Montag, den 28. Mai Nummer 40 Jahrgang 1954 Im Die Die Bon rotem Licht war deine Stirn beschienen. Wir schwiegen betb’; ich wußte mir kein Wort, Das in der Stunde Zauber mochte taugen; Nur nebenan die Alten schwatzten fort — Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen. Dämmerstunde. Von Theodor Storm. Nebenzimmer saßen ich und du; Abendsonne fiel durch die Gardinen; fleißigen Händen fügten sich der Ruh, bei aller Anmut der Gestalten und Bewegungen nicht weniger wilde Rangen als er; und es war ein Vergnügen, für die beiderseitigen Eltern sowohl als auch für Fremde, dem frohen Spielen des Jungen und der drei Mädchen zuzusehen. Es schien, als ob sie alle vier einfach gute Freunde und Kameraden wären, und man mußte schon längere Zeit genau beobachtet haben, um zu merken, daß Hans sein Herz ein kleines wenig an die zweite Schwester, Leni, verloren hatte. Als die beiden älteren Mädchen ins Konfirmationsalter traten und lange Kleider bekamen, hörten die harmlosen Spiele bald auf; mit der Jüngsten allein, das war ja nichts! Hans hielt sich jetzt mehr zu seinen Mitschülern, mit denen er, größer und unternehmender geworden, auch weiter in die nahen Wälder, in die Berge und an den See zog. Der Vater eines der Jungen hatte ein Boot gekauft, mit dem die wilde Schar trotz aller Verbote und Warnungen lebensgefährliche Fahrten machte. Die Mädchen schienen vergessen. Einmal aber — es mag zwei ober drei Jahre später gewesen sein — gab es ein ländliches Fest, an dem die Jugend des Ortes teilnehmen durfte. Da hat Hans mit seinen drei Kindheits- frenndinnen getanzt; mit jeder so lustig und ausgelassen, als ob sie seine erklärte Liebste sei. Auch dies Tanzen war froh und erfreulich, wenngleich nicht so harmlos anzusehen wie einst die Kinderspiele. Es flammte im Auge des Jungen, der noch Schüler war, doch schon ein Feuer auf, das ihm, bis er einmal daran denken würde, bas Reihengeschlecht für den großen Grabplatz der Familie zu erzeugen, noch manches heiße Abenteuer verhieß. Er hat wahrscheinlich kein einziges erlebt, weil für die europäische Menschheit das allerheißeste Abenteuer anbrach und ihn hin- wegnahm, der Krieg. v Hans war gerade achtzehn und mußte gleich einrücken, was er in jugendlicher Begeisterung und voller Ehrgeiz tat. Schon im Anfang fünfzehn erhielt er die tödliche Verletzung, der er erlag, ehe noch Sommer wurde. Er ward als Verwundeter in die Heimat zurückgebracht, die Heimat Deutschland, in der er sich den Ort nicht aussuchen konnte. Sein letztes Obdach war ein Thüringer Lazarett, in dem er nach schweren Wochen des Siechtums und der Schmerzen starb. Erst als Toter kam er — nicht in sein Vaterhaus, aber an seinem Vaterhaus vorbei auf den Familiengrabplatz, auf dem nach dem Wunsche seines Vaters viele Nachkommen von ihm ruhen sollten: er, der Fröhliche, nun allein mit der schwermütigen Mutter, beide den einsamen Nachzügler, den Vater, erwartend. Der saß Stunden um Stunden dort oben auf dem Friedhof, dem Grabe seiner Frau abgekehrt und auf das des Jungen hin- gewandt. Er hatte es nicht sehr nah neben dem der Mutter gewünscht, um den großen Platz nicht so teer zu lassen. Es war auch des Mannes Absicht, sich selbst einst neben der Gattin zu betten. Dann sollte ihr Sohn ein wenig davor, geroiffermaßen zu ihren Füßen, liegen, zu denen er einst als Kind gespielt hatte. Denn er war — das dachte der Vater, der die innere Loslösung des Sohnes von den Eltern wohl empfunden, mit Kummer, aber auch mit Verstehen, daß es so sein müsse — schon als Schüler, schon ehe der Krieg ausbrach, ein Mensch für sich gewesen, in den Vater und Mutter nicht mehr hineinsahen, der seine Freude und sein Leid für sich allein hatte. Daraus wieder kam dem Vater: wie mochte der Sohn jetzt auf dem Friedhof verlaffen und einsam ^Cil®a8 Leben ging weiter, wenn auch der inzwischen in den Ruhestand getretene Beamte, der Vater von Hans, nicht mehr daran teilnahm, sondern immer nur auf dem Friedhof saß und sich um die Einsamkeit seines Sohnes grämte. Das Leben ging weiter. Aus den drei Schwestern waren schöne Fräulein geworden, die wohl bald heiraten würden. Wenigstens hatte das Gerücht kürzlich von der bevorstehenden oder heimlich bereits abgesprochenen Verlobung der zweiten der Schwestern, Helene, zu erzählen gewußt. Es fuhr dem armen alten Manne wie ein Stich durch das Herz, wenn man davon redete. Wie fern im Leben der drei Mädchen war der Hans schon! Unten am Grund der Jahre, wohin sie gewiß kaum mehr zurückblickten, lag er! Vielleicht würden sie einmal am Ende ihres Lebens doch zurückschauen. Dann weiß man wohl noch von solch einem Kindheitsspielgeführten, auch den Namen, kann ihn aber nicht mehr genau vor sich sehen. Das Erinnerungsbild ist blaß und verschwommen geworden, und man ist's schließlich nur selbst, wie man damals war. an den man sich noch zu erinnern vermag, nicht mehr der andere. Wie leid tat das dem alten Manne für seinen Hans! • - - Oie Spielgefährten. Von Wilhelm von Scholz. Die kleine rührende Geschichte, die ich erzählen will, wird manchem vielleicht schrullig erscheinen. Das Rührende kommt den Menschen, solange sie robust und kräftig im Leben stehen, ja meist ein wenig seltsam und entlegen vor. Und mutz es doch durchaus nicht immer fein! Daß einem lieben Verstorbenen, wie es nicht nur einmal geschehen ist, in seiner ihn betrauernden Familie noch lange nach seinem Tode zu den Mahlzeiten ein Gedeck aufgelegt wird, damit das wie im Traum freundlich täuschende Gefühl entstehe, er lebe und sei nur abwesend, das wird man nicht verspotten dürfen. Der Tod und das Fehlen eines gewohnten, ihnen nahen Menschen kann schon Wunderlichkeiten aus den Leuten hervor- locfen. ... Es ist aber ganz etwas anderes, was hier ein Vater für seinen im Kriege tödlich verwundeten und dann, noch ehe das schwerste Schicksal über Deutschland hereinbrach, in der Heimat gestorbenen und beerdigten Sohn tat, um ihn weiter irgendwie mit dem Leben verbunden zu fühlen — oder, wenn man so will: ihm eine Verbundenheit mit feiner glücklichen frohen Kindheit und Jugend auch im Tode zu geben. Es ist in einem kleinen Ort nicht weit vom Bodensee geschehen. Dort hatte etwa zum Beginn des Jahrhunderts ein wohlhabender Mann, der seine Abkunft aus einem patrizischen Geschlecht der benachbarten ehemaligen Reichsstadt herleitete und selbst Beamter war, für seine Ruhezeit einen Landsitz gekauft und später, als einige Jahre vor dem Kriegsausbruch seine Frau unvermutet starb, von der Gemeinde einen Familiengrabplatz, der Raum hatte wohl für zehn bis zwölf Gräber, dazu erworben. Die Stelle befand sich rechts vom Tor des hochummauerten, auf einem weitausblickenden Hügel gelegenen Friedhofs, von dem man die Alpenkette und den leuchtenden Spiegel des Sees sah. Der Käufer hatte die Grabstätte mit einer Bilchsbaumhecke ein« fasten und aus der Rückseite von einer Wand großer Lebensbäume ernst abschließen lassem Im Eingang, der in die Hecke einge- schnitten war, hing zwischen zwei Eisenpfeilern eine schwarze, grotzgliedrige Kette. _ Der Witwer nahm zum Gedächtnis der Mutter fernen Sohn, das einzige Kind, ost dorthin mit und sprach mit ihm von der Verstorbenen, deren Schwermut und Düsterkeit den Vater bei ihren Lebzeiten manchmal bedrückt hatte — gerade weil er sie lehr liebte. Er sagte dann dem Sohne, der schon fünfzehn, sechzehn Jahre alt geworden war: diese Ruhestätte für die Familie habe er so groß gekauft, weil er hoffe, daß hier einmal eine Reihe tüchtiger Nachkommen, nachdem sie im Leben ihren Mann gestanden, ausruhen würde; wenn auch jetzt das Geschlecht nur auf die zwei Augen seines Sohnes gestellt sei. . . o Dem war das Mitgenommenwerden auf den Friedhof und das Zuhörenmüssen bei den selbst als Zukunftshoffnungen wehmütigen und mit dem Tode beschäftigten Gesprächen des Vaters keine besondere Freude. Er suchte zu entschlüpfen, sooft er konnte, und batte bei seiner Jugend recht damit. Denn er war das gerade Gegenteil seiner schwermütigen Mutter, die freilich in ihrer Frühzeit viel heiterer gewesen sein sollte. fianS war lustig, übermütig, begabt, was er in 6er Schule durch Faulheit ein wenig ausglich, ein guter Turner, Schwimmer, auch bei Schülerprügeleien nicht der letzte. Vor allem aber war er immer in größter Harmlosigkeit verliebt; mal da, mal dort tm Städtchen. , , ,, . „ _ , Drei Schwestern, niedliche blonde Mädchen, Töchter des Nachbarn, waren seit der Seit, als Hansens Vater sich hier ankanste, die liebsten Freundinnen des Jungen, mit denen er in Garten und Feld mehr spielte als mit seinen Kameraden. Die Mädchen waren Gießener £amilieiib!ätler Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ""Mnnchmal'^ächelt der Alte jetzt, wenn er bas Grab seines Sohnes zwischen den Gräbern der Mädchen steht. Nun ist der Hans nicht mehr fern am Grund der Zeit für die drei.Nun sind sie beisammen, und die wenigen Jahre, die zwischen dem Tod des ungen Soldaten und der hübschen ertrunkenen Mädchen liegen sind ausgelöscht. Es ist dem Vater, als habe er für die Ruhestätte des Sohnes mehr herbeigeschafft als Vlumen^muck, Kranze und einen gemeißelten Stein: Leben, das Mit ihm jung bleibt unter der Erde. Der Kampf ums Matterhorn. Von Carl Haensel. Aus Anlaß der soeben erschienenen Volksausgabe des berühmten Tatsachenromans „Der Kampf ums Matterhorn" von Carl Haensel (Leinen mit 16 Abbildungen), der die Erstbesteigung des Matterhorns in ihrem dramatischen und heroischen Verlauf schildert, bringen wir mit Erlaubnis des Verlages I- Engelhorns Nachf. Stuttgart eine Probe aus dem Buch. Der Aufbruch zur Fahrt ins Unbekannte war ein hartes ^^Whvmper hatte Proviant für acht Mann auf vier Tage angeordnet. Das bedeutete zum Beispiel die Mitnahme vpn zweihundert hartgesottenen Eiern, die man Hadow aufpackte, weil an ihnen nichts zu verderben ging. Ungemütlicher wurde es dem jungen Manne zumute, als Whymper die Hinterlegung alles baren Geldes bet Alexander Seiler anordnete. Er kam sich nackt und wehrlos vor ohne diesen gewohnten Talisman, der seine persönlichen Schwächen ausglich. Er begriff auch ganz von fern die Gefährlichkeit einer Macht, die mit Geld nicht zu bestechen war. _ Um 5.30 Uhr stand die Partie abmarschbereit mit vollem Gepäck vor dem Hotel Monte Rosa. Alexander Seiler verabschiedete sich von jedem Einzelnen. Er hielt den Augenblick für so wichtig, daß er seiner Frau keine Ruhe ließ, bis sie auch hinauskam und bei dem Abschiedstrunk mithielt. Whymper trug selber den Rucksack mit dem „Geistigen", wie Seiler als Urschweizer sagte, also mit dem Wein. . ~, Genau zwei Stunden später hielt?« sie vor der Schwarzsee- Kapelle, 900 Meter höher. Der knorzige Arvenwald der Z'Mutt- Schlucht lag unter ihnen. Bis hierhin folgten sie dem Pfade, den sich die Sennen und ihre Herden getreten haben. Kaum ein Wort war gesprochen worden. Jeder war noch für sich allein, ging auf dem bei jedem kleinen Hindernis, wie Fels oder Baumstumpf weit ausholenden oder sich gabelnden Pfad und spann seinen eigenen Gedanken. Whymper bewilligte dreißig Minuten Zeit zum Frühstücken, einschließlich Verpacken des Zeltes, seiner Höhenbarometer, der Seile, die sie tags zuvor in der Kapelle verstaut hatten, der Vorräte und der Ausrüstung. „Was nehmen wir mit?" frug Taugwalder. „Alles!" antwortete Whymper. Taugwalder wurde widerspenstig. Zunächst fluchte er in sich hinein und sagte dann laut: „Soviel Seil?" Zusammengcrollt lagen in einem Winkel der Kapelle sechzig Meter englischen Manilahanfs, wie ihn der Londoner Alpenklub roa,Sie bürgen für Ihre Touristen. Wieviel Seil beanspruchen Sie?" '^dson^^vermitteltes"Wir können auch bas schwache Ende brauchen, vielleicht müssen wir Seil abkappen und zurucklassen. Rm« I-in-m Jüngsten über. Die Steigeisen, die auch dort lagen, stieß^ er mit dem Fuß in die Ecke. Es waren schwere, schmiedeeiserne Schlitten, jeder mit vier spitzigen, geschlissenen Zacken, von Whymper angegeben, durch Kennedy bekannt geworden. Bevor Whymper sich durch einen Befehl festlegen konnte, auch die Steigeisen mitzunehmen, sagte Hudson: „Ich übernehme das Stufenschlagen. Wir können nicht viel ^^"luch dk Viert°e"?stunde, die wir mit Steigeisen ersparen, kann eiltscheideNgen &ur(^ unfcren Willen, nicht nur mit Gerät!" Whymper sah an ihm vorbei. Seine Augen hefteten sich an den fernsten Punkt des Horizontes, während er, fast ohne die Lippen zu bewegen, in seinem lehrhaften Tone sagte: Ich habe festgestellt, daß Steigeisen tn der vorkeltuchen Periode bereits benutzt wurden, Jahrtausende vor der ersten Ei»axt. Sie sind Erbgut, nicht Maschine. Ebensogut könnten sie den Els pickel zu Hause lassen. Ich habe das früher einmal ßetaöe roege« dieser Feststellung versucht und bin nur durch einen Zufall noch °m ®ie§" gilt von uns allen", sagte nun Croz, „es ist das Schön« daran. Wenn ich zu den Steigeisen etwas sagen darf... 'Mein Patron Mister Hudson braucht sie nicht und sein Freund Mister Hadow hat nicht gelernt, mit diesen Bleigewichten zu ^Jch gebe nach, nicht überzeugt, aber man zwingt mich." Es wäre auch ohne diese Feststellung gegangen, aber Whymper liebte es, bei jeder Entscheidung das Ergebnis festzunageln, schon um immer wieder daraus zurückkommen zu können. Auf acht Uhr hatte Whymper den Abmarsch vorgesehen: zwanzig Minuten später brachen sie auf. Sie stiegen aus der Mulde, die den Schwarzsee birgt, auf den Grat hinauf. Sie befanden sich noch in herdenbegangenem Gelände, aber der Hang war steil und Whymper nahm die Steigung direkt, ohne Zick-Zack. Die Last der prallen Sonne und der noch ungewohnten Rucksäcke verlangsamte das Tempo. Whymper aber gab nicht nach, sondern zwang die Partie zu seinem gleichmäßigen, niemals aussetzenden Schritt. Vor dem gewaltigen Berge hegt das „Hörnli , ein launiger Auslug gegen ihn, seine große Form im kleinen nachahmend. Sie erstiegen das Hörnli diesmal nicht, weil Whymper es für eine zeitraubende Spielerei hielt. Sie umgingen es südlich. Das lebte Almgras verschwand nun. Sie nahmen den Weg über die Moränen des Furggengletschers, noch aufrecht marschierend, nur selten zwang ein versprengter Block zum Klettern. Die Sonne brannte auf den südlichen Bergsturz des Hörnli, den sie überaueren mußten, um auf dem tiefsten Punkt zwischen Hörnli und Matterhorn die Höhe des Grates zu gewinnen, der Furggen- gleticher und Z'Mntt-Klamm scheidet. Während der Marsch bisher ermüdende, mühsame Vorberei- tnngsarbcit war, ohne Reiz der Besonderheit oder Würze einer Gefahr, entschädigte bei der Gratwanderung die einzigartige Aussicht. Links breitete sich der Monte Rosa mit seinen Trabanten ans, rechts stand Über dem Z'Mntt-Grunde der Deut Blanche. Dort Maste, hier reine Form. Zwei Vergliche stießen hier zusammen. die trotz ihrer Nähe eine weltfremde Verschiedenheit in ihrem Aufbau zeigten. Zwischen beiden Gebieten, dicht vor ihnen, erbob sich ihr Nabel der Welt, der Niesenobelisk des Matterhorns. Für die Männer, die ihm entgegenstrebten, war es losgelöst ans der obiektiv beschanbaren Natur. Ob es Freund oder Feind werden sollte, war noch zu entscheiden. Schweigen und Unbeweglichkeit waren seine einzigen Attribute. Der Berg rief nicht, drohte auch nicht, er beharrte in Unnahbarkeit. Der Grat, auf dem sie schritten, dehnte sich von Stunde zu Stunde. Noch waren sie int Vorgelände, die Hände griffen nicht mit, sondern ruhten aus, noch näherten sie sich, waren, nicht körperlich verbunden mit dem Bergen, noch zog die Schwerkraft von ihm weg, die Brücke zu ihm wurde nur durch das Auge ver- mittelt. , Whymper ging weiter als erster voran. Die Führer hielten sich aus dem Gefühl heraus zurück, daß dies sein Weg sei, den er zu zeigen habe. Er selbst entschuldigte fein Vorangehen, ohne Ablösung zn dulden, damit, daß man die Führer hier unten schonen i müsse. Man werde oben in den Felsen ihre Kraft für Douglas und Hadow sowieso noch genug in Anspruch nehmen. i Hinter der Senkung zwischen Hörnli und dem Bergstock selber i breitete sich, ungefähr in Höhe der Hörnlispitze, ein Schneefeld empfahl, fünfzig Meker noch schwererer, italienischer Art und sechzig Dieter älterer, leichterer Beschauenheit. -L.augwalderv Hönde arbeiteten schwach und unsicher, wie die eines Kinde», al Whymper auf seiner Anordnung bestand und die Seile gewickelt werden mutzten. , „ „Eselsbrücken sind das!" brummte er. Whymper hörte nicht hin. , Fußangeln... Wenn's dranf ankommt, reißen sie. Whymper schaute Croz an, der in dieiem Punkte nicht anders dachte als der Zermatter, aber auf Whymper mehr eingestellt Da kam einmal ein schlimmer Tag für die kleine Stadt. Es ♦«Ar nnnphenSer (Sommer und feit Wochen eine steigende unö Schwüle. Und jeden Nachmittag hatte mit dicken dunklen Wolken ein Gewitter gedroht. Doch es entlud sich nie, »erging, ,,nö abends funkelte klar in warmer Luft die Milchstraße uver dem See. Wer konnte, trieb sich stundenlang im Wäger herum, “‘"Ä örVgSiÄTern wichen nicht vom See. Sie waren ante Schwimmerinnen, alle drei, und hatten sich, um roeitet draußen ^abseits der Scharen anderer Badender sein zu können, einen alten herrenlosen Fischerkahn als Mutterichlss hiiiau»- aeruöert um das sie sich tummelten, von dem sie sprangen oder unter dem zwei von ihnen, die ausgezeichnet zu tnuct)en Der;tauber ü hindurckschwammen. Ob sie an dem Tage, an dem da» Gewitter nun wirklich zum Ausbruch kam, an Hans, der einmal tn ihrer Gegenwart einen Schülerschwirnrnpreis errungen, gedacht haben »>>»-. °--°x artige Sturm, als die zweite Schwester eben den ^ardrand erklettert hatte, jählings weiter in den See hinaus, so daß Helene wieder ins Wasser sprang, um die beiden anderen Schwestern nicht zu verlassen. Das hatte man vom Ufer mit einem Zeißglase noch erkennen können Dann verschwand See und User in Wolkenbruch und Böen wie in einem gejagten, gewirbelten Rebel' und als sich die Welt wieder lichtete, war weder von dem Boot, noch von den Schwestern mehr etwas zu sehen. Und nun geschah das Rührende, um dessentwtllen dies alle» erzählt werden mußten der alte Vater von Hans ging 8U den trostlosen Eltern der eben ans dem Schlamm des schilfigen Schachs gefischten Mädchen und fragte die Weinenden, °b sie e» nicht an- neßmen wollten, daß er die drei armen Opfer de» Unwetters auf seinem Familiengrabplatz beerdigen lasse. Da sein einziger Sohn ja vor der Ehe gestorben, so sei dort viel Raum zu Grabern, der vergeben werden möge. Ihre Tochter und Hans seien doch befreundet gewesen. Ob sie, die Eltern der drei, es dadurch nicht auch leichter tragen würden? Und billiger fei es, weil ihnen ja öic ©emcinöe nichts für den Platz absordern dürfe. Di?^Eltern begriffen nur langsam, was der Nachbar wollte. Schließlich aus, das sich links nach dem Furggengletscher, rechts in der mittleren Stufe des Matterhorngletschers verlor. Der Schnee war verharscht, man hätte die Steigeisen brauchen können. Whymper begann sofort Stufen zu schlagen. Nun arbeitete sich Hudson an ihn heran und bat, die Spitze halten zu dürfen. Er erinnerte an die Auseinandersetzung in der Schwarzseekapelle. „Ich habe die Verantwortung übernommen. Ich muß nun hacken. Nicht Siel" Whymper war ein Gerechtigkeitsfanatiker. Sühne mußte sein. Selbst wenn es für ihn noch eine viel größere Strafe bedeutete, nuu als Zweiter gehen zu müssen. Auch im Eis blieben sie auf der Höhe des Grates. Der Furggengletscher dehnte sich links von ihnen in einer Breite von fünftausend Metern aus. Das Eis blendete gegen das Sonnenlicht. In seiner geringen Tiefe sah das glitzernde Weiß dem weichen Winterschnee ähnlich. Ein Schwindelgesühl konnte nicht aufkommen, denn diese leicht gesenkte Schneeflüche schien zur sanftesten Aufnahme bereit zu sein. Hadows Tritt faßte sicher. Voll Ueber- muts rollten die beim Stufenschlagen aufspringenden Stücke den Hang hinab, ohne sich zu verletzen. Kurz vor dem Ende des Schneefeldes hielt Hudson an. Er zeigte hinüber nach dem Vergmassiv. Dort stand eine Steinpyramide, aus Felstrümmern aufgeschichtet. Whymper nahm das Glas: „Diese Arbeit kenne ich. Zum letzten Male bin ich ihr dicht unter dem Gipfel des Dent d'Hörens begegnet. Kennedy baut so seine Höhenzeichen! Also weiter ist er hier nicht gekommen! Diesmal kehren wir nicht um, Freund Kennedy." Um Kennedys Steinmann sammelte sich die Partie. Es war 11.20 Uhr. Sie rührten nun an den Leib des Berges. Sie waren ihrem Ziele niemals fremder als in diesem Augenblick. Denn vor ihnen erhob sich ein mächtiger Felsturm, der auf Hauseshöhe auch nicht die leiseste Möglichkeit für Griff oder Tritt zeigte. Vor dieser Bastei war Kennedy umgekehrt. Die Felsplatten waren so glatt, als ob sie eigens gegen Belagerer geschliffen worben wären. Ein mächtiger abgestorbener Gletscher mußte sich vor Jahrtausenden an diesen Platten gerieben haben. Dies war eine der Stellen, die Whymper mit dem Fernglas von Riffelalp festgestellt hatte, ohne von drüben eine Lösung finden zu können, aber doch hoffend, daß die Nähe sie schließlich gäbe. Whymper überlegte zehn Minuten. Ein Zurück gab es nicht, ein Geradeaus auch nicht. Es war nur zu entscheiden, ob eine Umgehung auf dem Nordabhang oder auf dem Ostabhang versucht werden sollte. Whymper richtete an seine Begleiter die Frage. Hudson und die Führer baten ihn, allein zu bestimmen. Douglas wagte als einziger eine Bemerkung, da ihm die im tiefen Schatten liegende Nordflanke unheimlich war: „M ü s s e n wir im Schatten fechten?" Whymper griff die Erinnerung an Leonidas auf: „Der König dort oben schießt noch heftiger als der Perser, aber mit Steinen, und am liebsten da, wo die Sonne scheint. Aber wenn wir nicht zu weit in den Osthang hineinsteigen müßen, wird es gehen." Sie settten an, und zwar zunächst die vier besten Kletterer der Partie: Whymper, Hudson, Croz und Taugwalder. Die übrigen blieben an der Steinpyramide Kennedys zurück. Croz hielt die Spitze. Er ging auf einem horizontalen Fels-- band vom Grat weg in die Ostflanke hinein. Die übrigen folgten. Es war eine zwar sehr exponierte, aber für die erfahrenen Bergsteiger nicht übermäßig schwierige Stelle. Nach zwanzig Metern bereits führte eine von dem Kennedy-Platz aus nicht sichtbare Spalte in sicherem Anstieg auf den Nordost-Grat zurück, etwas oberhalb des im graden Weg unnehmbaren Turmes. Die beiden Führer wurden von Whymper und Hudson von oben her am Seile zu der zurückgebliebenen Mannschaft hinunter- gclaffcn. Dann kam auch dieser zweite Teil der Partie auf dem von Croz gefundenen Wege nach. Das für Kennedy entscheidende Bollwerk war genommen. Oer „Beethovener" von 1834. Von Hans Sturm. „Es wird mir bald den Kopf zerbrechen, Mir ist, als hörte ich ein ganzes Chor Von hunderttausend Narren sprechen..." Diese Worte Goethes, die Faust beim Anhörcn des Hexen- Einmaleins spricht, kamen dem jungen Studenten Robert S ch u - mann immer in den Sinn, wenn er in Zeitungen und Zeitschriften Kritiken über musikalische Werke, Ereignisie oder Persönlichkeiten las, deren Verfasser sich alle „Kenner" dünkten, in den meisten Fällen jedoch nichts anderes waren als dürre Pedanten oder „Verfertiger nüchterner Analysen", die bestenfalls ein wenig von Theorie und kaum etwas vom Geheimnis des Schöpfertzchen wußten. Darunter litt der feinnervige Komponist der „Träumerei , der „Kinderszencn" oder der machtvollen „Faust"-Musik: da er sich die Virtousenlaufbahn durch ein Gewaltmittel selbst verlegt hatte — ein Finger der Rechten wurde durch übermäßiges Neben untauglich — entdeckte er sein schriftstellerisches Talent, das bald einen kttnstlerisch-kämpfenden Ausdruck erhielt, entwrechcnd dem fordernden Rhythmus seiner Symphonien und Klavierwerke. Eine der letzten Nummern des Jahrgangs 1831 der bei Brert- kops und Bärtel erscheinenden „Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung" setzte die Leser in einiges Erstaunen durch einen Bericht über die „Don-Juan"-Variationcn des damals erst ern- nndzwanzigjährigen und in Deutschland noch gänzlich unbekannten Frederik Chopin: es war eigentlich kein Bericht, sondern eher eine sehr unterhaltsame, ja geistvolle Plauderei, verbrämt mit Jean Paulschen Humoren, die Schilderung eines mustkalifchen Abends. Neben dem Erzähler sitzt Florestan am Klavier, „einer jener seltenen Musikmenschen, die alles Zukünftige, Neue, Außerordentliche ahnen". Noch während des Spiels stürzt Eusebius in das Zimmer, schwingt ein Heft mit Chvpinschen Noten in der Hand und ruft: „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!" Die Musiker äecken die Köpfe neugierig über dem Notenheft zusammen, und aus den seltsamen Variationen sehen sie „Blumenaugen, Basiliskenaugen, Pfauenaugen und Mädchenaugen wundersam an". Florestan spielt einige Stücke, alle sind überrascht und erstaunt über die herrliche Harmonik, und ein köstlicher alter Wein steigert ihre Dispute über den jungen genialen Pianisten, der eben Paris mit seinen Etüden in Atem hält, zu überschäumender Begeisterung. Dann lassen sie noch einen älteren Musikkenner und -freund, den Meister R a r o, rufen, der aber nicht nur an ihrer Freude teilnimmt, sondern auch die übersprudelnden Meinungen der jungen Enthusiasten besonnen berichtigt und ein wenig zurückdämmt. Die Dispute werden zu einem schönen, tiefen Nacht- gesprüch, in welchem Florestan das Tongemälde Chopins io poetischen Bildern begeistert mit Worten nachgestaltet. Der Verfasser dieses lebendigen Berichtes war kein anderer als der damals einundzwanzigjährige Leipziger Musikstudent Robert Schumann, der drei Jahre später die heute noch erscheinende „Neue Zeitschrift für Musik" begründete: behilflich hierbei waren ihm besonders sein „Herzensfreund" Ludwig tz-chunke, Knorr, Familie Wieck und einige andere, die sich alle an gewissen Abenden in dem damals schon altehrwürdigen Schaukhause „Zum Kasseebaum" zusammenfanden. Die neue Zeitschrift wurde herausgegeben von den „Davidsbündlern", einem künstlerischen Geheimbund, der nur in der Phantasie Robert Schumanns bestand und von dem hauptsächlich die schon genannten drei, Florestan, Eusebius und Raro, in die Erscheinung traten: sie waren die wohlgewählten und meist vortrefflich charakterisierten Wortführer für Schumanns vielseitiges Denken. Der fingierte Redaktionsstab der „Davidsbündler" hatte jedoch nicht nur die Aufgabe, Schumanns oft recht fortschrittliche Ideen den Lesern schmackhaft aufzutischen, er mußte auch die Philistcrhaftigkeit und seichte Auffassung im Musikleben anprangern: wie nötig dies war, zeigen die mehr als simplen,' saft- und kraftlosen Transkriptionen, Souvenirs, Charakterstücke und „brillanten Etüden" der Herz, Hün- ten, Playel und anderer, die nach und nach von den Davidsbündlern „erlegt" wurden. Auch der übertriebenen Vergötterung der Effekthascher, Virtuosen genannt, wurde tatkräftig entgegengearbeitet, indem man die Zuhörer von Konzerten über die „unkünstlerischen Macher" aufklärte. Die Davidsbündler machen wertvolle Notizen, bringen Beispiele in Form von „Fragmenten", legen größere Gedankengänge in „Briefen" nieder oder streiten auf Festen und Bällen über neue Musik. Robert Schumann benutzt die von ihm erfundene Erfindung des „Psychometers", um damit die Wertlosigkeit einiger neuer Klavierstücke festzustellen. Die Anfänge der Heinse, Wackenroder, E.T.A. Hoffmann und Ti eck, die herkömmliche Schulmeisterei durch eine gestaltende Kritik zu ersetzen, führte Schumann glücklich fort, und zwar mit einer für seine Zeit beispiellosen Kühnheit: er trat schon ein für das Zusammenwirken der verschiedenen Künste, wußte um das „Farbenhören" und empfand selbst die merkwürdigsten Dinge beim Anhören von Musik: eine Klaviersonate von Karl Löwe gibt ihm die Vorstellung „grüner Wiesen und Schmetterlinge", aus einem Musikstück von P o c c i „duften" ihn sogar „ordentlich Märzveilchen an", aus Franz Schuberts „Moment musical“ tönt ihm der Aerger über unbezahlte Rechnungen und aus desselben Künstlers vierhändigen Marsch hört er den „ganzen österreichischen Landsturm, mit Schinken und Würsten am Bajonett" dahermarschieren. Daß Robert Schumanns Kritik trotz ihrer oft drolligen, aber immer treffenden Ausdruckswcise von gründlichem Fachwissen getragen war, braucht nicht besonders betont zu werden: man weiß, baß er es war, der als erster eine Reihe bereits von der Tradition geheiligter Schreibfehler in den Partituren von Bach, Mozart und Beethoven festgestellt hat. Seine im April 1834 erstmalig erschienene Zeitschrift trat nur für das wirklich Wesentliche ein und gewann bald als das Kampforgan aller „Beethovener" gegen die seichte Klingelet der zeitgenössischen Salon- und Familienmusik dauernde Bedeutung. Die zehn Jahrgänge unter seiner Leitung zeigen deutlich, was er wollte, nämlich eine neue Musikkritik schaffen: von den Kritikern fordert er zur Erreichung dieses Zieles „seelische Selbstbeobachtung", die erst eine nachschaffende Kritik ermöglicht. „Habt Talent!" rät er, „schreibt, was ihr wollt, seid Dichter und — Menschen!" Eine ideale Kritik, so meint er, „muß durch sich selbst xinen Eindruck hinterlaffen, dem gleich, den das anregende Original hinterläßt". Diese Anschauung konnte nur aus Schumanns tiefstem Charakterzug erwachsen, aus seinem Mut der Ueberzeugung. Und Mut bedurfte es damals wirklich, wenn man daran denkt, daß ein Musikbibliothekar einem Musiksorscher auf dessen Wunsch Beethovens Konversationshefte vorlegte mit den klassischen Worten: „Hier haben Sie den Dreck!" Schumann ritt treffliche Attacken gegen die Pedanten und Querulanten, denen Dominanten, Quintenparallelen und „fehlerhafte" Oktaven oder z. B. Beethovens „unmögliche Kadenzen" Anlaß zum Schulmeistern gaben, die aber von dem Gesamtein- bruck eines Musikwerks nichts ahnten. Schumanns kritische Tätigkeit, die mit der Anerkennung Chopins begann und mit dem Wegbcreiten für Brahms endete, wurde von der Musikgeschichte vollauf bestätigt: und auch die Kritik inicht nur die musikalische!) hat er mit seiner temperamentvollen Feder eingeleitet, der viele spätere Essayisten lDilthen n.a.) sehr viel verdanken. Das soll man dem Komponisten der „Träumerei" nie vergessen. (Fortsetzung.) XVI. "verantwortlich: vr.Hans Lhyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäis.'Luch. und Steindruckerei. R. Lange, Dieben. Am andern Morgen machte Rikelche« sich auf, für Gust bei den Bewohnern der Hohen Straße um Flrckarbetl zu bitten. Sie versprach gute Arbeit und mäßige Preise. Rikelchen^ begann zu ^betteln: Nicht ihren unglücklichen Man«, der ohne eignes Verschulden, lediglich dadurch, baß er Deutschland, dem über alles geliebten Vaterland, aufs Wort geglaubt habe, in Not geraten sei, nicht Gust zur Verzweiflung treiben! Schon hatte er mit dem schlimmsten, was auszudenken sei, gedroht, Arbeit! Ein klein wenig Arbeit! Rikelchen^tteß'Esich Glicht ^weiseir. Wie beiläufig sagte sie: Mit der BezMung eile es bei ihnen durchaus nicht. Man brauche ihr^ wenn sie die Stiefel oder Schuhe fertig zurückbringe, nicht gleich das Geld mitzugeben. Nein, nein! Sie wisse doch, wie es in dieser aus allen Fugen geratenen Zeit selbst bei manchen Wohlhabenden vorübergehend bestellt sei. Man könne es also mit der Begleichung ihrer kleinen Schusterrechnungen genau so halten, rote es gerade 6e<9uTdiese Worte hin gingen nicht nur die verschlossenen Ohren aus. Sondern manche Hände, die bisher hinter dem Lücken verschränkt waren, öffneten sich und übergaben Rikelchen Arbeit für 0 Anfangs war es nur wenig, was die Schustersfrau aus den Baracken auf ihr Bitten und Drängen hin in den Häusern an der Hohen Straße an zerlaufenen Schuhen und Stiefeln einhetmste. Aber sehr bald wurde es, da sie Wort hielt, gute Arbeit zurückbrachte, geringe Preise forderte, niemals mit der Bezaylung drängte, die einmal genannte Forderung hinterher nicht ^erhöhte, W^Schliefil?chftefam Rikelchen an Arbeit für Gust auf der Hohen Straße so viel wie sie wünschte, an manchen Stellen mehr als sie wünschte. Sie wies jedoch selbst die säumigsten Zahler nicht ab, nahm, was man ihr zum Ausbcsfern übergab, legte es in ihren großen Deckelkorb, verabschiedete sich mit einem Wort des Dankes und brachte Tag für Tag Flickereien für ihren Mann in die ^"Gust"bcfferte alles, was Rikelchen ihm an besserungsbebürftigen Schuhen und Stiefeln in das Haus schleppte, aufs gewissen- ßßftcftc au§. War Gust fertig, schrieb er den Preis für feine Arbeit mit Kreide unter die Sohlen. Um das weitere kümmerte er sich nicht. Rikelchen hatte ihm die Flickerei — Gust wußte nicht woher — ins Haus gebracht. Da mochte denn auch Rikelchen sehen, baß die heil- gemachten Schuhe wieder aus dem Hause kamen. Vor allem aber sollte sie selber darum bemüht sein, rote sie das Geld eintrieb. Als Rikelchen den sorgsam gewahrten schönen Schein, daß er mit seiner Schusterei ihren Lebensunterhalt verdiene, vor Gust nicht mehr aufrechterhalten konnte, sagte sie eines Abends unvermittelt, sie werde am andern Morgen zu ihrer Schwester nach Hamburg fahren. Der gehe cs sicher gut. Denn sie hätte einen Bäcker geheiratet. Für Esten aber müste man ja soviel Geld hergeben, wie gefordert würde. Ganz gleich, ob man wolle oder nicht. Ohne Schuhe könne man sich nämlich allenfalls helfen. Wie viele Menschen, die nie gedacht hätten, daß sie sich dazu herablasten würden, klapperten jetzt wieder auf Holzpantoffeln herum! Obwohl sein Vater geglaubt habe, die Pantosfelzeit sei für immer vorbei. Wenn es mit Deutschland so weitergehe wie in den Heiden letzten Monaten, dann würden sicher auch die Stadter das Varfußgehen wieder lernen. Was sie denn in Hamburg bei ihrer Schwester eigentlich wolle? drängte Gust sich dazwischen, als er merkte, daß seine Frau ihn nicht ans Wort hinankommen lasten wollte. Das könne er sich bei einigem Besinnen doch wohl denken, gab Rikelchen kleinlaut zur Antwort. „Betteln?" fuhr der ehemalige Bürgerworthalter und Rentier August Micheelsen von seinem Schusterhüker in den Baracken hoch. Was sie vorbabe, sei kein Betteln! behauptete die Angefahrene. Wenn in dieser schweren Zeit zwei Schwestern sich nicht beisiünden, wozu es dann überhaupt Vcrwandtschast auf der Welt gäbe? In hundertfacher Weise hätte er vor dem Krieg, als es ihnen gut ging, seiner Mutter geholfen. Wie er sich also dagegen wehren könne, nun, wo es ihnen schlecht gebe, Hilfe von ihrer Schwester aniunehmen? Sie könnten ihr ja später, wenn es ihnen wieder bester gehe — und es müßten andere Zeiten für Deutschland kommen, lehr bald sogar, wenn nicht alle miteinander zugrunde gehen sollten -- bis auf Heller und Pfennig zurückzablen. Mit guten Zinsen, wenn die Schwester es wünsche. Aber ehe die ihnen helfen könne, müsse sie und der Hamburaer Schwaaer doch misten, daß es ihnen, rote unzähligen ehemals Wohlhabendem schlecht gehe. Um Schwester und Schwager zu erzählen, was sich nicht schreiben laste, sabre sie nach Hamburg. So, nun roiste er es. Betten? Kein Gedanke dran! machte Gust. Damit war, ro?e jetzt immer, das Gespräch zwischen den Ehe- leitt-n in dem frübern Pantoffelmacherhäuschen beendet. Rikelchen fuhr allo nach Hamburg. Erst am übernächsten Tag kam sie zurück. Oie Schusterkugel. Roman von Hans Franck. jRachdruck verboten.) Ihrer Schwester, verichteke dle Helmgekeyrte, gehe es ausgezeichnet. Es sei genau so, wie sie es vermutet habe. Die Kunden gäben einander den Türdrücker zum Laden in die Hand. Wie bet ihnen, als sie noch auf der Hohen Straße wohnten. Um den Beweis dieser Worte zu erbringen, öffnete Rikelche« ißtcn JRcifcfoffct« Darin lagen Brote und süße Semmeln, Reis und Grieß, Mehl und Zucker, ein Stück Speck, mehrere Würfel MarFarine, ja sogar wn halbes Pfund wahrhaftiger Butter. „Mm", sagte Gust, der sich ernsthaft mühte, die neue von seine, Frau verkündete Wirtschaftsweise zu begreife«. Und welch goldiges Herz die Schwester habe! rappelte Rikelchen weiter. Noch goldiger, als sie vermutet hätte. Wohl ein dutzendmal habe die über ihren Besuch Erfreute gesagt: Sie solle unbedenklich mit ihrem leeren Reisekoffer wieberkommen, so oft e§ nötig Jet. Anfangs wollten Gust die geschenkten Hamburger Etz-Herrlichkeiten nicht recht munden. Dann knechtete der Hunger sein Wiflen um die Herkunft bet nahrhaften Sachen, die er zu seinem Munde führte. Und Gust aß, seine Scham mit den wohlschmeckenden Bisse« hinunterroürgend, nach Herzenslust. Trotz der Zusage ihrer Hamburger Schwester, sie zu unterhalten, ging Rikelchen auch weiterhin auf die Hohe Straße und holte aus den Häusern soviel Flickarbeiten für Gust, daß er vor Hämmern und Nähen vom Morgen bis zum Abend nicht zur Besinnung kam und sogleich in schweren, traumlosen Schlaf versank, wenn er sich auf dem Lager neben seiner Frau ausstreckte. Während dieser Monate verschwanden an der Hohen Straße in den Häusern der Vornehmen und Wohlhabenden viele leicht mitzunehmende Kostbarkeiten: silberne Löffel, Mester und Gabeln, funkelnde Broschen und echte Vasen, Leuchter und Serviettenringe. Der Dieb war trotz emsigsten Suchens nicht zu ermitteln. Nach geraumer Weile wies jemand darauf hin, bas Verschwinden gehe immer an solchen Tagen vor sich, wenn Rikelchen in ihrem Armkorb zerristene Schuhe hole oder heile zurückbringe. Man lachte den Verdächtigenden als einen neunmalkluge« Schwätzer aus: Gusts Frau eine Diebin? Die stille, schüchterne Lebensgefährtin des zwar heruntergekommenen, aber ehrbarsten Mannes auf der Welt? Die mit allem zufriedene Ehegattin beS einstmals zweitreichsten und angesehensten Bürgers der Stadt? Aber selbst die heftigsten Zweifler mußten nach und nach zu- geben, baß sich der Verdacht gegen Rikelchen verstärke. Doch gelang es nicht, die Flickwaren einsammelnde und auS- tragende Schustersfrau aus den Baracken des Diebstahls in de« Häuser« auf der Hohen Straße zu überführen. So gab man von dem Rathaus der Stabt her schließlich amtliche Nachricht nach Hamburg und bat, bei ihrer nächsten Reise die Schuhmachersfrau Friederike Micheelsen, geborene Hüppgens auS der Nähe München-Gladbachs im Rheinland, so und so von Aus- sehen, so und so angezogen, als des Diebstahls dringend verdächtig auf allen ihren Gängen in der Großstadt, bet allen ihren Hand- lungen, namentlich denen des Verkaufs von Kostbarkeiten, unauffällig zu überwachen. , .... Weil die Diebstähle nach einiger Zeit wieder etnsetztcn, machte man sich den Rat der Hamburger Polizei zunutze, der Verdächtigen eine Falle zu stellen und sie auf diese Weise zu überführen. Die Bürgermeisterin „vergaß" eines Nachmittags, als die Schustersfrau aus den Baracken wieder einmal mit geflickten Schuhen erwartet wurde, auf dem Tisch neben der Haustür im halbbnnklen Flur einen silbernen Leuchter. Sobald Rikelchen mit ihrem Korb auf dem Arm aus dem HauS des Bürgermeisters trat, kam der Gendarm wie zufällig aus der Nebenstraße. Er versperrte der an ihm Vorbeigehenden durch einen Seitentritt den Weg und sagte halblaut, aber mit obrigkeitlichem Nachdruck: „Korb auf!" Rikelchen legte schützend die Rechte über den Deckel und ver- suchte mit erstickender Stimme zu fragen: „Warum?" „Geht keinen auf der Welt was an als mich!" fauchte der Gendarm. „Es sind nur zwei — nein: drei Paar wieder zurechtgemachte Schuhe darin, die ich noch schnell austragen muß", flackerte Rikcl- chens Stimme auf. Da riß der Gendarm den Henkelkorb von ihrem Arm herunter und öffnete ihn. Auf seinem Boden, unter Schuhen versteckt, lag der silberne Leuchter der Bürgermeisterin. „Mitkommen!" befahl — nun ohne seine Stimme zu mäßigen — der Gendarm und führte die Ertappte, hinter der sich sehr schnell die Schuljugend, fingerzeigend, Hohnworte ausstoßend, sammelte, auf das Rathaus. Dort gestand Rikelchen alles ein. Unbesehen unterschrieb ste das Protokoll des polizeilichen Berbörs. Denn Rikelchen batte nur einen Gedanken, nur einen Wunsch: Nicht auf dem Rathaus behalten! Nicht zum Amtsgericht schicken! Nicht von Gust trennen. Man verständigte sich durch Blicke, daß Fluchtverdacht nicht vor- liege und entließ sie bis zur gerichtlichen Verhandlung, die ihr teuer zu stehen kommen werde, in ihre Wohnung. Rikelchen bog atemlos von der Ackerstraße in die Baracken ein. Ihr Fuß stockte. Ihre Gedanken verwirrten sich. „Gust weiß schon alles!" batte eine schrille Stimme in ihren Lauf hineingernfen. Vermutlich, um sie anzuhalten. Aber Rikelchen war nicht in Schritt gefallen, sondern wciteraelaufen, schneller als je in ihrem Leben. Was war daS? Gust weiß alles und... und... Rikelchen machte mit Mübe die Stubentür ans. Gust gewahrte es nicht. Rikelchen zog die Tür — so laut, baß sie darüber erschrak — hinter sich zu. (Schluß folgt.) t« tt tt It t r r it t- n h l- d s 9 tt it l- n te h. 5- 0« r- s. IN itt ch in s- it« et üe iit in m u» ß. d- m er |C« n i> tr- te, id, tt, ist eil NN ro- die icht rt«- icr tuten a6 ne te, n, fei litt dn ett ut Eichener ZamlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ Jahrgang 1934 Zreitag, den 4. Mai Numm^34 Colour & Grey Control Chart Green Yellow Red I 20 Ocm stirne kraus. „Friedrich Karl, der junge Administrator, kann in Regensburg gut ilbes Kind, sonst wüßte er, baß Mapnes- betn, wenn sie glauben, es mit gutem Gewissen tun zu können! Um einer Drohung willen werde ich kein Liederjahn und bleibe ""'„Wo ltt^ Ihr °Euch unterstehen, der Hölle und allen Teufeln zu trotzen?" legte sich der Bürgermeister Künkele ins Wort. »Nord- chwaben ist in den Händen der Franzosen. Was tun wir Böses wenn wir für den Frieden sind und den Franzosen gastfreundlich die Tore öffnen? Sie werden uns kein Haar krümmen. .Mögen die neunundneunzig souveränen Herzöge, Fürsten, Markgrafen, Prälaten, Ritter und Reichsstadtherren, die vom Bodensee bis zum Neckar das Schwabenland regieren, auf ihr " ' -"rnasrecht mit dem Fernde pochen! Mögen ■ Und wenn ihr Ränkespiel das Deutsche t, öffnet Schorndorf seine Tore nicht dem Kommandant der Stadt bin," entgegnete 18 19 14 15 16 17 11 12 13 9 10 Kuckuck! , Oer Kuckucksschrei. Von WilhelmPleyer. Kuckuck! Die Wiesen schwellen von Grün, Weichgoldig die Löwenzahnsterne glühn Und Sängerlein jubeln wie nimmer gescheit, Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit. den Befehl", erhob sich der Kriegsrat Luern Posten nicht gleich übergeben, doch ankommen lassen. Im Notfall zieht Ihr kapitulieren könnt." Grey 2 Grey 3 Grey 4 Von Rudolf Behrens. Der Bürgermeister Künkele von der württembergischen Stabt Schorndorf im freundlichen Remstale stützte sein sorgemchweres 5>aupk. Er grübelte. Seine Frau, die mit einer Nadelarbeit neben ihm'saß, blickte ihn halb neugierig, halb mißtrauisch an. Plötzlich stand der Bürgermeister auf, lief wie ein uMgeicheuchte» ^tlö durch die Stube und blieb vor seinem Weibe stehen: Weiß die Künkelin, daß die Stuttgarter Kommissare in der Stadt sind? Weiß sie, was der Hofjunker von Hoff und der Krlegs- und Kirchenrat Tobis Heller von unserem Kommandanten wollen? Die-Bürgermeisterin legte das Nähzeug aus der Hand und antwortete- „Ich weiß, in Schwaben ist die Hölle los. Ein teuflisches Gesindel hat die Rheinyfalz in^inen Schutthaufen verwandelt. .».1 tint mit nberaoiieu. Da» Rheiutat ist eine Cyan Grey 1 Blue White Magenta Black 12 3 4 5 6 7 8 -XAI/X- ilbes Kind, sonst wußte er, baß rvtartnes- I Angstbefehl eines schwachen Herrn." tt Ruhe," mischte sich der Untervogt eut. richt sind für die Kommissäre. Die sran- Eßlingen erwarten höfliches Entgegen- ^flW rttgart in der Hand. Lieber den Feind in oct «sraor ais oen -4.00 auf dem Wall!" Verräter seid Ihr!" wetterte der Kommandant. „Zweitausend Dublonen bot mir Melae für Raison und Uebergabe unserer Stadt. Hütt' ich ein feiges Herz wie Ihr gehabt, so war ich jetzt ein reicher Mann." Verbittert verließ der Kommandant die Ratsversammlung und begab sich auf den Wall. Die Bürgermeisterin Künkele ahnte nur zu gut, wie es im Rate und um Schorndorf stand. Sie schickte unverzüglich zu ihrer Freundin, der Hirschenwirtin, und beriet mit ihr da» Schick,al der Stadt: „Wenn die Männer zu Weibern geworden sind, dann müssen die Weiber halt Männer werden. Sie mögen nn Staatsrat feine Reden halten, indessen wir im Krieg»rat handeln. Auf der Stelle schlagen wir los, um allen Bürgern zu zeigen, rote man Schorndorf retten kann," so schloß die Künkelin. „ Auf^ih^eheK^t^i^^u^^att^in^rtne^r,^ 21 mgr 22 6 8 L 9 t't' ^Vist^du blind "geworden?" zürnte die Frau und blitzte ihn mit ihre? funkelnden Augen an/ „Nach der Pfalz kommt Schwaben an die Reihe. Schorndorf steht auf der Liste. Weißt du nun, um was e® Sch^will zum Wohle unserer Stadt mit Frankreich Frieden halt-w Dummheit und Schorndorfs Trümmerhaufen. "Was unserer Stadt dient, wird der Rat entscheiden. Da ftefj. Der Bürgermeister blickte zum Fenster hinaus und wies auf d e Straße. „Die Stadtknechte haben Eile, mich und die Richter zum ... finien " Der Bürgermeister wandte sich zum Gehen. %°r L Tür tratlhm die Künkelin entgegen und fragte hart: ^Seifllinöd" rief sie ihm ins Gesicht. Dann war sie mit ihrem Z°^il "der "großen Ratsstube von Schorndorf feilschten die Stadtväter mit den Stuttgarter Kommissären der herzoglichen Regie- ÄÄÄ"* ÄS «S S s z lierung übcruc6c» Die Stuttgarter zerren mögen iticm mnuvw, öa« es ihnen mit Schorndorf gehen werde wie mrt Tübingen und dem Hohenasperg!" Der Mut der Frauen wuchs. Sie-hattencmen, Willen und ein Ziel. Es wurden Kompanien ^bildet Onizierin- ncn ernannt. Diese erhielten Degen und kurze Gewehre. Aul Befehl der Künkelin drangen sie vor das Rathaus, tn dem die Man- «Är n«6 »«» «m warten. Sie selbst schlüpfte vom Flur aus in den Kachelofen der aroßen Ratsstube und wurde Zeugin einer schimpflichen Verhandlung. Als sie von Kapitulation und nie gehaMnen französischen Versprechungen hörte, wußte sie genug. Blitzschnelleilteue hinaus, ließ das Rathaus von ihrer Schar besetzen und drang mit einem Teil des Weiberheeres tn die Natsstube. Die Kommissäre entsetzten sich: die Natsherren waren über ihre eigenen Weiber bestürzt und alaubten an einen nblen Scherz. Da stellte sich die Künkelin drohend mit gezogenem Degen vor ihren Mann und rief mit furchtbarem Ernst: „Mil.meiner-eigenen Srand erschlage ich dich, wenn du an Schorndorf zum Verräter wirst' Weh Euch, wenn Ihr für Uebergabe stimmt! Alle Verräter werden von ihren eigenen Weibern totgeschlagen. Der Bürgermeister wurde leichenblaß. Ehe er antworten konnte fuhr seine Frau fort: „Was Ihr beschließt, tst gleich. Die Stadttore besehen wir,- der Kommandant bleibt auf seinem Posten. Niemand kommt ohne Verhör aus diesem Saale. Wer für Uebcr-