Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger zahrgang Freitag, den5tAugust Nummerbr Nachts. Von Josef Frsiherr von Eichendorff. Ich stehe im Waldesschatten Wie an des Lebens Rand, Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band. Von fern nur schlagen die Glocken lieber die Wälder herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein. Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum von der Felsenwand. Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land. Ein Gespenst. Von Knut Hamsun. Mehrere Jahre meiner Kindheit verbrachte ich bei meinem Onkel auf hin Pfarrhof im Nordland Es war eine harte Zeit für mich, viel Arbeit viele Prügel und selten oder niemals eine Stunde zu Spiel und Vergnügen. Da mein Onkel mich so streng hielt, bestand allmählich meine unzige Freude darin, mich zu verstecken und allein zu sein; hatte ich ausnahmsweise einmal eine freie Stunde, so begab ich mich in den jLald, oder ich ging auf den Kirchhof und wanderte zwischen Kreuzen sinb Grabsteinen herum, träumte, dachte und unterhielt mich laut mit mir selber. Der Pfarrhof lag ungewönlich schön, dicht beim Meeresstrom Glimma, -inem breiten Strom mit vielen großen Steinen, dessen Brausen Tag enb Nacht, Nacht und Tag ertönte. Die Strömung ging einen Teil des Lcmes südwärts, den übrigen Teil nordwärts, je nachdem Flut oder Sbbe war, — immer aber brauste ihr ewiger Gesang, und ihr Wasser ■ann mit gleicher Eile im Sommer wie im Winter dahin, welche Rich- iung es auch nahm. Oben aus einem Hügel lagen die Kirche und der Kirchhof. Die Kirche oar eine alte Kreuzkirche aus Holz, und der Kirchhof war ohne Pflanzen wrief, ein wenig aus dem Wege zu gehen denn I h Toten twßes Stück Hüftknochen ober den grinsenden Schade! eines Toten "^laA o^Knochen und Haarbüschel von Leichen mif den. Gräben, l ie ich dann wieder in die Erde eingrub, w.e es der Totengräber m q elebrt hatte. Ich war so hieran gewohnt daß ich kern Grausen ernp bnb, wenn ich auf diese Menschenreste stieß. Unter dem ew-n Ende der Lüche befand sich ein Leichenkeller wo Unmengen von Knochen lagen i mb sich umhertrieben, und in diesem Keller $ 9 ®ebein Fi- I Vielte mit den Knochen und bildete aus dem zerbröckelten Gebem tft mren auf dem Boden. eirrhhnf Eines Tages aber fand ich einen Zahn auf dem Kirchhof. Es war ein Vorderzahn, schimmernd weiß und ftar^^ we jf)n Rechenschaft davon abzulegen, steckte ich den Zah ä ’unb ii)n in ■®* etwas gebrauchen, irnendeine Figur daraus z ä, schnitzte, ■nen der wunderlichen Gegenstände einfugen, die ich au ) Z ! ) Ich nahm den Zahn mit nach Hause. Es war Herbst, und die Dunkelheit brach früh herein. Ich hatte noch allerlei anderes zu besorgen, und es vergingen wohl ein paar Stunden, bis ich mich in die Gesindestube hinüber begab, um an meinem Zahn zu arbeiten. Indessen war der Mond aufgegangen; es war Halbmond. In der Gesindestube war kein Licht, und ich war ganz allein. Ich wagte nicht, ohne "weiteres die Lampe anzuzünden, ehe die Knechte herein kamen; aber mir genügte das Licht, das durch die Ofenklappe fiel, wenn ich tüchtig Feuer anmachte. Ich ging deshalb in den Schuppen hinaus, um Holz zu holen. Im Schuppen war es dunkel. Als ich mich nach dem Holz vorwärtstaftete, fühle ich einen leichten Schlag wie von einem einzelnen Finger auf meinem Kopfe. Ich wandte mich hastig um, sah aber niemand. Ich schlug mit den Armen um mich, fühlte aber niemand. Ich fragte, ob jemand da sei, erhielt aber keine Antwort. Ich war barhäuptig, ich griff nach der berührten Stelle meines Kopfes und fühlte etwas Eiskaltes in meiner Hand, daß ich sofort wieder los- ließ. Das ist doch sonderbarl, dachte ich bei mir. Ich griff wieder nach dem Haar hinauf — da war das Kalte weg. Ich dachte: Was mag das wohl Kaltes gewesen sein, das von der Decke her- unterftel und mich auf den Kopf traf? Ich nahm einen Arm voll Holz und ging wieder in die Gesindestube, heizte ein und wartete, bis ein Lichtschein durch die Ofenklappe fiel. Dann holte ich den Zahn und die Feile hervor. ■ Da klopfte es an das Fenster. Ich sah auf. Vor dem Fenster, das Gesicht fest an die Scheibe gedrückt, stand ein Mann. Er war mir ein Fremder, ich kannte ihn nicht, und ich kannte doch das ganze Kirchspiel. Er hatte einen roten Vollbart, eine rote wollene Binde um den Hals und einen Südwester auf dem Kopfe. Worüber ich damals nicht nachdachte, was mir aber später ein» fiel: wie konnte sich mir dieser Kopf so deutlich in der Dunkelheit zeigen, namentlich an einer Seite des Hauses, wo nicht einmal der Halbmond fchien? Ich sah das Gesicht mit erschreckender Deutlichkeit, es war bleich, beinahe weih, und seine Augen starten mich gerade an. Es vergeht eine Minute. Da fängt der Mann an zu lachen. Es war kein hörbares, schüttelndes Lachen, sondern der Mund öffnete sich weit und die Augen starrten wie vorhin, der Mann aber lachte. Ich ließ fallen, was ich in der Hand hatte, und ein eisiger Schauer durchriefelte mich vom Scheitel bis zur Sohle. In der ungeheuren Mundhöhle des lachenden Gesichts vor dem Fenster entdeckte ich plötzlich ein fchwarzes Loch in der Zahnreihe — es fehlte ein Zahn. Ich faß da und starrte in meiner Angst geradeaus. Es verging noch eine Minute. Das Gesicht fing an, Farbe anzunehmen, es wurde stark grün, dann wurde es stark rot; das Lachen aber blieb. Ich verlor die Besinnung nicht, ich bemerkte alles um mich herum; das Feuer leuchtete ziemlich hell durch die Ofenklappe und warf einen kleinen Schein bis auf die andere Wand hinüber, wo eine Leiter stand. Ich hörte auch aus der Kammer nebenan, daß eine Uhr an der Wand tickte. So deutlich sah ich alles, daß ich sogar bemerkte, wie der Südwester, den der Mann vor dem Fenster auf hatte, oben im Kopfstück von schwarzer, abgenützter Farbe war, aber einen grüngemalten Rand hatte. Da senkte der Mann den Kopf an der Fensterscheibe herab, ganz langsam herab, immer weiter, so daß er sich schließlich unterhalb des Fensters befand. Es war, als gleite er in die Erde hinein. Ich sah ihn nicht Meine Angst war entsetzlich, ich fing an zu zittern. Ich suchte auf dem Fußboden nach dem Zahn, wagte aber nicht, die Blicke vom Fenster zu wenden — vielleicht konnte das Gesicht ja wiederkehren. Als ich den Zahn gefunden hatte, wollte ich ihn gleich wieder nach dem Kirchhof bringen, hatte aber nicht den Mut dazu. Ich saß noch immer allein und konnte mich nicht rühren. Ich hörte Schritte draußen au dem Hof und meine, daß es eine der Mägde ist, die auf ihren Holzpantoffeln geklappert kommt; ich wage aber nicht, sie anzurufen, und die Schritte gehen vorüber. Eine Ewigkeit vergeht. Das Feuer im Ofen fängt an auszubrennen, und keine Rettung zeigt sich mir. Da beiße ich die Zähne zusammen und stehe auf. Ich öffne die Tur und gehe rückwärts zur Gesindestube hinaus, unverwandt nach dem Fenster sehend, an dem der Mann gestanden hatte Als ich auf den Hof binausgetommen bin. renne ich nach dem Stall hinüber, um einen der Knechte zu bitten, mich nach dem Kirchhof hinüberzubegleiten. Die Knechte befanden sich aber nicht im Stalle. Jetzt unter freiem Himmel war ich indes kühner geworden, und ich beschloß, allein nach dem Friedhof hinauf zu gehen; dadurch würde ich es auch vermeiden, mich jemandem anzuvertrauen und dann später in des Onkels Klauen zu geraten. gegangen war, Krau Rebekka. Von Matthias Claudius. Wo war ich doch vor dreißig Jahi!, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewejen! — Gelauert hott' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet und gelesen. Und kam's Geschrei — nun marsch, hinein: „Du kleines, liebes Mägdelein, Mein Reif'gesährt', willkommenI" Und hätte dich denn weich und warm Zum erstenmal auf meinen Arm Mit Leib und Seel' genommen. Und hätte dich denn weich und warm Mit Leib und Seel' aus meinen Arm Zum erstenmal genommen ... „Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab' dich sonst noch nicht gefehn, Willkommen, bist willkommen!" „Wie bist du, lieber Reis'gefährt',. In deinen Windeln mir so wert! D werde nicht geringer! Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll. So pfeif nur aus dem Finger." Der Mann schloß seinen Mund wieder, während ich noch in der Tür stand, wandte sich um und ging die Treppe hinab, wo er tief unten verschwand. Seither habe ich ihn nie wieder gesehen. Und es sind viele Jahre vergangen ... Dieser Mann, dieser rotbärtige Bote aus dem Lande des Todes, hat mir durch das unbeschreibliche Grausen, das er in mein Kmderleben gebracht, viel Böses getan. Ich habe seither mehr als eine Vision gehabt, mehr als einen seltsamen Zusammenstoß mit Unerklarbarem — nichts aber hat mich so tief ergriffen wie dies. Und doch hat er mir vielleicht nicht ausschließlich Schaden zugefügt, dieser Gedanke ist mir oft gekommen. Ich konnte nur vorstellen, daß er eine der ersten Ursachen gewesen ist, durch tue ich lernte, tue Zahne zusammenzubeihen und mich hart zu machen. In meinem spateren Leben habe ich hin und wieder Verwendung dafür gehabt. Der Buchhandel im neuen Staat. Von Rudolf G. Binding. Der Buchhändler von heute — über den vom Schriftsteller ober gm vom Dichter etwas gesagt werden soll — ist sicher nicht mehr als dm Buchhändler von gestern. Man kann sich nicht einmal vorstellen, daß m gerne von gestern wäre; eher könnte ich mir denken, daß er schon dm Buchhändler von morgen sein möchte. Denn große Unsicherheiten, wir!, liche Verwirrungen, gewaltiges Hinwegschwemmen alter, scheinbar gn sicherter Werte das Hinsinken manchen Namens, das Vordrängen neuen aber sehr gleichförmiger Gedanken im Leben der Nation haben ebenm den Derkaussstand und Laden wie die umgezogenen ober die umhegtem mit gewohnter Arbeit noch erfüllten Räume und Hirne der Verleger dm einflußt und bedrängt. All das war so überwältigend, allerschuttem» brausend und stürmisch, daß von Wahrnehmung einer eigentlich ausbeu» baren „Konjunktur", deren sich der Buchhandel — Verlag und ©ortimem — hätte bemächtigen können, im Grunde keine Rede sein kann. Die läge, die durch schnell hergestellte patriotische Ware zu glänzen und j« einen Vorsprung zu erringen glaubten, nahmen sich im Gegenteil ge radezu hilflos aus und haben mit einer Geschwindigkeit dieses Beginnm aufgeben müssen, die allen gezeigt haben wird, daß gerade diese PM duktion und diese „Ware Buch" schon von gestern sind. Wenn trotzdem Bücher, die unsere Schicksale und Helden, Vorkämpfer und Führer cc greifen und darstellen, rasch ausgenommen werden und in Riesenauslagen zum Verkauf gelangen, so ist doch das Wellenhafte der Erscheinung beim lich wahrzunehmen und eine bleibende Wirkung solcher Bücher M- eines dauernden nun für die Nation neugewonnenen Gutes weder m den Lesern zu erwarten noch bei dem Buchhändler zu erhoffen, gängige Ware hat viele in den Buchladen gelockt, die ihn früher ri. betreten haben: gut! es ist nur erwünscht, daß es geschah. Wenn »vs solche Buchware ein Heute hatte, so braucht man noch lange nicht «« ihre Zukunst zu glauben und schon das Morgen wird von vielen ErzE Nissen dieser raschen Art kaum noch etwas wissen. Das eigentliche Meme werk — das Werk, bas diese Dinge meistert — das eigentliche 3EltD'*' und Bild unseres Innern wird, in vielfacher Darstellung und m herrschender Wirkung, erst später im Buch erscheinen — vielleicht n« Jahren, wenn es aus einer höheren Schau und einem größeren Avira gewonnen ist. Eine neue Käuferschicht (vielfach) macht sich zwar — nicht oyr Hunger das neue Buch suchend — auf diese Weise geltend und „bei mols mit den Augen ... Einige Monate später, als es Winter geworden und ich wieder von zu House gereift war, hielt ich mich eine Zeitlang bei einem Kaufmann W. auf, dem ich im Laden und auf dem Kontor half. Hier sollte ich meinem Mann zum letztenmal begegnen. Ich gehe eines Abends aus mein Zimmer hinauf, zünde die Lampe an und entkleide mich. Ich will wie gewöhnlich meine Schuhe für das Mädchen hinausstellen, ich nehme die Schuhe auch in die Hand und öffne die Tür. Da steht er auf dem Gang, dicht vor mir, der rotbärtige Mann. Ich weiß, daß Leute im Nebenzimmer sind, daher bin ich nicht bange. Ich murmele: Bist bu nun schon wieder da. Gleich daraus öffnet der Mann feinen großen Mund wieder und fängt an zu lachen. Dies machte keinen erschreckenden Eindruck mehr auf mich; aber diesmal wurde ich aufmerksamer: der sehlende Zahn war wieder da! Er war vielleicht vor irgendjemand in die Erbe hineingesteckt worden. Ober er war in biefen Jahren zerbröckelt, hatte sich in Staub aufgelöst und mit dem übrigen Staub vereint, von dem er getrennt gewesen war. Gott allein weiß bas! So ging ich denn allein den Hügel hinan. Den Zahn trug ich in meinem Taschentuch. , „ , Oben an der Kirchhofspforte blieb ich stehen — mein Mut versagte mir seinen ferneren Beistand. Ich höre das ewige Brausen des Sttomes, Bist alles still. Der Kirchhofseingang war keine Tur, nur cmJBogen, ) den man hindurch ging; ich stelle mich voller A"Sst ?uf die «ne Seite dieses Bogens und stecke den Kopf vorsichtig durch ine Deffnung, um zu sehen, ob ich es wagen könne, weiter zu gehen. Da sinke ich plötzlich platt auf die Knie. Ein Stück jenseits der Pforte, da bnnnen zwischen den Grabern, stand mein Mann mit dem Südwester. Er hatte wieder das weihe Gesicht, und er wandte es mir zu, gleichzeitig aber zeigte er vorwärts, nach dem Kirchhof hinauf. Ich sah dies als Befehl an, wagte aber nicht zu gehen. Ich lag sehr lange da und sah den Mann an, ich flehte ihn an und er stand unbeweglich und still da. Da geschah etwas, was mir wieder ein wenig Mut machte: ich horte einen der Knechte unten am Stallgebäude geschäftig umhergehen und pfeifen. Dieses Lebenszeichen um mich her bewirkte, baß ich mich erhob. Da entfernte sich der Mann ganz allmählich, er ging nicht, er glitt über die Gräber dahin, immer vorwärts zeigend. Ich trat durch Die Pforte. Der Mann lockte mich weiter. Ich tat einige Schritte und blieb Dann stehen; ich konnte nicht mehr Mit zitternder Hand nahm ich den weißen Zahn aus dem Tafchentuch und warf ihn mit aller Macht auf den Kirchhof. In diesem Augenblick drehte sich die eiserne Stange auf dem Kirchturm herum und der schrille Schrei ging mir durch Mark und Bem. Ich stürzte zur Pforte hinaus, den Hügel hinab und nach Hause. Als ich in die Küche kam, sagten sie mir, mein Gesicht fei weiß wie Schnee ... Es sind jetzt viele Jahre seitdem vergangen, aber ich entsinne mich jeder Einzelheit. Ich sehe mich noch auf den Knien vor der Kirchhofstur liegen, und ich fehe den rotbärtigen Mann. Sein Alter kann ich nicht einmal ungefähr angeben. Er konnte zwanzig Jahre alt fein, er konnte auch vierzig sein. Da es nicht das letzte Mal fein sollte, daß ich ihn sah, habe ich auch spater noch über diese Frage nachgedacht; aber noch immer weih ich nicht, was ich über fein Alter sagen soll ... „ . . Manchen Abend und manche Nacht kam der Mann wieder. Er Zeigte sich, lachte mit feinem weitgeöffneten Munde, in dem em Zahn fehlte, und verschwand. Es war Schnee gefallen, und ich konnte nicht mehr auf den Kirchhof gehen und den Zahn in die Erde stecken. Und der Mann kam wieder und wieder, aber mit immer längeren Zwischenräumen, den ganzen Winter hindurch. Meine haarsträubende Angst vor ihm nahm ab; aber er machte mein Leben sehr unglücklich, ja unglücklich bis zum Uebermah. In jenen Tagen war es mir oft eine gewisse Freude, wenn Ich daran dachte, daß ich meiner Qual ein Ende machen konnte, indem ich mich bei Flut in den Strom Glimma stürzte. Dann kam der Frühling und der Mann verschwand gänzlich. Gänzlich? Nein, nicht gänzlich, aber für den ganzen Sommer. Den nächsten Winter stellte er sich wieder ein. Nur einmal zeigte er sich, bann blieb er lange Zeit fern. Drei Jahre nach meiner ersten Begegnung mit itjm verlieh ich das Nordland und blieb ein Jahr fort. 2lls ich Zuruck- kehrte, war ich konfirmiert unb wie ich selber meinte, ein großer, erwachsener Mann. Ich wohnte nun nicht mehr bei meinem Onkel auf dem Pfarrhof, sondern daheim bei Vater und Mutter. Eines Abends zur Herbstzeit, als ich gerade schlafen gegangen war, legte sich eine kalte Hand auf meine Stirn. Ich schlug die Augen auf und erblickte den Mann vor mir. Er saß auf meinem Bett unb sah mich an. Ich lag nicht allein im Zimmer, sondern mit zweien von meinen Geschwistern zusammen; aber ich rief trotzdem keines von ihnen. Als ich den kalten Druck gegen meine Stirn fühlte, schlug ich mit der Hand um mich unb sagte: Nein, geh weg! Meine Geschwister fragten aus ihren Betten, mit wem ich spräche. Als ber Mann eine Weile still gesessen hatte, sing er an, sich mit dem Oberkörper hin und her zu wiegen. Dabei nahm er mehr und mehr an Große zu, schließlich stieß er beinahe an die Decke, und da er offenbar nicht viel weiter kommen konnte, erhob er sich, entfernte sich mit lautlosen Schritten von meinem Bett, durch bas Zimmer, nach dem Ofen, wo er verschwand. Ich folgte ihm bie ganze Zeit mit den Augen. Er war mir noch nie so nahe gewesen wie diesmal; ich sah ihm gerade Ins Gesicht. Sein Blick war leer und erloschen, er sah zu mir hin, aber gleichsam an mir vorüber, quer durch mich hindurch, weit in eine andere Welt hinein. Ich bemerkte, baß er graue Augen hatte. Er bewegte sein Gesicht nicht unb er lachte nicht. Als ich feine Hand von meiner Stirn wegschlug und sagte: Nein, geh yeg! zog er seine Hand langsam zuruck. Während all der Minuten, die er auf meinem Bett faß, blinzelte er nie- das Geschäft". Der Sortimenter hak — zu Weihnachten vielleicht; wie wird es morgen fein? — allerhand gefällige und billige Bücher zu Hunderten verkauft, aber wertvollere, teuere Werke, Gesamtausgaben, der ewige Vorrat deutschen Geistes und deutscher Dichtung, große Neuerscheinungen, an denen Verlag und Sortiment wirklich etwas verdienten und die zugleich dem Buchhandel eines Jahres das Gesicht gäben, werden — wenn man diese Zeit mit anderen vergleicht — weder verlangt noch werden sie auch nur sichtbar. Dies ist die Lage des „Buchhändlers von heute". Er wird zwar nicht der Buchhändler von gestern fein mögen; aber er wäre vielleicht lieber der Buchhändler von morgen. Man hat — wegen des Wellenhaften — den Eindruck, als traue er auf feinem Gebiete dem Heute nicht. Obwohl er guten Mutes ist und nicht einmal über feine Kaffe zu klagen hat, fcheint es fast, als blicke der Buchhändler fehnsüchtig in die noch immer halbdunkle Zukunft. Nach was blickt er aus? Sicher blickt der ernsthafte Verlag wie der ernsthafte Sortimenter am sehnsüchtigsten und erwartungsvollsten nach dem Autor der Zukunft aus, der ihm das zukünftige Buch liefert. Er muß ja die Ware verkaufen, die ihm geliefert wird. Es ist daher ungerecht, dem Buchhandel — insbesondere dem Sortiment — den Vorwurf zu machen, er habe das Volk mit falschen Büchern gefüttert. Der Buchhändler hat das Buch feiner Zeit verkauft: er wird morgen wieder das Buch [einer Zeit — unserer Zeit — verkaufen. Wenn eine Zeit — wie die unsere — Bücher einer besonderen Haltung fordert und hervorbringt, so wird der Buchhändler diese ebensowohl als die ihm verkäusliche Ware ansehen müssen, wie Bücher anderer Haltung zu anderen Zeiten. Wenn auch das Buch in unserer Anschauung ein Kulturgut ist — und somit der Buchhändler der Vermittler eines Kulturgutes — so ist das Buch dennoch zugleich und vorwiegend im buchhändlerischen Betrieb (ebensowohl des Verlegers wie des Sortimenters) Ware. Von dieser Belastung wirtschaftlicher Momente, die sich an jede Ware heftet, kommt der Buchhändler als Geschäftsmann, der er fein soll, nicht weg. Wo dieser Gesichtspunkt verlassen werden soll, wo zugunsten hoher kultureller Werte schwer verkäufliches nationales Gut hergestellt wird, kann dies kaum anders als in der selten anwendbaren Weise geschehen, daß Bücherfreunde, Stiftungen, Gesellschaften und in manchen Fällen der Staat durch die Hinreichung von Mitteln die Herstellung solcher Erzeugnisse ermögliche. (Ich führe diese seltenen Fälle aus dem Grunde an, weil sie gleichwohl im Leben des Buchhandels als eines Vermittlers kultureller Güter niemals fehlen dürften, augenblicklich jedoch völlig verschwunden sind.) „interessante Stosst In erster Linie also hat der Buchhändler das Recht, nach dem Schriftsteller auszuschauen — nach uns (sagen wir es nur), die wir ihm das gute, das bleibende, bas langläufige, vielleicht das ewige Buch liefern. Wir dürfen ihn nicht enttäuschen. Denn in solchem Buche liefern wir ihm zugleich auch das Buch, an dem er am meisten ver- verdient: nicht heute — aber heute und morgen. Der „besf seller" eines Jahres erschöpft sich — wir haben hundert Beispiele in der Welt dafür — häufig schon in dem nämlichen Jahre; und nicht nur sein Erfolg verpufft wie eine Seifenblase, daß (eine Wirkung auf die Menschen, sein Wert für den Leser (im Bücherschrank), fein kultureller Wert unvergleichlich ärmer sind: den Buchhändler, der, sich auf den best seller stürzt, läßt die Ware oder der Käufer bald im Stich. Erst die langlebigen Bücher machen den Verlag, machen den Buchladen. Es ist verkehrt für beide Teile, riskant und lotteriehaft, Schlager herausbringen zu wollen. Viele taufend Nieten kommen auf dieses Bestreben, und selbst ein Treffer fchützt im nächsten Jahre nicht vor leeren Kassen. - ohne Geist, ohne schöpferische Kraft, ohne d,e wahre Der;uyrung ,m Stil und in jeglichem Wort. Das Volk jedoch sei anspruchsvoll, Das wird dem Buchhandel gut bekommen und ihn vor manchem faulen Ladenhüter schützen. Warum soll das Volk, das der Buchhandel doch in den Laden locken will sich langweilen? Warum soll es auf übliche Anpreisungen und wohlmeinende Kritiken hereinfallen? Gestehen wir nur:wi, die Schriftsteller, sind die Verantwortlichen. Dies fei unser Verhältnis zum Buchhändler. * Daraus freilich leiten wir das Recht ab. daß der Sortimenter die Autoren kennt und über ihre Werke Bescheid weiß, um die es geht. Erst bann wirb er das fein können, was seine Ehre ausmacht, der Vermittler geistigen Gutes einer Nation an die Nation und an ine Welt Ich kann nicht behaupten, daß der junge Buchhändler vori heute -ff «eit ich ihn kenne, dieser feiner Pflicht mcht nachkommi, Er kumm rt sich um die Autoren, deren Bücher er vorwiegend verkauft. Er geht ihnen mel_ leicht mit einer etwas zu bereitwilligen Liebe oder Vorliebe nach. Iber der Buchhandel weiß im allgemeinen noch nicht, b'- ZU welche hohen Grade und hohen Nutzen eine wahre Kenntnis d" schöpfen chen Kräfte der stell für fein Geschäft gesteigert werden kann. Erst bet dieser Kenntnis wirb es bem Sortiment gelingen, zu einem ewigen "ub-nnner mit neuem Zufluß gespeisten „Vorrat" besten zu gelangen, was er sucht, nämlich die gängige Ware. Die Verantwortlichkeit des Buchhändlers ist höchste Verantwortlichkeit. Sie ist fast die eines Seelsorgers DesJBoItes '^ ^lturellen emer Hera ^ Siebung des Volkes zum Guten. Und bies "'^durch -Belehrung b Predigt, ober Rede und Ueberrebung — obgleich auch am Ende schon große Singender Abschied. Von Ruth Schaumann. Aber dir dieses zu sagen: Laß mich nun scheiden, ist weh. Einst in den sinkenden Tagen Sah ich zwei Turteln im Schnee, Eine vom Winter erschlagen, Eine in Klagen vor Weh. Aber dir dies zu verraten. Dies zu verraten: ich geh. Ist mir von all meinen Taten Härter als Eis überm See, Rauher als Hagel in Saaten, Dies zu verraten: ich geh. Aber es kommt ein Verkünden, Dieses: du folgst mir ja bald, Tritt aus verdunkelten Gründen Weiß wie ein Reh aus dem Wald. Liebe löscht Heimsucht und Sünden, Lächelnd erlaubt mir zu künden Dieses: Wir folgen uns bald. Ein weißer Schleier verhüllte die Orgel in leisen Akkorden wendet hatte. Die Feier war zu Ende. Das Brautpaar schritt zum Ausgang. Die Hochzeitsgäste folgten mit Räuspern und Hüsteln ... Ich trat durch die Turmtür ins Freie, schritt durch die engen Gassen, die sich hinter der Kirche zusammendrängen, und bog in die Burg- gaffe ein. Da stand das Hous. Alles schien unverändert. Auch das kleine Schild mit dem Familiennamen neben der Tür war noch da, der Klopfer, die Gartenmauer ... i Ich wollte doch einmal den Bärenwirt fragen, was denn aus der i Aenne Forstner geworden fei. In einer Kleinstadt weiß ja jeder von den i Schicksalen des anderen. ., I Aber ich gab es wieder auf. Lieber nicht fragen Wozu? Für mich sollte sie die Kenne Forstner bleiben, mochte sie meinetwegen längst Frau Kalkulator ober Frau Apotheker geworden fein. — Eine Stunde später ging ich zum Kirchhof hinaus, Tante Emmas Grab zu besuchen. Ich konnte es zuerst nicht finden, obwohl man es mir genau beschrieben hatte. , Zufällig, in planlosen Umhergehen leuchtete mir eine Grabschrift ms Auge, daß ich stehen blieb, wie gebannt. „Aenne Forstner" stand daraus — Aber ich habe mich völlig vergessen. Ich wollte ja von Poppenburg erzählen. Und Poppenburg ist schön. Trotz alledem. Es träumt sich nirgends so wie dort. Was denn? Das ganze Leben ist ein Grüßen und Abschiednebmen. Beides gehört zusammen. Es ist seine Melodie, sein ewiges, unaus» gesungenes Lied. Und wenn ich auch, als ich heimging, mit einem Mm? die Empfindung hatte: Eigentlich hast du hier in Poppenburg nun nichts mehr zu suchen! — so alle paar Jahre einmal einen Tag dort fein, fe'b’t wenn man weiter nichts mitnähme, als das Lied des Brunnens in em er stillen, klaren Mondnacht oder einen Gruß flammend roter Dahlien in den Gärten an einem sonnigen Septembertage. lierantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Der lag: Brühl'fche Uni verfitäts-Buch- und Steindru ckeiei, R. Lange. Diebe». Zn Poppenburg. Von Wilhelm Scharrelmann. Also, und damit beginnt meine Geschichte, ich fuhr nach zwanzig Jahren abermals nach Poppenburg. Freilich, die gute Tante Emma war seit Jahren tot, und ich hatte eigentlich gar keinen Anlaß, nach Poppenburg zu fahren. Eine unbestimmte Sehnsucht, ein Mudeseln von diesem und jenem, ein Verlangen, einmal hinauszukommen, eine ^ukwstgkeit. Wohin denn aber nur? und ein plötzliches: Mein Gott, ja, natürlich nach Poppenburg! Daß ich nicht gleich auf Poppenburg kam! Rach zwei Stunden war ich dort. In den Gaffen war es still und einsam. Em paar strickende Frauen in den Haustüren, Kinder, die am Straßenrand spielten, hier und da em Hund, breit auf dem Pflaster mit einem deutlichen: Du hast mehr Zeit als ich, und die Straße ist breit genug. Ich lief ein paar Stunden herum, beguckte die alten Hausgiedel, entzifferte die Hausinfchristen, die in Poppenburg noch in Ansehen stehen und machte schließlich eine Wanderung, dicht um die alte Stadt herum. Man geht da durch schmale, zuweilen etwas verwachsene Wege und allenthalben begleiten einen die Hausdächer mit ihren schwarzroten Ziegeln und die Dahlien, die in allen GäAen nicken. Ein wenig emüdet tarn ich nach einer guten halben Stunde zum Marktplatz zurück, schwankte, ob ich einstweilen wieder in den „Baren gehen solle, trat aber bann, einer plötzlichen Eingebung folgenb, tn die alte Marktkirche, beren Türen sperrangelweit offen ftanben, als hätten sie schon auf mich gewartet. _ „ „ .. . Vor Jahren war ich an jebem Sonntagmorgen hier zur Prebigt gegangen. Darin war Tante Emma unerbittlich gewesen. Sechs verbummelte Wochentage waren gerabe genug. Drinnen war es bämmerig unb kühl. Aufatmenb setzte ich mich auf eine ber Bänke im Mittelschiff unb überließ mich für eine Weile ber Ruhe unb ber stillen Gewalt bes alten, ehrwürbigen Raumes. Nach einer Weile stand ich leise wieder auf und begann einen Rundgang durch die Kirche. __ Ein alter Taufkessel und einige Bilder alter Meister sind da. Im übrigen bietet die Kirche nicht gerade viel, wenn man auf Sehenswürdigkeiten aus ist. Aber die alten Glasfenster sind schön. Plötzlich fiel mir ein, einmal in die halb unterirdisch gelegene Kapelle hinunterzusteigen, die hinter dem Altar entdeckt wurde und in der einige alte Steinsarkophage stehen. Ich empfand mich ein wenig als Eindringling, als die Tür der Kapelle beim ersten Druck nachgab und ich in den stillen Raum hinunterstieg, in den ich vor Jahren zuweilen von der Gasse aus durch die niedrigen vergitterten Scheiben hinabgeblickt hatte, wenn die Sonne mit schrägem Strahl aus den Särgen stand. Eine kühle, modrige Luft wie aus einem ungelüfteten Keller schlug mir entgegen. Ein geschnitztes Chorgestühl, halb vom Wurm zerfressen, und eine in Stein gehauene, in die Wand gelassene Kreuzigung liehen die Totenstille, die über den Dingen lag, noch tiefer empfinden. In der Kirche empfing mich leises Orgelspiel. Auf den vordersten Lankreihen vor dem Altar hatten sonntäglich gekleidete Menschen Platz genommen, und der alte Kirchendiener stand mit wichtiger Miene in ber Nähe ber Eingangstür unb musterte mich mit erstaunten Blicken unter hochgezogenen Brauen. Es schien eine Trauung ftattfinben zu sollen, unb ich trat unter dem Chor in eine der Hinteren Bankreihen. Nach dem Dämmerlicht der Kapelle wirkte die farbige Schönheit der alten, bemalten (Blasfenfter jetzt wie eine Offenbarung. Hoch über dem Altar erglühte bas Licht in bem Rubinrot unb bem Drange ber Scheiben unb leuchtete kühl in dem blauen Mantel ber heiligen Ursula bes Mittelfensters. Neben mir erhoben sich bie Säulen leicht unb wie beschwingt zu ber gewölbten Decke, unb in ihrem Anblick verloren war mir, als stürzten sich bie Töne der Orgel, die jetzt mit vollen Registern spielte, wie freigelassene große Vögel mit m'item Flügelschlag über mich hinweg unb füllten bie Wölbungen ber Spitzbögen mit geheimnisvoll rauschenbem Gesang. Das plötzlich matter roerbenbe Licht ber Sonne, bie hinter eine Wolke getreten fein machte, ließ im nächsten Augenblick bie Fenster fast büfter erscheinen Das stark nachgebunkelte Bilbnis bes heiligen Aegibius brüben im Seitenschiff ertrank fast in ber Dämmerung. Aber da - Bilbnis bes Kinbleins über bem Altar, von bem matten Glanz ber Kerzen bestrahlt, leuchtete befto einbringlidjer aus den Hefen *n Der Gesang auf dem Chore verstummte. Nun schwieg auch die Orgel, und der Raum versank in die erwartungsvolle Stille, die den ersten Worten des Geistlichen voranzugehen pflegt. Ich folgte mehr dem Klange als dem Inhalte der Worte, die in ben weiten Wölbungen ber Kirche ben Nachhall weckten, als wachten langst verklungene Laute in ben Winkeln auf, ftammelnb unb verworren, wie Sdjlofenbe im ersten Erwachen. Unb von neuem erhoben sich Erinnerungen tn mir. Dunkle, schattige Walbwege tauchten vor meinem Auge auf, heim- liehe Begegnungen mit ihr, ber bie Braut dort am Altäre glich, N auffällig glich, daß ich einen Augenblick gemeint hatte, Aenne selbst zu eben. Flüchtige Händedrücke, verstohlenes Grüßen, saumselige Sommer- tage, planloses Herumlaufen in Gärten und Feldern, stundenlanges Träumen drüben am Rande bes Poppenburger Walbes, stammelnde Verse, und endlich das unvermeidliche Äbschiednehmen und erstes zuckendes Weh. Ein Konzert des Kirchenchores am Abend des letzten Ferientages fiel mir ein. Die Kirche im abendlichen Lichterglanz und Aenne in blütenweißem Kleide zwischen anderen Mädchen auf dem Chore. Gesang und heimliches Entzücken, als sänge nur sie, und nur für den einen, ber hier unten mit klopfenbem Herzen saß unb zu ihr hmaufschaute, unoermanbt Jahre waren barüber hin. . , Sonberbar, baß ich mich erst jetzt roieber an sie erinnerte, bah ich nicht vorhin schon einmal roieber burch bie Gasse gegangen war, in bet bas kleine Haus geftanben, mit seinen Fensterläben, ben Blumen- stocken hinter ben kleinen Scheiben unb bem altertümlichen Messing- ((opfer an ber schwerfälligen Tür, ben Apfelbaumzweigen unb Brombeerranken, bie über bie niebrige Gartenmauer gehangen. Unb nun fiel mir auch ber eselhaft bumme Bries roieber em, ben ich an sie geschrieben in eifersüchtiger, knabenhafter Liebe, auf ben ich niemals eine Antwort bekommen, die ich doch wochenlang mit bangender Seele erwartet hatte. Niemals hatte ich das zu verwinden geglaubt —, und hatte doch heute nur ein Lächeln dafür, ein leises, wehmütiges Lächeln. Von Aenne hatte ich nie wieder ein Wort gehört, und sie zuletzt vergessen. Und heute hob nun eine zufällige Stunde mit lächelnder Gelassenheit das Langvergessene wieder ans Licht, und alle Wunder jungen Erlebens blühten noch einmal wieder daraus empor. Schatten, bte wie eine dunkle Flui aus allen Winkeln fliegen. Im nächsten Augenblick kehrte die Sonne zuruck, und die Düsterheit des Raumes erhob sich mit sieghaftem Lächeln wieder zu der lichtburch- wedten Schönheit von vorhin, wie sich em Menschenherz aus tiefer »»Ä .Ä'Ä'üt, °i-s» w» beinahe vergessen, als die Braut erschien. Ein weißer Schleier veryullte die Gestalt. Langsam schritt sie, während die Orgel in leisen Akkorden fast erstarb, von dem Bräutigam, einem Offizier m Feldgrau, geehrt, zum Altar und nun fetzte plötzlich, von der Orgel begleitet eine Helle Sopranftimme auf dem Chore ein: Wo du hingehst, da will auch ich hmgehenl ... Ich wollte mich eben erheben und die Kirche leise verlassen, als ich durch einen Blick auf die Braut von neuem gehalten wurde. 3Z konnte die zarten Umriffe der Unbekannten nur undeutlich erkennen. Aber der Fall der Schultern, durch den fließenden Schleier deutlich erkennbar, das im Nacken aufgesteckte Haar, ihre Größe und ganze Erscheinung weckten Erinnerungen in mir, bie mich plötzlich mit eigensinniger Gewalt er- griffen Eine Mäbchendilb erschien vor mir, ein Name klang in mir auf, unb mir war, als löse er Melobien in mir, bie wie vergessene Traume SiehenerZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger rnft« Jahrgang (954 Freitag, den 5. August Nummer 59 lÄntirt oanesZx unger". Und wer da glaubt, Hamsun hatte, pTctäXQT" schrieb, nichts anderes verkündet als die et ■ Knut Hamsun, 1921. es sich auf. tröftii 22 L 6 8 9 S £ t7 Z pler Iieb-^ t. Irgendjemand hat einmal gesagt, Hamsun Dieses Urteil kommt ihm am nächsten. Aber Gewissen hat, und da die Masse ein ebenso ist wie „die Zeit", so wirkt Hamsun immer r hch Must, groß» len o« Dieta s djenl" | nach affen.' 1 Als« eil für 11 Bit u er di! Cyan Grey 1 Magenta Black Wie wollten wir, die Kinder, die Wege verstehn? Seid demütig nur! Mäßigkeit, „Mischrasse" nennt er es bei Kordon Tidemand in „Nach Jahr und Tag" ... .ohne starkes Gepräge, ohne Vollblütigkeit, nur eine -Mischung, unecht, von allem ein bißchen, ganz tüchtig im Lernen, aber zu nichts Großem fähig". Und da alle Normen der Moral oder der gesellschaftlichen Dogmen „Mischung" sind, so ist Hamsun weder ein Moralist noch ein Dogmatiker, ganz im Gegenteil: wie liebevoll ist tnnnlti ton sich un einmal gesagt, er sei „ein tmir, , I tonal I9 20 2I ingen , Pro. Kron, liffetn s jung Hama. söhn'. [ mmet L Was wissen wir.. Von Knut Hamsun. I7 IX 12 13 14 15 16 9 10 2 3 6 7 8 4 5 e bann idjl J» mb dii en uni Ginn« „August Weltumsegter" gezeichnet, wie liebevoll Inger im „Segen der Colour & Grey Control Chart mag, wenn man em paar ^ayre in einer tarmenoen etaot veroraiyr hat. Dann folgten Schauspiele: „An des Reiches Pforten", „Spiel des Lebens", „A b e n d r ö t e", die Trilogie um den Philosophen Kareno, dessen großes Werk über die Gerechtigkeit niemals fertig wird, der zum Schluß resigniert. Es folgten die Novellen, die Gedichte, die wir von Hamsun haben, die Liebesgeschichte „Victoria" und gleichsam als Abschluß eines gewissen Lebensabschnittes „Unter H e r b st st e r n e n" und „Gedämpftes S a 1 t e n s p l e l". In all diesen Jahren, also bis etwa 1909, bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahre, hatte Hamsun nebenbei Vorträge über Zeit- und Streitfragen gehalten, von den Studenten in Oslo und Helsingfors, hatte in den Sprachenstreit eingegriffen und gegen die künstlich geschaffene Schriftsprache gewettert, hatte das Recht der Jugend gegen die „Weisheit des Alters" verteidigt, hatte Theologen und Redakteure, Literaturgeschichtler und Politiker herausgefordert, immer kämpferisch, immer jugendlich. In der Dichtung forderte er psychologische Vert'efung: „Wie, wenn nur die Literatur sich überhaupt etwas mehr mit seelischen Zuständen, 0 cm 1 füll» gewanl Zu seinem 75. Geburtstage am 4. August. Von Johan Luzian. „Ich habe vielleicht dann und wann mehr leisten wollen, als ich konnte, — aber ich habe nie weniger geleistet. So hebt mit : ; ‘über 3 arm, i lngst | Sie | ter, u«' len 6« ■iebeii? ,6 riu* n, b** mir I ic 8” H ig es U und h ffteri i ic Pah". Und dem alten Lehnsmann Geißler er die einzige Einnerung an (eine früheste in den Mund gelegt: „Ich weiß noch von Jahre war: ich stand auf der Scheunen- Lom und empfand einen bestimmten Ge- leruch noch ..." Und das ist es wohl auch, l m wird: daß alles aus einer starken, reinen I i bestimmten Geruch in der Welt nachspürt, y Glaube, natürliche Sittlichkeit, deren Gesetze >>»,,. uufiteiunieuen ...eiben brauchen, die jeder sittliche Mensch von selber keniit. Aber der Dichter ist trotzdem ein wurzelloser Mann, wenn er auch den Geruch seiner Heimat immer mit sich trägt, wenn er auch ein Dach über dem Kops, ein Haus, Kinder, einen ganzen Herrenhof besitzen mag. Er muß zu jeder Zelt dorthin aufbrechen können, wo das Menschliche sich offenbart, Er darf weder aus einem einseitigen Landschaftswinkel noch aus einer erstarrten Gesellschaftsschicht das Geben betrachten: er muß ungebunden in seinem Gewissen fein. Das ist jene schöpferische Unruhe, und es sind nicht die schlechtesten Menschen, denen Hamsun sie geweckt hat! Wahre Größe eines Menschen zeigt sich niemals in der Einseitigkeit, mit der ein schnurgerader Weg bis zum letzten Ziel vorgetrieben wird, es wird eher die Vielfalt, das nach allen Selten Ausftrahlende fein, hinter dem wir Gröhe und Genialität zu sehen geneigt sind. Hamsun begann 1890 mit dem Roman „H u n g e r" an die Oessentllch- feit zu treten. Was in diesen Hungerphantasien gestaltet ist, das war in seinen wesentlichen Teilen wirklich erlebt, 1886 und 1888 hatte er als Journalist zu leben versucht und war fast verhungert dabei. Ein Jahrzehnt der Not, der Vagabondage und der Abenteuer wurde mit diesem Buche abgeschlossen, in dem ein Mensch geschildert wird, der ein Königreich des Geistes in seinem Schädel herunstchleppt, der aus dem Wege ist, etwas Großes zu schaffen, der nur noch nicht recht weiß, womit er beginnen soll. Wer erinnert sich nicht immer wieder jener phantastischen Szene im Obdachlosenasyl, in der das Wort „Kudoaa" erfunden wird! Ein neues Wort, dem die absonderlichsten Begrisse beigegeben werden! Hamsun streut in diesem Buche Einfälle, Bilder, witzige und tiefgründige Episoden in einer Fülle aus, wie sie kaum ein anderes Erstlingswerk auhutDCiien bat. Sein zweites Buch war „M y st e r i e n", und fein Mi*! Sa, i J» latiirM g tueij Green Grey 2 Yellow Grey 3 In einer kleinen westfälischen Stadt lernte ich einmal einen jungen Menschen, einen Buchhandlungsgehilfen, kennen. Er zeigte mir eine Photographie aus feiner Wohnung daheim, die einen blumengeschmückten Tisch mit vielen schön gruppierten Büchern darstellte,und an die Blumen- vase gelehnt war bas Bild von Knut Hamsun zu sehen, bas von 1927 mit dem Jägerhut und dem aristokratischen Ausdruck, welches wohl jeder kennt. Hamsun war damals 70 Jahre alt geworden, und hier feierte ein junger, einfacher Mensch auf eine ganz besonders schöne Weise den Geburtstag des von ihm wie ein Abgott geliebten Dichters. Der junge Mensch besah nicht nur sämtliche Werke Hamsuns in der schönen grünen Langen-Ausgabe mit dem Einband von Tiemann, dazu die Biographien von Berendsohn, ßanbquift, Markus, er hatte sich auch von seinem kleinen Gehalt die norwegische Ausgabe und die Biographie von Skaolan gekauft. Aber noch mehr: er hatte vollkommen Norwegisch gelernt, um Hamsun in seiner Ursprache lesen und um den Dichter einen Bries schreiben zu können. Und Hamsum hatte ihm in freundlicher Weise geantwortet und ihn damit glücklich gemacht. Er zeigte mir die fein- «enen schönen Schriftzüge des Dichters, über die mein Blick mit erer Andacht glitt. In einer schwäbischen Stadt waren es ein Schulrektor, in Norddeutschland ein Professor, ein Fabrikarbeiter, in Westdeutschland Blue White Red Grey 4 Grund. Albert C n g st r ö m schrieb an Hamsun einmal foigenoen wrug: „Ich danke Dir für zwanzigjährige Freundschaft und für jenes Aufleuchten in Deinem linken Auge! ..." Diesem Aufleuchten in feinem linken Auge, diesem Wissen um die Hintergründe, diesem Blick aus Ironie und Verzeihen gemischt, wer könnte sich ihm entziehen? Wer Hamfun ganz verstehen will, der muß erfaßt fein von einer schöpferischen Unruhe, der darf sich nicht mit dieser oder jener praktischen Lebensweisheit zufrieden geben, sondern der muß spüren, daß der Teufel niemals mehr um die Seelen der Menschen gerungen hat als in dem Europa der letzten fünfzig Jahre. Der Teufel: das ist nicht der poetbische Geist, der stets verneint, der das Böse will und das Gute schafft, nein, der ist ein unprogrammatischer Widersacher eigener Art. Gr wird mit jedem MerUchen geboren, und gehört als Negation .ui allem Positiven, er tritt als Älter, Charakterschwäche, Lüge, Leidenschaft der Liebe, des Ehrgeizes, der Eitelkeit auf, kurz, er ist das Unoolltommene •m Menschen und am Menschen, ist das Unkraut und die allzu üvvige -Blüte. Aber nichts ist für Hamfun anderseits verächtlicher als Mittel- ‘ d)on eher f Steil | Zell ä Hins, » bren