Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 58 Montag, den Zü.Iuli Jahrgang blindem Marmor, die mit ausgebreiteten Armen unbewegt herniedersah, hatte man einen Schweroerwundeten gebettet, einen jungen Menschen noch, den beim Schanzen eine Garbe des russischen Streufeuers nieder- warf. Der Soldat wußte nichts von seinem Sterben und schlummerte in den Armen des Geistlichen, der lind und leise aus ihn einsprach, leidlos in die Ewigkeit hinüber. Doch das Bild des sterbenden Kriegers, in der zerrissenen Erde des Gottesackers, verläßt den Geistlichen nicht, es arbeitet mächtig in ihm und gibt seinem Seelenhirtentum ein Gefühl von Größe und Notwendigkeit, das ihn durchdringt. Wo find die kleinen, bohrenden Zweifel und Anfechtungen der letzten Tage, die flüsternden Versuchungen, sich in Sicherheit zu bringen vor der slawischen Flut? Beschämt und dankbar empfindet der Gottesmann die Erhöhung dieser Stunde, die gnädige Errettung aus unwürdigem Kleinmut. „Tod, wo sind nun deine Schrecken?" Das Lied, von tiefen Orgelstimmen getragen, hüllt sein Denken ein wie ein wärmender Mantel. Er glüht von einem neuen, heftigen Eifer, der sich nach Bauernart hinter einem frohgemuten, tatkräftigen Ernst verbirgt. Jetzt ergreift er einen Feuerhaken, den ein Soldat gestern in den Pflaumenbäumen des Pfarrgartens hängen ließ, und stochert die schwelenden Balken zur Seite, die den Zugang zur Kirche versperren. Ehe die Feuerschlünde sich drüben beim Russen wieder öffnen, müssen die Kirchenbücher und Dokumente geborgen sein. Bald schwankt das ehrwürdige Gut, Zeugnis über Leben und Tod für eine lange Reihe harter ostpreußischer Geschlechter, in Zeltbahnen und Wachstuchdecken die Treppe herab. Da ist ein Granatloch, die Last sinkt hinein, eine steinerne Grabplatte verschließt den Schatz, die Männer fassen sich bei den Händen und stampsen mit ihren groben Stieseln das aufgeschüttete Erdreich fest, bis es eine lehmharte Kruste wird. Dann stehen sie schweigend, die Stirnen gesenkt, als beteten sie um Auferstehung. Und wie der Gottesmann den schmalen Kops hebt, da geschieht es ihm, daß ein Strom eherner Laute vom Glockenturm der alten Kirche herniederwallt. Er glaubt an Unfaßbares, an ein Wunder, eine Offenbarung, er will, hineingerissen in einen Wirbel heiligen Erschreckens, hin zum Glockenturm stürzen, da sieht er einen wunderlichen Zug schräg über den Kirchenplatz kommen: Mütterchen sind's im Sonntagsstaat, kleine welke Gesichter unter großen Tüchern — alte Männer dann — drei, vier — ganze Gruppen — schwankend und verbogen unter der Jahre Last, angetan mit dem steifen Schwarz der Konfirmanden, das Gesangbuch unter dem Arm — eine seltsame Prozession von Einsalt und Hilflosigkeit in dieser Umgebung der Zerstörung, nähern sie sich der Kirche mit ahnungslosen Kindermienen und kleinen wippenden Schritten. Da reißt es den Pfarrer zusammen, als träfe ihn Sensenschnitt: ein goldenes Kreuz flammt vor ihm aus und die Erkenntnis: Sonntag ist heute! Er eilt ins Haus und weiß nicht, wie es geschehen ist, daß er plötzlich frisch gekleidet und von einer ungeheuren Leidenschaft der Gegenwart erfüllt, auf der Kanzel steht, in dem hohen Raume, den die Sonne durch gemalte Scheiben brechend, in lange, blumige Streifen zerschneidet Er hört seine Worte aus der Unendlichkeit widerhallen. Ist das noch seine Stimme? U*t) die da unten, seine Gemeinde? — die Flut der dunklen und hellen Gesichter, die an- drängen und ihm entgegenwachsen, die Lieder, auf den Fittichen der Orgelregister, ziehen tönende Kreise um sein Haupt. Er fühlt sich selber Instrument, auf dem der mächtige Atem Gottes spielt. Eine sanfte Helle unirdischen Scheins breitet sich vor seinen Augen. Wie durch einen Schleier sieht er die Gemeinde sich dehnen, ins Grenzenlose schwellen. Bärtige, graue Feldsoldaten strömen in die Kirche und reihen sich, wändelang, die Hände über dem Helm gefaltet. Chöre tiefer, klangvoller Stimmen, wie Mauern stehend. Der Pfarrer heißt die Abendmahlgeräte holen, die der Küster im Garten vergrub. Die Soldaten treten zurück und bilden einen Halbkreis um schnell hergerichtete Tische, den Leib des Herrn zu empfangen. Aller Augen sind aus die Tür gerichtet. In der Ferne löst sich ein Schuß. Die Männer stehen und starren auf das zerschossene Portal, durch das eben der hohe Tag mit fliegender Helle bricht. Wie qualvoll dieses Warten ist! Angst schneidet grell in ihr Bewußtsein. Da stürzen die Abgesandten hervor — ihre Mienen sind bleich ihre Kleider besudelt — so stehen sie vor dem Pfarrer, keuchend, verstört und melden das Unfaßbare: daß die heiligen Geräte verschwunden sind, zerrissen, zerpflügt, zermahlen von den Geschoßeinschlägen der letzten Nacht! * r _ " Der Pfarrer steht inmitten seiner aufgescheuchten, aufgewühlten Gemeinde. Er fühlt aller Augen aus sich brennen, aller Stimmen in sich branden, seine Stirn ist rein ud hell, fest schließen sich die schmalen Lippen, in den weit geöffneten Augen ist ein fernes Leuchten, eine Vision wandelt vor ihm her heilige Gefäße, einer alten Truhe entsteigend, und eine Stimme tönt an sein Ohr: „Gehe, es wird dir alles gegeben." Da schreitet er, mit Schritten, die einem unirdischen Willen Oftpreußisches Abendmahl 1914. Nach einer wahren Begebenheit Von E. H. Burg. Wieder ist ein Sommertag, gewitterschwül und schicksalsträchtig. Es wuchs eine Wolke im Osten und peitschte Blitze über das geduckte Land. Und wie die Wetterwand zerklafste, da zuckte gelbes grelles Licht über Dem Aufruhr der Erde und der Menschen, über Flüchtige, Gehetzte, gepeitschte Wagenzüge, stöhnende Tiere, Irrfahrten in Elend und Heunat- losigkeit. Durch die Nacht flackert Gewehrseuer, Brände lodern am Horizont und sagen: Blut! Glühende Eisenkerne bersten am Himmel und brüllen: Krieg! Glocken gellen und Gebete ringen. Manner stemmen sich gegen Schicksal. Der fahle Mond steht mitternächtig über Graben und Kreuzen, an denen vorbei die Ströme der Flüchtigen vorüberrrnnen weh und wund, heute und morgen. Es gibt nur eine Sehnsucht und die heißt: nach Westen! da ist Ruhe, der Schild, das Geborgensem, vor der Russenflucht. Hart hinter den mahlenden, ächzenden Kolonnen klappen die Hufe der Kosakenpatrouillen. „ t . .... c. „ Am Rande des Verderbens vor den Klauen des vielköpfigen Ungeheuers, das sich zischend durch die Wälder ringelt, zum tödlichen Prankenhiebe bereit, liegt die kleine Stadt, abgeriegelt, abgestorben^Myne sichtbares Leben in sich verkrampft wie ein wundes Tier. Die Meute rusti- fcher Granaten reißt lange Fetzen aus ihren Flanken Wenn sie 'n -nudeln durch die Lüfte ziehen, im dröhnenden Orgelregister, sich heraus- biegend drüben aus den verwaschenen Waldrändern über den dünnigen Wiesen, um die Landstürmer in der deutschen Friedhofsstellung zu suchen, stockt den Zurückgebliebenen, Verstörten, in die Keller Gekauerten der Atem. Erlösung ist es fast, wenn der Donnerkeil lohend zwischen die Häuser fährt und rötliche Trichter über das Pflaster lagt. Nur fruh- morgens in der bleichen Dämmerung, bevor sich der Russe den «ch f aus den verklammten Gliedern geräkelt hat, erwacht für eine hastige Stunde spukhaftes Leben in der scheintoten Stadt. Dann^huschen Gestalten und wispern Stimmen, und Schemen entsteigen den Kellern. Ma und Frauen in Umschlagetüchern — oiel weißes Haar — Treue, cne nicht scheiden kann. Hingabe, Entsagung, Liebe, die sich erfüllen müssen noch den Gesetzen einer inneren Stimme. . ., Wird heute ihr Geschick sich vollenden? Das Fruhrot ging blutig auf, und die grauen Landsturmleute aus den Graben haben so st lle, ernste Gesichter In den Obstgärten schnattern die Enten m den Stallen brüllt das Vieh. Da schwanken Wassere,mer über die Straße und>Sensen- fchnitt klirrt in den Wiesen. Wem Gott em Amt gab °ar den Mensch n und den Tieren, der soll es auch nicht lassen tn der letzten Stunde Not Der diese Worte sprach, wahrhaft und freudig, aus der tröstenden feier stchen Kraft seiner Seele heraus, der Pfarrer des Ortes, stets ruhig und rauchgeschwärzt vor dem zerstörten Portal seiner Kirche. Er kommt von keinem nächtlichen Rundgang durch die deutsche ^'^dof^tellung w Tod und Leben nebeneinander wohnen, oft nur durch schmal«^rdmauern getrennt. Hinter dem eseuumsponnenen Sockel einer Grabfigur aus Oer Tod fürs Vaterland. Von Friedrich Hölderlin. Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge, Hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, Wo keck herauf die Würger dringen, Sicher der Kunst und des Arms; doch sichrer Kömmt über sie die Seele der Jünglinge, Denn die Gerechten schlagen wie Zauberer Und ihre Vaterlandsgesänge Lähmen die Knie der Ehrelosen. O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen auf, Damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods! Umsonst zu sterben lieb' ich nicht; doch Lieb' ich, zu fallen am Opferhügel Fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut Fürs Vaterland — und bald ist's geschehn! Zu euch Ihr Teuern! komm' ich, die mich Leben Lehrten und Sterben, zu euch hinunter! Wie oft im Lichte dürstet' ich euch zu sehn, Ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit! Nun grüßt ihr freundlich den geringen Fremdling, und brüderlich ist's hier unten; Und Siegesboten kommen herab: die Schlacht Ist unser. Lebe droben, o Vaterland, Und zähle nicht die Toten! Dir ist, Liebes! nicht einer zu viel gefallen. gehorsam scheinen, schräg durch das Kirchenschiff, durch die Menschengasse, die sich ihm rechts und links öffnet. Vor der eisenbeschlagenen Truhe, die feit Menschengedenken verschlossen und verstaubt im Winkel stand, zögert er den schleppenden Schritt. Er steht und tastet, er schaut und sinnt und biegt die Hande vor das Gesicht, als müsse er seine Augen vor den Strömen magischen Lichtes wahren, die, nur seiner Seele sichtbar, aus den Tiefen der Truhe hcroorquellen: in silbernen Pokalen bernsteinfarbener Wein, sich wandelnd zum Herzblut Christi, rubinrot funkelnd. „Oefsnet", spricht er. Und die Staunenden, vom Wunder dieser Stunde Erfaßten, die ihn umdrängen, entnehmen der alten Truhe vielfaches Abendmahlgerät, Wein, Brot und Kelche. Inbrünstig aus den Schächten dieses Erlebnisses hervorsteigend, vollzieht sich die hohe Feier, in einer Trunkenheit des Geistes, jung und stark wie die ausgehende Sonne. Im Nachbarabschnitt beginnt Gewehrfeuer zu brodeln. Als der Abend linde Schleier über den lauten Elfer der Farben breitet und das schmale Horn des Mondes sich hinter den Wäldern zeigt, bringt eine Husacenpatrouille, die Meldung, daß der Feind abgezogen sei. Da zerspringt der eiserne Ring, der um die Seele der todgeweihten Stadt geschmiedet war, und ein Jubel ohnegleichen bricht aus ihr hervor Aus allen Kellern und Verstecken strömen sie herbei, grau und halb blind von vieler Tage Haft. Die Glocken sind entfesselt, die Orgel dröhnt wie von unsichtbarer Hand. Der Widerschein der Freudenfeuer erobert weithin den grünlichen Abendhimmel. Ein Schicksalstag gleitet m die Ewigkeit. Nächtliche Begegnung. Erlebnis im großen Kriege. Von Ludwig Hermann, GDS. Der Krieg liegt nun fast schon wieder ein halbes Menschenalter zurück. Wir, die damals Knaben waren, als wir hinausgingen, find Männer geworden, und sind vielleicht schneller gereift, als früher und in vergangenen Generationen Männer endgültig fertig zu werden vermochten. Wir haben mehr und furchtbareres erlebt, als irgendeine Generatwn vor uns das tat, und Gott, der Herr, möge die kommenden Generationen gnädig vor gleichem Erleben bewahren. Vom furchtbaren und vom grauenvollen Erlebnis, von Kameradschaft und von Opferwillen ist unendlich viel erzählt worden. Wenig aber, verblüffend wenig, ist vom beglückenden Erlebnis des Krieges bisher berichtet worden. Nur einer, Walter Flex, hat in vollkommen überzeugender Form vom Glück des Krieges berichten können. Ich aber meine, wenn ich von beglückendem Erleben" schreibe, doch noch etwas anderes als er. Es ist schwer zu erklären, was ich eigentlich meine, deshalb muß ich ein solches Erleben erzählen, das in aller seiner Einfachheit manch anderer vielleicht kaum des Erwähnens wert halten würde, das mir aber Jahre und Jahrzehnte nachgegangen ist, und mich jedesmal wieder froh gemacht hat, wenn es mir vor's Gedächtnis trat. , ,, Das war im Herbst 1917. Die Verluste der letzten Zeit waren furchtbar gewesen, und so kam es, daß mancher von uns jungen Reserveleutnants berufen wurde, eine Kompanie zu führen, weil es an älteren Offizieren bereits mangelte. So ging's auch mir. Ich hatte bereits vor dem Kriege meine Wandervogelgruppe geführt, und was ich da gelernt hatte, das kam mir nun zustatten. Ich glaube, die Kompanie war mit ihrem jungen Führer, der beinahe überhaupt der Jüngste war, ganz zufrieden. _ „ Nun hatten wir fast einen halben Monat in der Stellung gelegen, in einer der lausigsten Stellungen, die wir je innegehabt hatten. „Lausig" meint hier aber nicht etwa, daß es eine besonders gefährliche Stellung war, fondern ist im „besten Sinne des Wortes" zu verstehen. So viel Läuse wie hier, hatten wir nie vorher in unseren Unterständen gesunden. Wir hatten die Stellung von dem Regiment, das wir ablösten, in einem schier unbeschreiblichen Zustande übernommen. Dieses Regiment hatte in der Stellung nichts zu lachen gehabt! Wahrscheinlich hatte es nie Zeit, einmal sauber zu machen; vielleicht hatten bereits frühere Regimenter es hier nicht besser gehabt. Kurz — als wir in diese Gräben kamen, marschierten die Läuse sozusagen in Gruppenkolonnen durch die Unterstände. Alles Säubern half nichts mehr, und von Tag zu Tag wurde es schlimmer, denn die Läuse werden bekanntlich innerhalb vierundzwanzig Stunden zu Urgroßmüttern! Sie haben einen verdammten Vermehrungstrieb! Und wo sie sich einmal festgesetzt haben, da ist mit seldmäßigen Mitteln gegen diesen Feind wenig mehr zu machen. So also sah diese Stellung aus. Und nun kam am Nachmittag der Befehl zur Ablösung. Wir sollten uns einige Tage in einem Dors hinter der Front erholen. Auf meine telephonische Anfrage beim Regiment erfuhr ich, daß wir verhältnismäßig anständige Quartiere erhalten sollten, und daß bereits überall frisches Stroh angefahren sei, damit die Leute es einmal wieder sauber und nett haben sollten. Na, das konnte ja gut werden! Eine Nacht nur in diesem Zustande in die frischen Quartiere, und sie wären bald genau so verlaust gewesen, wie die Unterstände vorn! Ich besprach mich mit meinen Zugführern, und wir beschlossen, koste es, was es wollte, es nicht dahin kommen zu lassen. Wir mußten noch in der Nacht versuchen, die Kompanie entlaust zu bekommen. Das würde zwar nach den 16 Tagen Grabendienst noch einen tüchtigen Nachtmarsch kosten, aber dann hatten die Leute wenigstens einmal eine Woche Ruhe vor dem Ungeziefer, und die Kompanie würde bestimmt damit zufrieden sein! Aber — erst um acht Uhr abends wurde abgelöst, und in der Nacht pflegte keine Entlausungsanstalt in Betrieb zu fein. Was also tun? Die Sanitäter in Dignies würden nicht übermäßig erfreut sein, wenn sie nun nochmals frisch Heizen mußten, denn — das wußten wir aus Erfahrung — auch diese Leute hatten, wenn sie auch hinter der Front lagen, keinen leichten Dienst! Wir beschlossen also, daß ich, als der einzige berittene Offizier der Kompanie, hinreiten sollte. Je früher ich hinkam, um so mehr war damit zu rechnen, daß die Sanitäter die Sache noch machen würden; aber es kam auch darauf an, daß die Kompanie nicht gar zu lange zu warten hatte, sondern möglichst gleich nach Ankunft in Dignies entlaust wurde, damit Zeit blieb, noch in derselben Nacht in die Quartiere, die einige Dörfer weiter, in Harnes lagen, zu gelangen. Telephonisch wurde durchgegeben, daß mein Bursche meinen Dienstgaul da und dahin bringen solle. Dort raf ich ihn, und bann trabte ich los. Als ich in Dignies ankam, war es fast schon dunkel. Die Entlausungsanstalt befand sich in einer der großen Kohlenzechen Das Brausebad der Bergarbeiter war der Mittelpunkt der Anlage. Während die Uniformen und die Wäsche in großen Heißdampföfen desinfiziert wurden, konnte die Mannschaft baden und sich säubern. Die ganze Anlage war prächtig für ihren Zweck geeignet und vorbildlich. Sehr schnell hatte ich mit dem Leiter, einem alten Feldwebel, die notwendigen Maßnahmen besprochen, seinen erst ein bißchen sauer blickenden Leuten durch eine Rauchmaterialspende und das Versprechen eines guten Trinkgeldes nach vollbrachter Arbeit, den notwendigen Diensteifer beigebracht, und damit war zunächst alles, was ich tun konnte, erledigt. Nun hieß es warten, bis zur Ankunft der Kompanie. Das konnte noch eine ganze Zeit lang dauern. Drei bis vier Stunden hatte sie von der Stellung aus zu marschieren, bevor sie anlangen konnte. Bis dahin mußte ich sehen, wie ich die Zeit totfchlug. Mein Gau! hatte Futter erhalten und war solange versorgt. Ich beschloß, ins Freie zu gehen. Als ich hinaustrat, war es stockfinster geworden. Nicht die Hand vor den Augen hätte man erkennen können. Vorsichtig, langsam tappte ich die Straße an dem roten Backsteinbau entlang. Da stieß mein Fuß an ein Hindernis. Es war eine kleine Treppe, die zu irgendeiner Türe sichren mochte. Das Tappen im Dunkel war so unangenehm, daß ich beschloß, mich dahinzusetzen und zu warten, bis der Mond herauskam oder bis zur Ankunft meiner Leute. Die Stufen waren breit, und es war ein ganz annehmbarer Sitz, den ich gefunden hatte. Ich machte es mir bequem und begann nachzudenken. Da, plötzlich fragte eine Stimme aus dem Dunkel heraus: „Na, so schwer, Kamerad? — Wo kommst du denn her?" Ich mußte wohl beim Setzen ein bißchen tief eingeatmet haben, daß der Fremde, der da schon gesessen hatte, den Eindruck gewann, daß ich seufzte. Der Stimme nach zu urteilen, mußte es ein älterer Mann (ein. Ich dachte mir, daß es wohl einer der Landsturmleute aus der Entlausungsanstalt fein würde, der da im Dunkeln faß und feinen Ge- danken nachhing. Die Stimme klang angenehm, freundlich und interessiert, so daß ich ihm gern und willig Auskunft über den Zweck meines Hierseins gab. Ich muhte an meinen Vater denken und an den Vater eines meiner Freunde, der selber Leutnant war, während der alte Herr irgendwo Landwehrdienst tat. Vielleicht war dieser alte Landsturmmann mit der angenehmen Stimme, der da neben mir saß und den ich nicht sehen konnte, auch so ein alter Herr. Hätte ich ihm gesagt, daß ich Leutnant sei, wäre er vielleicht befangen geworden. So hielt ich es für besser, gar nichts zu sagen „Du scheinst ja noch jung zu sein?" klang es aus dem Dunkel. „Neunzehn!" antwortete ich. „Neunzehn Jahre! so alt ist mein Junge auch. Der ist Artillerist unten bei Verdun! Und mein Jüngster ist erst siebzehn, der ist auch schon irgendwo hier draußen!" Ich berichtete, daß zwei jüngere Brüder von mir auch an der Front seien. Der alte Herr im Dunkel brachte das Gespräch auf die Mütter. Erzählte von Frau und kleiner Tochter in der Heimat, ich berichtete von Mutter und kleiner Schwester. Plötzlich unterbrach er das Gespräch. „Sagen Sie, Sie kommen von der Front. Vielleicht haben Sie Hunger. Ich habe gerade noch ein paar belegte Brote bei mir. Wenn Sie mögen, gebe ich Ihnen gern etwas ab.* Dankbar nahm ich an, und wunderte mich, daß die Brote in knisterndes, glattes Butterbrotpapier eingewickelt waren. Sie waren ganz friedensmäßig — wie zu Hause — geschnitten, mit Butter bestrichen und gut belegt, schmeckten ausgezeichnet und meine Sympathie für den unsichtbaren, so freundlichen Spender wuchs. Ich bot ihm Zigaretten dagegen. Er dankte und bekannte sich als Zigarrenraucher, mochte aber im Augenblick nicht rauchen. Das Gespräch ging weiter. Wir tarnen vom Hundertsten ins Tausendste. Wie lange die Zeit gewährte, hatten wir beide vergehen. Er hatte erfahren, daß ich als Kriegsfreiwilliger ausgezogen sei, von der Schulbank kam, alter Wandervogel war. Ich mußte ihm vom Wandervogel, von meinen Fahrten erzählen, er berichtete von seinem Hof. Er war Landwirt. Hatte viel Verständnis für meine Ideen. Einer seiner Jungen war vor dem Kriege im „Jungdeutschlandbund* des Feldmarschalls von der Goltz gewesen. Dann sprachen wir von Literatur. Er erklärte, wohl sich für vieles zu interessieren, aber nicht sehr viel zu kennen. Ich erzählte ihm von Börries von Münchhausen, von den Bayardballaden. Als ich ein paar Verse zitierte, wollte er mehr hören. Dann kam Rilkes „Kornett" daran. Der Alte im Dunkel erzählte von Fontane, der ihn auf seinem Hofe besucht hatte. Sie Zeit verging, wie im Fluge. — Da hörte ich im Dunkel marschieren, das mußte meine Kompanie sein! „Ich muß um Entschuldigung bitten!" sagte ich. „Jetzt muß ich erst einmal mich um die Kompanie kümmern, aber ich komme dann noch zurück, um mich zu verabschieden." Ich stand auf und ging der Kompanie entgegen, ließ rühren, Gewehre abnehmen und sagte einem der Zugführer Bescheid, daß er die Leute hineinführen sollte. Dann ging ich wieder, vorsichtig tappend, zur Treppe zurück. „Na", fragte der alte Herr aus dem Dunkel, „Sie scheinen ja etwas Besseres zu sein?" Eigentlich tat es mir leid, daß ich ihm jetzt die Wahrheit sagen mußte. Aber ich dachte mir, daß es den alten Landsturmmann doch vielleicht freuen würde, daß ein Leutnant „so nett" zu ihm gewesen war. Einen Augenblick überlegte ich, um meine Antwort so zu formulieren, daß der alte Herr nicht verlegen wur-e. Er hatte die ganze Zeit „Du" und „Kamerad" zu mir gesagt, und ich war auf diesen Ton gern und bereitwillig eingegangen. „Besseres?" sagte ich. „Na, auch nichts Besonderes, nur ein Leutnant Kompanieführer, weil der andere gefallen ist!" und dabei überlegte ich, daß ich doch nun auch fragen müsse, wer er sei, schon allein deshalb, weil er sonst hätte glauben können, daß ich nach dem Bekenntnis wieder zugeknöpft werden könne. „Und was sind Sie?" fragte ich zurück. „Auch nichts Besonderes!" klang's aus dem Dunkel. „Ich bin der Regimentskommandeur des Regiments 931" und ich hörte, wie er sich ein bißchen ein glucksendes Lachen zurückhielt. Ich war froh, daß es fo dunkel war, sonst hätte er gesehen, daß ich einen roten Kopf bekam. Aber die Erinnerung an diese Nacht, in der em junger Leutnant seinen Hochmut vergaß, weil er einen gütigen alten Obersten für einen Landsturmmann gehalten hatte, gegen den er einmal „nett sein wollte", und in der er dann den Leutnantshochmut nicht nur vergaß, sondern verlernte, ist in meiner Erinnerung das beglückendste Erlebnis des ganzen großen Krieges geblieben. Ausflug nach Brixen. Don Wilhelm Hausen st ein. Hinter der Felsenklause, die früher Franzensfeste hieß und nun Fortezza genannt wird, verändert sich die tirolische Landschaft. Nicht unmittelbar nach dem Brenner, nicht schon um Sterling, sondern jetzt erst, hinter der romantischen Szenerie um die Granitforts, erscheint der Süden — aber nun erscheint er wirklich. So unmittelbar sreilich nicht wie nach dem Gotthard; nicht durch einen Zauberschlag, der wie mit Ja und Nein, wie mit Schwarz und Weiß zwei Welten scheidet — Norden und Süden; aber dennoch ist das Land zwischen der Feste und Brixen unverkennbare Ouvertüre des Südens. Die Berge verleugnen ihre Größe nicht, aber sie nehmen weichere Linien an; die Umrisse verlieren das Brüske; die Prosile der Höhen werden sanfter; die Berge, zum wenigsten die nahen, lagern sich mehr, als daß sie steil aufsteigen; in langem und mildem Verlaus fließen die Kurven zu Tal und zuweilen ist es, als wollten die großen Diagonalen kaum aus der Waagrechten gehen. Das Licht wird süßer; die Luft wird zarter, und auch an einem noch kühlen Vorfrühlingstag spürt man mit den Poren, wie es ihr natürlich ist, lau zu sein. Die ersten südtirolischen Weinberge stehen in aufgemauerten Stäffelchen, deren graues Mosaik mit dem jungen Grün und dem erfrischten Hellbraun der Erde wechselt — fruchtbare Natur und hegende Winzerkunst verbinden sich miteinander wie in Strophen, Kastanien beginnen dazustehen; da ist Vahrn; an Obst kann hier kein Mangel sein; die Höhe überm Meer, der Münchens etwa gleich, wird vom Spiegel der Adria her gemessen, und dies sagen heißt alles sagen. Drum sind die dumpfblauen Pastelltöne in den Bergfichten droben zarter und leichter als ähnliche Töne im diesseitigen bayerischen Gebirge. Der erste Eintritt in eine Stadt, aber auch der nach Jahren wiederholte, macht beklommen wie ein Rätsel, und man versucht, das Neue oder Halbvergessene an Bekanntes anzuschließen, weil die Unzulänglichkeit der menschlichen Natur, befangen, fcheu, wie sie ist, sich ja gern an die Auskunft der Vergleichung wendet. Wie ist es hier? Man denkt nach Salzburg hinüber; nach Eichstätt auch, jener merkwürdigen, schön gebreiteten, stattlich erhobenen Bastion des Südens im fränkischen Norden, die zu selten gesucht wird; mitunter auch an schöne Stätten in Freising — ja in Freising, das, dank einer natürlichen und einer geistlichen Schönheit, die Anziehung einer Oase hat. Die Häuser sind einfach, weitwändig, rosa und lavendelblau und lichter Ocker. Der Süden hat auch den Häusern seine Art mitgeteilt. Alles steht in dichtem, aber auch großzügigem und gelassenem Zusammenhang, wie der Süden es liebt. Heber hohe und feste Gartenmauern, in denen die Verbundenheit der Stadt mit sich selbst so gut verbürgt ist wie in den Straßenzeilen und den baulich umhegten Plätzen, schimmern die reichen Blüten der Fruchtbäume auf Scheitel und Stirnen der Spaziergänger herab; es ist eine Wohltat, an diesen Mauern entlangzugehen. An einem Bürgerhause inmitten der Stadt gedeiht ein weitausgreifender Rebstock. Die behäbigen alten Häuser der Hauptstraße sind mit schattigen und kellerkühlen Lauben unterwölbt, deren die Menschen, die Tiere und selbst die Dinge bedürfen, denn im Sommer ist hier die volle Wärme des Südens. Ein kellerkühler, wie ein Keller dämmeriger Wölbgang zieht dich ein, dicht neben dem Dom. Der Weg geht zwischen aufgerichteten Grabsteinen geistlicher Herren hin und mündet ins Lichte. Dies ist der Kreuzgong. Der kleine Hof, den die Trakte im Viereck umschreiben, ist ein Würfel aus Sonnenlicht und warmer ßuft: ein ummauertes Becken, in dem Licht und Luft behalten sind wie die Wasser eines Bades in ihrem Behälter. Zur Linken schauen dunkle Fenster einer kleinen Wohnung herab; wer hier behaust ist, darf beneidet werden. Im rechten Winkel ongeschlossen, zeichnet sich das steile Dach der Taufkirche; es ist rotbraun, unb auf dem First trägt es ein Taubenpaar. Das Höfchen, so klein, fo groß, fo abgeschieden und so sehr die Mitte, fo wenig und doch alles, ein schönes Bild des Wichtigsten — das Höfchen ist grün von Gras und Bäumen. Im Bufchblättern, die lackgrün glänzen, spiegelt sich die Sonne. Oleander stehen in Kübeln; eine Amsel musiziert; Thuyen stehen im Grasboden. Im Verlauf des Umgangs gewahrt man die barocken Helme der Domtürme. Romantische Säulen begleiten, zu Paaren gebündelt, mit den rundbogigen Jochen früher Zeit überbrückt, den Schritt der stillen Besucher dieser kostbaren Einsamkeit. Die Wände, die gotischen Deckengewölbe sind mit frommen Mauerbildern über und über bedeckt; sie bezeugen die Weise des späten Mittelalters. Die Gründe find schwarz, auch blau; aus ihnen treten die Figuren deutlich hervor — Figuren, die zugleich von südlichen und nördlichen Händen gemalt zu fein scheinen. Unter ben Fresken sind etliche, die kaum fein könnten, wenn es den Giotto nicht gegeben- hätte, und überhaupt mag der südliche Charakter vorwiegen; aber man kann auch nicht verkennen, daß der Norden em Wort hereingesprochen hat — es ist, wie wenn zwei verschiedene Stim- men den gleichen Ton singen. Das Schönste, bas bie Menschen ausgestellt haben, ist fast immer aus dem Zusammenhang entstauben. Die schönen alten Stabte sind nie zerrissen; bas einzelne fonbert sich nicht aus, sonbern kehrt sich zum Ganzen. Im Dombezirk zu Brixen erkennt man was Größe unb Macht eines Zusammenhangs ist. Alles ist bie baukörperliche Einheit eines geistigen Systems: Dom unb Domschule unb Tauskirche unb Hofburg unb Hofkapelle unb Friebhos und noch bie Pfarrkirche unb anberes bazu finb ein ununterbrochenes Gefüge von Gemäuer; ber Kreuzgang inmitten nicht zu vergessen, benn er ist bas Herz. Man muß versuchen, sich den Überzeugenden und beruhigenden Grundriß dieses Zusammenhangs klarzumachen; er klärt die Vorstellung vom Wesen einer alten Bischofsstadt vollends, und nun erst wird bie Anschauung ber aufgerichteten Gebäube ben Begriff recht erfüllen. Der Dom, an dessen weißer Marmorfront die geistreiche Giebelkuroe des Barock am meisten zum Auge spricht, ist innen durch eine ebenso angenehme als majestätische Raumverfassung unb Ausstattung ausgezeichnet; bies Innere ist prächtig, ja triumphal, wie bie großen Kirchen des Barock es fein wollen unb auf erstaunliche Art zu fein vermögen. Es ist aber auch gemäßigt; dies Barock hat den ruhigeren Stand und Ausdruck ber Renaissance ererbt. Dies Innere ist ftanbfeft unb in jedem Zug bestimmt; es strömt aber auch ben großen Reiz einer eblen geistlichen Freiheit aus, bie ben Strom ber Empfinbungen faßt, ohne ihn zu flauen unb zurückzutreiben. Dies Dominnere verpflichtet burch Würde unb Ernst; aber wie es selbst einer festlichen Heiterkeit erschlossen ist, o erlaubt es bcm Gast eine frohe Seele. Aus lauter sichernber Form gebilbet, versagt es sich boch nicht eine weise Milde — eine der Meuchen kundige Liberalität. Was ist nun im einzelnen das Schönste, wenn diese Frage sich einstellt, wie sie es tut? Mir scheint: die Ordnung flacher Pfeiler, die links und rechts das Schiff begleiten. Sie find aus dunkelgrünem Serpentin geschnitten und mit Mustern aus rosarotem Veroneser Marmor verziert; sie sind das Werk einer eblen Arbeit, bie in aller ihrer Einfachheit nicht aufhört, ben Sinn zu beschäftigen. Nicht immer unb überall macht die Ausstattung einer Kirche mit bem vielfarbigen Marmor, ben ber Süben liebt, soviel Freude wie hier: an dieser Stelle ist solcher Schmuck nicht unfruchtbar geworden im Stile kalter kunsthandwerklicher Vollkommenheit. Wir ungewöhnlich schön auch der Marmor des Hochaltars: der schwere rosarote und weiße Stein ist mit vornehmer Leichtigkeit zum Vorhang gebildet. Marmorne Vielfarbigkeit, in italienischen Domen zuweilen ernüchternd, scheint in diesem Brixener Dom überhaupt von glückhaften Händen bewirkt zu fein: nicht nur ber beste Geschmack scheint diese Hänbe bewegt zu haben, sonbern auch ein empfinbfames Gemüt. Den Hinausgehenben überrascht bie Pracht unb Fröhlichkeit ber Orgelempore: großartig genialischer Verschwenbung, wie bie überschäumende Musik selbst — so erhebt sich bas gebieterische unb doch geschmeidig an» mutenbe Gehäuse über ber kühnen Rampenkurve der Tribüne. ♦ Die bischöfliche Hofburg steht bem Dom gegenüber: bie neue nämlich, bie aus ber Renaissance, bie freilich noch mit einem wehrenben Wassergraben umzogen würbe; wie das derbe Tor bezeugt, find hier bie Bauern des blutigen Jahres 1525 angerannt . Hier zumal ist die Fülle des Südens offenbar. Der Hof ist auf mittelmeerlänbifdje Art mit offenen Galerien umgeben, deren auf jeder Seite drei übereinander hinlaufen. Standbilder deutscher Kaiser unb Statuen von Brixner Fürstbischöfen, i bie je unb je sehr große Herren waren, verstärken den Umlauf ber mitt’ I lernen Arkaben zu bedeutungsvoller Darstellung. Heiliges Römisches ' Reich Deutscher Nation ... Im Hof gedeihen Lebensbaum, Blautanne und Zeder mächtig unter der Gunst eines beglückenden Himmels, und die springenden Brunnen spielen schon bas Schauspiel römischer Gärten vor. * Aber Brixen liegt auch noch vor feinen eigenen Toren draußen: nahe ist Neustist aus dem 12. Jahrhundert Der romantische Turm meldet das hohe Alter wie ein Uhrzeiger, der nicht mehr weitergeht. Im Inneren ber Stiftskirche empfängt uns bie verführerische Gastlichkeit bes Barocks, des Rokokos, bem Baubilb unb bem Schmuck bes bayerischen 18. Jahr- hunberts nahe verwanbt, aber nicht ganz so oerbinblich unb beweglich wie bayerisches Barock unb Rokoko Man sagt, hier sei bie sübliche Grenze bes Vorbringens ber Kunst des bayerischen 18. Jahrhunberts, die eine überströmende Kunst gewesen ist Neustift bei Brixen — „Novacella" bet „Bressanone": ein Punkt auf dem Aequator zweier Kulturzonen. Man spürt den Punkt auch sonst an dieser Stätte: sie ist in Sakristei und Kreuzgang voll der bildhaften Spuren des Namens Michael Pacher, in dem Norden und Süden sich mannhaft begegneten, und übrigens scheint eine eifrige ortsgeschichtliche Forschung den außerordentlichen nordsüdlichen Maler des 15. Jahrhunderts, den man bisher aus Bruneck herleitete, mehr unb mehr für eine Heimat Brixen einforbern zu wollen. Schulartig orbnet sich eine ganze, bemerkenswerte Stifts-Gemälbegalerie . bem nämlichen großen Meisternamen zu Eine bezaubernde Bibliothek in Weiß unb Golb scheint von Neustift her bem Schönbrunner Rokoko ber Maria Theresia Antwort zu geben. Drinnen in ber Stabt Brixen, nahe ber Pfarrkirche unb bem Dom, hat das schöne Pfaundlerhaus schier ein veronesisches ober trientinisches Gesicht; nur baß es Erker gibt, bie Echo einer Stimme; von biesseits ber Alpen finb. Erker, bie fernerhin an Nürnberg erinnern, aber sozusagen lateinisch geschrieben finb. Auch stellen sie bie Säben gegen eine anbere, heißere Sonne vor unb bie Frau, bie von droben herabschaut, blickt aus einen Markt voll südlicher Ernte So ist dieser herrliche Weltwinkel zusammengesetzt; so' haben die Welthälften diesseits und jenseits der großen Alpenachse in ihm das schöne Bild gemeinsam gewirkt. Süden unb Narben stehen zueinanber i im fruchtbaren Zeichen der Symmetrie, des Austauschs. johi alter Bekannter sich Hat er von ein großer. un- itOt kein Schicksal/' (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei, *X Lange. Sieben. draußen kräftig und der süllig- Sommergewand 111; Rti »n klingelte. Eine laute, rasche, muntere Stimme sprach slussig, große, entzauberte Peter in weithosigem prächtigem stand in der Tür. „Ich komme zu früh?" „Kennen Sie Scribles, Peter?" „Scribles, Katarina —?" Er lachte stark. „Guter, von mir, der kleine Johnny, prächtiger Kamerad... Brauen. . „Wirklich böse? Auch ein Kabelspruch ist bloß ein Stück Papier und 5i Mtn| tim W M|e mitt taut R( burts !Dlen| % dir «tf 'n ton! ®t!)t lauft hm IN i« N Juni ®tui hören lassen?" „Aha! Aha!" . „Aha —?" Peter war bloß schwach verlegen, wie „ „ . ruhiger Neufundländer, der etwas ausgefressen hat. „Was wollen Sie mit Scribles, liebe gnädige Frau?" Das frage ich Sie, lieber Herr Geyck! Sie haben ihm geschrieben? Peter, der seit einigen Tagen mit neuer Frische und Entschlossenheit aus Neuruppin zurück war, nahm Platz und sah beinah verschmitzt vor sich hin. Aber er wurde sogleich ernst und sah dem früheren edelschonen, leidenschaftlich bewegten Lord Peter wieder einmal ähnlicher. „Ja, ich hab' ihm geschrieben, Katarina: ich habe ihm auch Bilder geschickt Ich war ihm grade einen Gruß schuldig. Ich konnte nicht anders. Natürlich weiß Johnny längst von Ihnen. Er hat Sie, wie ich bestimmt weih, schon in London oder sonstwo gesehn." „Warum taten Sie das, Herr Geyck?" . „Weil es Unsinn ist, daß Sie sich einsperren lassen wollen, Katarinas Für eines — seien Sie mir nicht unversöhnlich böse, wenn ich es runb= weg sage! — für eines Mannes schauerlichen Egoismus einsperren lassen wallen ... Wenn es auch ein berühmter Professor ist!" „Ein sehr starkes Stück, Herr Geyck!" sprach sie. mit strengen, hohen Am dritten Tag fuhren sie gegen Abend ?ur Bahn. Dr Wiedehöft war unter einer riesigen gelben Reisemutze mit kolossalem Schild, schon zur Stelle und widmete sich nach kurzer, aufgeregter Begrüßung wieder seinen zahlreichen weiblichen Anverwandten, die für Leben und Ewigkeit von ihm Abschied nahmen. , , ,, o Es verging noch eine Biertelstunde, zah und langsam, wie alle Zeit auf Bahnhosen vergeht. Der Professor belegte seinen Platz 'M Schlaf- wagen. Kaufte Zeitungen. Sie sprachen und schwiegen. Er hielt ihren ^rt2)a hätte sie seinen Arm umklammern mögen. Denn nun fiel mit einemmal auch hier und ganz schwer aus grauem Dampf, aus müder Dämmerung, aus dem gespenstischen Licht der hohen Halle, aus Lärm, Hast und stürmischem Durcheinander der Menschen und Dmge die Angst und Verzagtheit wie ein giftiger, hitzender Schleier auf sie nieder. Sie lächelte und war fchön in dem kranken Licht. Nun war es Zeit. Er hielt sie stark im Arm. Sie sprachen noch ernste Worte. Dann stand er am Fenster. mi_ Sie winkte mit dem Taschentuch, lachte und sagte sich. Es tut mir doch von Herzen leid, daß er wieder wegfährt! Dann vergaß sie zu winken, lieh bloß das Tuch flattern, und ohne daß sie s wußte, prang es ihr feucht in die Augen. Da lächelte sie wieder und wink e w'eder und ließ dann den Arm müde sinken und war ganz ruhig und erleichtert. XX. Mancher Tag ist eine Woche und manche Woche ist einen Monat wert. Kurze Briefe und bunte Karten kamen aus Lund. In den Zeitungen standen lange Berichte, dazwischen Louis Hasselbrink, der große Pro- essor, im Frack am Rednerpult, im Gespräch mit dem schwedischen Kronprinzen, beim Festessen hinter Blumen und einem halben Dutzend Glasern zwischen zwei stattlichen, eleganten Damen, die nicht mehr ganz; ,ung zu sein schienen. Katarina sammelte und las alles eifrig, und die Mama war bis ins Herz ergriffen von „unserm Louis . „Mein Schwiegerfohn, sagte die Mama zu ihren Freunden und Bekannten und war letzt immer unterwegs. — Am Ende der zweiten Woche hängte sich Herr Mansred Spilke wieder ausgeregt ans Telephon. „Gnädige Frau, ich muß Sie sofort sprechen! „Das geht nicht, lieber Herr Spilke! Ich fahre in einer Stunde nach Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor vonKohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Dann fuhr sie mit ihm nach dem rosa Haus und saß und bewegte sich dort noch eine Stunde lang wie in einer lieben, vertrauten Welt. „Fahr mit nach Lund, Katarina!" . „Nein, das geht doch nicht." Sie entzog sich ihm mit großem Blick und verschloß sich, obwohl sich ihre Hand hart um die seine krampfte. Sie faf? ihn freimütig und fest an, als wünsche auch sie, bei ihm zu sein. „Ich will es so. Wie lange bleibst du dort? , , Noch unbestimmt. Die Sache dauert offiziell gute vierzehn Tage. Dann Einladung zum König nach Stockholm." Sie nickte, die Hand um feine Hand gepreßt, als billige sie aU auf unseren täglichen Streifzügen erreicht, die Pflüge über die buckligen Aecker, oder der itternb die Schollen auf und stieß mit seinem in die zahllosen Granitsteine, von denen man weil Jahr für Jahr immer wieder neue, große e aufgewühlt werden. Neigte das Korn seine Granen sanft den blauen Korb der Kornblume n Mähmaschinen und staunten dem Wunder lief;, die die geschnittenen Halme rafften und sie elige Erde fallen ließen; legte sich das Gras 6 7 8 4 5 Ocm 1 2 3 wendische Jäger vor Zeiten einem weißen Hirsch ablauschten; sie gelangten zu einem von allen Seiten unerreichbaren Platz und bauten eine Wallburg, auf dessen Wällen nun Haselnußsträucher blühen und Wildschweine wühlen, wenn der Herbstwind die dreieckigen stachelichen Früchte der Buchen pflückt. Bios White Cyan Grey 1 Green Grey 2 Magenta Black „„ wejiuue uer U|i|ee, wo Ute wcvve im INIMYMUS per Welle sich wiegt, die den gelben versteinten Harz, blanke Muscheln und in stürmischen Stunden auch langes Seegras ans Ufer spült. Die See schenkt und raubt, in Wolgast wirft sie Sand aus: „Wolgaster Sandsäcke" sagt der Volksmund; an der ostpommerschen Steilküste, bei Horst und Hoff, nagt das Wasser, und in Jahrhunderten fällt Meter für Meter Land ihm zum Opfer. Ein kleines Kirchlein stand dort einst auf der Höhe, heute ist es zerstört, die verbliebenen Mauern hängen am Abgrund und warten, bis die Wellen in einer Sturmnacht den letzten Halt zerfressen. Am Strand der Ostsee leben Pommerns schönste Sagen fort. Jeder Felsen, jedes Gewässer Rügens erinnert an alle Heiligtümer der Wenden, Störtebecker fand hier Unterschlupf auf seinen Raubzügen, Zwerge sollen unter duftenden Holunderbäumen fitzen und warten, daß man sie ruft, in einem heiligen Haine feierte die germanische Göttin Herta das Frühlingsfest, auf Usedom läuten an stillen Abenden noch immer b;e Glocken bes versunkenen Vinetas unb aus Wollin heißt noch heute die höchstgelegene Stelle „Stinas Utkiek", weil hier die schöne Seeräuberkönigin Stina nach vorübersegelnden Schiffen beutegierig Ausschau hielt An der See, besonders wo sie Buchten und Boden bildet, sind auch die Städte gewachsen mit den alten Schifferbornen, bereu Glocken dunkel und schwer über die Wasserfläche tönen. Greifswald beherbergt eine alte Universität, hoch recken sich die gotischen Backsteinbauten der Hansestadt Stralsund über den Pfeilsund empor, Swinemünbe greift mit seinen Hafenmolen weit in bie See hinein, verträumt schaut der C am m in er Dom, um dessen schweigsames Gewölbe bte sagenhafte Büßertreppe läuft, auf bie kleine ehemalige Bischofsstadt, tn der der heilige Otto der Pommernapostel, predigte, und seltsam vermahlt sich die , hauch auf den Wiesen am Fluß auf bie Seite, ________ ... KM oiitzenben Sensen, unb wir halfen ihnen beim Tragen ber Bahren, auf benen bas saftige Gras aus ber nassen Niebe- rung zu trockenen Plätzen geschafft würbe, unb sprengten bie Kohlrüben mit ihren bicken Bäuchen bie Erbfläche, verschwanben wir wie bie Hasen unter ihrem Blattwerk, aber flüchteten sofort roieber in bas nahe Gehölz, kugelige Knollen im Arm. Wo bie jungen Kiefern roitb ihr Gezweig ineinanber verhaspeln unb bie Steinpilze im Moose ganze Kolonien bilden, schnurpsten wir, wie es die Pferde mit Möhren tun, bie weihen Felbfrüchte. Am.toten Arm bes Flusses saßen wir auf Erlenftümpfen, hielten bie Angelschnur in bie für bas Auge unburchbringliche Tiefe ober schnitzten bie Borke ber Föhren zu Kähnen. Immer mußten wir babei ber Borcke- schen Grasen benken, beren Stammschloß unter ben alten Eichen sichtbar würbe, wenn wir auf sonnigem Bergrücken Brombeeren suchten. Die Borckes sinb bas älteste unb ansehnlichste aus wenbischem Vlut hervor- gegangene Geschlecht. Pommers. Ihr Ahne soll, so-weiß es bie Sage, von wandernben Wenben im Walbe als Finbling gefunben worben fein und von der Borke, in die man das Kind hüllte, den Namen erhalten haben. Eine späte Nachfahrin, Sidonie von Borck, hat man innerhalb der Mauern meines Heimatstädtchens als Hexe verbrannt. Immer mehr alte schöne Erinnerungen tauchen auf. Viel wäre zu erzählen von den Landstädtchen und ihrer Vergangenheit, von den Burgbergen in der Runde, vom Galgenberg und dem mutigen Mann, der zur Mitternacht am Galgen einen Nagel einschlagen wollte, aber seine Rockschöße anheftete, sich von dem Erhängten ergriffen glaubte und vor Furcht starb, von den Treibjagden und den Erntefesten mit dem Tanz auf dem Kornspeicher, von den winterlichen „Entdeckungsfahrten" mit ben ftunbenlana lick hingehenden mit Eis bedeckten Wiesen und von Der Klang bes Erzes war noch vor wenigen Jahren, vielleicht ist es auch noch heute so, in meinem Heimatstäbtchen bie schnellste Nachrichtenvermittlung. Wie oft schritt ein Mann burch bie Straßen, bimmelte mit einer Hanbglocke „bim bim! bim bim!" unb tünbete bas Neueste: „Frische Flunbern sinb auf bem Markt!" Unb wußte er auch manchmal Wich- er boch auch Gesetze unb amtliche Bekannt- Die Vögelein schweigen im Walb» Colour & Grey Control Chart 6 8 9 engeren Heimat, bes pommerschen Hinterlandes gedenken. Dort verstecken sich noch unbekannte Schönheiten, dort wohnt der „grobe Pommer und bebaut das Land, trotzig' und verschlossen. Tiefer Wald bedeckt den pommerschen Höhenrücken, dicht stehen die Buchen um bie Saljllofen Seen, Torfmoor unb Sumpf löst sich ab mit Kartoffel-, Korn-und Weizenacker. Immer meine ich den weithin hallenden Klang der Pflugschar zu hören, die an iroenbeinen Baum geheftet, von einem Schnitter geschlagen, früh ben Gutsarbeitern ben Tagesanfang tunbet, sie mittags zum Essen auffordert und abends, wenn auf bie Weibe schon der Tau fallt und bie Pferde mit benetzten Hufen heimtraben, wie em wehmütiges, unerlöstes Aveläuten klingt. Ihr Ton bringt burch ben verwachsenen Walb, barin ber See sich von einem schnappenden Hecht Zitternde Wellen zirkeln läßt; dieser Laut ist bei mir gewesen, wenn ich behutsam dem trockenen Pfad durch ben Sumpf nachspürte, ben Zwei 1 Unter uns eine uieue wiuiuc, uuuu uw u*“D spielte unb einem großen silberschuppigen Fische glich, sobalb seine Wasserfläche von den schimmernden Strahlen getroffen wurde; auf ber anberen Seite bes Tales bie bunkle Kuppe bes schwarzen Berges. Wir kannten alle längst seine Geheimnisse, achteten baher nicht auf feine ginsterbe- ftanbenen Hänge, bis ber Lehrer von ber Johannisnacht sprach, bie biefem sonnigen Tag folgen würde. Da horchten wir auf und ließen uns willig bie oft gehörten Mären von ber Waschfrau, bie bort auf bem busteren Hügel durch Aufhängen und Abnehmen der Wäsche das Wetter anzeigt, von dem Schloß, das auf ber Höhe geftanben habe unb in bie liefe sank als ber schwarze erlegte Bär über bie Zugbrücke getragen wurde, erzählen. Die Natur beschwingt die Worte des Erzählers, der leise Wind schien ihm Gedanken zuzutragen, denn immer reicher wurden seine Bilder immer farbiger malte er das Leben und den Reichtum des alten