Nummer 25 Samstag, den 3(. Marz Jahrgang I93H Naturganzen wußte, so gibt es auch heute aus dem eigenen Innern und aus dem Wesen der Gesamtnatur heraus ein Ostern zu erleben und einen Frühling zu gewinnen, daß wir wieder stolz und hoffnungsfroh in eine Zukunft blicken, die wir selber zu schaffen gewillt sind. , c. In trüber Verzweiflung ictnc Tage hinzubruten, hat noch keinem geholfen, aber das Schicksal ist noch immer von denen überwunden worden, die mit zielbewußter Tätigkeit die Gegenwart ausnutzten, damit ihnen die Zukunft neuen Frühling bedeute. Dann wird das Sprießen und Wachsen der Natur zum Symbol für die innere Welt des Herzens, aus der alles nach außen Wirkende hervorgehen mutz: und die Befreiung aus der Gewalt der Frostriesen in Feld und Wald führt zur Erlösung aus den Fesseln der Angst und des trüben Entsagens. Seit Wolfram von Eschenbachs „Parzival" Erlösung von seinen Zweifeln mit der zauberhaften Karfreitagsstimmung in Wald und Aaag begann, tönt das Lied der Hoffnung, der Umkehr auf bistem Weg und der Genesung frohlockend durch die Osterfreude der Jahrhunderte. Dichtung und Naturmärchen umspielen symbolisch ihren tieferen Gehalt. Bald klingen Erinnerungen hinein an den Schwcrttanz, den nackte germanische Jünglinge in der Frühlingsnacht zum Preis der Göttin Ostara übten oder an die Osterfeuer, durch die behend die männliche Jugend sprang, bald überwiegen die christlichen Motive, die den höchsten Ausdruck in Goethes „Faust" fanden, wenn man ihn als ein einheitliches Ganzes betrachtet und den Schluß des arbeitsreichen Lebens neben den Beginn stellt, in dem der alternde Faust nach seiner österlichen Bekehrung neuem Frühling entgegengeht und über Irrtum mancher Art die Weisheit erreicht, daß nur mit nützlicher Arbeit irdische Erlösung gesunden werden kann. Das ist aber die Zukunft, die man nicht anders gewinnt, als daß man schafft. Wie die Kirchenglocken weithin frohe Mär des Heils verkündend über das frühlingsschwangere Land schallen, so geht um diese Zeit ein kräftiger Hauch des Werdens von allen grünen Dingen der Natur aus und erinnert an den ewig geheimnisvollen Bund, der zwischen Entstehen und Vergehen herrscht. Diese Erkenntnis ist Osterweisheit, und der schönste festliche Gedanke keimt daraus, wenn wir fühlen, daß uns die Erde mit ihrer Schönheit und immer wieder kräftig keimenden Jugend von neuem erobert. Der moderne Mensch genießt die Feiertage anders, als es die Vorfahren taten und für recht hielten Er eilt hinaus, um im Freien bewußt jene Stimmung zu finden, die den primitiven Völkern unbewußt zufloß als Geschenk ihrer Götter. Die Natur macht fromm, und das Osterspiel des Frühlings begleitet unser Innenleben wie ein gewaltiger Chor. Es ist ein Chor der Sehnsucht, denn die Erlösung, die Ostern und Frühjahr der Menschheit versprechen, liegt im Werden und noch nicht im Reifen der Dinge. Aber nimm dem Herzen die Sehnsucht, und du nimmst der Erbe die Luft! Wer sie versteht, trägt Osterweisheit im Herzen und ein würdiges Ideal im Geiste. Orgelspiel am Ostermorgen. Erzählung von A. A r t u r Kuhnert. Man kann es nicht glauben, wenn man das Dorf so liegen sicht, denn da sind nun die Weinberge rechts und links und dahinter, und da ist auf der anderen Seite der Fluß, der hier einen sanften Bogen macht, gerade so groß, daß sich das Dors in die Krümmung schmiegen kann und es so wunderbar gut hat zwischen dem Fluß und dem Wein: nein, glauben kann man es wahrhaftig nicht, daß in einem so schön gelegenen Dorf nicht Frieden zwischen allen Menschen herrschen soll. Wenn man allerdings genauer zusieht, dann muß man bemerken, daß mit dem Weinberg gerade über dem Dorf etwas aus der sauberen Ordnung gekommen ist, die alles so friedlich macht. Durch diesen Weinberg nämlich zieht sich senkrecht den Berg hinab ein schmaler Streifen Brachland, der oben vor einer kleinen Kapelle endet, die ebenso jämmerlich aussieht wie der brache Streifen mit seinem Unkraut. Es ist, als wenn jemand einen Eimer voll Dreck den Berg hinuntergeschüttet hätte, so jedenfalls pflegt Meuslein Kilian, der Organist, zu sagen, und so ganz unrecht hat er ja damit auch nicht. Ueberhaupt: Meuslein Kilian, der Organist! Schon wenn man seinen Namen hört, muß man sich sagen, daß er nur ein ungewöhnlicher Mensch sein kann, und so sieht er auch aus, wenn er mit seinem breitkrempigen Hut baherkommt, die übermäßig kurzen Beine in mächtige Stiefel gesteckt, unter die er Hölzchen genagelt hat, um größer zu erscheinen, und mit einer Jacke angetan, in der Vor Ostern. Von Hans Leishelm. Kornelkirschen blühn, und es klingt aus den Hecken Der Pfiff der Meisen, der Tauwind weht. Die Wasser erglänzen im schimmernden Becken, Und über die braunen Wiesen geht Ein blasser Falter — o frühes Wagen, Wie wirst du den Reifhauch der Nacht ertragen? Des Haselstrauchs Narben erglühen purpuren Und harren, daß goldener Staub sie betaut, Die Rinnsale gehen wie tickende Uhren Und künden lallend des Frühlings Laut, < O zages Gurren der wilden Taube, Begrabene Stimme im modernden Laube. Im falben Gesträuche geistern die jungen Feuchtglänzenden Amseln mit hüpfendem Husch, Wie Boten, der dunkelsten Tiefe entsprungen, Blankäugige Wesen im raschelnden Busch, Zugvögel nahen mit schwirren Akkorden Und ziehen in rauschenden Wolken nach Norden. Der Abend kommt mit berückender Kühle, Betörender duftet der Seidelbast, Es spielen goldene Strahlen am Bühle, Es glüht des Faulbaums bleifarbener Ast, In Nacht versinken azurene Hügel, Die Eulen gespenstern mit lautlosem Flügel. Der Waldkauz ruft aus dem nächtlichen Schweigen Wie Stimme, die tief in Grüften wohnt, Dann siehst du am Horizonte steigen Im gelben Glaste den Frühlingsmond, Gleich goldener Biene, vom Bernstein umründet, Magisches Zeichen, das Ostern verkündet. Osterweisheit. Von Alexander von Gleichen-Rußwurm. Um die Osterzeit liebt der gebildete Deutsche Goethes „Faust" zu lesen oder auf der Bühne zu sehen. In dieser Dichtung ist das doppelte Erlösungsmotiv so klar ausgesprochen, daß es einem jeden zu Herzen dringt und jene innere Befreiung zurücklätzt, deren wir alle bedürfen. Wo ist Frühling, wo ist Erlösung, wo öffnet sich ein Fenster, die wärmende Sonne einzulassen? Bang lautete die Frage und ängstlich lauscht der Sehnsuchtsvolle, ob ihm Antwort zuteil wird. Die Natur gibt sie und aus der Dichtung spricht sie mit ewiger Jugend. Natur und Dichtung trügen nicht, ihre Stimme ist aufrichtig, die Stimme des echten Propheten. Deshalb geben sie auch das Gefühl der Erlösung, ob wir wandern oder lesen, und aus der Feierstunde gewinnen wir das Bewußtsein der gefesteten Persönlichkeit. In diesem Bewußtsein liegt nach jeder Richtung hin ein Gefühl her Kraft und nur aus diesem heraus ringt sich die Seele zur Erlösung empor. Nicht aus Schwäche und Zerknirschung, sondern auS der Kraft gewinnen wir jene innere Befreiung, die den Tatsachen ihre Schrecken, der Last ihre Schwere und der Not ihre Aussichtslosigkeit nimmt. Ostern ist ein Fest junger vorwärts- strebender Kraft. Siegfried, Parsival und Faust sind seine symbolischen Gestalten, die das Sonnemärchen und seine Verjüngung verkörpern. Weiß und lila lockt die Blnmenwelt, vorsichtig sprießt das Blatt unter der schützenden Hülle und die Brust des Menschen weitet sich, wenn er die Luft einatmet, die mit würziger Fülle das Land durchwellt. Und mit Stolz wird er sich der Wahrheit eines Philosvphenwortes bewußt: „Es gibt keine Zukunft, wir schaffen sie denn". t , c In der Osterzeit wächst die Krast zur Erkenntnis, daß der schaffende Frühling i n u n s arbeiten mutz, wie er in der Natur arbeitet, das holde Lenzwunder alljährlich zu erfüllen. Nur wer in seiner Seele eine Kraft entfaltet, sich über sich selbst und die aemeine Notwendigkeit zu erheben, wird jene Befreiung erringen, die das Leben lebenswert, den Tag köstlich macht. Dieses Wollen entspricht durchaus dem tiefsten deutschen Wesen. Unsere Innerlichkeit war stets ein Ringen der Seele, die Natur zu erfassen und aus der Natur zum höheren Menschentum vorzudrinaen. Wie Goethe die Menschheit als ein beseeltes, bewegtes, unerschöpfliches Ganzes anerkannte, wie er sic in innigem Verbnndensein mit dem GiehenerZamilieiMtter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger selbst Anton Cranz noch Platz hat, und das will etwas heißen, wer! Anton Cranz nicht nur der größte Mann im Dorf ist, sondern obendrein noch erster Bürgermeister. Aber man kann Meuslein Kilian das Schönste auf Erden versprechen, wenn er Anton Cranz nur einmal in seiner Jacke Platz nehmen ließe, und er wird dieses Schönste ohne Bedenken ausschlagen und es nicht tun, weil Anton Cranz die kleine Kapelle, das-winzige Käppelle auf dem Weinberg, einem Engländer vermietet hat und trotz vieler Stimmen gegen sich behauptet, man könnte bei den vielen Erwerbslosen im Dorf nicht auf diese Miete verzichten. So steht es also mit dem großen Anton Cranz und mit dem kleinen Meuslein Kilian, und genau so steht es zwischen den Leuten im Dorf, von denen der eine Teil dafür und der andere * dagegen redet, und das erst recht, seit man dem Engländer verboten hat, eine Wohnung aus der Kapelle zu machen, und er sich nun nicht mehr um sie und erst recht nicht um den schönen Weinberg kümmert. „Ihr sollt sehen: es gibt noch ein Unglück, wenn kein Wunder geschieht, Streit ist schon genug da", sagt Meuslein Kilian über diese Sache immer wieder und macht sich auf seinen Holzklötzchen groß, daß Anton Cranz ihn auch sehen kann, und man gibt ihm recht, soweit man nicht auf Anton Cranzens Seite steht, und nickt ihm zu, obwohl man weiß, daß Meuslein Kilian am wenigsten der Kirche und des Weinbergs wegen so wettert, sondern vielmehr der kleinen Orgel in der Kapelle wegen, die er nun nicht mehr an den Sonntagen spielen kann, wie es in all den Jahren und besonders zu Ostern immer üblich war. Dieses Unglück tritt auch wirklich zu Palmarum ein. Schon als sich die Gemeinde unten in der großen Dorfkirche versammelt, ist es zu spüren, denn jedermann setzt sich mit einem traurigen Gesicht auf seinen Platz, und auch als der Pfarrer redet, kommt keine Feierlichkeit auf, weil sich ja nun dieser Sonntag von keinem anderen unterscheidet, wo man in der großen Kirche sitzen muß, statt zum erstenmal im Jahr wieder in Käppelle, von wo man das junge Grün am Wein sieht und die Kätzchen unten am Fluß und den großen, hellen Himmel über dem ganzen Land. Und ist dies schon traurig, so ist es noch viel trauriger, als Meuslein Kilian anfängt, auf der Orgel zu spielen. Ach Gott, sie war ja schon an den Sonntagen vorher nicht mehr ganz in Ordnung gewesen, und sie hatte von Gottesdienst zu Gottesdienst mehr - Nebenluft gehabt, aber da hatte man nicht fo darauf geachtet, weil es nur an einfachen Sonntagen gewesen war, doch dieses Orgelspiel zu Palmarum jetzt, das ist das Traurigste, was man sich denken kann. Nicht, daß Meuslein Kilian schlecht spielt, o nein, man kann sehen, wie er sich Mühe gibt, und man kann sogar bemerken, daß ihn selbst die Traurigkeit so entsetzlich gepackt hat, daß ibm von Zeit zu Zeit die Tränen über die Backen laufen und er sich den Anschein geben mutz, als lachte er, aber er ?ann ja nichts machen mit dieser elenden Orgel in der großen Kirche, denn sie faucht, sie jammert mitten im Choral aus, daß die Gemeinde unten die Melodie verliert, und zu guterletzt hat sie nur • noch einen einzigen Ton, der so lange anhält, daß der Pfarrer unten mit seiner Predigt nicht anfangcn kann, sondern aufgeregt zu Meuslein Kilian hinaufsieht, der dasteht und traurig mit den Achseln zuckt. Weitz Gott — es ist der traurigste Sonntag Palmarum, den es je gegeben hat, und wer nicht gerade von der Schandmiete die Wohlfahrtsunterstützung beziehen mnh, ist auf Anton Cranz jetzt nicht mehr gut zu sprechen. Unfriede, nichts als Unfriede ist im Dorf, und am Nachmittag steht der Pfarrer fast allein in der Kirche, und Meuslein Kilian spielt nur auf einer Geige, und das ist doch wahrhaftig noch nicht dagewesen. Aber da kommt nun noch die düstere Woche und man kann jetzt überhaupt nicht mehr an Ostern denken, und schon erst recht nicht, wo der Ostersamstag so warm und hell ist. daß ein wunderbarer Duft von den Weintzergen ausgeht und alles so ungeheuer schön anzusehen ist und zugleich doch auch so furchtbar traurig, wenn nan bedenkt, daß man noch nicht einmal in der Kirche singen kann, nein, 5a mutz man zu Hause bleiben und am Ostermoraen macht man gar nicht erst die Vorhänge aus und sieht hinaus. Aber ♦a geschieht es nun, gerade am frühen Morgen geschieht es, und es ist ein Wunder, weil die Musik geradewegs aus dem Himmel tu kommen scheint, ganz leise, ja, ganz dünn und dazwischen vom Wind verwebt, aber so schön doch, so unendlich fein, daß man einfach vor die Tür treten mutz und zuhören, und datz man auch ein wenig weiter auf die Strotze gehen muh und den Kopf in den Nacken legen und ganz still steben. Nnd so ist es nun: von allen Seiten treten Leute aus den Häusern und hören auf dieses wunderbare Spiel, bis auf einmal einer die Hand hebt und in den Weinberg überm Dorf zeigt nnd bis alle sehen, datz die Fenster der Kapelle weit geöffnet sind nnd daß gerade von dort her das Spiel kommt. Aber da ist es schon fo weit, daß sich ein paar Leute in Beweaung gesetzt haben und langsam aus den Weinberg zngeben, die Augen auf die Fenster der Kapelle gerichtet, und da ist es auch schon so weit, datz es alle begriffen haben und diesen Leuten folgen, so datz die ganze Gemeinde durch den Weinberg zu der Kapelle ztebt, auch der Pfarrer, ia, auch Anton Cranz, denn man meint nicht anders, als datz ein Wunder geschehen ist, und zeigt sich auch gar nicht erstaunt, als man oben ankommt und bemerkt, datz die Tür der Kapelle verschlossen ist. Zuerst wagt niemand in die Kapelle hineinzugehen, und alle stehen ein wenig fremd herum und horcbcn nur auf das Spiel, jeder ergriffen, weil alles so wunderbar ist: diese offenen Fenster der Kapelle, das junge Grün in den Weinbergen, dieser große Helle Himmel und unten der stille Fluß um baS Dorfi aber dann macht doch der Pfarrer eine Bewegung, ihm kommt es ia auch am ehesten zu, und er tritt an ein Fenster und tritt zurück und sagt dann ganz erschrocken: „O du mein Gott — nun ist er eingebrochen, dieser Meuslein Kilianl" Ja, genau das sagt der Pfarrer, und Anton Cranz will als erster Bürgermeister auch schon, seine Meinung dazugeben, aber da ist nun das Spiel, das immer schöner wird, und da ist auch eine Leiter an einem der Fenster, und am Ende steigt einer von den Leuten, der es schon immer mit Meuslein Kilian hielt, dort ein und dann ein zweiter, ein dritter, einer nach dem anderen, jetzt sind es schon viele, und der Pfarrer, der mit Anton Cranz noch draußen steht, hört nicht einen Laut von drinnen kommen außer dem Orgel^viel, obwohl jetzt schon der größte Teil der Gemeinde eingestiegen ist, und er sagt zu Anton Cranz: „Da muß ich jetzt wohl auch einbreche^ um zu predigen, aber ich glaube, daß es schon am besten ist, rpenn du dem Engländer gleich morgen kündigst". — „JaI" antwortet Anton Cranz da und ist sehr froh, und gleich danach steigt er dann hinter dem Pfarrer auch durchs Fenster. Ach — so einen Ostermorgen hat es wohl niemals gegeben. Meuslein Kilian spielt so wunderbar in dieser schönen alten Kapelle, daß sich auch die härtesten Männer mit dem Steimel über bas Gesicht fahren müssen, und dann predigt der Pfarrer, und von dem vielen Hellen Sonnenlicht in der Kapelle werden seine Worte ganz warm, und seine Augen leuchten wie die all der Leute, als er mit den Händen zu den offenen Fenstern weist und von dem Auferstehen und dem Leben spricht, das nun auch hier angebrochen ist, in diesem schönen Land, in diesen Weinbergen, in denen schon die Pfähle wieder stehen, daß die Reben hoch an ihnen wüchsen, in dem Dorf unten mit feinen Türmen und Mauern und mit seinem Fluß, in dessen sanften Bogen es sich schmiegt. Nein, einen solchen Ostermorgen hat es noch nie gegeben, und es ist ganz selbstverständlich, datz Anton Cranz nachher dem Engländer gleich die Kapelle kündigt ... und datz Meuslein Kilian seine alten Strümpfe aus den Pfeifen der Orgel in der großen Dorfkirche zieht. Ostern im deutschen Schrifttum. Zusammengestellt von Erwin Wegener. Götti« Ostara. Den April benennen wir noch heute Ostermouat, und schon bei Eginhart findet sich „Ostarmnnoth". Das heilige Fest der Christen, dessen Tag gewöhnlich in den April oder den Schluß des Mürz fällt, trägt in den frühesten althochdeutschen Sprachdenkmälern den Namen Ostara, meistenteils steht die Pluralform, weil zwei Ostertage gefeiert werden. Dieses Ostara muß ein höheres Wesen des Heidentums bezeichnet haben, dessen Dienst so feste Wurzeln geschlagen hatte, datz die Bekehrer den Namen duldeten und aus eins der höchsten christlichen Jahresfcste anwandten ... Ostara mag also Gottheit des strahlenden Morgens, des aufsteigenden Lichts gewesen sein, eine freudige, heilbringende Erscheinung, deren Begriff leicht für das Auferstehungsfest des christlichen Gottes verwandt werden konnte. Freudenfeuer wurden zu Ostern angezündet, und, nach dem lange fortdauernden Volksglauben, tut die Sonne in des ersten Ostertages Frühe, sowie sie aufgeht, drei Freudensprünge, sie hält einen Freudentanz. Wasser, das am Ostermorgen geschöpft wird, ist gleich dem weihnächtlichen, heilig und heilkräftig: auch hier scheinen heidnische Vorstellungen auf christliche Hauptfeste übergegangen. Weißgekleidete Jungfrauen, die sich zu Ostern, zur Zeit des einkehrenden Frühlings, in Felsklüften oder auf Bergen sehen taffen, gemahnen an die alte Göttin. fAus Jaeob Grimm, Deutsche Mythologie.) Oster« im „Heliand" (830). ... Vorwärts schritt schon Das klingende Sonnenlicht, da kamen die Frauen Zum Grabe gegangen, die guten Weiber, Lsie minnigen Marien. Sie hatten manche Mark Für Salben nicht geschont, Gold und Silber gespendet Für die wonnigsten Würzen, die sie gewinnen mochten, Daß sie den Leichnam des lieben Herrn Dem Sohne Gottes salben möchten, Den wundgerissenen. Die Weiber standen In ängstlichen Sorgen: die eine fragte, Wer ihnen den starren Stein vom Grabe Wälzen würde, den sie über den werten Leib Die Leute legen sahn, als der Leichnam ward Dem Felsen befohlen. Die Frauen waren kaum In den Garten gegangen, nach dem Grabe dort Selber zu sehen, im Sause kam da Des Allwaltenden Engel oben aus der Heitre Im Federkleid gefahren, daß das Feld erklang, Die Erde dröhnte, und die dreisten Knechte Schwachmütig wurden, der Juden Scharwächter: Sie fielen hin vor Furcht: nicht ferner wähnten sie Am Leben zu bleiben. Da lagen die Wächter, Die Gesellen scheintot: sieh, da hob sich Der große Stein vom Grabe, wie ihn der Gottesengel Auf die Seite drehte. Stuf die Decke setzte sich Der hehre Bote Gottes. Von Gebärden war er, Von Antlitz, möcht ihm einer unter die Slugen schauen So blinkend und blendend wie des Blitzes Licht: Sein Gewand war am gleichsten winterkaltem Schnee. Martin Luthers Osterpredigt (1529). »eil wir vor uns haben ein herrliches Fest und von dem viel »rcdigen ist, wollen wir nicht alles auf einmal handeln, son- L, ich will zuerst um der Einfältigen willen, die sie nicht wissen, ie Geschichte lesen, die heute geschehen ist, damit sie wissen, wie sie Idingen ist •. > Das Erste, was 5er Kenntnis dieser Geschichte folgen soll, ist, ..i man die Auferstehung Christi recht christlich verstehe und an- weil der größere Teil die Auferstehung Christi hört wie irgend andere Geschichte, als vom Türken, und lassen sie sein wie eine ckiclite an die Wand gemalt. Es muß aber etwas Besseres sein, n wir im Liede singen: „Des sollen wir alle froh sein, Christ will ir« Trost sein", daß man sie ansieht, daß sie unser sei, baß sie «L angehe und dich, daß wir nicht allein sehen, wie die Aust >i rhung geschehen ist, sondern, daß du erkenntest, sie geschehe dir, der Herr in den Worten spricht: „Gehet hin und verkündigt meinen Brüdern!" Da hören wir, was er mit seiner Auf- >r ehung will. Das ist die wahre Lehre, daß sich ein jeglicher der Auferstehung miehme als seines Gutes. Denn es ist ein großer Unterschied: »!nstus ist der Heiland, ein König, und: er ist mein Heiland. Das lsiaber schwer, und das ist angezeigt an den Jüngern, die schwerlich «lAben, daß Christus auferstandeu ist, geschweige denn ihnen. Die losen Leute, die uns verlachen, wenn wir den Glauben predigen, wien nicht, was er ist und wird. Es sind blinde Narren und sehen M Auferstehung an wie die Kuh ein neues Tor. So du aber dem Hauben seine Werke vorsetzest, so ist er ein solcher Mann, Riese „n Held, der gegen sich hat die Pforten der Hölle, alle Teufel mit tkße Freud hat mit den Eiern. Schier überall, wo man steht oder CiDt, zu Haus und auf der Gassen redet man von den Oster-Eiern. Möcht einer vermeinen, man sollte sich vielmehr delektieren mit j( n Fleisch, und an die Eier gar nicht gedenken. Denn das uleild) ifi die ganze Fasten hindurch verboten gewesen, dahero ist es keinem fii- ließet zu halten, wenn er sich auf den Heiligen Oster-Tag freuet. T-nn heut, sagt man im Sprichwort, ist die erste Hochzeit, es Hetzen der Speck und das Kraut zusammen, und ist das Fleisch-Essen »eder erlaubt. Was muß aber die Ursach sein, daß man sich eben so wohl mit tat Eiern delektiert? Ein ganzes Jahr geschieht den Eiern nicht Hel Ehr, als eben jetzt zur österlichen Zeit. Man verguldet, man mrsilberst man belegt's mit schönen Flecklein, und macht allerhand S auren darauf, man marmeliert's, man malt S auch und ziert » mit schönen erhebten Farben, man kratzet's aus, man wacher etwan eh Oster-Lämmlein, ein Pelikan, so seine Jungen mit eignem Blut h:iset, oder die Urständ*, oder was anderes darauf, man sieht s inn särbt's grün, rot, gelb, goldsarb usw. Man machte auch schon sprengt, und verehrt es hernach ein guter Freund dem andern. K man trägt's heut in großer Menge in die Kirche zu der Weihe md sind ihrer gar viel, welche hcunt vor allen anderen Spelten einen lind gesottenes Ei essen oder austrinken. Wer kann mir dessen die Ursach geben? Antwort: Vorzeiten nie dann noch in vielen Orten, sonderlich in Welschland sind in 6 t Fastenzeit die Eier eben so wohl verboten gewesen, als da» s'leisch... (Slug Andreas Strobl, Geistlicher Diseurs auf den Ostertag.j Kriegsostern. Ostermontag, den 24. April 1916. Hoffentlich habt Ihr daheim das wunderbare Osterwetter wie nir. Die Zeit, wo wir nun hier liegen — und es ist setzt bolo et.t HUbes Jahr - haben wir noch nicht so herrliche Tage gehabt, rote ire beiden Osterfeiertage. Die Sonne hat innerhalb zwei bis drei Wochen bei uns direkt Wunder gerotrkt. War vorher alles zu Tod erfroren, so herrscht jetzt überall munteres Leben ... Unser See wird von Tag zu Tag herrlicher und wenu nun gar de Bäume arittt werden, so wild s hier Mindestens so angenehm ncöftere Naturfreunde als mir sind, hat der Wechsel der Landschait s Blich nicht seinen Eindruck verfehlt. Hüben und drüben fallt ,ut ei niger Feit kein Schuß mehr, obgleich alles frei auf den L-eckungen ‘SSert o&« U seinen Mittaatzichlaf dort n.m^. Man gth gegenseitig auf sich acht, hält es aber für töricht, sich durch Be ch'essen z:r beunruhigen. Zieht der russische Posten auf, fo meint, er, a8 wibedingt sein vis-a-vis drüben wissen muffe. „Moraen,Au,Mst>r ruft er dann über den See rüber und verabschiedet sich auf öiefelöe (Aus den „Kriegsbriefen gefallener Studenten .) * Auferstehung. Fahrt. Wir Kinder gingen, Paar um Paar, Durch Wald und grünes Reut. Mit bunten Eierschalen war Der Saaten Rand bestreut. Am Ufer hing das neue Boot. Wir saßen flugs darin. Das Wimpel wehte weiß und rot, Die Strömung trug uns hin. Das Land verschob sich von uns fort. Zu Felsen stieg der Strand. Geschmückte Menschen gingen dort; Sie winkten mit der Hand. Und langsam schwanden Turm und Flur. Nah rückte das Gestein. Manchmal aus finstrer Hölle fuhr Ein heimlich starker Schein. Die Zeit verschwebte wie ein Hauch. Ein Korb ward ausgeleert Und nach geweihtem alten Brauch Das Ostermahl verzehrt. Wir atzen Brot, wir tranken Wein. Sturm schlug uns ins Gesicht. Die Woge griff nach uns herein. Wir fürchteten uns nicht. Von weitzen Vögeln weit umkreist, Zur Heimat ging die Fahrt. Wir glaubten selig an den Geist, Der uns versprochen ward. Hans C a r o s s a. Die Schusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Zroei Jahre danach eröffnete Gust in dem Patrizierhaus Nummer 78 auf der Hohen Strahe einen Schuhladen. Entgegen seiner Lebensgeroohnheit hatte er mit der Ausführung dieses Entschlusses gezaudert. Nicht weil er an der Einträglichkeit des neuen Unternehmens zweifelte, sondern weil fein Meistergewiflen ihn deswegen hart bedrängte. Aber was kümmerte die Unvernunft der immer verschwenderischer werdenden Menschheit ihn? Man mußte mit dem Strom schwimmen. Ging nun die Schuhmacher zeit zu Ende, rote mit seinem Vater die Pantoffelmacherzeit zu Ende gegau i n war, dann wurde er eben Schuhhändler. Durch diese von den Verhältnissen erzwungene Geschäftsumstellung sicherte er sich nicht nur unabschätzbaren Verkaufsverdienst, sondern er hatte daneben auch noch den erhöhten Arbeitsverdienst. Nein, vermehrten Verdienst! Obwohl schon jetzt manchesmal die ledernen Invaliden zu Dutzenden rund um ihn lagen und er immer wieder Kunden trösten mutzte: „Morgen sind sie bestimmt fertig! Oder sagen rott lieber, damit es diesmal ganz geroitz wahr wird, übermorgen! Der Schuhmachermeister August Mtcheelsen nahm also dw vier Blickschutzrahmen mit dem weißbemalten blauen Drahtgeflecht von den beiden Fenstern seiner bisherigen Werkstatt forst Einen neben den andern stellte er sorgsam schräg gegen die Wand. Einige Augenblicke sah er sie sinnend an. Und plötzlich, ehe Rikelchen es durch ihren Entsetzensschrei: „Gust!" hindern tonnte, zertrater ihnen mit dem hufeisenbeschlagenen Absatz seines Stiefe.ls das Statt der beiden Lichtlöchlein ließ Gust ein Riefenloch, da» fast die ganze linksseitige Straßenwand des einstigen Patrizierhauses einnÄ vom Maurer ausbrechen. Die Erlaubnis dazu hatte er von der Senatorswitwe allerdings nur unter der vom Stadt- fekretär notariell beglaubigten Zusicherung erhalten, daß er Bet seinem Auszug den früheren Zustand auf eigene Kosten wieder Herstellen lassen werde. Das Mauerloch wurde durch eine Glasscheibe geschlossen, wie es in der Stadt keine zweite von gleicher Grösse gab nicht einmal bei Gusts Nachbar, dem Kausmann Markwardt dem reichsten Mann der Stadt. Goldbuchstaben verkündeten es den Vorübergehenden, daß August Micheelsen nicht nur wie bisher SatatureTunb Arbeiten nach Maß ausführe sondern Schuhwaren aller Art, in reichhaltigster Auswahl, von den fernsten bis au den hilligsten Sorten ständig auf 6ager habe. Gust stellte zur Bekräftigung dieser Behauptung neben.einigen am Roden hockenden Schöpfungen eigner Arbeit za^lledrige ^abrikerzeugnisse zur Schau, die auf messinggestützten, geschliffenen Glasplatten ein Höhenöafein führten um das sie von den zum Nnkenbleiben Verdammten offensichtlich beneidet wurden. " Damit für Verkaufstisch, Kasse, Stühle, Anprobterfchemel und vor allem für die Regale Platz wurde, die bis zu der Decke reichten und trotzdem keine handgroße Flache von den Wanden srei- aaben schob Gust seine Werkstatt hofivarts in den bisherigen Unterkunftsraum fÜr Frau und Kind ab. Er nahm e,neu Lehr- l na und mietete, daß Rikelchen nicht nötig hatte, mit Jupp in die Varacken zurückzukehren, von der Senatorswitwe die recht» von nVfenenen Räume. Daß die alte Frau, um Unterkunft in ifirem echenen Hause 7u ftnden, einem der beiden Bewohner de« Ersten Stockes hatte kündigen muffen, kummerte Gust nahst Seiiawrsch wurde das Treppensteigen schwer! Sollte sie: fünf statt zwei Minuten dransetzen, bis ste sich nach oben gepustet hatte. Z genug hatte sie. WaS ginge ihn an, wenn sie mit dem Atem nicht mehr wie früher zurechtkam? Er brauchte Platz für sein Geschäft! So besaß Rikelchen, die an Greifbarem nur mitgebracht hatte, was sie sich auf den Leib hängen konnte, innerhalb dreier Jahre an der Hohen Straße einen nach vorn gelegenen zweifenstrigen Wohnraum, einen halbdunklen Schlafraum und, was sie am meisten erfreute, eine hoswärts schauende Küche mit eignem Herd. Denn bet dem Essen aus einem Topf mit der Schwiegermutter hatte sie nach Gusts nur zu sehr wahren Worten oftmals Bitterkeit in sich löffeln müssen. Aber ebensowenig wie Rikelchen duldete, daß dieses Gefühl sich festsetzte, ließ sie Fiek Micheelsen die unnötigen Demütigungen entgelten. Des öfteren schickte sie der Mutter warmes Essen in die Baracken. Nicht etwa durch den Lehrling, sondern durch ihr Dienstmädchen. Denn sie wurde im Laden so viele Stunden durch Kundenbedienen festgehalten, daß sie trotz unermüdlichen Fleißes allein unmöglich durch ihren Tag kommen konnte. Nach drei Jahren erwiesen sich sowohl der Laden des Schuhwarenhändlers wie die Werkstatt des Schuhmachermeisters August Micheelsen als zu klein. Denn zum Laden gaben die Käufer aus Stadt und Land einander die Türklinke in die Hand. Die Werkstatt sah neben dem Meister bereits zwei Lehrlinge und zwei Gesellen an der Arbeit. Gust ließ also zur Rechten und zur Linken der Hausdiele die trennenden Wände niederreißen. Die ganze linke Seite des Untergeschosses wurde zum Verkaufsraum, die rechte Seite zur Werkstatt ausgebaut. Von dieser blieb allerdings die Küche auch weiterhin abgetrennt. Aus ihr machte Gust ein bescheidenes Schreibzimmer. Das hatte in der Zwischentür ein kreisrundes Guckloch, durch welches er selber nicht gesehen werden konnte, wohl aber Lehrlingen und Gesellen jederzeit auf die Finger zu blicken vermochte. Denn es kam immer häufiger vor, daß er seinen Schuster- hüker zwischen den beiden Fenstern an der Hohen Straße notgedrungen verlassen und statt nach alter Weise zu hämmern, zu nähen und zuzuschneiden, Verkaufsverhandlungen, Schreibereien und Rechnereien ausführen mußte. Damit ihr allmächtig gewordener Mieter in dem alten Patrizierhaus eine Wohnung fand, mußte die Senatorswitwe einer siebzigjährigen Schulfreundin, die eine der beiden Wohnungen im obern Stockwerk innehatte, kündigen. Sie wehrte sich lange dagegen. Denn sie hatte der kränklichen alten Dame, die fast ein Menschenalter bei ihr zur Miete wohnte, viele Dutzend Male Unterkunft bis an ihr Lebensende zugesichert. Erst als Gust mit Umzug in ein anderes Haus an der Hohen Straße drohte, entschloß die Senatorswttwe sich schweren Herzens zum Bruch ihres Wortes. Auch da fand sie die Kraft nicht, der Lebensfreundin von dem Unglück, das über sie hereingebrochen sei, mündliche Mitteilung zu machen. Sie reiste zu ihren Kindern auf das Land und schickte von dort in letzter Stunde die Kündigung durch einen eingeschriebenen Brief. Den hatte sie nicht selber geschrieben. Allerdings ihren Namen hatte sie mit zitternder Hand unter das von ihrer Tochter verfaßte Schriftstück setzen müssen. Gust zog, als die Wohnung wiederum während der Abwesenheit der Senatorswitwe unter Tränen geräumt war, mit Rikelchen und Jupp in das obere Stockwerk. Die Altjungfernwohnung war eng, viel zu eng. Aber über die eigne Bequemlichkeit ging das Gedeihen des Geschäfts! Das nahm denn auch von Jahr zu Jahr schnelleren Aufschwung. In dieser Zeit liebte Gust es, Rikelchen des öfteren einmal bei Tisch, am Feierabend, mährend des Aufstehens, beim Zubettgehen zu fragen: „Wie geht's uns?" „Gut!" hatte Rikelchen alsdann zu antworten. Sie tat es gern. Ihr Herz schlug dabei höher. Ihre Augen lachten. Recht hatte Gust: es ging ihnen gut, über Erwarten gut, unverdient gut. Denn so tüchtig ihr Mann auch war, so sehr sie sich von früh bis spät mühte, ihn bei der Arbeit im Geschäft, im Laden, in der Schreibstube zu unterstützen, das Gutqeben war doch ein Geschenk des Himmels, eine Gnade Gottes. Wieviel tüchtige, fleißige Eheleute gab es in Deutschland, denen es erbärmlich ging, an deren Tisch der Hunger saß, aus deren Schlafstuben die Krankheit nicht zu verscheuchen war! Also dankerfüllt antworten: Gut! Mit der fortwährenden Besserung seiner Lage wurde die Lebensleitfraae nach ihrem Ergehen für Gust zur Gewohnheit. Ohne seine Worte noch recht zu bedenken, fragte er bei Tag und bei Nacht, fragte er mit und ohne Anlaß, fragte er. wenn sie allein waren und in Gegenwart fremder Menschen: „Wie geht's uns?" „Gut!" antwortete Rikelchen. Aber ihr Herz konnte nicht jedesmal bei diesem Wort höher schlagen. Ihre Augen jedoch lachten bei jedem „Gut!" Freilich, dieses Lachen hatte je länger desto mehr etwas Erquältes, besonders dann, wenn sie es vor andern Menschen sagen mußte. Rikelcheu beschloß, Gust zu bitten, sie doch nicht vor Fremden nach ihrem Ergehen zu fragen und, wenn es ihm möglich wäre, überhaupt mit dieser Frage sparsamer zu sein. Sie müßten ja, daß eZ ihnen gut gehe. Warum es immerfort sagen? Aber Rikelchen brachte die Kraft zu diesem Einspruch nicht auf. Er würde Gust weh tun. Dazu hatte sie weder Recht noch Anlaß. Eines ^gqes war Gust mH der Antwort „Gut" nicht mehr zufrieden. Er verlangte, daß Rikelchen auf seine Frage: „Nun, wie geht s uns?" jedesmal „Sehr gut" antworten solle. Da der gmiebtc Mann eS so wollte, antwortete Rikelchen jedesmal: ./sehr gut!" verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl Dann genügte Gust auch diese Antwort nicht mehr. „Restlos gut!" sollte Rikelchen ihm zur Antwort geben. Da weigerte Friederike Micheelsen sich, Gust zu Willen zu fein Warum? wollte der wissen. Nikelchen wußte es nicht. Es ging ihnen so gut, wie sie es sie nur wünschen konnten. Es ging ihr besser, als sie es jemals z, erhoffen gewagt hatte. Aber „Restlos gut!" vermochte sie nicht zi antworten. Warum nicht? Sie konnte das geforderte Wort nicht über ihre Lippen, kriegen. War bas nicht Grund genug? „Wie geht's uns?" fragte Gust, um festzustellen, ob seine Fra: sich eines Besseren besonnen hatte und nun bereit war, seine: Wunsch zu erfüllen. „Gut!" antwortete Rikelchen. Auch weiterhin sagte sie „Gut!", nicht mehr: „Sehr gut". ge> schweige denn, wie Gust nach wie vor verlangte: „Restlos gut!" Eines Tages bedrängte Gust wieder einmal seine Frau um di, erwünschte Antwort. Er bat, sie möge ihm doch den geringfügige Gefallen tun, einmal, ein einziges Mal zu antworten: „Restlos gut!" zumal es jetzt doch niemand als er höre, und ohne ihi Zett zu einer Antwort zu lassen, schloß er sogleich die Probefrag« an: „Nun, wie geht's uns?" „Gut!" antwortete Rikelchen. „Aber ich war heute nachmittag mit Jupp im Schützenhausgarten. Er hatte durch das Gitter Kia der auf der Wippe gesehen und ließ mir keine Ruhe, bis auch ei mit einem kleinen Kerl am andern Ende des Querbalkens aui und ab durch die Luft sauste. Er konnte es ausgezeichnet, dar Wippen. Mit beiden Händchen hielt er sich tapfer fest, jauchzte, wenn er in die Höhe flog — du hättest es hören müssen —, verzog keine Miene, wenn er nach unten mußte. Denn es ging ja gleich wieder nach oben. „Warum erzählst du mir das in diesem Augenblick, wo du mich wieder mit meiner Bitte abgewiesen hast?" wollte Gust wissen. „Als Jupp ganz, ganz oben war auf der Wippe", fuhr die Gesragte unbeirrt fort, „sagte ich plötzlich vor mich hin: .Restlos glücklich?' und mußte an unfern Streit denken." „Es ist kein Streit zwischen uns gewesen." „An unsre verschiedene Meinung über das Glück." „Sind wir etwa nicht glücklich?" „Gewiß, Gust, es geht uns gut, sehr gut sogar. Aber siehst du, wenn Jupp ganz oben war, bann mußte er wieder hinab. Mit dem Obensein durch das Obensein fing das Hinab an. Restlos glücklich — das wäre doch das Ganzobensein. Ich habe Angst vor dem Hinab, bas bann kommen mutz. Nicht um meinetwillen!" „Das Leben ist kein Kinöerspielkram mit der Wippwapp!" „Sondern?" „Eine Wanderung auf einem Berg, einem sehr hohen Berg." „Und wenn du oben bist, muht auch du wieder hinab. Wie Jupp. Nicht so schnell. Nicht ganz so unfreiwillig." „Wenn ich's geschafft habe, wenn ich ganz oben bin, soll mick keine Macht auf Erden zum Hinab zwingen!" „Wenn — sagst du, Gust. Dann bist du auch nach deiner Meinung noch nicht auf dem Gipfel des Glücks und verlangst —* „Ich verlange nicht. Ich bitte!" „Und bittest, ich soll dir antworten: .Restlos gut!'" „Also, wenn dir das Wort — was ich nicht wissen konnte — so sehr gegen das Herz geht, dann laß es meinetwegen versacken. Aber .Sehr gut!' wie bu's schon eine Zeitlang tatest, sagst du nun wieder?" „Ja, Gust." Und der Schuhmachermeister August Micheelsen, der in dem ehemaligen Senatorshause auf der Hohen Straße linker Hand der Diele des Untergeschosses einen riesigen Verkaufsladen, rechter Hand eine Schreibstube und eine Werkstatt besaß, der das obere Stockwerk mit der Senatorswitwe teilte, fragte weiterhin viele Male am Tag seine Frau: „Wie geht's uns?" „Sehr gut!" antwortete Rikelchen, viele Male am Tage: „Sehr gut!" III. Die Altjungfernwohnung im ersten Stock des Patrizierhauses auf der Hohen Straße wurde für den Pantoffelmacherssohn ans den Baracken von Monat zu Monat enger. Nicht daß die Zahl der Familienmitglieder zugenommen hätte, daß aus drei mit der Zett vier oder gar ein halbes Dutzend geworden wäre. Behüte Gott! Einmal bat Rikelchen um ein zweites Kind. Nein, antwortete Gust, es sei kein Platz da. Das würde sich finden. Im übrigen wolle sie ja auch gar keine sechs, sondern nur zwei. Damit das Geld, welches sie mühsam zusammengebracht hätten, nachher in zwei Teile auseinandergerissen würde? Ob es etwa nicht zur Verteilung auf zwei Kinder reiche? Wenn Jupp in ihrem Stande bleibe und Handwerker werbe — j-r „Soll er denn nicht Schuhmachermeister werden und später das Geschäft übernehmen", fragte Rikelchen verwundert. „Nein!" gab Gust mit einer Bestimmtheit zur Antwort, die erkennen ließ, wie oft er die Sache schon bedacht hatte. „Sondern?" „Er soll über mich mindestens ebensoweit hinanskommen, wie ich über meinen Vater mich hinausgearbeitet habe." „Was heißt das?" „Studieren soll er." (Fortsetzung folgt.j sche Universitäts-Buch» und Stein drucken ei, R. Sange, Gießen. 5 Gießener ZamilienblStter i Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger l Nummer 17 i Zreitag, -en 2. Mürz Jahrgang 1954 z £ V 9 9 L 8 6 c e i e e t i r e t t t t i Mönchletn ihn zum Narren hielt und auf eine ftnffitna an Wein geeicht war, wie man sie sonst in Polen und andcrswp landauf, landab veraeblich suchte. Polternd schmisi er seinen Stuhl zu Boden, riß dem Trinkenden den Kelch vom Munde, packte thn am Kraaen und setzte ihn eigenhändig vor die Tiir. Als er noch zwischen Zorn und Lachen den Vorfall staunend bedachte, meldete ihm ein Diener zähneklappernd, der Mönch habe draußen am Brunnen einen ordentlichen Trunk Wasser geschöpft, sei dann festen Schrittes auf seinen Wagen gestiegen und halte nun auf der Landstraße stocknüchtern schnurgeraden Kurs. Der Kronvorschneider schwang sich ans einen Gaul, preschte hinterdrein, holte den Mönch ein, sah ihm ein wenig scheu in das ernste, graue Gesicht und sagte: „Traun, ich will Euch das Getreide geben, weil Ihr so brav geschluckt habt, wie ich es meiner Seel selbst nicht vermag: aber Ihr dürfet mir nimmer aufs Gnt kommen. .„Ist recht", sagte der Mönch, und wandte den Wagen. „Ich will nimmer kommen, wenn Ihr mir versprechet, daß Ihr niemals mehr dieses Spiel treiben wollet: ist mir doch, als hält mir der heilige Bernhard geholfen, daß ich das Land von Enrer Plage sollte freisaufen." Wachte hernach streng darüber, daß man tfim im» rechte Maß gab, reichte Malachowski zur Bekräftigung des Vertrages die Hand und zuckelte von dannen. Der Kronvorschneider sah ikim nach, fluchte ein weniges, lachte ein weniges, ließ sich den Todeskelch füllen und begriff, als er ihn in den Händen wog, plötzlich den Humor der Sache — alio baß er seinen borstigen Schnauzbart aufblies, bis seine scharlach- leuchtende Nase fast darin verschwand. oanes/S. gg vergeblich auf Opfer. pictä\QT eines Tages! Kam da ein klappriges ürren Klepperlein davor aus den Hof gesah- ein Mönch, der für das Benediktinerkloster a sammelte. War ein kleiner, hagerer, grauer geflickte Kutte, bot mit leiser Stimme be- Segeu und bat höflich um ein Weniges zu omme Gabe für sein Kloster. Des Kronvor- rt begann sich aufzurichten: er ließ dem ige Schüssel Vigos, was ein derbes Gericht Fleisch ist, und ein Glas Bier vorsetzen und lit dem Todeskelch zu Leibe: Er wolle ihm, n Getreide mitgeben, wenn es ihm gelinge, Dieser Wein treibt weg alls Leid: Dieterlein, tu mir Bescheid! Er schon in den Zügen leit, Er gar ein guten Zecher geit: Trink's gar aus! Oie Nagelprobe. Eine fröhliche Anekdote von Karl Lerbs Da lebte, muß man wissen, auf seinem Gute Bonkowa Gora, irgendwo tief in Polen, Adam Malachowski, der sich aus silbernen Humpen einen durch das ganze achtzehnte Jahrhundert klingenden Trinkerruhm ansoff und die Lustigkeit um so mehr liebte, je mehr sie lärmte. Er besaß Rang und Titel eines Kronvorschneiders: und bas war, muß man wissen, eine Würde, deren Bedeutung man sich in unseren respektlosen Zeiten kaum noch recht ausmalen kann. Doch war es kein Amt, das den ungebärdigen Kräften seines Trägers das ersehnte Tummelfeld bot, und es vermochte ihn auch niemals so zu vergnügen, daß er seinen borstigen Schnauzbart anfblies, bis seine scharlachleuchtende Nase fast darin verschwand — wie das in Augenblicken höchsten Entzückens feine anmutige Gewohnheit war. Da mußte er sich nun also das Re- 0cm 1 2 gekrümmten Beinen stand wie zuvor. In otefernMetsterstuike tats ihm keiner gleich: ihm aber war es eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit und des Stolzes, dies immer wieder zu erweisen. Wenn ein Gast aus Bonkowa Gora erschien, so mußte er, ob er wollte oder nicht, dem Hausherrn aus dem berühmten Kelch ^nhetd tun bis zum letzten Tropfen und trockenen Daumens die Nagelprobe machen Blieb auch nur ein einziger Tropfen im Kelche hangen, so mußte der Gast den Versuch wiederholen, bis er das Kunststück zuwege brachte: wollte er nicht, so packten 'bn Malachow,ti» . ducken und hielten ihn fest: lag er hernach schwer trunken am Boden, so blies Malachowski voll Entzücken semen borstigen Schnauzbart ans, bis seine scharlachleuchtende Nase snst darin ver. schwand. Nun ist das aber ein Spaß, den Et jeder vertragt, mancher schied vom Gute mit schrecklichem Schaiwlweh, raunte sich im Lande zu, daß mehr als einem 6ei ^^öe1 nimmer wehgetan habe, weil er eben einfach aus dem Rausche nimmer “"Äannte man bald das prächtige Gemäß mit angstvollem Schauder den „Todeskelch": Reisende mieden Bmikmva Gora und wollten lieber im Morast der Landwege als an des Kiw * , bers Humpen ersticken: große Herren ließen sichirwn Malachowski einen Geleitbrief schreiben, in dem er bei allen Machten de» - mt- mels und der Erde, bei feinen Ahnen und seinem Bestehen vor dem Jüngsten Gericht schwor, den Todeskelch im Schranre zu lassen, wenn sie ihn besuchten: mancher wagte °s auch daraufhin noch nicht und schickte feine Diener, wenn es etwas zu bestellen gab — wobei es dann oft genug vorkam, daß er eine zweite ___einen Zug zu leeren und trockenen Daumens W ichen. Ach nein, wehrte sich der Mönch ehrer- ■ Beines gar ungewohnt und wolle lieber um W .X/1W. . oder dünnen Bieres gebeten haben. Dabei ,uy U)m tu. ^ujuu-z/uicheln in den Mund- und Augenwinkeln, aber das sah Malachowski nicht. Er brüllte nach seinen Heiducken, ließ den Kelch füllen und fuchtelte drohend mit der Hetzpeitsche. Seufzte also das Mönchlein, schlug ein Kreuz über den Kelch, faßte ihn mit beiden Händen, trank und trank: ließ aber ein paar Tropfen drinnen. Holla, schrie Malachowski, so sei es nicht gewettet: noch einmal füllen! Der Mönch*bat zitternd, mau möge ihn um Gotteswillen in Frieden ziehen lassen — aber es half ihm nichts: er mußte abermals heran. Sprach er also ein kräftig Stoßgebetlein, holte tief Atem, trank und trank — ließ aber wieder ein paar Tropfen drinnen. Der Kronvorschneider sah mit Staunen, daß der Gast die Farbe des Gesichts kaum verändert hatte und noch immer fest auf feinen Beinen stand: mit aufsteigendem Zorn befahl er die dritte Füllung. Das sei ein gar grausam Stück, sagte der Mönch, und wenns nicht um seines Klosters willen wäre, so möchte er lieber gar den Hunden vorgeworfen werden, als so lästerlich sausen: lockerte hierauf ein weniges den Strick, den er um den Leib trug, schnaufte ein paarmal, trank und trank — und ließ zum drittenmal etwas im Kelch. Der Herr Kronvorschneider möge ihm verzeihen, sagte er dann — aber es muß wohl an der mangelnden Nebung liegen: doch habe erst nun wohl recht geprobt und hoffe es beim vierten oder fünften Male endlich zu können. Damit griff er, als die Heiducken in abergläubischer Furcht zurück- Blue White Green Grey 2 Cyan Grey 1 Yellow Grey 3 ‘Trinffioh I Mannschaft entsenden mußte, um die erste aus irgendeinem | Straßenaraben auflesen zu lassen. Der Kronvorschneider aber olour & Grey Control Chart Red_______Magenta Grey 4 Black