Nummer 50 Montag, den Juki Jahrgang 1935 „Du mußtest darüber natürlu Zimmer. 34. ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. H-, Berlin (Fortsetzung.) Aus der Schwelle standen Konstantin und die Köchin und begrüßten den Hausherrn. Ludwig gab dem Chaufseur den Auftrag, den Wagen vorläufig nebenan in der Garage des Waldwinkels unterzubringen. Konstantins Herz schlug höher beim Anblick der prachtvollen Limousine. Er lieh es sich nicht nehmen, sie noch in der Nacht von allem Reiseschmutz zu reinigen. Ludwig brachte die Hunde zu ihrem Stall, bevor er ins Haus trat. Aber sie fanden noch lange keine Ruhe. Ohne erst abzulegen, eilte Ludwig die Treppe hinauf und trat m Elisabeths Schlafzimmer. Es war ihr nicht möglich, ihm so rasch zu folgen. Als sie eintrat, (niete er, die Mütze noch auf dem Kopf, neben dem Korbwagen und starrte wie verzaubert auf das rosige Gesichtchen seines Kindes. Es erwachte halb aus seinem Schlummer, machte eine hilflose Bewegung mit beiden Händchen und sah ihn einen Moment mit großen, schlasverschleierten Augen an. Aber dann fielen die zarten Lider wieder darüber; der Kops mit dem dünnen rötlichen Haarflaum drehte sich langsam zur Seite; die kleinen, aufgeworfenen Lippen machten eine leise,schmatzende Bewegung. Dann war alles wieder in Schlaf getaucht. Ludwig stand auf und trat zurück mit einem Versuch, so leise zu fein wie möglich. Aber der Boden knarrte laut unter seinem Gewicht und seinen schweren Schritten. Er legte Elisabeth beide Hände um dre Wangen und küße sie zart auf den Mund. . „Das also ist Isabella!" sagte er halblaut, mit einem großen, dankbaren Staunen in den Augen. „Hat sie dich sehr leiden gemocht, bis sie njdr? * Elisabeth schüttelte den Kopf. „Das war in einem einzigen Augenblick wieder vergessen!" flüsterte sie und zog ihn mit aller Vorsicht aus dem GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger enthalten gewesen war. Auch eine Schwermut lag darin, die Elisabeth überraschte und verwirrte Er hatte ganz wie früher damit begonnen, feine Person als den Anlaß zu allem zu nehmen, was um ihn geschah, auch mit Elisabeth. Das war feine alte egozentrische Einstellung zu den Dingen des Lebens, die sie genau kannte — und liebte. Darin lag seine gesunde, überzeugende und hinreißende Kraft als Mensch und als Schauspieler... Wie kam es, daß er sein Bekenntnis mit einer Selbsterkenntnis schließen konnte, die diesem naiven Egoismus Grenzen setzte, von denen er bisher nie etwas geahnt hatte? ... 5>atte er unter her Möglichkeit, sie >u verlieren, doch viel tiefer gelitten, als aus feinen Worten zu entnehmen war? Sie klangen so — und sollten wohl auch den Anschein erwecken — als sei es ihm fast lieber gewesen, Elisabeth hätte ihn mit dem Freund betrogen, als Rache für seinen eigenen Fehler. Daran erkannte sie den alten Ludwig, der mit Tatsachen aus seine einfache, triebhafte Weise fertig wurde. Aber daß er sie und Hartl und auch sich selbst so gut zu verstehen schien, war neu und fast schon erschreckend "" Doch Elisabeth kam nicht'dazu, sich weiter darüber Gedanken zu machen Denn er umsaßte ihren Kops mit beiden Händen und küßte sie, wie er sie immer geküßt hatte: leidenschaftlich, hingegeben an diese Stunde einer Heimkehr und zitternd vor Verlangen, wie ein Junge. In seinen blauen Augen, in denen ihr Blick untertauchte, war nichts von den Schatten zu sehen, die sie mit einem Schauer aus seinen Worten qespürt hatte, als er noch hinter ihr gestanden war. Sie mutzten Täuschung gewesen sein, entsprungen aus der gesteigerter, Empfindlichkeit ibrer Nerven und Sinne in dieser schönen, warmen Nacht, in der er seit langem zum erstenmal wieder dicht bei ihr war in ihrem eigenen Haus, den schlafenden Garten zu ihren Fußen und die hellen herbstlichen Sterne über sich... Alles war gut . Hatte sie je gezweifelt daß er sie verstehen würde ...? Und auch bei ihm war alles viel einfacher und besser, als sie es sich in ihrem Schmerz ausgemalt hatte... Gab es wirklich noch einen Schatten in ihrem Gluck...? Nein, es gab keinen!... ^"Da"hörte"^sie auch wieder Ludwigs Lachen, zwar nicht laut und dröhnend, sondern gedämpft, weil ja nebenan hinter der offenen Balkon- hir hie kleine Isa nicht davon aufwachen durfte. Geld hat mich das alles gekostet drüben. Greulich viel Geld! Du haft' keine Ahnung, Lisa, was man drüben alles von einem verlangt' Ich habe nie rechnen können. Namentlich, wenn da noch jemand hinmkommt wie die Mira. So ein öffentliches Leben drüben ,st schamlos t u r Ich h7be mehr als einmal darüber geflucht. Aber das ist vorbei und mÄ im Grunde nichts. Ihr habt hier auch kernen Mange, gelitten! "Di^Gläubiger müssen eben warten. Außerdem sind sie jetzt hübsch der "Reihe nach eingeteilt." fiaft du gar nichts mehr mitgebracht? „ Doch! — Na, nicht viel. Aber immerhin etwas. Es reicht für» erste. "Unb bann?" Die Nacht war so sternklar und warm, daß sie noch lange aus der von wildem Wein umrankten Galerie vor den Schlafzimmern wach aßen. Billy war nach dem Essen verschwunden. Weder Ludwig noch Elisabeth spürten eine Müdigkeit, trotz der langen, anstrengenden Fahrt. Es war noch vieles in Worte zu fassen zwischen ihnen. . . t Elisabeth begann zögernd von Hartl zu sprechen Mit keinem Wort hatte Ludwig bis jetzt nach ihm gefragt. Sie berichtete von seiner 23er- waltunqsarbeit, von jenem Abend an der Havel und dem Abschied nach der Entscheidung durch den Film. Da sie seit langem jede> Wor auf seine innere Wahrheit geprüft hatte, entstand aus ihrem langen, leisen Bericht ein geschlossenes und klares Bild der Vorgänge m diesem «om- ihrer ruhigen und überlegenen Sachlichkeit im Tiefsten berühr. H ... nichts wie die volle Wahrheit, eine sonderbar schmerzende und gleichzeitig wieder beglückende Wahrheit. Nie war der Freund im geringsten von der geraden, sauberen Linie der Ehrlichkeit und R'tterl.chkeit abgew.chem Elisabeth hatte wohl einen Herzschlag lang geschwankt hatte 'hn aber niemals verraten und stand vor ihm durch ihr vielfältiges Erleben .... .ch°b »»y* und schwerfällig aus seinem Stuhl und ging >n ihrem . »-ÄA **d°i |ie SWÄ'Ä* 3 nun Augenblick ab, als du mir schriebst, er se. abgereist. Aber ~ unb sei mir nicht böse, Lisa - ich habe nur alles «eI^ '“ r u ’» l* 8 licher gedacht. Diele Monate hat er in deiner Nahe ^lebt. Da sich doch in dich verlieben, sagte ich mir, und hab m ch allem einen Narren genannt, da ich selbst nut meinem namen Auftrag an allem schuld war. Ich muhte mir auch an allem Spateren, ja, sten, wie ich es mir dachte, selbst die Schuld geben. Ich habe dw n,e schrieben, nicht einmal eine Andeutung darüber gemch - n Alten in Hollywood war; daß ich sie dort noch vorsand al > ,ch hinuver kam. Aber du mußtest es ja erfahren haben aus irge Und du hast es erfahren ..." .. Elisabeth nickte in die Pause hinein, die er machte. ich auch wieder ganz anders denken, als es in Wirklichkeit drüben war. Daß ich eine Leidenschaft für sie hatte, hast du ja schon früher einmal erlebt. Also mußte jetzt für dich alles Weitere klar und eindeutig fein, und du mußtest daraus deine Konse- guenzen ziehen. Daß diese Konsequenzen so gut für mich waren und blieben, habe ich nur dir und Gott zu danken. Aber in Wirklichkeit sah drüben alles ganz anders aus. Sie war hinübergekommen nicht meinetwegen, sondern mit einer ganz bestimmten Absicht. Sie muß sich hier chon in den Direktor Grolman verliebt haben und hat drüben nichts unterlassen, um ihn ganz für sich zu gewinnen. Sie hat auch ihr Ziel erreicht. Heute ist sie schon seine Frau. Mit mir und meiner sinnlosen, blinden und tauben Leidenschaft hat sie gespielt wie mit einer Puppe. Ich hab' das erst vor kurzem eingesehen und schäme mich gar nicht, es einzugestehen. Sie hat mich hin und her geschoben wie eine Figur auf dem Schachbrett, war gut zu mir, wenn sie mich für ihre Zwecke brauchen konnte, und so kalt und unnahbar, wenn das nicht der Fall war, daß ich sie eigentlich längst hätte durchschauen müssen. Daß ich das nicht konnte, bleibt meine Schuld und mein größter Fehler. Beinahe hätte ich dich darüber verloren und damit alles, was ich auf dieser Welt wirklich habe, neben meiner Kunst!" Elisabeth war um fo stärker erschüttert von diesem Bericht, weil sie pürte, daß sich noch etwas dahinter verbarg. Etwas Fremdes, Gesähr- liches, das nichts mehr mit der Person Miras zu tun hatte. Sie glaubte ihm auss Wort. Es war nicht daran zu zweifeln, daß alles so vor sich gegangen war, wie er es schilderte. Er schonte sich nicht im geringsten und schämte sich auch nicht, weil er seinen Fehler genau erkannt hatte. Aber gerade in dieser Erkenntnis lag jenes Fremde, Gefährliche beschws- en. Irgendwo in dieser klaren Uebersicht über sich selbst lag etwas, das nicht zu Ludwigs Wesen gehörte, jedenfalls bis jetzt nicht in ihm Wieder ein gutes Lachen. „Ja, glaubst du denn, setzt sei es vorbei? Jetzt fängt es doch erst richtig an — mit dem großen Verdienen, meine ich. Laß nur erst meine Filme herüberkommen! Dann werden sie sich hier um mich reißen und mich mit Gold aufwiegen." „Wann kommen sie herüber? Ich freue mich so daraufl" „3n zwei bis drei Monaten." „Du gehst wirklich nicht so bald wieder hinüber?" „Nein. — Vorläufig hab' ich von Hollywood mehr als genug. Es ist großartig, interessant, und ich habe dort auch so gut gearbeitet wie noch nie im Film — vielleicht nur darum, weil ich gerade dort am deutlichsten gespürt habe, wo ich wirklich zu Haufe binl" 35. Konstantin war sehr stolz, als er schon am nächsten Tag feinen Herrn in dem neuen Wagen zur Stadt fahren konnte. Ludwigs erstes Ziel war das Deutschs Volkstheater. Steinlen überließ die Leitung einer Umbesetzungsprobe einem Hilfsregisseur, als ihm Thiele gemeldet wurde. Mit einem etwas übertrieben kardialen, „Hallo, alter Junge I" trat er in fein Direktionszimmer, wo Ludwig im Klubsessel auf ihn wartete. „Du siehst aus ... wie Rübezahl! Hollywood scheint dir glänzend bekommen zu fein!" fügte er in einiger Verlegenheit hinzu, nachdem Ludwig seine Begrüßung nur durch eine kühle Handbewegung erwidert hatte. „Laß das meine Sorge sein! Ich bin seit gestern zurück." „Und kommst gleich zu mir. Das ist sehr nett — natürlich, um rtit mir abzurechnen. Uebrigens gehen die .Verräter' bis jetzt recht aut. Durch deine Frau weißt du ja..." „Wir haben noch einen Vertrag miteinander. Das scheinst du vergessen zu haben." „O nein. Aber den habe ich schon zweimal zu deinen Gunsten — sagen wir mal — modifizieren müssen." „Als ob ich nicht wüßte, was du daran verdient hast! Diesmal aber bist du im Unrecht, Steinlen. Die Rolle gehört von Rechts wegen mir. Du bist verpflichtet, mir wenigstens einen gleichwertigen Ersatz zu bieten." „Gern, lieber Ludwig — sobald ich dazu in der Lage bin. Von einer Verpflichtung kann im Augenblick leine Rede sein. Du hast deinen Urlaub um mehr als drei Wochen überschritten, ohne mich überhaupt zu fragen." „Quatsch, Steinlen! Du weißt genau, daß ich nicht anders konnte." „Kein Mensch außer dir wird mich dafür verantwortlich machen wollen." „Reden wir offen und vernünftig, Steinlen! Wann kannst du ein neues Stück ansetzen?" „Das kann ich jetzt überhaupt nicht beurteilen. Die .Verräter' gehen, wie gesagt, sehr gut. In sechs bis acht Wochen könnte ich vielleicht daran denken ..." Thiele stand auf. „Dann bist du vielleicht bereit, unseren Vertrag sofort und ganz zu lösen." „Ich denke nicht daran, lieber Thiele! Ich werde dich dringend brauchen." „Ich brauche ober jetzt eine Rolle, und zwar so bald wie möglich!" „Kann ich verstehen. Vielleicht kann ich dich bis Weihnachten beurlauben? Du bestandest doch mit deiner gewohnten Hartnäckigkeit darauf, bei mir dann den Wallenstein zu spielen." „Also setze einen Termin für den Wallenstein in unseren Vertrag, und gib mich bis Weihnachten frei!" „Ich werde es mir überlegen." > Thiele fetzte feinen Hut auf. „Da ist nichts zu überlegen, Steinlen. Es ist die einzig annehmbare Lösung. — Mit den Schwierigkeiten wirst du fertig, ebenso wie ich. Das zählt nicht. Was mir nicht gefällt, ist der macht'" Öem bU fie °"'ührst. Ich fürchte, du hast zu gute Geschäfte ge- Steinlen zuckte überlegen die Achseln. „Du etwa nicht? — Aber du bist auch drüben das gleiche naive Kind geblieben." „Das Schriftliche zwischen uns kann Henschke erledigen" „Einverstanden. — Apropos, Ludwig, den Bart solltest du dir wieder abnehmen lassen, möglichst gleich, und ein tüchtiges Training könnte ölr nicht schaden — sagen wir mal für den Wallenstein!" „Ich finde^mich auch zu dick!" antwortet Ludwig mit einem düsteren Zug im Gesicht, der neu an ihm war. nervös""" alle5 Ordnung. Auf Wiedersehen!" sagte Steinlen hinaus""'0 brumm,e no<$ etroa5' was wie ein Gruß klang, und ging Gut, daß ich rechtzeitig meinen Jähzorn unterdrückte! dachte er. 5Be= merten5tDert' daß ich es konnte! — Steinlen ist kein Freund mehr. Vielleicht war er es nie, unb ich habe es bis jetzt nur nicht bemerkt. — 3et5t sollte ich eigentlich direkt zu Henschke. Sicher hat der etwas Gutes für mm> X»r vorher muß ich ... Ja, ich rnuß!" Er gab Konstantin die Adresse des Doktor Kern. Es war sechs Uhr, u. b0V- Die Sprechstunde des Arztes war vorüber. Kern T ',an b*e Tur .lewer Wohnung entgegen und führte ihn im Inumph in fein Arbeitszimmer. In heller Aufregung lief er zwischen Gebraut und Schreibtisch hin und her, schleppte eine Flasche Kognak, ®!a(er und Zigarren herbe,, und bediente Ludwig wie eine verwöhnte „Du hast ein schlechtes Gewissen, alter Freund", begann Ludwig. t~n* Arn lachend und rückte feinen Zwicker zurecht. m.ÄSyr,'! ’ 3n m,in™ s“'< - “ »Ü- lm . Kommt nicht in Frage!" Was soll bas heißen, Lubwig?" Jetzt lachte Thiele über ben Ausbruck Kerns, der beinahe unglücklich geworden war. „Das heißt, daß Lisa deine kleine Billy noch dringend braucht. Und ich auch. Daß du sie nicht vor zwei Monaten bekommst." Kerns Gesicht hellte sich auf. „Darüber läßt sich reden." „Rein, gehandelt wird nicht! — Uebrigens ein tolles Stück, daß tu es wagst, fie hinter meinem Rücken für dich zu beanspruchen." „Sie liebt mich eben." „Rätselhaft!" „Du bist einfach neidisch, Ludwig, weiter nichts!" Lubwig streckte ihm bie Hanb hin. „Du bist der gleiche alte Esel, was Frauen betrifft. So, nun trinken wir auf dein Wohl und auf Billys Wohl!" 1 „Setz dich mal her, Kern! Ich bin nämlich aus einem anderen Grund zu dir gekommen." „Aus einem menschlichen oder ärztlichen?" „Einem ärztlichen!" „Es betrifft dich selbst?" „Ja. — Woher weißt du?" „Ich seh' es dir an. Erstens hast du wieder mächtig zugenommen. — Erinnerst du dich, was ich dir vor einem Jahr gesagt habe?" „Natürlich erinnere ich mich! — Und zweitens?" „Zweitens siehst du irgendwie besorgt aus, trotz deinem Bark." „Kurz und gut, Kern, du sollst mich untersuchen." „Gut, später. Zuerst erzähl mir mal, was dich beunruhigt, außer deinem Gewicht, das wir bald wieder in Ordnung bringen können." „Ich habe manchmal Schmerzen — hier!" Er legte die Hand auf bie rechte Seite neben der Hüfte. „Hm ... Du hast natürlich wieder tüchtig getrunken drüben? Rot" wein, wie immer?" „Unb Whisky!" „Damit hat es auch nichts zu tun. Hast du einen Arzt gefragt?" „Nein. Ich bachte, es geht vorüber. Das war auch ber Fall. Und bann habe ich nie ein Zutrauen zu Aerzten gehabt. Das weißt du." „Jetzt kommst bu zu mir! Ich bin aber nur Spezialist für Hals und« Nase." „Du verstehst viel mehr als bie andern. Das hat auch Lisa erlebt." --Hast bu mit ihr über dich gesprochen?" „Nein." „Und dich natürlich an gar keine Diät gehalten. Das sieht man ja. Was waren denn das für Schmerzen? Kamen fie oft und hielten an?" „Zuerst war es nur ein Druck hier. Dann aber wurde ein Ziehen unb Brennen daraus. Es ging vorüber, kam aber immer wieder. Am schlimmsten auf der Uedersahrt. Zwei Tage habe ich in der Kabine gelegen. Dabei bin ich noch nie im Leben seekrank gewesen!" „Damit hat es auch nichts zu tun. Hast du einen Arzt gefragt?" „Warum nicht?" , „Es kann ja nichts Schlimmes fein. Sie nimmt alles zu ernst. Wozu sie unnötig aufregen?" „Schön. Dann komm jetzt mal mit hinüber und zieh dich aus!" Sie gingen in das Sprechzimmer, und Kern nahm eine Untersuchung vor, die fast eine Stunde dauerte. Er sprach dabei nur bas Nötigste, was Lubwig sehr irritierte. »Nun ...?" fragte er endlich gereizt, nachbem Kern ihm erlaubt hatte, sich roieber anzukleiben. Diagnose ist bei einer solchen Untersuchung leider nicht möglich , antwortete Kern nachdenklich. „Es scheint bie Leber zu fein, wie id) gleich vermutete. Du scheinst bir ein bißchen zuviel zugemutet zu haben, trotz deiner robusten Gesundheit. Eine leichte Schwellung konnte ich feftftelten. Alles übrige scheint in Ordnung, auch bas Herz. Aber bas roill nicht viel sagen. Wir werben in ben nächsten Tagen einmal 3u Professor Althoff gehen. Der ist der beste Internist, den ich, kenne. Du bist doch einverstanden?" „Nee!" wehrte Lubwig ab. „Ich habe schon genug. Wenn bu mir logst' daß ich in Ordnung bin, genügt mir bas. Und die Schwellung werden wir auch so wegkriegen. Nicht wahr?" „Hoffentlich. Trotzdem halte ich es für absolut notwendig ..." „Unfinn! — Uebrigens fühl' ich mich wieder so wohl wie ein Stier auf.der Weide." „Ich werde auf gar keinen Fall zugeben, daß du dich mit biefer Untersuchung begnügst!" „Aber ich bin doch nicht krank!" „Du kannst es werden. Schneller, als du glaubst. Namentlich, wenn du so weitermachst!" ' „Es wird nicht so weitergemacht. Es wird wieder trainiert und Diät gehalten, genau wie du mir vor einem Jahr verordnet hast", lachte Ludwig. „Oder glaubst du vielleicht, ich kriege das nicht fertig ohne deinen Professor?" Kern zuckte die Achseln. „Manchmal kommst du mir vor wie ein Schuljunge, Ludwig. Kannst du diese Dinge wirklich nicht so ernst nehmen, wie sie es verlangen?" „Nein! Ich will auch nicht. Außerdem habe ich ja dich dafür!" „Das wird nichts nützen, da du mir keine Möglichkeit gibst, in ber richtigen Weise einzugreifen!" „Ich werde alles tun, was du willst!" „Dann komm morgen oder übermorgen mit zum Professor!" „Vielleicht! Aber nicht morgen und auch nicht übermorgen! Erst Kenn ich mit deiner Hilfe wieder abgeschwollen bin, außen unb innen!" Er ftanb auf unb schüttelte Kern die Hand. „Schönen Dank, alter Junge! Ich fühle mich jetzt wirklich wieder ganz aus der Höhe. Obgleich ich in vielen Dingen Pech habe in der letzten Zeit! Dieser verdammte Steinlen! Von ihm hätte ich das nicht erwartet!" Doktor Kern war besorgter, als er zugab. Aber er kannte Ludwig genau und wußte, daß er jetzt nichts mehr bei ihm erreichen konnte. Darum ging er auf seine veränderte Laune ein und beschloß bei sich, ihn unter allen Umständen zu der Untersuchung durch den Spezialisten zu zwingen — wenn es sein mußte, mit Hilfe Elifabeths. (Fortsetzung folgt.) Gommerlied. Von Paul Gerhardt. Geh aus, mein Herz, und suche Freud des Türken einen Schatz hatte unb bie, bie keinen befaßen, sich durch ben Ueber- fall einen wichen zu holen gebachten, war er balb einig. So brauste auch schon in der kommenden Nacht, eben hatten die Turmuhren von Eickelsheim — Negroponte — eins geschlagen, em Reiterangriff der Kaiserlichen in das Lager ber Türken. Mit Viktoriarusen fielen sie über bas Haremszelt her, unb ehe bie Väter unb Gatten, also bie Paschas und Wesire, sich noch richtig zur Wehr setzten, hatte schon ber Magister feine Liselotte unb ein jeder der Reiter eine Sultansfrau vor sich im Sattel fitzen, und das tapfere Fähnlein verfchwand mit Huffchlag und Rasseln tm Dunkel der Nacht. Weil es aber die Kaiserlichen so genau nicht genommen, und auch die Gattinnen der türkischen Würdenträger mit unter den Geraubten waren, so hatte der Großwesir noch in der Nacht eine Palastrevolution zu bestehen. Weshalb er sich entschließen mußte, schon am frühen Morgen, ehe er die Schlacht noch gewagt, den Frieden zu verkünden. , . Da es aber bei Friedensschlüssen manchmal geschieht, daß jedem gehört, was er erobert, und ja ohnedies — wie der Hofnarr meinte — der Status quo mutmaßlich nicht gänzlich wieder herzustellen wäre, so entschied Seine Durchlaucht, die vor Lachen barst, obwohl seine Fatima mit unter den Geraubten war, daß die Gattinnen der Wesire und Paschas diesen wohl zurückzustellen wären, von den Mädchen aber eine jede, wenn sie es wolle, bei ihrem Reiter bleiben könne. So marschierten noch am Vormittage die Paare, der Obrist und Magister mit seiner Fatima, die nun doch eine Liselotte blieb, voran, durch die Gassen der Heere, die mit Fahnen und Standarten, Halbmond und Roßschweisen Spalier standen, zum Feldaltar. Indes die Iani- tscharenmusik rasselte und schmetterte, die Regimentsspielleute der Kaiserlichen trommelten und bliesen, und von den Wällen von Negroponte, das wieder Eichelsheim hieß, die Festungsstücke Vivat und Viktoria schossen. Aufforderung zur Fröhlichkeit. Von Simon Dach. Die Jahre wissen keinen Halt, Sie achten keiner Zügel, Der Mensch wird unversehens alt, Als hätt' er schnelle Flügel. Was schon der Tod hat hingebracht, Wird nimmer wieder kommen; Wird denn in jener langen Nacht Dein Traurigsein dir frommen? Aus meinem Bergmannstagebuch. Von Walter Vollmer, GDS. Hart auf hart war es zugegangen I Es mag der Teufel wissen, wie einen manchmal der Spuk anspringt! Ein Spuk war die Sache in der Grube am 2. Juli ja gerade nicht gewesen, immerhin verlohnt es sich, sie einmal zu erzählen. In allem Kohlenstaub, der so dicht in dem kleinen Ort von Flöz Marianne stand, daß man ihn mit den Händen hätte greifen können, in dem wahnsinnigen Geflitter auftauchender und verschwindender Lichter, wo der Bohrhammer dröhnte und die beiden Preßlufthaspel widerlich kreischend schrien, konnte ja keiner auf den andern achten. Die Kerls heulten und brüllten durcheinander, schwitzten an nackten, schwarz- glänzenden Leibern, lachten rauh und schufteten hinter den ratternden Kohlenwagen in aufgeregter Hast. An diesem Betriebspunkt in Revier 7 schienen sie alle einen Narren gefressen zu haben: Hierher schob Flöz Dickebank am Morgen seine hundert Wagen Kohlen, die Querschlägerkolonne aus der Richtstrecke drückte ihre zwanzig bis dreißig Steinwagen heran, hier schleppten sie Langholz und Eisenschienen und polterten mit blechernen Schüttelrutschen dadurch, der Bremsberg hängte je Schicht seine neunzig Wagen in den Sumpf, alles mit Getöse, Lärm und Eile — es war glatt zum Tollwerden! Der kleine, dicke Otto an meiner Seite warf den Leerwagen herum, winkte mit der Lampe — es half nichts — er schimpfte und wetterte, spuckte seinen Priem aus und einen Augenblick lang sahen wir einander grinsend an, winkten dann, winkten —l Es donnerte laut vor uns, von oben ließen sie vier, fünf Kohlenwagen im schrägen Bau los, sie kamen näher — auf uns zu! — immer näher — rollten — kreischten —! Wohin so schnell? Da blitzt schon die vorn am ersten Wagen hängende Lampe auf! Sie kommen! Herrgott — sie kommen! „Du liebes Lieschen!" schnaufte der Kleine neben mir ernstlich erschreckt. Wir konnten nicht mehr zur Seite, überall Holz und Wagen in der Enge! Aetsch! — klingelte der Signaldraht, und die Firste dröhnte. Was sollten wir machen? Wurden wir in dem armweiten Loch über den Hausen gerannt, waren wir beide erledigt. Nun nur noch Sekunden — die Sohle begann bereits zu zittern, die Lust wollte plötzlich nicht mehr aus unserer Brust, während wir entsetzt und geduckt dastanden, nicht nach rückwärts laufen konnten, weil die Strecke viel zu eng war. zu lang und zu abschüssig, während wir wie verhext nach vorn stierten — vor lauter Angst nur noch stierten — Da riß mich etwas hoch, daß ich aufsprang, ein Ruck über den Leerwagen zur Seite, Otto wollte nach; für ihn war kein Platz mehr, zu eng, viel zu eng für uns beide —I „Otto!" schrie ich noch, sah in sein angstverzerrtes Gesicht, er rührte sich, gelähmt vor Entsetzen, schon gar nicht mehr, ging nicht zur Seite und konnte es wohl auch nicht, und die Wagen kamen. Sie kamen mit ratterndem Dröhnen wie der grausige Tod! Jetzt sah ich im ungewissen Lampenschein noch eine Bewegung des Kleinen, ich konnte wirklich keinen Platz für ihn machen und dachte nur — einer muß bleiben! Nur einer! Und — Otto blieb! Stempel flogen auf, dichter Staub wirbelte hoch, es gab ein heulendes, klirrendes und krachendes Durcheinander ick der Finsternis — dann war alles vorbei. Der arme Otto. Als ich wieder zu mir kam, hatten sie ihn schon weggebracht. So war es gewesen! Will es mir einer verdenken, daß ich mich zuerst in Sicherheit brachte? Habe ich das überhaupt getan in dieser plötzlichen Wirrnis? Ich wurde lange Zelt ein bitteres Gefühl nicht los. Der gute Otto tat mir leid. Er war mein Freund gewesen. Spät in der Nacht nach diesem Tage, die voller Nebel hing, hockte ich noch bei Lampenschein und wartete auf etwas, ohne zu wissen, worauf. Die Fenster waren geöffnet und der süßliche Geruch von den Kokereien strömte herein. Es war überall still. Nur ein Hund heulte draußen in den Güterschuppen. Die Zechen stöhnten einsam und schwer in dieser dunklen Nacht. Ich sah in das kleine Licht vor mir und hatte trübe Gedanken, und der Freund wollte mir nicht aus dem Sinn. Ich machte Pläne, wie wir uns beide hätten retten können und verwarf sie wieder. Schließlich war es doch wohl eine böse Sache, denn Otto war der einzige Sohn der alten Hanne gewesen, die nebenan wohnte. Es wußte ja kein Mensch, wie alles wirklich so gekommen war, kein Mensch hätte mich schuldig heißen dürfen. Aber mein Gewissen ließ mir keine Ruhe, und es wurde eine schlimme Nacht für mich. Am liebsten wäre ich gewiß wieder zum Schacht gelaufen, hätte alles noch einmal recht besehen und erwogen, hätte auch wohl gern die andern belauscht, was sie wohl sagten zu dem Unfall — aber das ging doch nicht. So saß ich lange da und rührte mich nicht, obwohl ich hundemüde war. Das Beste schien mir zum Schluß zu sein, wenn ich mich in ein anderes Revier verlegen ließe oder ein paar Tage Urlaub nähme, um die bösen Gedanken zu vergessen. Und über mein Nachsinnen schlug plötzlich die dritte Morgenstunde im Hause, so daß ich die Augen aufriß und gähnte. Aber — was war das? Draußen rollte ein ferner Zug nach Bochum; ich konnte es in der Stille genau unterscheiden. Und mir schien gleichzeitig, als regte sich draußen etwas, als gingen Schritte im Laub vor dem Hause. Das Herz schlug mir plötzlich zum Zerspringen, kaum wagte ich zu atmen. Aber es blieb doch alles ruhig. Lange Zeit! Und die Lampe vor mir brannte trübe zu Ende. Hatte ich nicht doch recht gehört? Ganz weit draußen rief tatsächlich eine weinerliche Stimme meinen Namen. Mitten in der Nacht! Ein banger Ton lag in der suchenden Stimme. Konnte das überhaupt möglich sein? Und dazu um diese Zeit? Mir war, als hätte die alte Hanne nach mir gerufen. Ich sah nichts, als ich mich zum Fenster hinauslehnte. So setzte ich mich wieder in den Lichtkreis meiner Lampe, guckte müde auf das Muster der Decke, aber da brüllte die verzweifelte, schreckliche Stimme mit einem Male wieder, nun dicht unter dem Fenster, so daß es schauerlich anzuhören war. Sie erstarb bann in jämmerlichem Gewinsel. Die alte Hanne! Ich war wohl zu teilnahmslos an allen Dingen um mich herum geworden, denn ich erschrak zwar, horchte aber ruhig weiter, was nun geschehen würde. Ich wußte, daß meine Glieder zitterten und wartete geduldig. Es geschah nichts. Gar nichts! Ich hatte das Gefühl, an Stelle des Rückgrats einen Stock zu haben. So war mir zumute. Aber wer wollte mir hier etwas? Wer wohl? Draußen blieb alles still; ich rührte mich kaum. Angestrengt dachte ich an die alte Hanne und Otto und mußte sogar ein wenig über die beiden lächeln. Warum, weih ich nicht. Aber gegen vier Uhr! Ganz genau wußte ich, was jetzt geschah: Möglicherweise war es Uebermut, denn ein plötzliches Drängen trieb jetzt stark in mir; ich sagte mir laut, daß es Unsinn wäre, ohne, daß es mir geholfen hätte. Ich trieb es unerklärlicherweise so weit, mir einzubilden, draußen vor der Haustür, im Blattgeranke vor der Treppe, müßte eine Eule sitzen. Eine Eule! Es war, als wüßte ich es deutlich, und mein kurzer Kampf gegen solchen Unfug, gegen diesen absonderlichen Nachtspuk, ging schnell zu Ende. Schritt um Schritt messend ging ich durch die Dunkelheit dahin, lachte dabei leise und selbstsicher, kam an die Haustür und hörte nun schon, — tatsächlich, ich hörte draußen jede Bewegung des Tieres, schob behutsam den Riegel zur Seite, beinahe wie ein Dieb, und riß bann mit plötzlichem Ruck bie Tür weit auf. Was nun geschah, läßt sich kaum beschreiben: Die alte Hanne kam wirklich bie Treppe heraus! Sie hatte einen gräßlichen Eulenkopf, rote Augen, hinkte auf beiden Beinen unb röchelte schwer und mühsam Sie war um die Hälfte kleiner, als ich sie eigentlich kannte. Dabei hatte sie einen Buckel, der sich ständig zu bewegen schien. Es war ein unheimlicher Anblick. Nur einen Augenblick lang nahm ich das fürchterliche Bild aus. dann schrie ich los. In meinem Angstschrei tag die Abwehr letzter Not. Eine Enttäuschung, irgendwie hintergangen zu sein, und als ich dabei die Arme hochwarf, heulte das Eulengesicht, das Gespenst ober was es gewesen sein mag, mit grauenerweckender Stimme- gleichzeitig mit auf. Und dann war es fürchterlich, als ich mich ausrichtete und schlaftrunken in meinem Zimmer noch den nachhallenden eigenen Schrei vernahm. Das Licht war erloschen. Draußen dämmerte der Tag. Es ist mir immer unbekannt geblieben, was das alles zu bedeuten gehabt hat. Sicher war alles nur die Angst des bösen Gewissens gewesen. Seit dieser Zeit stand lange noch etwas Unbekanntes unb Schreckhaftes zwischen mir und den täglichen Schichten da unten in der Xicfc. Als ich aber am Tage darauf dem dicken Otto mit seiner Mutter begegnete, wäre ich vor freudigem Schreck den beiden bald in bie Arme gefallen. Otto lebte noch! Mehr als bas: er hatte zwar Kopf und Hande oerbunben, wollte aber in acht Tagen schon roieber anfahren Ich erzählte ihnen nun bie fonberbare Nachtgeschichte, aber sie lachten nur darüber, unb Otto sagte, sie hätten Sie ganze Nacht über mich gesprochen unb mich bedauert, weil sie glaubten, mir wäre etwas zugestoßen. Es hat aber lange gebauert, bis ich bie Geschichte über den Alltag unb die täglichen Lebensmühen vergessen hatte. Aber in meinem kleinen Bergmannrtagebuch steht sie zu steter Erinnerung! Beran'wortlich: vr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univ ersitäts-Duch- und Steindrucker ri, R. Lange, Di eben.