Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 66 Montag, den 27. August Zahrgang t934 Wandrers Aachtlied. Bon 3. $8. von Goethe. Der du von dem Himmel bist, Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist. Doppelt mit Erquickung füllest, Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine 93ruftI Regine. Line Geschichte aus Weimar. Don Helene Bühlau. Wir hatten große Wasche im Haus, und unsere Mutter bat die | Großmutter, daß diese ihre Rechne auf ein paar Stunden leihen möge, im zu helfen. Regine aber widerstand mit ruhiger Würde unserer Mein", ?agte sie zur Großmutter, „das tut mir leid, das kann ich teut nicht, ein anderes Mal wieder recht gerne. Heute wird ein Stück ion meinem Vater selig ausgeführt, und Sie erlauben wohl, Frau Geheimrat, daß ich auch ins Theater gehe." „Ja, um Himmelswillen", sagte meine Großmutter — „was ist jenn das?", griff nach dem Theaterzettel mit dem Abonnementsblllett, der wie immer auf feinem Platze lag; da fah die Großmutter, daß heute tm seit Jahrzehnten vergessenes, wieder neu ausgegrabenes Stück von ftaupach gegeben wurde „Und Sie sind Raupachs Tochter?" rief die Großmutter — „du allmächtige Güte! Wie ist denn das alles miteinander möglich?" Ja, es war alles miteinander möglich. Eine Kette der interessantesten 5>inge verhüllten wie eine Wolke Regine, die Köchin, vor meinen er= (Inuiiten Augen. Sie war nicht nur Raupachs Tochter. Rein — sie war jahrelang in Goethes Haus ausgewachsen, mit seinen Enkelkindern er- pgen worden, dann war sie zum Ballett gekommen, und es war ihr khiecht ergangen — schlecht ergangen. Ein Tränenstrom verschlang die Irrsten Warte und Schicksale. Ich sehe sie noch stehen, Raupachs Tochter; die rote Zöpfleinfchlange, zusammengerollt aus dem kahlen Schädel ine bunte fitfi im Augenblick glühend rot im Hellen Sonnenlicht Unter fceqines Kattunjacke wogten sehr unregelmäßige, gestaltlose Formen. Reine jungen Augen aber sahen das alles nicht mehr. Ein Glorienlchein umroob die armseiige Person. Ich hätte ihr wie einer Heiligen die Hande lässen mögen. „Ach, setzen Sie sich, Regine, setzen Sie sich", sagte ich zaghaft. Nir war es unmöglich, ihre geheiligte Person hier stehen zu sthen. losere Großmutter saß und machte große, große Augen, unb b,e Brille dar Über den Augen, auf der Stirn zu sehen. Ich druckte Regine auf einen Stuhl nieder. , _ , „O, Regine, Regine!" sagte ich. Ich hatte den „Sauft 'n diesen ?ngen zum allerersten Male gelesen, hatte drunten im Stern, in Goethes (f>?rten, unter hohen Bäumen, in Anbetung ganz versunken, auf dem Vaden gekniet. Meine junge Seele war dahingeschmolzen im er|ten kraßen Eindruck. .. x Unsere Großmutter hatte ja auch Goethen gekannt, aber dies — das fühlte ich — war etwas anderes Ich empfand das Intime des Zusammenlebens im selben Nest; ohne daß Regine nur den Mund auftat, lnibi ich alles, alles, was geschehen war, oder hatte geschehen können. - Mit ihm hotte sie dieselbe Luft geatmet, er hatte sie gestreichelt — Mr etwas zu tun anbefohlln. Sie hatte ihn gesehen, wenn er zum frühstück kam, gesehen beim Essen und Trinken und reden gehört' Reden 6’hört und auch lachen — vielleicht auch schelten Das Staunen verließ mich nicht, ich schote unb schaute aus Regines t'ilige Person, und Schauer überliefen mich. Auch die Großmutter hab iif) rn-in Lebtag nicht so erstaunt gesehen. ,, ..Na. so reden Sie doch, wie ist denn das alles möglich > Rechne, die Köchin, dieser armlelige Rest, war also von all der Herrlichkeit in Weimar noch übrigaeblieben. . u „Ach Frau Geheimrätin, möglich ist gar vieles. „Ja, hat denn der Raupach nicht für Sie gesorgt? „Du lieber Gott du lieber Gott", tagte R eg'ne. was so nL ichter t - Nee, Frau Geheimrat, die machen sich nicht viel -Schkrubel a.er Heine Mutter band der sel'gen Frau Geheunrat Goethe recht nah, so „Regine, und da haben Sie wahrhaftig in Goethes Nähe gelebt?" „No ja, nadierlich", sagte Regine. „Das Kompott, was wer letzten Sonntag hatten, die Hagebutten mit Rosinen, waren Exzellenz Goethe fein Lieblingskompott. Das Kochen hab ich im Goethfchen Haufe von jung aus noch so mitgelernt. Auch der Hammelbraten mußt allemal mit reichlich Thymian angesetzt werden, mie’s letztemal, wos den Herrschaften so schmeckte. Ja, aus eine gute Küche gab der Herr Geheimrat schon etwas." „Haden Sie denn gar nichts von Goethe?" fragte ich. „O ja", sagte Regine, ihre Wortkargheit war unerschütterlich. „Was Sie haben, zeigen Sie mir", bat ich. Sie nickte. Und so kam ich hinaus in ihre Bodenstude, die sie vor aller Augen sonst streng abschloh Ich glaube, jetzt zwar nicht der Heiligtümer wegen, sondern um einen Zufluchtsort zu haben, in dem sie ungestört ins Vergessen sinken ober sich davon wieder erholen konnte. Mit Schauer betrat ich Regines Kammer. Sie führte mich noch an diesem selben Tage, ehe sie ins Theater zur Aufführung des Stückes ihres Vaters ging, hinein, wies stumm auf ein eingerahmtes Stückchen vergilbtes Papier auf das eine graue Haarlocke geheftet war. „Die hab ich mir selbst aufgelesen, als der Geheimrat einmal geschoren wurde." „Ach", fragte ich, „wie bas bas?" „No, ba kam ber Friseur Eberwein, ber ihm immer die Haare brannte, bann hat ber Herr Geheimrat geschellt, bamit eines rauf’ sollte, unb ba kam ich, weil sie unten gerabe alle was zu tun hatten. „Daß bie Haare nicht herumfahren", sagte er unb ba sammelte ich sie auf — es waren nicht viele." Unter bie Locke hatte Rechne selbst frei nach Goethe geschrieben, vor langer Zeit, bie Tinte war ganz gelb geworben: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß. Wer nie in kummervollen Nächten In seinem Beite roeinenb saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte." Arme Regine. Darauf öffnete sie ihre Labe, bie sie wohl ihr Leblang in allerlei Elenb begleitet hatte, unb nahm ein Bünbel heraus. Ohne etwas zu sagen, entfaltete sie ein vergilbtes Männerhemb mit wunberlichem Gefälle an ber Brust Ein Hemb von Goethe! Das zarte Linnen hatte feinen Körper berührt. Es war ihm fo nahe gewesen, ein Stück feiner selbst. Gespensterhaftes Bangen berührte mich, wie Regine, bie Tochter Raupachs, in ihrem Feiertagskieibe, in der ärmlichen Dienstbotenkammer, das goethische Hemb ausbreitete, ohne ein Wort zu sagen. Eie ließ mich ungestört in meiner Versunkenheit. Das schauerliche Vergehen allen Lebens, auch bes göttlichsten, erschütterte mich. Enblich sagte sie: „Es war eins von ben ganz alten, sie taugten so mscht mehr." Dann breitete sie ein purpurrotes Kleib mit bunteiblauen Borten aus. „Das hat meiner Mutter schon in ihrer Jugenb gehört", tagte Regine. „Das stammt noch von Frau von Goethe." „O, lassen Sie sehen, Regine", bat ich. Ich berührte es. Cs war aus weicher, inbischer Seibe. Sein tiefes Rot sah aus wie heiße, glückliche Liebe Aus biefem zarten Stoff haben feine Augen in Liebe geruht. — Wie klein unb zierlich muß Christiane gewesen fein, eine zierliche, volle Gestalt — und fo geliebt! — geliebt von dem Herrlichsten. O. wie muß dein Herz unter dem roten zarten Kleid geschlagen haben, du glückliche Christiane! Dein Grab finden sie nicht mehr, vergangen bist du lange schon, lange schon, verwest, in Staub zerfallen, unb bein Kiew leuchtet noch in roter Glut, wie in ben Tagen, als er bich barin geküßt. Seine Hänbe haben auch biefe kühle, feine, anschmiegenbe Seibe gespürt. Ich war ganz überwältigt und sagte: „Ach Regine, daß alles und alles vergeht!" Rechne fache: „Ich meine, bas wäre fo übel nicht, mich verlangt nach gar nifcht mehr " Bon biefem Tag an hockte ich, wo ich Regines habhaft werden konnte, bei ihr, sah' ihr zu beim Plätten, beim Kochen, beim Zimmerreinigen unb ihre Stummheit löste sich mehr unb mehr. Uralter Dienst- botenklaUch aus jenem gefegneten .(zause kam mieber ans Sonnenlicht; aber auch ber intimen, köstlichen Dinge bie Fülle bie jener Zeit entstammten unb sie lebhafter als manche grünblidje Abhanblung vor Augen treten ließen. Makarie. Zu Goethes Geburtstag am 28. August. Von Ernst v. Niebel schütz. Unter den Frauengestalten Goethes ist die Makarie der „Wanderjahre" die am schwersten zu beschreibende, die am wenigsten aus dichterischem Fleisch und Blut bestehende und darum wohl auch die am wenigsten bekannte. Als reiner Geist, als freundlich und heiter blinkender Stern, körperlos und unpersönlich, steht sie über den irdischen Verflechtungen des Romans. Wird ihr Name genannt, fo nur mit der höchsten Ehrfurcht der Beteiligten, die Handlung scheint für einen Augenblick stillzustehen, und immer kündigt sich durch das Eingreifen Makariens eine sittliche Wendung an. Wer ist dieses seltsame Wesen, das so viele Knoten löst und aller Vertrauen genießt, ohne selbst dieses Vertrauens bedürftig zu sein? In der eher nüchternen als überschwänglichen Sinnesweise der Wanderjahre, des großen Erziehungsromans mit dem Untertitel „Die Entsagenden", wird auf viele Leser die Makarienfigur zuerst als fremdes Element wirken. Heißt doch die allgemeine Tendenz: stecke deine Ziele nicht so hoch, lerne dich einschränken und deine nächstliegenden Pflichten tun, um ein nützliches Glied der Gesellschaft zu sein! Wilhelm Meister soll sich dem Berufe des Wundarztes wiomen, Philine und Lydia, die schönen Sünderinnen, sollen — Schneiderinnen werden, und von ferne lockt Amerika als das gepriesene Land der praktischen Arbeit. Vom Vergangenen und Künftigen fall nicht mehr die Rede sein, alle Anstrengung soll dem Gegenwärtigen gehören, das Gute gilt mehr als das Schöne. Werde nützlich!: das scheint in den Wanderjahren der Goetheschen Altersweisheit letzter Schluß zu sein. Aber es scheint eben doch nur so. Das beweist allein die Gestalt der Makarie, die Goethe nicht in den Roman eingebaut hätte, wenn es ihm nur darum zu tun gewesen wäre, die Selbstbeschränkung als die höchste Lebensweisheit hinzustellen. Schon die Art, wie sie eingeführt wird, klingt hochgeheimnisvoll. Die munteren Mädchen Herfilie und Iulietta sprechen da von einer würdigen Tante, die, unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei. In krankem Verfall des Körpers, in blühender Gesundheit des Geistes, wird sie geschildert, „als wenn der Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursybille rein göttliche Worte über die menschlichen Dinge ganz einfach auszusprechen vorbehalten wäre." Als nun Wilhelm zu Makarien kommt, findet er alles bestätigt. Die Selige — denn dies will der Name Makarie bedeuten — lebt und webt in der anschauenden Betrachtung der Himmelskörper und ihrer Bahnen im Weltenraum. Von früh auf hat sie sich zur Astronomie hingezogen gefühlt, aber nicht so wie andere Menschen, nicht aus bloßer wissenschaftlicher Liebhaberei, sondern aus Grund eines ganz eigenartigen Verhältnisses zu den Gestirnen. Aehnlich dem Dichter, der die Elemente der sichtbaren Natur in sich verborgen hält und nur nach und nach aus sich zu entwickeln braucht, so sind Makarien die Verhältnisse unseres Sonnensystems von Anfang an eingeboren. Ihr ärztlicher Berater weist den „interessanten Fall" nicht sogleich seinen eigenen praktischen Erfahrungen mit Somnambulen und ähnlichen Abweichungen zu und ist wohl auch geneigt, mit der Familie, der das alles als Krankheit gilt, die Sache auf die bequemste Weise abzutun, wir würden heute sagen: als psychopathische Bewußtseinsstörung zu erklären. Da er aber zugleich Philosoph und Seelenkenner ist, nimmt er den Fall ernst und wird bald eines besseren belehrt. „Er stellte Berechnungen an und folgerte daraus, daß sie nicht sowohl das ganze Sonnensystem in sich trage, sondern daß sie sich vielmehr geistig als integrierender Teil darin bewege." Die Methode, die wir uns freilich von dem heute beliebten Verfahren grundsätzlich verschieden vorzustellen, haben, führt nämlich zu dem Ergebnis, daß die ärztlichen Berechnungen durch die Aussagen Makariens „auf eine unglaubliche Weife" bestätigt werden. Das fünfzehnte Kapitel des letzten Buches, wo wir wohl das Tiefste finden, was je über okkulte Erscheinungen gesagt worden ist, enthält sozusagen die geisteswissenschaftliche Diagnose dieses durchaus nicht pathologischen Falles. „Makarie befindet sich zu unserem Sonnensystem in einem Verhältnis, welches man auszusprechen kaum wagen darf. Im Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben;« sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkte entfernend, und nach den äußeren Regionen hinkreifend." Und nun ist weiter die Rede von körperlichen Wesen, die nach dem Zentrum, und von geistigen, die nach der Peripherie streben. Makarie, als eines der geistigen, fühlt von klein aus ihr inneres Selbst als von leuchtenden Wesen durchdrungen, sie sieht zwei Sonnen, eine innere in sich und eine äußere am Himmel, sie bewegt sich als ein geistiges Ganzes zugleich um die Weltsonne und nach dam Ueberweltlichen hin, ihr Auge erschaut die noch unentdeckten Planeten, sie erlebt das Spiel der Monde, kurz, sie ist in einer Weise in dem ungeheuren Weltenraum heimisch und tätig, daß ihr vom Irdischen entbundener Geist in den fernsten Regionen zu verweilen scheint. Hier lenkt Goethe den kühnen Himmelsflug wieder in die eigentliche Sphäre der Wanderjahre zurück, aber mit ganz neuen Erwartungen und Ansprüchen. Makarie, die nur Schauende, nicht Wirkende, die selige Seherin, wird durch ihre bloße Gegenwart den Menschen zum Segen. Die weiseste der Frauen ist auch die gütigste der Frauen. Indem ihr Geist, ihr Herz ganz dem Uebersinnlichen hingegeben ist, „bleibt doch ihr Tun und Handeln immerfort dem edelsten Sittlichen gemäß." Sie lebt gleichsam in seelischen Gezeiten, es scheint in ihr zu tagen und zu narbten, „da sie denn, bei gedämpftem inneren Licht, äußere Pflichten aus das treueste zu erfüllen strebte, bei frisch ausleuchtendem Innern sich der seligsten Ruhe hingab. Ja, sie will bemerkt haben, daß eine Art von Wollen sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den Anblick der himmlischen Genossen auf eine Zeitlang umdämmerten, eine Epoche, die sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wußte." Diese Gabe, auf die zarteste Weise wohlzutun, ist also der andere, der i r d i s ch e Pol ihres Wesens, aber auch hier ist es weniger ein Wirken, als vielmehr ein Erkennen und Aussprechen der verborgensten Geheimnisse. Wer zu ihr kommt, weiß, daß sie durch seine Maske hindurchschaut bis auf den Kern. Eine von ihr geheilte Weltdame bekennt, früher sei es ihr immer gewesen, als wenn sie sich zu einem Maskenball herausputzte, bis sie unter Makariens Einfluß gewahr geworden fei, daß man sich von innen selbst schmücken könne. Makarie verurteilt nicht, sie moralisiert nicht, und wenn sie daraus vertraut, daß aus Selbsterkenntnis eine sittliche Besserung entstehen werde, so weiß sie doch auch, daß alle Erziehungskunst ihre Voraussetzung in der Achtung der persönlichen Freiheit hat. So wird sie zum Beichtiger aller bedrängten Seelen, „aller derer, die sich selbst verloren haben, sich wieder zu finden wünschten und nicht wissen wo." In der Makarienfigur hat Goethe seine letzte Weisheit über die Frau ausgesprochen, und dies mit Worten, die über das Fassungsvermögen des „normalen" Menschen weit hinausgehen, weil sie in einer Bilderwelt wurzeln, die uns mit der Kenntnis der Mysteriensprache verloren gegangen ist. Nicht ohne Grund vergleicht er sie mit einer Ursybille oder — ins Christliche gewendet — mit einem „Engel Gottes auf Erden". Sie gehört in die Reihe der uralten Seherinnen, Priesterinnen und Prophetinnen der Sage und Legende, von denen sie freilich jene „im hohen Grade geregelte Einbilüungskraft" unterscheidet, die sie unter allen ihren Vorgängerinnen Plakos Diotima als zunächst verwandt erscheinen läßt. Einem Manne hätte Goethe diese Mission nicht anvertrauen können; zur Lösung einer solchen Aufgabe gehört mehr als ein heftiges Wollen, mehr als ein durchdringender Verstand. Es gehört dazu eine Unzerlegbarkeit des natürlich-geistigen Seins, eine innere Versöhntheit und Einheit mit sich selbst, die nur eine Frau hat, sofern sie in ihrer Bahn bleibt. Goethes Makarie ist der genaue Gegenpol männlicher Wesensart, und eben weil sie in ihrer Art vollkommen ist, wird sie ihm zur Verkörperung der Idee der göttlichen Weisheit, die gleichzeitig in dem verklärten Gretchen und dem Ewig-Weiblichen, das uns hinanzieht, ihren sinnbildlichen Ausdruck gefunden hat. Immer wieder Bayerische Landschaft. Von WilhelmHausenstei'. erklommen wird, ist immer aufs neue unerhört, denn nie werden ihre Zauber so im Gedächtnis behalten, wie sie sind und wirken, wenn man ihnen unmittelbar begegnet. Dies Kircheninnere ist ein blühender Frühling aus weißem Stuck und aus schimmernden Vergoldungen. Ein Frühling — reicher freilich, als die umgebende, oberbayerische Natur draußen ihn heroorbringen und zu tragen vermöchte: denn in diesem Kirchen- innern scheint der Frühling zu einer tropischen Fülle auszuschlagen. Der doppelte, in zwei Stockwerken emporftrebenbe Altar mit Gold und Silber, die goldenen Vasen in der Höhe, mit märchenhafter Ueppigkeit und Feinheit gebildet, die Heiligen Nepomuk und Florian, deren Gestalten leidenschaftlich, wie Flaggen im Wind fast, bewegt sind und von Gold glänzen, das schier abenteuerliche Wuchern aller Kunstsormen, das gleichwohl ein durchaus natürliches Wuchern zu fein scheint, dazu der goldene Widerschein des Lichts, die strömenden Wellenlinien der Geländer — dies alles ist ein Schimmer, eine Pracht und Herrlichkeit wie aus dem Wunderland, nicht aus oberbayrischer Wirklichkeit. Und dennoch: auch dies ist Bayern — auch hier ist ein Stück vom Herzen dieses Landes. Man braucht nur hinauszuschauen, um es ganz und gar zu wissen. Und in der Tat: dies sollte man immer wieder tun. Immer, so ost man nach Andechs kommt, sollte man den Turm ersteigen und dergestalt innewerden, daß dies Barock und Rokoko als einer der nationalsten Stile Bayerns mit bayrischer Landschaft umher verbunden ist; wie eine Kirche dieser Art recht das Inwendige ist zu dem Auswendigen da draußen — zu Feldern und Fluren, Wäldern, Bergen und Gewässern. 2(m Ende ist der Unterschied zwischen dem Drinnen und Draußen so groß ja auch nicht, wie man zuerst meinen möchte. Denn wenn der oberbayrische Himmel im Süden und Südwesten draußen seine Föhnfarben aufzieht, dann ist dieser Himmel selber ein wahres Barock und Rokoko der Natur. Man steigt gemach hinaus durch den Andechfer Kirchturm. Da drinnen geht es steil und eng und holprig empor, und durch ein dämmriges Helldunkel geht es, das sich zuerst wie aus Nacht heraus- fchälk. Hoch droben, unter der Gipfelkammer, verschränkt sich das schwere Gebälk immer dichter und merkwürdiger; unter der Turmstube starrt das Halbdunkel von gekreuztem und gedrängtem Gebälk, das nur da da und dort mit dem hereinfcheinenden Gold der Sonne fleckig bemalt ist. An der großen Glocke, die schwer und mächtig im Gestühl hängt, grünspanig vom Sliter, von der Feuchte ungezählter Herbste — an der großen Glocke zeichnen sich Reliesfiguren der Heiligen ab, die Muttergottes in der Mitte. Und nun ist man droben, eingefangen in bas Rund des Turmhelms, in den oberen Teil der Haube, die sich von innen gesehen, noch viel gewaltiger buchtet, als man’s von drunten her gedacht haben würde. Vier Fenster sind da, und durch jede der vier Luken erblickst du ein eigentümliches Bild oberbayrischer Welt. Welk, jawohl — denn so muß man alle vier Male sagen; alle vier Male geht Welt auf, ein „_____________ ist man, fo oft der Gang nach Andechs durchs Kiental herauf oder vom Starnberger See herüber auch fchon gemacht worden fein mag, über die Schönheiten des „heiligen Bergs" aufs Neue erstaunt. Das Kloster liegt mit den Nebengebäuden fo fest und klar emporgebaut, wie eine der Ansichten des alten Kupferstechers Mathaus Merian, und der inmitten hochaufragende Kirchturm mit der mächtigen Helmzwiebel, die eine pfeilschlanke Spitze trägt, scheint weithinaus eine Gralsburg anzuzeigen, die zwar nicht Ritter, wohl aber Mönche des hl. Benedikt und Bauern und Bäuerinnen versammelt und Wallfahrer, die aus den Städten kommen. Das Innere der Kirche, die über steile Hänge Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. (Schluß.) Aber niemand sprach von heute abend. Dabei wußten zum mindesten die jungen Leute, daß seit Wochen an jedem Sonntag in allen wichtigen Zeitungen in dicker Umrandung zu lesen stand: „Tanzabend von Katarina Gugernell. Stücke aus einer neuen Tanzsuite von Nikodem von (Blob. Danach: Aus .Rosamunde II' (Schubert). Deutsche und fremde Volkstänze. Alte Tanze (Polonäse, Sarabanbe, Allemande). Tanz der Nebenbuhlerin. Sehnsucht der Frau. Die Dame. Das Mädchen. Der Kreisel. Tanz der Mutter. Tanz und Traum. Der süß rasende Tanz." Darunter die Voranzeige: „Uraufführung: ,Die ewigen Zwei' oder ,Die Geburt des Tanzes' (mit Bako und Irmela v. Dehn) von Nikodem von Glod. Regie: Dr. Alfons Kittel. Wiederholung am--" Aber das kam vorläufig nicht in Betracht. Ob auch Louis es gelesen hatte? Den andern, Dagobert, Diez, Till und Barby, brannten ihre Karten für heute abend schon in der Tasche: sie waren selbviert gewaltig gespannt, freuten sich darauf und hatten insgeheim freundschaftliche Angst um Katarina. Kein Wort davon. „Onko —?" hatte Till vor etlicher Zeit einmal aus bestem Herzen angetippt. — „Was willst du, Till? Es gibt wunderschöne Gleichungen, die zuletzt doch nicht restlos ausgehn und über die nicht viel mehr zu sagen ist." Es hatte wie ein professoraler Satz aus seiner Wissenschaft geklungen.-- Man saß nicht nahe am Podium: das war zu teuer. Sie wollten sich auch nicht aufdrängen für ihr Geld. Dagobert war entschlossen, beim Applaus aufzustehen und ihr eine Verbeugung zu machen: ,Da sind wir allesamt, Katarina, gnädige Frau! Ihr entzückender Dagobert.' Und plötzlich schmiegte sich vorn durch den grell bestrahlten Hintergrundvorhang die geliebte Tänzerin Gugernell und war da. Sie wirkte merkwürdig fremd und vertraut da oben. Sie schien viel kleiner, schmaler, zierlicher, machte einen rührenden, unsäglich liebenswerten Eindruck aus die vier, die sie mit den Augen verschlangen, Alle Leute im Saal vergaßen Alltag und Sorgenlast; alle — auch die älteren, auch die ganz dicken Damen — lächelten, zärtlich erschüttert, und fühlten sich ebenso leicht, wunderbar entkörpert und durchseelt, schwebten und schwangen mit und waren überzeugt, daß sie das alles nachher im Nachtgewand nachmachen könnten; sie würden es bestimmt versuchen. Die Herren neben ihnen blickten demütig und würden nachher an diesen Versuchen einiges auszusetzen haben, aber klug den Mund halten. Die jungen Mädchen, die überall eng geschart sahen und standen, hatten strahlende Augen und kühne Mienen: Sie würden das erst recht können — alle waren Katarinas in geheimer Wandlung. Und die jungen Männer warteten darauf, zu rasen und zu klatschen. Zwei Dutzend kritische Hellseher mit blitzenden Kneifern oder Hornbrillen krausten mitunter die Stirnen, wiegten die Köpfe, rührten keine Hand, machten bloß wichtige Kreuze oder auch ein berufsmäßiges Fragezeichen auf das Programm; es störte niemand. Die Junioren von ihnen überlegten, ob sie ihre Kritiken in innigen Versen abfassen sollten; ein ganz Älter schrieb verträumt die Stichworte: „Mozartine Gugernell — Verklärung der Welt, Erlösung und Glück und eine leuchtende Erinnerung." „Amen!" sagte auch Dagobert, stand aus, klatschte lauter als alle andern und verneigte sich. Ein süßes Lächeln huschte da vorn, ein nah vertrautes Leuchten — — es war wie Gruß und KAß. „Bravo!" ries Dagobert stürmisch — ries Barby — ries Till — rief, ernst und sest, Diez. Und die große Tänzerin Katarina Gugernell verneigte sich bloß vor diesen vier, von dem ragenden, bebenden Baum Dagobert angezogen, nickte und winkte dankbar, und sie winkten zurück, und alle Menschen beneideten sie, aber das war ihnen ganz gleichgültig. In der großen Pause wandelten sie, festlich gestimmt, in den überfüllten Korridoren und Nebenräumen. Man wurde getrennt, sand einander wieder... Wer stand dort am Büfett mit fchönem weißem Haar? Eine Fürstin-Mutter: die Mama. Und daneben, stift und blühend, eine anmutig temperamentvolle Dame in schwarzer Seide, blauäugig blitzend und strahlend, der eben ein langer, gebräunter Herr mit eisengrauen Augen und eigensinnigem Kinn eine Zitronenlimonade präsentierte. Auch diese drei Herrschaften fchienen vom Verlauf des Abends befriedigt zu jein. Dagobert, vor dem Till und Barby Arm in Arm gingen, verneigte sich vor der Fürstin-Mutter und blieb stehen. Die Fürstin dankte laut, fast stürmisch: „Mein lieber Herr Hassel- brink! Wie freue ich mich herzlich! Ist sie nicht wundervoll? Besser als je! Mein Kind...! Ich bin so glücklich und so — traurig!" fügte fie flüsternd hinzu. Dagobert wippte ebenfalls Trauer und Glück und küßte die dargereichte funkelnde Hand respektvoll Auch die andre Dame, Frau Dr. Hillerbeck aus Breslau, wie er erfuhr, schien sich über den ihr vorgestellten Herrn Dagobert zu freuen, mit einer wahrhaft vorgefaßten Sympathie für alles Hasselbrinkfche. „Mein Vetter Dr. Möncke", machte sie ihrerseits bekannt. Dr. Möncke wippte ähnlich wie Dagobert, zeigte seine prachtvollen Zähne; blendend gesunder, starker, hübscher Mann von fast zwei Metern, der sicher mühejos jede Nuß knackte. Dagobert wippte noch einmal. Schade! Er würde gern ein Stündlein mit diesen netten Leuten nach dem Zaubcrspiel beisammensiben — natürlich auch mit der großen Katarina in engerer, herzhafter Feier. Er empfahl sich herzlich und verlangte unbezähmbar nach Barby, die von der Menge verschlungen worden war. „Wo warst du denn?" fragte Barby und sah ihm ins Herz. „Allerhand, ihr Leute... Ihr ratet es nicht." „Du warst im Künstlerzimmer?" fragte Barby. „Nein. Wollen wir es dann nachholen?" Und er erzählte es ihnei.. Weltstück, das aus dem Unendlichen zu kommen scheint und ins Unendliche drangt. Diese vier Bilder muß man nun eins ums andere betrachten. Nach Osten hinaus und hinab erblickst du einen Klosterhof, an den die Brauerei sich hingebaut hat. Eine Rauchfahne flattert weiß, waagrecht erstreckt aus dem Bräuschlot. Das Land dehnt sich in weiten, stachen Wellen; sandfarbig ist es, auch gelblichbraun, auch dunkler und mit Lila durchtönt, dem Erd-Lila des Frühlings, und von der Gold- farbe des über Wiesen und Aecker ausgeworfenen Mistjtrohs scheidet sich genau das lichte Grün der neuen Saat, die angefangen hat, aus der Erde zu sprießen. Als eine endlose Schlange zieht sich die Straße schier weiß zwischen Feldern und Wiesen hin. Den Rand des Bildes macht der Wald: bronciggrlln mit Fichten und rötlich dort, wo in Zweigen der Laubbäume neuer Saft schießt. Bläulich-fahl, zart mattiert malen sich die ferneren Wälder in den äußersten Gesichtskreis, um beinahe schon im leichten, lichtblauen Himmel zu vergehen. Herwärts zum heiligen Berg liegen Aecker und Anger als Streifen geordnet — Teppichen gleiech, die mit einem leichten Goldschein durchwirkt scheinen. Die frisch- bestellte Erde liegt bloß geöffnet und reinlich. Im nördlichen Bild stehen vornan in einer Tiefe, die schwindeln macht, die Klosterhöse wie Schächte; eng, mit stellen schwarzen Dächern gerahmt und schlichten weihen Mauern. In den Klostergarten schaut man hinab: die Erde ist neu ausgebrochen, träftigbraun, noch kaum bewachsen; schräge Treibhausfenster blinken; da und dort gedeiht in aujgedeckten Beeten der erste Salat und das Frühgemüse, und an diesen Stellen regiert das heiterste, auch bestimmteste Lichtgrün. Die Obstbäume sind weiß von Kalk und stehen in neu und sorgsam angelegten Erdmulden. Ringsumher zieht sich das weihe, hegende Gartenmäuerchen. Ein Bruder kniet drunten am Kreuzweg und hantiert den Erdboden. Das dunkle, kühle Riental hinab stehn die Bäume violett und lichtgrün, wie sie es im Auskeimen zu tun pflegen Jahr um Jahr. Der rötliche, der violette Schimmer der Zweige herrscht vor über das silberne Grau der Stämme und alten Beste, das in der Nähe sichtbar wird, nur auf die Nähe spricht ... Draußen vor dem Klostergarten schreiten rote Ochsen und schneeweiße Schimmelpaare langsam Über Land, die Egge hinter sich her; sie sehen aus wie Tiere aus einem Bilderbuch, so klein und sauber. DieÄmmerseebucht bei Herrsching und der P i l s e n s e e zur Rechten regen sich tiefblau, ein leichter Ostwind rauht die Oberflächen aus und macht, daß sie blau erscheinen wie der Gardasee und das Meerwasser der Adria. Ins westliche Fenster schlägt die Frühjahrssonne herein wie mit der Schärfe einer blanken Waffe. Die nachmittägliche Sonne überblendet auf dieser Seite alles, und das heftig gespiegelte Licht aus dem See überblendet das Ganze noch einmal. Es ist kaum möglich hinzuschauen; so gewaltig und unerbittlich starrt schon das Licht der Sonne — ein breites Erzengelschwert aus lauter weißem Gold, über dem Land zum Schutz geschwungen. Das weite Land im Südwesten löst sich gegen die magisch zarten, hauchfeinen Silhouetten der Allgäuer Alpen in dichten Dunst auf. Nur der Peißenberg hebt sich mit seinem breiten Rücken dunkler, schwerer wirklicher heraus. Herwärts gegen den Klosterberg liegen die Baumschatten als streifige Zeichnung auf dem Erdboden, in der Schlucht des Kientals liegt der Schatten beinahe schwarz. Bleibt der Süden. Das Dorf Erling steht nahe und deutlich, in jeder Einzelheit greifbar um den dicken kräftigen Bauernkirchturm herum. Die Häuser sind säuberlich weiß und tragen rote, auch bräunlich- dunkle Dächer. Es ist ein Bild aus dem Märchen vom Riesenspielzeug; leidlich sind die Dinge, und doch glaubt man, sie mit der Hand aufheben zu können. Das Land dahinter, langzügig gehügeli, ist blond vor lauter Frühling und mit Wäldern, die sich nach Laune und Lust ein- zeichnen, dunkel gefleckt. Draußen, im äußersten Rand dieser Dinge, steht das Hochgebirge aus — bläulich dumpf in den Schatten, zart golden und zartrosa wie Baumblüte in den beglänzten Schneegefilden, die noch Winter sind, aber lauter Reimworte des Frühlings zu jein scheinen. Links drüben wölbt sich über klüftiger und dämmeriger Tiefe der reine Kammbogen der Benediktenwand. Das K a r w e n d e 1 steht mit vielen weißen und lebhaften Zacken. Der Grat vom Herzogs ft and zum H e i m g a r t e n zeichnet sich wieder mit der erhabenen und anmutigen Willkür feiner vertrauen Linie — einer Willkür, die den Rhythmus und den Ernst eines Gesetzes hat. Breit abfallend und der Sonne entgege-glänzenb folgen die Berge, die den Lauf der L o i f a ch zwischen Eschenlohe und Garmisch säumen — und als riesige Bastei steht das kühne und schwere Profil der Z u g f p i tz e in den westlichen Himmel hinein, an der Flanke unten, von dem munteren, kecken, naseweisen Figürlein des Ettaler Mandls begleitet. Nur wie ein Schein steht das ganze große Gebirge ba, entrückt zum Jenseits oder aus dem Jenseits als ein schönes Vorzeichen in diese Frühlingswelt von mächtiger und leichter Hand herein- gchalten. Die Waldspitzen gegen das Gebirge zu sind noch körperlich; die Berge selbst sind schon ein Gedicht — in zärtlichen Farben und Tönen abgesetzt gegen die wirkliche Welt zu unferen Fügen. Schon scheinen die 'Berge in einen anderen Raum zu ragen, der nicht mehr der unsere ist. 5n unserem Raum da drunten glänzt die Kruppe eines Vauernrosses, Ibellt ein Dorshund. Dort draußen aber, um die Höhen der Berge, an ■einem duftigen Himmel, der noch nicht die Enzianglocke des Sommers ist, weben sich Roja und Gold schon wie die himmlische Poesie eines Heiligenscheins... , n, . , Dies find die vier Aussichten aus dem Turmhelm von Andechs In einer einzigen Reinheit und Zuversicht breitet sich mermal die (oberbayrische Erde unter dem Himmel hin, noch klar wie der Herbst, schon hoffnungsvoll und treibend wie alles Neue. Wenn du nun aber wieder zur Erde hinabgestiegen, in den Sohlen iUnd mit deinem ganzen irdischen Menschen mit dem Erdboden wieder verbunden bist und Hunaer und Dürft verspürst, bann weißt du, daß ein lKrug braunen Klosterbiers und ein Stück Roggenorot mit Lan >fnfe bas Rechte sind, und nicht zum wenigsten in biefer Jahreszeit, bic krustig *luch an die Kehle bringt immer Till hatte es ihm und anständig. Er und grauen Wollins Labor hinüber an seine Arbeit „Das Leben ift viel gescheiter —!" tönte es plötzlich aus einer zischenden Gaswolke, so daß er im Hantieren innehielt. Und im ngch- ftcn Augenblick sah er, wie eine Vision, Dagoberts geschorenes Lro^- phetenhaupt grinsend aus dem weißen Nebel tauchen ..Der Narr brummte der Professor mit einem scharfen, lockern Lachen uno arbeitete an seinen Flaschen, Gläsern und Tabellen weiter. Veranlworttich: l)r. tzans Thyriot. -Druck und Verlag: Vrubl'sche Univers itäts-Duch- und Steindruckerei, V. Lange. Gießen. den Zigarrenrauch. Wir machen nebenan die Klappe auf. „Bücherzimmer. Klappe auf." ! Klüter — das Mineralwasser für den Herrn Präsidenten nicht ’ vergessenI Nicht zu kalt! Er mischt wieder. Für Herrn Geheimrat und mich ein Glas Kognak zum Schluß! Eisgekühlt! Frau Geheunrat nimmt gern einen Änisett, Frau Präsident ein Gläschen Prunelle mit I einem Trapsen Curaoao .. " „Anisett. Prünelle mit einem Tropfen. . Für eine Weile — so dachte der Herr Professor — für eineWeile konnte man sich solche Sorgen ja wohl noch leisten? Kein Mensch wußte, was im übrigen kommen würde. Auch die Pirre-Herrnwkeit und die ganze Tulpenwegpracht hier konnten unversehens in die - ult fliegen — dank den heillosen, ans Kriminelle streifenden Mao n- schaften in der Bank: selbst mit der Sicherheit des Tegeler Betne-s- schaßes stand es verdammt wackelig und übel. Na, einerlei —: «eine Tegeler Werkzelle war schlimmstenfalls durch das rosa Haus und die Sammlungen gesichert; den Rest davon konnte sich der Staat nus- hängen. Und die Dienstklnuse da draußen patzte besser zu ihm Seine Bezüge aus knappen Staatsmitteln dazu sein vorläufig noch vorhandener Berzelius-Preis —üppig genug für einen einfachen Mann. Er hatte so einen Ausgang und Auszug immer mal vermutet Das hier war niemals seine Welt gewesen ... Prosessor Hasselbrink steckte sich eine besonders krallige Zigarre an. die auch einem Mann seines Ranges und Formats für eine Weile ein würziges Privatleben vorzuzaubern imstande war. Dann ging er ""^Die^Damen blickten herüber und grüßten lächelnd. Frau Gugernell blieb sogar ein paar Augenblicke, von der undurchdringlichen Menge um- mauert'stehen/lächelte und lachte, hob herzlich die « ' über die Masse hin, lieb und nett und bewegt, wie es aussah, blickte noch einmal langsam zurück. I Dagobert und Diez hatten sich flammend verbeugt und bie jungen Damen sich tief verneigt. „Das war die Dame Gugernell eine Art ^°D^ch'wer'war das?^Rasch und anmutig, ein schwarzer Haarpelz über weißem. hochmütigem Gesicht mit schwarz funkelnden Augen? °°n Glod, in Pelz und Frack — fein Mensch trug einen Frack, bloß das Orchester, aber Nikodem trug sonst bloß Kniehosen. „Unser verehrter Meister Dagobert Hasselbrink, liebe Ellinor!" präsentierte er Dag, der am äußersten Flügel hielt, einer mädchenhaften weißblonden Dame nut vollem rotem Mund und grünen Augen, um etliche Jahre alter als Glod mindestens fünf, schätzte Dagobert. „Recht herrlich, unsere entzückende Katarina, wie?" fuhr jener rasch und prinzlich fort „Wtr b"b eigens für einen Tag von Wien herubergekommen. Ellmor Baker-Strong , stellte er die beunruhigende Dame vor. „Sieht man sich heute abend beim Hotelsouper mit den andern, Meister?" Der Tischlergeselle bedauerte abermals, und Nikodem Glod winkte herzlich und huldvoll entlassend mit der Hand zu den andern hm; plötzlich unbegreiflich ernst und kindlich scheu. Und dann tanzten die vier beschwingt in einer Reihe bahm. um unverzüglich irgendwo eine Tasse Kaffee zu trinken. Und der Schupo an der Ecke der diese breite Kette streng hätte rügen müssen, lächelte, und die vier lächelten wieder: Ein ausgezeichneter Schupo, der sogar grüßte und sich vor den Damen verbeugte, ein Schupo mit Engelfittichen hinten! So verlief der Abend bis zum Schluß erhebend und verklarend. XXXI. „Höre, Dagobert", sagte Onkel Louis zu dem Tischler Hasselbrink, „ich möchte dich um einen fachmännischen Rat bitten." „Kommodensuß abgebrochen?" Nein. Es handelt sich um gewisse Bilder oben in der .Großen Kammer': zweifelhafte Käufe, wie sie beim Sammeln Vorkommen, nicht ohne Qualität." „Frisch lackieren?" „Auch das nicht. Ich möchte nicht, daß sie da oben verstauben ober beschädigt werden." „Schlage Verschraubung in Holzkisten vor , empfahl der Tischler. „Auch für Transportzwecke geeignet. Mach' ich zu zivilem Preis. „Du kannst deinen Freund und früheren Kollegen Dubschinsky zuziehen ober Winse ober Dinse — so heißen boch bie Herren?" „Gemacht! Werbe sofort Maß nehmen." „Noch eins: Da ist auch bas Bilb, bas bu einmal von Frau Gugernell gemalt hast..." Aha, aha! Dagobert. „Ebenfalls einfchrauben ober vom Rahmen nehmen unb aufrollen?" „Aufrollen!" bestimmte Louis. Am nächsten Sonntag gab es in ber Großen Kammer am Tulpenweg ein mächtiges Schleifen unb Hämmern. Kollege Dubschinsky (Dinfe hatte eine Familienfeier) war punkt halb zehn erschimen unb hatte Herrn Klüter mit Würbe unb Vertraulichkeit begrüßt. „Kolleje Hasselbrink noch nid) ba? Bin zu halb zehn bestellt. Na, so was! Wo steckt ber Junge?" Klüter erstarrte mit zitternbem Kinn, unb Mussolina rumorte im Hintergrunb unb bot Herrn Dubschinsky eine Tasse Kaffee bar. „Schon ba, Dub?" fragte Dagobert, ein Paketchen in Zeitungspapier unterm Arm, bas eine blaue Schürze zu enthalten schien. „Na. Kolleje? Auch ber Sonntag sängt mal an!" „Tschulbigen Sie. Dubschinsky! Ich hatte noch einiges Dringenbe zu erledigen Na los, freunbliche Tomate!" Um bie Mittagsstunbe erschienen bie beiben Herren roieber unten bei dem Prosessor. Dagobert war noch in ber blauen Schürze; er wollte Lina KMer rasch noch etwas leimen. Kollege Dubschinsky trank, mit abgespreiztem Finger unb tabellos scharfer Kippe, einen großen Kognak, ziinbete sich eine große Zigarre an unb gab fein beifälliges Urteil über bie gute Tischlerarbeit im House ab. „Es läßt sich janz nett hier leben, Herr Prosessor!" lobte er anerkennend und empfahl sich schließlich mit einer artigen Verbeugung. Netter Mann, jrotzer, berühmter Chemiker ,ber die halbe Industrie um- jekippt hat, mutz dicke Eierchen adwersen, der Laden — immer, wer was kann, dasor soll er meinswejen seine Muckepinne haben! Tuchfühlung nehmen unb sich nicht verblüffen lassen — daraus kam es immer an! Er gab Stüter die Hand. „Mahlzeit, Kolleje! Hab' mir sefreut. Schmucke, vollschlanke TVme, Ihre Frau Gemahlin, forsch und spritzig!" Klüter leblatz unsanft hinter ihm die Haustür. „Ich habe alles mit Blaustift signiert — für alle Fälle, Onkel Louis. Willst du es dir ansehn?" „Anderni't mein Junge. Ich erwarte deine Rechnung. Wie geht es bei Göcke K (Senn? Ich hoffe, du kommst rasch vorwärts? Wäre mir lieb. Es tänn-n höllisch harte Zeiten kommen . " „Ein geschickter Mann, wenn er Dusel hat, leimt sich durch." -.„des- Das Künstlerzimmer war zum Schluß Ms auf die Treppe hinaus voll von berechtigter und zudringlicher Menschheit, und als,sie endlich nach hastigem und wildem Kampf ihre Mantel nut Zubehör herausbekommen hatten und noch einmal »urucklaufen wollten da .ehr « dienern Blumen und Kränze geschleppt, und niemand im ganzen Hau wußte, daß auch ein großer weißer Fliederstrauß vom Tulpenweg d O doch, Onkel Louis! Es hat sich auch mit mir und Diez eme Masse Mühe gegeben, mit plötzlicher Glut auf seinem Rost unb kaltem Wassergruß, bis wir richtig knusprig waren für unsere Aufgaben unb für bie Haifische Till unb Barby. Das Leben, recht besehen, ift sehr gescheit. Meine Ansicht." ..... . • s . Du wolltest noch etwas leimen? Pünktlich um eins wirb gegessen." I Dagobert wippte eine Verbeugung. > Louis wanbte sich ab. Schritt wuchtig über bas tnacfcnbe Parke«. Dann stanb er roieber am Fenster unb starrte ms Licht Sehr komisch, j ber trostreiche Dagobert! Ein unverwüstlicher Klugschnabel, trotz Barby ' unb Leimtopf! Er machte mit lautem Gepolter bas Fenster auf, um i etwas Kräftiges zu tun unb um bie falte Winterluft heremzulassen. Eine breite Pneumatikfpur war ba unten in bie bunne Eis- und I Schneebecke eingeschnitten, ein sauber gezacktes Muster Em Einfall von Frau Julia Hillerbeck? Nicht anzunehmen. Eher em Wunsch unb letztes Grüßen von Katarina — von Frau Gugernell .. | Ihr könnt heute ben Wagen haben, wenn ihr wollt! jagte er ■ nachher bei Tisch unb legte seine Hänbe auf bie hübschen, warmen Mäbchenhänbe rechts unb links neben ihm, für welche bie beiden Jungen Dag und Diez vom weifen Leben knusperig gebraten worden waren. „Wer weih, wie lange ich ihn euch noch geben kann! Nach Tisch setzte er sich mit seiner Zeitung in fernen Lesestuhl. Er hatte mit den jungen Leuten nach Wendisch-Wupatz fahren sollen Dagobert hatte es umgänglich vorgeschlagen; er kannte eine Masse solcher merkwürdigen Ortschasten, die er für ungeheuer sehenswert hielt. Louis dachte nicht daran, den lästigen Aufpasser für die vier ver- liebten Störche zu spielen. Er lehnte sich gemächlich zurück und las Louis war langsam und zerstreut an das besonnte Fenster getreten, bos aus ben Vorgarten unb auf bie Straße blickte Aus ben Tifchler Tir.nähert frhien bas breit hereinflutenbe Sonnenlicht anzuziehn. Er trat weiter. Klüter", sagte er nach einer Stunbe zu bem behutsam herem- lugenben Psrünbner, „ben Spieltisch wollen wir heute abenb im Bücherzimmer links in bie Nische stellen. Herr Geheimrat Spitz ist letzt empsinblich gegen Zug unb Frau Präsibent Schellenberg gegen rarrenraud). Wir machen nebenan bie Klappe aus." Dagobert schien bas breit heremslutenbe Sonnenlicht betoeiben neben ben Onkel, sah hinaus unb schwieg ebenfalls. Louis schien biefe Nachbarschaft nicht unangenehm zu empfmben: Schatten sich ihren Tanz angesehen, die jungen Leute? Aus alter Freundschaft, Sympathie, Verehrung und Anhänglichkeit? erzählt. Er hatte sich gefreut: Es war «hr Recht — sah auf den langen Neffen m der blauen Latzschürze weste unb bewegte bie Warze auf der Backe, -^"st noch was, Dag. Ich möchte bich von beinen anbern Geschäften nicht abhalten Nicht Diel, roenn ich bars. Du warst immer sehr gut zu »ns Onkel Louis Allmählich sieht man bas noch besser ein. Wir haben bich alle riesig gern; nicht bloß Till, auch Barbih Ihr zweites 2Bort nad) 2>ago- bert" ist- Onkel Louis"; worauf bu btr, roenn bu gestattest, was em. bilden kannst ... Wir wissen nicht, was los ist; aber es hat uns allen mächtig leib getan. Ich möchte bas einmal gesagt haben burfen .. - »ieh da!" Er verneigte sich ernst nach ber Straße hmab. Auch Louis verneigte sich; ernst, etwas steif. Da unten wehte in einer großen offnen Droschke eme weiße Hand, nickte ein bezauberndes Gesicht und grüßte daneben die sympathische Huldigung, wie es scheint?" sagte Dagobert Danach sah er zu Louis, der nicht viel größer war, bloß breiter und stattlicher, auf. Louis erwiderte schräg und starr den Bück nach unten. „Wenn ich noch etwas sagen darf, Onkel Louis? Das Leben ist '.Micht so' gefdjeit wie mein Neffe Dagobert!" knarrte es scharf neben