Nummer 26 Montag, den April Jahrgang 1935 । ihr das ganze Jahr nur studiertet, was könne; er hingegen verlangt nie etwas von GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Reich ist die Erde. Von Wilhelm Luetjens. 'Meder im März aus der schwärzlichen Erde brechen die gelben Primeln dir auf. Siehe, sie heben mit scheuer Gebärde schon ihre schimmernden Blätter herauf. Lebt dir das Wunder, wie aus dem feuchten Erdreich das Gelbe sich drängend befreit? Reich ist die Erde an Blumen: ihr Leuchten ist uns ein Zeiger der wandelnden Zeit. Zwischen den Wurzeln der Bäume schon blüht es, wenn auf den Wiesen das Warten noch währt. Spür das Erwachen im Raum des Gemütes, fühl', wie das Leben vom Ewigen zehrt. Schon sind die Primeln da, schon Anemonen: Reich ist die Erde. Du sollst sie bewohnen. Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von Gottsried Keller. Der Schneidermeister Hediger in Zürich war in dem Alter, wo der fleißige Handwerksmann schon anfängt, sich nach Tisch ein Stündchen Ruhe zu gönnen. So sah er denn an einem schönen Marztage nicht in feiner leiblichen Werkstatt, sondern in seiner geistigen, einem kleinen Sonderstübchen, welches er sich seit Jahren zugeteilt hatte. Er freute sich, dasselbe ungeheizt wieder behaupten zu können; denn weder seine alten Handwerkssitten, noch seine Einkünfte erlaubten ihm, während des Win- ters sich ein besonderes Zimmer erwärmen zu lassen, nur um darin zu lesen. Und das zu einer Zeit, wo es schon Schneider gab, welche aus die Jagd gehen und täglich zu Pserde sitzen, so eng verzahnen sich die Ueber- günge der Kultur ineinander. , „ , . , ,, . Meister Hediger durfte sich aber sehen lassen in seinem wohlaufgeräumten Hinterstübchen. Er sah fast eher einem amerikanischen Sguatter, als einem Schneider ähnlich; ein kräftiges und verständiges Gesicht mit starkem Backenbart, von einem mächtigen kahlen Schädel überwölbt, neigte sich über die Zeitung „Der schweizerische Republikaner und las mit kritischem Ausdruck den Hauptartikel. Von diesem Republikaner standen wenigstens fünfundzwanzig Foliobande, wohl gebunden, in einem kleinen Glasschranke von Nußbaum, und si« enthielten fast nnhts, das Hediger seit fünfundzwanzig Jahren nicht mit erlebt und durchge- kämpst hatte. Außerdem stand ein „Rotleck" in dem Schranke eme Sckstvei- zerqeschichte von Johannes Müller und eine Handvoll politischer FUig- schilsten und dergleichen; ein geographischer Atlas und ein Mäppchen voll Karikaturen und Pamphlete, die Denkmäler bitter leidenschaftlicher Tage, lagen aus dem untersten Brette. Die Wand des Zimmerchens war geschmückt mit den Bildnissen von Kolumbus, von Zw.ngli von Hu en Washington und Robespierre; denn er verstandseinen Spaß und billig e nachträglich die Schreckenszeit. Außer diesen Welthelden schmückten die Wänd noch einige schweizerische Fortschrittsleute mit der beigesugten Handschrist in höchst erbaulichen und weitläufigen Denkschriften, ordentlichen kleinen Aufsätzchen. Am. Bücherschrank aber lehnte eine gut im Stand erhaltene, blanke Ordonnanzflinte, behängt mit einem kurzen Seitengewehr und einer Patrontasche, worin zu jeder Zeit dreißig scharfe Patronen steckten. Das war s e i n Jagdgewehr, womit er " aus Hasen und Rebhühner, sondern auf Aristokraten und Jesuiten, auf Versassungs- brecher und Volksoerräter Jagd machte. Bis jetzt hatte ihn einJrcunö« Hefter Stern bewahrt, daß er noch kein Blut vergossen, aus Mangel an Gelegenheit; dennoch hatte er die Flinte schon mehr als einmal ergriffen und war damit auf den Platz geeilt, da es noch die Zeit der Putsche war, und das Gewehr mußte unverruckt zwi chen Bett undSchrank stehen bleiben; „denn", pflegte er zu (agen, „feine Regierung und ferne Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Burger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was 65 Als'der wackere Meister mitten in seinem Artikel vertieft war, bald zustimmend nickte und bald den Kopf schüttelte, trat fern jüngster Sohn Karl herein, ein angehender Beamter aus einer Regierungskanzlei. „Was gibt's?" fragte er barsch; denn er liebte nicht in seinem Stübchen gestört zu werden. Karl fragte, etwas unsicher über den Erfolg ftmer Ritte, ob er des Vaters Gewehr und Patrontasche für den Nachmittag haben könne, da er auf den Drillplatz gehen müsse. einschmieren!" „ , . , _ ,, ,, .. Er hatte die benannten Gegenstände alle auf das Zeitungsblatt gelegt Karl sah ihm eifrig zu, reichte ihm auch das Fläschchen und meinte, das Wetter habe sich günstig geändert. Als aber fein Vater die Bestand- teile des Schlosses abgewischt und mit dem Oele frisch befeuchtet hatte, fetzte er sie nicht wieder zusammen, sondern warf sie in den Deckel einer Heinen Schachtel durcheinander und sagte: „Nun, wir wollen das Ding am Abend wieder einrichten; jetzt will ich die Zeitung fertig lesen!" Getäuscht und wild ging Karl hinaus, sein Leid der Mutter zu klagen; er fühlte einen gewaltigen Respekt vor der öffentlichen Macht, in deren Schule er nun ging als Rekrut. Seit er der Schule entwachsen, war er nicht mehr bestraft worden, und auch dort in den letzten Jahren nicht mehr; nun sollte das Ding auf einer höheren Stufe wieder an- gehen, bloß weil er sich auf des Vaters Gewehr verlassen hatte. Die Muller sagte: „Der Vater hat eigentlich ganz recht! Alle vier Buben habt ihr einen bessern Erwerb, als er selbst, und das vermöge der Erziehung, die er euch gegeben hat; aber nicht nur braucht ihr den lemen Heller für euch selbst, sondern ihr kommt immer noch den Alten zu plagen mit Entlehnen von allen möglichen Dingen: schwarzer Frack, Perspektiv Reißzeug, Rasiermesser, Hut, Flinte und Sabel; was er sich sorglich in Ordnung hält, das holt ihr ihm weg und bringt^es verdorben-zurück. Es ist, als ob ihr das _ ~ "" " man noch von ihm entlehnen könne; er hingegen verlangt nie etwas von euch, obgleich ihr das Leben und alles ihm zu danken habt. Ich will dir für heut noch einmal helfen!" Sie ging hierauf zum Meister Hediger hinein und sagte: „Lieber Mann, ich habe vergessen, dir zu sagen, daß der Zimmerme.ster Fm mann hat berichten lassen, die Siebenmännergeselljchast komme heut zu- , Keine Rede, wird nichts daraus!" sagte Hediaer kurz. „Und warum denn nicht? Ich werde ja nichts daran verderben!'fuhr der Sohn kleinlaut fort und doch beharrlich, weil er durchaus ein Gewehr haben mußte, wenn er nicht in den Arrest spazieren wollte. Allein der Alte versetzte nur um so lauter: „Wird nichts daraus! Ich muß mich nur wundern über die Beharrlichkeit meiner Herren Söhne, die doch in anderen Dingen so unbeharrlich sind, daß keiner von allen bei dem Berufe blieb, den ich ihn nach freier Wahl habe lernen lassen! Du weißt, daß deine drei älteren Brüder der Reihe nach, so wie sie zu exerzieren anfangen mußten, das Gewehr haben wollten und daß es keiner bekommen hat! Und doch kommst du nun auch noch angefchlichen! Du haft deinen schönen Verdienst, für niemand zu sorgen — schass dir deine Massen an, wie es einem Ehrenmanne geziemt! Das Gewehr kommt nicht von der Stelle, außer wenn ich es selbst brauche!" „Aber es ist ja nur für einige Male! Ich werde doch nicht ein In- fanteriegewehr kaufen sollen, da ich nachher doch zu den Scharfschützen gehen und mir einen Stutzen zutun werde!" „Scharfschützen! Auch schön! Woher erklärst du dir nur die Notwendigkeit, zu den Scharfschützen zu gehen, da du noch nie eine Kugel abgefeuert haft? Zu meiner Zeit muhte einer schon tüchtig Pulver verbrannt haben, eh' er sich dazu melden durste; jetzt wird man aus gerat« wohl Schütz, und Kerle stecken in dem grünen Rock, welche keine Katze vom Dach schießen, dafür aber freilich Zigarren rauchen und Halbherren sind! Geht mich nichts an!" „Ei", sagte der Junge fast weinerlich, „so gebt es mir nur dies eine Mal; ich werde morgen für ein anderes sorgen, heut kann ich unmöglich mehr!" _ v . ,,, „Ich gebe", versetzte der Meister, „meine Waffe niemand, der nicht damit umgehen kann; wenn du regelrecht das Schloß dieser Flinte ad- nehmen und auseinanderlegen kannst, so magst du sie nehmen, sonst aber bleibt sie hier!" Und er suchte aus einer Lade einen Schraubenzieher hervor, gab ihn dem Sohn und wies ihm die Flinte an. Der versuchte in der Verzweiflung fein' Heil und begann die Schloßfchrauben loszumachen. Der Vater schaute ihm spöttisch zu; es dauerte nicht lange, so rief er: „Laß mir den Schraubenzieher nicht so ausglitschen, du verdirbst mir die ganze Geschichte! Mach' die Schrauben eine nach der andern halb los und dann erst ganz, so geht's leichter! So, endlich!" Nun hielt Karl das Schloß in der Hand, wußte aber nichts mehr damit anzufangen und (egte es seufzend hin, sich im Geiste schon im Strafkämmerchen sehend. Der alte Hediger aber, einmal im Eifer, nahm jetzt das Schloß, dem Sohn eine Lektion zu halten, indem er es erklärend auseinandernahm. „ ... , Siehst du", sagte er, „zuerst nimmst du die Schlagfeder weg mittels dieses Federhakens — auf diese Weise; bann kommt die Stangenfeder- schraube, die schraubt man nur halb aus, schlägt so auf die Stangen- feder daß der Stift hier aus dem Loch geht; jetzt nimmst du die Schraube ganz weg Jetzt die Stangenfeder, dann die Stangenfdjraube, die Stange; jetzo die Studelschraube und hier die Studel; ferner die Nußfchraube, den Hahn und endlich die Nuß; dies ist die Nuß! Reiche mir das Klauen- fett aus dem Schränklein dort, ich will die Schrauben gleich ein bißchen j: Jammen und es feien Verhandlungen, ich glaube etwas Politisches!" — „So?" sagte er sogleich angenehm erregt, stand auf und ging hin und her; „es nimmt mich wundes dah Frymann nicht selbst getommen ist, um vorläufig mit mir zu retzen, Rücksprache zu nehmen?" Nach einigen Minuten kleidete er sich rasch an, fetzte den Hut auf und entfernte sich mit den Worten: „Frau, ich gehe jetzt gleich fort, ich muß wissen, was es gibt! Bin auch dieses Frühjahr noch keinen Tritt im Freien gewesen, und heut ift’s so schön! Also adieu denn!" „So! nun kommt er vor zehn Nachts nicht mehr!" lachte Frau Hediger und forderte Karl aus, das Gewehr zu nehmen, Sorg' zu tragen, und es rechtzeitig wieder zu bringen. „Ja nehmen!" klagte der Sohn, „er hat ja das Schloß auseinandergetan, ich kann es nicht Herstellen." — „So kann ich es!" rief die Mutter und ging mit dem Sohn in bas Stübchen. Sie kippte den Deckel um, in welchem das zerlegte Schloß lag, las die Federn und Schrauben auseinander und begann sehr gewandt, sie zusammenzufügen. „Wo zum Teufel habt Ihr das gelernt, Mutter?" rief Karl ganz verblüfft. „Das hab' ich gelernt", jagte sie, „in meinem väterlichen Haufe! Dort hatten der Vater und meine sieden Brüder mich abgerichtet, ihnen ihre sämtlichen Büchsen und Gewehre zu putzen, wenn sie geschossen hatten. Ich tat es oft unter Tränen, aber am Ende konnte ich mit dem Zeug umgehen wie ein Büchsenmachergefell. Auch hieß man mich im Dorfe nur die Büchsenschmiedin, und ich hatte fast immer schwarze Hände und einen schwarzen Nasenzipfel. Die Brüder verschossen und verjubelten Haus und Hof, so daß ich armes Kind froh sein mußte, d.ah mich der Schneider, dein Vater, geheiratet hat." Während dieser Erzählung hatte die geschickte Frau wirklich das Schloß zusammengesetzt und am Schafte befestigt. Karl hing die glänzende Patronentasche um, nahm das Gewehr und eilte spornstreichs auf den Exerzierplatz, wo er noch mit knapper Not anlangte, ohne zu spät zu kommen. Nach sechs Uhr brachte er die Sachen wieder zurück, versuchte nun selbst das Schloß auseinanderzunehmen und legte dessen Bestandteile wieder in den Schachteldeckel, wohl durcheinander gerüttelt. Nachdem er ein Abendbrot verzehrt und es darüber dunkel geworden, ging er an die Schifflände, mietete ein Schiffchen und fuhr längs den Usern hin, bis er vor die Plätze am See gelangte, welche teils von Zimmerleuten, teils von Steinmetzen benutzt wurden. Es war ein ganz herrlicher Abend; ein lauer "Südwind träufelte leicht das Wasser, der Vollmond erleuchtete dessen ferne Flächen und blitzte hell auf den kleinen Wellen in der Nähe, und am Himmel standen die Sterne in glänzend klaren Bildern; die Schneeberge aber schauten wie bleiche Schatten in den See herunter, säst mehr geahnt als gesehen; der industriöse Schnickschnack, das Kleinliche und Unruhige der Bauart hingegen verschwand in der Dunkelheit und wurde durch das Mondlicht in größere ruhige Massen gebracht, kurz das Landschaftliche war für die kommende Szene würdig vorbereitet. Karl Hediger fuhr rasch dahin, bis er in die Nähe eines großen Zimmerplatzes kam; dort fang er mit halblauter Stimme ein paarmal den ersten Vers eines Liedchens und fuhr bann langsam und gemächlich in den See hinaus. Von den Bauhölzern aber erhob sich ein schlankes Mädchen, das dort gesessen, band ein Schiffchen los, stieg hinein und fuhr allmählich, mit einigen Wendungen, dem leise singenden Schiffer nach. Als sie ihm zur Seite war, grüßten sich die jungen Leute und fuhren ohne weiteren Aufenthalt, Bord an Bord, in das flüssige Silber hinaus, weit auf den See hin. Sie beschrieben in jugendlicher Kraft einen mächtigen Bogen mit mehreren Schneckenlinien, welche das Mädchen an- gab und der Jüngling mit leisem Ruderdrucke mitmachte, ohne von ihrer Seite zu kommen, und man sah, daß das Paar nicht ungeübt war -im Zusammensahren. Als sie recht in die Stille und Einsamkeit geraten, zog das junge Frauenzimmer die Ruder ein und hielt still. Das heißt, sie legte nur das eine Ruder nieder, das andere hielt sie wie spielend über dem Rande, jedoch nicht ohne Zweck; denn als Karl, ebenfalls stillhaltend, sich ihr ganz nähern, ja ihr Schiffchen förmlich entern wollte, wußte sie sein Fahrzeug mit dem Ruder sehr gewandt abzuhalten, indem sie ihm jeweilig einen einzigen Stoß gab. Auch diese Uebung schien nicht neu zu fein, da sich der junge Mensch bald ergab und in seinem Schisslein still saß. Nun singen sie an zu plaudern und Karl sagte: „Siebe Hermine! Ich kann jetzt das Sprüchwort umkehren und rufen: was ich in der Jugend die Fülle hatte, das wünsch' ich im Alter, aber vergeblich! Als ich zehn Jahre alt war und du sieben, wie oft haben wir uns da geküßt, und nun ich zwanzig bin, bekomme ich nicht einmal deine Fingerspitzen zu küssen." „Ich will ein für allemal von diesen unverschämten Lügen nichts mehr hören! antworte das Mädchen halb zornig, halb lachend, „alles ist erfunden und erlogen, ich erinnere mich durchaus nicht an solche Vertraulichkeiten!" „Leider!" rief Karl; „aber ich um so besser! Und zwar bist du gerade die Tonangeberin und Verführerin gewesen!" -Karl, wie häßlich!" unterbrach ihn Hermine; aber er fuhr unerbittlich chrt: „Erinnere dich doch nur, wie oft, wenn wir müde waren, den armen Kindern ihre zerrissenen Körbe mit. Zimmerspänen füllen zu halfen, zum steten Verdrusse eurer Polierer, wie oft mußt' ich dann zwischen den großen Holzoorräten, ganz im verborgenen, aus kleinen sjoläern und Brettern ein Hüttlein bauen mit einem Dach, einer Türe anö einem Bänklein darin! Und wenn wir dann aus dem Bänkchen aßen, bei geschlossener Türe, und ich meine Hände endlich in den Schoß legte, wer siel mir bann um den Hals und küßte mich, daß es kaum zu zahlen war?" Bei diesen Worten wäre er fast ins Wasser gestürzt; denn da er roa?r,, . ',emer Kebcn s'ch unvermerkt wieder zu nähern gesucht hatte, gab sie seinem Schiftlein plötzlich einen so heftigen Stoß, daß es bei= nabe UMfchlug Hellauf lachte sie, als er den linken Arm bis zum Ellbogen ins Wasser tauchte und darüber fluchte. „Warf nur," sagte er, „es kommt gewiß die Stunde, wo ich bir’s ein- tranken werde! „$)at noch alle Zelt", erwiderte sie, „bitte, übereilen Sie sich nicht, mein schöner Herr!" Dann suhr sie etwas ernster fort: „Der Vater hat unsere Geschichte erfahren; ich habe sie nicht geleugnet, was die Hauptsache betrifft; er will nichts davon wissen, er verbietet uns alle ferneren Gedanken daran; so stehn wir also!" „Und gedenkst du zu dem Ausspruche deines Herrn Vaters dich so fromm und unwiderruflich zu fügen, wie du dich anstellst?" „Wenigstens werde ich nie das erklärte Gegenteil von feinen Wünschen tun und noch weniger mich in ein feindliches Verhältnis zu ihm wagen; denn du weißt, daß er die Dinge lang nachträgt und eines tief um sich fressenden Grolles fähig ist. Du weißt auch, daß er, schon seit fünf Jahren Witwer, meinetwegen nicht wieder geheiratet hat; ich glaube, bas kann eine Tochter immer berücksichtigen! Und weil wir einmal dabei sind, so muh ich dir auch sagen, daß ich es unter diesen Umständen für unschicklich halte, uns so oft zu sehen; es ist genug, wenn ein Kind inwendig mit seinem Herzen nicht gehorcht; mit äußern Handlungen täglich zu tun, was die Eltern nicht gern sähen, wenn sie's wüßten, hat etwas Gehässiges, und darum wünsche ich, daß wir uns höchstens alle Monat einmal allein treffen, roifc bisher fast alle Tage, und im übrigen die Zeit über uns ergehen lassen." „Ergehen lassen! Und du kannst und willst wirklich die Dinge so gehen lassen?" „Warum nicht? Sind sie so wichtig? Es ist dennoch möglich, daß wir uns bekommen, es ist möglich, auch nicht! Und die Welt wird doch bestehen, wir vergessen uns vielleicht von selbst, denn wir sind noch jung; und in keinem Fall scheint mir groß Aufhebens zu machen!" Diese Rede hielt die siebzehnjährige Schöne mit scheinbarer Trockenheit und Kälte, indem sie die Ruder wieder ergriff und landwärts steuerte. Karl fuhr neben ihr, voll Sorgen und Furcht, und nicht minder voll Aerger über Herminens Worte. Sie freute sich halb und halb, den Wildfang in Sorgen zu wissen, war aber doch auch nachdenklich über den Inhalt des Gespräches und besonders über die vierwöchentliche Trennung, welche sie sich auferlegt hatte. So gelang es ihm, sie endlich zu überraschen und sein Schiff mit einem Rucke an bas ihre zu brücken. Augenblicklich hielt er ihren schlanken Oberkörper in ben Armen unb zog ihre Gestalt zur Hälfte zu sich hinüber, so baß sie beide halb über dem tiefen Wasser schwebten, die Schiffchen ganz schief lagen und jede Bewegung das völlige Umschlagen mit sich brachte. Die Jungfrau fühlte sich daher wehrlos unb mußte es erbulben, bah Karl ihr sieben ober acht heftige Küsse auf ble Lippen brückte. Dann richtete er sie samt ihrem Fahrzeug wieder sanft unb sorglich in bie Höhe; sie strich bie Locken aus bem Gesicht, ergriff bie Ruder, atmete heftig auf unb rief, mit Tränen in ben Augen, zornig und drohend: „Wart' nur, du Schlingel, bis ich dich unter bem Pantoffel habe! Du sollst es, weiß Gott im Himmel, verspüren, baß bu eine Frau hast.!" Damit fuhr sie, ohne sich weiter nach ihm umzusehen, mit raschen Ruderschlägen nach ihres Vaters Grundstück und Heimwesen. Karl dagegen, voll Triumph und Glückseligkeit! rief ihr nach: „Gute Nacht, Fräulein Hermine Frymann!, es hat gut geschmeckt!" (Fortsetzung folgt.) Wo Bismarck liegen sott. Von Theodor Fontane. Nicht in Dom ober Fürstengruft, Er ruh' in Gottes freier Luft Draußen auf Berg und Halde, Noch besser tief, tief im Walde; Widukind lädt ihn zu sich ein: „Ein Sachse war er, drum ist er mein, Im Sachsenwald soll er begraben sein." Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt, Aber der Sachfenwald, der hält. Und kommen nach dreitausend Jahren Fremde hier des Weges gefahren Und sehen, geborgen oorm Licht der Sonnen, Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen Und staunen der Schönheit und jauchzen ftoh, So gebietet einer: „Lärmt nicht so! Hier unten liegt Bismarck irgendwo." Beim 80jährigen Bismarck. persönliche Erinnerungen zum 1. April. Von Paul Lindenberg*. „Die Ruhe vor bem Sturm", sagte mir ber Oberförster Lange am 23. März, als ich ihm meine Verwunberung aussprach, baß man bisher wenig in Friebnchsruh vom bevorstehenben großen Ereignis merke. „Sie werden genug zu tun bekommen! Unb wenn ich Ihnen nützen kann, Sie wissen, es geschieht gern!" Diesem prächtigen Forstmanne, ber bas vollste Vertrauen Bismarcks genoß, verbaute ich, baß ich manches sehen, hören unb beobachten konnte, was anberen nicht ermöglicht war. Es ging noch still zu im Friebrichsruher Herrenhause, in schweigenber Erwartung. Die beiden Söhne waren anwesend, die Tochter, Gräfin Rantzau mit Mann und Kindern, die Gräfin Hoyos, Lenbach, Schweninger. Als man von dem kommenden Ereignis sprach, meinte Bismarck: „Nach allem, was man mir sagt, werden große Vorbereitungen getroffen, um mir Liebe und Wohlwollen zu meinem Ge- * Der Verfasser, der mehrmals vorher beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruh gewesen war, wohnte dort am 1. April 1895 den Festlichkeiten des 80. (Geburtstages bei und konnte dank seiner persönlichen Beziehungen, vieles sehen, hören und erleben, was anderen versagt blieb. nicht «ter g ° Haupt: inneren 5 dich |o 'n Wich: 3u ih„ no eines Ichon |eit h Staube, ml dabei nben für Kind in. [»Ölungen Bien, hch lens alle i übrigen so gehen daß mir doch be- >ch jung; Trocken- mdwärch it minder >alb, den über den rennung, chiff mit jchlanken sich Hirn uten, die Wagen nußte es ! Lippen inst und •griff die i, zornig Pantoffel du eine -hen, mit immefen : Jute nae au» nW rte. ann, b as voW' es •"$* j'jA nem sin°^ s>| Jot bi* burtstage zu erweisen. Haß ist ansteckend. Ich hab's erfahren, aber auch die Liebe. Dann vergitzt man alles, was man je an Haß erfahren hat!" i£r war besonders guter Stimmung, plauderte angeregt bei der Frühstücks- und Mittagstafel, bedeutsame Zeitfragen wurden eingehend erörtert. So manche Stunde kürzte er sich durch das Lesen der Erinne- Brungen einiger Generale des ersten Napoleon, für den er stets viel Interesse gehabt. An Gästen aus der Nachbarschaft fehlte es nicht, ihm waren die Mahlzeiten nach alter germanischer Sitte immer willkommen; auch hier gab er sich einfach und liebenswürdig, schätzte jedes gute Wort und nicht minder jeden guten Scherz. Als er bei dieser Gelegenheit einmal erwähnte, daß er während der letzten Nacht schlaflose Stunden gehabt, fragte ihn die hübsche, elegante Gattin des in der Nähe begüterten Oberst o. Goldammer, ob er dann an die großen Taten der Weltgeschichte gedacht. Bismarck: „Gott bewahre! Da dachte ich mir aus, wie schön dieser oder jener Platz sein wird, sobald das junge Laub Der folgende Tag war also der „schwerste", er brachte den Besuch des Kaisers der den Fürsten im Namen der Armee beg udwunschen wallte. Infanterie, Kavallerie, Artillerie auf dem an den fürstlichen Pa« stoßenden Acker. Als der Wagen mit dem Fürsten, derwiedeimm Kürassieruniforrn trug, erschien, sprengte der Kaiser m gestreck em Galopp auf ihn zu, dem Fürsten mit einigen Worten die Hand / 'chend. Zur linken Seite des Wagens, der langsam unter dem Sp'el aller Kapellen an den Truppen vorüberfuhr, ritt der Kaiser. 2« der Mitte d gib mürbe’Va«»tber ’Watete seine' beglückwünschenden Worte | an Bismarck sie schließend: „Und nun empfangen Ew D"^)laucht meine ~ Seburtstagsqabe, ein Schwert, die vornehmste Waste der Germanen, dabei überreichte er einen goldenen Barsch. Bismarck verließ Wagen, den Mantel abwerfend, fest und sicher schritt er °uf den Kaiser tu, an ihn einige Dankesworte richtend. Dann wandte sich der Kaiser zu den Truppen: „Kameraden, der Fürst von Bismarck, Herzog v ii ^«ad) d^sem°bewegtei?^ge trat etwas Ruhe ein. Der Fürst nahm jkommtl" Allmählich legte die Ortschaft festlichen Schmuck an. Fahnen, Wimpel, Banner, Girlanden, alles sehr schlicht. Auch das Schloß wurde bekränzt. Der Mittag des 25. März brachte die erste Feierlichkeit: die Landtagsund Reichstagsabgeordneten trafen aus Berlin ein. Man stand in Gruppen auf dem Bahnsteige umher, um nach dem Park zu gehen, wo der Empfang durch den Fürsten stattfinden sollte. Plötzlich ein Drängen und Fragen: Fürst Bismarck ist unerwartet erschienen. Ragend die Gestalt, voll Gröhe und Frische, auf dem Haupt der stählerne Helm, zur linken Seite der Pallasch mit der rechten Hand sich auf einen derben Naturstock tützend, über der Uniform den hechtgrauen Mantel mit gelben Anschlägen und breitem Pelzkragen. So kam er hoch aufgerichtet einher- , geschritten. Sofort umringte ihn ein enger Kreis meist persönlich Be- i annter, von denen er einzelne mit festem Händedruck begrüßte. Durchdringend blickten seine großen blauen Augen, sie schweiften suchend umher merkten die Lücken: „Ach, so mancher meiner alten Freunde ist gestorben, ich finde ihn nicht mehr in Ihren Reihen!" Nach kurzer Pause: Aber man erkennt ja die Herren heute gar nicht wieder! Warum haben Sie Zylinder auf? Das ist man in Friedrichsruh gar nicht gewohnt, Sie kommen ja hier in eine Wildnis! Nun, jedenfalls freut es mich, daß ich die Herren hier schon auf meinem Gebiet begrüßen durste, und nun können wir wohl gehen!" Aus die Bemerkung, daß man noch den Zug mit den Reichstagsmitgliedern erwarte, meinte er lächelnd: „3a, dürfen die denn?" Die eigentliche Begrüßung fand kurz danach im Park statt. Bismarck, jetzt den Mantel offen, daß man das Eiserne Kreuz erster Klasse und den Pour le m6rite mit den Schwertern bemerkte, ergriff nach den Reden der drei Präsidenten das Wart, zunächst stockend, dann m tief= wirkender Weise seinen nationalen Gefühlen Ausdruck gebend. Als er von feinen verstorbenen Mitarbeitern sprach, mit denen er das Verdienst teile, „vor allem mit meinem hochseligen ..." versagte ihm die Stimme. Man merkte ihm seine innere Bewegung an, in seinen Zugen zuckte es, schwer atmete seine Brust, er suchte seiner Rührung Herr zu werden, die stark auf uns überging. Endlich fand er die Fassung wieder und fuhr fort .. „alten Herrn, dem Kaiser Wilhelm." Während die Mehrzahl, von den Grafen Herbert und Wilhelm geführt, durch den Park wanderte, blieb ich mit einigen bekannten Abgeordneten nahe dem Eingang des Schlosses. Nach einem halben Stündchen erschien Graf Rantzau und sagte: „Wenn einige Herren noch em- treten wollen ..." Und ob wir wollten! Wir gelangten m das ®or= gemach des großen Speisezimmers, in welchem an langem Tische noch die Geladenen versammelt waren. Bismarck sah an der Spitze unb ent= ' lockte der langen Pfeife mächtige Rauchwolken. Das Frühstück war schon i zu Ende, manche der Gäste standen auf, andere blieben noch sisien Der getreue Kammerdiener Pinnow hatte uns entdeckt und brachte kühlen Champagner. Graf Bill ging mit der Zigarrenkiste umher und bedachte auch uns. Dann gesellte sich S chw e ni n ge r (Bismarcks Leib- i arzt) zu uns, auf eine Frage nach dem Befinden des Fürsten erwiderte - er: „Ich sagte ihm immer, wenn er einmal klagt: .Durchlaucht sollen froh sein, daß Sie noch klagen können st Es sind ja kleine Leidem Erkältungen, bei seinen häufigen Spaziergangen und Fahrten nichtzu vermeiden. Er vermißt sehr, daß er nicht mehr zu Pferd steigen und durch den Forst streifen kann." , . , Plötzlich stand Fürst Birmarck in der Tur, Schwemnger lächelnd fragend: „Nun, habe ich gut bestanden, duce medico? Aber vor dem morgigen Tag fürchte ich mich, der wird der schwerste. Präsident v. Köller trat zum Fürsten, sich verabschiedend, Bismarck erinnerte daran, daß er in diesem Jahr auch sem ö0jahriges Iubtla , als Parlamentarier begehe. Denn er habe 1845, in der Anfangszeit feiner parlamentarischen Tätigkeit, ein Referat erstatten müssen: »Eswar nicht sehr aufregend und wichtig, über die Verteilung von To^streu in der i Sorigenbenanftalt zu Uedermünbe!" Die Stimme war weich und warm s von eigentümlichem Zauber, nichts von Effekt, von beabsichtigter Wirkung letzten Plätzchen gefüllt, eine erbrüdenbe Fülle, :, Gutgemeintes, Gefchmadvolles unb Gefchmack- fchlechtes Herz, guter Magen. seine gewohnte Lebensweise wieder auf. Bis zur neunten, manchmal auch zehnten Morgenstunde blieben die weißen Fensterläden feines zu ebener Erde gelegenen Schlafgemaches und des benachbarten Arbeitszimmers fest geschloffen. Frühstüd und Mittagessen wurden zu den gewohnten Zeiten eingenommen. Der Fürst sprach hierbei den Speisen roader zu und verschmähte auch nie den nötigen „Ausguß" — am Tage der Parlamentarier zum Frühstück zwei Flaschen köstlichen Rieslinger, bann noch einige Gläser Sekt. Bis zur elften Abenbstunbe blieb er auf, wenige Minuten brauchte er zum Auskleiben, alles ging kurz, militärisch. In biefen Zwischentagen trafen ununterbrochen aus allen Weltteilen Geschenke ein; Kisten türmten sich auf Kisten unb würben von ben flinken Hänben junger Forstbeamten ausgepackt. Salb waren mehrere Gemächer bis zum letzten Plätzchen gefüllt, eine erbrüdenbe Fülle, Wertvolles unb Nichtiges, Gutgemeintes, Gefchmadvolles unb Geschmackloses bunt burdjeinanber. Bismarck besichtigte mehrmals bie Gaben. Bei einer ihn barftellenben Statuette äußerte er: „Gut gemeint, aber nicht ähnlich! Merkwürbig, baß mich die Künstler immer ohne Unterlippe darstellen, das ist falsch; sie ist bei mir ausgesprochen vorhanden, nicht zu sehr, denn das würde Eigensinn bedeuten — der war mir immer fremd, wenn ich bessere Ansichten fand, als die meinen!" — Einmal bemerkte er: „Diesmal stimmt es nicht, daß sich die Dankbarkeit zurückzieht, wenn man seine Pflicht getan hat." Und ein andermal; „Mir geht es mit dieser Ueberschwemmung von Liebe und Anerkennung fast wie jenem englischen Prinzen, der sich den Tod wenigstens durch Ertränken in Malvasier auswählen durfte!" Als seine Blicke auf ein mit einem Lorbeerkranz umwundenes Bild feiner Gemahlin fielen, betrachtete er es lange, bann wanbte er sich mit Tränen in ben Augen ab, unb verließ rasch bas Zimmer. — Besondere Depeschen wurden ihm vorgelegt, die wichtigsten beantwortete er sofort selbst. Viel Vergnügen bereitete ihm ein Drahtgruß aus Frankfurt an der Oder: „Sechs Seminaristinnen, die heute ihr Examen machen, senden ihre ehrerbietigsten Glückwünsche zum Geburtstag unb bitten Ew. Durchlaucht, für sie ben Daumen halten zu wollen." Unb nicht minber eine Postkarte mit zwei Mark Nachnahme, auf der ein Bremer Maschinenbauer gratulierte; „im Namen drei durstiger Kehlen." Die gute Saune des Fürsten hielt in diesen Tagen, in denen ihn die Gesichtsschmerzen verschonten, an, ebenso fein Appetit. Am 28. März frühstückte er dreimal, gelegentlich der Abreise der Halberstädter Kürassiere, der Ankunft des Prinzen Heinrich unb des Besuches des Großherzogs von Baden. Als ihm Schweninger Vorwürfe machte, sagte Bis- marck scherzend: „Mauvais coeur, bon estomac"* unb fragte, nachdem er den Austern alle Ehre angetan: „Wo sind denn die Kiebitzeier geblieben, sie sind doch gestern eingetroffen?" Nachdem man sie gebracht hatte, verschwand schnell ein Dutzend. Mit dem 6jährigen Sohn Walde- mar des Prinzen Heinrich plauderte er in reizender Weise, erzählte ihm aus feiner Kinderzeit: „Ich habe schon beim Sieg von Waterloo geschrien, denn da war ich drei Monate alt, da schreit man am meisten! Und er berichtete ihm des weiteren aus seiner Schulzeit und wie er mit Freunden durch das alte Berliner Schloß gelärmt sei und allerhand Schabernack dort getrieben habe. Nun war der 1. April gekommen, mit linder Luft und Sonnenschein. Der Fürst war, wie gewöhnlich, gegen neun Uhr aufgestanden. Der erste Gratulant, schon am Bett, war Professor Schweninger, der mit einigen hübschen Versen 80 La France-Rosen überreichte. „Bleiben Durchlaucht heute nur eine halbe Stunde länger liegen", hatte er gebeten, aber Bismarck war dem Wunsche nicht gefolgt. Im Laufe des Vormittags be- iditiqte er mehrmals bie herrlichen Blumenfpenben, bie auf ber Rasen- lache vor bem Schloß ausgebreitet waren. Mit einem leisen Seufzer agte er zu Oberförster Lange: „Ich wollte, es wäre erst Abend! Und dieser Wunsch war durchaus zu verstehen. Erst empfing er, wahrend unter den Fenstern des Speifesaales Militärkorps konzertierten, eine Abordnung der Greifswalder Jäger, bei denen er einst als Einjähriger gedient und eine feines Süraffierregiments von Seydlitz. Um ein Uhr mittags erschienen bann in langen Zügen die Rektoren ber b e u t • (dien Hochschulen in ihren farbigen Talaren und Ornaten; und auch diesem Empfang konnte ich, obwohl der Zutritt streng verboten war, im Nebengemach beiwohnen. Aus die Glückwunschrede des Rektors ber Berliner Universität, Professor Psi ei der er, antwortete Bismarck nicht feierlich, was ihm überhaupt nicht lag, fonbern mehr plaubernb, in einem behaglich-gemütvollen Tonfall, mit feinem Humor unb hebens- roürbiqer Ironie. Nur einmal nahm feine Stimme einen lebhafteren Klang an, als er sagte: „Wenn ich keine Feinde hätte, würde ich auch keine Freunde haben, das Leben ist Kampf in der ganzen Schöpfung und ohne innere Kämpfe kommen wir zuletzt beim Ehinefentum an unb versteinern. Ohne Kampf kein Leben, nur muß man in allen Kämpfen, fobalb die nationale Frage auftaucht, doch immer einen Sammelpunkt haben, und der ist für uns das Reich!" - ... Die größte Huldigung und, wie ich erfuhr, die denkbar größte Freude bereitete an diesem Tage dem Fürsten die deutsche Studenten- schäft. Ihrer 6000 waren herbeigeeilt, zum Teil aus weiter Ferne, um dem greifen Fürsten persönlich gegenüberzustehen, um ihre Dankbarkeit und Verehrung zu bezeugen. Gleich nach dem Empfang der Rektoren drangen fchmetternde Musikklänge durch den Park und schimmerte es buntfarbig zwischen den Bäumen. Bald sah man auf den zum Schloß ansteigenden Rasenflächen ein hin- und herwogendes Meer juqendlich- fräftiqer Gestalten, aus deren Augen hell und heiß ine Begeisterung lobte. Nahe der Veranda die 1200 Chargierten; die Sanne glitzerte über Öie Stickereien der Cerevise, über die Schärpen und Klingen ber Narade- schläger und umwob mit goldenem Schimmer die Banner und Fahnen. Plötzlich verstummt das Stimmengewirr: „De r F ur st de r F ü r st !" Festen Schrittes war er, im blauen Kurassier-WaUenrock, bis rur Ballustrade getreten. Da brauste der Jubel auf, fo geroalfia so stürmisch war noch keiner im Sachfenwald erklungen Und down chm mischten sich das Geklirr der Schläger und die Tuschs der Musikkorps. Der Meter dick wuchsen, wenn auch ein Jahrhundert nur Körnchen dazu legen mag Es hat sicher etwas gegeben, aber keine Spur ist gebtieben; irgendein Grünes" war zweifellos entstanden in den Wässern, das wieder oerloren- gegangen ist, bis endlich in die Schiefer eine Spur eingeschrieben wurde. Die erste Lebensspur am Festland! nr(v . Pflanzen sind es. Eine Art Rasen, der schwarzbraune Abdrucke in den devonischen Schiefern Böhmens hinterlassen hat. Man hat sie, die so kostbar sind wie Diamanten, ja, noch kostbarer als solche, weil sie ja seltener sind, eifrigst gesammelt, mit aller Behutsamkeit die merkwürdigen Steine, welche die älteste Spur des Landlebens tragen, herausgehoben aus dem Erdboden, und sie sind nun Glanzstücke der wissenschaftlichen Sammlungen. Das prachtvoll eingerichtete große Naturkundemuseum in Wien hat vielleicht die wertvollste Zusammenstellung dieser Kostbarkeiten. Die einfachsten dieser Urpflanzen sehen aus wie Keimlinge. Etwa die von Sens oder Kanariengras. Sie waren sicher zart freudiggrün, als sie lebten. Welches Ereignis für die ganze Welt, welche Bedeutung für alle Zukunft, als das erste Grün auf Erden keimte! Sogar den dunklen Todesrest jenes fröhlichen Urgrllns sieht man noch ganz erschüttert an. Andere waren verzweigt, eine Art Schnittlauch der Vorwelt, aber unvergleichlich größer. Sofort als das Pflanzenleben kam, hat es Neigung zum Gigantischen gehabt. Es lebte ja auch in einem Tropenland, immer zwischen Ertrinken und Versengtwerden, und wuchs tropisch üppig. Da sind Büsche, die einem Menschen wohl bis an die Brust gereicht hätten, das Wiener Museum bewahrt aber auch zwei große Steinplatten, in denen baumstarke, schenkeldicke „Stämme" dieser Urpflanzen eingepreßt sind. Man kann daraus schaßen, daß diese starre Pflanzenwelt wohl stock- hoch war, drei Meter, vielleicht fünf Meter hoch, schattig und dicht wie ein Jungwald. Und wer sagt uns, daß gerade das die höchsten von allen waren? Dieser Urwald der Urzeit ist auch nicht ganz gleichförmig. Ein halbes Dußend und noch mehr sehr verschiedene „Vorbäume", wenn man so sagen darf, sind dem Steingrab entstiegen. Es sind welche darunter, die Schuppenblätter tragen wie der Bärlapp der heutigen Wälder, manche sind unregelmäßig, andere wieder gabelig verzweigt. Rinde und Holz sind noch nicht zu unterscheiden. Krautartig war diese Vegetation, die anmutet, als sei sie ein erstes Experiment, um einen Wald zu schaffen. Haben diese Bäume geblüht? Wie waren ihre Früchte? Sogar davon weiß man einiges. Merkwürdige ei- und keulenförmige Gebilde wurden von den „Psilophyten" (das ist ein gelehrter Name dieser Wunderpflanzen) der Sonne entgegengestreckt. Wie riesige Sporenköpfe von Pilzen, und diesen Vergleich auch insofern erlaubend, als es sich hier wirklich um Sporenbehälter gehandelt haben muß. Die ältesten Landpflanzen waren demnach, wenn man alles zusammen- faßt, Vorläufer von Farnpflanzen und Bärlappen, Sporenpflanzen, die baumartig wuchsen und es dem Wind überließen, ihren Samen auf Erden auszubreiten. Mit diesen Feststellungen verschwindet aber das Bild dieser Ahnen der Wälder wieder im Nebel der Vorzeit. Richtige Wälder waren diese übergrünten Strecken wohl nicht, mögen sie auch üppig und in der schrecklichen Einförmigkeit jener alten Welt berückend schön gewesen fein, goldgrün, taufunkelnd, mit goldbraunen Stämmen und schattigen, kühlen Gängen dazwischen, die sich spitzwinklig zusammenwvlbten wie gotische Hallen. Denn zu einem richtigen Wald gehört doch zunächst die Lebensgemeinschaft, in der einer vom andern lebt, die Pilze, die auf Abfall und Abbau lauern, die Moose und das Kleinzeug des Bodens, die Feuchtigkeit sammeln, die Tierwelt, die allerkleinsten im Humus, das Rennvolk und die Flieger, die Nager und Wühler und Verteiler, die Würmer und Käfer, Ameisen, Vögel und Großtiere. Der jubelnde Zusammenklang reichen vielfältigen Lebens, den wir im Walde nicht müde werden zu beobachten und zu studieren, die Waldsymphonie, der ewige Kreislauf, das Werden und Vergehen — alles das fehlt im Urwald der Psilophyten. Oder es wird uns nichts gesagt davon, von den dunklen Runen im Devonschiefer und alten roten Sandstein. Kein Auge hat diese stummen Wälder gesehen, wenn nicht das der alten Krebse ober ersten schwerfälligen Vanzersische. die aus Strandsumpf und Luch herauskrauchen ins allerfte Grün auf Erden; kein Ohr hat ihr eintöniges Rauschen je gehört, denn um die Tage, da der Wind in diesen fremdartigen Kronen wühlte, gab es noch keine Geschöpfe mit Ohren. Der Laubbaum war noch nicht da. der Nadelbaum war noch nicht erfunden, die Blume war noch nicht erschaffen. Wälder In unserem Sinn schlummerten noch im Schövserschaß dunkler Zukunft. Vam ganzen kommenden Wald war erst das bärlappartige Kleingestrüpp des Bodens da und bildete selbst den Wald. Einen, der keine Dauer hatte. Der schon im nächsten Zeitalter verging, als ob er etwas Unvollkommenes, mehr als das, als ob er etwas Unnatürliches gewesen wäre. Die Psilophyten sind nie mehr wiedergekommen, schon in der Steinkohle sind sie ausgestorben. Sie haben sich vielleicht verwandelt in Höheres, ihre Gestaltung aber ist für immer zerflossessn, gleichsam wie ein Vvrwelttraum. So, wie ihre Zeitgenossen, die Panzerftsche, die Urkorallen des Devons, die sonderbaren Krebse, die ältesten und merkwürdigsten Tiere, die alle ein Zeitalter später lebensmüde abtraten von der Bühne. Nichts haben sie hinterlassen als rote Sandsteine in England, dunkle harte Schiefer im deutschen Land, wo der ganze Niederrhein von ihnen aufgebaut ist, Schiefer in Böhmen und in der Eifel und vor allem Kalk, Kalk und immer wieder Kalk. Den geschätzten harten Devonkalk ältester Korallenriffe, die so häufig sind, daß man in Gerolstein (Eifel) die Straßen mit ihnen pflastert. Die Ahnen der Wälder, eine ganz grüne, lebende, strebende, kämpfende Welt ist in diesen Stein versunken und begraben. Die Loreley am Rhein selber ist ein Felsen der Devonzeit, und in ihrem Herzen verborgen ist diese seltsame, sagenhafte, uralle Geschichte. Glühend leuchtet die Felsen- trone im Abendschein, umwoben vom schönen Goldhaar heimeliger Sage, aber im Innersten dieser Berge ist noch Merkwürdigeres aufbewahrt. Selbst Sagen reichen nicht aus, um das zu erwecken, was für immer dahin ist. das Bild einer menschenfremde, lebensfremden, für ewig gestorbenen Ahnenwelt der Schöpfung. e nahm den Helm ab und grüßte nach allen Seiten. D°ll tiefster ing war feine Erwiderung auf die Begrüßungsrede; rote parfte er die jungen Herzen mit freundschaftlichen, mit mahnenden, mit bleibenden »Borten Wie gedachte er der germanischen Wesenszuge und des nationalen Gedankens, an dem die Jugend immer festhalten muffe! Das Bismarck-Lied erscholl, die Schläger klirrten zusammen. Von oben. sehe ich ia nicht so gut", bemerkte der Fürst zu seiner Umgebung und schritt schnell die Stufen zum Park hinab, viele der Chargierten persönlich begrüßend. Auf die Veranda zurückgekehrt, ergriff er einen Becher mit Münchener Bier, laut rufend: „Meine Herren, das erste Glas ist der akademischen Jugend geweiht!" . . Von neuem flammende Begeisterung, immer wieder hallen die Hochs, klirren 'bie Schläger. Bismarck lehnt sich weit über die Balustrade er scheint sich von dem farbenprächtigen, begeisternden Anblick nicht trennen Zu können, und die Studenten konnten es von ihm nicht. Lange hörte man nach ihren Abzug, das Deutschlandlied und „Die Wacht am Rhein" Bismarck, noch immer bewegt, äußerte: „Nachdem ich diese jungen Eichen gesehen habe, glaube ich nicht für die Zukunft der deutschen Jugend besorgt sein zu müssen." — Der einzigartige Tag schloß mit dem Fackelzug der Hamburger, an dem über 5000 teilnah men Unvergeßliche Tage waren es, die in ganz Deutschland ihr freubigftes Echo sanden in dem wunderbaren Gefühl: „Wir haben ihn noch, er wellt noch unter uns!" Und mir, die wir jene Tage in nächster Nahe des Großen, Gewaltigen verlebt haben, wie empfanden wir die Wahrheit der Worte Ernst ö. Wildenbruchs: „Wer in der zweiten Halste des 19. Jahrhunderts in Bismarcks Nähe gewesen, kann sagen, daß er reich gelebt hat, denn er hat in unmittelbarer Nähe des Herdes gelebt, auf dem das Leben seinerzeit zubereitet wurde!" Als es noch keine Wälder gab auf Erden. Bon Dr. R. Francs. Der geistreiche Phantasieromanschriststeller Jules Verne beschreibt einmal in seiner Geschichte der Reise nach dem Mittelpunkt der Erde, wie ein deutscher Gelehrter mit seinem Neffen und einem Isländer in einen erloschenen Vulkan aus Island einsteigt und durch ein endloses System von Hohlräumen tief im Erdinnersten zu einem oroßen See kommt, der durch elektrische Lichterscheinungen dauernd erhellt, an seinen Ufern sogar Wälder ältester Vergangenheit durch Feuchtigksit, Wärme und Licht am Leben erhalten hat. Das ist nicht schlecht ersonnen, denn Pflanzen brauchen ja wirklich nicht mehr zum Leben, wenn es ihnen an fruchtbarer Erde nicht fehlt. Das völlig Unglaubhafte dieser Verne-Phantasie liegt ganz wo anders. Er schildert nämlich diese „ältesten Waldreste" der Erde so wie einen Tropenurwaid und mischt nur ein wenig „Steinkohlen- slora" dazwischen, d. h. Riesenschachielhalme und Farnbäume. Um aber solche zu sehen, braucht man gar nicht in den Elngeweiden der Erde zu wühlen, sondern nur in entfernte und einsame Tropengegenden zu gehen. In den innersten Urjüntpfen des geheimnisvollen Amazonastandes, dort, wohin auch heute erst alle paar Jahre der eine oder andere Forfchungs- reisende vordringen kann, so sehr erschweren mangelnde Verkehrsmittel, Fieber, Stechmücken, Nahrungsmangel und kannibalische Kopfjäger dort das Vorwärtskommen, da steht auch heute noch die Wunderwelt der Steinkohlenzeit lebendig, als zwölf und fünfzehn Meter hoher Riesenschachtelhalm und Farnbaumsumpf, üppig, undurchdringlich, bereit, für kommende Jahrtausende nach dem Tode neue Kohle zu bilden, wie einst die ersten Wälder auf Erden. So ist es wenigstens zu lesen in allen Naturkundebüchern der gebildeten Welt, daß Steinkohle einst ein Wald, und zwar der erste und älteste Wald der Erde war. Die Forschung aber weih das heute besser und hat, noch versteckt in gelehrten Archiven, eine ganze Welt sonderbarster und wichtigster Kenntnisse aufgebaut, die in der Öffentlichkeit noch völlig unbekannt sind. Mit ihnen will ich hier das Bild malen, wie denn die Ahnen der Wälder wirklich ausgefehen haben, jene älteste Landbesied- lung, welche je die Sonne gesehen hat zu Zeiten, als der Begriff Wald noch ein Zukunftstraum kommender Jahrmillionen war. Als es noch keine Wälder gab! Seltsame, fast undenkbare Vorstellung das. Und doch ganz sicher, daß eines Tages unermeßliche Länder dalagen im Hellen Sonnenschein oder durchströmt von Rauschebächen, überspült von wütenden Regengewittern, und nirgends auch nur ein Hälmchen Grün, an keinem Punkt auch nur ein Sitzbreit Schatten, ohne Baum und Busch, tot, leblos, ohne Tier und Geschöpf, lautlos, gespenstig, nicht gestorben, sondern noch unheimlicher als das: noch nicht geboren. Die Schöpfungskraft hatte noch nicht das „Es werde Leben" gesagt. Wer kann sich solches vorstellen? Und doch müssen wir es. In der Eifel, die ohnedies als ein erdgeschichtliches Wunderland gilt, und in Böhmen, das es nicht minder ist, sind im Boden alte und älteste Schiefer eingebettet, aus denen jenes schemenhafte Urleben stieg, der Wald vor den Wäldern ... Diese Schieser, welche in der Wissenschajtssprache den unteren Devon- sthichten zugerechnet werden, sind viel älter als die älteste Steinkohle; sie liegen auch tief unter ihr. Unter ihnen lagert die Erdschicht, die uns nur ein einziges Wort zu sagen hat, nämlich: Nichts. Gesteine, die verraten, daß sie auf dcm Lande entstanden sind, die aber völlig leer sind. Niemand hat aus uns gelebt, sagt diese beängstigende Leere. Ein deutschlandgroßes Land war da. in dem niemand ging und flog, ein Ureuropa, in dem man viele Tage hätte wandern können wie in einer Wüste. Und doch nicht in der Wüste Denn große Ströme zogen breit und rauschend, und Sümpfe glitzerten, Seen glänzten und Regen plätscherte. Niemand wäre verdurstet, aber alles verhungert. Denn es gab auf diesem Land weder Tier noch Pslanzen. Nicht einen Grashalm, denn das Gras war noch nicht erschaffen. Diese Vorstellung macht Kopfschmerzen, aber sie ist lauterste Wissen- schast von heute. Wie lange diese Leblosigkeit gedauert haben mag? Jahr nm Jahr man im Schweigen der Ungeborenen.dahingegangen fein, Jahrhunderte, Jahrtausende, viele, so viele, daß die Schieferablagerungen viele Verantwortlich; l)r. HanüThyriot.— Druck und Der lag: Drühl'sche Uni 081111012-2» ch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.