SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang Zreitag, den 50. November Nummer 95 HANS DOMINIK - EIN „Nickeleisen", murmelte er vor sich hin, „der leichtere Bestandteil ist natürlich Nickeleisem Es kann ja kaum anders sein." — Andere Flaschen holte Professor Eggerth aus den Regalen, scharfe Säuren goß er in einem großen Glasgefäß zusammen und warf alles Erz hinein. Mächtig schäumte es in dem Gesäß auf, restlos löste sich das Metall in der Flüssigkeit. Nach anderen Flaschen und Büchsen griff er dann wieder und gab etwas davon zu der Lösung. Verschiedenfarbige Niederschläge bildeten sich dabei, von der er die übrigbleibende Flüssigkeit jedesmal sorgsam abgoß. Die Stunden strichen darüber hin. Längst glänzte die Mittagsonne eines schönen Septembertages am Himmel. Der Professor hinter den verschlossenen Läden seines Laboratoriums ganz in seine Arbeit versenkt, merkte nichts davon. Flammen von Knallgasbrennern begannen zu zischen. Mit reduzierenden Stoffen vermengt, schmolz er jene vielfarbigen Pulver, die er aus seinen Lösungen gewonnen hatte, in feuerfesten Schalen nieder. Schon ging die Sonne zur Rüste, da war das Werk endlich getan: da waren die Erzbrocken in ein Dutzend, verschiedenfarbige Schmelzproben umgewandelt. Aus Platin, Gold, aus Iridium, Palladium, Silber und anderen Metallen bestanden sie. Die Lampen auf dem Werkhof brannten bereits, als er das Laboratorium verließ, um nach seiner Wohnung zu gehen. Neben der Skizze, die Hein Eggerth von dem Bolidenkrater entworfen hatte, steckte ein zweites Blatt in seiner Brieftasche, das die genaue Analyse des Sternenstoffes enthielt. Nach einem kurzen Imbiß warf er sich in seinem Arbeitszimmer aus ein Ruhelager. Eine kurze Weile noch, dann begann die Flut seiner Gedanken zu verebben. Die Natur forderte ihre Rechte. — In der zweiten Morgenstunde schrillte der Wecker auf dem Schreibtisch. Der Schläfer bewegte sich, als wolle er etwas Lästiges verscheuchen, aber das rasselnde Geräusch ließ nicht nach. Noch ein paar Bewegungen, dann erhob sich Professor Eggerth, griff nach Stock und Hut und verließ den Raum. Der Nachtportier am Fabriktor zog ehrfurchtsvoll die Mutze, als fein Chef plötzlich vor ihm erschien. Der Professor winkte ab: „Bleiben Sie bedeckt, Müller. Ich möchte wissen, ob Herr Ingenieur Hansen schon angekommen ist. Er besorgt neue Instrumente für die Südpolstation." , ~ , . .. Der Portier schüttelte den Kopf: „Ich habe Ingenieur Hansen seit mehrereren Tagen nicht gesehen, Herr Professor." . Noch während er es sagte, tönte von der Straße her eine Autohupe. Ein schwerer Lastkraftwagen hielt vor dem Portal. „Sind Sie es, Hansen?" _ , , . , . Der Professor war an den Wagen herangetreten: So laut, daß der Portier jedes Wort verstehen konnte, fragte er weiter: Haben Sie die Instrumente für Dr. Wille in Jena bekommen? "Alles in bester Ordnung, Herr Professor", antwortete Hansen vom Ste'üersitz des Wagens her. „Dr. Wille wird zufrieden fein." „So! Das freut mich, mein lieber Hansen. Wir wollen die Sachen vorläufig in mein Laboratorium stellen." Der Portier öffnete das eiserne Tor, und der Wagen fuhr auf das Werkqelände. , , „ . „ , „Darf ich Ihnen ein paar Leute besorgen, Herr Professor? fragte der Portier. , . .. , .. - , Nicht nötia. Müller. Die Sachen bringe ich zufammen mit Herrn Hansen schon allein in mein Laboratorium " Während der Portier die Torflügel wieder schloß, rollte der Wagen schon weiter. Professor Eggerth folgte ihm zu Fuß: zwei Gestalten traten aus dem Dunkel und schlossen sich ihm an, Berkofs und Hein Eggerth. Das Laboratoriumsgebäude lag abseits von dem eigentlichen Werkbetrieb Niemand konnte es beobachten, wie vier Menschen hier arbeiteten und schleppten, bis endlich der letzte Brocken des wertvollen Erzes sicher im Laboratorium geborgen war. Berkoff kletterte zu Hansen in den Wagen, beide fuhren los. Professor Eggerth kebrte mit Hein zu feinem Wagen zurück. Es ging bereits auf die'vierte Morgenstunde, als sie dort in das Arbeitszimmer traten, aber der Professor dachte nicht an Ruhe. Es drängte ihn, mit feinem nächsten Vertrauten, seinem Sohn, das Ergebnis feiner Untersuchungen zu besprechen. . , Kaum hatten sie Platz genommen, als er diesem ein Blatt Papier hinreichte. (Fortsetzung.) Hansen setzte sich an das Steuer des Kraftwagens und fuhr in der Richtung auf die Chaussee fort, ,6t 10‘, die Lichter immer noch abgeblendet, stieg wieder empor und jagte einige Meilen nach Süden. Dann erst ließ es seine Scheinwerfer wieder aufstrahlen und meldete seine Ankunft durch Funkspruch und dann hing es über dem hellerleuchteten Flugplatz des Werkes und ließ sich langsam auf das bereitstehende Traktorengestell nieder. Von allen Seiten strömten Menschen heran, Arbeitsleute im blauen Kittel, Ingenieure des Werkes. Außerdem noch Vertreter der Presse, die hier seit Stunden lauerten, um die neuesten Nachrichten über das Schicksal der deutschen Station in der Antarktis zu erfahren. Kaum war die Treppe herangeschoben und die Tür geöffnet, als die Berichterstatter schon in das Schiff kletterten und seine Besatzung umringten. Wohl oder übel mußten der Professor und seine beiden Begleiter Rede und Antwort stehen und auf unzählige Fragen Auskunft geben. Für die Morgenzeitungen war es inzwischen doch zu spät geworden. Da wollten die Gäste auch noch das Schiff besichtigen und möglichst viel von seiner Ladung sehen, um Stoff für Stimmungsberichte zu sammeln. Wollten womöglich auch noch irgendeine Kleinigkeit, die ,St 10‘ aus der Antarktis mitgebracht hatte, zum Andenken mitnehmen. Professor Eggerth ließ den Ansturm mit stoischer Ruhe über sich ergehen und duldete es mit nachsichtigem Lächeln, daß die Zeitungsleute sich danach von Berkoff und Hein durch alle Räume des Stratosphärenschiffes führen ließen. Mochten sie ihrer Neugier frönen; es war ja nichts mehr an Bord, was man vor ihnen hätte verbergen müssen. Er griff noch Hut und Mantel und verließ das Schiff. So konnte er nicht sehen, wie Mr. Hayn, der Vertreter der American associated press, sich hinter dem Rücken von Berkoff im Laderaum von ,St 10‘ plötzlich bückte, etwas Glänzendes, Schimmerndes aufhob und in feiner Manteltasche verschwin- übN licf3. __ __ Langsam ging Professor Eggerth über den Flugplatz auf das Werk ijjU. Sein Ziel war ein unscheinbares, einstöckiges Gebäude, das etwas abseits von den großen Montagehallen lag. Er zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete die schwere Eisentür mit einem vielfach gezockten Schlüssel. Seine Rechte griff zum Schalter, elektrisches Licht erleuchtete seinen Weg. Heber einen Vor stur ■ kam er zu einer zweiten Tür, und wieder war em kunstvoller Schlussel nötig, um das Sicherheitsschloß zu öffnen. Dann war er in (einem pri* ! vatlaboratoriurn, in das er sich auch jetzt noch des öfteren zuruckzog, wen es sich um wichtige Arbeiten und Versuche handelte, die er keinem anderen UbCgi’n ^eräundger Saal war dies Laboratorium und ausgestattet mit allem, was das Herz eines Physikers und Chemikers sich nur wünschen ! konnte. Aus langen Laboriertischen waren Retorten, Destillierkolben und Tiegel der verschiedensten Formen und Kroßen aufgebaut. In hohen Regalen an den Wänden standen Tausende von Flcychen und Ochsern, i>ie olle für chemische Untersuchungen erforderlichen Reagenzien enthielten. Einen prüfenden Blick ließ Professor Eggerth über die Floschenbot.erien gleiten. Er trat an ein Regal, nahm mehrere Flaschen herauf, undsollte sie auf einen der Arbeitstische. Von einer anderen Stelle holte erlerne feine mechanische Waage herbei. Dann zog er sich e und heran und ließ sich nieder. Wie spielend griff er 1 . Antarktis Bröckchen jenes wunderbaren Sternenstoffes, den ,S 10 au der Antarktis mitqebrocht hatte, fielen aus [einer Hand auf die ! ) • stierte Ein Stück noch dem andern untersuchte er auf ber ffiaoge unö notierte dos spezifische Gewicht jedes Stückes. Es war fu J ■ gleiche 11,5 schrieb seine Rechte aus das Wer „®lf *“tatt . murmelten seine Lippen. Halblaut sprach er sich f • " . & $ schwerstes Edelmetall ... ein hoher Prozentsatz davon muß in dem cr3 vorhanden sein. Nun, wir werden W"; «rmfmMf in ein Reagenz- Aus einer der Flaschen goß er wasserklare FlufstgkM m ein^m^8 glas und ließ einen der Brocken lüsieingleit . Mit einer □n dessen Oberfläche und ließen die 0 t ' heraus und gläsernen Pinzette holte der Wcfjor das BletaU'tua roi* ' JU ber (eqte es beHeite. Äus einer Finsche c . f;irßen meinte Flüssigkeit im Reagenzglas. Im Augenblick begann sie sich zu färben, zeigte grünlich-bläuliche Streifen. STERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER S AMELANG G. M. B. H.z LEIPZIG Hansen hatte die paar Tage wohl dableiben und das Christfest mit auf der Station feiern können. Aber er lehnte die Einladung Willes dankend ab und schützte dringende Geschäfte in Deutschland vor. gelassen. Er warf einen kurzen Blick auf ein Blatt Papier, auf dem er sich den Gang der nächsten Arbeiten notiert hatte. „Ad ein, Hein! Temperaturmessung mit dem registrierenden Fern- So verließ ,6t 8' am 22. Dezember nachmittags drei Uhr nach Greenwichzeit wieder die Station und steuerte auf gradestem Kurs die Einschlagstelle des Boliden an. Eine Stunde später hing es schon über der großen Kraterösfnung. Während es sich langsam sinken lieh, trieb es einer Stelle auf dem Kamm des Ringgebirges zu, auf der bereits seine Schwesterschiffe ,6t 9' und lagen. Die Maschinen von ,<5t9' und ,St 10' arbeiteten mit voller Kraft Ihre Propeller aber standen still, sie waren abgeschaltet. Die ganze Kraft der Motoren kam den mächtigen Luftkompressoren der Schiffe Zugute. Die großen Kompressorpumpen warfen die von ihn erfaßten 1.ust- mengen in mehrere Meter weite Hanfschläuche hinein, die über den Kraterrand hinab in die dunkle Tiefe reichten. Seinen drei Mitarbeitern, Berkoff, Hansen und Hein hatte der Pro- fessor schon in Deutschland erklärt: .. ... _ . „Der ganze Krater ist bis zum Rande mit unerwünschten Gasen gefüllt. Wir werden ihn mit frischer Luft ausspülen." Und nun lagen die Schiffe hier, arbeiteten nach seinem Plan, und augenscheinlich ging alles wunschgemäß Die Besatzung der Schiffe war außergewöhnlich gering, denn um das Geheimnis zu wahren, war der Professor genötigt sich auf seine bereits einqeweihten drei Mitarbeiter zu beschranken. Diese allem, zu denen der Professor als vierter kam, hatten die drei gewaltigen Schisst von Deutschland nach der Antarktis gebracht, em Wagnis, das nur durch die vorzügliche autmatische Steuerung möglich war. Nach einer kurzen Begrüßung des Professors kehrte Hansen zu feinem Schiff zurück und ließ einen elektrischen Haspel angehen. Auch von St 8' wurde ein Schlauch ausgerollt und in den Krater hinabgelassen.. Dann vermengte sich der Motordonner des Schiffes nut.dem«der beiden anderen. 30 000 Pferde insgesamt waren an der Arbeit, Frischluft aus den Kratergrund hinunterzudrücken. Am Abend des nächsten Tages wurden die Maschinen stillgelegt. Fast unnatürlich erschien den vieren die plötzliche Ruhe nach vielstun- diqem Motorgedröhn. Auf dem Kamm des Rrnggebirges nahe dem Kraterrand hatte Professor Eggerth sich auf einer Felszacke nieder- Sieb dir bitte, diese Fahlen an!" 1 Hein überflog das Blatt und wiederholte dabei halblaut, was er las: I „Sechzig vom Hundert Eisen —' zehn vom Hundert Platin — Zwölf vom ^Verwmidert lieh er das Blatt sinken. „Was bedeutet das, Vater?" „Die Analyse von ein paar Erzproben des Meteors. Ich habe sie in ^Noch^etomal un/jetzt mit größerer Sorgfalt las Hein Eggerth die Zahlen. Erregt sprang er aus. Vater! Es ist ja nicht denkbar! — Zehn v°m Hundert Platin — zwölf vom Hundert Gold - unermeßliche unerschöpfliche Reichtümer wären ja dann mit dem Meteor vom Himmel gefallen! Aber - es ist ja nicht möglich — ist dir vielleicht nicht doch em Irrtum unterlaufen? Professor Eggerth schüttelte den Kopf. „Ich bin meiner Sache ganz sicher Hein. Die Gewichte der einzelnen extrahierten Metalle stimmen bis auf wenige Zentigramm mit dem Gesamtgewicht der verarbeiteten Erz- I "dann^Vater — dann stehen wir ja vor etwas ganz Neuem — I aufgeregt im Zimmer hin und her. Der Professor wartete, bis I er sich wieder gefaßt hatte. Dann sprach er weiter: I „Meine Analysen sind unbedingt zuverlässig Hein, aber sie erstrecken sich nur auf wenige hundert Gramm zufällig aufgelesener kleiner Brocken. Ein Zufall könnte uns genarrt haben. Es konnte sein, daß gerade diese paar Stückchen so gehaltreich waren, wahrend die große Masse des Meteoriten viel ärmer, vielleicht nicht einmal abbauwürdig ist. Hein Eggerth sah enttäuscht aus. Eine kurze Weile sann er vor sich hin Dann begann er wieder zu sprechen, langsam, stockend, sich oft unter- bred,esbn)äre möglich, Vater — aber doch nicht eben wahrscheinlich. Ein sonderbarer Zufall mühte das sein, der dir gerade em paar kostbare Stückchen in die Hände spielte — und die gewaltige andere Masse sollte wertlos sein. Das kann ich nicht glauben — will es auch nicht glauben — und du, Vater, glaubst es wohl auch nicht?" Professor Eggerth lehnte sich in seinen Sessel zurück und brachte die Fingerspitzen feiner Hände zusammen. Ich will vorläufig gar nichts annehmen oder glauben, Hein. Ich wollte nur die Möglichkeit anbeuten, daß dieses günstige erste Ergebnis vielleicht einer weiteren Prüfung nicht standhalten könnte." Wieder sprang Hein von seinem Sitz auf. „Aber wir haben doch genug Erz mitgebracht. Auf fünf Tonnen schätze ich die Masse. Wir können ja sofort weiteruntersuchen." , Sehr richtig, mein Sohn, das können wir tun und werden es auch schnellstens machen. Aber die Bearbeitung dieser Massen — du sagst selbst, daß es rund hundert Zentner sind — ist eine Heidenarbeit. Sie erfordert Geduld, Hingabe, Gewissenhaftigkeit und ein Quantum Zeit, das ich ihr im Augenblick nicht widmen kann. Dabei muß die Sache absolut diskret behandelt werden. Ich möchte sogar nicht, daß Hansen oder Berkoff etwas davon erfahren." Während der Professor sprach, glitt ein Schein des Verständnisses über die Züge Heins. Er unterbrach den Professor: ,Lch verstehe dich, Vater. Ich soll das Erz weiterbearbeiten." Professor Eggerth nickte. „Es ist so, Hein. Ich werde dich morgen mit der Technik dieser chemischen Scheidungen vertraut machen und bann — ja, dann, mein lieber Junge, wirst du dich für die nächsten sechs bis acht Wochen in mein Laboratorium zurückziehen und ganz gehörig schuften müssen, bis alles Erz aufgearbeitet ist." Noch ein Viertelstündchen sprachen die beiden miteinander, und der Professor gab seinem Sohne genaue Verhaltungsmaßregeln für die nächsten Wochen. Der helle Morgen schien bereits in bas Zimmer, als sie sich trennten, um enblich zur Ruhe zu gehen. — Am nächsten Morgen hörte Wolf Hansen zu seiner Verwunderung von Qberingenieur Vollmar, baß Hein Eggerth mit Spezialauftragen seines Vaters nach Südbeutschland verreist fei. Am Nachmittag traf er Professor Eggerth, ber gerade aus seinem Laboratorium herauskam. Der Professor trug eine verdrossene Miene zur Schau. „Mit unserem Erz scheint nicht viel los zu sein", sagte er beiläufig zu Hansen. In der Hauptsache ist es reines Nickeleisen. Wenn nicht doch noch Stücke mit etwas besserer Ausbeute dazwischen sind, wird es kaum lohnen, ber Sache weiter nachzugehen. Trotzdem, Herr Hansen, wollen wir über die ganze Angelegenheit vorläufig noch Sttllschweigen bewahren." „Selbstverständlich, Herr Professor!", erwiderte Hansen und ging zu feiner Abteilung. Die Arbeit für die neuen Aufträge nahm ihn die kommenden Wochen derart in Anspruch, daß er kaum noch Gelegenheit fand, an den Boliden zu denken, der in ber fernen Antarktis vom Himmel Man schrieb den 22. Dezember. Auf ber südlichen Hälfte des Erdballes war Hochsommer. Zwar reichte die Kraft der Sonne nicht aus, um den schweren Eispanzer des sechsten antarktischen Kontinents merklich zum Schmelzen zu bringen, aber das Tagesgeftirn blieb jetzt in jenen hohen südlichen Breiten dauernd über dem Horizont. Die Herren Wille und Schmidt brauchten sich nicht mehr in ihre schwersten Pelze zu wickeln, wenn sie einmal in das Freie traten, um sich an dem Anblick des großen Christbaumes zu erfreuen, den ,6t 8‘ vor zwei Tagen in der Station abgeliefert hatte. Ueberhaupt ,St 8‘! Was wäre die ganze Station ohne dieses wunderbare Schiff gewesen? Wie ein richtiger Weihnachtsmann war Wolf Hansen be> diesem letzten Besuch aufgetreten, hatte Kisten, Kasten und Pakete in schwerer Menge austoben lassen, ihren Aufschriften nach für die einzelnen Mitglieder ber Station bestimmt unb bei Anordnung schwerster Strafe «rji am Heilig«» Abend unter dem Christbaum zu öffnen. thermometer. In Begleitung von Hansen ging Hein zu ,6t. 8'. 6ie rollten ein Kabel von dem 6chiff her bis zum ßraterranb aus sogen eme fahrbare Elektrowinbe heran unb oerbanben sie mit bem Kabel. Etwas Rundes, von Korbgeflecht Umgebenes, bas einer Boje ähnelte, war am anderen Ende des Kabels befestigt. Eine 6chalterbewegung von Hein, unb bas Seil der ©inbe begann auszulaufen. Blaue unb rote Stellen markierten an «an bte Meter nach Zehnern unb Hunberten. Stetig glitt es in bie Tiefe. Jetzt waren 150 — jetzt 200 Meter Seil abgelaufen. Jetzt gab es einen leichten Ruck. Die Korbkugel hatte ben Kratergrunb in 220 Meter Tiefe erreicht unb lag bort unten irgenbroo im Dunklen. Der Zeiger des Meßinstrumentes an der Winde kletterte langsam weiter. 35 Grad — 36 Grad — 37 Grad —", las ber Professor von ber Skala ab „Wir wollen ein Viertelstündchen warten, bis ber Apparat sich ausgeglichen hat", sagte er, „obgleich ich nicht mehr glaube, bah bie Temperatur uns Schwierigkeiten machen wirb." Er warf wieder einen Blick aus seinen Zettel, „Ad zwei, Herr Ber- kosf! Untersuchung ber Lust im Krater." Mit Hein unb Hansen ging Berkoff zu ,St 9‘. Zu britt zogen sie eine Aluminiumlausbrücke aus bem Schiffsrumpf, bis sie eine schwach geneigte Fahrbahn von ber Tür bis zum Felsboben barbot. Ein leichter Kran mit weiter Auslage würbe auf ihr ins Freie geschoben. Berkoff sprang auf besten Führerstanb, schaltete, unb ein Kabel aus bem 6chisss- bauch nach sich ziehenb, rollte ber Kran, elektromotorisch bewegt, bis zum Äraterranbe hin. Hansen unb Hein Eggerth folgten zu Fuß. Gemeinsam schleppten sie einen größeren ©eaenftanb, ber sich bei näherer Betrachtung als eine ganz gewöhnliche Petroleumlampe entpuppte. Der Himmel mochte wissen, wo Professor Eggerth bies Stück aufgetrieben hatte. Es war eine jener altertümlichen Hängelampen, wie sie in ben siebziger Jahren des vorigen Iahrhunberts vor Einführung bes elektrischen Lichtes in bürgerlichen Haushaltungen allgemein gebräuchlich waren. Beinahe neugierig schauten ihm Hein unb seine Freunbe zu, wie er bann ben Glaszylinder abzog, ben Docht entzünbete, unb banach Zylinber unb Milchglasglocke roieber aufsetzte. Sie kannten biefe Technik eines längst verrauschten Iahrhunberts nicht mehr. Nach ihrer Erfahrung machte man Licht, indem man einfach einen Schalter von links nach rechts schnappen lieg- Die Lampe brannte mit einem milden Licht. Obwohl ber große I Rundbrenner wohl an 25 Kerzen liefern mochte, war ber Lampenschein im hellen Sonnenlicht kaum zu fehen. „Um so bester wird sie in dem dunklen Kraterschacht leuchten", meinte ber Professor lächelnb, währenb ber Kranausleger um einen rechten Winkel schwenkte. Zwanzig Meter von ihnen entfernt hing bie Lampe jetzt über bem Schacht. Langsam ließ Hansen bie Kranleine auslaufen. Wie eine leuchtende Kugel glänzte in bem Dunkel bes Kraterfchachtes bie Lampe. (Fortsetzung folgt.) NordmSnnerlied. Von I. V. von Scheffel. Der Abend kommt, und die Herbstlust weht, Reifkälte spinnt um di« Tannen, o Kreuz und Buch und Mönchsgebet — wir müssen alle von dannen. Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt, trüb rinnen die heiligen Quellen: du götterumschwebter, du grünender Wald, schon blitzt die Axt, dich zu fällen! Und wir ziehn stumm, ein geschlagen Heer, erloschen sind unsere Sterne — o Island, du eisiger Fels im Meer, steig auf aus nächtiger Ferne. Steig auf und empfah unser reisig Geschlecht — auf geschnäbelten Schiffen kommen die alten Götter, das alte Recht, die alten Nordmänner geschwommen. Wo der Feuerberg loht, Glutasche fällt, Sturmwogen die Ufer umschäumen, auf dir, du trotziges Ende der Welt, die Winternacht woll'n wir verträumen. Bärenjagd auf Skiern. Ein Erlebnis im allen Rußland. Von Egon von Kapherr. „Sie haben schon mehrere Bären geschossen. Was ist das aber gegen eine alte Jagdart, die Sie morgen oder übermorgen kennen lernen werden? Sie haben hochmoderne Gewehre, Sie schießen sicher — wieviel Aussichten hat da der Bär? In neun von zehn Fällen werden Sie den armen Kerl, ohne weitere Abenteuer zu bestehen, einfach über den Haufen schießen. Morgen aber sehen Sie etwas anderes, etwas viel Schöneres... So sprach mein Freund Garezki, als unser Schlitten das kleine Walddorf Gawrilowa erreichte. Ich muß sagen, daß ich zu keiner Jagd mit so großen Erwartungen gefahren bin wie damals. Nicht Bären- oder Elchjagd machten mich so fiebern wie die Aussicht, der urigsten Hetze auf das wahrhafteste Wild des Nordens beiwohnen zu dürfen, einen Anblick zu haben, der nur ganz wenigen Jägern heutzutage geboten werden kann: die Jagd mit der kalten Waffe. — Nur ganz selten noch, eine aussterbende Zunft wie die berühmten ,^Lukaschi", die Wolfkreiser, sind diese „Rogatniki , die Männer, die es wagen, ohne Schießgewehr dem Bären zu Leibe zu gehen. In wenigen Dörfchen des Nordens, im Gouvernement Olonez, ißertn und Archangelsk wohnen diese harten, furchtlosen Männer, säst durchweg Altgläubige, riesenhafte, echt nordisch aussehende Bauern, selten unter sechseinhalb bis sieben Schuh hoch. Peter Michailow und Wassili Petrow — Vater und Sohn, waren die berühmten „Rogatniki", bei denen wir einkehrten. Der Vater, ein rotbärtiger Hüne, war etwa fünfzig Jahre alt, der Sohn mochte etwa ünfundzwanzig zählen. Auch er ein Riese, goldblond, mit großen, reundlichen, graublauen Augen. - Blond, schlank und b auaug.g auch die beiden Töchter des Hauses, die dem Witwer und dem altersgebeugten Großvater die Wirtschaft führten. Beim summenden Samowar und unseren mitgebrachten Dorraten veraina der Abend schnell. Es wurde natürlich von der Jagd gesprochen — nur von der Jagd. Der ältere „Rogatnik hatte m früheren Jahren oft mit dem verstorbenen Dberjagermeifter des Zaren, Andrei- jewski, gejagt, er erzählte von diesem kühnen und barenstarken Mann und von seinem traurigen Ende in den Muten des Ladogasee Dann zeigten die Beiden ihre Waffen: haarscharfe doppelschnechige KI'^ aen von etwa 25 Zentimeter Lange und drei Finger -Breite. Mit Drei schrauben und Pechguß waren die Tüllen der Messer in vst SHMi f-VrSSsS’ft 55 Bä w'ar"n kreuzweise mit weißgegerbten Lederriemen beMckelt d'cht hucker der Klinge, an der Manschette befand sich ->vi feksiefchm.^eter s cy Ring, an dem ein kurzer Riemen hing. An diesem Riemen °ver ssrstÄ - wieder in die Lederfutterale gesteckt. Dann ave -eg Schaben Ruhe, die leider, wie meist in russischen Bauernyauiern, umu, Und Wanzen gestört wurde. hrmiben tücktia. „Cs ist Der Morgen kam langsam herauf. Es fr “jntc ®Qmn. „Das gut, daß gestern und vorgestern Tauwetter , . £ trägt wäh- gibt jetzt eine scharfe, harte Kruste, die uns u $ Sohlen rend der Bär einsinkt und sich allmählich auf der tfiuqji uie « j wundmacht." Wir fuhren In Schlitten tief ins Revier. Dori, auf einet Heide» insel im Moor sollte das Bäreniager sein. Wir schnallten die Skier an, schickten den Nachbarjungen, der unsere Schlitten zurückführen sollte, heim und glitten langsam über das verschneite Moor der kleinen Heide zu. An der Heide angelangt, hetzte Peter Michailow seine großen, wolfsähnlichen Hunde an. Die drei Köter rannten los. Bald hörten wir lautes Verbellen und das zornige Brüllen des Bären. Der Bär war ein „Schatun", ein Herumtreiber, der fein erstes Winterlager verlassen hatte, da ihn Pelzjäger gestört hatten. Unstet war er wochenlang herumgestreunt, um sich hier endlich in ein Notlager in der Heide einzujchlagen. Die Jäger hatten seine Fährte entdeckt und das Wild eingekreist. Wir waren noch etwa hundert Schritt von der Heideinsel entfernt, als der Bär auch schon in großen Fluchten das Lager verließ. Er lief, mitunter tief einsinkend, umbellt von den Hunden, quer über das Moor, einer fernen Heide zu. Wir liefen jetzt hintereinander: Vorn der junge Bauer, dann der alte, hinter ihm kam mein Freund Gorezki, und ich machte den Schluß. Meine norwegischen Skier waren wesentlich schmäler als die Schneeschuhe der Russen und eigneten sich schlecht zum „Bahnmachen". Anfangs ging alles gut. Wir liefen nicht eilig, wir nahmen uns Zeit. Erst, als der Bär drüben die Heide erreicht hatte, wurde das Tempo stärker, denn hier sank das Wild nicht so oft und tief ein. Aus der Heide ging es in einen schütteren Wald von Birken und Fichten. Hier stellte sich der Bär den Hunden zum ersten Male. Es war fast Mittagszeit. Die Hunde umspielten, umkläfsten den Bären. Der aber suchte an einer großen Fichte Rückendeckung und wehrte die Angreifer schnaubend und brummend ab. Ich hätte längst schießen können — da ich aber Gorezki und den Bauernjägern versprochen hatte, nur im Notfälle von der Kugel Gebrauch zu machen, unterließ ich den Schuß auf den schwarzbraunen, ziemlich starken Bären, der sich bei unserer Annäherung wieder eilig zur Flucht wandte. Hier sahen wir deutlich die ersten blaßroten Tropfen in der Fährte. Die Prankensohlen begannen also wund zu werden... Nun ging ein Höllentempo los. Wir waren alle nur ganz leicht angezogen: nur mit leichten Strickjacken. Alles Pelzwerk hatten wir auf den Schlitten zurückgelafsen. Trotzdem lief uns der Schweiß in Strömen von Stirn und Brust. Peter Michailow lief jetzt als erster, als zweiter fein Sohn. Beide hatten die Lederfcheiden von den Klingen genommen: die Sache wurde also ernst... Immer mehr rote Tropfen in der Spur, immer häufiger die wütende Abwehr des Bären, immer wilder der Jagdlaut der mutigen, starken Hunde. Wieder und immer wieder stellte sich das mächtige Wild, floh aber stets bei unserem Anblick. Wir rückten langsam auf. Ich war damals — es sind jetzt 25 Jahre her — ein guter Skiläufer. Aber — trotzdem die Vordermänner mir die Furche machten und ich das bequemste Laufen hatte — ich hatte Mühe, das Tempo zu halten. Die Sonne stand schon hinter den Wipfeln der Heide, als sich der Bär wieder stellte. Wir fahen deutlich, daß er nach uns fchielte, und die Hunde nur lässig abwehrte. Der entscheidende Augenblick war gekommen, das Gelände war ziemlich frei, also günstig zum Kampf. Der junge Bauer, der jetzt wieder vorn lief, spielte den Acngst- lichen, stutzte. Nie darf der Jäger den Bären selbst angreifen, stets muß er den Angriff abwarten — das ist die alte Regel auf der Jagd mit der „Rogatina". — Die beiden Bauern hatten die Schneeschuhe jetzt nur lose am Fuß, um jederzeit abspringen zu können, hielten die Speere bereit. — Gorezki und ich liefen ein wenig zur Seite, unsere Gewehre schußfertig — für alle Fälle. Der Bär war nur noch etwa vierzig Schritt entfernt. Deutlich sah man sein schielendes Blinzeln. Ein herrliches Bild: die Hunde, die das Wild wie springende Bälle umspielten, der Bär mit gesträubtem Rückenhaar, mit gesenktem Kops, die Unterlippe spitz vorgeschoben und ein wenig nach unten, vorgestreckt die eine Pranke, die wie spielend zuckte ... Merkwürdig lang, gebogen der Hals, die Gehöre fest nach hinten angelegt, das ganze Gesicht des Tieres zur Fratze oer- ^Plötzlich flog der Bär herum — mit markerschütterndem Brüllen und hustendem Grunzen stürzte er sich auf Wassili. Der sprang von den Schneeschuhen, nahm die Bärenfeder kur§ vor den Leib, machte eine kleine Wendung nach rechts ... In wenigen Sekunden war der Bär heran — in mächtigen Sätzen. Er brüllte fürchterlich, der eine Hund flog aufjaulend beiseite. Da schnellte die Rogatina Wassilis vor und die Klinge fuhr dem Bären in die Brust, dicht vor das linke Blatt. Peter Michailow fprang jetzt an die Seite des Bären — feine Klinge blitzte, faß dicht hinter dem Blatt Der Bär brüllte keuchend — roter Schaum kam aus feinem Fang. Er preßte vorwärts, um Wafsili zu erreichen, er hieb mit ben Tatzen, biß in den Schaft. Zum zweiten Male stieß Peter zu. Da —- senkte sich der Kopf des Bären, feine ganze Gestalt überflog ein Zittern — er fiel röchelnd auf die Seite, die Hunde packten zu ... Gotowo" („fertig") sagte Peter Michailow ruhig und zog die Rogatina zurück. Dann trocknete er sich den Schweiß von der Stirn. Als wäre nichts Besonderes geschehen, wischten die beiden Jäger ihre Klingen ab bargen sie in den Futteralen. Es dämmerte schon em wenig, als wir uns auf den Rückmarsch machten. Bei herrlichem Mondschein erreichten wir nach zwei Stunden das Dorf. Nachdem Wassili em paar Bissen gegessen hatte, spannte er einen Schlitten an und fuhr in Begleitung des Halbwüchslings, um die Beute abzuholen. Etwa um Mitternacht kam er mit dem Bären ins Dorf. Bei Laternen- und Fackelschein stand die halbe Bevölkerung um den gefällten „Michail Iwanowitsch", den toten Beherrscher der nordischen Wälder. — Leider blieb dies das einzigemal, daß ich einer solchen Jagd beiwohnen konnte. Nie werde ich die schönen, wilden Bilder vergessen. pfiffig, daß wiederholte. Einmal dankend ab Wirklichkeit bot mir der Hilfslehrer Noten art. Aber ich lehnte sie mit dem Bemerken, daß ich viel lieber auswendig spiele. In hatte ich die Noten gerne genommen, jedoch ich konnte nicht was Synkopen sind. . , , „Na, tun Sie nicht so, Mann! Ihr Notenumblattler hat es ia laut genug hinausgeschrien. Aber ich hätte es auch so gewußt, Berber, denn ich bin ja vom Fach. Und wenn Sie wollen, können Sie am nächsten Ersten in meinem Tanzcafe als Klavierspieler antreten!" , Nix da", protestierte der Weidinger- Wirt, „der bleibt! Am anderen Tage, als ich vom Holzfällen heimkehrte, ließ ich mH vom Hilfslehrer die Synkopen erklären. Und feit damals habe ich leben Respekt vor den Synkopen verloren. Derantwortttch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'jche Untvers itätö»Duch» und Steindruckeret. 2L Lange. Gieße». Zigaretten. Der Borsührer, ein in die Gegend verschlagener Elektrotechniker, den ein Münchener Kinooperateur in einem halben Tage am Apparat ausbildete, kam unter ähnlichen Bedingungen zur Anstellung. Freitag-, Samstag- und Sonntagabend liefen die Filme. Das Programm wechselte jede Woche. Die Leute kamen zwei Stunden weit von den umliegenden Dörfern. Biele sahen zum ersten Male einen lebenden Film. Wenn die Abendsonne ins Meer versank und die Wellen überglitzerte, liefen Laute des Staunens durch die Zuschauerreihen. Einmal, als ein Schnellzug heranjagte, und die Lokomotive immer größer und größer wurde, und gradlinig ins Publikum hineinraste, drang aus vielen Kehlen ein Schrei. Ich hatte mich schnell in das Begleiten der Filme hineingefunden. Jeweils nach dem Tempo der Handlung handhabte ich die Taften. Ein Auto in toller Fahrt illustrierte ich am Klavier mit einem ebenso tollen Allegro aus der „Herzogin von Gerolstein". Die Abschiedsszene zweier Liebenden ölte ich mit dem „Verlorenen Glück" von Eilenburg. Für Begräbnisse und untergehende Schisse hatte ich ein getragenes Sechsachtel aus dem „Blumenlied" zur Verfügung. Szenen aus der guten Gesellschaft begleitete ich dezent mit „Ballgeflüster", das mir in seiner Des- Dur-Torart besonders vornehm im Klang erschien. Bei der Wochenschau und bei Lustspielen tat ich mich leicht. Da spielte ich meinen Vorrat an Märschen und Walzern herunter, und zwar so lange von vorn, bis das Stück aus war. Schließlich wurde ich in der Verwendung und Verwandlung meines geringen Repertoirs derart ..... ' das Publikum gar nicht mehr merkte, wie oft ich mich Vereinsamt. Don F r i e d r i ch N i e tz s ch e. Die Krähen schrei'n und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: bald wird es fchnei'n — wohl dem, der jetzt noch Heimat hat! Nun stehst du starr, schaust rückwärts, ach, wie lange schon! Was bist du, Narr, vor winters in die Welt entflohn? Die Welt — ein Tor zu taufend Wüsten stumm und kaltl Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends Halt. Nun stehst du bleich, zur Winterwanderfchaft verflucht, dem Rauche gleich, der stets nach käliern Himmeln sucht. Flieg, Vogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogeltonl — Versteck, du Narr, dein blutend Herz in Eis und Hohn! Die Krähen schrei'n und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: bald wird es schnei'n, weh dem, der keine Heimat hat! Erinnerungen eines Kinoklavierspieters. Von Gert Lynch. Zur Zeit des stummen Films, und das ist noch gar nicht solange her, lebte ich, Gottfried Berber, als Holzfäller in Dingskirchen an der bayerisch-böhmischen Grenze. . Franz Xaver Weidinger, der Wirt der „Laterne", hatte feinen Tanzsaal mit Genehmigung des Bezirksamtes zum Kinematographentheater ernannt. Die Saalschenke wurde zur feuersicheren Vorführerkabme vermauert, die Saalfenster wurden mit Pferdedecken verhängt. Der Vorhang der Burschenvereinsbühne, mit Leinwand überspannt, reflektierte die Bilder. Rechts von der Bühne, mit dem Blick zur Leinwand, stand das Tafelklavier, mit bunten Theaterkulissen, die einen Urwald darstellten, verbaut, damit die Zuschauer nicht vom Klavierlicht irritiert wurden. Der Urwald war mit einer Türe versehen, auf der giftgrüne Lianen wuchsen. Zuerst hatte der Weidinger-Wirt versucht, den Hilfslehrer zum Klavierspielen im Kino zu bewegen. Der aber hatte entrüstet abgelehnt. Ich wohnte als Schlafbursche in einer Dachkammer der „Laterne und pflegte feierabends gerne Klavier zu fpieten. Gegen zwei Dutzend Stücke. Militärmärsche, Walzer und Salonweisen, die ich als Pennäler beim Klavierunterricht gelernt hatte und noch auswendig konnte, verschafften mir dortzulande den Ruf eines flotten Klavierspielers. „Wennst magst, kannst spuilln", sagte der Weidinger-Wirt zu mir, und damit war ich engagiert. Als Entgelt vereinbarten wir: Wegfall der Wochenmiete, und für jede Vorführung eine Maß Bier und zehn wehr vom Blatte fpklen, und auf eine Blamage wollte ich es nicht an- tOm©orooSnber Weidinger-Wirt als auch das Publikum waren durch- aus zufrieden mit mir, und ich wurde öfters gelobt. Zuweilen ließ mir ein Zuschauer eine Extramaß "ufs Klavier stellen, dannt ich mich stärke und bis zum Schluß kräftig im AnschlagJ’kibe! 21m kräftigen Anschlag, glaube ich, hat es niemals gehapert! Meine Hände waren von der Holzhauerarbeit so hart.verhornt, daß ich mit der blanken Faust neugebrannte Ziegelsteine zerschlagen konnte. Und ich hatte immer das sichere Gesiihl, daß ich, wenn ich wollte, auch tue vergilbten «ist. b« d-. drehen und eine Pause einlegen, damit die Leute essen und trinken konnten. Während der ganzen Vorstellung durste geraucht werden. Bisweilen war der Raum dermaßen vernebelt, daß der Lichtkegel kaum mehr die Leinwand erreichte. Dann wurden alle Fenster geöffnet und schnell durchgelüftet. Wegen des Tabakqualms waren die vordersten Plätze in der Nähe der Leinwand die teuersten und die begehrtesten. In den Pausen begab ich mich gern in die feuersichere Dorführer- tabine um mit dem Vorführer eine Plauderzigarette zu rauchen. Dabei wurden die Filme abgespult und die Rißstellen geklebt. Es ist niemals etwas passiert, niemals ein Glutfünkchen ins Zelluloid geflogen. An einem Freitage, es ging schon tief in den Herbst hinein, mußte der große Ofen im Saal geheizt werden. Es hatte lange geregnet, und eine ^talte Feuchtigkeit faß an den Wänden. Drei Mekr vom Klaviere entfernt bullerte und glühte der Ofen. Ich begab mich schon lang vor der Zeit hinter meine Urwaldkulisse und wärmte m'-h ausgiebig durch Es war ein richtiges Kinowetter. Der Saal füllte sich bis aus den letzten Platz. Bauern und Gütler, Steinarbeiter und Holzknechte, Gendarmen, Lehrer und Apotheker, alle waren sie gekommen um die Tragödie einer Liebe zu sehen. Ich wußte von den Reklamebildern daß der Film im Rahmen der oberen Zehntausend spielte und daß ich das „Ball geflüster" tüchtig beanspruchen würde! Kurz vor Beginn der Vorführung tarn der Weidinger-Wirt ans Klavier und machte mich darauf aufmerksam, daß heute sein Bruder aus Traubing im Saal säße, der Besitzer vom Tanzcafe Prinzeß , der vom Klavierspielen etwas verstände. Ich möchte mich also zusammennehmen und Ehre einlegen. — Ich versprach es. Es klingelte. Ich rieb die Klavierlampe an und ruckte den Stuhl zurecht. Zuerst lief die Wochenschau ab. Kräftig intomerte ich emen Mar ch Beim dritten Takte merkte ich, daß etwas nicht stimmte Verdutzt stellte ich fest, daß einige Tasten, die ich angeschlagen hatte, nicht mehr heraufschnellten Sie waren also von der warmen Feuchtigkeit aufgedunsen und klemmten. Ich unterbrach mich einen Moment und zog die Tasten hoch. Dann spielte ich weiter, aber die Tasten, Stucker acht mochten es gewesen sein, blieben von neuem kleben. Ich begann nervös zu werden. So schnell ich nur konnte, riß ich immer wieder die Tasten empor, wobei der Fluh des Spieles beeinträchtigt wurde und abgehackte, nachzuckende Töne entstanden, die mir sehr gegen den Strich gingen. Ich war heilfroh, als die Wochenschau endete. Während der Hauptfilm eingelegt wurde, war eine kurze Pause. Ich benutzte sie, um die klemmenden Tasten seitwärts mit einer angebissenen Mettwurst, die ich in der Tasche hatte, einzuschmieren, damit die verquollenen Flächen leichter aneinander vorbeirutschen mochten. Es zeiqte sich, daß meine Einfettungsidee gar nicht so übel war! — Der Film rollte, ich begleitete in getragenen Weisen. Die geschmierten Tasten ließen sich jetzt leichter heraufwippen, aber ich kannte es beim besten Willen nicht vermeiden, daß nach jedem Takte einige Tone nach- hinkten. Die melodietragende Stimme fiel meistens aus, und dafür hörte man so etwas wie ein Echo. In den ersten beiden 2Uten schwitzte ich, wie man zu sagen pflegt, Blut. Während der Pause lies ich schnell in die Gaststube und suchte mir Hilfe. Ich sand einen Bekannten un» bat ihn, mir unter dem Spiel die verklemmten Tasten zu lupfen, er «igte sich auch bereitwillig, und kaum waren wir hinter der Urwaw- türe verschwunden, begann schon der dritte Akt. Jetzt wechselte die Szenerie. Eine Autofahrt wurde fällig, und ich belästigte wieder die .Herzogin von Gerolstein". Mein Tastenreißer war aufgeregter als ich selbst; er machte es recht ungeschickt und kam mir dauernd mit feinen Pratzen in das Gehege, fo daß ich schlimmer als vorher über die Takte hinausklimperte. Schließlich wurde ich wütend und zischle ihn an: „Xos, los, mach voran!" . . , . , . Da verlor mein Gehilfe die Fassung und schrie so laut, daß es im ganzen Saale zu hören war: „Sin oben! Sin oben! Die Taften meinte er, die oben sind, weil er sie doch emporgerissen hatte. „Scher dich zum Geier", wetterte ich ihn an. Er lief beleidigt davon, und ich machte meine Sache wieder allein. Mühselig hackte ich mich bis zum letzten Akt durch und wartete bann, bis sich der Saal geleert hatte. IN) genierte mich vor den Leuten wegen meines seltsamen Spiels. „Berber", rief da plötzlich eine fremde Stimme, „kommen Sie mal hervor!" Es war der vornehme Gast aus Traubing. Der Weidinger-x Wirt, die Kinokaffe unter dem Arm, stand neben ihm und grinste. Weidingers Bruder klopfte mir wohlwollend auf die Schulter unö sagte anerkennend: „ Sie sind ja ein famoser Synkopen-Spieler, Berber. Hätte nie gedacht, daß so was hier möglich wäre!" Wie? 'Was bin ich?" erkundigte ich mich; ich hatte keine Ahnung,