Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 9 Zreitag, -en Zebruar Jahrgang $935 HANS DOMINIK EIN STERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) „Gerüchte, mein lieber Herr Professor!" fiel ihm der Minister ins Wort- „Unser Gesandter hat uns auch darüber berichtet, nicht ohne zu betonen, daß es sich um Gerüchte handelt, die den wirklichen Tatsachen vermutlich weit vorauseilen." Ein leichtes Lächeln glitt über Professor Eggerths Züge, während er weiter sprach: „Als Gesandter ist Herr von Uhlenkamp eine offizielle Persönlichkeit in exponierter Stellung. Die Vertreter meines Werkes im Auslande sind nicht mit einer solchen Würde beschwert. Als einfache Privatleute können sie freier fprechen und man spricht auch freier mit ihnen. Rach den Berichten meiner Vertreter nun — aus Lissabon sowie aus London — handelt es sich keineswegs mehr um vage Gerüchte, sondern um tatsächliche Verhandlungen, die nur deshalb noch nicht weiter gediehen sind, weil England im Augenblick zuviel andere Sorgen hat, um sich noch mit dem portugiesischen Kolonialgebiet zu belasten. Immerhin, meine Herren, ist es meiner Meinung nach an der Zeit, daß Deutschland geschickte Unterhändler nach Lissabon entsendet. Die Stunde ist so günstig wie selten. Portugal muß verkaufen — ich möchte jagen a tont prix verkaufen — und der Nächstinteressierte, England will oder kann im Augenblick nicht kaufen." „Hm, hm". Der Minister lehnte sich in seinen Seffel zurück. „Sie tragen uns mit großer Bestimmtheit Dinge vor, Herr Prosesfor, von denen wir — amtlich wenigstens — noch nichts wissen. Wie denken Sie sich den weiteren Fortgang der Angelegenheit?" „Schnell und verschwiegen, Herr Minister. Das ist die Hauptsache dabei. Mit Vergnügen habe ich eben aus Ihrem Munde gehört, daß Sie amtlich noch nichts von den englisch-portugiesischen Verhandlungen wissen. Das muß uns ein Vorbild sein. Ebensowenig dürfen die Engländer etwas von portugiesisch-deutschen Verhandlungen erfahren, ehe die Unterschriften der Partner nicht unter dem Vertrag stehen. Die Erwerbung der portugiesischen Kolonien Mosambik und Angola durch Deutschland muß verbrieft und gesiegelt vorliegen, bevor der Oesfentlichkeit ein Work davon bekannt wird." „Sie stecken sich ein hohes Ziel, Herr Professor", mischte sich Reute m die Unterredung. „Angola und Mosambik sagten Sie. Das sind zusammen rund zwei Millionen Quadratkilometer, die vierfache Fläche des Deutschen Reiches, ein stattliches Gebiet. Wenn man das wirklich erwerben könnte — unser Volk ohne Raum würde damit wieder Raum gewinnen, wenn — ja, Herr Professor, wenn alles wirklich io ist, wie Sie es hier eben sagten —." „Genau so ist es, Herr Ministerialdirektor. Bargeld lacht. Wenn wir Portugal morgen einen angemessenen Preis bieten, können wir übermorgen den Vertrag abschließen." „Aber die andern? Wie würde iich England dazu stellen?" fragte der Minister. „Es wird alles darauf ankommen, Herr Minister, daß wir England vor eine vollendete Tatsache stellen. Völkerrechtlich wenigstens ist die Republik Portugal noch ein souveräner Staat, der über seine Kolonien nach eigenem Ermessen frei verfügen kann. Bekommt England vorzeitig Wind von der Sache, so wird es uns natürlich alle möglichen Schwierigkeiten machen, obwohl es zur Zeit noch schwer an seinem andern Kolonialbesitz zu verdauen hat. Sieht es sich einer vollendeten Tatsache gegenüber, io wird es iich damit Abfinden. Deutschland darf nicht wieder in denselben Fehler verfallen wie vor einem Menschenalter. Auch damals waren Verhandlungen über !die Aufteilung des portugiesischen Kolonialbesitzes im Gange. Durch eine Indiskretion wurden sie vorzeitig bekannt und zerschlugen sich infolgedessen." Der Minister griff wieder zum Bleistift und warf eine Reihe von Zahlen ifluf das Papier. „Sie sagten zwei Millionen Quadratkilometer, Herr Professor." Professor Eggerth zog sein Notizbuch aus der Tasche und schlug eine Seite darin auf. „In genauen Ziffern noch eine Kleinigkeit mehr, 2,7 Millionen Quadratkilometer. Praktisch kommen wir aber doch auf zwei Millionen, Denn ein Teil der Gebiete kommt wegen des Klimas für deutsche Siedler staum in Frage." „Zwei Millionen Quadratkilometer brauchbares Land also", der Minister rechnete weiter auf seinem Blatt. „Das wird nicht ganz billig sein. Haben '©ie irgendeinen Anhalt, welchen Betrag die Herren in Lissabon für die Abtretung der Kolonien fordern würden?“ „Sie würden das Blaue vom Himmel fordern, und ich würde von ,eder Verhandlung abraten, wenn ihnen das Messer nicht an der Keble säße. Heute liegt die Sache einfach so. Mit drei Milliarden in Gold oder sonstigem guten Gelbe kann Portugal seine Finanzen und seine Wirtschaft wieder in Ordnung bringen. Also werden unsere Unterhändler ihm zwei Milliarden bieten und sich in einem zähen Handel, der aber unter- keinen Umständen länger als acht Tage dauern darf, bis auf drei Milliarden heraufhandeln lassen. Damit ist Portugal geholfen und Deutschland erwirbt die Kolonien zu einem Preise, den wir von unserm Standpunkt aus als wohlfeil bezeichnen dürfen." Geraume Zeit herrschte Schweigen, während der Minister seine Rechnung fortsetzte. Dann legte er den Bleistift wieder hin. „Wir würden bei einem Abkommen, wie Sie es eben skizzierten, rund dreizehnhundert Mark für den Quadratkilometer bezahlen." „Lassen Sie das schlechte Land aus Ihrer Rechnung heraus und sagen Sie fünfzehnhundert Mark für den Quadratkilometer brauchbaren Farmlandes, damit wir gleich von den tatsächlichen Verhältnissen ausgehen. Ein Quadratkilometer hat vierhundert Morgen, wir zahlen also 3,75 RM. für den Morgen, der Kauf ist durchaus annehmbar — um so mehr, als uns das Geld dafür vom Himmel in die Taschen fiel." Wieder lief ein Lächeln über Professor Eggerths Gesicht, während er fortfuhr. „Ich glaube, Herr Minister Sie vergaßen das im Augenblick und fühlten sich zu sehr in Ihrer Eigenschaft als Reichsfinanzminister." Das Lächeln des Professors wirkte ansteckend. Er sprang auf die bisher so ernsten Mienen Schröters und Reute über, bis der Minister schließlich laut auflachte. „Sie haben recht, Herr Professor!" rief er und warf den Bleistift zur Seite. Die ganze Rechnerei ist Unsinn. Natürlich müssen wir die Kolonien sofort kaufen. Den Preis können wir ja aus der rechten Westentasche bezahlen. Aber wer soll die Unterhandlung führen? Ein reiner Genuß wird es bestimmt nicht sein, mit den Herrschaften in Lissabon zu verhandeln. Das kann ich Ihnen jetzt schon.sagen, soweit kenne ich sie auch." „Die Unterhandlungen werden leichter vonstatten gehen, als Sie denken. Ich sage auch das nicht ohne einen gewissen Grund. Als ich vor zwei Stunden aus dem Staakener Flugplatz aus ,St 11* stieg, kam ich unmittelbar aus Lissabon." „Sie waren in Lissabon!" Gleichzeitig kamen die Worte aus Schröters und Reutes Mund. „Ich war so frei, Herr Minister! Die Angelegenheit erschien mir nach den Berichten meiner dortigen Vertreter wichtig genug, um vis schlichte Privatperson etwas — sagen wir einmal — etwas vorzufühlen — „Nun — und?" Der Minister blickte den Professor starr an. „Diese Borfühlung hat mir durchaus bestätigt, was meine Leute mir berichteten. Ein geschickter Mann, der an der richtigen Stelle auch — sagen wir einmal Douceurs in der richtigen Höhe gibt —." Der Minister machte eine abwehrende Bewegung. „Herr Minister, man muß im Lande tun, was des Landes Brauch ist. Ich wiederhole, ein geschickter Manu kann die Verhandlungen in einer Woche zum Abschluß bringen.“ In das Schweigen platzten die Worte des Ministers. „Sie werden dieser Mann sein, Herr Professor--. Sie werden dem Reich diesen Dienst erweisen." Nachdenklich legte Professor Eggerth die Fingerspitzen seiner beiden Hände zusammen. „Ich habe es mir gedacht, Herr Minister, daß man mich eines Tages vor diese Aufgabe stellen wird. Ich bin dazu bereit, denn ich glaube, daß ich fie bester als mancher andere zu löten vermag. Doch vorerst muß das Kabinett feinen Entschluß fassen. Sowie der vorliegt, stehe ich zu Ihrer Verfügung. Vergesfen Sie nicht, daß wir schnell arbeiten müssen.--" Ein Händedruck, eine kurze Verbeugung, Professor Eggerth ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß. „Ein Kerl von Format", sagte Reute bewundernd. „Schade, daß wir ihn nicht für das Kabinett gewinnen können", fetzte Schröter den Gedankengang fort. „Bisher hat er alle Angebote abgelehnt. Sein ganzes Leben und Streben gilt seinen Bitterfelder Werken." „Vielleicht gelingt es jetzt, wenn das Reich ihn als bevollmächtigten Unterhändler nach Lissabon schickt." Schröter schüttelte den Kopf. „Glauben Sie das ja nicht, lieber Reute. Dazu kenne ich den Mann seit Jahrzehnten zu genau. Er ist stolz auf feinen Profestorentitel, den er als die wohlverdiente Anerkennung seiner wisten- schaftlichen Leistungen betrachtet. Alles andere lehnt er ab. ÄM einfacher Professor Eggerth wird er für uns nach Lissabon gehen, die Verhandlungen bester als jeder zünftige Diplomat führen und als ichlichter deutscher Professor wird er nach dem Abschluß des Vertrages zurückkehren." Ein StratofphSrenfchiff der Type ,St 11* flog auf Südwestkurs über den Golf von Biskaya. In einem behaglich als Arbeitszimmer eingerichteten Raum laß Profefsor Eggerth zusammen mit feinem Sohn vor einem Stapel von Depeschen, und ständig wurden neue Telegramme hereingebracht. An den vier Empfangsgeräten des Flugfchiffes waren vier Funker eifrig bet der Arbeit, alles aus dem Aether aufzunehmen, was den Profeffor in dtefen Stunden besonders interessierte. ,, St 11‘ hätte dreimal so schnell fliegen können, als es tatsächlich flog. Nur gerade so schnell bewegte es sich vorwärts, daß die hochverdünnte Lust der Stratosphäre es noch trug und die Hubschraube nicht in Tätigkeit gefetzt zu werden brauchte. Es war offensichtlich, daß der Pilot keine große Eile hatte, die portugiesische Hauptstadt, das Ziel seines Fluges, zu erreichen. Professor Eggerth las den letzten Funkfpruch, der ihm soeben gebracht wurde, und reichte ihn dann seinem Sohn. Der las ihn halblaut vor sich hin: „General Baranco gibt die Partie verloren. Seine Truppen sind zu Enrique Dinez übergegangen. Der General ist mit einem Kraftwagen in westlicher Richtung aus Lissabon entflohen." Hein Eggerth gab das Blatt zurück. „Ich glaube, Vater, du hast dir keinen sehr glücklichen Zeitpunkt sür deine Verhandlungen ausgesucht. General Baranco entslohen. Du rechnetest doch gerade aus seine Unterstützung." Bevor der Professor antwortete, griff er erst zum Telephon und gab einen Befehl in den Pilotenstand. ,St 11‘ schwenkte danach von Südwestkurs aus reinen Westkurs über. „Hast du's dir überlegt, Vater, willst du doch lieber umkehren?" fragte Hein Eggerth. Der Professor schüttelte den Kops. „Ich denke nicht daran, Hein. Nur ein wenig Zeit will ich gewinnen. Das eine scheint mir allerdings sicher. General Baranco muß vollständig erledigt sein, wenn er noch irgendeine Möglichkeit sähe, sich an der Macht zu halten, so würde er die Hauptstadt nicht aufgegeben haben — nun, uns kann es im Grunde egal sein. Dann machen wir eben den Abschluß mit dem neuen Machthaber, mit Dom Enrique Dinez." Hein warf dem Alten einen verwunderten Blick zu. „Ja, wird er denn geneigt sein, das Geschäft abzufchließen, hast du schon Beziehungen zu ihm?" Der Professor lachte. „Selbstverständlich hatte ich auch schon bei Enrique Dinez vorgefühlt. Als den Führer der Oppositionspartei durfte ich ihn unter keinen Umständen übergehen. Jetzt wird sich die Sache wahrscheinlich sehr vereinfachen. Ich werde nur noch mit ihm allein zu tun haben." Wieder kam der Funkergast in die Kabine und brachte einen ganzen Stoß von Depeschen. „Herr Berkoss läßt fragen, ob diese Meldungen weiter ausgenommen werden sollen?" sagte er, während er sie dem Prosesfor übergab. „Selbstverständlich", erwiderte der, „gerade diese Telegramme sind wichtig." Hein Eggerth beugte sich vor und warf einen kurzen Blick darauf. Der Text war verschlüsselt. Fragend blickte er seinen Vater an. „Es ist die Chifsre von Enrique Dinez, mein lieber Junge. Als ich das letztemal in Lissabon war, habe ich sie mir unter der Hand verschafft." Er griff nach einer Aktentasche und entnahm ihr ein mittelgroßes Buch, zog einen Schreibblock heran und machte sich daran, die Funkfprüche zu dechiffrieren. Eine Weile sah ihm Hein zu, wie er Telegramm aus Telegramm entschlüsselte und in Klartext brachte. Der Professor schob Hein die bereits entschlüsselten Funkfprüche hin und sprach weiter. „Alle Achtung vor Dom Enrique. Sein Apparat funktioniert wie eine Maschine. Interessant ist das, Hein. In dieser Stunde erleben wir unmittelbar ein Stück Geschichte mit." Hein Eggerth vertiefte sich in die Funkfprüche. Ans Lagos, aus Odemira, aus Vila Nova de mil fontes kamen sie, aus Cafa Branka, Jlhavo und noch einem Dutzend anderer Städte. Ihr Inhalt war stets der gleiche: ,Die Garnison hat die Anhänger von Baranco festgenommen und stellt sich der Regierung von Enrique Dinez bedingungslos zur Verfügung." Unablässig arbeitete Professor Eggerth inzwischen weiter. Der letzte Funkspruch war entschlüsselt, als ihm eine neue Depesche gebracht wurde. Sie kam aus Lissabon. Im Gegensatz zu den früheren war sie in Klartext gesendet worden. Professor Eggerth konnte einen Ausruf nicht unterdrücken, während er sie überflog. „Ah! sehr gut! Dom Enrique hat fein Spiel gewonnen. Porto und Lisfa- bon find fest in feiner Hand. Die Truppen in Lissabon haben ihn zum Diktator ausgerusen — sehr gut — das vereinfacht die Sache." Kurze Zeit danach bekam auch der Sender von ,St 11‘ Arbeit. Ein längerer Funkspruch flatterte aus seiner Antenne, in dem Professor Eggerth dem neuen Machthaber seine Glückwünsche aussprach und seine bevorstehende Ankunft in Lissabon meldete. Und dann drehte das Flugschifs wieder aus seinen alten Kurs und steuerte mit voller Mafchinenkrast die portugiesische Hauptstadt an. Am Spätnachmittag erreichte es, von Nordwesten kommend, die Iberische Halbinsel. Unhörbar und unsicher blieb es in seiner Stratosphärenhöhe den Menschen dort unten, aber mit scharfen Gläsern konnten seine Insassen an mehr als einer Stelle die Spuren der Revolution und des Staatsstreiches beobachten. Häuser, die im Granatseuer der gegeneinander kämpfenden Truppen Trümmerhaufen geworden waren, Menschen, die noch dort lagen, wo der Tod sie im Bürgerkrieg ereilt hatte. Gedankenvoll schaute Professor Eggerth aus die Verwüstungen hinab. „Ein unglückliches Volk", murmelte er vor sich hin. „Seit zweitausend Jahren kann es nicht zu Ruhe und Frieden kommen —." Er sprach zu seinem «ohn weiter. „9lun vielleicht, Hein, bringen wir ihm die richtige Medizin, die es endlich gesunden läßt."-- ®ie Sonnenscheibe versank eben in die See, als ,St 11* in einer abgelegenen Bucht des Tejo wasserte und langsam an das Ufer trieb. Ein Straft« toagen mattete dort, der Professor Eggerth sofort nach Lissabon in den Palast des Diktators brachte.-- Für die nächsten Tage stand Portugal im Brennpunkt des europäischen Jntereises. Trotzdem die neue Regierung sosort eine scharfe Zensur ver- hangte, kam außer den offiziellen Nachrichten auch eine Flut von anderen Meldungen über die Grenze. Wie stets bei solchen Umwälzungen sanden sich allerlei dunkle Elemente, We im Trüben fischen wofiten und mit Geheim- ienbern in die Welt fünften, was ihren Interessen dienlich zu sein schien. Fast ebenso selbstverständlich war es, baß ein beträchtlicher Teil dieser Schwarzfenbungen in bie europäische Presse geriet. Der gestürzte General Baranco war ein Anhänger Englands, her neue Machthaber halte sich dem britischen Einfluß bisher entzogen. Besonders argwöhnisch verfolgten deshalb die englischen Zeitungen ,eine ersten Maßnahmen. In diesen Blättern stand denn auch zu lesen, daß bet bekannte Flugs chiffkonstrukteur Professor Eggerth aus Deutjchlanb in Lissabon weile unb lange Besprechungen mit bem Diktator habe. An diese Meldung, die >.m Gegensatz zu vielen anderen sogar den Tatsachen entsprach, wurde die Vermutung geknüpft, daß die neue Regierung sich eine größere Flotte von Stratosphärenschiffen zulegen wolle, um die Unabhängigkeit des Landes nach jeder Seite hin zu wahrem Professor Eggerth las den Artikel, lachte herzlich darüber unb nahm ihn mit, als er zur nächsten Besprechung mit Enrique Dinez ging. Der Diktator las ihn ebenfalls, aber et lachte nicht, sonbern wurde im Gegenteil schweig- iam und nachdenklich. Es fiel Enrique Dinez nicht leicht, sich zu dem Bertaut bet afrikanischen Kolonien zu entschließen. Nicht ihres materiellen Wertes wegen; während der vier Jahrhunderte, bie Portugal sie nun schon besaß, hatte es niemals etwas Rechtes bamit anzufangen gewußt. Die wenigen taufenb Weißen, bie bort zwifchen Negern unb Jnbern hausten, stellten keinen Aktivposten bar. Aber einen gewißen Prestigeverlust würbe bie Aufgabe bet Kolonien in jebent Fall bedeuten, und das Bewußtsein dieser Tatsache lastete auf dem Diktator. Doch andererseits war er sich klar darüber, daß bie Opfer gebracht werben mußten, um aus der ewigen Finanzmisere herauszukommen. Aber dann wollte et damit nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Unabhängigkeit seines Landes erlaufen. Eine Flotte von dreißig — vierzig — höchstens fünfzig Stratosphären- schiffen der neuesten deutfchen Type würde vollkommen genügen, um Portugal gegen alle Pressionen zu sichern, die etwa eine starke ausländische Seemacht auf das Land ausüben konnte. Fünfzig Stratosphärenschiffe — bas einzelne Schiff kostete noch keine Million. Verschwinbenb gering würben die Erwerbungskosten für eine solche Flotte gegenüber bet Riesensumme Sein, die dem Land aus dem Verkauf der Kolonien zufließen sollte.-- So ereignete es sich, daß der Diktator zur Verwunderung des Professors diesmal zunächst nicht auf das eigentliche Verhandlungsthema einging, sondern sich des langen und breiten nach den Neukonstruktionen der Eggerth- Werke, nach Preisen unb schnellsten Lieferfristen erfunbigte. Unb so geschah es weitet, daß Professor Eggerth von diesem Tage an zwei verschiedene Verhandlungen mit Enrique Dinez zu führen hatte. Die eine als Bevollmächtigter der Deutschen Regierung über die Kolonien unb die andere als Leiter der Eggerih-Werke über die Lieferung einer Flotte von Stratosphärenschiffen. Hätte bet Schriftleiter jener ßonboner Zeitung eine Ahnung von der Wirkung gehabt, die sein Aufsatz tatsächlich auslöste, so wäre es um seine Nachtruhe in den folgenden Wochen wahrscheinlich schlecht bestellt gewesen. Zu Seinem Glück wußte er nichts davon und auch die englische Regierung war übet die Dinge, die sich in Lissabon hinter den Kulissen abspielten, nicht im Bilde. Die Herren in Downing-Street hielten es diesmal für der politischen Weisheit höchsten Schluß, sich mit bet Anerkennung ber neuen portugiesischen Regierung nicht zu beeilen. Als man in Downing-Street ben eigenen Fehlet erkannte, war es zu spät, ba war bie Bombe bereits geplatzt. Am Morgen bes gleichen Tages veröffentlichte die deutfche Regierung im Reichsanzeiger und die portu- giefische Regierung im Diario do Stato den zwischen beiden Ländern abgeschlossenen und von den beiderseitigen Parlamenten einstimmig genehmigten Vertrag über den Verkauf bet afrikanischen Kolonien an Deutschland für die Summe von drei Milliarden Reichsmark. Die vollendete Tatsache war da, und Sie wirkte sich genau So aus, wie Professor Eggerth es vorausgesehen batte. Mit diplomatischen Quertreibereien war nichts mehr zu machen, nut noch mit Gewalt unb offentunbigem Rechtsbruch hätte England etwas gegen den unterschriebenen Vertrag unternehmen können, und dafür war die allgemeine politische Lage im Augenblick wenig günstig. Das Jnselreich hatte in allen fünf Erdteilen bereite zu viel andere Sorgen, um sich im Augenblick noch neue Schwierigkeiten zu bereiten. — — Vier Wochen später erfolgte die Anerkennung ber neuen portugiesischen Regierung burch England. Als der britische Gesandte zum Palast des Diktators fuhr, iah et zwölf Stratosphärenschiffe, die sich wie schwimmende Schwäne auf den blauen Fluten des Tejo wiegten. Die letzten Unterredungen ber beiben Partner fanden im Flint-Hotel in Detroit statt. sünätlang. In einem bequemen Sessel saß Garrison. Gute Pflege und die Kunst der Aerzke hatten ihn wieder hergestellt. Hätten an seiner Rechten nicht zwei Finger gefehlt, fo hätte nichts mehr an jene Leidenszeit in der Antarktis erinnert. Bolton brummte etwas Unverständliches vor sich hin. „Sie sind enttäuscht, Bolton. Ich bin es auch. Aber ttotzdem können wir >m Grunde doch immer noch — " Mit einem Ruck drehte sich Bolton um und fiel ihm jäh ins Wort. „Den Teufel was können wir, Garrifon I Noch ein Dutzend solcher Ge- ichäfte wie das und ich kann den Laden zumachen." Er kehrte zu dem Tisch zurück und griff wieder nach den Papieren. „Hier ist die Abrechnung der Melting and Refining Company: Hundert Tonnen Erz empfangen und verarbeitet. Kostenpunkt: taufend Dollars pro Tonne, macht hunderttausend Dollars. Ergebnis: neunhundert Kilogramm Platin, vier Tonnen Silber, Spuren von Gold. Ales in allem aus den hundert Tonnen noch längst kein Kilo Gold. Der Rest reines Eisen. Schönes Geschäft, Mr. Garrison, zu bem Sie mich ba beschwatzt haben." Garrison zog seinen Geisel näher an ben Tisch heran unb begann mit Bleistift unb Papier zu rechnen. (Sortierung folgt.) Sehnsucht. Don Friedrich von Schiller. Ach, aus dieses Toles Gründen, Die der kalte Rebel drückt. Könnt ich doch den Ausgang finden, Oh, wie fühlt ich mich beglückt! Dort erblick' ich schöne Hügel, Ewig jung und ewig grün! Hätt ich Schwingen, hält ich Flügel. Nach den Hügeln zog ich hin. Harmonien hör ich klingen, Töne süßer Himmelsruh, Und die leichten Winde bringen Mir der Düste Balsam zu; Goldne Früchte seh ich glühen, Winkend zwischen dunkelm Laub, Und die Blumen, die dort blühen. Werden keines Winters Raub. Ach, wie schön mutz sich's ergehen Dort, im erogen Sonnenschein, Und die Lust aus jenen Höhen, O wie labend muß sie fein! Doch mir wehrt des Stromes Toben, Der ergrimmt dazwischen braust: Seine Wellen find gehoben, Daß die Seele mir ergraust Einen Nachen seh ich schwanken. Aber ach! der Fährmann fehlt Frisch hinein und ohne Wanken, Seine Segel sind beseelt. Du muht glauben, du mutzt wagen, Denn die Götter leihn kein Pfand; Nur ein Wunder kann dich tragen In das schöne Wunderland. Begegnung mit dem Teufel. Eine Geschichte von Frank F. Broun. Don Frank F Braun erschien im letzten Jahrgang der mit groher Spannung gelesene Roman „Das Halsband" Sie waren allein hinter der gepolsterten Tür eines Raumes in der Gesandtschaft. Der alte Herr sprach eindringlich; er mußte die Warnung aus sicherer Quelle erhalten haben. „So lange niemand wußte, wo sich die Papiere befanden, bestand natürlich keine Gefahr, daß Sie in Ihrer Privatwohnung daran arbeiteten, lieber Herr Lanes Jetzt ist das leider betanntgeroorben und man deutet mir an, datz auch die Macht, die ein dringendes Interesse hat, zu erfahren, um welche Dokumente es sich [ handelt, nichts unversucht lassen wird, sich dieses Wissen zu verschaffen." Der junge Laries vermochte zu lächeln. „Exzellenz fürchten wirklich, daß man es wagen wird ,Lch fürchte gar nichts, lieber Laries, ich bin lediglich vorsichtig, ;la)enn ich Sie bitte, die Papiere gleich morgen hierher zu liefern, roo mir sie im Tresor sicherstellen werden" Laries verbeugte sich Gegen so klar formulierte Wünsche war kein Widerspruch angebracht „Aus morgen denn", sagte der alte Herr und streckte die Hand vor, die Laries ergriff. „Aus morgen, Exzellenz." — Lories ging nach Hause Es war schon spät am Abend; da außerdem t in leichter Regen *>l, befanden sich viele Fußgänger unterwegs. Die s Strotze, in der Laries ein einstöckiges Haus mit seinem Dienerehepaar »ewohnte, lag verlassen Die kleinen Billen blieben dunkel hinter ihren Borgärten; auch sein Haus lag ohne Licht Die Gittertür fiel ihm aus der Hand und schlug hallend hinter ihm j Ins Schloß. Er erschrak. An der Hausmauer war ein Schatten aufgetaucht ind sofort wieder verschwunden. Zögernd blieb er stehen. Einbrecher? ®r verwies sich Natürlich mußte er sich getäuscht haben Aber die Zeitungen waren in diesen Monaten voll von Berichten über Der- kedjertaten; die Warnung seines Vorgesetzten fiel ihm ein; vielleicht war auch ein bißchen richtige Feigheit dabei — Laries ging nicht weiter, lonbern trat hinter einen Baum der da im Garten stand Das war icnfinnig, ein bißchen Ueberlegung hätte ihm das sagen müssen, aber er überlegte noch nicht Er handelte instinktiv. Selber ohne Waffe, wollte er ud;t überraschten Einbrechern eine Zielscheibe bieten. Er wartete eine Minute, vielleicht war es auch eine viel kürzere Zeit Der Schatten an der Mauer war verschwunden. Aber wie er so lauschend stand, meinte er in der weichen Gartenerde Tritte zu vernehmen . . heranschleichende Tritte Er sprang zurück, bereit, zu fliehen unb die Polizei auf alle Fälle zu benachrichtigen, aber er tarn nicht mehr i«r Ausführung seines Vorhabens. Wie aus dem Boden gewachsen, jtanb eine bunfle Gestalt vor ihm Ein Revolverlauf glänzte matt in t orgerecfter Hanb, unb eine Stimme befahl: „Bleiben Sie stehen!" Karies gehorchte „Wer finb Sie?" verlangte ber frembe Mann zu Diffen Er war nun schon nicht mehr allein, ein zweiter Unbekannter mar in Laries Rücken aufgetaucht. Lories sah die Männer an Er kannte sie nicht. Er gab nicht sofort Antwort Jetzt hatte jo nichts mehr Eile Einbrecher, was suchten sie? Bestellte politische Arbeit? Ging es um die Geheimpapiere? Er gewann feine Kaltblütigkeit zurück, die ihn auf Augenblicke vorhin so schmählich verlassen hatte Diese Leute kannten auch ihn nicht. Das war seine große Chance, die er sofort begriff und auch ergriff? „Sind Sie ber Bewohner bes Hauses?" fragte er zurück Die beiben Männer warfen sich einen Blick zu. Der große Dunkle sagte hart: „Was suchen Sie hier?" Das war eine neue Frage als Antwort Der Kleine trat drohenb näher Gelassen sagte Laries: ,Hch wollte in bies Haus gelangen." Er lächelte ein wenig zu dieser schlichten Wahrheit. „Wohnen Sie etwa hier?" „Rein, aber Ihre Frage beweist mir, daß auch Sie hier fremd sind, sonst hätten Sie das nicht fragen müssen Ich bin dafür, wir decken — jeder ein wenig natürlich — unsere Sorten auf, ehe uns hier in fremdem Garten ein Schupo überrascht Auch Sie wollten dem Haus einen Besuch abftatten, nicht wahr? Dorf ich vorsichtig fragen: Handelt es sich in Ihrem Falle um die Gemälde ober um den Gelbschrank?" „Wir sind keine gewöhnlichen Diebe." „Aber Sie wollten einfteigen?" „Vielleicht." „Das ist nicht mehr nötig. Wenn Sie mir die Gemälde und ein Drittel des gefundenen Bargeldes überlassen wollen, werde ich Ihnen die Türe öffnen Ich habe alle Schlüssel; wenigstens hoffe ich, daß Glaskarl Öen richtigen Schlüsselbund erwischt hat." „Sie haben die Schlüssel zu diesem Haus, zu allen Zimmern?" „Sogar zu allen Schranken, soweit sie ber Besitzer verschlossen hält. Glaskarl hat ben Herrn in ber Mona-Lisa-Bar betrunken gemacht unb —" Laries schloß mit einer nicht ganz deutlichen Bewegung. „Getötet?" stieß ber Dunkle heraus „Ich weiß es nicht", geftanb Laries. Er spürte, wie er hier Respektsperson wurde „Glaskarl macht das auf eigene Faust. Ich habe nur den Auftrag, die Gemälde zu holen." Sie stehen alle drei wortlos Da ist nichts mehr zu sagen. Laries ergreift entschlossen ben Schlüsselbunb unb geht voran. Er probiert erst einen falschen Schlüssel, bann kommt er hinein. Die beiben Fremben folgen mißtrauisch bichtauf. Er schleicht mit ihnen in bas Eßzimmer Die beiben lasten ihre Blendlaternen leuchten, aber Laries dreht einfach die Deckenbeleuchtung an. „Die Fenstervorhänge schließen dicht", sagt er, „und der Besitzer kommt noch lange nicht noch Hause." Sein Lochen scheint den beiden zynisch „Wollen Sie noch einem Plan vorgehen? Wissen Sie, wo Geld liegt?" „Wenn Sie uns den Schreibtisch dort im Nebenzimmer offnen und eine kleine Kassette mit Dokumenten uns überlasten, räumen wir das Feld unb losten Sie allein" Also boch! Die alte Exzellenz hat recht gehabt! — „In ber Kassette befindet sich Schmuck?" „Nein Wahrhaftig nur Papiere. Für Sie ganz wertlose Dokumente!" Laries pfeift dann durch die Zähne „Woher wollen Sie das wissen?" Die beiden starren ihn entsetzt an Solche Frage erschrickt sie. Laries lenkt dann auch sofort ein „Wenn es wahr ist, daß die Kassette nur Papiere enthält, sollen Sie sie haben Sonst — wirb geteilt!" „Ja gewiß Versuchen Sie ben Schreibtisch zu öffnen Der Dokumentenkasten muß barin fein" Lories schließt ben Schreibtisch auf. Er greift hinein in seine oberste Schublabe unb faßt ben Revolver, ber ba liegt Ein gemachtes Grinsen überzieht sein Gesicht „Fein" lagt er, „Waffen finb teuer unb schwer zu hoben " Damit steckt er ihn ein Die beiben Fremben, sicherlich nur politische Abenteurer, keine Berufseinbrecher, stehen babei. Sie können nichts tun Dieser wüste Mensch hat bie Führung übernommen. Laries aber, bie gelabene Wafse griffbereit in ber Tofche, blüht auf. Dies ist eine Komobie, bie nicht ohne Gefahr gestellt wirb Aber ber Reiz, sie zu Enbe zu bringen, ohne bas plumpe .Hänbe hoch!" bas politische Ausemanberfetzungen bringen müßte, überwiegt ganz unb gar Er schließt bas Seitenfach auf, finbet tastend feine Brieftasche und schlägt sie auf Sie enthält fein Bargeld Schmunzelnd steckt er alles ein und fucht weiter Aßes ist bestes Theater „Diesen Behälter suchen Sie?" Die beiden stürzen sich sofort auf ben verschlossenen Stohlkosten. Lories tritt zurück Er lehnt sich gegen bie Wonb „Oeffnen Sie ihn", befiehlt er, „ich muß wissen baß Sie mich nicht übertölpeln." Er hat bie Hönbe hinter seinem Rücken In dieser Sekunde gellt eine Klingel durch bas nachtstille Haus Zwei, drei Sekunben bauert es, bann begreift Laries mit gut gespieltem Erstaunen unb Schreck, daß er den Klingelknopf an ber Wonb eingebrückt hat Die beiben Unbekannten stehen erstarrt. Mit einem Panthersatz ist Lories bei ihnen unb packt bie Kassette. „Fliehen!" ruft er, ,wir teilen brausten!" Sein nächster Sprung bringt ihn roieber an bie Wonb und bas Licht verloscht Er stößt, treibt bie beiben vor sich her. „Haben Sie bie Kosfette?" jawohl, Kassette unb Gelbtasche!", versichert er. Durch bie Halle roieber, genau wie sie hereingekommen finb Hinaus bann in ben Garten Die beiden sind draußen; sie laufen noch bis auf bie Straße, bie zum Glück menschenleer liegt Dort bleiben sie stehen unb schauen sich um. Wo ist ihr Komplice? Laries steht in ber Tür seines Haufes Er hat jetzt keine Angst mehr vor einer Kugel Mitten im Licht steht er. benn bas ganze Haus scheint plötzlich erleuchtet zu fein. Die beiben starren entgeistert auf ihn unb er hebt spöttisch grüßend bie Hanb „Sie sinb Anfänger, meine Herren!" ruft er „So wirb kein rechtes Ding gebreht!" Mit einem Gelachter wirft er bie schwere Tür zu, knirschenb breht sich ein Schlüssel herum Zwei bunfle Gestatten haben es eilig, baoonzukommen „Wer war jener?" fragt der Kleinere, unb ber Hagere. Dunkle, antwortet« knirschend: „Der Teufel!" Dann schluckt sie die Dunkelheit. Oer Winter. Don Magnus Gottfried Lichtwer. Jetzt schickt uns der rauchende Brocken Die weißen und schimmernden Flocken, Die fliegenden Felder von Eis. Die Felder, die Büsche, die Hügel, Die Gärten, die Gassen, die Ziegel, Dte kleiden sich völlig in Weiß. Der Grünitz beginnt sich zu paaren, Es fliegen die Gänse bei Scharen, Es ruft die prophetische Kräh'. Der Ammerling sucht jetzt die Scheune, Der hüpfende König der Zäune Singt fröhlich im glänzenden Schnee. Das Wasser, das Schiffe durchschnitten, Trägt Menschen und Wagen und Schlitten, Und ist ein gehärtetes Glas. Der Frost macht die Flüsse zu Brücken Und kehrt in versteinerte Stücken Ein flüchtig und weichendes Naß. Hilf Himmel! wie rasseln die Speichen Und führen uns Wälder von Eichen, Gerippe des Harzes, herzu! Wie rauchen die Spitzen der Häuser! Wie knistern die brennenden Reiseri D OfenI wie tröstlich bist dul Nun zahlen mit Fletsch und Gebeine Die sorglosen, frätzigen Schweine Für Pflege, für Stallung und Kost. Nun füllt man den Schornstein mit Wursten, Mit Schinken, dem Essen der Fürsten, Mit Specke, der Hauswirte Trost! Glaubt, Kinder! ein fröhlich Gemüte, Ein Zimmer, das warm ist, sechs Hüte Von Zucker, ein Zentner Kaffee, Ein Fäßchen mit Domherrngetränke, Das stärkt die erfrornen Gelenke, Das hilft für das kältende Weh. Höhenstrahlung. Von Dr. Erwin Koffinna. Im Jahre 1910 wies der Physiker A. G o ck e l auf Freiballonsahrten zum ersten Male eine merkwürdig harte, durchdringende Strahlung nach, di« sogenannten Höhen- oder Ultrastrahlen, ohne sich jedoch näher über deren Herkunft zu äußern. Die Höhenstrahlung ist also bereits seit einem Vierteljahrhundert bekannt. Die Vermutung, daß sie aus dem Kosmos stammt, hat der österreichische Physiker Heß 1912 zuerst ausgesprochen. Seine Ansicht wurde durch die genauen Messungen der Strahlungsstärke durch Professor Kolhörster in den Jahren 1913 und 1914 bestätigt. Auf Freiballonfahrten bis 9500 Meter Höhe fand Kolhörster eine starke Zunahme der Ultrastrahlung mit wachsender Höhe Da die von den radioaktiven Gesteinen ausgehende „Erdstrahlung" sich nur bis 1000 Meter Höhe über dem Erdboden nachweisen läßt rund auf die Luftstrahlung im Vergleich zu den gemessenen Ultrastrahlen nur schwach ist, mußte es sich um eine aus dem Weltenraum kommende Höhenstrahlung bandeln. Kolhörster wies damals bereits diese Strahlen auch im Wasser vis 15 Meter Tiefe nach und konnte zeigen, daß sie die gesamte Atmosphäre bis zur Erde herab durchsetzen und daß ihr Durchdringungsvermögen demnach mindestens zehnmal so groß ist wie das der härtesten radioaktiven Strahlen. Messungen bei totalen Sonnenfinsternissen ergaben keinerlei Abhängigkeit der Höhenstrahlung von der Sonne, dagegen konnte Kolhörster aus dem Jungfraujoch (3550 Meter) in der Schweiz, wo die Erdstrahlung durch das Gletschereis ausgeschaltet ist, eine Abhängigkeit von der Stellung der Milchstraße wahrscheinlich machen. Wir werden aus dieses bedeutsame Ergebnis noch zurückkommen. Das sehr große Durchdringungsvermögen und die beobachtete Stärke der Ultrastrahlen wies auf gewaltige Energieumsätze hin, wie sie der Zerfall radioaktiver Substanzen auf der Sonne und den Sternen allein nicht liefern kann. Wie man weiß, ist der uns nächste Fixstern, unsere Sonne, ein etwas ältlicher Zwergstern von großer Dichte, der den Höhepunkt seiner Entwicklung längst überschritten hat und aus diesem , .rut?b.e .nic^t befonbers reich an hochwertigen radioaktiven Substanzen sein dürste Die sehr heißen Heliumsterne, welche die Sonne viele tausend v-n ^uchtkraft übertreffen, sind aber viel zu weit entfernt, ja felbft die Gesamtheit aller Sterne genügt nicht zur Erklärung der beobachteten Stärke der Ultrastrahlen. Cs begann das große Rätselraten um ihre Herkunft. Zahllose Hypo- rhesen wurden ausgestellt und verworfen. So sollte es unbekannte, weit Professor R e a e n e r in Stuttgart ungleich 5 nach vielen Versuchen ein Instrument zu bringen. Explodierende Sterne. stärker radioaktive Elemente auf jungen Sternen geben, die aber in unferm Sonnensystem bereits ausgestorben waren. Nach einer anderen Ansicht sollte statt des Zerfalls von Elementen die „Neufchopfung von Atomen" Ursache der Ultrastrahlung fein. Aus diesem Labyrinth konnte nur die exakte Erforschung aller Eigenschaften der Hohenstrahlen zu gesicherten Ergebnissen führen. Messungen bis 27 000 Meter höhe. Bahre 1931 stieg Prosessor Piccard als erster mit einem Freibad in die Stratosphäre bis 16000 Meter und stellte eine wertere Zunahme der Ultrastrahlung in großen Hohen fest. So berühmt dieser Aufstieg geworden ist, so sind doch für die Erforschung der £>otyen’ strahlung die Messungen von Prosessor Regen er m (Stuttgart ungleich wertvoller. Regener gelang es nach vielen versuchen em Instrument zu konstruieren, das die Strahlungsstärke sowie Luftdruck und Temperatur selbsttätig aufzeichnet. Diefer Apparat wurde an einem Gummi- ballon befestigt, mit dem ein' zweiter Ballon gekoppelt war, der nach dem Platzen des ersten Ballons in der größten erreichten Hohe als Fallschirm diente. Mit solchen unbemannten Registrierballons erhielt Regener eine fortlaufende Auszeichnung der Strahlungsstarke bis 27 Kilometer Höhe und konnte daraus die Stärke der Höhenstrahlung an der oberen Grenze der Atmosphäre berechnen. Die Messung der Strahlungsintensität geschieht mit einem sehr feinen Elektrometer das m einer geschlossenen, gasgefüllten Kammer aufgehangt ist. Die Ultrastrahlen haben die Eigenschaft, die Luft und auch andere Gase elektrisch leitend zu machen, sie zu „ionisieren". Dabei wird von einem elektrisch neutralen Gasmolekül ein negatives Elektron abgetrennt, wahrend das positive Molekül zurückbleibt. Durch diese Trennung entstehen also Paare von positiven und negativen Elektrizitätsträgern, Jonen genannt. Die Ent- labungsqeschwindiqkeit des Elektrometers entspricht nun direkt der m ber Sehinbe im Kubikzentimeter gebilbeten Zahl der Jonenpaare und somit ber Strahlungsstärke. Wie sehr die Ultrastrahlung mit ber Hohe zunimmt, zeigen folgende Daten Die Zahl der in der Sekunde je Kubikzentimeter gebildeten Jonenpaare betragt am Erdboden 4 in 4000 Meter Höhe 11, in 8000 Meter 50. in 12 000 Meter 150, in 27 000 Meter 250; an der Grenze der Atmosphäre wird sie aus 275 berechnet. Um die Durchdringungsfähigkeit der Höhenstrahlung zu bestimmen, versenkte Regener selbstaufzeichnende Apparate in den Bodensee bis zu einer Tiefe von 250 Meier und konnte dabei feststellen, daß ein Teil der Ultrastrahlung dort unten noch nachzuweisen ist. Demnach können Ultrastrahlen eine 250 Meter hohe Wasserschicht oder da Blei elf mal so dicht wie Wasser ist, eine 23 Meter dicke Bleischicht durch- Nachdem K o l h ö r st e r und Regener die enorme Durch- dringungsfähigkeit der Höhenstrahlung festgestellt hatten, kamen rabto- aktive Vorgänge als Quelle ber Strahlung überhaupt nicht mehr in Frage. Da' griffen die beiden Astronomen Baade und Zwicky am Mount - Wilson - Observatorium eine schon vor Jahren von Nernst geäußerte Ansicht auf, daß nämlich Sternkatastrophen die nötige Energie liefern könnten; Baade und Zwicky untersuchten theoretisch die von den Novasternen ausgestrahlte Energie. Unter den sogenannten „neuen Sternen", die infolge eines gewaltigen explosionsartigen Gasausbruches ihre Strahlung auf das 20000fache des normalen Betrages vergrößern, befinden sich nun einige, die ganz außerordentlich hell sind. Ihre Straf)» lung steigt auf den millionenfachen Betrag; sie werden daher „Supernovae" genannt. Ein Stern, der einen Supernovae-Ausbruch erleidet, verliert einen erheblichen Bruchteil feiner Masse oder zerstrahlt gar völlig. Unvorstellbar große Energiemengen werden dabei innerhalb kurzer Zeit in den Weltenraum geschleudert, wie sie unsere Sonne erst im Zeitraum von Millionen Jahren liefert. „Leider" ereignet sich eine solche Sternkatastrophe in unserem Milchstraßensystem nur etwa alle tausend Jahre. Das hieße etwas reichlich lange warten bis zur Prüfung der Theorie durch genaue Messungen. Der neue Siern im Herkules. Daß die ziemlich zahlreichen normalen Novae wahrscheinlich die Hauptquelle ber Höhenstrahlung sind, hat kürzlich Professor Kok- h ö r ft er in Potsdam zum erstenmal experimentell nachgewiesen. Kolhörster hatte schon früher einen Apparat konstruiert, der es ermöglicht, den Weg eines einzelnen Höhenstrahls zu verfolgen und fomit auch die Höhenstrahlung einer Nova zu messen. Da erschien gerade zur rechten Zeit, am 14. Dezember 1934, ein neuer Stern im Herkules, der sofort von Kolhörster aufs Korn genommen wurde. In mühevoller Arbeit durchwachter Nächte und anstrengender Tage wurden die Versuche bei ungewöhnlich günstigen Verhältnissen durchgeführt. Sie ergaben, daß in den Tagen der größten Helligkeit des neuen Sterns, wenn dieser in den Apparat voll hineinscheinen konnte, die Stärke der Höhenstrahlung um ein bis zwei Prozent größer war als vorher ober nachher Damit ist es sehr wahrscheinlich gemacht, daß ber neue Stern im Herkules etwas Höhenstrahlung geliefert fjyt. Es wird also bei einem Novaausbruch ein erheblicher Teil ber frei werdenden Energie in Ultrastrahlung umgewandelt Um die Stärke der Strahlung auf der Erde zu erklären, sind etwa 50 bis 100 neue Sterne erforderlich, was mit den astronomischen Schätzungen über die Häufigkeit ber neuen Sterne binreichenb überein» stimmt. Nun wirb aber auch verstänblich. tnnrum Kolhörster bei feinen Messungen auf bem Jungfraujoch eine Abhängigkeit von der Stellung der Milchstraße feststellen konnte. Erscheinen doch die neuen Sterne fast ausnahmslos in ober sehr nahe ber Milchstraße. Zum ersten Male in der Geschichte der Erforschung ber Höhenstrahlen ist es gelungen, ben experimentellen Nachweis über ihre Herkunft zu führen. Es erfüllt uns mit Genugtuung, baß es ein deutscher Forscher war, der den entscheidenden Schritt zu dieser Erkenntnis gab und damit ein neues Gebiet astrophysikalischer Forschung eröffnet hat. Verantwortlich: Dr. tzanS Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'jche Univerfitäts-Vuch» und Gteindruckeret.A. Lang«. Gießen.