SiehenerKmiilieubMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <934 ____________ Montag, den 3«. April____________________ Nummer 33 An den Mond. Von I. W. von Goethe. Füllest wieder Busch und Tal Still mit Ncbelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz,' Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Ueber mein Geschick. Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud und Schmerz In der Einsamkeit. Fließe, fließe, lieber Flutzl Nimmer werd ich froh, So verrauschte Scherz und Kutz, Und die Treue so. Ich besaß es doch einmal, Was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt! Rausche, Fluß, das Tal entlang, * Ohne Rast und Ruh, Rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu. Wenn du in der Winternacht Wütend überschwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst. Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält Und mit dem genießt. Was, von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht, Durch bas Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht. Oer Maler und der Totentanz. Von MaröStahl. > Zum Münster auf dem Berg führte der Weg zwischen den Mäuerchen der Weingärten empor. Der Maler Schongauer liebte diese gewundene Straße, an der Heiligenbilder standen; ein großer kniender Engel aus rotem Sandstein hatte es ihm besonders angetan. Er stand lange davor und freute sich der sanften Rote, 6te aus dem milden Stein strahlte und des versunkenen Ausdrucks des Engels, der mit zusammengelegten Händen zugleich in sich hinein und über das weite Land zu schauen schien. So fromm müßte man sein, — dachte der Maler und lüftete ehrfürchtig das Barett, ehe er weiterging. Mit einem trefen Seufzer dachte er der vergangenen wilden Nacht. Der Kaiserstühler Wein war schuld, es stieg so viel Glut aus diesem Wein, der auf vulkanischem Boden gewachsen war. Bevor er durch das Portal schritt, machte er 6tc Runde um das Münster. Der Rhein schien geradeswegs schäumend auf die Stadt Breisach zuzufließen. Grün wie Glas wogte er durch die Ebene, die zärtlich von den Bergen des Schwarzwaldes und den Höhen der Vogesen eingefaßt war. t , ... . Schongauer atmete tief auf. Was hatte er doch für eine herrliche Heimat! Gab es noch etwas Lieblicheres, als diese Ebene, diesen wunderbaren jungen Fluß? Er begriff auf einmal seine Sehnsucht nach Welschland nicht mehr. Es war unrecht von ihm, unzufrieden zu sein. Lange stand er da, andächtig und stumm, eine der schönsten Landschaften der Erde zu seinen Fußen, und fühlte sich eins mit dem Boden, dem er entsprossen war. Das Klappern eines Frauenschuhes weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Er drehte sich hastig um und sah Barbara auf sich zukommen. Alles Blut schoß ihm zum Herzen. Da kam also wieder Barbara, mit ihren rauschenden Kleidern, mit den merkwürdig fliehenden Augen, die nie einen Blick voll und ganz zurückgeben konnten, mit diesem lächelnden Mund, mit dem herrischen Kinn, eine Frau zum Fürchten, fand der Maler plötzlich. Die Erinnerung an den vorigen Abend fiel über tHn her, bre Trunkenheit, aus Liebe und Wein gemischt, Heimlichkeit und Sündhaftigkeit, diese Frau zu lieben, die einem anderen gehörte. Sie kam so nahe auf ihn zu, als wollte sie ihn küssen, er trat erschrocken einen Schritt zurück. Das Lächeln um ihren Mund vertiefte sich. Sie sprach kein Wort, sie stand nur stumm und ganz dicht vor ihm, wenig nur war ihr Kopf von seiner Brust entfernt. Sie stand ganz still und wartete auf das, was er tun würde. Schongauer räusperte sich, „Barbara," sagte e# es klang rauh, „Barbara, wir wollen uns nicht mehr sehen, hörst du, Barbara? Sie lächelte, als glaube sie ihm nicht. Etwas spöttisch und überlegen sah sie aus, seiner zu sehr gewiß. Schongauer stöhnte. Er sah über die Brustwehr hinab auf das wirrgebaute Städtchen, auf die Ebene, die noch unter dem zarten Dunst des Frühnebels lag. „Lebewohl, Barbara," sagte er plötzlich hastig, „vergiß mich!" Er wandte sich um, ohne sie anzusehen und lief fast davon. Sein blauer Mantel rauschte hinter ihm her wie eine Fahne. Der Wind fing sich darin und bauschte ihn, es war ein schönes Bild, das lichte Blau vor der hellen Weite der Landschaft. Es sah lustig aus, rote der Mantel im Morgenwind flatterte, fast als ob es zum Tanz ginge, und auf einmal fühlte Schongauer sich angepackt und hatte das Gefühl, irgend jemand hielte ihn fest und für einen Augenblick glaubte er den Druck einer Knochenhand zu spüren. Er schaute sich entsetzt um, er war allein, auch Barbara war fort, wie in die @röe gesunken, einen Zipfel ihres roten Kleides glaubte er noch um die Münsterecke wehen zu sehen. Bedrückt trat er in die feierliche Stille des Munsters, hängte den blauen Mantel sorgfältig an einen Haken und schlüpfte in den kalkigen Malerkittel. Während er ihn schloß, betrachtete er von unten her das große Wandgemälde, an dem er nun schon Wochen ohne sonderliche Lust arbeitete. Mit hängenden Armen schaute er die Figur der Gottesmutter, wie sie da im faltenreichen, roten Gewand thronte und das vorgeschobene Kinn, die unsteten Augen jagten ihm einen leisen Schauder durch die Glieder. Er kniete auf den Boden nieder, legte die Hände vor sich auf die Knie, und schaute seine eigene Arbeit an wie etwas Fremdes und längst Vergangenes. Es ging kein Segen von dem Lächeln dieser Maria aus, es war kühl und spöttisch, es war weder die Fröhlichkeit einer jungen glücklichen Mutter darin noch die weise Güte einer Frau, die viel erlitten hat und noch viel leiden wird. Es war das Lächeln einer Kurtisane. Schongauer erhob sich langsam, ging mit schweren Knien zu dem großen Bottich, der mit Kalk und Kreide gefüllt zwischen Pinseln und Leitern stand, füllte ein Schöpfgefäß mit der Tünche und stieg die Sprossen zu dem Gerüst empor. Mit schweren, breiten Pinselstrichen begann er die Gestalt der Maria zu übermalen, das wallende Gewand, die Arme, die bas heilige Kind hielten, den Rosenbaum, der über dem Haupt der Madonna strahlte, und dann das Gesicht selbsi. das spöttische, lächelnde, unfromme Gesicht, von dem so viel Verwirrung ausging und soviel Ungüte. , .L . , Es war eine riesige Wand, und der Maler arbeitete lange. Dte Sonne siel schräg durch die buntglühenden Fensterscheiben, ehe die Wand rein und weiß dalag, wie mit frischgefallenem Schnee bedeckt. Der kleine Malerbub, der vor einigen Stunden gekommen war, um dem Meister bei der Arbeit zu helfen, sah mit verstörten Augen dem emsig arbeitenden Mann zu und scheute sich, ein Wort an den Meister zu richten, der schweigend und entschlossen sein Verntch- tunaswerk beendigte. . „ Qr . Endlich seufzte Martin Schongauer tief auf, ließ den Arm, 6er stcjf von der Arbeit war, sinken und betrachtete die weiße, trostlose Fläche, die ihn wie ein Vorwurf anstarrte. Wortlos stieg er vom Gerüst, gab Pinlel und Eimer dem Jungen, legte den weißbespritzten Kittel fort und warf den ^^AiU dem Rundgang vor dem Münster atmete er tief die Abend- luft ein. Die Berge des Schwarzwaldes traten intensiv hervor, ganz fern funkelten die Gletscher der Alpen herüber und über den Vogesen ging die Sonne unter. Zwischen den violetten Bergen blinkte golden das letzte Licht herüber. Es war nichts mehr von der weihevollen Morgenfrühe zu spuren, das Gesicht des Städtchens hatte sich verändert, e» pulsierte von Leben. Die Essen rauchten überall, denn die Abendsuppe wurde gekocht, und in den Schenken wurde es lebendig. Die Leute gingen nach »em schweren Tagewerk zum Feierabend, zum Wem. Dre Mädchen standen an den Brunnen, die Schöpfräder kreischten, die Hunde bellten, die Kinder schrien und tobten, auf dem Rhein zog ein Schiff langsam stromabwärts und die Schiffer sangen laut und fröhlich. . __ i a. Dem Maler wurde unendlich wehmutig zu srnn. Sein Herz zog sich zusammen, wenn er an die leere weihe Wand im Münster dachte, an die vernichtete Maria und an den langen Traum, den er von Erfolg und Glück gehabt hatte. . Alles vergeht, — dachte er schmerzlich, alles strrbk. Er blickte von der Umwallung gerade auf Barbaras Haus. Die Güfichcn waren so schmal, dah die Katzen von einem Dach zum andern springen konnten. Lange sah er einer schneeweißen, kleinen Katze zu, die aus Barbaras Dach saß und sich zierlich putzte. Ich habe sie fortgeschickt, — dachte er traurig, und einen Augenblick empfand er so heftige Reue darüber, daß er am liebsten fortgestürzt wäre, um sie zu sehen, ihr zu sagen, daß er Unrecht gehabt habe, daß er sie liebe, sinnlos und ewig. . „ , Die Nacht brach langsam hetcin. Der Hohenzug de» Wasgen- waldes hing nur noch wie ein Vorhang am Horizont, der Nachtwind blies ihn erschauernd an. Und wieder fühlte er für einen Moment die Berührung einer knochigen Hand, kalt nnd hart, rote die des Todes. . o Und während er daran dachte, trat plotzltch dte Vtston eines grandiosen Bildes vor seine Augen: wie Papst und Kaiser, Ritter und Frau hinter dem Engel des Todes herschreiten müssen, wie sie sich sträuben und mit erschrockenen Augen auf den Unerbittlichen sehen und wie sie ihm allesamt folgen müssen, alle, alle. Schongauer atmete tief auf. Er belebte die weiße Wand mit seinen Gestalten, dem weißen Engel mit gelbem Heiligenschein, der verschlossen v»r sich hinsah. Seine Augen waren streng, das Kinn spitz, ... überlebensgroß und furchtbar sollte er sein, und er hielt den Papst an der Hand und den Kaiser mit der goldenen Kaiserkrone und zog sie hinter sich her und beide gingen mit demütigen Gesichtern dem Tod ergeben. , Der Maler sprang auf. Er wollte in das Münster stürzen, um die Arbeit zu beginnen. Aber eö war Nacht geworden. Er mußte bis zum Morgen warten. Er fetzte sich auf die Mauer, die steil hinunter in den Abgrund führte und sah auf die Häuser hinab, auch auf das Haus Barbaras, aus dem jetzt Licht guoll. Tief, tief ging es hinab zu dem Haus. Er erschauerte. Er sah sich stürzen, herabstürzen, mit flatternden Haaren und wehendem Mantel, kopfüber in die Tiefe, rote in den Höllenpfuhl. Und ein neues Bild zuckte durch fein Gehirn. Das würde das Bild auf der andern Wand werden, der Höllensturz der Verdammten, wie sie mit verkrampften Leibern in die Tiefe stürzten, nnauf- haltsam, und wie die Teufel über sie herfielen nnd mit glühendxn Zangen und schrecklichem Folterwerkzeug die Menschen grausam für ihre Sünden quälten. Aber auf der dritten Wand sollte Christus thronen, mtld rote ein Licht, sanft und freundlich. Engel sollten zu seinen Füßen sitzen und silberne Wolken um feine Schultern rochen. Er konnte es nicht erwarten. Er klopfte den Meßner heraus, der schon im Begriff war, zu Bett zu gehen, ließ sich eine Fackel reichen und war so eilig und aufgeregt, daß der verwunderte Mann alles herbeiholte und stumm daneben stand, wie der Maler auf das Gerüst stieg und mit einem Matz in der Hand die Größe der Figuren festfetzte und mit Strichen anmerkte. Endlich ging er mit einem Kopfschütteln. Schongauer stieg vom Gerüst herab. Er wickelte sich tn den Mantel und legte sich auf einer der Kirchenbänke zur Ruhe. Langsam glühte die Fackel aus Der Maler sah in die verglimmenden Funken und schaute mit brennenden Augen in die langsam her- anwoqende Finsternis. Ach, was bedeutete Leben, Liebe, Wein und Frauen. Alles war Vergänglichkeit. Wichtig allein war das Werk, wichtig war, daß es bestehen blieb, wichtig war, daß er, Schongauer, malte, ein kleiner irrender Mensch, der unter seiner Sünde litt. Jahrhundertelang sollte cs dastehen, das allein war wichtig. Und mit einem verlorenen Lächeln auf dem Gesicht schlief der Maler ein. Griechischer Trühlmg. Von unserem ständigen C. K.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Athen, Ende April 1934. Kälte und Frieren, das gibt es nicht nur in unserer lieben Heimat, das kann man noch viel besser und mehr im sonnigen Süden erleben! Wer einen Winter in Athen und' im schönen Griechenland verbrachte, der wird die erstaunliche Feststellung-gemacht haben, noch nirgends so wie gerade hier gefroren zu haben, so unwahrscheinlich das auch klingen mag. Sonne und Süden schützen nicht immer vor Kälte und Frost! Die Luft ist fo dünn, und die Winde wehen so scharf, daß sie selbst durch die dickste Kleidung dringen. Noch gehören die mollig durchwärmten Stuben zur Seltenheit, nur die Erbauer der neuen Häuser denken an die Tücken des Winters, nirgendwo kann man sich recht erwärmen. Und erst aus dem Lande! Selbst im Hochgebirge mit monatelangem Schnee kennen die meisten Häuser keine Kefen, man fitzt zähneklappernd und knieschlvtternd um den berühmten Mangal, das Feuerbecken, herum, das spärliche Wärme spendet, dafür mit ziemlicher Sicherheit aber Ucbelkeit und Kopfschmerzen verursacht. Kein Wunder, roenn man sich auch in Griechenland nach dem holden Frühling sehnt, ibn ebenso verlangend herbeiroünfchk wie bei uns. Und vielleicht hier noch virl mehr. Denn der Grieche liebt das Leben im Freien, er ist nicht so eng mit dem Haufe verbunden, nicht so aus das Heim angewiesen rote wir im Norden. Das Leben des Südens spielt sich mehr aus der Straße ab, auf der Plateia (Platze), vor dem Kaffeneion (Kaffeehaufe), hier kann man, von der belebenden Frühlingssonne.warm beschienen, stundenlang sitzen und träumen und es sich wohl ergehen lassen. _ Griechischer Frühling, welch ein Zauber verbirgt sich in diesen beiden Worten! Alles erscheint noch schöner, als es sonst schon tn Griechenland ist. Die düsteren Landschaften des Winters, in die weder die Menschen, noch ihr Wesen hincinpassen, die dem Ganzen eine dunkle, tragische Stimmung verleihen, haben sich in lachende, lichte Fluren verwandelt. Das duftet und summt über den Wiesen und Auen. Wie träumt es sich so süß, hier unter den rauschenden Zweigen des Jahrhunderte alten Oelbaumes zu liegen. Dte npaj wilde Sonne lugt durch das dunkle Grün seiner leise raschelnden Blätter, rings um den Träumenden ein prächtig gefärbter Blumenteppich, der fleißig von einem Heer von Bienen und Käfern besucht wird, während aus den Zweigen des knorrigen blühenden Baumes ein sanftes Summen erklingt, das auf einen ebenfalls geschäftigen Betrieb in der Höhe schließen läßt. Blühen und Blumen überall. Die im Wtndc fächelnde Palme schlägt neu aus, die neuen Blätter zwängen sich schüchtern ans ihrer Krone hervor, ein süßlich starker, weithin verspürbarer Duft kündet die Nähe von Orangen- und Zitronenhainen, rote frischer Schnee stehen ihre Blüten in den grünen Zweigen. Ans den Zt- tronenbäumen hängen noch zwischen den Blüten die schönen, vollen Früchte, goldgelb überflutet — aus der Ferne und von der Hohe gesehen, beherrscht so ein Zitronenhain die ganze Landschaft. Dazwischen das tiefe Dunkelrot der Juöasbäumc (bot. Circis) und das frische Gelb der Ginsterbrische; Pistazien- und Johannesbrot- bäunte mit ihrem saftigen Laubwerk vervollständigen das einfache, aber fo farbenprächtige Bild. Die immergrüne Zypresse zeigt einem Gottesfinger gleich majestätisch mit ihrem dunklen, fast fchwarzen Grün über alle anderen Bäume hinweg gegen den blauen Himmel, gibt der Landschaft das vollendete Bild des von uns Nordländern so gern erträumten sonnigen Siidens. Dazu die zackige griechische Küste, der weiße Meercssand oder der braune Fels, die sich wett hinaus in das unendliche Meer ziehen, aus dem hier und dort in iveiter Ferne, wie von einem leichten Schleier umgeben, die griechischen Inseln gleich schönen Wassernixen ragen. Weißer Milchschaum krönt die Wogen, und zu dem Dufte der blühenden Natur gesellt sich harmonisch das Rauschen der sich am Strande brechenden Wetten, das Knirschen der kleinen Kiesel, die an der Grenze von Wasser und Erde, von Meer und Festland auf und ab sich bewegen, bis sic vielleicht in Jahrmillionen einmal mit den Muscheln verwischt ein festes Gestein bilden, wie wir es beute in Olympia finden, wo jene göttlichen Ruinen durch Menschenhand aus Muschelkalk entstanden, der auf etwa acht Millionen Jiahre in unsere Erdgeschichte zurückweist. „ , t . tl , Wandert man durch die Gefilde, überall finden wir die beglückende Früblingsstimmnng. Das Getreide steht schon hoch, rote ein wogendes Meer bewegt der Wind die Halme durch die Felder, ihr Rauschen wetteifert mit dem, das herauf klingt von den Ufern der See. Man stelle sich ein grünes Feld vor, durch das der rote Mohn hindurchluat und beim leisen Winde das feurige Not plötzlich das Ucbergewicht über das saftige Grün gewinnt, so daß es sich aus- nimmt wie eine blutende Landschaft. Und das feine Empfinden der Volksseele ersann sich eine hochpoetische Auslegung dieses Ge- schcbniffes: Sind doch die Mohnblumen der ihre Tochter in allen Landen suchenden Demeter geweiht: es sind die blutigen Tränen dieser Göttin, die sie auf der schmerzvollen Suche nach dem ihr geraubten liebsten Wesen, nach ihrem Kinde, das im dunklen kalten Hades znriickbehalten wurde, vergoß. Aus jedem Tränentropfen ersprotz eine rote Mohnblume,' diese heiligen Muttertränen sind's, die aus den Federn äugen und von dem tiefverwnndeten, zerrissenen und liebenden Mntterherzen zeugen. Aus dem grünen Rasenteppich aber, stehen Millionen von weißen BliUcnköpfchen. Da packt es einen unwiderstehlich, wie den Fischer in Goethes Gedicht, da will man sich hineinroeifen in den unendlichen Wiesenteppich, mit den schneeweißen Blumensternen der Margueriten und den balsamisch duftenden Kamillen. Und liegt man dann unter ihnen am Boden, kann man mit der Hand liebevoll ihre Köpfchen streicheln, und wölbt sich über einem der griechische Himmel mit feinem intensiven Blau, dann sucht man das Land der Griechen nicht mehr mit der Seele, dann haben Herz und Gemüt es gefunden! Und während unter uns die schäumende Flut des Meeres rascht, um uns die wogenden Felder wispern, ragen wie Niesen die Berge in den Horizont: der Parnaß und die Kyllenc, in weiter Ferne der Olymp und der Kissavos sind tief in schneeiges Weiß gehüllt, noch biS tief in den Sommer hinein schmücken sich ihre himmelstürmenden Gipfel mit frischem Schnee. So ist ein Friihling in Griechenland für den Fremden ans dem Norden ein Ereignis, ein Geschenk wohlgesinnter Götter, eine für das ganze Leben unauslöschliche Erinnerung. Die harzduftenden Pinienwaldungen. der mit den braunen, von der Sonne gedörrten Nadeln bedeckte Boden, der eine eigenartige, woblige Wärme ans- strahlt, sind das charakteristische Zeichen der griechischen Landschaft. Fast von jedem Beraeshang, von jeder Waldlichtung hat man einen Blick auf das glitzernde Meer, das mit dem blauen Himmel und der im Jugendschmuck des Frühlings prangenden Erde um die Schönheitspalme ringt. Ein luftiges Gesumm und Gebrumm geht durch den Pinienwald: die Insekten, die in der warmen Sonne spielen und sich mitfreuen an dem überall wiedererwachenden Leben. In den Büschen und an den Mauern huscht lautlos die grün schillernde Smaragdeidechse dahin, sich immer mit ihrem Köpfchen und ihren klugen Augen sichernd vor Gefahren. Auch hört man oft ein Knacken am Boden liegender, verdorrter Zweige, cm leichtes Poltern unfreiwillig bewegten Gerölls, dann zieht da ein unbeholfenes harmloses Tier langsam und gemächlich seine Bahn. Als Hermes, der Gott, seinen schwerfälligen Gang sah, da brach er in cm herzliches Gelächter aus — das Tier wurde ihm heilig gesprochen —, es ist die uns allen bekannte und auch bei uns beliebte griechische ^"^Auch^in^Athen, in der Großstadt wird es Frühling, das Antlitz des Stadtmenschen ist freudiger gestimmt, seitdem es wieder beglückende Frühlingsluft atmet. Und wie die Schwalben aus weiten Fernen wieder zurückkehren zu ihren Nestern, so kehren im Frühling die Ozeanriesen zurück nach Phaleron oder dem Piräus, wunderte von Automobilen bringen die Reisenden zur Stadt m die Ruinen und Museen, und wenn auf der langen, schnurgeraden Syngrosallee, die nach Phaleron führt, Auto auf Auto herauf zur Stadt oder hinab zum Meere sich drängt, eines hinter dem anderen, dann kann man ganz beruhigt sein, dann ist die schöne Zeit wieder eingekehrt, dann ist der düstere Winter mit Regen und Kälte vorüber, dann ist wieder Frühling in Griechenland! Nun will ich etwas versuchen. Ich lagere mich so, daß der Rucksack im Bereich meiner rechten Hand ist und tue, als schliefe ich. Lange Zeit vernehme ich nichts, dann ein leises Knistern, der Hund schleicht sich wie ein Fuchs an. Nun ist es wieder still, gewiß will er sich überzeugen, ob ich wirklich schlafe. Jetzt knistert es wieder ganz nahe, Papier raschelt neben mir, eine Schnalle klirrt — blitzschnell werfe ich mich herum, ein Griff und ich habe den Hund beim Nacken. ' „ t, ,, Ich halte ihn so, daß er nicht beißen kann- Der Hund schreit voll Todesangst, sucht sich zu befreien, doch kommt er nicht los. Ich spreche ruhig auf ihn ein, streichle ihn, er sträubt sich noch immer, doch sein Heulen wird schwächer, geht m ein Winseln über. Wie ich ihn dann hinter den Ohren kraule, wird er ganz still, doch merke ich, daß er nur aus die Lockerung meines Griffes lauert, um zu entwischen. _ ... Ich nehme die Wurst und halte sie ihm vor. Er greift nicht danach, winselt nur ungeduldig. Bis ich ihm die Wurst zwischen die Zähne zwinge und langsam freigebe. Der Hund bleibt noch immer auf den Boden gedruckt liegen, nun merkt er, daß er nicht mehr gehalten wird, in der geduckten Haltung kriecht er weiter, richtet sich langsam auf und schleicht davon, wie noch immer von der Angst gebannt, von der Meinung befangen, wieder zurückgeholt und festgehalten zu werden. Doch der Hund verschwindet nicht im Gebüsch. Er schleich unschlüssig am Waldrand entlang, als wiffe er nicht, wohin er sich wenden soll, als sei ihm jede Orientierung verlorengegangen. Nun bleibt er auch eine Weile sitzen, schaut zu mir herunter, bellt am klagend ans, setzt seinen Kreis wieder fort, als suche er noch immer nach einem Weg, den er nicht finden kann. t Der Hund ist verwirrt. Es ist, als wäre ihm ferne bisherige Weltanschauung genommen, als wären ihm all seine Erfahrungen mit den Menschen umgestürzt, habe er durch mein Streicheln, mein Füttern etwas Neues kennen gelernt, das so gewaltig auf ihn einwirkt, daß er es noch immer nicht erfassen kann. Ich erhebe mich, um meinen Weg fortzusetzen. Ob mir der Hund folgen wird? Nein, er bleibt wieder sitzen, als habe er sich noch immer nicht zurechtgefunden, als sei es ihm noch immer ungewiß, was ich für ein Wesen bin, das ihn m der Gewalt hatte und doch nicht schlug, ihm sogar noch Gutes tat. So lasse ich den Hund auf der Wiese zurück. Nach einer halben Stunde komme ich zum ersten Dorf im Tale. An seinem Rande liegt eine Siedelung von Zigeunerzelten. Schon blicken mir Erwachsene und Kinder mißtrauisch nach, bellen mich einige Hunde an. Und unter diesen auch der Hund von der Waldwiesc, den ich fütterte, den ich streichelte. Aber er scheint mich nicht mehr zu kennen, gleich den anderen Kötern klafft er mir nach, der Hund hat sich wiedergefundcn, er hält wieder an seinen bisherigen Erfahrungen fest, ich bin ihm der Andervrassige, der Feind, mit dem er nichts gemein haben will, den er abwehrt, um ihm die trennende Linie zwischen sich und mir zu beweisen. Jene ficuüilti^c öle oitcf) feine Herren, öie Welnöerzigeuner, stolz und zufrieden mit ihrer Welt sein läßt. Oie Schufterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung., (Nachdruck verboten.) Gust aber legte Wert darauf, seinem Freunde die Hand zu geben. Herzlich streckte er sie dem Lesenden entgegen. Willem sah die wartende Rechte sehr wohl. Aber er nahm die seine nicht von der Zeitung fort. Er nickte nur und sagte: „Bün gliek farrig. Sett di man." Der Abgewiesene beschloß, sich nicht an den schlechten Manieren des Jugendfreundes, der nicht wie er rn der Welt herum- gekommen war, zu ärgern. Er nahm auf dem Stuhl am Fenster Platz und begann von dem Schneetreiben draußen zu sprechen. So groß und dicht seien die Flocken auf dem Herweg gewesen, daß er keine zwei Schritt weit hätte sehen können. „Stör mi nich bi't läsen!" rief Willem ärgerlich vom Ofen zum Fenster hinüber. Wenig^^Mnuten später kam die Frau des Maurerpoliers in die Stube. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schalt ihren Mann: Wie er die Zeitung weiterlesen könne wenn Besuch da sei? Und noch dazu nut den Fußen am Ofen! Ob er sich denn gar nicht schäme? „Vor den'n dor? Nee!" entschied Willem. , Ja, er sei, im Gegensatz zu seinem Freund, immer em Flegel gewesen und werde es bis zu seinem letzten Puster bleiben! keifte die Frau. Deswegen wohnten sie auch in den Baracken und würden bis zu ihrem Lebensende in den Baracken wohnen müssen. Denn ohne gebildete Benehmigungkäm man heut nicht durch die Welt. Das sehe man deutlich an Micheelsen. Der halt lange Jahre auf der Hohen Straße gewohnt. Und jetzt sei er sogar ... „Häringsbaron!" warf Willem dazwischen. „ ... sogar Rentier, wohin sie es niemals bringen wurden. Gust begann mit der Frau des Maurerpoliers, damit die eheliche Auseinandersetzung sich nicht auswüchse, em Gespräch über ^"L^ehrfack)"rief Willem, ohne von seiner Zeitung aufzusehen: Dann dämpften die Besitzerin des Hauses und der zu Besuch ^^Als^ WUlem^endlich ^seine Zeitung ausgelesen batte, faltete er sic sorgfältig zusammen. Nun erst nahm er seine Fuße vom Ofen xmö zog die Holzpantoffel an. Mit lautem Geklapper schlurfte er Oer Zjgeunerhund. Von Otto Alscher. Die Ahornbäumc, oberhalb der Quelle, geben nur ein kleines Fleckchen Schatten. Die abfallende Wiese flimmert vor Sonne, darüber hinaus aber Täler, Wald, in die Tiefe steigende Bergrücken und ferne Felder an Hängen mit kleinen Blockhütten. Ich esse und lausche in das mittagsstille Land. Von unten kommt der tiefe volle Klang von Herdenglocken, nun Stimmen links, dann tauchen sie auf, eine Reihe holztragender Stflcuner, Weiber und Burschen, gebückt unter der Last Fallholz. Es sind nicht die ansässigen Dorfzigeuner, sondern wandernde Zeltzigeuner, an den Silbermünzen in den Haaren, den bunten Kiewern der Weiber erkennbar. Sie blicken herauf, sehen mich, grüßen aber nicht, sic sind ja niemanden untertan, ihr freies, ungebundenes Wandern läßt sie die Seßhaften verachten und gibt ihrer freiwilligen Verfehmung Stolz und Abweisung. r . Hinter den Zigeunern schleicht einer ihrer Hunde nach. Ein magerer, langbeiniger Köter, das weiße Fell struppig und ^Zigeuner verschwinden rechts den Weg weiter in dem Wald. Der Hund aber hat einen Augenblick angehalten, nur zögernd schleicht er weiter, wittert gierig herauf, nun halt er wieder, dann, statt seinen Besitzern zu folgen, wendet er sich oberhalb des Weges ins Gebüsch. , , „ t , Sogleich weiß ich, was der Hund vorhat. Und richtig, nach einer Weile höre ich über mir cm leichtes Rascheln, dort, tm Gebüschrand steht der Hund und lugt herüber. Ich rühre mich nicht. Dann merke ich, daß der Hund bis zu den Ahornbäumen herangeschlichen ist, wo er hinter lauert. Obwohl er sehr hungrig fern mag, wagt er es doch Nicht, ist, ausnehmend, schleudere ich diesen bis in die Nähe de» Tieres. Mit erschrecktem Knurren fährt der Hund davon, doch macht er eine Schwenkung, erfaßt den Knochen und verschwindet damit im Erdauert nicht lange, so ist der Hund wieder da. Nun ist er etwas mutiger geworden, versteckt sich nicht mehr, umkreist mich von weitem, sobald ich aber eine Bewegung mache, halt er miß- ^"^cki^nehme einen der Knochen, zeige ihn dem Hunde und pseife. (V-r hneft sich zu raschem Sprung und Zugreifen bereit, wedelt nicht, bleibt weiter fremd und wartet nur. Ich werfe den Knochen ^E r st is'ich mick/wieder abwende, schleicht der Hund hin, nimmt ^^"O^"s^"de"r"^Hund" sorveÄ^heranivagen"Mrd^um sich die in meiner Nähe liegenden Mahlzeitrestc zu holen? Ich zünde mrr eine Vfeife an und warte ruhig: der Sucher.meiner -ramm» kamera ermöglicht es zu sehen, was hrnter mir vorgeht, ohne, &af®c? Ä^ftroSe" da. Vorsichtig pürscht er sich näher immer ÄuÄÄ Ä Lm nnd Ä Ä Schon SWWZSW verboten zu be- ■■«kSk a**6”"" Mer den sanbbestreutrn Fußboden zur Tür. Dort legte er die Zeitung in die holzgeschnitzte Zeitungsmappe, durchquerte das Zimmer und setzte sich auf das Sofa. Sofort wieder aufstehn! befahl die Frau, die erst jetzt inne wurde, daß Gust am Fenster auf dem Stuhl vor ihrer Nähmaschine saß. Aufs Sofa gehöre der Besuch! ,^harr hei sick jo dorhenn selten künnt, gab Willem sitzenbleibend zur Antwort. Sie wär allerdings mancherlei an ihm gewohnt, zeterte 6te Maurerpolierin, aber solche Flegelei sei ihr doch lange nicht vorgekommen. Im Augenblick stehe er auf und räume Gust — vielmals Entschuldigung! — räume Herrn Rentier Micheelsen den Platz. Aufstchn, oder sie verlasse eilenden Fußes das Zimmer! „Maak, da du ruutkümmst", entschied Willem. Hochroten Kopfes verließ die Maurerpolierin das Zimmer. Als die beiden Jugendfreunde allein waren, begann Gust wieder von dem Schneetreiben draußen zu sprechen. „Snack feen dumm Tilg!" fiel Willem ihm in die Rede. Was er damit sagen wolle? verlangte der Zurechtgewiesene zu wissen. Einfach, lautete die Antwort des Unbeirrbaren. Wenn er bei einem Bau auf dem Gerüst stehe, sei der Schnee, der im März zu spät oder im Oktober zu früh komme, für ihn die wichtigste Sache von der Welt. Jetzt im Januar, wo sie Schicht gemacht hätten und er in der Stube auf dem Sofa sitze, dürfe es draußen schneien, soviel es wolle. Er wisse nicht, was ihm gleichgültiger sei. Aber deswegen könne man doch mit einigen Watten von dem Wetter reden. Zumal wenn es so ungweöhnlich stark schneie wie heute abend. llm vom Wetter mit him zu schnacken, sei Gust sicher nicht in die Baracken gekommen, behauptete Willem. Das klinge beinah, suchte der Bedrängte auszuweichen, als ob er wisse, weswegen er das ein. Wenn der Has tm Frühling durch den Zaun in seinen Garten krieche, dann wisse er: Salat will der Spitzbub haben. Wenn der Has aber im Herbst seinem Garten von neuem einen Besuch mache, nachdem er sich den ganzen Sommer nicht darum gekümmert habe, dann wisse er: Kohlköpfe in Gefahr! Er brauche also kein gelehrter Professor zu sein, um mit der Brille zu entdecken, was dieser Abenöbesuch auf sich habe. Es hätte allerdings mit seinem Besuch eine besondere Bewandtnis, mutzte Gust zugestehen. „Ruut mit’n Lad stock!" kommandierte Willem. In drei Wochen sei bekanntlich Bürgerausschußwahl — „Wat heww ick seggt: Kohlköpp söcht bei Haas! triumphierte der Maurerpolier und lachte aus vollem Halse. Als das Gelächter Willems sich gelegt hatte, eröffnete Gust seinem Jugendaenosien: Nur sie beide kämen als Sieger bei der Bürgerausschutzwahl in Frage. Der dritte Kandidat werde kein halbes Dutzend Stimmen erhalten. Aber wenn seine eignen Aussichten auch viel größer wären als die Aussichten Willems — auf 220 zu 120 werde das Stimmenverhältnis allgemein geschätzt —, ob sie wirklich der Stadt das Schauspiel eines Kampfes zwischen zwei alten Freunden geben wollten? Nein! Nicht wahr? Also liege es auf der Hand, baß einer von ihnen freiwillig zurücktreten müsse. „Ganz müt Meenung", pflichtete Willem seinem Besucher bei. Es freue ihn, fuhr Gust fort, daß sie über diese grundsätzliche Frage derselben Meinung seien. Im übrigen bedeute das diesjährige Zurücktreten ja keinen endgültigen Verzicht. Wenn er erst einmal im Bürgerausschuß drin sei, werde er alles daran setzen, daß nächstes Jähr der beste seiner Freunde, baß fein einziger Freund hineinkomme. „Umgekehrt: Ick warr dorvor sorgn, bat du anner Johr rin- klimmst!" belehrte Willem seinen Jugendfreund. „Wieso?" fragte Gust, der nicht sogleich begriff. „Du häst mi doch äbn seggt, bat du vezichten wißt!" Gust bedeutete seinem Widersacher, daß er sich in einem entscheidenden Irrtum befinde. Gust bat, verlangte, forderte: Verzichten. Gust ließ durchblicken, daß es ihm auf eine Entschädigung — keineswegs jetzt, auch nicht gleich nach der Wahl, sondern wenn die Sache vergessen sei — nicht ankommen solle. Willem blieb bei seinem: „Giwwt nich!" Willem war allen Gründen unzugänglich. Willem erwies sich für jede Form des Bittens taub. Willem ließ sich auch durch das Angebot der Entschädigung nicht verlocken. Als Gust ihm versicherte, daß infolge seiner angesehenen Stellung in der Stadt jede Gegenkandidatur aussichtslos sei, wieviel mehr die Kandidatur eines Barackenmannes, antwortete Willem: „Wenn öu din Saak sicher büst, wat hett di hierherdräwn?" Da ging Gust zum Angriff über: Der Freund wolle also den Kampf vor aller Welt?" „Wenn du nich vezichst, mtttt rot uns rooll bi bei Ohren kriegn!" lachte Willem. Schön, falls er es nicht anders wolle, könne er den Kampf haben. Aber dann auch den Kampf in der allerschärfsten Form! Wenn es dabei Wunden gebe, so habe er es sich selber zuzuschreiben. „Man tau!" sagte Willem. Also, holte Gust aus, nach ben geltenden städtischen Gesetzen dürften nur unbescholtene, selbständige Bürger in den Bttrger- ansschutz gewählt werben. Ein Maurer aber wäre kein selbständiger Handwerker. Maurerpolier sei er, nicht Maurer! parierte Willem. „Auch ein Maurerpolier ist kein Meister, sondern ein in fremdem Arbeitsdiensten Stehender, der seine Entlohnung zu derselben Zeit und in derselben Form erhält wie der Straßenkehrer, den niemand für den Bürgerausschuß aufstellen wird." Die Beamten kriegten ihr Geld genau wie er in regelmäßigen Abständen, verteidigte der Maurerpolier sich, und es seien schon zwei von ihnen in den Bürgerausfchutz gewählt. „Alle Monat erhalten sie ihr Geld, nicht wie du jede Woche. Niemand darf sie kündigen, was öir Samstag für Samstag passieren kann. Nicht ein einziger in Lohndiensten Stehender befindet sich im Bürgerausschuß." Dann sei er der erste, meinte Willem treuherzig. „Das werde ich nicht dulden!" schrie Gust. Was er dagegen machen wolle? „Die alten Gesetze sind nicht aufgehoben, also haben sie Gültigkeit. Nach dem Stäbtrecht von 1823 darf nur ein freier Bürger in den Bürgerausschuß gewählt werden, nicht aber jemand, der bei einem Bürger der Stabt in bezahlten Diensten steht. Wenn öu dieses Jahr verzichtest, will ich nächstes Jahr ein Auge zuürücken, und wo kein Kläger ist, da ist bekanntlich auch kein Richter. Wenn du aber nicht verzichtest, dann werde ich das Ministerium durch einen eingeschriebenen Brief auf die Uebertretung der noch geltenden Stadtverordnung Hinweisen, und das Ministerium wirb entweder deine Aufstellung vor der Wahl untersagen oder, falls der Beschluß so schnell nicht herauskommt und du gegen alle Erwartung gewählt werden solltest, hinterher die Wahl für ungültig erklären." „Wenn du ben'n Angäwer speelst, kriegst bu't mit mi tau daun!" kam Willem nun doch auf seinem Sofa hoch. „Du hast den Kampf gewollt!" versicherte Gust. „Ich habe dir vorher gesagt, daß es hart auf hart gehen würde." „Kannst du eegentlich feett Plattdütsch mähr?" wollte der aufgebrachte Maurerpolier Wilhelm Drebitz von seinem in den Baracken Haus an Haus mit ihm ausgewachsenen Jugendgespielen misten. Das sei ein neuer Grund gegen Willems Kandidatur, trumpfte Gust. Er selber könne allerdings Plattdeutsch und Hochdeutsch. Aber Willem bringe keinen einzigen Satz aus richtigem Hochdeutsch zusammen. Was er mit seinem Plattdeutsch im Bürgerausschuß wolle? Der Bürgermeister und die beiden Senatoren würden ihn auslachen, wenn er zum erstenmal seinen Mund ausmache. „Tau'n Räden is bei Worthöller bor", erklärte Willem, „un bin'n Awwstimmen isst min Hand nich antauseihn, öb ick nein oder nee segg. Dat Ja is sowieso up Plattdütsch und Hochöütsch gliek." Stundenlang rang Gust mit seinem Freund Willem um den Verzicht auf die Kandidatur zum Bürgerausschuß. Immer ausschweifender, ungehemmter, heftiger wurden die Worte des Stent« ners aus der Ackerstraße. Immer kürzer, kantiger, knuffiger kamen die Erwiderungen des Maurerpoliers vom Sofa her. Wie zwei Jungen, von denen der eine seinen Gegner wahllos mit Sand, mit Schlamm, mit Dreck bewirft, der andere nur selten mit der Rechten zu Boden langt, dann nach einem Knüppel, einem Kiesel, ja schließlich nach einem Stein sucht und zielt, ehe er zn- wirft, rangen die beiden Männer um den Sitz im Bürgerausschuß. Als es Mitternacht schlug, waren aus den langjährigen Jugendfreunden zwei Todfeinde geworden. Ohne Willem die Hand zu geben, ohne ihm auch nur einen Gruß zuzurufen, verließ Gust das Haus in den Baracken, wo er nicht nur kein Verständnis für seine friedlichen Absichten gefunden hatte, sondern angegriffen und verdächtigt, beschimpft und besudelt worden war. Voll Wut über die Dummheit und Verbohrtheit des Zurückgebliebenen, der es nicht bester verdient hatte, als daß er noch immer um Tagelohn in fremden Diensten stand, warf er die Flurtür mit einem Knall hinter sich zu. „Watt hewwt ji anternanner haft?" schoß eine Minute später, von dem Knall aufgeweckt, die Manrerpoliersfräu, angetan mit Nachtjacke und Nachtmütze, ins Zimmer. „Nix, wat Fruugslüüd angeiht!" antwortete Willem. „Wedder Politiik?" kreischte die Nbgewiesene. „Scheer di inst Bett!" besah! der Maurerpolier. Die Angeschriene wußte, daß es gegen dieses Kommando keine Auflehnung gab, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollte» daß der Mann auf dem Sofa, der ihr augetrauter Manu war, sich im nächsten Augenblick zur Erde bückte, seinen Holzpantoffel ergriff und in die Richtung warf, wo sie staub. Sie sagte also kein Wort mehr, nicht einmal: „Good Nacht!" oder gar: „Kümmst du ook bald?" Als ob nicht sie, sondern ihr Geist im Zimmer gewesen wäre, verschwand sie so leise wie nur möglich hinter der Tür zur Schlafstube. Eine Weile blieb Willem brütend auf dem Sofa sitzen, bann schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Kuppel der Petroleumlampe klirrte, sagte: „Nu grad, Gust!", stand auf, ging in die Kammer und kroch zu seiner schlafenden Frau inS Bett. Als Gust durch das Schneegestöber, das nun in der Tat so dicht geworden war, daß er kaum noch feine armlang vom Leib fort- gehaltene Hand hätte sehen können, aus den Baracken zu der Äckerstraße feinen Weg gefunden, sich durch Trampeln, Armschlenkern, Klopfen gesäubert und in das Schlafzimmer des ersten Stocks begeben hatte, lag Rikelchen, seiner wartend, noch wach tm Bett. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. flut", 8, 6 gut!« ?u UNI i- w • »Re«, , °hne |s ^«besitz Ett ä« fei .?e es t Mts' L »ich! W°rt ni! ei«e Ki, °r. fei,! Nummer 26 Freitag, den 6. April Jahrgang MH GiehenerKimilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger __ o U f A-nSf rtWAi* _ Colour & Grey Control Chart konnte - oerfad« ft du « c in d« ter Hm den, red der di weites m Tag! t wo | »Ute G Magenta Black nachuiU Jtter ft. is «nch llkens a. Frische Fahrt. Von Joseph Freiherr von Eichendorfs. 19 20 21 iieröauK tsohn an; die Z«! i mit H > Set» 14 15 16 17 18 siehst i inab, $1 t. Rest Angst ii Ken!" Wt“ en Bei, nab, N soll Nil mer Mi ist-' Zugzeit, die müden Wanderer. Die „Waldhexe" geht dahin, wohin schon so vieles gegangen — so Schönes, Sie geht dahin, wohin Märchen und Sagen gingen, Singen und Klingen und der gute Geist der Menschheit, dahin, wo bas Schöne und Edle hinqeht, um wiederzukehren, wenn in den Tagen die Götterdämmerung, die neue Gutendämmerung anbricht ... Mählich sinkt die Sonne — goldroter Schein zittert auf den Spitzen der Fichten und Föhren, brennt in den Wipfeln borstiger Erlen und läßt die weiße Rinde schlanker Birken glühen. Brauner Schein ist im Filigran der schwankenden Zweige — ein erster Frühlingshauch. Am Westhimmel ziehen langsam violette Wolken, gelb gerandet und geheimnisvoll leuchtend,- die Lämmerwölkchen färben sich rosig, neben dem feurigen Vlutschetn im Abend, unter den das Licht des Tages sank, flimmert rot der Schnepfenstern. Enten streichen zischenden Fluges herüber, guakend jagen sich eifersüchtige Erpel, die Singdrossel flötet von der höchsten Spitze der Fichte, irgendwo meckert eine Bekassine. Schwankender, eilender Schatten im rötlichen Licht — unter der bläulichen Wolke, dann im Gewirr der Birken und Erlen — Pi« KeikerüuMvfer Laut — ein feines Pfeifen und Bisten... Auf Gchnepfenstrrch im Avawsruyi Erzählung von Egon v o n K a p h e r r. Der wilde West hatte das Eis des Waldsees-gebrochen und zusamntengetrieben am Schtlfufer. Doch knickte das gelbe Rohr^ kleine durchlöcherte Scholle» klimperten gegeneinander, lösten sich auf, sanken unter. Im Schilf aber plätscherten Hechte — breite, grünschwarze Rücken tauchten auf, Flossenschwänze schlugen, Wasser rauschte. Eines Tages jedoch war alles still, und der See lag da, als wär's im trägen Mittag heißen Sommertages — spiegelblank und ruhig. Nur ein paar Enten schwammen weit draußen aus dem glatten Spiegel, nordische Wanderer, die hier rastetxn. Sonnenschein lag freundlich über See und Wald, und am lichtblauen Himmel zogen kleine, rundliche Schäfchenwolken. Als der Jäger in den Wald zieht, kann er sich freuen: In den kleinen Schonungen sonnen sich Rehe, Hasen hoppeln hintereinander her, vor ihren Bauen wischen die niedlichen, nichtsnutzigen kleinen Kaninchen hin und her, Spechte trommeln, als wär's schon nach Ostern, und hier und da pfeift eure Drossel, zwitschert ein Meisenpaar. In der klaren, sonnigen Luft kreisen Bussarde und lassen ihren miauenden Pfiff hören, schwingen sich mit wuchtigen Flügelschlägen auf, schwenken im Bogen, überschlagen sich abwärts im Spiel, ein paar Häher assen den Bussard- pfiff nach und kreischen empört, als der Jäger vorttberptrscht, eine Elster schäckert aufgeregt, und der starke Rehbock, der gerade aus der Dickung wollte, um allmählich den Wintersaaten der Bauern -LUELleben. prallt erschreckt zurück und verschwindet schimpfend im L>ang, schmunzelt vergnügt, als er den Schrei ziehender Kraniche über sich hört, und sieht einer Waldmaus zu, die emsig im Dürrlaube raschelt und nach irgend etwas sucht. Dann kommt er auf die große Wiese, ärgert sich ein wenig oanes/X t, die der Moll, der sammetpelzige Wühler, r enkt, es werde wohl ein übles Ernten mit c werden, wenn die Heuzeit da und der : Leben. Der Jäger geht über die große nen Trittwege, den schon in uralter Zeit die Holzhauer, und der zum Dorfe hinter t und weiter zum Lanöstäötchen mit dem « aus Fachwerk und dem kleinen, schiefen n Bimmelglocken, die schon zur Feuersnot Walösteiner Stralsund belagerte und Tor- -öen plündernd durch Ländchen Pommern ß modert im Grabe oder ist gar schon ver- d Staub, der hier geschritten in alter und olfen, den Pfad immer tiefer und tiefer in esc, in den Sand der Heide zu drücken,- so nicht mehr in Freud' und Leid, das hier Jite Amsel sang und die frohe Singdrossel, ._„erte und fauchte, die Enten reihten und die Schnepfe zog. Die Schnepfe — der geheimnisvolle Vogel mit dem „langen Gesicht", die „Waldhexe", um die sich so manche Frühlingssage spinnt, manch schönes Märlein... Sie waren einst zu vielen, sehr vielen hier im deutschen Lande, die Vögel mit den langen Stechschnäbeln, mit denen sie die Würmer aus alten Kuhfladen holen, aus sumpfigem Boden. Bis südländische Buben Netze zu Tausenden stellten, sie wegfingen zur Cyan Grey 1 Green Grey 2 Blue White Yellow Grey 3 Red Grey 4 gar keim hi häti^ lidje? et ivci’N pater M wort, i'1 men, w'1 @ie6«r* 6 8 L 9 lllllllllll11111111111111111111111111111111111111111111111111111 bezogenesGehörn ihn schützen vor Nachstellungen geretyrer tytrgvv. Gut hatte er auf, der Bursche — fast vereckt war das Bastgehorn schon, und wenn es auch „prahlte", wie der Jäger sagt, verriet es doch, daß der Bock durch den Winter kam und etn kapitales Gehörn zur Jagdzeit haben würde. Das Rehwild kam überhaupt aut durch den Winter. , ,, ,, Ueber all das freut sich der Heger, und-das Pfeifchen schmeckt ihm doppelt gut, wenn er daran denkt, wie sich der schwache Wild- bestand gemehrt hat unter Hege und Schutz. Er sitzt auf den alten Baumstumpf nieder und sinnt vor sich hin, träumerisch alter Zeiten gedenkend. Spielend umkreisen ihn tanzende Fruhlingsmucken, harmlose, stachellose Tierchen. ,r., Als aber der Jäger mit Schauen, Sinnen und Rauchen endlich fertig geworden ist, steht das Licht schon tief hinter den alten Heideföhren. Da pfeift der Mann seinem Hunde, schultert den Drilling und geht eilig weiter. Er kommt durch den Buchenhorst, an Fichtenstangen vorüber, er überquert einen grogen Hau, steht gerade noch, wie ein paar Stück Rotwild im jungen Kiefernholz verschwinden, bewundert im Vorüberschreiten die weißen Anemonensterne im Laubholz und die kleinen blauen Leberblümchen am e fr £ Z 11111111H h 1111111111 h h 1111111111 Ii 11111111 h 11111111 Ii1111111111 unten." Zornig 'kämpfen die Schnepfenhähne um trgenoein Weto- chen, das tief unten im Laube harrt. — Als der Jäger heimgeht, fällt ihm erst em, — daß er doch eigentlich eine Schnepfe schießen wollte. O süßes Nichtstun. Von.Theodor Strom. O süßes Nichtstun, an der Liebsten Seite Zu ruhen auf des Bergs besonnter Kuppe,' Bald abwärts zu des Städtchens Häusergruppe Den Blick zu senden, bald in ferne Weite! O süßes Nichtstun, lieblich so gebannt Zu atmen in den neubefreiten Düften,' Sich locken lassen von den Frühlingslüften, Hinabzuziehn in das beglänzte Land,- Rückkehren dann aus aller Wunder-Ferne In deiner Augen heimatliche Sterne.