das Licht brannte die ganze Nacht. Ich hatte keine Zigaretten mehr. Gegen Morgen schlief ich wieder ein. Ich träumte, der Arzt käme und stünde an meinem Bett und besähe sich das Bein. Als ich aufwachte, stand der Arzt an meinem Bett. Er war klein und trug einen grauen Sportanzug. Ich deckte mein Bein auf, und er drückte daran herum. Er fühlte den Puls. Dann setzte er sich hin und füllte einen gelben Schein aus. „Was ist denn?" fragte ich. „Sind Sie in der Knappschaftskasse?" fragte er. Ich nickte. „Das Zellgewebe und die Knochenhaut", sagte er. „Blutvergiftung. Ich schicke nachher Leute, Sie kommen nach S. ins Krankenhaus." „Vesten Dank" sagte ich. „Wie lange haben Sie das schon?" fragte er. „Ich liege hier schon zwei Tage", sagte ich. „Man hat mich gestern abend erst angerufen", sagte er, „Sie müssen gleich operiert werden." Gegen Mittag kamen drei Bergleute mit Nagelschuhen herein. Sie lasen den gelben Schein, bann hoben sie mich auf und trugen mich hinunter. Unten stand eine fahrbare Tragbahre. Sie legten mich hinein und zogen den Vorhang zu. Ich zog den Vorhang wieder zurück. Sie fuhren mich durch den Wald den holprigen Weg zur Station hinunter. Es war schönes Wetter, die Wälder leuchteten in der Sonne, der Himmel war klar und blau. Wenn wir durch ein Dorf tarnen, tarnen die Frauen gelaufen und fragten, ob was in der Zeche passiert sei. Die Bergleute blieben stehen, unterhielten sich etwas, und bann fuhren sie mich weiter. Vor bem Bahnhof liehen sie mich stehen und gingen in ben Wartesaal, um einen zu trinken. Der Zug kam. Sie rebeten mit bem Schaffner, bann hoben sie mich in ein leeres Abteil und sagten „Glück auf!". „Glück auf!" sagte ich unb ber Zug fuhr los. Ich lag auf ber Bank unb ber Zug fuhr eine Stunbe. Dann hielt ber Zug, zwei Schaffner tarnen unb hoben mich hinaus. Der Stationsvorsteher brachte einen Stuhl unb stellte ihn auf ben Bahnsteig. Die beiden Schaffner setzten mich auf den Stuhl, fliegen in ihren Zug und der Zug fuhr weiter. Der Stationsvorsteher schickte einen Mann mit meinem Schein zum Krankenhaus. Nach einer halben Stunde kam ein Wärter vom Krankenhaus. Er war etwa zwei Meter groß. Er hielt den gelben Schein in der Hand und sagte, ich müsse nach F. ins Krankenhaus. Ich gehörte nicht in ihren Bezirk. Ich sagte, der Arzt hätte mich hierhergeschickt und ich müßte gleich operiert werden, ich könnte jetzt nicht noch lang umherfahren und umsteigen, und er solle mich jetzt in das Krankenhaus bringen. Er bückte sich etwas, und ich legte meinen Arm um feinen dünnen Hals unb hängte mich an ihn und hinkte neben ihm her. Das Krankenhaus sah aus wie ein Forsthaus und war sehr klein. Aber es wurde aus allen Gegenden besucht, weil es einen guten Chirurgen hatte. Er schnitt alles, sagte man. Cs gäbe nichts, was er nicht schnitte. Er besaß ein Landhaus und zwei Wagen. Eine Blinddarmoperation dauerte bei ihm acht Minuten, sagte die Schwester. Ich wurde in ein kleines Helles Zimmer gebracht. Ich saß eben auf dem Bett, als die Schwester kam und mich wieder hinunterbrachte. In einem dunklen Gang stand eine Bahre mit Rädern. Ich legte mich darauf und wartete. Ganz weit, am Ende des Ganges unb hinter Türen, hörte ich jeipanb lang schreien. Es konnte ein Mäbchen [ein. Nach einer Stunbe kam eine anbere Schwester unb schob meine Bahre in ein Zimmer. Es war Halbdunkel darin, am Fenster standen Geranien. Sie machte meinen Arm frei und gab mir eine Spritze Morphium. Im Zimmer standen vier Betten. Es lagen drei Männer darin und ein Junge. Die Männer schliefen. Der Junge hing an lauter Schnüren und Drähten, er schwebte über dem Bett. Er hatte eine Rückgratverletzung und war gelähmt. Er sah zu mir herüber. Er hing schon ein Jahr so. Als es dunkel wurde, kam ein Mann mit einer Gummischürze herein. Die Schwester machte mein Bein frei. Er sah es an, dann sah er mich an. Ich stellte mich vor. „Muß noch nachher operiert werden", sagte er zu der Schwester. Sie gingen hinaus. Nach einiger Zeit kam der lange Wärter und fuhr mich durch den langen Gang in ben Operationssaal. Es standen Glasschränke mit Instrumenten an den Wänden. • Ich sah vielerlei Sägen. Der Saal hatte eine riesige Glasscheibe, eine Glaswand aus Mattglas. An der Decke brannten große Lampen. Der Wärter hob mich auf einen Operationstisch. Dann kam der Arzt und zwei Schwestern begleiteten ihn. Sie schnallten mir beide Beine fest. Dann legte man mir von hinten ein Stück Gaze aufs Gesicht. Ich zählte bis sieben, während der Arzt es auf die Gaze tröpfeln ließ. Dann spürte ich ein Saufen und sah Sterne, und ein Komet mit einem Gesicht und langem Schweis sauste neben mir her. Ws ich am andern Morgen erwachte, lag ich in einem kleinen Zimmer im Bett. Das Bett gegenüber war leer. Mein Bein brannte, ich hatte Durst und zog an ber Klingelschnur. Auf dem Nachttisch stand die Brechschale. Als die Schwester kam, brach ich zum drittenmal Speichel und Galle. Es war nur wenig, unb ich hätte gern mehr gebrochen. Die Schwester brachte mir ein Glas Wasser. Es war verboten Wasser zu trinken. Die Schwester war hübsch unb jung, sie hatte ein stilles Gesicht unter ber weißen Haube. „Jetzt ist es also überstanden", sagte ich. „Sie haben Gummiröhren im Bein", sagte sie, „Sie dürfen sich nicht bewegen." Der Wärter kam und lachte. Er rauchte eine Zigarre. Er hatte einen hellblonden Schnurrbart und auf dem kleinen runden Kopf hatte er keine Haare mehr. „Spielst du Sechsundsechzig?" fragte er. „Nur Hamburger", sagte ich. „Dann wollen wir ein kleines machen." „Bringen Sie mir Zigaretten mit", rief ich ihm nach, „in meiner Hose ist Geld." Er kam mit dem Kartenspiel und den Zigaretten zurück. Ich zündete eine an, sie schmeckte wie Messing unb Kartoffelkraut. Mir würbe übel. Ich glaubte, baß ich nie wieder rauchen könnte. Wir spielten Hamburger Sechsundsechzig. Er gewann zweimal, bann gewann ich einmal. Dann würbe zum Essen geläutet. Ich bekam nichts. Ich mußte noch fasten. Ich ließ mir Briefpapier besorgen unb schrieb einen Brief nach Hause. „Wenn Sie zwei Tage später gekommen wären", sagte bie Schwester, bie mir bas Briefpapier brachte, „hätte man bas Sein abnehmen müssen. Das Knochenmark war schon verbuttert." „Dann ist ja alles gut, Schwester", sagte ich, unb ich schrieb nach Hause, daß alles gut sei und daß sie mir meine Bücher schicken sollten, und daß bas Semester nun leider hin wäre. Aber ich würde hier ganz gut arb': 'n können. Ich hätte ja schließlich in der Zeche gearbeitet, um etwas G-ld für bas nächste Semester zusammenzubringen. Da hatte ich natürlich Pech gehabt. Mkg< GES( Der ein ttrbraud Mer w Künder sch. Sie nie der Immer Ville l)i Bern h itginget chaiien m Hai mgenehi iahen ii hinab. ( rointenb über sie Jrauen. «asgtjej Sopl Äorbe Kersch *mer| ®'“&e r rannte l>el)i. U Jy un Men J^mer *> $ari .,4s Ä >ch°' 1(»mm i»er m »erben sie bre liegende conitäf« Staut 'ichien. I Netje < Ziermen Vrognoj logt so, Elbhang Ma * halb >n (fr ?Ä Jrn I» Sop Un ’öetantmortlicö: Or. KanS Thyriot. - Druck und Derlog: Drühl fche Untversitäts.Buch. und eielnbtudetei, 2L ßanae. Dieben- Hei^e im Herbst. Von Detlev von Liliencron. In Herbstestagen bricht mit starkem Flügel der Reiher durch den Nebeldust. Wie still es istl Kaum hör' ich um den Hügel noch einen Laut in weiter Luft. Auf eines Birkenstämmchens schwanker Krone ruht sich ein Wanderfalke aus; doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne äugt er durchdringend scharf hinaus. Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte schleicht neben seinem Wagen Torf. Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte der alte Schimmel ihn ins Dorf. Das Gesicht Chinas. Von Lothar v. Reppert. Vor einiger Zeit wanderte ich im Hafenviertel von Marseille umher. Durch enge, verschmutzte Gassen, in denen die Luft von strengen, ätzenden Gerüchen geschwängert war, in denen Laute häßlicher Leidenschaft gegen mein Trommelfell klatschten, gelangte ich schließlich aufatmend an den Kai. Hier mischten sich Oel- und Fischdüfte, in die bisweilen betäubende Wellen von Zimmetgeruch einflossen, doch immerhin mit dem Salzwinde des Golfs, dessen lebendige Wogen ich ferne an der großen Hafenmole im Sonnenlicht aussprühen sah. Unzählige, teilweise grell bewimpelte Schiffe verschiedenster Größe und Bauart lagen vor mir, schwer ausruhend in den bunt schillernden Hafenwassern. Seltsames Schifssvolk aller Nationen der Welt schlenderte in eigentümlich schlingerndem Seemannsrhythmus an mir vorüber. Gesprächsfetzen der verschiedenartigsten Zungen berührten mein Ohr. Ich überlegte gerade, welcher meiner Sinne in diesem verwirrenden Getümmel von Gestalten, Lauten und Gerüchen wohl am meisten in Anspruch genommen würde, als ich dicht hinter mir eine leise, doch auffallend harte Stimme vernahm. „Sir, you want see silks?" Ich wandte mich um und erblickte einen mittelgroßen hageren Chinesen, in dessen Zügen jenes starre geheimnisvolle Lächeln Asiens stand, von dem wir Europäer niemals wissen wachen, ob es Höflichkeit oder Grausamkeit bedeuten will. . „I h’ve wonderful old silks, Sir“, wiederholte er, ohne seine Worte mit' der geringsten Geste zu begleiten, indem er mich mit seinen geschlitzten, dunkeln Augen unverwandt ansah. Da ich in meiner Zeit unbeschränkt war und mir zufällig gerade an diesem Morgen überlegt hatte, was ich wohl von meiner Reise Absonderliches in die Heimat mitbringen könnte, erklärte ich mich sofort einverstanden. Jawohl, ich hätte große Lust, gute chinesische Seide anzusehen, würde sogar nicht anstehen, mich einmal regelrecht — wie man so sagt--— in Seide zu betten, sei jedoch keineswegs in der Lage, etwa außergewöhnliche Preise zu zahlen. . . Der Chinese winkte mir nur kurz, zu folgen. Dann ging es in raschem Tempo eine gute Weile hart an der Kaimauer entlang. Ich hatte vollauf damit zu tun, nicht über bie zahlreichen Schiffstaue, die Befesti- gunqsringe und Eisenstäbe zu stolpern, die einen Hafenrand zur Hindernisbahn macl'en, so daß mir keine Zeit blieb, intensiver nachzudenken oder den mit katzenartiger Sicherheit vor mir einhergleitenden Mann genauer zu betrachten. Ich bewegte mich gleichsam von einer fremden magischen Kraft gezogen, voran, kletterte eine schmale, steile Treppe hinab und befand mich unversehens in einem breiten niederen Nachen, der bereits vom Quai ckbgestoßen war und mit unglaublicher Geschicklichkeit zwischen all den riesenhaft über mir drohenden Schiffsrumpfen hindurchgelenkt wurde. Auch hierbei zeigte mir der Chinese seinen Rücken. 'Wortlos trieb er das Boot mit nur einer Ruderstange. Seine Kleidung bestand aus einer schmutziggrauen Leinenhose, über die eine hellblaue Jacke mit weitgeschweisten Aermeln herabhing. Aus dem Kopfe trug er eine Art Ohrenmütze. Ehe ich genaue Erwägungen anstellen konnte, lagen wir breit|cit eines düsteren Schiffes, an dessen Vordersteven ein ehemals wohl vergoldeter Drachenkopf seine Zähne bleckte. Auch die ganze Bauart des plumpen Dreimasters verriet unzweifelhaft den schwerfälligen Charakter der Chinesendschunke. — Mein Führer zog sich indessen bereits muhelos an einer über Bord hängenden Strickleiter empor; ich beeilte mich, ihm nachzukommen, was mir an dem schwankenden Ding nicht ohne Muhe gelang. Auf Deck des Schiffes war ein kleines Häuschen aufgesetzt; ein paar Tonnen und (Segcltaue tagen herum; ich sah wie die Spitzen der Maste sich leise gegen den hellen Himmel bewegten. Mir gegenüber stand der Chinese mit dem Lächeln Asiens auf den Sippen. Bis dahin hatte mir die ganze Geschichte einen Zwar etwas abenteuerlichen, doch recht amüsanten Eindruck gemacht. Das Gefühl, mich dem Ungewiffen auszuliefern, aller Bindungen und Sicherheiten der menschlichen Gesellschaft ledig zu fein, nur auf die Aufforderung eines fphinxhaft lächelnben Chinesen hin, wundervolle Silks in Augenschein zu nehmen, übte einen starken Reiz auf meine, von einer gewissen Reife- faulheit eingeschläferten Sinne aus. — . Jetzt wandten wir uns nach einer kurzen Geste meines Führers Dem Innern des Schiffes zu, einem engen, sich steil und treppenlos über glitfrhige Planken senkenden Hang hinab. Außer uns schien sich niemand an Bord des Seglers zu befinden. Der Chinese vor mir hatte ein kleines Licht entzündet: über mir entschwand der letzte Streifen südlichen Himmels, dessen helle Kraft mir noch niemals so deutlich zu Bewußtsein gekommen war als gerade in diesem Augenblick. Ein Rus wollte sich mir auf die Lippen drängen, ein Wort der Abwehr, doch meine Stimme vermochte die Kehle nicht zu verlassen; gezwungen von jener geheimnisvollen Macht, die mich bereits kurz nach dieser Begegnung gepackt hotte, tastete ich mich hinter dem zitternden Lichtschein her durch den gewundenen, stickigen Gang. Eine Tür wurde aufgestoßen. „Allright", knurrte der Chinese. Ich sah, wie er mit eigentümlich schwebenden Bewegungen einige mit Schriftzeichen bemalte Papierlaternen in Brand setzte und erkannte einen viereckigen Raum, aus dessen einer Ecke mir die mannshohe Statue eines goldbronzefarbenen Buddha gespenstisch entgegenleuchtete. Daneben unterschied ich eine Truhe aus dunkelm Holz, die der Chinese unverzüglich öffnete. Wortlos und ohne den Ausdruck feiner Miene irgendwie zu verändern, rollte er aus dem Schrein durch geheimen Mechanismus einen breiten Streifen schwerer Seide bis zur Decke des niedrigen Gelasses empor, -trofc der spärlichen Beleuchtung durch wenige Lampions lag seltsam glühendes Licht über dem Gewebe. Auf blutrotem Grund war die Figur einer Chinesin gestickt. Ich hatte das Gefühl, als bewege sich die ruhende Gestalt unter einem stillen Atem; doch es war wohl nur das ktfe Schwanken des Schifssrumpfes, das diese Täuschung hervorrief. Das Gesicht des mir zugewandten Weibes hatte trotz seiner Starre einen tiqerhasten, grausamen Ausdruck, und in den sanften Augen erkannte ich den gleichen, unerklärlichen Schein, der in dem seitlich des Seiden- Hildes mich anblickenden Antlitz des Schiffers stand. Das Bild verschwand. Es folgte ein Zug frei im blauen Raum auf« wärts ziehender reiherartiger Vögel mit hell leuchtendem Gefieder. Auch bei diesem Bilde hatte ich den Eindruck der Bewegung, einer Bewegung, die einem in ferner Höhe schwingenden Licht zustrebte. Ich selbst stihtte mich emporgehoben, lichtwärts schwebend gleich den von blauer Luft getragenen Vögeln. — An eine wundersam in die Weite gehende Küsten- andschast, an deren von Bergen gesäumten Strand silberne Wellen pülten, schloß sich daraus die Wiedergabe eines Tempels einer großen goldenen Katze und endlich die Gestalt des sitzenden Buddhas, der dem in der Ecke auf einem Sockel thronenden vollkommen glich und meine Gedanken durch seine Doppelheit derart verwirrte, daß ich die beiden nicht mehr auseinander zu halten vermochte. Dazu kam die Grabesstille des Raumes, in dem ein merkwürdiger, süßlicher Raucherdust aufzusteigen begann. Der Besitzer des Schiffes selbst war verschwunden. Das Letzte, wa« ich von ihm gesehen hatte, waren feine langgliebrigert fjänbe, bie sich in ber Dunkelheit geisterhaft hin und her bewegten. Auch die Papierlaternen waren erloschen, das Licht schien von den beiden Buddhafiguren selbst auszugehen. Wehrlos und nahezu betäubt hatte ich mich an die der Truhe gegen- überliegende Wand gelehnt. In schnellem, einsörmigen Rhythmus gehaltenes Flüstern drang an mein Gehör. Die Doppelbuddhagestalt verschwamm in goldstaubigem Dunst, der sich langsam zu einem seinen weitmaschigen Goldgitter zusammensugte. Durch dieses ®itter nun blickte ich zunächst in eine unbeschreibliche Leere, ins Nichts ... Was in diesen Augenblicken — ober waren es Minuten, Stunben, vorging, vermag ich nicht wiederzugeben. Es glich der Auslösung meines Jchs, der Wanderung aus einer in Atome zertrümmerten Vergangenheit in eine unfaß- ttche, endlose Zukunft, der Zusammenballung des Alls zu einem, Himer bem Gitter sich formenben, grellen Punkt, ber sich mit wachsenber ®e« 'rf>'Allnnchliich"gewahrte ich ein, sich schwerfällig auf bas Golbgitter zu beroegenbes Wesen, besten Rumpf aus einer irbenen, gleichmäßig geschwungenen Vase beftanb; über ben Hals bes heranrollenben Gefäßes raate ein greisenhafter, kahler Schöbel. Die Physiognomie Reser Fratze war gleichzeitig grauenerregenb unb hilflos. Ein bumpfer Schlag ertönte. Die Vase zersprang unb lieh einen taschenkrebsartig verkrümmten, entsetzlichen Körper 'frei werben. . . Blitzartig burchzuckte mich bie Erinnerung, baß bei den Chinesen derartige Verbildungen tatsächlich auf die grausamste Weise heran« gezüchtet werden sotten. Ehe ich mich jedoch weiter mit diesem Gedanken abgeben konnte, war der Abscheu erregende Gnom verschwunden- ich sah mich einer lachenden Sonnenlandschaft gegenüber, bie sich ms Endlose au verlieren schien unb bie heitersten Empfinbungen in meinem, noch soeben auf bas roilbefte gepeinigte Gemüt hervorrief. Nie gekanntes Lustgefühl, berüdenbe Leichtigkeit burchflutete mein Blut, ber Zusammenhang mit meinem eigentlichen Leben kehrte im Fluge roieber. alles war mir mit einem Schlage erklärlich, fpielenb entwirrbar; ich spurte mich in einen erhebenben Taumel glücklichster Zukunft versetzt. Mit der Zeit bemerkte ich, daß diese seltsame Verwandlung meiner Empfindungen von einer Gewellt ausging, die sich aus der Tiefe Der besonnten Landschaft lanafam heranbewegte. Unter wiegenden Baumen, an klaren Wassern vorüber, von bem schmiegsamen Boben gleichsam getragen, nahte ber Strahlenbe, Lichtströmenbe, eine golbene Kugel in seiner Rechten tragenb; wuchs, wuchs über ben Raum hinaus ein zeitloser, gewaltiger Traum ... - Das golbene Sitter zerriß. Aus ber Weite ber Lanbschaft zusammen- geflossen machte sich über schleiernen Wogen feibiger Dämpfe bas flächige Antlitz bes Verschwunbenen frei. Wieberum blickte ich in ben unergründlichen Spiegel asiatischer Augen, fühlte aus dem versunkenen drohenden Emst seiner Züge das Lächeln des ewigen Geheimnisses erstehen. Unter seiner mystischen Kraft, die dem Zeugungsbett der Auslosung alles irdischen Seins entstiegen schien, versank ich ins Dunkel der Bewutzt- 'o^Jch'erwachte von einem festen Druck, den ich auf meiner Schütter verspürte, blickte auf und bemerkte einen baumlangen französischen Makro en, ber sich mit gutmütigem Grinsen zu mir herabbeugte Das Gesicht Chinas ..." murmelte ich verstört, erhob mich von einem runden Stein Hart an der Kaimauer und taumelte meinem Quartier zu. Als ich mich noch einmal umroanbte, sah ich «eit draußen Re geheimnisvolle Silhouette eines Dreimasters, dessen durchsichtige Segel mit der Himmelsbläue verschwommen still dahinziehen ...