SiehenerKnnilieiibliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1934 Freitag, den 28. Dezember Nummer W HANS DOMINIK EIN ST1EIRN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 8Y KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) Während Bolton die Worte wütend heraussiieß, kam auch Garrison das Verständnis ihrer Lage. „Ausgesetzt, Bolton, auf einer Insel ausgesetzt? Das ist der beste Beweis dafür, Bolton, daß meine Ideen nicht verrückt sind. Die Deutschen fürchten, daß wir ihnen ins Gehege kommen ... natürlich wieder -er Berkoff ... wir hätten besser auf unserer Hut sein sollen, und trotzdem — ich verstehe immer noch nicht, warum —" Er hatte während der letzten Worte mehrmals in seine Taschen gegriffen. „Haben Sie das Buch, Bolton?" „Welches Buch?" „Die Berechnung der Einschlagstelle." Bolton griff in seine Taschen, ebenfalls vergeblich. „Unsinn, Garrison, ich habe das Buch nicht." „Dann hat der verfluchte Berkoff es gestohlen. Jetzt begreife ich alles." „Hat lange gedauert bei Ihnen", knurrte Bolton, hing sich das Gewehr über und stopfte sich die Taschen voll Patronen. „Kommen Sie, Garrison, wir wollen uns das Plätzchen wenigstens mal ansehen, das die Banditen für uns ausgesucht haben." Er faßte Garrison beim Aermel und wollte ihn mit sich ziehen. Der zögerte, holte seine Uhr hervor, zog sie auf und sagte dann: „Wir wollen die Uhren vergleichen." „Hier bitte! Wenn Ihnen das jetzt gerade Spaß macht, Garrison." Bolton zog ein goldenes Chronometer aus der Tasche und ließ den Deckel aufspringen. Beide Uhren gingen nach Greenwich-Zeit und stimmten auf die Viertelminute überein. „Ziehen Sie sie auch auf, Bolton. Vergessen Sie niemals, sie rechtzeitig aufzuziehen. Die Kenntnis der genauen Greenwich-Zeit gibt uns die einzige Möglichkeit, herauszubekommen, wo wir eigentlich sind." Bolton tat, wie ihm geheißen und versenkte das Chronometer wieder in seine Tasche. „Das ist Ihre Sache, Garrison. Dafür sind Sie Astronom. Kommen Sie endlich!" Zusammen machten sie sich auf den Weg und schritten an der Grenze von Gras und Sand das Ufer entlang. Zu ihrer Linken landeinwärts schlossen sich an die Wiese dichtbewaldete mäßige Höhen an. Zu ihrer Rechten dehnte sich bis zum Horizont die See. Schon nach wenigen Schritten stießen sie aus einen Bach, der von den Waldbergen herunterkam und hier ins Meer mündete. Bolton bückte sich, schöpfte etwas Wasser in die Hand und kostete davon. „Süßwasser, Garrison! Verdursten können wir wenigstens nicht. Mit einem kräftigen Sprung kamen sie über den Bach hinweg und marschierten weiter. , „ , Nach einer halben Stunde blieb Bolton stehen und wischte sich den Schweieß von der Stirn. „Hol's der Teufel, Garrison, das Marschieren hat auch keinen Zweck, wer weiß, wie groß die verfluchte Insel ist. Kommen Sie, hier geht's in die Höhe. Wir wollen mal auf den Berg klettern. Da können wir mehr übersehen." Der Weg war nicht ganz einfach. Hin und wieder mußten sie das dichte Unterholz mit Gewalt zur Seite drücken, um durchzukommen. Schon waren sie ein gutes Stück gestiegen, als der Wald lichter wurde und schließ!! chin eine große Wiese ausging. Bolton blieb stehenund packte Garrison am Arm. „Sehen Sie! Sehen Sie da, Garrison, Ziegen! Es gibt Ziegen hier, weiß Gott, Ziegen." ,, r m , Er nahm die Büchse von der Schulter und schob zweni Patronen in die beiden Läuse. Das Gewehr unter dem Arm stieg er weiter. Schwitzend und keuchend folgte ihm Garrison. Fast eine Stunde verging. dann hatten sie endlich den unbewaldeten Gipfel des Berges erreicht. Wohl an die fünfhundert Meter hoch mochte sich das Land über die See erheben. Nach allen Seiten hin hatten sie freien Ausblick und mußten erkennen, daß ihr Reich nicht allzu groß war. Eine Insel war es, wie sie gleich zu Anfang vermuteten. Etwa zehn Kilometer mochte sie sich in die Länge strecken, kaum drei in die Breite. Bolton stieß ein wütendes Gelächter aus. „Schön gemacht, Herr Berkoff! Fein gemacht, Herr Eggerth! Unbequeme Konkurrenten bringt man auf eine einsame Insel. Da können sie jahrelang Robinson und Freitag spielen. He! Sie Garrison-Freitag! Was sagen Sie zu der Sache?" Garrison wußte nicht viel zu sagen. Während Bolton schimpfte und polterte, zog er die Uhr und beobachtete aufmerksam die Sonne. „Reden Sie doch, Mann! Was sagen Sie zu der Schweinerei?" brüllte Bolton. Garrison schüttelte den Kopf. „Stören Sie mich nicht, Bolton. Der Platz hier ist für eine Beobachtung günstig." Er suchte sich einen kurzen graben Ast und steckte ihn senkrecht in die kurze Grasnarbe. „Was ist das für ein verrückter Zauber?" fuhr Bolton dazwischen. „Stören Sie mich nicht, Bolton." Während Garrison es sagte, markierte er das Schattenende des Stabes mit einem Steinchen auf der Rasenfläche und suchte danach noch andere Steinchen zusammen. „Was soll denn der Unsinn, sind Sie ganz und gar übergeschnappt?" „Davon verstehen Sie nichts, Bolton. Setzen Sie sich eine Weile ins Gras und stören Sie mich nicht." Bolton schüttelte ärgerlich den Kopf. „Dann erklären Sie mir doch wenigstens den Hokuspokus, den Sie da treiben." Garrison war eben beschäftigt, mit Hilfe von Uhr und Sonne die Nord-Süd-Linie festzulegen. „Die Sache ist sehr einfach, Bolton, in etwa zehn Minuten haben wir den wahren Mittag. Das gibt uns schon — leider nicht ganz genau — den Längengrad der Insel. Wenn es mir auch noch glückt, die Sonnenhöhe im Mittagspunkt zu messen, werden wir ungefähr wissen, aus welchem Breitengrad wir sitzen." Bolton zuckte die Achseln. „Brotlose Kunst, Garrison, was soll uns das helfen? Selbst, wenn Sie's richtig herausbekommen, wir haben keine Geräte bei uns — keinen Funk, durch den wir Hilfe herbeirufen könnten." Garrison kümmerte sich nicht um seine Einwände. Unverdrossen arbeitete er weiter, schrieb Zählen und Zeitangaben auf ein Blatt Papier, während er dazwischen immer wieder neue Steinchen aus das Ende des langsam fortschreitenden Stabschattens legte. „Sind Sie bald fertig mit dem Kram, Garrison?" „Bald, Bolton. Haben Sie zufälligerweise eine Logarithmentafel bei sich?" Boltons Gesicht verzog sich zu einem Lachen. „Nett von Ihnen, Garrison, daß Sie noch faule Witze machen können. Mir ist nicht sehr danach zumute. Eine Logarithmentafel?! Haben Sie noch ähnliche Wünsche?" „Wenigstens einen Zollstock, Bolton?" Bolton kramte in seinen Taschen. „Sie haben Glück, Garrison, so was Aehnliches habe ich zufälligerweise bei mir." Er holte ein kurzes Bandmaß hervor und drückte es Garrison in die Hand. „Sehr gut, Bolton, das kann uns helfen." Der Schatten des Stabes lag jetzt genau auf der von Garrison gezogenen Nord - Süd - Linie. Mit möglichster Genauigkeit maß er die Länge des Schattens und diejenige des Stabes, notierte sich beide Werte auf das Blatt, sah dabei wieder auf die Uhr. „Na, haben Sie was rausbekommen?" Garrffon machte eine kurze Rechnung und nickte bann. „Wir befinden uns ungefähr auf dem 152. Grad westlicher Länge von Greenwich. Die Breite —" Garrison legte sich der Länge nach ins Gras und begann eifrig zu rechnen. „Dauert lange, Garrison." „Die Insel liegt etwa auf 20 Grad südlicher Breite. Soweit ich die Karte im Kopf habe, müssen die Gesellschaftsinseln in der Nähe sein." „Garrison erhob sich, steckte seine Berechnungen in die Tasche und fragte: „Was wollen wir jetzt machen, Bolton?" „Zurückgehen, wo wir hergekommen sind. Ich habe Hunger, Garrison, Sie auch?" ,^Ich kann's nicht leugnen, gehen wir." Sie schritten wieder zum Ufer hinab, und mancher Fluch und manches Donnerwetter aus ,St8‘ und seine Piloten kam dabei von ihren uns vor noch auf- Art. am Schreibtisch. m ..... „Was haben Sie, Schmidt?" fragte Wille und schaute kaum auf; er ließ sich bet der Arbeit nicht gerne stören. Schmidt schob die amerikanische Zeitschrift vor ihn hin. „Hier, Herr Wille, lesen Sie. Garrison und Bolton werden vermißt." Kopftchüttelnd überflog Dr. Wille die Notiz. „Unsinn, Schmidt! Weih der Teufel, was die amerikanischen Reporter sich da mal wieder aus den Fingern gesogen haben. Fragen Sie doch einfach in Bitterfeld an, wenn Sie's genau wissen wollen." „Sie haben recht, Herr Wille, das werde ich tun." Garrison betrachtete verständnisvoll den Inhalt der Kiste. „Ich glaube, Bolton, in unserer augenblicklichen Lage wird das hier viel nützlicher sein als die Erzproben. Prüfend wiegte er das Beil in der Hand. Sehen Sie mal das hier, 93olton. Somit könnte map vielleicht einen Baumstamm aushöhlen, ein Boot bauen, könnte damit zu einer bewohnten Insel in der Nachbarschaft kommen." — Die nächsten Stunden verbrachten beide damit, ihre Vorräte sorg- sältiq zu durchmustern, und sie entdeckten dabei noch manches, was ihnen von Nutzen sein konnte. Berkofs schien den Werkzeugschrank von .St 8 zu ihren Gunsten sehr gründlich geplündert zu haben Immer tiefer war inzwischen die Sonne gesunken. Jetzt berührte ihre Scheibe die Kimmlinie zwischen Meer und Himmel. Wie em feuriger Ball versank sie in der Flut. Nur noch wenige Minuten einer kurzen Dämmerung, dann brach die Tropennacht herein. Der erste Tag der beiden unfreiwilligen Jnfelbewohner ging zu Ende. Aus Willes Tisch standen zwei Uhren. Die eine zeigte die mitteleuropäische, die andere die Greenwich-Zeit an. Mit einer Handbewegung, darauf sagte er: Ungünstige Zeit, lieber Schmidt. Zwei Uhr nachts in Bitterfeld. Sie werden aus die Antwort etwas warten müssen, aber fragen Sie nur an. Wille behielt mit seiner Behauptung recht. Es dauerte reichlich sechs. Stunden, bevor Schmidt die Antwort auf seine Frage in Händen hielt. Sie lautete kurz und bündig: „Bolton und Garrison ihrem Wunsche gemäß am 25. äuguft an ber italienischen Küste zwischen Neapel und Sorrent an Land gesetzt. Hein Daß'diefer Funkspruch so spät einlief, war keineswegs wie Dr. Wille meinte durch die ungünstige Zeit verursacht. Ms der Funker der Eggerth- Werke Schmidts Anfrage des nachts kurz nach zwei Uhr erhielt, erschien sie ihm so wichtig, daß er sie zu Hein Eggerth schickte. Der schimpfte erst auf den Boten, der ihn aus dem Schlafe riß. Aber als er sie gelesen hatte wurde er vollständig munter und verspürte em reichlich unbehagliches Gefühl. Das erste war, daß er den Boten gleich weiterschickte und Berkoff holen lieh. Zu zweit studierten sie den Funkspruch, überlegten hin und her und konnten sich doch nicht darüber einig werden, was darauf zu antwor» tCU Wad™ einer Stunde Hinundherredens faßte Hein Eggerth einen Ent- ch^,Es hilft nichts, Georg! Wir müssen mit dem Ding zu meinem alten Herrn gehen, der wird schon die richtige Antwort daraus wissen... Berkoff machte eine unsichere Bewegung. Keine angenehme Geschichte, Hein, der Herr Professor machte neulich so ein merkwürdiges Gesicht, als wir ihm von der Ausbootung der beiden Pankees berichteten. Willst du nicht lieber allem zu ihm gehen? „Meinetwegen, Georg! Ich habe damals die Idee gehabt und will sie auch weiter vertreten."--- . , Professor Eggerth las die Depesche, die ihm Hem ins Schlafzimmer brachte, und die Falten aus seiner Stirn vertieften sich dabei. „Was hältst du davon, Vater?" fragte Hein. Die Notiz in der amerikanischen Zeitschrift ist unwichtig", meinte Präses or Eggerth nach kurzem Ueberlegen. Daß hier irgendein Reporter aus dem Verschwinden Garrisons eine Sensation zu machen veracht, hat nicht viel zu bedeuten. Das Bedenklichste ist nur, daß unser Schmidt das Blatt in die Finger bekommen hat." „Ganz meine Meinung, Vater. Wir müssen ihm so antworten, daß er nicht auf die Idee kommt, überflüjfige Funkfprüche loszulasfen. Professor Eqaerth unterdrückte ein Lächeln. „Leicht gesagt, aber schwer getan, mein Junge." Er überlegte eine Weile. „Ja, ich denke, fo wirds gehen." Griff zum Bleistift und entwarf eine Depesche über die Ausbootung der beiden Amerikaner an der italienischen Küste. Mit zweiselnder Miene überflog Hein Eggerth den Text. „Glaubst du, das wird genügen?" Der Alte nickte. „So ist's schon richtig, Hein. Laß es aber erst morgen früh fünfen, um fo unverfänglicher wird es wirken."--- Dr Schmidt las die Antwort auf feine Anfrage verwundert zum zweiten und dritten Male. Wie war es bei dieser klaren Sachlage mog- lich, daß die amerikanische Zeitung eine derartig unsinnige Nachricht verbreiten konnte? Lange ging er mit sich zu Rate, was er dagegen unternehmen könne ... nach Pasadena funken? ... der amerikanischen Zeitschrift eine Richtigstellung schicken, in der die erfolgreiche Hilfeleistung des deutschen Stratosphärenschiffes nicht zu kurz kommen sollte? Nun zeigte es sich, daß Professor Eggerth doch ein guter Psychologe war Der lange Schmidt verwarf die erste Möglichkeit und entschied sich für die zweite. Sofort ging er daran, eine geharnischte Richtigstellung an die ,,American Geological Research" zu entwerfen. Die konnte das nächste Stratosphärenschifs, das zur Station kam, dann mitnehmen und weiterbesördern. Für Schmidt war die Angelegenheit damit erledigt, und seine wissenschaftlichen Interessen nahmen ihn wieder in Anspruch. Nach dem Abendessen folgte er Wille in dessen Arbeitszimmer. „Haden Sie einen Augenblick Zeit für mich, Herr Dr. Wille?" Wille kannte die .Augenblicke' van Schmidt. Meistens wurden halb« ober ganze Stunden daraus. „Bitte sehr, Herr Schmidt. Wenn es wichtig ist ... erwiderte et mit einem leichten Seufzer. Schmidt breitete eine große Karte der Antarktis auf dem Mittel- tifch au«. Wille warf, einen Blick darauf. „Mal wieder em echter. Schmidt", dachte er bei sich, als er die zahllosen mit Bleistift auf der Karte eingezeichneten Magnetlinien fah. All die vielen Messungen ihrer letzten Expedition waren hier eingetragen und zu einem Netz geschlossener Linien vervollständigt worden. Wille beugte sich tiefer über die Karte und verfolgte die verschiedenen Eintragungen, blickte Schmidt dann erstaunt an. „Ja, was Haden Sie sich denn hier geleistet, Schmidt?, Die Linien gehen ja weit über das von uns untersuchte Gebiet hinaus." „So ist es, Herr Wille. Ich habe mir die Arbeit gemacht, die Lmien weiter nach Süden in das Gebiet hinein, in dem wir selbst nicht waren, ,U Wive^chütteite abweisend den Kopf. „Ach fo. Sie Haden extrapoliert. Ein undankbares Geschäft, mein lieber Schmidt. Es kommt selten was Vernünftiges dabei heraus." Schmidt kniff die Lippen zusammen, bevor er antwortete. „In vielen Fällen mögen Sie recht haben. In diesem Falle ergibt sich aber doch ein äußerst bemerkenswertes Resultat. Wie Sie hier sehen, laufen die sämtlichen von mir verlängerten Linien auf 83 Grad 14 Minuten Süd, 158 Grad 12 Minuten Ost zusammen." fFortfetzung folgt.) Lippen. Ms sie den Bach erreichten, tranken sie beide in vollen Zügen, obwohl Bolton sonst gerade kein Freund von einfachem Wasser war. An ihrem ersten Lagerplatz angelangt, mußten sie feststellen, daß Berkoff und Eggerth doch an alles gedacht hatten. Richt nur Messner für die verschiedenen Konservenbüchsen sanden sich zwischen den hier aufgestapelten Dingen. Bei genauerem Zusehen entdeckten sie Feuerzeuge und Streichhölzer in reichlicher Menge und weiter Geschirr und Eßbestecke, die es ihnen ermöglichten, ihre Mahlzeit auf gesittete Manier 3“ Nach^den?lUgünf Jahre vergingen, ehe Anders auf Besuch heimkam. Er war ein großer flotter Bursche geworden und benahm sich, als sei er mindestens schon Kapitän. Geld hatte er auch mehr als genug mitgebracht In unserer Nähe wohnte ein alter Fischer. Er hatte eine fäbfäe Tochter. Ich war mir schon lange klar darüber, wie gerne ich ft» batte. Und ich wußte, daß sie meine Zuneigung erwiderte. Aber ich fand es eilte nicht, darüber miteinander zu sprechen. Das »achte sich "un. Denn als Anders Karen begrüßte, zeigte er schon mehr Interesse mir gut schien. Er verstand es besser als ich, mit grauen umzugehen. Bald hatte sie sich so in ihn vergasst, daß sie mich kaum noch bemerkte. Da erst ging mir auf, was ich verpaßt hatte. Aber nun war es zu spät. Ehe Anders wieder obreifte, war er mit Karen verlobt. Er hakte sie mir genommen Und sie gtng mir mm ans bem Wayck und richtete es stets fo ein, daß wir nie allein waren. Darüber verging ein Jahr. Dann kam Anders wieder. Nun sollte er auf die ©teuermannsfäule. Und das Examen bestand er gut. Gleich danach erhielt er eine Stellung und sollte mehrere Jahre fortbleiben. Ich faß zu Hause auf dem Hof. Und meine einzige Zerstreuung war, zum Fischen zu fahren. Außerdem meldete ich mich als Strandwache. Eines Nachts, im Februar hielt ich bei Sturm Wache. Es war so dunkel, daß man nicht die Hand vor Augen sah. Alles war mir in dieser Nacht gleichgültig, denn es war ein Bries von Anders gekommen, daß er auf dem Heimweg war und Hochzeit halten wollte. Das quälte mich. Warum sollte er heiraten — er, der fast nie daheim war? Am Ende der Strecke, die ich abzugehen hatte, lag eines der Telephone der Rettungsstation. Hier begegnete ich zumeist der Wache, die von der anderen Seite kam. Er faß auch dort und wartete auf mich. Wir waren uns darüber einig, daß heute sicherlich niemand stranden würde, wenn der Wind nicht von Ost, woher er kam, umsprang. Und wir beschlossen, im Telephonhäuschen sitzen zu bleiben, anstatt wieder ins Dunkel hinauszuwandern. Er legte die Arme auf den Tisch und schlief bald ein. Ich setzte mich auch so behaglich als möglich hin und schloß die Augen. Ein- fälafen wollte ich nicht, aber der Schlaf überfiel mich doch. Es dämmerte bereits, als ich wieder aufwachte. Es war kalt im Raum. Und ich hatte das Gefühl, es fei etwas im Anzug. Der andere Wächter schlief immer noch. Ich weckte ihn und stieß die Tür auf. Und richtig — etwas nördlich kämpfte ein Segler mit den Wellen. Ich telephonierte sofort nach dem Rettungsboot, und dann liefen wir beide zum Strand, bis wir in der Höhe des Seglers angelangt waren. Es war ein breimaftiger Schoner. Die See schlug über ihn hinweg, ein Mast war zerbrochen. Aber es war noch zu dunkel, um sestzustellen, wieviel Mann an Bord waren. Wir konnten nur einige Menschen im Takelwerk undeutlich unterscheiden. Cs dauerte lange, bis das Rettungsboot kam. Und als es schließlich anlangte, konnte es kaum hinaus. Ich wußte wohl, geschah etwas da draußen, trug ich ein gut Teil Schuld daran. Endlich ging das Boot hinaus. Für gewöhnlich verläßt der Kapitän zuletzt das Boot. Diesmal aber kam er als erster an Land, bekam knapp die Lippen auseinander und brachte nur hervor, daß der Segler „Poseidon" heiße. Und „Po- seiedon" hieß der Segler, auf dem Anders Steuermann war. Nach und nach kamen alle Mann an Land. Nur Anders war noch nicht dabei. Eine schwere See ging über den Segler hinweg, riß die übrigen Maste ab — und kein Mann war mehr an Bord zu sehen. Mir schwanden einen Augenblick lang die Sinne. Man schrie und rief um mich herum, aber es kam mir vor, als fei das alles weit, weit fort, als fei ich nicht ganz wach. Aber bann entdeckte ich etwas, das draußen auf und nieder tauchte. Es glich einem Menfchenkopf. Nun wurde ich wach. Ich schlang ein Tau um den Leib und rannte in die See hinaus. Man schrie hinter mir her. Ich hörte nichts. Ich wußte, was ich wollte. Wieweit ich hinausschwarnrn — was eigentlich in mir vorging — ich weiß es nicht. Ich dachte nur an den Kopf, den ich in der Brandung immer wieder auftauchen sah. Endlich hatte ich ihn erreicht. Ein Körper kam mir entgegengefäroommen. Ich schlang sest die Arme um ihn. Dann verlor ich das' Bewußtsein. Das erste, was ich merkte, als ich an Land gezogen wurde, war, daß ich etwas sest umklammerte. Ich hörte die Fischer flüstern: „Ist er tot? Er hat sich anscheinend schwer verletzt." Langsam schlug ich die Augen auf. Und da sah ich, daß ich eine Poseidon-Figur fest umschlungen hielt." Oer ZuchS. Bon Robert Braun. Ich saß nachts am Wegrand des Hügelrückens. Cs war die Stelle, wo ich immer zum ersten Mal nach langem Gehen im Finstern die roten Stadtlichter auffunkeln sehe: für den, der sich schon an bas fahle Verbärnmem aller Dinge gewöhnte, ein Glanz wie von Ge- fämeiben. Unten im Walbbunkel war bas hallenbe Bellen eines Hunbes vernehmbar, bas nicht enben wollte. Unb bann roieber von ber Stabt- feite her ber Pfiff einer Lokomotive mit bem langsam sich oerlierenben Gestampfe eines Zuges, ber in weiter ßanbfäaft fährt. Währenb ich, an ein Gebüsch mich lehnenb, bie Augen mit ber Hand bedecke, gedachte ich des Augenblicks, da ich da unten vor wenigen Stunden gewesen war. Damals hätte ich nicht geglaubt, daß es dieses schöne Versteck auf unserem Berg gäbe. Ich stehe an der Straßenkreuzung und warte auf meinen elektrischen Wagen, der mich vom Büro nach Hause bringt. Die Ruse der Zeitungsmänner lärmen um mich. Ein älterer Mensch hat sich das Blatt, das er anpreist, um Brust und Rücken gebunden, als eine Art Karnevalsschmuck vorne auf den Hut gesteckt unb außerbem hält er es einbringlfä mit bem rechten Arm hoch, wobei er, zwischen ben Wartenben auf- unb abgehenb, ben Kaufpreis von zehn Groschen immer wieberhott. Unter bem Kopf feines Blattes steht in singergrohen Lettern die Hauptnachricht dieser Stunde „Eine zerstückelte Leiche im Flußkanal gefunden". Seinen Weg kreuzt ein anderer in schäbigem Militärmantel. Er pflanzt sich mit einer gewißen Zähigkeit vor einem der Wartenden auf — und, fein Opfer unverwandt mit braunem Blick und durch Brillengläser ansehend, die schon etwas tief auf der Nase sitzen, leiert er in hämmernden Gleichton die Liste seiner blau, rot, grün gehefteten Zeitschristen ab, die ihm als farbenfleckiger Schild über ber Brust hängen. Menschen kommen in Scharen von ihren Arbeitsstätten über bie vom Schutzmann geschlossene ober freie Bahn der Straße, unb währenb sie buntel herzuströmen unb, sich anfammelnb, auf ihre einfahrenben Wagen warten, für bie jeweils ein Teil sich ausfonbert, besorgen anbere ihren Zeitungskauf ober schielen wie gebannt nach ber Aufschrift, bie ihnen doch das Genauere vorenthätt, da bie Zeitung geschickt in bet Mitte ab- Verantwortlich; Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Siebes. Wasser, die RelsNsten wurden feucht, quollen und platzten — der Tee schimmelte — die heihnasse Luft verdarb alles, ermattete Mensch und Tier und Regengüsse, Gießbäche vom Himmel, Tage während, zer- tört'en was noch nicht schimmelig, faul und verdorben war, selbst das ederne Sattelzeug. Die eingeborenen Häuptlinge forderten mitunter Abgaben und Passierzölle, Säcke glitzernder Perlen, bunter Glasstucke; die Flinten rosteten und die Pulverfässer zerfielen; mit aller Kraft, tollkühn und ausdauernd, unerbittlich streng, dabei gerecht, kämpfte Stanley um seine Autorität. Wilde Datteln, Mangofrüchte, Kürbisse, gedorrtes Febrasleisch, Matamabrei waren oft die einzige Nahrung. Mit den Kon- eroen mußte man haushalten. Und hinderten nicht Ueberschwemmungen, Ürwaldgehölz, wandernde Büfselherden ihre Reise, so traten Heuschrecken chwärme, Ohrwürmer, Giftfliegen, Insekten, weiße Ameisen, die in ihrer unseligen Freßgier selbst die leinenen Zelte über Nacht ausfraßen das ihrige, das Vorwärtskommen zu erschweren. Dann kamen auch schörw, onnige, unbeschwerte Tage, die Sonne war mild, die Stechfliegen gleichgültig gegen Blut und Menschenhaut, dann kamen Neger an, Körbe auf den Köpfen, in den Händen Näpfe mit Milch und Fruchtsaft tragend, bettelten um bunten karrierten Kattun, boten Elefantenzähne für ein Taschenmesser, Palmbutter, Zuckerrohr, Fische, Honig und Bananenbüschel für ein Stückchen Spiegelglas oder Granatäpfel, gegorenen Wein, Ananas, geschlachtete Ziegen und eingemachte Beeren für einige Meter Kupferdraht oder eine alte gebrauchte Handaxt. Dann konnte man türkende Suppe kochen, es gab Fleisch, süße Kartoffeln, Gemüse und Leckereien in Hülle und Fülle. Aber wieder kamen Tage, wo die ganze Truppe durch feuchtes, lehnistinkiges Dickicht kriechen, zerren und sich zwängen mußte, wo das Stechgras bis in Augenhöhe stand, wo man Lianen und Kletterpflanzen von Schlangen nicht unterscheiden konnte, wo die Esel knietief in schlüpfrigen Morast einsanken, wo die Schreie der aufgescheuchten Affen, das Blöken der Ochsensrösche, das Zirpen der riesigen Grillen jeden menschlichen Laut übertönten und erstickten. Ost war Stanley in dieser Zeit verzagt und kleinmütig, und als das Fieber ihn drei Tage und drei Nächte niederwarf, und er auch im Gleichmaß des Schaukelns der Hängematte nicht Ruhe und Schlaf fand, da schien ihm alles vergebens und verloren. Und nachts dröhnten von weither dumpfe Trommeln, mit denen sich die Eingeborenen Zeichen gaben und einander vor der Truppe des Weihen warnten, da heulten Hyänen und Schakale, und die Träger liehen die nächtlichen Lagerfeuer nicht ausgehen, um wilde Bestien zu verscheuchen, während sie alles mögliche unangenehme Kleingetier anlockten. Kein Genuß, diese Reise, bei Gottl Aber sie gab Stanley die Genugtuung, eines Tages auf eine Spur von Livingstone zu stoßen. Er traf eine Karawane eingeborener Händler, die berichteten, an einem See einen weißen Mann mit weißem Haar getroffen zu haben, und sie wiesen auf Stanleys Ferngläser und Instrumente und erklärten, das habe jener Weiße auch besessen. Der weiße Steinumdreher (damit wollten sie jenes Mannes geologische Tätigkeit erklären) sei weit umher gereist, spreche ihre Sprache und lebe ost in Ud- jidji. Stanley jubelte, er war auf dem richtigen Wege. Einige seiner Leute hatten Pocken, andere die Ruhr, die Pferde starben an den Stichen giftiger Fliegen, die öligen Crdraupen ... alles das wurde weniger schlimm, er sah sich seinem Ziele näher gerückt. Er setzte seinen Weg fort, sandte Kundschafter voraus, aber es vergingen noch viele Wochen, ehe er so weit war, daß er seinen Leuten sagen konnte, daß sie in vier Tagen den Tanganjika-See, in zwölf Tagen Udjidji erreichen wurden, wo sie Livingstone zu finden hofften. Sie nährten sich von Erdnüssen, Bananen, wilden Bohnen, kauften von den Eingeborenen Hühner und Fleisch, fingen mit Reusen Fische in den Bächen, die sie überqueren mußten. Die Neger waren sehr eingenommen für Tauschhandel, sie begehrten alles Glänzende. Schmiedewaren aus Birmingham, Glaskugeln, Draht, Metallknöpfe, und sie schleppten herbei, woran sie Uebersluß hatten, köstliche Speisen, bunte Schnitzereien, prächtige Federn, herrliche Leopardenfelle. Für eine zerbrochene Uhr, einen ausgedienten Rasierspiegel, eine rostige Pistole hätte Stanley, wäre nur Zeit und Platz gewesen, herrliche Dinge einhandeln können, aber dieser Reporter drängte auf sein Ziel hin. Und als nach abermaliger Regenzeit, die Reise dauerte nun schon sieben Monate, die Sonne hervorbrach, über der Landschaft der Dunst der feuchten Erde wie Nebel lag, da brachten seine Kundschafter jubelnd die Nachricht, das lange Wasser sei dort hinten; das lange schöne Wasser — das war der Tanganjika-See. Sie stießen aus Eingeborene, die berichteten, daß der weiße Mann, der Büchermaler, Blumenriecher, Steinumdreher, Weitgucker, Feuerknalltöter, krank läge. Stanley versprach seinen Leuten eine gute Belohnung, viele Tage Ruhe, Faulenzen, Nichtstun, Jndersonneliegen, dazu viel und immer Essen und Essen und Geld, Goldstücke, die ihnen das Himmelreich herbeizaubern konnten. So kam er endlich in Udjidji an. Die Sonne lag wie ein glühender Ball auf dem weiten, unermeßlichen Tanganjika-See; die Nachricht von Stanleys Anrücken erreichte den Ort. die Neger kamen ihnen neugierig entgegen, und dann hatte Stanley fein Ziel erreicht, er sah Livingstone vor seinem kleinen Holzhause stehen, drückte ihm die Hand und wußte vor Freude und Stolz, sein Ziel erreicht zu haben, kaum die richtigen Worte zu finden. Livingstone war kränklich, nicht krank. Er erholte sich schnell. Stanley ergänzte die Vorräte des Forschers, brachte ihm Zeitschriften und wissenschaftliche Bücher, übergab ihm neue, moderne Instrumente und sie hatten einander gar vielerlei zu erzählen und zu berichten. Preußen hatte Frankreich besiegt, der letzte Napoleon saß gefangen, der Suezkanal war eröffnet, die amerikanische Pazifikbahn eingerveiht ... sie tranken den Champagner, den Stanley mitgebracht hatte, — auf Gordon Bennetts Wohl. Die Schwarzen umstanden das Haus und die schmale Terrasse, aus der die beiden Weißen saßen und plauderten; und der Ruf der guten Medizinmänner und Zauberer verbreitete sich schnell über das Land. An jenem Abend schlief Stanley seit vielen Monaten das erste Mal wieder in seinem Bett, während Livingstone die halbe Nacht aussaß und die Stöße von Briefen las, die Stanley für ihn mitqebracht hatte. gebogen lsi. Die Besitzer aber bilden mit ihrem bedruckten Papier ein Ganzes, stehen mit ihm gleichsam.in einer Wolke, aus der die Offenbarmrgen der kleinen Nachrichten auf sie zustromen. Aber habe ich Grund, den Beobachter zu spielen? Bin ich's nicht selbst, der eben den Kopf so schief hält, daß er von unten etwas Genaueres über den Kanalsund erhaschen kann? Warte ich nicht wie — alle auf die Einzelheiten dieses erregenden Mordes, ob nicht schon eine erste Spur tzesunden oder der Täter gar entdeckt ist? Da besinne ich mich. Ich beschließe, nicht mitzutun und den kostbaren Mittag von der Behexung durch die Zeitungsmänner erfüllen zu lassen wie alle Welt. Mein' Blick reißt sich los und wendet sich mit einem Ruck nach oben, — über das Gewühl. Aber gerade in dieser Hohe fällt er in die Netze der Reklameaufschrift einer Bank, die das Sparen eindringlich empfiehlt und dabei fast höhnisch zu bedenken,glbt, daß das Entweichen aus der Welt eines Stadttages nicht so leicht möglich ist. Ich begreife zuerst nicht. Dann muß ich immer wieder die großen Neonröhren-Buchstaben überlesen, die in die Mauer gesteckt sind. Bis mein Wagen kommt und mich stumm davonfuhrt ... Ich weiß nicht, wie lange ich so saß, auf meinem verborgenen Platz im Walde, in dies vor Stunden Geschehene hrnemsah und dachte, daß es ia das Leben sei — und immer wieder rollt inzwischen die Erde um ihre Achse und um ihr Muttergestirn, und wir begehen dies so wenig festlich, — da war es mir, als würde das Herbftgestrauch, das sich hinter mir befand, leise bewegt, von oben behutsam auseinanber= gebogen und, wie man ein Kind belauscht, beugte sich eine Gestalt zu mir herab. Es geschah so leicht, ja Hauchhaft, daß es unmöglich von einem Menschen herrühren kannte. Ich hielt noch immer die Hand vor den Augen. Gerade jetzt wallte ich sie nicht abnehmen, um mich von der Ursache des feinen Raschelns zu überzeugen. Wie es ist, wenn man die Einsamkeit kostet und die absonderlichsten Gedanken an Wahrscheinlichkeit gewinnen, glaubte ich, hinter mir, stünde — ein Engel. Das Geräusch war ja so zart, daß es nur von einem übernatürlichen Wesen ausgehen konnte. Ja, nun erlebte ich einmal wirklich das Wunder, von dem Legenden berichten. Ich mußte nur still sein und die Augen weiter bedeckt halten und über mein vergebliches Üeben nachsinnen wie vorhin. D, endlich ein Zeichen, das mich emporhob, ich wartete ... Aber es kam kein Engel. Schon nach wenigen Sekunden verstummte das Geknister in meinem Rücken, als hätte ich's mit meiner allzu klaren Erwartung verscheucht, und es hob statt dessen seitwärts ein deutliches Rascheln von Blättern an, das zu irdisch schien, als daß es einer Erscheinung angehören könnte. Ich ließ also sacht die Hand sinken — was ich nun sah, war überraschend. Auf dem dämmerfahlen Steinweg bewegte sich, kaum einen Schritt von mir entfernt und fast lautlos em Tier von der Größe eines Hundes. Aber es war kein Hund, das merkte ich trotz der Dunkelheit, darin aller Umriß verschwamm, an dem Schleichenden, mit der Umwelt tief Vertrauten feiner gemächlichen Gangart und wie es den Boden abschnupperte und Buchennüsse versuchte; nun hörte ich auch ein deutliches Knabbern. Gewiß hatte mich trotz meiner Nähe das Tier nicht gemerkt, das, sich ungeschreckt entfernend, mir nun seine Schwanzrute zukehrte, an deren Ende ein deutlich heller Fleck schimmerte, das sich also als ein Fuchs zu erkennen gab. Der auf nächtlichen Beutegang Ausziehende ließ sich nicht stören, er verweilte noch einige Zeit bei seiner Suche und trabte dann langsam davon. An der Wegbiegung, die ein kleiner Föhrenbestand überschattet, sah ich ihn verschwinden. Wie ein Torgebälk hing über ihm das stückige Schwarz eines waagrechten Astes, an dem dichte Nadelbüschel hingen. Zwischen ihnen und der Krümmung des Stammes sah ein trüber Wolkenmond durch: sehr ferne und gerade sich auflichtend zu einem opalenen Schimmer. Für Sekunden mar ich so Zeuge der seltenen stummen Gemeinsamkeit dreier Naturwesen: des schwebenden Himmelskörpers, der verwurzelten Pflanze, des einsamen Tiers. Unten aber, wo die Lichter in Nebeln, Punkten, Ketten funkelten, gingen wohl immer noch Menschen aus Kinos und Theatern. Und war nicht auch immer noch Lärm von Straßenbahnen dort, Autos, schreiende Anbieter letzter Nachtblätter? Brachten sie nicht schon die neueste Meldung von dem Morde, und es war von einer ersten Verhaftung, von einem ersten Geständnis zu lesen? Stanley findet Livingstone. Von Gerhard Schäle. - Henry Morton Stanley, Reporter des „New York Herold", der Welt größter Zeitung, sah auf der Terrasse des englischen Konsulats in Sansibar und feierte mit einem Mhiskysoda feinen 30. Geburtstag — in tiefem Nachdenken, denn er hatte eine schwere Aufgabe: um jeden Preis den Dr. David Livingstone zu finden! Dieser nun 58jährige Forscher und ehemalige englische Mifsionar war feit fast einem Jahre verschollen. Die beiden englischen Expeditionen waren erschöpft und ohne jede Nachricht zurückgekommen. Und nun halte Gordon Bennett, der Sohn feines Verlegers, den jungen Stanley nach Afrika gesandt Stanley wußte, daß es keinen Weg gab, daß er mit 150 Trägern, Pferden, Packeseln, bis an die Zähne bewaffnet, den Kampf mit Klima, Infekten, wilden Tieren und Eingeborenen aufnehmen muhte. Im Januar 1871 verließ er Sansibar, und von Bagamojo, dem Küstenort, aus zog er mit feiner Eskorte ins Unbekannte. Trotz aller Mühen, Kalkulationen, Erwägungen, erwies sich manches als falsch und unsachgemäß begonnen. Frische Lebensmittel faulten im Nu. Nicht immer war Ersatz herbeizuschaffen. Was ihm als märchenhaft schön, phantastisch und reizvoll beschrieben hatte, kehrte sich in das Gegenteil um. Die gleißenden Riesenlibellen waren giftige Infekten, die gelben Fliegen der Tod der Pferde, die kleinsten und behendsten Schlangen die gefährlichsten. Das Mehl stak voller Würmer, die Zuckersäcke zogen