SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1934 Montag, den 29.Januar Nummer 8 Irgendwo auf der Erde... Bon Gertrud Freiin vonbenBrincken. Leis' am verlöschenden Herde sing ich mir tröstend zu: Irgendwo aus der Erde bist auch du ... Hast du auch längst mich verlassen, bringt dich kein Abend her, — auch über deinen Gassen leuchtet der Große Bär. Auch über deine Träume bist du nicht Herr bei Nacht. Dunkele Märchenbäume raunen mir Totenwacht. Spät, wenn ich müde werde, sing ich mich selbst zur Ruh: Irgendwo auf der Erbe schläfst auch du ... Oer Pfarrer Buonaparte. Eine Erzählung von Karl Lerbs. Bon dem grell flammenden Glanz, den das Leben des ersten Napoleon mit wilder Gewalt über die Länder warf, fiel nur einmal für eine kurze Stunde ein Strahl auf den Weg des Pfarrers buonaparte. Er lebte durchaus zufrieden, heiter und bäurisch derb bi einem winzigen Dörfchen zwischen Santo Crossiano und Cer- !«ldo, nicht weit von Florenz. Hjer aber denkt der Gebildete zu Unrecht mit einem Lächeln des Certaldesen Giovanni Boccaccio,' enn der Pfarrer Buonaparte nahm von den angenehmen Dingen tieser Welt nur das, was ihm durch die Erträgnisse seines winzi- !en Gartens, seiner Weinstöcke und seiner legefreudigen weißen oenne (die natürlich Bianca hieß» geboten war. Er las zweimal wöchentlich die Messe, hielt seiner kleinen Gemeinde jeden Sonnig eine kräftige und überaus verständliche Predigt und sammelte -iveimal jährlich den Zehnten ein, ohne dem Schicksal jemals die ! ärglichkeit des Erträgnisses zum Vorwurf zu machen. Die schöne nnge Mattea, die ihm sein Haus tu Ordnung hielt und die Löcher n seiner vielgeprüften Soutane stopfte, wollte er durch eine Hei- nt mit seinem Küster, Kirchensänger. Koch und Gärtner Tommaso tlücklich machen,' woraus man denn ersieht, daß dieser Tommaso en braver und vielseitiger junger Mann war, dessen einziger < ehler in gelegentlicher Rauflust bestand. Dies war die Welt, Eren Grenzen der Pfarrer Buonaparte niemals in Taten noch Gedanken überschritt, indessen sein Großneffe Napoleon alle menschlichen Grenzen riesenhaft zu überwachsen schien. Und während d eser Napoleon sich den Papst aus dem Vatikan nach Frankreich hwlte, um sich von ihm in Notre Dame krönen zu lassen, kümmerte ich der Pfarrer Buonaparte um die wirren Gerüchte, die vom h hen Aufstieg seines Hauses zu ihm drangen, nicht mehr, als ob sie von China oder vom Monde handelten. Hatte er indessen in seiner katonischen Genügsamkeit die große Welt vergessen, so besann sich die große Welt ober doch ihr Ve- hirrscher auf ihn. Denn eines Tages rasselte ein Reitertrupp mit Geklirr und Getrappel durch die aufgestörten Dorfstraben, daß Kmder und Getier kreischend flüchteten, und machte vor dem t''arrhause halt. Der Pfarrer, der eben in seinem Gärtchen bastelte, bat erstaunt und argwöhnisch herzu: worauf der Führer des Tcupps seinen Dragonern einen Befehl in fremder Sprache zu- ii:f und selbst vom Pferde stieg, um sich mit höflischer Verbeugung Pfarrer zuzuwenden: Ob er, so fragte er in schlechtem Jta- ltnisch, die Ehre habe, den Herrn Pfarrer Buonaparte vor sich in sehen? Der Gefragte, geblendet durch das blitzende Gefunkel ice goldverschnürten Uniform, verwirrt durch den scharf und Mvnungslos prüfenden Blick kalter, herrischer Augen, bejahte mit niem Kopfnicken und lud den fremden Offizier mit stummer b-ndbewegung ins Haus. Es war nur eine einzige Stube darin, und in dieser Stube »rr ein einziger vertrauenswürdiger Stuhl,' so daß der rasche «üb ein wenig spöttische Rundblick des Offiziers nichts Sehenswertes zu erfassen fand und der Stuhl, den der Gast höflich ab- lehnte, unbesetzt blieb Der Besucher, mit einem leise, sporen- klingenden Zusammenrücken der Hacken, kam nun militärisch knapp zur Sache: er sei, sagte er, General Ney vom französischen Heere und habe dem Herrn Pfarrer eine Botschaft Seiner Majestät des Kaisers auszurichten,' „des Kaisers Napoleon", fügte er hinzu, als er im Blick des Pfarrers fassungsloses Nichtbegretfen las Der alte Priester faßte stützsuchend nach der Stuhllehne, da plötzliche Wirklichkettsnähe von Dingen, die er immer wie Gerüchte aus einer fernen Welt, vernommen hatte, überwältigte: aber auf seinem Gesicht war doch der Schatten eines gerührten Lächelns, als er sagte: „Da ist also der kleine dicke Napoleon doch Kaiser geworden! Und wie geht es der schönen Laetitia?" „Ihre Maie,tat die Kaiserin-Mutter befindet sich wohl", ant- wortete Ney förmlich Und er entledigte sich mit raschen Worten seines Auftrages: Seine Majestät der Kaiser, stets auf das Wohl seiner erlauchten Familie bedacht, habe vernommen, daß sein ver- ehrter Großoheim auf einer armseligen Landpfarre ein unwürdiges Leben fristen müsse,' es sei daher des Kaisers Wunsch, diesem Zustande ein Ende zu machen. „Ich habe, Herr Pfarrer", schloß Ney mit einer weltmännischen Verneigung, „den Auftrag, Sie ganz nach Ihrer Wahl an den Hof oder nach Rom zu geleiten: es steht Ihnen frei, zu wählen, ob Sie eine hohe geistliche Stellung bei Hofe bekleiden, ein Bistum in Frankreich oder Italien haben — oder in Rom als Kardinal in der Umgebung des Papstes leben wollen. Ich bitte Sie nur, Ihre Wahl so schnell zu treffen, wie Ihr Wunsch durch die Macht Seiner Majestät erfüllt werden wird." Der Pfarrer Buonaparte schloß die Augen, als wäre er vom grell flammenden Glanz getroffen. Die Zeit der lockenden Hoffnungen, der kühn zu höchsten Zielen schweifenden Träume lag so weit hinter ihm daß die jäh auf ihn eindringende Wirklichkeit sich vor seinem argwöhnischen Blick zu unfaßbarer Größe aufreckte. Schon aber spürte er, dem seit langen Jahrzehnten die goldene Mitra des Bischofs von Fiesole der ehrfürchtig bestaunte und unerreichbare höchste Ausdruck kirchlicher Macht war, wie vergessene und nie mehr erprobte Kräfte sich in ihm regten: das alte korsische Abenteurerblut stieg aus längst verschütteten Quellen leise singend auf. Aus seinen wirr taumelnden Gedanken formte sich ein Erinnern, daß auch er einmal zu Macht und Größe hatte aufsteigen wollen — um nun in einem weltentlegenen Dorfe, unter armen Bauern zu sitzen, schmutzige Kinder zu unterrichten, überaus verständliche Predigten zu halten und sich nur vor den Amtshandlungen zu rasieren. Er ließ sich aus den Stuhl sinken, bedeckte die Augen mit der Hand und sagte dann leise: „Ich will es bedenken". Ney musterte ihn ein wenig mitleidig, ging taktvoll zum Fenster und sah hinaus, aber nur, um es sogleich aufzustoßen und zornig in den Hof zu blicken. Denn draußen hatte sich ein ungebührlicher Lärm erhoben. Es hatte das. wie sich nachher erwies, eine dreifache Ursache. Tommaso, der Vielseitige, hatte sich, angelockt durch bas lustige fremde Geschnatter und bas Gesunkel der Uniformen, an die Dragoner herangemacht und bestaunte sie mit runden neidischen Augen. Man setzte ihn zum Spaß auf ein Pferd, das khn soglei'tz entrüstet abwarf. Darüber gab es ein großes Gelächter. Die schöne Mattea, angelockt durch feurige Blicke und scherzende Zurufe, die sie leider nicht verstand, kam ebenfalls herbei: worauf ein als Draufgänger berüchtigter Wachtmeister sie ohne langes Verhandeln umfaßte, über sein Pferd warf, sich zu ihr in den Sattel schwang und mit der kreischenden Beute unter dem Jubel der anderen über die Dorfstraße galoppierte. Die Henne Bianca aber, von einem der groben Spaßmacher gescheucht, flatterte mit entsetztem Gegacker zwischen den Beinen der Gäule umher, und ihre weißen Federn stoben als traurige Trophäen ihrer Peiniger durch die Luft. Bei der wilden Jagd wurden zugleich die sorgsam gepflegten Gemüsebeete jämmerlich zertrampelt. Als der Pfarrer Buonaparte, durch den Lärm aus seinem Grübeln aufgestört, voll böser Ahnungen zur Tür eilte, kam ihm schon Tommaso entgegen und hatte die mit Mühe gerettete, arg zerzauste Bianca unter dem Arm. Er berichtete, während sein Herr das Tier erschreckt und besorgt betrachtete, vom Schicksal Matteas. Der Pfarrer richtete einen vorwurfsvollen Blick auf Ney, und es entging ihm nicht, daß der General sich zwingen mußte, eine strenge Miene aufzusetzen, während seine Augen leichtfertig lächelten. „Soldaten sind rauhe Leute, Herr Pfarrer", sagte Ney. „Aber der Wachtmeister wird das Mädchen heiraten, dafür stehe ich Ihnen." Nun rückte Tommaso keck und verlegen zugleich mit einem Anliegen heraus: Die fremden Soldaten hätten abführen. * den seit um von ab- „Die Sache ist mir mehr als rätselhaft, Walter! Ich hörte das Geräusch nebenan im Schlafzimmer, während ich hier arbeitete, sprang schnell hinüber und fand den Kerl hinter einer Portiere! Die beiden Freunde saßen am Schreibtisch des jungen Privatgelehrten und qualmten vor sich hin. „Allerdings ... wenn man bedenkt, daß du immerhin sehr bescheiden leben mußt... und daß die Einrichtung hier ..." Walter Kelling wies mit einer umfassenden Handbewegung auf das anspruchslose Studierzimmer, ... „Kostbarkeiten sind hier wirklich nicht zu holen!" , , . Der Doktor nickte. „Abgesehen davon ist noch etn anderer Umstand, der die Angelegenheit noch schleierhafter macht: meine Aufwartefrau behauptet, daß der Kerl heute früh schon einmal dagewesen sei und nach mir gefragt hätte!" Vielleicht wollte er die Gelegenheit zum Einbruch ausbaldowern?" t „Dann häte er sich doch gewiß einen Vorwand ausgesucht, in die Wohnung eingelassen zu werden, er behauptete aber, meiner Leihbibiliothek geschickt worden zu sein, um ein Buch zuholen, das ich mir entliehen habe!" „Das ist doch aber eine ganz plausible Sache?" schließt du nun daraus?" Wilke zuckte die Achseln. „Wenn es sich noch um ein wertvolles Werk handelte, eine seltene Erstausgabe z. B., könnte man an- uehmen, daß der Einbruch dem Buche selbst gegolten habe, aber so ... sich dir das doch an!" Er nahm vom Schreibtisch einen dicken Band und reichte ihn dem Freunde hinüber. „Das ist allerdings keine Kostbarkeit, wenigstens nicht vom materiellen Standpunkt aus, eine Feld-, Wald- und Wiesenausgabe von Sven Hedins „Transhimalaya", wie man sie in jedem Laden zu kaufen bekommt." Er gab das Buch kopfschüttelnd wieder zurück. „Ich habe schon daran gedacht", fuhr Wilke nach einer kleinen Pause fort, „daß der vorige Leser vielleicht etwas in dem Band Planquadrat C1. Eine merkwürdige Kriminalgeschichte von Lindy. „Behalten Sie nur die Hände hübsch oben", meinte Dr. Wilke und ließ keinen Blick von seinem Gefangenen. „Wenn fthnen die Zeit lang wird, können Sie mir inzwischen erzählen, was Sie eigentlich hier bei mir gesucht haben!" Er hielt den Browning fest auf die Brust des Einbrechers gerichtet und zog sich mit einem Fuß einen Stuhl heran. Der Mann, der mit erhobenen Armen an der Tür lehnte, lächelte spöttisch. „Von mir werden Sie nichts heranskriegen, Herr ..." Von da an war kein Wort mehr aus ihm heraus zu bekommen: auch als dann das Uebersallkommando kam, verharrte er in seinem verbissenen Schweigen und ließ sich widerstandslos Dr. Wilke lachte. „Doch nicht ganz, denn erstens kenne ich Bibliothekar persönlich, und zweitens habe ich das Buch erst drei Tagen! Zur Sicherheit habe ich auch noch den Bücherfritzen angerufen, welcher mir zur Antwort gab, daß er gar nicht daran dächte, seine Kundschaft zu mahnen, denn je länger die Bücher draußen blieben, desto größer seien auch die Leihgebühren!" „Ein durchaus gesunder Standpunkt", meinte Kelling, „und was tf>m versprochen, wenn er ins Heer einträte, so würde er in kurier ^eit Capitano werden: und da möchte er nun allo mit den Dragonern ziehen. Ney musterte den ranken Burschen wohlgefällig. „Es ist gut", sagte er, „du kannst untkommen. L^ier wandte sich der Pfarrer Buonaparte, immer noch die Henne im Arm, zu dem General, und in seiner Stimme war ein solcher Ernst, daß Ney betroffen lauschte. „Sie wollten mir da. ßiHrrf brinaen Herr General", sagte der alte Priester, „und ich danke Ihnen dafür. Aber blicken Sie um sich: Hat nicht Ihr Kommen in einem einzigen Augenblick das, was da» Gluck meiner Tage war, zerstampft, geraubt, zunichte gemacht? So hat mich der Himmel dafür gestraft, daß ich mich Mmute lang von dem Glanz der Welt versuchen ließ und die kleine Welt, in oie ily aestellt bin, mißachten wollte. Ueberbringen Sie meinem Neffen Napoleon meinen väterlichen Segen und sagen Sie ihm, daß e mich meinen Weg in Frieden soll zu Ende gehen lassen. Ney, der bei unverrichtetem Auftrag den Zorn des Aalsers fürchtete, legte sich aufs lleberreden, aufs Bitten, schließlich auf» Drohen. Da aber traf ihn aus den Augen des Pfarrers Vuona- parte ein stählern aufblitzender Blick, dem er nicht stanöhielt: und er sah plötzlich in dem hageren Antlitz des Greftes auf seltsame Art das Antlitz gespiegelt, vor dessen Ausdruck die Volker bebten, _das von einem unbeugsamen Willen gestrafft, von der Er^nnt- nis eines unabänderlichen Schicksals leidenschaftlich und machtvoll erfüllte Antlitz des Kaisers. So wandte sich Ney nut unwillkürlich tiefer Verneigung zur Tür, ging tn den Hof hinaus und befahl aufznsitzen. Gleich darauf raffelte der Trupp nut Geklirr und Getrappel davon. Der Pfarrer Buonaparte sah dem gleißenden Spuk nach, bis der aufgewirbelte Staub den letzten Waffenbesitz verschluckte, und es war, als er in sein verödetes Haus zurückkehrte, ur seinem leichten Schulterheben etwas, das an das stumme Achlelzucken gemahnte, mit dem Napoleon wenige Tage darauf Bet Neys Bericht die erwiesene Unzulänglichkeit seines Verwandten zu den unabänderlichen Torheiten der Menschen warf. vergessen haben könnte, einen kompromittierenden Brief oder fv ^"»ar«m nicht gleich das Testament des von bösenVerwandten bedrohten Erbonkels, das dieser in dem Einband verbarg ... , lachte Kelling, „nein ... mein Lieber, du phantasierst! Er nahm das Buch nochmals zur Hand. „Du siehstz der Einband ist unverletzt. Ich finde auch keine geheimen Zeichen darin, oder wlllstdu vielleicht diesen Zahlen hier einen Sinn beilegen? Er deutete aus eine Reihe von Ziffern, die auf der inneren Embandseite mit Tinte geschrieben waren, flüchtig hmgekritzelt, wie um da» Auf finden bestimmter Seiten zu erleichtern. Er schlug die erste der angegebenen Seiten aus. „Ich kann hier mit dein besten Willen nichts entdecken, keinen Bleistiftstrich, keinen Hinweis ... oder siehst du vielleicht etwas?" Der Gelehrte betrachtete das Buch nochmals eingehend. „Wenn man die Seite gegen das Licht hält", meinte er zögernd, ,chann sehe ich da allerdings eine Anzahl unregelmäßig verteilter Punkte, so als ob man mit einer Stecknadel hineingestochen hatte... Er blätterte weiter, schlug die nächste der angegebenen Seiten aus... „und wenn du hier genau hinsiehst, findest du dieselben Locher! Mein Lieber ... paß mal auf, da» hat wa» zu bedeuten! Er war ganz aufgeregt und auch Kelling konnte sich einer gewissen Spannung nicht erwehren, besonders al» es sich dann herausstellte, daß tatsächlich nur die angegebenen Seiten dtese rätselhaften Löcher enthielten, wahrend die übrigen Blatter des Werkes so unberührt waren, rote sie die Werkstatt de» Drucker» verlassen hatten. Die Löcher schienen eine Anzahl von Ziffern und Buchstaben zu kennzeichnen, roel.che nachdem sie die Freunde sorgfältig der Reihe nach hingeschrieben hatten, folgende 7 Gruppen ergaben: 3HIDRTRL HCEEHNDP CERUEUA ORDSU1U L2RGFCQ ” SEONRTN THNUEAA.“ Schweigend starrten die Männer auf diese mysteriösen Zeichen. „Ich kann da mit bestem Willen keinen Sinn hcrauslesen, meinte Kelling schließlich, „das sieht einer Kultursprache verdammt 4n®üfelmufjte lachen. „So einfach ist die Sache wohl doch nicht, mein Lieber. Es ist klar, daß die Zeichen nach einem bestimmten Schlüssel geordnet sind. Wenn wir den haben, werden wir auch wissen, weshalb der Einbruch versucht wurde." Großer Gott..." stöhnte Kelling, „weißt du auch, daß die Möglichkeiten, nach denen das Zeug da zusammengestellt sein kann, in die Millionen gehen? Da mache ich nicht mit!" „Brauchst du auch nicht, Walter, denn wenn wir nicht ein bißchen Glück haben, werden wir es sowieso nie herausfinden. Versuchen wir es erst mal mit den einfachsten Methoden. Wie ist es, läßt sich der Satz rückwärts lesen?" Er begann zu schreiben, schüttelte aber nach kurzer Zeit den Kopf. „Nein, das gibt auch keinen Sinn l" Kelling beugte sich vor. „Wie ist es, wenn man die Wortgruppen untereinander stellt?" Schweigend machte sich Wilke an die Arbeit. „Die Sache sieht dann so aus, 3 H I D H C E E C E R U O R D S L 2 R G SEGN T H N U schau her: R T R L H N D P E U A U 1 U F C Q RTN E A A Nachdenklich starrten die Freunde auf das Papier. „Wenn man das von oben nach unten liest, werden wir auch nicht schlauer", meinte Kelling nach einer Weile, „aber schaue dir bitte die dritte senkrechte Reihe an, von unten nach oben ... steht da nicht das Wort .NORD'?" „Wir habens", schrie Wilke auf, „sieh her...!" Er begann die einzelnen Reihen von unten nach oben zu notieren, indem er mit der rechten anfinq und nach links fortfuhr. Unter seinem zitternden Bleistift entstand ein Sah ans dem Papier, der endlich einen ^"PLANQUADRAT CI UNTERFUEHRUNG SUED NORD REIHE 2 RECHTS LOCH 3 ..las Kelling langsam vor, „was hältst du davon?" . „Daß das unzweifelhaft eine Ortsangabe ist. .Planguadrat C 1 bezieht sich auf eine Landkarte, das steht fest, fragt sich nur, auf welche..." , „ t „Wir sollten es zuerst mit der gangbarsten versuchen, das ist der Pssamsplan von Berlin. Hast du einen da?" Wilke nickte. „Dort unter meinen Wandkarten, gib ihn mal her." Es stellte sich heraus, daß in dem Quadrat C 1 zwei Unterführungen eingezeichnet waren, von denen die eine genau von Nord nach Süd verlief. Aufatmend fassen sich die Freunde an. „Fch glaube, daß wir der Lösung nasse sind", meinte der Gelehrte schließlich, „Bei Tagesanbruch fahren wir ssinaus und scssen uns mal um, was dort los ist, weswegen sich ein Einbruch lohnt!" * Wenige Stunden später saßen die Freunde recht niedergeschlagen in einem Chausseegraben, dicht an der fraglichen Unterführung. „Neingefallen, mein Lieber", unterbrach Kelling das Schweigen. „Laß uns mal wieder nach Hause fahren und ausschlafen!" . Wilke schüttelte den Kopf und starrte immer wieder aus das Papier mit dem geheimnisvollen Satz. „Ich kann mir gar nicht denken, daß wir irgendwo einen Fehler gemacht haben. ,Planquadrat C 1‘, das ist hier. .Unterführung Süd Nord', die ist da vor unseren Augen. .Reihe 2 rechts', das bezieht sich dort auf die beiden Reihen Löcher in der gemauerten Wand, die anscheinend zum Abfluß des Regenwassers dienen... .Loch 3‘, das ist genau so leer wie mein Magen, denn ich habe noch nicht gefrühstückt... Aber wo willst du denn hin?" Kelling hatte sich erhoben, schritt mit nachtwandlerischer Sicherheit durch den Tunnel bis fast ans andere Ende, ging auf die linke Seite hinüber, griff in eins der Löcher... und brachte eine Blechbüchse zum Vorschein, die mit einem Streifen Isolierband wasserdicht zugeklebt war. Mit einer unnachahmlichen Bewegung warf er dem Freund feinen Fund in den Schoß mit dem vielsagenden Wort: „Anfänger!" Wilke war viel zu aufgeregt, um näher darauf einzugehen, riß den Deckel ab und starrte sprachlos auf eine ganze Anzahl von Perlenketten, goldenen Uhren und Vrillantringen, die unzweifelhaft von einem Einbruch herrühren mutzten. * Der Kommissar schmunzelte, als er sein Amtszimmer wieder betrat. „Sie haben ein schönes Stück Arbeit geliefert, meine Herren! Ich kann Ihnen auch gleich sagen, wie die Geschichte zusammenhängt, denn unser Mann hat sich soeben bequemt, nachdem wir ihm die Blechbüchse vor die Nase gehalten haben, ein Geständnis abzulegen. Er ist vorgestern erst aus dem Gefängnis gekommen, wo er der Zellennachbar jenes Verbrechers gewesen ist, der den Einbruch begangen hat, aus dem die Schmuckstücke stammen. Jener Kerl hat ihm nun den Auftrag gegeben, die Sachen aus dem Versteck zu holen, weil er sie nicht für sicher hielt, er mag wohl auch seinem Gedächtnis nicht ganz getraut haben, weshalb er den Lage- plan in dem Buche verbarg..." „Aber welche Dummheit, ein Buch zu nehmen, das aus einer Leihbibliothek stammt, er mußte doch damit rechnen, daß das Buch verloren ging oder ausrangiert wurde, bis er aus dem Gefängnis kam...!" „Das Buch war ursprünglich sein Eigentum und wurde erst nach seiner Festnahme von seiner Braut mit noch anderen Schmökern verkauft, als sie in Not geriet. Und das war für uns ein Glücksumstand, denn als unser Freund hier das Buch nicht mehr vorfand und auch in dem Antiquariat erfuhr, daß es ausgeliehen sei, bekam er es mit der Angst zu tun und versuchte den Einbruch, anstatt in aller Ruhe abzuwarten, bis Sie es ausgelesen hätten. Woraus Sie wieder einmal ersehen können, Herr Doktor, daß die Theorie stimmt, wonach jeder Verbrecher früher oder später eine Dummheit macht, bei der er gefaßt wird!" Die Freunde erhoben sich, um sich zu verabschieden, doch der Kommissar hielt sie an. „Es wird Ihnen sicher nicht unangenehm sein, meine Herren, daß auf die Herbeischassnng der Juwelen eine ganz anständige Prämie ausgesetzt war. Darf ich Ihnen dazu gratulieren?" _ LL Dr. Wilke sah seinen Freund an. „Ich glaube, der Hauptteil gehört Herrn Kelling hier. Er hat mir bis jetzt noch nicht verraten, wie er darauf kam, daß die Blechbüchse auf der anderen Seite versteckt war?" ... ™ Der Kommissar sah fragend auf den jungen Mann, der ein Lachen nicht unterdrücken konnte. „Das war ja gar nicht der Fall, sic steckte schon ganz richtig auf der rechten Seite. Mir siel nur aus, daß in dem Lageplan die Richtung der Unterfübrung mit ,Süd-Nord' angegeben war, während doch man im allgemeinen Sprachgebrauch .Nord-Süd' sagt. Das mußte also, wenn es kein Zufall war, eine Bedeutung haben und zwar die, daß man von Süden in den Tunnel hineinqehen müsse. Da wir aber nun von Wnröen gekommen waren, batten wir ganz einfach auf der fauchen Seite gesucht... Das ist das ganze Geheimnis!" Erbe der Abnen. Von Ludwig Finckh. Das Erbe der Ahnen ist nicht nur stofflicher, sondern auch geistiger Natur. Was sichtbar ist, mag der Körper sein. Aber erst die Leistung enthüllt die Grundlagen. Solange die Aufzeichnungen fehlen, ist es schwer, den Lauf des Blutes zu verfolgen. Denn das Aenßcre trügt. Es gibt hochgewachsenc blonde Menschen — ich traf sie in der Tschechoslowakei —, die Deutschenseinde sind: und es gibt kleine, schwarzhaarige, rundschädlige Menschen — vielleicht mit fremdländischen Namen —, die glühende Deutsche sind. Nicht immer wohnt die Seele in dem ihr gemäßen Leib. Es wird einmal die Zeit kommen, da aus Grund der Ahnentafeln auch der Gaug der Vererbung im Geistigen dargetan wird. Noch sind wir auf Rückschlüsse angewiesen. Und es fragt sich: wie ist die Verteilung des Ahnenerbes im deutschen Raum zu beurteilen? Gibt es besondere Schätze und Schatzhalter unter den deutschen Stämmen, — ragt ein Stamm vor dem anderen an Talenten hervor, gibt es ein alemannisches geistiges Gesicht, ein oberdeutsches, ein fränkisches, ein niederdeutsches, ein ostdeutsches? Wie sind die Gaben verteilt? __ In der Musik. Auf den ersten Blick scheint der Süden zu überwiegen. Haydn, Mozart, die Oesterreichcr, Gluck, Schubert, Nugo Wolf, die Reihe, die nie abreißt, die Süddeutschen, die io viele Blutsfäden untereinander haben, daß man oft nutzt zwischen Bayern und Oesterreichern unterscheiden kann, sind mit der Flöte in der Wiege geboren. — so sagt das Sprichwort vom Böhmen (ebenso vom Deutschböhmen als vom Tschechen). Hier mutz die Vererbung eine große Nolle spielen. Aber die Bäche von Süd und Nord laufen zum deutschen Strom zusammen. Brahms und Beethoven sind Niederdeutsche, die ihre Lebenslust vom Meere her bekamen. Und die Brücke bilden Bach aus Thüringen, Händel — aus Halle —, Schumann — aus Zwickau, Richard Wagner — aus Leipzig. Aus dem Herzstück Deutschlands, aus der Mitte. Es ist ernstere, schwerere Kost, die sie vermitteln, — und schon schlagen wieder der Süddeutsche Richard Strauß, der Oesterreicher Anton Bruckner und Max Reger an das Pult. — Ganz gewiß aber hat die leichtgeschürzte Muse der Walzerkönige Lanner, Strauß bis auf die heutigen Wiener Blut mit der Muttermilch eingesogen. Hier hat der Ahnenforscher ein unbegrenztes Gebiet. Denn es ist seltsam, daß die Angelsachsen, die so viel Sinn für gute Musik haben — seit Händels Zeiten —, und Engelsstimmen im Frauengesang aufweisen, in der Musikschöpfung im Rückstand bleiben. Das kann nicht etwa mit dem nordischen Wesen zusammenhängen, denn die Skandinavier können mit Tonschöpfern vom Range Griegs und Gab es dienen. Anderseits steckt jedem Südländer die Musik im Blute, — Spanier, Italiener, Franzosen haben schon im Kind, im einfachen Volk den ausgesprochenen Sinn für Rhythmus und Musik. Demgegenüber fällt ein Gebirgsvolk, das, wie wir sehen werden/ in einer anderen Kunst überaus begabt ist, die Schweiz, in der Musik ab. Man hat dem Oberdeutschen schon die musikalische Ader abgesprochen. Der Schweizer Otmar Schöck, Julius Weismann und Heinrich Kaminski, die Schwarzwälder, sind Gegenbeweis. — Man müßte freilich von all diesen Meistern den Weg des Talents in der gesamten Ahnenschaft, auch bei den Müttern, verfolgen können. Wie überall in der Kunst hat ein junges und zusammengewürfeltes Mischvolk wie der Amerikaner wenig gute Ueberlieferung, wenig Geschmack und wenig Schöpferkraft in der Musik. Hier ist es Zeit, die Deutschamerikaner an ihr reiches Ahnenerbe zu erinnern. In der Malerei führt der Süddeutsche. Hier sind die Oberdeutschen, die Alemannen, in der Vorhut, — Hans Thoma, der deutsche Meister, dessen Ahnen aus Tirol kamen, hier laufen alpine, dinarische Blutströme zusammen, und es mochte nicht von ungefähr sein, daß sich die besondere Begabung der dinarischen Rasse in der Mutterstadt München zusammendrängte. — Dann aber strömte reich und mächtig der alemannische Brunnen dazu, — die Böcklin, Hodler, das Viermillionenvolk der Schweizer wartet mit einer unverhältnismäßig hohen Zahl von bedeutenden Malern auf, die auch vom Tessin her befruchtet werden — Se - gantini, Giakometti, — und die Deutschen von heute, Hans Adolf Bühler, Adolf Hilden brand und andere. Und doch: auch der Norden Deutschlands hat seine feinen Blutstränge beigesteuert: von den Romantikern Kaspar David Friedrich ab bis zu den niederdeutschen Worpswcdcrn. Jene oberdeutsche Ueberlieferung aber knüpft an vergangene Jahrhunderte an, Holbein, Cranach und Dürer und ihre Schüler, die niederdeutsche an die Glanzzeit der Malerei der Holländer. Wie kommt das Talent zustande? Das Ahnencrbe der Musik steigert sich familienweise durch fortlaufende Versippung wie durch dauernde Ausübung. In einem Hause Bach, Mozart, Strauß riecht schon die Luft in der Kinderstube nach Musik. Alles ist erfüllt von Klängen. — Nickt so ausgeprägt vererbt sich die Gabe der Malerei. Mancher Maler schwankte in jungen Jahren zwischen der Dichtkunst und der Malerei, und mancher Dichter konnte zeitlebens das Malen nicht lassen. — so Goethe, Gottfried Keller, Mörike, Burte, Hesse. Es scheint so, daß verschiedene Neigungen und Fähigkeiten sich hier überschneiden. Die Dichtkunst hält den Norden und den Süden im Gleichgewicht, zumal in der Neuzeit. Wohl ist das Land Schwaben in einem besonderen Maße geieanet: seit den Minnesängern, Schil- l e r und Hölderlin, Mörike und Kerner. Es ist ganz selbstverständlich: der Schwabe dichtet. (In der „Lerche" habe ich einige hundert dieser Schwaben aus tausend Jahren gesammelt.) Während aber der Süddeutsche weit mehr zur Lyrik hinneigt, bat sich im Norddeutschen der Hang zur Ballade festgesetzt: Münchhausen, Agnes M i e g e l, Sulu von Strauß und Torney. Auch in der Philosophie liegt der Nachdruck der Begabung im Süddeutschen: Schelling, Hegel, Vaihinger, — wogegen der allgewaltige Friedrich Nietzsche slavisches Vluterbe mitbringt. Die Meister der Baukunst sind im Süden wie im Norden dicht- aesät. Stammte Peter Parier von Gmünd, die Meister des Barocks aus Vorarlberg, die großen Dombanmeister vom Rhein, — so waren die Meister der Backsteingotik aus dem Norden, und Danzig kann sich ebensowohl dem .siarz als den süddeutschen Reichsstädten Augsburg, Nürnberg, Rothenburg an die Seite stellen. Und die Wissenschaft? Entdecker und Erfinder, Techniker? — In der Reihe Johannes Kepler, Robert Mayer, Röntgen, Zeppelin, Eckener, Krupp, Borsig, verkörpert sich Nord und Süd. Und nur in wcitzurückreichenden Ahnentafeln _ wie beim Grafen Zeppelin — wird sich erweisen lasten, daß unser Atznenerbe o"s tausend deutschen Adern gefloffen. aus Millionen deutschen Blutstropfen zusammengesetzt, ein Wnndernetz hoher Begabung ans allen Stämmen bildet: das deutsche Volk. „Laß es gut sein", meinte er. „Die feineren Hölzer gehören zur feineren Wissenschaft. Die grobe Wissenschaft hast du vorzüglich bestanden. Bist bei dem alten Titt willkommen." Und Juppi blieb in der Sägemühle. Oben unter dem Dach wurde ihm eine kleine Kammer eingeräumt mit einem richtigen Bett und einer Waschschüssel auf einer Kiste. Das war mehr, als Juppi je zu träumen gewagt hätte. An die kahle Kalkwand hängte er seinen Werkzeugkasten: es war, als hinge ein wunderbares Bild da. Wie oft vertiefte er sich darin. In dem Bild blitzten eine Säge und ein Leimtopf von Gußeisen mit drei Beinen. Manchmal schlüpfte der Hammer aus dem Bild und klopfte laut. Aber eine Tiroler Bauernstube konnte er mit seinem Gehämmer nicht aus den Bretterabfällen hervorlocken. Juppi lernte die Stimme des Holzes kennen, wie es da unten auf den Sägetischen und Laufböcken aufschrie. Wochenlang hörte er im Spätherbst die Tannen gellen, wenn die Sägebänder ihnen das Mark durchschnitten. Sie hatten einen scharfen Gesang, der einem das Gehör fast taub machte, so durchdringend stimmten sie ihre Sterbeweise an, und sie sangen bis Allerseelen: da fror der Mühlenbach zu und vereiste. Das Werk stand. Titt lebte von seinem Sommerverdienst. Zwar blieb nicht viel für Juppi, doch langte es. Er litt nicht Hunger, und es war in feiner Kammer auch nicht so kalt wie auf dem Heuboden bei den Einsamerleuten. Im Frühjahr, eines Nachts, brach der Vach auf und donnerte über das Rad. Am Morgen knatterte das Werk wieder, und die Sägen zersägten die lange Stille. Da kamen die Kiefernstämme auf die Arbeitstische. Sie zeterten laut, aber es half ihnen alles Schelten nicht. Sie mußten Bretter werden. Lange Trompetenstöße rasselten sie Juppi entgegen, schrilles Wiehern und Meckern. Nicht so schneidend hart tönte ihr Totenlieb wie der Abgesang der stolzeren Tannen. Und mitten hinein dröhnte das Wasser, die Stimme des Berges, von dem es niederstürzte und durch die Rinne fuhr. Als die Eichenstämme auf die Laufböcke gewuchtet waren, erhob sich ein dumpfer Hall wie aus den Wurzeln der Erde. Gewitterig rumpelten sie: lange, schwere Rufe entfuhren ihren hünenhaften Baumleibern. Sie hatten den Sturm in ihre Stämme versammelt, eingeerntet den Donner über den Wäldern, wenn die Blitze die Wolken zerstachen: nun brüllten sie ihren Trotz heraus und begehrten auf gegen eine Gewalt, die nicht ihre Gewalt war. „Schau sie dir an!" befahl er. Juppi tat es. Seine Blicke irrten über den Holzzaun, und er verstand nicht, w'as Herr Titt von ihm wollte. „Was siehst du?" fragte Titt. „Holzstücke ..." antwortete der Prüfling und hielt sein Bündel und den Werkzeugkasten. „Tja ..." schnurrte der Alte ein wenig verächtlich, „das steht leder. Was für Holzstücke siehst du?" Nun war Juppi mißtrauisch geworden und schwieg. Was nur wollte der Alte wissen? Juppi sah größere und kleinere Stücke, helle Schnittflächen, gelbe, rötliche, glatte und gemaserte „Wer bei mir wohnen will", sagte Titt, „muß Holz kennen. Wer kern Holz kennt, den will der alte Titt nicht kennen. Ich hab's immer so gehalten und bin gut damit gefahren." Mit mir wirst du nicht schlecht fahren, dachte Juppi und ergriff das erste Stück der Reihe. Natürlich wußte er, was für ein Holz das war. „Fichte!" sagte er. Das zweite Stück, jedes Kind konnte es am Wuchs erkennen: „Kiefer." Die dritte Probe: „Buche." „Recht!" sagte Titt, freundlicher geworden. Qr,Z,S8iyfe" fe6te Juppi die Holzlitanet fort. Er wird doch dem Alten sagen können, was er da für Holzreste angesammelt hat. „Lärche!" rief er, ohne zu zögern. „Sehr gut", versetzte Titt. Juppi prüfte das Nachbarstück, musterte es von allen Seiten, roch daran: „Eiche!" „Recht." „Nußbaum ..." „Auf den Kopf getroffen!" bestätigte SSeir Titt. -Erle ..." schmetterte Juppi. Das wußte er aber nicht so ganz gewiß. Titt verbesserte ihn nicht. u 6 „Akazie..." Wiederum schwankte er. Ueberlegen lächelte der Sägemüller. Juppt kam nicht wieder auf den Einfamerhof. Mit Einwilligung des Vormunds hatte ihm die Gret eine neue Unterkunft gesucht, von wo er nicht so weit zur Schule hatte. Es war der Grillhof auf dem Gehänge. Der Bauer war im Krieg umgekommen, man wußte nicht wo, seine Witwe und ihr Sohn führten das Anwesen. Juppi 1 hatte es bei ihnen nicht viel anders als auf dem Oedhof. Die Bäuerin war verbittert, mit der Welt zerfallen, unfromm und geizig,- ihr Sohn trank gern und prügelte tm Rausch jeden, der ihm in den Weg kam — Juppi hatte einigemale das Pech, ihm . zwischen die Finger zu geraten. Doch blieb er nur bis zum Herbst ; auf dem Gehänge: die Bäuerin wollte ihn, als unnützen Esser, den Winter nicht durchfüttern. So mußte er abermals wandern. Es war ihm nicht unlieb, er ging ja gern fort. Der Vormund verschaffte ihm einen Platz bei einem Sägemüller in Hohenröhren, einem alten Junggesellen, dem Herrn Titt. Bevor Tttt ihn aufnahm, unterzog er ihn einer wunderlichen Prüfung. Er war ein grauer, ernster Mann, der wie ein einsamer Holzwurm in seiner Mühle hauste, im Verein mit einer taubstummen Magd. Dieser sägende Holzwurm hatte schon sehr viele und große Wälder aufgefresscn, war aber dadurch nicht aufgeräumter und dabei auch nicht fetter geworden. An die sechzig Jahre war er alt. Als Juppi bei ihm erschien, rief er ihn in seine Müllerstube und führte ihn dort an den Tisch. Juppi sah auf der Platte eine lange Reihe von Hölzern hingeordnet, eines neben dem andern. Titt deutete feierlich auf die Schnittstücke. Oer Gternenbaum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) «Nachdruck verboten.) Juppt roch den Braten, wie er aus der Abenddunkelheit zu duften schien. Sie eilten im stiebenden Schneegestöber, im Märchen- geflock über den schon finster und still gewordenen Markt: die Weihnachtsstadt war eingeschlummert und ausgestorbcn. Aber hinter und über den Vudenöächern drang aus allen Stockwerken der hohen Häuser feierliches Licht: die Weihnachtsbäume gossen ihren Kerzenglanz durch die Scheiben. Von goldenen Blitzen waren die Fenster überblendet, als hätte der Weihnachtsengel, dessen Flügel sich mit den Flügeln des Schneegeschwaders vermischten-, sie mit seinen himmlischen Schwungfedern gestreift. Und Kindergesang, fern und gedämpft, schwebte hold in die Nacht. Nach dem Abendessen, dem Juppi gehörig zugesprochen hatte, man war dabei warm und auch müde geworden, wurde in der Gaststube von der Wirtin für die heimlosen Gäste und Verkäufer ein hoher Weihnachtsbaum angezündet. Der war reich mit Aepfeln geschmückt und mit Glasketten von allerlei Farben. Bäche von Engelshaar stürzten von seiner Spitze herunter und webten ihn ein in einen gold- und silbergewirkten Schletermante^. Juppi riß die Augen auf. War es Traum, war es Wirklichkeit? Er rührte sich nicht, so schön war, was er sah. Aber er sah nicht mehr als die Vorbereitung. Ehe noch die oberste Kerze brannte und hinausleuchtete in die Ewigkeit, sank Juppis Kopf schwer gegen den Tisch. Er war eingeschlafen vor Müdigkeit. Für ihn wachte sein Kasten ... Die Sagemühle. Die Buchen auch murrten und brummten, als ob da alle Wildtaubenstimmen ihnen beistünden, ihr letztes Wort unter den Sägen auszumurmeln: du bunter Grund, du dunkle Schlucht, o Waldesrund mit unferm Schattenbild auf krummen Wurzeln und Busch- gcäst ... Die Eschen flehten und beteten, als ob ihre Seelen tränten und die Rehe klagend verhofften: o Waldsee, wir sehn dich nicht wieder. Ihr Elstern und Krähen! O verlorenes Nest, du Sommer, o weh ... Die Birken aber trotzten nicht. Demutsvoll nahmen sie ihr Schicksal auf sich, in sanften Klängen vergingen sie, als ob es aus ihnen herausströmte: o ferne Lichtung, o fernes Licht, du linder Wind, du silberner Frtthlingshimmel ... Juppt lauschte ihren Holzworten und Waldposaunen, bis sie, zu Balken, Brettern, Pfeilen und Latten geworden, verstummten. Der alte Titt wußte viele Geschichten aus dem Wald, von den Sägen und den Bäumen. Wenn er im Abendfrieden, da die Räder nicht mehr ratterten und das Wasser, seiner Knechtschaft ledig, über das Wehr rauschte, hinetnfallend in die Nacht, auf seinem abgeschabten Lehnstuhl saß und der maulwurfsfarbene Kater auf seiner Schulter schnurrte, hörte Juppi ihm aufmerksam zu. Was für Menschen und Baumgesellen zogen da geistluftig vorüber. Draußen vor den offenen Fenstern atmeten die Waldlungen tiefe Züge, Nachtvögel flatterten und stießen ihre Käuzchenschreie aus, die grüne Seele des Waldes war einqeschlafen, und die schwarze öffnete ihre stern- und gltthwurmsunkelnden Augen: Titt, von grauem Scheitelhaar bis in die Stirn übergrast und überflechtet, wie einer der Granitköpfe am Weg nach Siebenellen, erzählte mit gedämpft-schwebenden Worten. Wie eine Espe lispelte er dann, als hätten seine Silben Blätterflügel, und espengleich sah er aus: schmal, dünn, grausilberig. So erzählte er einmal von der höchsten Tanne im Wald nahe der böhmischen Grenze. Wolkenhoch überragte sie ihre riesenlangen Genossen, wie einer jener wenigen Bäume, denen Gott erlaubt habe, in den Himmel zu wachsen. Schwiegen abends die Wälder rundum schon lange, dann habe noch immer ihr Wipfel seefen- aklein in den himmlischen Lüften gerauscht. Eines Tages sei sie gefällt worden und in seine Mühle gekommen. Ein halbes Dutzend Sägebänber seien an dieser Tannensäule zersprungen. Erst das siebente Band, ein besonders starkes und langgezahntes, habe den Stamm bewältigt. Aber unter welchen Die ganze Mühle sei in ihrem Gang gehemmt worden, solchen Widerstand habe der Baum geboten. Und geheult hätte er "an es zehn Berge weit hörte. Damals sei über den Wald ein Wetter hereingebrochen, noch heute könne er es nicht vergessen. Man hatte meinen mögen, die Tanne habe alle Wolken mit Regen, Hagel und Blitzen, ihr zu helfen, herbeigernsen. Eine merkwürdige Geschichte, dachte Juppi. Die hätte Grets Vater erfahren sollen. „Plötzlich , sagte ^itt, „war alles still, bas Wetter und der Baum. Und was meinst du, war der Grund?" Juppi ahnte ihn nicht. (Fortsetzung folgt.) "Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: BrÜhl'sche Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen. *+° j.f'k GiehenerZamilieMäMj Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (953 H Freitag, den 5. Januar Hummer \ Colour & Grey Control Chart 22 19 18 17 16 8 Horch, Herz, in die einsame Nacht hinein, Es gehn viele Füße, laß offen die Tür, Es werden vielleicht die drei Könige sein. Magenta Black Oreikönige. Von Hans L e t f h e l m. Brief standen zwei Buchstaben: N. Z. sizier ritz zwei Blätter von seinem Block und Oie Liebesgabe. Eine Geschichte von Paul E r n st. Bei einer der großen Schlachten, welche im Weltkrieg sich wochenlang htnzogen, lag ein junger Leutnant mit seiner Truppe in einem Schützengraben. Die Leute hatten sich den Aufenthalt so behaglich wie möglich gemacht,- sie hatten sich einen Raum von der Größe einer kleinen Stube im Boden ausgcgraben: aus dem nahen Dorf, das längst von den unglücklichen Einwohnern verlassen war, hatten sie Stroh und sogar einige Matratzen geholt,- ein Mann besaß eine Ziehharmonika und spielte oft, indessen die andern, behaglich rauchend, ihm zuhörten, und der Posten mit dem 20 21 14 15 9 10 11 12 13 4 5 6 7 >andtschast, bet fremden Leuten bin ich erzogem meiner Freundin zu Besuch. Wenn ich sie ver- ich wieder in meine einsame Wohnung zurück. :iner Freundin steht im Feld. Sie wartet herz- : Post, studiert weinend die Verlustlisten. Ich nach, herzklopfend auf die Post zu warten, ich Kränen der Besorgnis um einen Menschen, den Cyan Grey 1 Green Grey 2 i Brief hat ein Mann erhalten, der einsam ist e meine Eltern nicht gekannt, habe meine ersten m Oheim gelebt und wurde dann in das Ka-! w id)t. Wenn meine Kameraden in den Ferien In die Heimat reksten, mnßte ich bleiben: ich hatte keine Heimat. Ich bin ärmer als Sie, ich habe noch nicht einmal einen Freund. Ich sende diesen Bries auf Geratewohl, wie Sie den Ihren Ihrer Gabe betgefügt hatten." Diesen Worten fügte er seinen vollen Namen mit Anschrift bei. Dann erknndigte er sich bei den Leuten nach dem Herkunftsort des Pakets. Es war aus Berlin gekommen. Er schrieb aus den Briefumschlag die beiden Buchstaben R. Z. und richtete ihn postlagernd Berlin, Hauptpostamt. „Weshalb hatte sie nicht ihren Namen unterschrieben?" dachte er in der Nacht. „Was habe ich für einen Unsinn begangen, einen solchen Brief abzusenden!" dachte er weiter. Er lachte für sich und dachte: „Er wird einige Wochen auf der Post in Berlin liegen, dann wird man ihn mit andern alten Briefen verbrennen — oder wird man ihn öffnen, um den Absender zu erfahren?" Es war ihm ein unangenehmer Gedanke, daß man den Brief vielleicht ösfpete, __________________________________—---------- Yellow Grey 3 Red Grey 4 „Dieser Jacke, die ich gestrickt habe unter den herzlichsten Wünschen für den Mann, der sie einmal tragen soll, füge ich einen Brief bet. 3ch weiß nicht, in welche Hände beides fällt,- aber tch möchte dem Unbekannten einen Gruß senden. ^rh hnhi> feinen anderen Menschen, dem ich einen Gruß senden Danes/X rzliches wünschen darf. Meine Eltern sind tot, pictayy nie besessen, meine Eltern waren einsame Ocm 1 2 3 Blue White 8 Der Leutnant saß etwas abseits von den Leuten auf einer Matratze. Er freute sich über die Fröhlichkeit der Leute, über den heiteren und selbstverständlichen Willen, die Mühsale und Schädigungen des Aufenthaltes nicht Herr über den frischen Mut werden zu lasten: er fühlte auch, daß er zusammcugehörte mit seinen Untergebenen, daß kein Mißtrauen und keine Feindlelig- keit bei ihnen gegen ihn war, sondern Zuneigung und kameradschaftliches Gefühl: dennoch spürte er sich ausgeschlossen von der allgemeinen Heiterkeit. Die Achtung vor dem Vorgesetzten lag über den Lenken, und ein lachendes Gesicht änderte sich plötzlich dienstlich, wenn die Augen zufällig nach seiner Richtung fielen Es war das ja nötig wegen der Manneszucht, und es bedeutete nichts Uevles: aber der junge Mann hatte doch plötzlich das Gefühl einer grenzenlosen Vereinsamnng. Die Mannschaft batte leise miteinander gesprochen, dann trat der Unteroffizier auf ibn zu, brachte ihm die gestrickte Jacke und sagte, sie hätten bemerkt, daß 6er Herr Leutnant nur seidenes Unterzeug habe, das bei der nunmehr einsetzenden Kälte nicht genüge: sie selber seien mit dem Nötigen versehen und bäten ihn, daß er die warme frorfe nehmen möge. Einen Augenblick darbte der Offizier, das, er die Gabe abweisen müsse, dann überkam ibn die Freude über die vielevolle Gnsinnuna, er nabm das Dargebotene und dankte allen. Wie eine beiße Glückswelle strömte ihm die Freude über die liebevolle Gesinnung, er nahm das Dargebotene werde schon nervös", dachte er. , ,, Wie er nun die Jacke aiiseinanderleate, um ste zu betrachten, fühlte er Papier: er schlug sie um und fand inwendig, mit Garn festgebeftet, einen Brief. In dem mit zierlicher Frauenhand geschriebenen Brief stand folgendes zu lesen: S tz £ c I i 11 I 1111 11 111 I 11 l I 11 I I i I l I i I 11 11 i I 11 l 111 । 11 111 । 111 । 11 । 111 । 11 । । । achtzehn Jabre alt. lieber Ihren Brief staben wir den ganzen Tag geweint. Weil ich allein den Mut gehabt hatte, ihn abzubolen. so darf ich ihn auch allein beantworten, aber die andern lasten Sie wenigstens grüßen." Dann folgte der volle Name des Mädchens. Der junge Offizier sah wobl, daß fein Brief durch irgendeine Verwicklung in ganz andere Hände geraten war, als er ihn bestimmt hatte: aber er freute sich doch über den zierlich goldgeränderten Bogen die mädchenhaften Schriftzüge, und in den langen Stunden der Muße, welche er jetzt hatte, versuchte er sich ein jugendliches Gesicht vorznstellen. das der Briefschreiberin angehören mochte. Er antwortete auch, einen längeren Brief, wie der erste gewesen war, bekam wieder Antwort zurück: und es folgte dann ein heiterer: neckischer Briefwechsel: es war, als hätten sich beide Teile das Wort gegeben, nichts von dem Ernsten und Schweren des Krieges sich merken zu lasten: der Vater und zwei Brüder des jungen Mädchens waren gleichiallS Offiziere und standen im Feld, und der junge Mann lag den feindlichen Kanonen und Gewehren gegenüber, und jeden Augenblick konnte ihn eine der Kugeln treffen Und es traf ibn auch eine Kuael. Er hatte mit dem Glas fpäbend die feindliche Stellung beobachtet und war dabei wohl etwas zu sichtbar aeworden: plötzlich füblte er einen Schlag aegen die Unke Schulter Die Berwnndnng mar n*t fefir schwer: der Arzt bestimmte, daß er eine weitere Reife machen konnte und so schickte man jbn denn nach Berlin Ans dem Lazarett schrieb er seinen ersten Bries wieder an die Unbekannte erzählte alles, und wenn er auch bescheiden nicht ausdrücklich bat. daß sie ibn besuchen möae. fo stand doch d-ntlich zwilchen den Zeilen zu lesen, wie sehr er sich über einen Besuch freuen würde.