!6 bet Wut Ölebicj fit bit nbetis intens Sau. >uch«u Sölttr - Äb. n Den uni at got l>, bes Ma«, gl alt al gt. ! XIII, tfabril laniaf ■spfdji ie ein. MehenerZMilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang 193^ Montag, den 29. Oktober Nummer 84 ßbas Stals 6and / ROMAN VON FRANK F. BRAUN MM (Fortsetzung.) auf", ganz sdjroif ' Gifte, ijroanli chlichii Man«, ürbe je fleiiigi 'otiftei Eberl eitpuntt ter btt ie 2Iuf‘ 2e|h a, N e M Sätet sein könnte!" Zurrhelm zuckte die Achseln. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Be- »chtig schob er einige Briese weg und zog das gerahmte Bild Barba- Ls, das dort stand, sich näher. Er sah sie an, lange und eindringlich, ks war, als halte er eine letzte Zwiesprache mit der Geflohenen Sein Besicht blieb beherrscht. Es war zuviel auf ihn eingestürmt in dieser 5ad)t; nun waren die Nerven gelähmt. Seine Lippen bewegten sich tnb seine Hände strichen über den Rahmen des Bildes. Da begriff Assessor Luzius, daß er hier überflüssig war. Er schritt zur Siir, sagte: „Gute Nacht, Zurrhelm", und wartete die Antwort nicht ab. Sam eine Antwort? Zurrhelm saß und sah das vertraute Bild an und labal. o roiri Xabat ieweit, cheine« e 8e«. >l niete mürbe, Dorigei Ernftes Ion io nur im >. 3al)n Zurrhelm schüttelte den Kopf. „Vater Berlebach macht nicht :gte er. „Ich weiß es ganz bestimmt. Er ist ein alter Mann und dein im Hause. Er macht nachts nicht auf. Es find zu viele Ketten, 6 V eile "j njmW iir * n"51 ( ror sehr fern. Wie ein sorgsamer Hausvater schloß Luzius alle Türen hinter sich. Sann trat er hinaus, schritt die Treppe hinab, kam auf die Straße; er (teilte den Kragen hoch und schritt rasch davon. . Der Regen war stärker geworden. Ein Rauschen war in der Luft, luzius dachte: Der Himmel verwischt die letzten Spuren im Garten des tunfuls. Wir werden morgen früh keine Fußtapfen mehr in der Erde tuden. Der Mann, der dort stand und den Schmuck in das offene Schlaf- ftnmer warf, hat wirklich Glück. Wie lange schon? Wie lange noch? Inb dann dachte er noch einmal an Reginald Zurrhelm, der dort oben im Zimmer saß und Abschied nahm. Es war besser so, Barbara hatte lcht. Sie vergriff sich nur in der Form. Sie zerbrach diese Ehe mutig, c keine Schwierigkeiten bereiten werde. Du warst ein fremdes ! eftigftit mte. 3« hseuchl' :als btt ofopf)i( MI schM in bunt e Stielt " Wer lalob l; ti tönig’ in btt s je g*1 ipW aiiiW loer btt glM ti*1 jftetlÄ , VL ! ult 1® denn t> iiege! und Sicherungen, wissen Sie. Aber kommen Sie gleich morgen lüh. Versprechen Sie es mir! Ich will, daß auch der leiseste Verdacht an mir genommen ist." „Fangen Sie doch nicht wieder davon an. Sie beschämen mich. Ich :mme morgen früh und hole Sie ab. Gemeinschaftlich wollen wir den torschen ausfindig machen. Ich muß Ihnen sagen, ich tappe jetzt völlig n Finstern. Ich habe nicht einmal mehr eine Mutmaßung, wer der Haftes Glück in meinem Leben. Ich habe dich nicht zu halten vermocht. Das schmerzt bitter. Aber ich kenne dich, du warst nie leichtfertig. Dein Entschluß wird dir Kämpfe gekostet haben, und ich respektiere deine Entscheidung, auch da sie gegen mich ausfiel." Er schob den Bries zurück. Wie kalt, wie sachlich machte sich das auf dem Papier, und hatte Herzblut gekostet Das Bild stand noch da, er sah in Barbaras Augen. Sie waren selbst auf dieser Photographie dunkel und unergründlich. „Ich habe dich nie besessen, Barbara, aber erfahren habe ich das erst heute", sprach er für sich. Er nahm den Federhalter wieder auf und zog den Brief nochmals heran. Bedächtig setzte er die letzte Zeile hinzu und schrieb seinen Namen. Dann machte er sich an die Adresse. Wohin? Wo war Barbara? Er zögerte nicht. Wo Jan Strombeck weilte, würden auch Barbara und das Kind sein. Als er zu dem großen B ansetzte, wußte er mit ahnender Gewißheit, daß er zum letzten Male den Namen Barbara mit dem seinen verband. Er stand auf. An der Erde lag noch das Bündel Scheine. Er schob es mit dem Fuß beiseite, dann hob er es auf. „Unsinn", murmelte er halblaut, faltete bas Selb unb steckte es zu sich, „was gehen mich bes Hollänbers Grünbe an. Ich habe ihm ein Bilb verkauft. Damit genug!" Die Zigarettenfchachtel war leer, bie Aschenschale über ben Ranb gehäuft voll; aber als er sich in ben letzten Sessel hinter den kleinen Rauchtisch setzte, fand er eine übersehene Zigarre. Die zündete er an. Er spürte keine Müdigkeit; er würde aufbleiben, bis Luzius kam. Das mochte ja nun wohl bald geschehen. Er horchte nach innen und nach außen. Fern schlug eine Turmuhr sechsmal. Die Konturen der Möbel begannen sich stärker abzuzeichnen. Das Glas über Barbaras Bild sprühte auf. Der Tag war gekommen. Wie lange er so gesessen, hatte er nicht beachtet. Die Zigarre war längst verglüht. Als die Klingel anschlug, erhob er sich und ging zur Tür. Ein Mann stand da; er legte zwei Finger an die Mütze und grüßte. Zurrhelm las verwundert an diesem Mützenstreifen „Hotel Europa". Der Bote sprach: „Herr Jan Strombeck ist gestern abend abgereift und hat dieses Bild im Hotelzimmer stehen lassen. Es lag ein Zettel mit Ihrer Adresse dabei, das Bild trägt Ihr Signum. Der Herr Geschäftsführer meinte, daß Sie unserem Gast das Bild zur Ansicht schicken, und daß Herr Strombeck in der Hast der Abreise vergaß, es Ihnen wieder zuzustellen." Zurrhelm lächelte bitter. „So ist es", sagte er. „Lassen Sie das Gemälde hier. Herr Strombeck wird sich melden, wenn er es doch noch haben will." Der Bote reichte bas Bilb hinein, grüßte unb ging weiter. Zurrhelm nahm seine Arbeit, er sah bas Bilb nicht an; er lehnte es gegen bie Wand. Er ballte die Fäuste, die Nägel drangen schmerzhaft ins Fleisch. Dann löste sich der Krampf. Er drehte sich auf dem Absatz herum und sagte: „Aus eine Ohrfeige mehr oder weniger kommt es nun nicht mehr an, Reginald Zurrhelm." Geladen mit Selbstironie, ging er in das Zimmer zurück. Auf dem Schreibtisch sah ihn Barbara mit großen Augen an Auch dein Werk!? rief er. Barbara lächelte ein bißchen und antwortete nicht. Da ließ er sie und wandte sich ab. Aber diesmal blieb er nicht lange mit sich allein. Luzius, sonst kein Frühaufsteher, hatte eine schlechte Nacht hinter sich unb war froh gewesen, sie beizeiten beenben zu können. Oerabe als Zurrhelm in einen neuen Aerger verfallen wollte, langte er in ber Platanenallee 9 an. „Haben Sie schon gefrühstückt, komme ich zu zeitig?" Reginalb Zurrhelm überhörte bie erste Frage. Er war bereit. „Gehen wir", sagte er, „ich warte auf Sie." Die Welt war jung unb neu. Es begegneten ihnen nicht viele Menschen. Das Gängeviertel, dem Hafen zu, lag friedlich und licht. Wo waren die dunklen Gassen, die trüben Winkel zwischen ben Häusern? Dies waren enge, aber in keiner Weise ungewöhnliche Straßen In ben Fenstern ftanben Frauen unb putzten bie Scheiben. Ein Schutzmann patrouillierte in unbesorgter Ruhe Auf ben Stufen zu ben Kellerlokalen waren hembs- ärmelige Wirte beschäftigt, bie Steinfliesen zu scheuern. Vater Berlebach war gerabe dabei, seine sieben Riegel von der Tür zu nehmen. Er sah bie beiden Männer herankommen, aber er beachtete sie nicht. Als er die Tür freigab. traten sie in fein Lokal ein. Luzius erkannte ben Raum sofort wieder; ben Tisch, den Geldschrank an ber Wanb — das alles hatte er gestern aus anberer Perspektive schon einmal gesehen. Vater Berlebach legte einen Abstand von mehreren Schritten zwischen sich unb die Fremden. „Sie wünschen?" fragte er Zurrhelm nahm seinen Hut ab. „Erkennen Sie mich?" meinte er. Der alte Mann zuckte die Achseln. „Mag sein", wich er aus, „es kommen viele hierher; was wünschen Sie?" „Eine kleine Auskunst", entgegnete Zurrhelm. „Ehe wir aber die Besprechung begingen, hätte ich gern, daß Sie diesem Herrn sagen, welches Geschäft wir miteinander hatten." Warum? Was soll das? Was wollen Sie von mir altem Mann? Ist der Herr von der Polizei? Meine Bücher sind in Ordnung. S,e haben Ihren Ring zurückbekommen. Die Zinsen, die Sie zahlten, waren die gesetzlichen. Was bringen Sie mir die Polizei ins Haus, Herr! tfur meine Gutmütigkeit vielleicht!" ,Es ist gut, Zurrh — lieber Freund", sagte Luzius, „lassen Sie den Mann. Es handelt sich nicht um den Ring, den mein Freund bei Ihnen versetzt hat. Wir beabsichtigen auch nicht, Ihre Zinsberechnungen zu beanstanden", wandte er sich an Berlebach. „Wir möchten etwas von Ihnen erfahren." . .. „Bin ich ein Auskunstbüro? Sind Sie von der Polizei, dann weisen Sie sich aus!" .. , .. „Wir sind nicht von der Polizei. Aber wenn Sie wünschen, lassen wir die Polizei holen." „Wer spricht davon!" „Sie! Wir legen keinen Wert darauf, amtliche Stellen zu bemühen, wenn wir das, was wir wissen wollen, ohne Zwang von Ihnen erfahren können." „Was wollen Sie wissen?" „Diese Frage hätten Sie an den Anfang der Reden setzen sollen, Berlebach", sagte Luzius. „Zur Sache also. Es war gestern ein Mann bei Ihnen, kurz ehe mein Freund hier seinen Ring wieder einloste. Sie haben diesem Mann ein Perlenkollier ausgehändigt und Geld gegeben. Dieses Geschäft interessiert uns. Wollen Sie uns Auskunft geben?' „Ich kenne den Mann nicht." „Beschreiben Sie ihn." ,Zch habe nicht auf ihn geachtet. Wahrhaftig. Er war nur kurze Zeit hier in meinem Zimmer." , ,Zch weiß. Aber er war zweimal bei Ihnen. Einmal, als er Ihnen den' Schmuck brachte, dann, als er ihn gestern wieder abholte." Der Alte verzog den Mund. „Also doch Spitzel?" zischte er. „Aber die Herren irren sich, mir kann man nichts anhaben, meine Hände sind sauber." „Wie sah der Mann aus? Irgend etwas werden Sie uns angeben können. Hatte er schwarze Haare? Die Haarfarbe werden Sie wissen." „Schwarze Haare, ja, dunkle Haare hatte er." Luzius sah Zurrhelm an. Dann fragte er weiter. „Wissen Sie die Augenfarbe? Blau vielleicht? Menschen mit blauen Augen fallen eher aus als solche mit dunklen Augen." Der Alte wiegte den Kops. „Ich habe nicht darauf geachtet, aber wenn Sie mich daran erinnern, ich meine, der Mann hatte blaue Augen." „Das ist sehr merkwürdig", sagte Luzius. „Schwarzes Haar und blaue Augen kontrastieren doch. Daß Ihnen das nicht aufgefallen ist! Vielleicht war der Mann nicht direkt schwarz, nur brünett? Trug er eine Brille, einen Bart, hatte er Goldzähne?" „Eine Brille habe ich nicht bemerkt, aber einen blonden Schnurrbart hatte er wohl." „Sann war sein Haupthaar sicherlich nicht schwarz!" „Nein, natürlich war es auch blond." „Sie haben eben erklärt, es sei schwarz gewesen." „Bei Licht, Herr, schien es so." Luzius stampfte mit dem Fuß auf. „Sie sind ein Narr oder Sie wollen nichts sagen." ,Lch weiß nicht. Ich möchte Ihnen schon den Gefallen tun, aber ich sage Ihnen, ich habe nicht auf den Mann geachtet. Bin ich dazu verpflichtet?" Berlebach sagte diese Worte mit dünnem Hohn. Luzius betrachtete den Alten. Er kannte diese Hehler, wenn er auch den Berlebach noch nicht tennengelernt hatte. Sie haben mehr Angst vor ihren Kunden als vor der Polizei. Er fragte: „Haben Sie sich die Ausweispapiere vorlegen lassen? Wußten Sie, mit wem Sie es zu tun hatten? Wenn ein Mann abends zu Ihnen kommt und eine Perlenschnur vorlegt, von Ihnen verlangt, Sie sollen die vier besten Perlen herausnehmen lassen und durch Nachahmungen ersetzen — da kommt Ihnen nicht der Gedanke, daß dies ein dunkles Geschäft sei?" „Der Herr hat mir gejagt, er sei in Geldverlegenheit. Seine Frau besitze diesen wertvollen Schmuck, und er wolle, ohne sie davon zu unterrichten, die vier mittleren Perlen umtauschen und zu Geld machen. Ich möchte sehr gute Imitationen einsetzen lassen, damit seine Frau nichts merke, sonst habe er die Hölle im Hause. — Wenn ich den Herrn darum ersucht haben würde, hätte er mir seinen Anmeldeschein vorgelegt; nichts ist leichter, als so ein Papier zu beschaffen. Das wissen Sie so gut wie ich." Der Alte hatte eine Tonart gesunden, er klagte mit weinerlicher Stimme. Luzius lenkte ein. „Wir glauben Ihnen. Eine Zwischenfrage. Wenn Sie uns den Mann schon nicht beschreiben können, wissen Sie, wie er zu erreichen ist?" „Nein." „Ich nehme an, daß Sie nicht die vier echten Perlen bereits verkauft haben?" „Sie sind nicht mehr hier." „Das ist gleichgültig. Geben Sie die Perlen keineswegs weg. Es handelt sich um gestohlenes Gut. Man wird Sie zur Rechenschaft zu ziehen wissen." „Wer sind Sie, Herr?" „Assessor Luzius von der Staatsanwaltschaft, wenn Sie es durchaus wissen wollen. Ich kenne Sie dem Namen nach; die Kriminalpolizei kennt Sie bester. Aber hören Sie an, Berlebach. Mein Freund und ich sind gewillt, diese Geschichte ohne Polizei und ohne Gericht beizulegen, wenn es sich irgend machen läßt. Am Skandal liegt uns nichts. Ich frage Sie nun, wollen Sie uns unterstützen? Es ist ein letzter Versuch mit ^",Ach versichere, ich kenne den Mann, der die Perlen brachte und holte, in keiner Weise." . , Das wollen wir glauben. Nicht glauben aber können wir, daß die Perlen, die Sie aus dem Schmuckstück Herausnahmen, bereits verkauft sind. So glänzend sind Ihre Verbindungen denn doch nicht, Berlebach. Sie haben dem Mann gestern abend Geld gegeben. Ich vermute, es war eine Anzahlung. Wann kommt jener nächtliche Kunde wieder her und holt sich das restliche Geld oder die nächste Zahlung?" Wenn Sie mir sagen, die Perlenkette war gestohlen, will ich nicht, mit' der Angelegenheit mehr zu tun haben. Dann soll der Mensch seine Perlen zurllcknehmen und mir mein Geld wiedergeben." Recht so Berlebach. Sie haben die Perlen also noch. Das war vor- sichtig und ist gut. Ich verpflichte Sie, diese vier Perlen nicht abhandeii kommen zu lassen oder zu verkaufen. Sie haften mir dafür!" „Herr Assessor, ich habe nicht gesagt, daß ich die Perlen..." „Psst!" Luzius schnitt den schwachen Protest ab. „Die zweite Bedingung, unter welcher Sie — vielleicht — straflos und ohne Schaden aus der Affäre loskommen, ist die, daß Sie uns den Mann, in dessen Auftrag Sie die Manipulation an dem Schmuckstück vornehmen ließen, auf irgendeine Art zuführen oder ihn uns zeigen." „Ich kenne den Mann nicht, Herr Assessor. Das ist die reine unwirkliche Wahrheit." „Aber nicht die ganze Wahrheit. Sie verschweigen etwas! „Nichts, meine Herren. Wahrhaftig. Ich bin bereit zu schwören." „Dann schwören Sie falsch oder fahrlässig." Luzius trat drohend näher. Der Alte wich zurück; aber diese harte Stimme erreichte ihn überall. Seine zur Abwehr erhobenen Hände vermochten nichts gegen diese Worte. „Der Mann bekommt noch Geld von Ihnen! Die wenigen Scheine, die Sie ihm gestern hier gaben, machen nicht entfernt den Wert der Perlen aus. Stimmt das!?" „Das ist richtig." Berlebach war der Schatten seines Selbst geworden „Also besteht da doch noch eine Verbindung zwischen Ihnen und ihm! Warum leugneten Sie das?" „Ich vergaß es, Herr Assessor, ich habe nicht daran gedacht. Ich bin ein alter Mann, mein Kopf ist müde. Aber ich will es sagen. Ich soll dem Mann bas Geld schicken. Immer soviel, wie ich erlöse." „Wohin schicken? Sie kennen also sogar seinen Namen!?" „Nein. Er gab mir eine Adresse. Es ist nicht seine Wohnung, es ist eine Deckadresse. Postlagernd." „Zeigen Sie her!" forderte Luzius. Der Alte zog sich zurück. Als et wiederkam, hielt er mehrere Briefumschläge in der Hand. „Hier", sagte er, „diese Kuverts hat mir der Herr gegeben. Ich soll ihn benachrichtigen, wenn ich eine gewisse Summe beisammen habe, da es für ihn, wegen feiner Familie, zu gefährlich ist, zu mir zu kommen." Luzius nahm die Umschläge; es waren harte, feste Papiere. Die Adresse war vorgeschrieben. Der Alte hatte nicht gelogen. Es stand ba: Auerbach. Hauptpostlagernb. War bas so verwunberlich, baß Luzius zusammenzuckte unb erschrak? Berlebach sah ihn an. „Die reine Wahrheit", beteuerte er noch einmal, „mehr weih ich nicht, meine Herren." Luzius nickte. „Lassen Sie uns einen Moment allein", bat er; rasch griff er Zurrhelm beim Arm und zog ihn an bas Fenster, von bem Alten weg. Seine Finger zitterten, als er bie Briefumschläge ins Licht hielt. „Zurrhelm", sagte er atemlos, „ich will Sie nicht beeinflussen. Sehen Sie sich bie Kuverts an. Fällt Ihnen etwas auf?" Zurrhelm warf einen Blick auf bie Papiere. Er zuckte mit bem Kops zurück. „Aber bas ist —", unb er brach ab unb enbete ben Satz anbers, als er ihn geplant hatte, „bas ist boch nicht möglich!" Luzius nickte. „Wir stellen also das gleiche fest", fagte er düster. „Diese Worte: Auerbach, hauptpostlagernd, hat Ewald Brendel geschrieben!" Berlebach wagte sich heran. „Meine Herren", bat er, „was soll nun werden? Kann ich hoffen, daß ich ohne Verluste davonkomme? Sagen Sie mir, die Perlen waren gestohlen, wer ist der richtige Besitzer?" Neuntes Kapitel. Brendel saß neben dem Justizrat Reußner in besten Privatkontor. Draußen im großen Büroraum klapperten bie Schreibmaschinen, und ber junge Mann im schwarzen Anzug ging vor ber Barriere auf und ab. Wenn doch jetzt ein Klient käme, gerade jetzt, wo auch der Herr Brendel nicht sogleich zur Hand war. Er hätte so gern einmal Auskunft gegeben, gesagt: Bitte nehmen Sie Platz, gnädige Frau, schütten Sie ihr Herz aus, denken Sie, ich sei Ihr Beichtvater. So gern hätte er sich einmal solche Geschichte angehört, um am Schluß zu sagen: Gedulden sich. Gnädigste, zwei Minuten, der Herr Justizrat oder Herr Brendel kommt sofort. — Aber er hatte kein Glück. Die Tür öffnete sich nicht. Nur die Mädchen kicherten, als ob sie feinen Ehrgeiz ahnten. Brendel, am Tisch neben bem Justizrat, war stolz auf seine Diplomatie. Morgens um 10 Uhr gleich nach Lesung ber Post ben alten Herrn an feine Briefmarkensammlung zu bringen, war ein Meisterwerk ge- schickter Zusprache unb Ueberrebung. Er hielt bie beiben Briefmarken, bie er mit Wingart besorgt hatte, in ber Tasche bereit. Sie waren mil Klebesalzen versehen, unb er mußte nur auf eine Gelegenheit warten, sie los zu werben. Der Justizrat schob den Band Europa beiseite. „3d, will Ihnen meine deutschen Kolonialmarken zeigen", sagte er, „es ist eine Pracht. -0“ fehlt kein Stück." Der alte Herr war bester Laune. Sein Sohn ®tngan : hatte heute bas Examen bestauben, unb er hatte ihm gratuliert unb dein • sichtlich Erfreuten bas Heftchen mit ben Reiseschecks in die Hand gebruat 1 (Fortsetzung folgt.) Wir werden vom Tod auferstehen. Von Knut Hamsun. Den kommenden Tag, wo finde ich ihn? Vielleicht diese Stunde noch fordert mein Ende; Doch segle ich weit eine Ewigkeit hin. Und treffe ich Dunkel aus Dunkel darin — Ein Wunder erleuchtet das Ende. Ist über und unter dem Blick diese Welt Vom großen Etwas ein Teil nur im Fließen, So treffen wir ein mit dem Teil, der uns hält. Und haben Dom Ganzen, vom All, von der Welt Ein Ja nur, zum Strom uns zu schließen. Und ich hab zum letzten Mal heute gesehn Den Menschen, die Erde, des Abendrots Brände, Und bleibt mein Herz in dieser Nacht stehn, Geht alles zu Ende — laß gehn, laß gehn! Nichts ist mit dem Tode zu Ende. Gebornes muß sterben, das Leben will Tod, Der Tod ruft dem Leben, dem Morgenwindwehen. Die Ruhe im Obdach des Schlafes heißt Tod; Das Leben ist Morgen- auf Morgenrot: Wir werden vom Tod auferstehen. Vater und Gohn. Von Ern st Wischer t. Von der Verwandlung der Menschen im Kriege künden die drei Erzählungen, die Ernst W i e ch e r t unter dem Titel „Der T o d e s k a n d i d a t" in der .Kleinen Bücherei" erscheinen läßt. Mit Erlaubnis des Verlages Albert Langen/ Georg Müller, München, bringen wir den Schluß der Erzählung „Der Vater" zum Abdruck. ... Dann gingen sie in das Kaminzimmer, und der Sohn wurde genötigt, zuerst über die Schwelle zu treten. Der Vater aber blieb hinter ihm in der geöffneten Tür, sah, wie er den Blick einmal über die Ahnenbilder gehen lieh, bis zu seinem Spiegelbild, das unter dem grauen Helm ihm entgegensah, wie die Bilder aber nicht von den Wänden stürzten, die Lichte aus dem Kaminsims nicht erloschen, wohl aber in dem Gesicht des jungen Freiherrn sich etwas veränderte. Und dann geschah etwas Seltsames, indem er sich nämlich zu seinem Vater zurückwendete, mit einer müden Handbewegung nach den Wänden deutete und sagte: „Die Alliierten ..." Es war gut, daß der Freiherr Aegidius einen Stock hatte, auf den er sich stützen konnte, und mit einem fast jenseitigen Gesicht iah er, wie dieses Wort, mit der Geringheit seines Klanges, doch mit einem Male die Ordnung des Lebens umkehrte und ihn zu den Toten stellte, in die Reihe der aus dem Jenseits drohenden Richter des Geschlechtes, indes jener in einer schauerlichen Einsamkeit hinter den Schranken stand, ohne Verteidiger und Gefährten, und nur das Gezeichnete seines Gesichtes hatte er aufzuheben gegen die Anklage der Toten. „Du bist Edelmann wie ich", begann der Freiherr Aegidius nach langem Schweigen vor dem Feuer. „Du bist Offizier wie ich und ein Soldat der Front, wie auch ich es vor fünfzig Jahren war. Wie kommt es, daß es das gleiche und doch etwas anderes ist?" Wieder sah ihn Erasmus an, als erwarte er noch etwas anderes. „Wir sind zu weit fortgegangen", erwiderte er dann leise. „Man hat uns gehen lassen, als gingen wir nach Frankreich und Rußland ober ans Meer, aber wir sind viel weiter fortgegangen ... auf einen anderen Stern ... man hat hier nicht erkannt, wohin man uns geschickt hat ... ich wollte nicht kommen, aber der Kommandeur befahl es mir ... „Warst du nicht zu Hause hier?" „Wir haben kein Zuhause mehr, Vater ... wir haben dort gemietet, beim Tod, und der Vertrag läuft noch, immerzu ... Er sei der Meinung gewesen, erwiderte der Freiherr Aegidiiw nach einer langen Pause, daß ein Offizier nur einen Sßertrag ju schließen habe, den mit der Pflicht, und daß sein Bedroher nicht der Tod sei, sondern die Feigheit etwa, oder die Luge oder der Ungehorsam? Das Glas des jungen Freiherrn klirrte etwas beim Niedersetzen, aber dann sah er seinen Vater an. „Ich möchte dich bitten, mir etwas zu sagen Glaubst du, daß von allen diesen — und er hob noch einmal die Hand zu den Bildern der Vorsahren — „niemand jemals eine Luge SCfiSe|)abet?es zu glauben", erwiderte der Freiherr, „und wenn es nicht fo wäre, wenn vergangene Zeiten ein °"deres Gesetz gehabt haben sollten, so sind wir dazu da, es gutzumachen und zuviel zu zahlen, wenn jene zu wenig gezahlt haben sollten." ffs mar als hätte der Freiherr Erasmus vergeßen, daß er vor dem Saminfeuer saß, denn er hob die rechte Hand, als wollte er sie an den Helm legen, und ließ sie dann wieder sinken. Srecherr die HÄ> mit^nekfast angstvollen'^ nicht viel miteinander, wir sahen uns nur mitunter an, bei Besichtigungen, beim Trommelfeuer, vor einem Angriff, und wir verstanden uns dann, ohne etwas zu sagen. Er war ein sehr tapferer Offizier, aber er brauchte viel Zeit zu feiner Tapferkeit, jedesmal. Und einmal, als wir im Graben standen, vor einer großen Patrouille, und auf unsere Uhren sahen, sprach er es aus. „Sie wundern sich vielleicht, Erasmus", sagte er, „und es ist ja eigentlich auch nicht Angst, obwohl das natürlich wäre, aber es ist so, daß ich zuviel mitzufchieppen habe, jedesmal wenn ich ausstehe und dort hinein soll, ins Unbekannte. Ein Soldat soll nichts zu tragen haben als sich selbst, und der einfache Mann tut es ja auch. Die Jungen wenigstens. Aber ich, sehen Sie, ich hebe jedesmal alle meine Vorfahren aus, wenn ich aufstehe, und es sind sehr viele Und am schwersten ist mein Vater. Sie sitzen dort ganz sicher auf meinem Rücken und sehen zu, wie ich es mache, und wenn ich mich noch ein bißchen ausruhen will, dann sind sie nicht zufrieden Die Pflicht erlaube es nicht, sagen sie. Sehen Sie, Erasmus, dieses ist es: man hat gedacht, die Pflicht sei größer als die Liebe, aber das ist nicht wahr. Mit der Liebe steht es sich leichter auf als mit der Pflicht, und ich würde nicht soviel Zeit brauchen, um aus dem Graben herauszukommen Mein Bursche, sehen Sie, er hat mir gestern etwas Merkwürdiges erzählt. Wie er von feiner Mutter Abschied genommen hat Sie ist eine Bergmannswitwe und er das einzige Kind. .Lieber Sohn", hat sie auf dem Bahnsteig gesagt, .wenn du mir Ehre machst, werde ich stolz aus dich fein, und wenn du mir Unehre machst, werde ich immer deine Mutter bleiben.' Sehr merkwürdig, Erasmus, nicht wahr? Und Sie werden nie erleben, daß er ihr Unehre macht, aber wie leicht er aufsteht und dorthin geht, das können Sie jeden Tag erleben ..." Ja, und bann war die Uhr soweit, und wir fliegen aus dem Graben. Er war wieder der Letzte, und als ich mich noch einmal um= drehte vor der roten Wand, denn es gab Sperrfeuer, hob er nur die Hand und lächelte. Auch als er dann tot war, lächelte er noch immer ... es faß nun wohl niemand mehr auf feinen Schultern ..." Der Freiherr Aegidius hatte die Stirn auf die Hand gestützt und starrte auf den niedrigen Tisch, der zwischen ihnen stand. Aus einer weiten Ferne kam die leise Stimme, und auch was sie erzählte, war aus einer anderen Welt Ausgewandert waren sie, diese Söhne des Vaterlandes, nach einer Erde, die sie verschlang, und was sie herüberriefen über einen glühenden Abgrund hinweg, war wohl noch die gleiche Muttersprache, aber der Sinn ihrer Worte hatte sich ganz und gar verwandelt. Lehen, Liebe, Tod ... das war alles anders, und auch sie selbst waren nur wie Boten, die ihrer Botschaft gehörten und kein Zuhause mehr hatten. • Er sah die Hand seines Sohnes auf der dunklen Platte des Tisches vor sich, eine schmale und bräunliche Hand mit einem matten Glanz der Haut, als leuchte sie von innen heraus. Und plötzlich war ihm, als sei diese Hand das Einzige, was noch da fei, warm und lebendig, zu greifen und zu halten, und als fei schon das graue Kleid, das ihr Gelenk umschloß, nicht mehr diesem Raum angehörig, sondern nur ein her- überwirkendes Zeichen aus dieser anderen Welt. Einer Welt, die keinen Zutritt hatte für seinesgleichen, sondern die sich zuschloß, schweigend und im tödlichen Ernst, allein sich bewahrend für jene nachfolgenden Geschlechter, die in vier Jahren jenes Mietrecht erworben hatten, von dem vorher die Rede gewesen war, bas Mietrecht am Tobe. Unb mit einer scheuen, fast bemütigen Bewegung legte er feine Greifenhanb auf bie bräunliche, schmale Hand bes Sohnes, die einmal aufzuckte unter der unvermuteten Gebärde und dann ruhig lag, als füge sich auch dieses schweigend ein in den großen Kreis dieser Erfahrung. „Ich habe dich zu den Toten gerechnet", sagte der Freiherr Aegidius leise, „das mußt du mir verzeihen, du siehst, daß wir nicht alles verstehen, weil wir zu alt sind. Und auch das Wort verstand ich nicht ... vermißt ... und die Toten, Erasmus, die wiederkehren ... genug ... aber die Pflicht, Erasmus ... was du da von deinem Freunde fagft, vielleicht ist auch die Liebe verschlungen in die Pflicht, wie der Sieg verschlungen ist in den Tod in der Bibel steht es wohl so ..." Er zog die Hand leise zurück und hob sie zu den Kerzen auf, um einen gekrümmten Docht wieder aufzurichten. „Noch etwas, Vater", sagte der Freiherr (Erasmus und sah in das Licht „Es ist ein Tagebuch an dich geschickt worden ... mein Tagebuch ... auch dort hielt man mich für tot ..." Die Kerzen tropften nicht mehr, sondern brannten mit hohen unb stillen Flammen. So sahen beide in das siebenfache Licht. Das Siegel, sagte der Freiherr, sei unbeschädigt gewesen, ein bläuliches Siegel mit ihrem Wappen, unb so auch, unversehrt, habe er es ins Feuer gelegt, weil er geglaubt habe, den Willen eines Toten damit zu erfüllen. Nun, zum erstenmal an diefem Abend, kehrten die Augen des Freiherrn Erasmus aus jener verhüllten Ferne zurück und blickten in die Augen bes Vaters, als sei er nun erst wiedergekehrt und nehme bas Recht des Lebendigen in Anspruch. Es lag wohl etwas Unausweichliches in diefem Blick, denn der Freiherr Aegidius, sich aufrichtend, sagte nicht ohne Strenge, es fei in ihrer Familie fo gehalten worden, daß eine Aussage nicht wiederholt zu werden brauchte. Und darauf, als das Feuer niedergebrannt war, standen sie auf. Bevor sie über die Schwelle gingen, drehte der Freiherr Erasmus sich um und blickte noch einmal über die Reihe der sich verdunkelnden Gesichter an der Wand. Es war, als wollte er noch etwas sagen, öffentlich gleichsam, unter den Augen feiner Vorfahren, aber bevor er die Lippen öffnen konnte, legte ihm der alte Freiherr den Arm um die schmalen Schultern und küßte ihn auf die Stirn „Mein lieber Sohn ... , sagte er leise. Dann ging er zuerst durch die geöffnete Tür. Das Wasser. Von Friedrich Schnack. Der Abend kommt, die Wolken fahlen eisern, Am Kamm der Wald steht wie gestichelt Haar. Der Hügelwind knarrt in den Buchenreisern Und fegt den Mond wie eine Scheibe klar, Das Wasser aber aus den Felsen fällt Von einer in die andre Welt. Das Haus taucht tief in seinen Erdenschatten, Traumwurzeln treiben ihre Sprossen aus, Wie milchbegossen dämmern junge Matten, Einsamen Fluges schwirrt die Fledermaus. Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer in die andre Welt. Nachts steh ich aus und spähe nach dem Wilde, Das gern vom Walde tn die Wiese tritt: Die Erde glänzt in ihrem Sternenbilde, Mein Herz erglüht und leuchtet irdisch mit. Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer in die andre Welt. Die Bäume finstern unter ihrem Laube, Kein Lebensatem zittert durch ihr Holz Die Blätter sind bemehlt vom Totenstaube, Und schwarze Nacht aus ihren Adern schmolz — Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer in die andre Welt. Das Wild kommt nicht, ich spähe eine Stunde. Ein Vogel höhnt mich fern im Dunstgespinst. Die Sterne tun wie Wächter ihre Runde, Ich ahne fröstelnd ihren hohen Dienst. Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer tn die andre Welt. ßtif regnet Schuhe. (Ein Erlebnis in Honduras. Von Thomas Kamppen. Ich weiß nicht, wie lange ich schon auf der Bananenfarm in Honduras (Mittelamerika) gearbeitet hatte, einem weltvergessenen Ort, meilenweit von jeder Ansiedlung entfernt, jedenfalls war es eines Tages mit meinem einzigen Paar Schuhe zu Ende. Neue Schuhe in Puerto Cortez zu beschaffen, hatte ich keine Zeit. Der Kauf hätte mich einen Weg von vier Tagen gekostet. Ich muhte also nach Hause schreiben. Aus Vorsicht bestellte ich gleich zwei Paar. Meine alten reparierte ich, so gut es ging. Eleganz war ja nicht nötig. Es dauerte sieben Stunden, da hatte ich sie mit einem Stück Treibriemen und abgekniffenen Kistennägeln wieder brauchbar hergerichtet. Sie hielten, aber nur bis zum nächsten Regen, der bei uns allererste Tropensorte war. Ich ritt abends aus meinem Esel aus die Farm zurück, und es wäre alles noch gut gegangen, wenn ich nicht einem betrunkenen Indianer begegnet wäre, der seiner Stimmung in schönen lauten Liedern mit Topfdeckelbegleitung Luft machte. Das vertrug mein Esel nicht. Wie gestochen rannte er nach Hause — aber ohne mich, denn mich hatte er vorher in den Stratzen- schlamm geworfen. Straßenschlamm — nun, das ist, was wir hierzulande ein Moor nennen. Wie ich dann noch heimgefunden habe, weiß ich nicht mehr. Aber wie ich aussah, nachdem ich stundenlang durch sine Landstraße in Honduras zur Regenzeit gewatet war — das brauche ich wohl nicht zu beschreiben. Meine Schuhe erkannte ich am andern Morgen nicht wieder. Sie waren Lehmklumpen geworden. Ich weiß nicht, wie oft ich schon Lee gebeten hatte, mir Schuhe mitzubringen. Er kam oft nach Puerto Cortez. Aber er war ebenso vergeßlich wie Harry, der mir schon dreimal das gleiche versprochen hatte, ohne es zu halten. Nun saß ich da mit meinen aufgelösten Tretern und mußte versuchen, sie wieder zusammenzuleimen. Jede freie Minute widmete ich meinen Schuhen. Eines Sonntags — es gibt himmlisch ruhige Sonntage in Honduras —, als alle meins Begleiter auf die Jagd geritten waren, baute ich die Schuhe vor mir auf einen Tisch aus und betrachtete sie aus dem Schaukelstuhl durch den Rauch einer guten Zigarre. Sie hatten sich recht verändert. Zur Hauptsache bestanden sie aus Fliegengaze und Bandeisen. Länge und Breite waren nicht mehr zu unterscheiden. Das Oberleder war mit dreifachem Trompetenblech gegen Bruch gesichert. Sohlen, Gelenk und Absatz waren eine schöne gerade Fläche, etwa fünf Zentimeter dick. Es war eine Freude, sie anzusehen. Aus Uebermut ließ ich mir von Schneewitt — so nannten wir unseren indianischen Hausdrachen, weil er stets unsere Siebensachen gebrauchte — Putzpomade und Twist bringen. Ich wienerte die Schuhe wie meine Mutter zum Sonntag ihre messingne Herdstange. Es kümmerte mich nicht, daß das Telephon seit fast zwei Stunden ununterbrochen läutete Der Kerl konnte morgen wieder anrufen, heute ging mich das Geschäft nichts an Als er aber gar nicht aufhörte, schickte ich zuletzt Schneewitt an den Apparat. Sie kam sofort zurück, es würde englisch gesprochen. Da ging ich hin. Am andern Ende fluchte ein Amerikaner daß die Membrane dröhnte. Nun, damit konnte er nur nicht kommen, ich habe drüben viel gelernt. Zum Schluß donnerte ihn ihn nur noch an: „Wenn sich hier nächstens nach zweimaligem Anruf niemand meldet ist keiner zu Hause, verstanden?" Er war klein geworden und sagte nur noch: „Absolutely, Madam. Aber sagen Sie bitte dem Deutschen dort, daß er sich seine Schuhe abholen kann. J Da hatte ich's! Es war so ein echter mittelamerikanischer Laden, m dem an alles kaufen kann, auch Schuhe. Ich hatte ganz vergeben, daß ick, dort vor zwei Wochen angerufen hatte. Meine Schuhgröße war nicht am Lager gewesen, aber man wollte sie für mich kommen lassen. Und """Fü/'heute^war es zu spät. Der Laden lag immerhin dreißig Kilometer entfernt, und mein Esel war faul. Aber am Montag machte ich mich frei. Es regnete wieder, und die Straßen waren knietiefe Schlammflüsse. Ich kam nur langsam weiter und war gegen Abend todmüde, als ich, noch weit vom Z'el, vor der Hütte eines Indianers abstieg, wo ich die Nacht zu bleiben hoffte. Weil ich für einen Esel viel zu groß bin, hatten meine Beine fast immer unter dem Leib des Tieres gebaumelt. Jetzt waren sie von einer dicken Lehmkrufte eingehüllt und sahen aus wie Pferdebeme. Ich konnte mich kaum bewegen, war aber viel zu faul, um mich erst zu reinigen. Ausgehungert sank ich in der Hütte auf eine Bank nieder und bat um Essen. Aber mit den Leuten stimmte irgend etwas nicht. Die ganze Familie, Großmutter und Kinder eingeschlossen, drängte sich flüsternd in einer Ecke zusammen und sah scheu zu mir herüber. Verdammt, glaubten die, ich würde mit der Zeche durchbrechen? Ich schmetterte ein Geldstück auf den Tisch. Und schließlich brachte mir die Aelteste eine Schussel mit Frisches, den ewigen Bohnen. Daneben stellte sie eine Muttergottes aus Gips. Da konnte mir also nichts Schlimmes geschehen. Ohne mich weiter um die Leute zu kümmern, ah ich die Bohnen auf. Aber das entsetzte Starren und das heimliche Geflüster wurde auf die Dauer unheimlich. Was hatten die Degos nur? Am liebsten wäre ich weitergeritten, ich war nur zu müde. , m , .. , Das einzig Heitere im Raum war ein Baby, das sich vergnügt kreischend mit dem Hausschwein am Boden wälzte. Ich humpelte zu dem Kindchen hin, irgendwie muhte man den Leuten doch näherkommen können tätschelte es freundlich, machte der Mutter ein Kompliment über ihr entzückendes Jüngstes. Aber alle sahen mich an, als ob sie fürchteten, ich würde es fressen. . v m ... . Nun ist mein Spanisch gewiß mangelhaft und in dem Bemühen, die Leute für mich einzunehmen, schwätzte ich ohne Ueberlegung darauflos. Aber ich wurde immer erregter, und schließlich fehlten mir die gewöhnlichsten Vokabeln. Ich stotterte und mußte die Hände zu Hilfe nehmen, um mich nur verständlich zu machen. „Das Kind ist wirklich reizend , sagte ich, „ich liebe Kinder." Aber die Indianer blickten nur noch entsetzter. „Zu Hause habe ich einen Freund", redete ich ausgeregt und immer schneller weiter, „der hat schon sieben Kinder. Alle sind entzückende Gören und sein Aeltester ist auch schon so groß —" Da, die Alte raffte sich zu einem Schreckensschrei auf: „Er spricht vom Menschen wie vom Pferd!" v K Verdammt, daran hatte ich natürlich nicht gedacht! Man darf dort keinen Menschen mit waagerechter Hand bezeichnen, denn das bedeutet Unglück Will man die Gröhe eines Kindes angeben, so muh die Hand im rechten Winkel zum Unterarm halten und die Fingerspitzen nach auswärts zum Himmel richten. Nun war auf keine Sympathie mehr zu hoffen. Ich stand schwerfällig auf. Aber da begann die Alte wieder zu schreien: „Seht, die Pferdefüße, den langen Schwanz, er ist der Teufel!" Sie hielt mir ein Kruzifix vors Gesicht Die Aelteste schlich sich hinter mich und riß das Baby von meiner Seite. Dann drückten sich alle auf Zehenspitzen an der Wand entlang und rannten aus der Tllr. Nun war die Reihe an mir, entsetzt zu sein. Pferdefüße? Ja, die paßten auf jeden Steckbrief. Aber Schwanz? Ich sah mich um. Wirklich. Da hatte mir Schneewitt in ihrer heiteren Art den Schwanz von der am letzten Samstag geschlachteten Kuh hinten an den Gürtel gebunden, und ich hatte es nicht gemerkt. Na warte, Schneewitt, wenn ich nach Hause komme! Wütend ritt ich weiter. Aber mein Esel hatte keine Lust mehr und warf mich nach einer Viertelstunde ab, ausgerechnet auf einer Brücke. Ich selbst konnte mich zwar noch am Geländer halten, aber mein einziges Paar Schuhe rutschte dabei in den Fluß. Nun war alles aus. Nicht weit lag eine Finca, ein Gut. Barfuß zog ich das Biest dorthin. Der Farmer, ein Spanier, schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Wissen Sie denn nicht, daß es hier von Giftschlangen wimmelt?" O ja, ich wußte es wohl, aber mir war nun alles gleichgültig geworden. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, grinste er und sagte: „Man soll doch nie auf die Frauen schimpfen." Was er damit meinte, verstand ich erst, als^'er mir zwei Paar neue Schuhe schenkte. Seine Frau hatte sie ihm aus den Staaten mitgebracht, aber eine Nummer zu groß genommen. Mir saßen sie wie angemessen. Bis zum nächsten Tage war ich sein Gast. Ich muß sagen, daß ich in der Nacht drei-, viermal aufftanb, weil ich nicht glauben konnte, daß meine Schuhsorgen nun vorbei sein sollten. Aber sie waren es wirklich. Nach meiner Rückkehr sand ich unter meinem Bett ein weiteres Paar Schuhe. Dabei lag eine Besuchskarte mit dem Aufdruck „Dr. med Lee Frank" und dem handschriftlichen Zusatz „hat endlich doch daran gedacht". Damit war es aber auch noch nicht genug. Mittwoch kam Harry mit einem Paar zurück. Er hatte an die Sonntagsjagd einen Bummel in Puerto Cortez gehängt und die Schuhe für mich ausgeknobelt. Und am Donnerstag kam das Paket aus Deutschland. Die gute Mutter hatte mir vorsorglich drei Paar eingepackt. Nun hatte ich mit einem Schlage sieben Paar schöne, neue, heile, lederne Schuhe. Jeden Morgen um vier Uhr putzte ich sie alle der Reihe nach blitzblank. Und als ich sie dann zu Weihnachten auf meinen Gabentisch setzte, sahen sie immer noch wie neu aus. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts»Duch» und Steindruckerei, 2t Lange, Gießen.