Sichenerzamilienblätter F Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger r 3uli: - ........... ■ ................. ...................... . -- .. Jahrgang • Freitag, den 27. Zull Nummer 57 rin* । ...... ............... --------------- wir ir Ronde.“ Stfjriji: uns g» ifonbet: as w ibefttit er M recht- elbrinli W nmirjt ib iljrc feit eit ioftoft ter die i betei' ' siede» iblonin hack ne O falt V en mi schche, en hm h in te sprech" einnl iimmin Die«: ins A beinahe Lach« nen er! • allein f °lL n ® . inb n !» lebe* ; als b* . and-" jel b* ir * umg* Wi?I n »* jer, to| ! Feme lls 6* ich« tarn«! Sjoif* bfpenlh! in M oerftänb , säst rwöhn» Jung Bismarck. Von Theodor Fontane. In Lockenfülle das blonde Haar, Allzeit im Sattel und neunzehn Jahr, Im Fluge weltein und nie zurück — Wer ist der Reiter nach dem Glück? Jung Bismarck. Was ist das Glück? Jst“s Gold, ist's Ehr, Jst's Ruhm, ist's Liebe? Das Glück ist mehr, Roch liegt es im Dämmer, erkennbar kaum, Aber er sieht es in seinem Traum, Jung Bismarck. Er sieht es im Traume. Was ist, das er sah? Am Brunnen sitzt Germania, Zween Eimer wechseln, der eine fällt. Der andere steigt; wer ist's, der ihn hält? Jung Bismarck. Und neue Bilder: ein Schloß, ein Saal, Was nicht blitzet von (Selbe, das blitzt von Stahl, Einer, dem Barbarossa gleicht — Wer ist es, der die Krone ihm reicht? Jung Bismarck. Was ist das Glück? Ist's Gold, ist's Ehr, Jst's Ruhm, ist's Liebe? Das Glück ist mehr: „Leben und Sterben dem Vaterland" — Gott segne fürder deine Hand, Jung Bismarck. Oer künstlerische Bismarck. Von Wilhelm Boeck. Kein Geringerer als Franz von Lenbach, Bismarcks berühmter Por- irätist, hat geäußert, der Altreichskanzler habe „eine kolossale Fähigkeit, }i beobachten und Eindrücke in sich aufzunehmen", und er meinte damit bts ausgesprochen künstlerische Sehen der Dinge. Ebenso erkannte er aler auch das Gestalterische in Bismarcks Art, feine Gedanken im Ge- Ipräd) zu formulieren: „Er begleitet diese echt künstlerische Tätigkeit mit bin Bewegungen eines modellierenden Bildhauers" — klarer kann man ja nicht ausdrücken, was gemeint ist. Für uns ist die Frage, ob wir uns haste von diesem wenig beachteten Zug Bismarckschen Wesens noch einen fr griff zu machen vermögen. Da es vor 50 Jahren noch keinen Film, gddjroeige einen Tonfilm gab, so können wir nur eine mittelbare Be- jti tigung von Lenbachs Urteil aus den Briefen des Staatsmannes giroinnen, die allerdings in manchen Schilderungen und Prägungen eine jo starke Begabung zu künstlerischem Sehen verraten, wie sie bei „taien" ungewöhnlich ist, ganz abgesehen von den zahlreichen Aus- ftlüsien über seine Beschäftigung mit schöngeistigen Dingtzp, die diese Briefe enthalten. Richt viele Sterbliche hatten das Glück, soviel von unseres Herrgotts Seit zu sehen wie Bismarck, dessen diplomatische Laufbahn ihn durch |o't ganz Europa führte; anderseits weih man aber leider, daß Reisen gib viel Sehen allein noch kein offenes Auge unb wirkliches Erleben ies Geschauten im Gefolge haben. Bismarck hat überall ben wesentlichen kudruck klar in seiner Vorstellung herausgehoben unb feine Beschreitungen frember Stäbte tragen einen unbedingt malerischen Charakter. Sie ein Gemälde breitet sich Moskau zu unseren Füßen, wenn er ir-.ahlt: „Der Blick von oben aus dem Kreml auf diese Rundslcht von Häusern mit grünen Dächern, Gärten, Kirchen, Thürmen von der aller- hiderbarsten Gestalt unb Farbe, bie meisten grün, ober roth, ober hell- Miu, oben am häufigsten von einer riesenhaften golbnen Zwiebel ge- Irsint, unb meist zu 5 unb mehr auf einer Kirche, 1000 Thürme sind jkwiß! etwas fremdartiger Schönes, wie dieses alles im Sonnenunter- frng schräg beleuchtet, kann man nicht sehen". Auf der Suche nach dem Srundgesetz dieser Erscheinung kommt er zur Erkenntnis, daß Grün „mit tollem Recht die russische Leibfarbe" sei, denn — „Moskau sieht von *:n wie ein Saatfeld aus, die Soldaten grün, die Kuppeln grün, und idi zweifle nicht, daß die vor mir stehenden Eier von grünen Hühnern geegt sind". UeberaU lebt seine empfängliche Jägernatur in und mit der L-ndschaft, und prächtige, ibyllisch-romantische Schilderungen wie bie ton seinen Pirschfahrten in Dänemark legen noch davon Zeugnis ab Aber auch ganz anderen Bildern wird er gerecht und weiß sie mit tollenden Worten ein.mfangen; so schreibt er an seine Schwester aus dm beliebten Seebad Biarritz: „Ich schreibe Dir bei offnem Fenster tot flackernden Lichtern und das mondbeglänzte Meer vor nur, dessen duschen von dem Schellengeklingel der Wagen auf der Bayonner Straße begleitet ist; der Leuchtturm grabe vor mir wechselt mit rotem unb weißem Licht, über mir spielt K. Beethoven, unb ich sehe mit einigem Appeklt nach ber Uhr, ob bie Essenszeit, 7, noch nicht voll ist." Das ist eine befonbers köstliche Probe seiner Freube an schönen Lichteffekten, vermischt mit musikalischem Beiwerk, wozu hier bie für seine aesunbe Natur ebenfalls bezeichnenbe Rücksicht auf ben Magen als spaßhafter Kontrast hinzukommt. Eine minbeftens so merkwiirbige, sehr lebenbige Note hat bie von ihm entworfene Stabtansicht von A m ft e r « bain aufzuweisen: „Dieses Amsterbam mit seinen linbenbescitzten Kanälen unb Grachten, ber räucherigen Atmosphäre, burch welche ein phantastisches Gewirre von Masten, fonberbaren Hausgiebeln unb Y=för= migen Schornsteinen in unbestimmten Umrissen sichtbar ist, hat trotz seiner betriebsamen Rührigkeit etwas so gespenstiges für mich, baß ich an keine Erscheinungen glaube, so lange es hier nicht spukt. Ich bin barauf gefaßt, in ber Nacht mehrere fliegenbe Hollänber in Büffelleber unb spanischer Krause mit spitzen Hüten unb noch spitzem Bärten vor meinem Bett zu sehn." Dieser Neigung, sich namentlich historische Schauplätze gespenstig belebt vorzustellen, begegnen wir bei bem — übrigens auch von Aberglauben nicht ganz freien — Bismarck öfter; etwas bavon weht z. B. burch bie Beschreibung bes „in italiänischem Styl" erbauten Schlosses Archangelsk; bei Moskau, bas er 1859 bewohnte: „Vor der Front zieht sich ein breiter, terrassirt abfallender Rasen, mit Hecken, wie in Schönbrunn, eingefaßt, bis zum Fluh, und links davon am Wasser liegt ein Pavillon, in dessen 6 Zimmern ich einsam circulire; jenseits des Wassers weite, mondhelle Ebene, diesseits Rasenplatz, Hecken, Orangerie; im Kamin heult der Wind und flackert die Flamme, von den Wänden sehn mich alte Bilder spukhaft an, von draußen marmorne durchs Fenster." Indes besitzt Bismarck für solche Parkanlagen, zumal in Mondscheinbeleuchtung, eine ästhetische Borliebe und erinnert sich stets gern des abenteuerlichen Aufenthaltes in Schönbrunn auf feiner Hochzeitsreise. In der erlebnisstarken Einstellung zu allen diesen geschichtlichen Denkmälern zeigt sich nicht nur bie bauernb tätige Phantasie, sondern auch die echte, tiefe Verbundenheit mit dem Vergangenen, die dem Sohn eines so alten Geschlechts selbstverständlich ist und die er selbst voll Stolz gesteht: „Ich kann nicht leugnen, daß ich einigermaßen stolz bin auf dieses langjährige Walten des konservativen Prinzips hier im Hause Schönhausen, in welchem meine Väter seit Jahrhunderten in denselben Zimmern gewohnt haben, geboren unb gestorben finb, wie bie Vilber im Hause unb in ber Kirche sie zeigen"; unb bann läßt er sie vor unseren Augen erstehen: eisenklirrenbe Ritter, gravitätische Männer mit Allongeperücken unb bezopfte Reiter Friebrichs bes Großen —. Ihrer erwähnt er auch noch später seinem Kaiser gegenüber mit ehrfürchtigem Selbstbewußtsein. Im brieflichen Verkehr mit Wilhelm I., ber bie edle menschliche Vertrautheit zwischen beiden schön zum Ausdruck kommen läßt, erhalten wir vielleicht den besten Beweis von Bismarcks in festen Formen gestaltender, künstlerischer Phantasie; er berichtet bem Kaiser 1881 einen Traum, — „ben ich Frühjahr 1863 in ben schwersten Konfliktstagen hatte, aus benen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, unb ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau unb anbern Zeugen, baß ich auf einem schmalen Alpenpfab ritt, rechts Ab- grunb, links Felsen; ber Pfab würbe schmaler, so baß bas Pferb sich weigerte unb Umkehr unb Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich, ba schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand unb rief Gott an; bie Gerte würbe unenblich lang, bie Felswand stürzte wie eine Kulisse unb eröffnete einen breiten Weg mit bem Blick auf Hügel unb Walblanb wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen, unb in mir noch im Traume ber Gebanke, wie ich bas schleunig Eurer Majestät melben könnte. Dieser Traum erfüllte sich, unb ich erwachte froh unb gestärkt aus ihm." Wir spüren aus ber Erzählung bieses Traumes, bem Bismarck selbst gewiß eine tiefere Bebeutung beilegte neben bem klaren Formwillen bie zwingenbe Gewalt seiner Persönlichkeit heraus, bie bas Unmögliche kühn erstrebt, unb unwillkürlich vergleicht man bie Sehergabe bes Staatsmanns, ber in einer Briefstelle von 1848 (!) bie Gestaltung unserer östlichen Nachbarstaaten heraufbeschwört (ohne etwa baran zu glauben), wie sie sich 70 Jahre später tatsächlich ergeben hat: Er spricht von einer falschen Theorie, „bie uns ebensogut bahin führen muß, aus unfern süböstlichen Grenzbezirken in Steiermark unb Illyrien ein neues Slawenreich zu bilben, bas italienische Tirol ben Venezianern zurückzugeben und aus Mähren und Böhmen bis in die Mitte Deutschlands ein von letzterem unabhängiges Tschechenreich zu gründen. — Man kann Polen in feinen Grenzen von 1772 Herstellen wollen, ihm ganz Posen, Westpreußen und Ermeland wiedergeben; bann würden Preußens beste Sehnen durchschnitten und Millionen Deutscher ber polnischen Willkür überantwortet fein —. Anberseits kann eine Wiederherstellung Polens in einem geringerem Umfange beabsichtigt werden —. In diesem Falle kann nur der welcher die Polen gar nicht kennt, daran zweifeln datz sie unsere geschworenen Feinde bleiben wurden, solange sie mcht die Weich ed Mündung und außerdem jedes polnisch redende Dorf in West- und Ostpreußen, Pommern und Schlesien von uns erobert haben wurden. Es ist uns heute nicht mehr ganz leicht — nachdem der Altreichskanzler eine bestimmte historische Größe geworden ist —,uns SBismarrf als jungen Mann vorzustellen, rote er m Schonhausen im Grase liegt, Gedichte liest, Musik hört und wartet, daß die Kirschen reis werden. . Eine größere Kluft scheint dazwischen zu liegen als öwsichen dem Al en Fritzen und dem jungen Kronprinzen Friedrich, der m ^msberg jeme •aeit auf ähnliche Weife verbrachte. Gerade deswegen rechtfertigt es sich aber, auch dieser heiter genießenden und allem Schönen zugetanen Seite von Bismarcks Wesen Aufmerksamkeit zu schenken; seme pohhübe Leistung erscheint dann um so großartiger, wenn man bemerkt wie vielseitige andere Interessen ihr geopfert wurden. Musik, Literatur, bil dende Kunst — für alles brachte er em mehr als konventionelles Ber- ftnndnis mit; feine Belesenheit in den Klassikern ging Ziem ich weit unu er wußte aus Goethe einiges mehr als den „weisen Spruch, den Gotz von Berlichingen dem Kaiserlichen Kommissar aus dem Fens^r zürnst und der sich in gewöhnlichen Ausgaben von Goethe nur durch Punkte angedeutet findet". Ihm selbst kommen gelegentlich wundervoll poetische Wendungen in die Feder, wenn er z. B. seiner Schwester zur Silberhochzeit schreibt, sie trage die vorzeitigen Ehren des Alters „wie unsre Rosen den heutigen Oktoberschnee . Reizend ist auch seine lebha te Teilnahme, als er derselben Schwester m jüngeren Jahren auftragt ur seine Frau ein Armband zu Weihnachten auszusuchen: „Die Gattung, die mir umschwebt, ist breit, glatt, panzerartig, biegsam, aus schachbrettartig zusammengefügten kleinen viereckigen Goldstücken bestehend, ohne Juwelen, reines Gold —Fürwahr kein gana einfarf)er Auftrag. 2 Lenbachs Kunst und Person soll er übrigens recht kühl gegenüber gestanden haben, obwohl die ganze Familie sich dem oster in Friedrichs- ruh erscheinenden Künstler befreundete. Ihr beiderseitiges Berhaltnis blieb wie am ersten Tag, da der Fürst Lenbachs Bitte um eine Malsitzung nüchtern beantwortete: „Ich habe zwar geschworen, nicht mehr zu sitzen, aber ich kann diesen Eid ja umgehen, indem ich Ihnen stehe . Zum Schluß fügen wir als eine besondere Rantat noch ein lustiges Gedicht von Bismarck an, das am 11. April 1846 an die greunbtn Marie von Blankenburg gerichtet ist und im übrigen für sich selch- spricht: Am letzten Dienstag sagten Sie, Es fehlte mir an Poesie. Damit Sie nun doch klar ersehn. Wie sehr Sie mich da mißverstehn. So schreib' ich Ihnen, Frau Marie, In Versen, gleich des Morgens früh. Ich würde zwar poet'fcher fein Am Abend bei des Mondes Schein, Und wenn statt Kaffee neben mir Champagner stand und bayrisch Bier; Doch als ich heute früh erwachte, Und aller meiner Sünden dachte, So fielen mir die Aepfel ein; Und schlug es gleich erst eben neun, So will ich doch am frühen Morgen, Was Sie befehlen, gleich besorgen. Was nun die Aepfel anbelangt, So find sie alle schwer erkrankt, Und was nicht schon an Faulheit starb. Und aus dem Boden sonst verdarb, Das sieht so runzlig schon und kraus, Wie Herr von Natzmer-Raden aus. Man kann sie so nicht präsentieren Und höchstens noch geschmort servieren; Ermessen Sie nach einer Probe, Daß ich sie nicht zu wenig tobe. Ich schicke ferner Louis Blanc, Ein Heft von Madame Dudevant Von Lessing mehrere Gedichte Und Cinq-Mars traurige Geschichte. Wenn ich bis jetzt vergebens suche Nach Herrn Sartorius' frommen Buche, So muß Sie solches nicht erschrecken; Ich werde wohl es noch entdecken. Von Rückert hab' ich nur 4 Bände, Die ich anbei mit übersende. Ein liberaler ßeutenant, Herr Friedrich von Sollet genannt. Schrieb auch Gedichte, einen Band, Die Ihnen wohl noch nicht bekannt. Den Freiligrath hab' ich verliehn. Wie auch den Anastasius Grün, Und Lenau, den ich nicht gefunden, Wird grabe, glaub ich, eingebunden. Sobald ich wieder sie erblicke. Sein Sie gewiß, daß ich sie schicke. Mir geht es übrigens so ziemlich; Doch ist es wirklich eigentümlich. Daß ich noch keinen Augenblick Landwirtschaft trieb, seit ich zurück In meine Häuslichkeit gekommen, Obgleich ich mir’s doch vorgenommen. In Raden und in Naugard war ich; Nach Wangeritz, Vogtshagen fahr' ich Heut' noch, die Junker zu besuchen, Zum Essen, Spielen, Trinken, Fluchen. Nachher käm ich nach Kardemin, Wenn nicht der Leutnant aus Pansin Nebst eing'en andern Offizieren Am Montag wollte hier dinieren. Ich sehe also leider Sie Nicht eher als bei Philippih. Verleben Sie bas Fest recht froh, Hochgnäb'ge Frau von Ciceroh; So wünschet Casca ber Verschwörer, Ihr untertänigster Verehrer. Volkskirchenarbeii in Schweden. Vom Geist und der Arbeit ffianfreb Björfquifts in Sigtuna. Von Paul Hütt. Im beginnenden ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gab « in ber chwedischen Kirche eine große Erweckungsberoegung von welcher vor allem bie junge Generation ber ftubierenben Jugend ergriffen würbe Mit biefer religiösen Bewegung zusammen fallt ein Erwachen des schroebischen Nationalgefühls. Eine größere unb vertiefte Derantwo ung bem eigenen Volke gegenüber, ein großer Elfer eine dem schwedischen Charakter angemessene Frömmigkeit zu fmben, wachte sich überall bemerkbar. Der Gebanke ber Volkskirche unb die besonderen Aufgaben welche bie Gemeinben in biefer zu erfüllen Haden, bewegte vieler Herzen unb Gebauten. Was muß getan werben, um bie großer werbende Spaltung unb Zerrissenheit in ben einzelnen Klassen unb Stauben bes Volkes zu beseitigen unb bie breite Kluft zwischen Volk unb Kirche zu überbrücken^ Diese Dinge bewegten vor allem den jungen Mag. phu. M a n - sreb Björkguist. In großen Versammlungen setzten er unb feine ftreunbe sich mit ben anbersbentenben unb anbersgesuhrten Volksgenossen oft bis in bie Nächte hinein auseinander. Zu zweien zogen Scharen von Studenten unb jungen Akademikern m bie Stabte unb Orte des ganzen Laubes. Aus großer Liebe zu Volk unb Kirche unb tiefem Glauben an bie Verheißungen Gottes auch für das schweb» che Volk würbe bie „Kreuzzugsbeweguug" geboren. „Sveriges Folk ett Gubs Folk. Schwebens Volk ein Volk Gottes, war bie ßofung jener Tage. Der Dienst ber Kreuzzugsbeweguug galt vor allem ber schwedischen Jugend Unter dieser besonders ber Slrbeiterjugenb. In ihren D,s- kusiiousabeubeu unb Befprechuugsverfammluugen suchte "»an sie au, lernte ihre Gebankeugänge kennen unb biente mit ben Gaden unb Straften von benen bie junge Schar ber Akaberniker ergriffen war unb die sie umgeroanbelt hatte. Aus biefer Arbeit entstaub bie heute noch tätige Iuuqkirchliche Bewegun g". Mit ihr neue Arbeitsformen bes Dienstes an Volk unb Jugenb. In ben Jahren 1915 bis 1917 entstaub in Sigtuna, ber fchwebifchen Hauptstabt im Mittelalter, zwischen Stockholm unb Uppsala am McUarsee gelegen, die erste Häusergruppe der Bewegung. Niemand hat je zu wagen geglaubt, daß dies nur em Anfang eines sich bis heute stets vergrößernden Werkes sein wurde. Was geschieht in Sigtuuastistelseu? Zunächst werden seit 1917 in jedem Winter 110 bis 120 junge Menschen beiderlei Geschlechts, im Sommer 70 bis 80 junge Mädchen in der Volkshochschule gesammelt. Aus jeder ßaudschaft Schwedens, aus allen Bevölkerungsschichten unb ben verschiedensten ßebeus- unb Weltanschauungen heraus, werben Die vorhaubeuen Kenntnisse vertieft unb verbessert. Wichtiger als bas 'st aber, baß man sich kennen lernt. Ja, mehr als bas, baß jeber Ehrfurcht vor bem ©eroorbenfein unb Werben feines Kameraden bekommt, und einen ehrlichen Willen voneinander zu lernen und zu helfen. Ueber 2000 junge Menschen tragen heute die Anregungen, welche sie in Sigtuna erhielten, befruchtend in ihre Kreise hinein. Ein anderer Dienst an der Jugend geschieht in dem großen Jnter- natsgymnasium, in welchem 125 junge Menschen ihre Ausbildung empfangen. Im Rahmen des christlichen Bildungsideals und der lebendigen Verbundenheit mit den Menschen aus dem ganzen Volke, die in S,g- tuna immer zu finden sind, ist eine Möglichkeit geschaffen viele zu erziehen, welche später einmal führende Stellungen im ßanbe finden Im Gästeheim wohnen für kürzere ober längere Zeit Menschen, bie Ruhe nötig Haden, eine Zeitlang innerer (Sammlung beburfen, sich für Examina vorbereiten unb wissenschaftliche Arbeiten schreiben wollen. Die tiefsten Spuren im geistigen unb geistlichen ßeben Schwebens haben sicherlich bie im ganzen Volke bekannten mancherlei Tagungen unb Dressen hinterlassen. Es kommen seit 15 Jahren im Frühling sur brei Tage Arbeiter unb Stubenten zusammen, um einmal ganz unter sich zu sein unb bie im ßaufe bes Jahres empfangenen Fühlungen nicht mehr zu verlieren. In ber 10-Tage-Konferenz im Sommer geben bie fu^rcnben Stopfe bes Nordlanbes ben Gekommenen einen Ueberblitf über ben gegenwärtigen Staub ber Welt unb ßebensanfchauungskämpfe unb bie theologische Forschungsarbeit in aller Welt. Arbeiter, Akabemiker, Fabrik- unb Hanbelsherren begegnen sich in Sigtuna. Die führenden Manner der Arbeiterbewegung treffen zu sachlichem Gedankenaustau ch, zu gegenseitigem Sichkennenlernen mit den bedeutendsten Philosophen, Nationalökonomen und Theologen zusammen. Volksbildungsleiter und Sport» sührer beraten miteinander. Mediziner, Psarrer unb Pabagogen sprechen über bie seelischen Ursachen der Krankheiten unb über bie richtigen Beziehungen ber Psychotherapie zur Seelsorge. Führer ber Staats- und Freikirchen arbeiten gmeinfam an ben Fragen, bie sie bewegen. Bi- ßeiter ber verschiedensten politischen Jugendorganisationen kommen ja belieb in die Stiftung, um in freundschaftlicher Weise über die zeitgemäßen Fragen zu sprechen. Die Frauenvereine halten ihre Frei- und Rust- du, daß es Zweck ich muß dir schon doch treu — sie ist eben meine ich, an deiner Stelle, würde sie nur noch verstärkt." Kopf und gab Gas. nicht zurück. Wir dem Tankwächter zwischen die Landschaft. Georgs Fahrstil hatte sich bemerkenswert verändert. Nichts mehr von einem tollgewordenen Benzinhasen war an ihm, sondern ruhig und gemächlich fuhr er dahin, hupte vorschriftsmäßig an jeder Ecke und ging sanft und mit kluger Vorsicht in die Kurven. „Es ist nämlich hier eine ganze Menge Polizei auf der Straße", wandte er sich wie beiläufig an uns, „und ich möchte nicht gern da irgendwelche Unannehmlichkeiten haben." „Hast du vollkommen recht", bestätigte Stephan ernsthaft, und dann warf er mir einen raschen, vergnügten Blick zu. Der silbernen Nymphe wurde mit keiner Silbe mehr Erwähnung getan. Aber als wir dann schließlich im Quartier ankamen, ausgeruht und erfrischt und wirklich erholt, da ging Stephan auf die Post und schickte sie an den Tankwächter in G. Und von dem nahm sie Georg dann auf der Heimfahrt wieder in um ein Haar beinahe herausgeschleudert worden —" Georg nickte. „Möglich ■— aber sage mal, glaubst hat, wenn wir zurücksahren?" „Ausgeschlossen!" erklärte Stephan. „Man fährt könnten höchstens auf dem Heimweg dann mal bei „Jawohl", nickte Stephan, „und .Wahre Siebe' nennen." „Warum?" „Weil Abwesenheit ihre Wirkung Georg schüttelte verständnislos den „Wir werden im Straßengraben ttifcen", prophezeite Stephan düster. Ich zuckte hilflos die Achseln und sah auf Georg. Der lächelte mitleidig. „Ihr beiden seid nervös, was?" fragte er und ging von der aufgelegten Geschwindigkeit herunter. Allmählich begannen die Gegenstände um uns herum wieder Konturen anzunehmen, wir konnten unterscheiden, was eine Wiese und was ein Garten war, und das Atmen wurde uns leichter. Die Nadel sank auf 60, auf 55 und dann tauchten die ersten Dächer einer Stadt vor uns auf. In gemäßigtem Tempo und ganz manierlich fuhr Georg durch die Straßen, wies aus die bunten Auslagen der Geschäfte und aus die malerischen Erker und Giebel der alten Häuser und rundete höchst vorschriftsmäßig jede Ecke. Beinahe waren wir schon versucht, diese Fahrt wirklich als Erholung zu betrachten und uns dieses Ausfluges zu freuen, als plötzlich — knapp einen Kilometer hinter der Stadt und gänzlich unvermutet — Georg wieder in die alte Raserei verfiel und stürmisch Gas gab. In riesige Staubwolken gehüllt entzog sich die Landschaft abermals unseren Blicken, wie Gespenster huschten Telegraphenstangen vorbei, und die silberne Nymphe oollführte einen tollen Tanz. Da — ein Ruck, ein Krach — ich wurde in die Höhe geschleudert und glaubte, geradewegs gen Himmel zu fahren. Aber als ich dann wenig später wieder auf meinen Sitz fank, merkte ich, daß weder mir, noch dem Wagen etwas geschehen war und daß lediglich das Geländer einer kleinen Brücke gestreift worden war. Stephan hielt krampfhaft einen kleinen braunen Lederkoffer umklammert, und Georg riß mit raschem Griff das Lenkrad herum. Er schien keineswegs erschüttert von diesem Zwischenfall und ruhig und so, als ob nichts geschehen wäre, fuhr er weiter. Er kümmerte sich weder um Stephans stürmischen Protest, noch um meine schüchtern vorgebrachte Bitte, doch endlich einmal anhalten zu wollen. „Erst müssen wir diese Steigung hier nehmen", erklärte er gelassen und ging in den ersten Gang. Ich spähte nach vorn — richtig, die silberne Nymphe tanzte nach wie vor auf dem Kühler und schien unserer Aengste zu spotten. „Wie wäre es", wir waren jetzt auf der Höhe angekommen und hatten einen herrlichen Blick ins Tal, „wenn wir hier oben ein bißchen Rast machten und unsere durstigen Kehlen anfeudjteten?" „Das könnten wir machen", nickte Georg, und bann hielten wir vor dem nächsten Gasthaus. Und während er hineinging, um dem Wirt Bescheid zu sagen, trieben Stephan und ich uns noch ein bißchen in der Nähe des Wagens herum und machten uns ganz unauffällig am Kühler zu schaffen. Als wir weiter fuhren, war die Straße eine lange Schlange von Wagen, die alle dem gleichen Ziele zustrebten, und an einem nach dem anderen von ihnen drückte sich Georg vorbei, überholte und blickte sich mit triumphierender Siegermiene nach den armen Zurückbleibenden um. Die Fahrer beschimpften uns weidlich wegen rücksichtslosen Fahrens, aber Georg tat, als hörte er es nicht. Mühelos hielt er bald darauf die Spitze. „Ich glaube" — Stephan erhob plötzlich feine Stimme und wies erschreckt nach vorn — „sie ist weg." „Wer ist weg?" „Die silberne Nymphe." Georg warf einen raschen Blick auf den Kühler. Tatsächlich, sie war verschwunden. „Ja, aber..." er war sichtlich bestürzt und einen Augenblick lang tat er uns sogar leid, „ich meine — wie ist denn bas möglich...?" „Sie wirb wohl heruntergefallen sein", murmelte Stephan, „vorhin an ber kleinen Brücke neben ber Tankstelle — ba wären wir selbst ja nachfragen." „Wie bu meinst", gab Georg kleinlaut zu, „ober sagen, es wäre mir schrecklich wenn wir sie wirklich verloren haben sollten..." Schweigend und in tiefes Nachsinnen verloren fuhr er weiter. Die Nadel sank auf 50, auf 45, und von den Wagen überholte uns einer nach dem anderen Sie drückten sich an uns vorbei, überholten und blickten sich mit triumphierender Siegermiene nach uns armen Zurückbleibenden um. Georg beschimpfte sie zwar wegen rücksichtslosen Fahrens, aber sie taten, als merkten sie es nicht. Stephan und ich genossen in- Empfang. „Seht ihr", sagte er und befestigte sie glückselig strahlend wieder auf ihrem alten Platz, sie bleibt mir ja doch treu — sie ist eben meine Maskotte." [leiten in dem gastlichen Hause. Studenten aller Fakultäten finden sich zu !Arbeitsgemeinschaften zusammen. Volksschullehrer und Lehrerinnen haben ; Fortbildungskurse. Die Leiter und Mitarbeiter der christlichen Gymna- sastenverdände und der Studentenvereinigungen aus ganz Skandinavien nib Finnland tauschen ihre Erfahrungen aus, bereiten Konferenzen vor mb beraten neue Arbeitsmöglichkeiten. Diese ganze Arbeit in Sigtuno wirb getragen unb geleitet von D. D. Danfreb Björkquist. Bei ben Vorträgen, bie er aus Tagungen hält, veih er stets Bebeutenbes unb ©runblegenbes zu sagen. Man merkt ba en ganzeen Reichtum seines Wissens auf bem Gebiete ber Philosophie, täbagogit unb Theologie. Die bebeutenbsten Männer aller Kulturländer oben ihn mit ihren älteren unb neueren Arbeiten gebilbet. Seine urn- issenbe Bilbung unb bas vollstänbige Vertrautsein mit bem Gegenstanb lachen es ihm möglich, seinen Unterricht in ber Philosophie im Gym- asium, über Geschichte bes Christentums, Kulturgeschichte, Psychologie, Mosophie unb Charakterpädagogik für jeden Schüler und Zuhörer zu nem Genuß zu machen. Seine Predigten im Hause selbst, in vielen .irchen des Landes, seine Reden in allen möglichen Sälen und am Radio nb burchglüht von der tiefen Sendung feines Lebens, den Menschen ines Volkes, bie Notwenbigkeit ber Verbindung ihres Ledens mit dem benbigen Gott zu verkünbigen unb ber Sammlung des einzelnen zur liolksgemeinschaft, die in einem Geist und in einer Liebe handelt. Diesem i.ebanten lebt Manfred Björkguist auch in all ben Vorstänben akabe- iiischer, kirchlicher, staatlicher unb gemeinnütziger Vereinigungen, in benen fein Wort etwas gilt. Am 22. Juni würbe Dr. Björkguist 50 Jahre alt. Seine 25jährige Arbeit an Jugenb, Volk und Kirche ist nicht vergeblich gewesen. Die Früchte sind heute weithin sichtbar. Den wachsenden sozialen Span- ungen, der beginnenden Auflösung jeglicher Werte unb allen brohenben Hersallserscheinungen hat er positive aufbauenbe Kräfte entgegengestellt, ite bes Glaubens an bie Wirklichkeit Gottes unb einer heißen Liebe zu Wen Brübern. Die geistige Atmosphäre Schwebens ist eine gefunbe. Der Miaterialistischen, parteiegoistischen Entwicklung ber Staaten Europas ist :i',rgebeugt worben. Schweben ist weithin auf bem Wege zu einer Volks- Lmeinschaft. Björkguists Wirksamkeit hat überall bas soziale Gewissen ier Besitzenben geschärft, ber werktätige Mensch hak eingesehen, baß ber Blaffentampf zum größten Teil „gemacht" ist unb baß es oft weniger ii|lte wirtschaftlichen als bie geistigen Gegensätze sinb, welche bie Einigkeit les Volkes gefährben. Die Brücken zur Verstänbigung hak er in nie irtnübenber Arbeit gebaut. Man muß einige Zeit in ber ftärfenben, (ei fügen Luft von Sigtuna gelebt haben, um bie ganze Bebeutung bes 'Mannes von Sigtuna" verstehen zu können, bejfen Hingabe feines lebens ben Weg aus dem engen „Ich" zum helfenden „Du" in das auf- iauenbe „Wir" gewiesen hat. Oie silberne Kühlerfignr. Von Vera Craener. Wir alle fanden sie einfach scheußlich, aber Georg war begeistert von hr. Sie war ganz aus Silber, anatomisch heftig verbaut und sah aus nie ein schlechter Schwimmer, der sich nicht ins Wasser traut. Auf dem i übler von Georgs schönem neuen Wagen nahm sie sich ganz besonders mglucklich aus, aber nicht um alles in der Welt hätte er sich wieder von br getrennt. Irgend jemand hatte sie ihm einmal geschenkt, und Georg shrieb ihr geheime Kräfte zu. „Sie ist meine Maskotte", erklärte er, „und bringt mir Glück." Dabei blieb er, und selbst seinem besten Freunde gelang es nicht, bn von dieser silbernen Dame zu trennen. Sie war scheinbar unlöslich mb auf Lebensbauer mit ihm verbunben. Eines Tages lub er Stephan unb mich ein, mit ihm ins Gebirge zu sihren. „Selb gescheit, Kinber", sagte er, „unb kommt mit! Ihr sollt ual sehen, was für eine Erholung eine solche Fahrt ist." „ Stephan murmelte zwar zuerst etwas von „keine Zeit haben" unb .unmöglich frei machen können", aber schließlich hatten wir ihn benn i.'ich mit vereinten Kräften so weit, baß er zusagte. „Aber nur unter Irr Bebingung, baß bu vernünftig fährst unb nicht wie ein Irrsinniger Der bie Üanbstraßen fegst", meinte er, unb Georg nickte. Stephan würbe im Rücksitz verstaut unb angewiesen, worauf er «ährend der Fahrt zu achten habe — es waren da verschiedene Koffer inb Taschen im Wagen, die vor dem Umfallen behütet werden mußten, b eil sie Zerbrechliches enthielten—, unb ich bekam ben Platz neben Georg. „Fertig?" fragte er, unb schon ging es los. Zunächst im gemäßigten üempo. Dann blieb bie Stabt zurück, bie Lanbstraße begann, unb Georg irehte auf. Wir rasten bavon. Stephan schimpfte. „Das ist ja ein bloo- feiniges Tempo", schrie er unb hielt mit beiben Hänben feinen Sjut feft. 6eorg nickte ihm im Spiegel freundlich zu. „Herrlich, nicht?" Und dann dufte er mit Geschick und Eleganz an einer riesigen Dampfwalze vorbei, fs war heiß, der Asphalt flimmerte, und die Sonne beschien strahlend tnb erbarmungslos die verunglückte silberne Kühlerpuppe. „Wie würdest du sie nennen?" fragte Georg und wies nach vorn. „Ich würde sie die silberne Selbstmörderin nennen." „Warum?" t, ... . „Weil sie gescheiterweise Anstalten macht, sich aus dieser wildgeworde- wn Limousine hinauszustürzen!" „Aber ich rede doch von der Limousine. . ." * „Und ich rede von deiner silbernen Herzensdame.' „Ach — das ist doch Velona, die Göttin der Geschwindigkeit. „So ...? Und sollen wir jetzt vielleicht ihr unglückliches Opfer werben . Georg zuckte geringschätzig mit ben Schulterm „Ich hab dir doch »>ohl schon gesagt, daß sie mir Glück bringt, nicht?" »Einen schmerzlosen Tod, wie?" .... Stephan hält nicht viel von Georgs temperamentvollen Fahrkumten, inb er läßt keine Gelegenheit vorbeigehen, ihm das zu jagen. Georg schüttelt nur den Kopf. „Seit ich sie an Bord habe, hat immer tod) ber anbere zahlen müssen, wenn irgenb was passiert ist , erttarte e: ernst, unb bann erhöhte er bie Geschwinbigkeit auf 90. stattür krachte. XIX. er sie an« und Modenschau allein da draußen ,ßu (Tonnt au*, und Kat klappt zu — immerfort, bald ... Wohin willst du denn so eilig, kleines Wesen?" „flöh’ noch Dienst." „Die* vH doch vorhin an, schien mir?" „Ich inst für unsre .Veaumag'-Zeitung die Aufo- am Kosterdmu ansehn", berichtete sie. „Ich wollte nicht herpmstrolchen." Beraniworilich: vr. Hans Lhyrivt. - Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts.Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen- Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor vonKohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.! XVIII. Niemand weiß, wie er sein wird, bevor er in die Aschenurne steigt , pflegte sich Dagobert in diesen Wochen zu äußern. Er stand, fürchterlich gähnend, um 7 (in Worten, sieben) Uhr auf, hatte sich eine richtig tackende, brüllende Weckuhr aus Nickelblech für sechs Mark fünfzig angeschafft, welch brauchbares Möbel er sonst mehr ° ° *8 ei ° ® u ftiw ^Pick" aber wurde meisterlich gearbeitet, trotz verdammt schlechter Zeit. Es waren bloß noch zwei Gesellen da, Meistergesellen, hervorragende Herren, die gern Dagoberts Tabak rauchten, und der Lausejunge Fritz mit den längsten Lehrlingsohren. Herr Hasselbrink", sagten die Gesellen anfangs, und Dagobert sagte. Herr Dinse" „Herr Dubschinsky", eine Woche lang; danach: „Kollege , auch mal: „Dinse".....Quatsch, lassen Sie den ,Herrn weg Kollege, — Kolleje", sagten sie drüben am Fourmerbock. „Also Mensch, Kolle'j'e: Sie haben doch den reichen Onkel in Schlorrendorst — „Ich meinerseits lebe von der Hand in den Mund, Kolleie Dubschmsky. — „Machen Sie sich nischt braus 1" sagte Dinse. „Wir wollen alle rusfl Pick selbst war ein Mann mit temperamentvollen dunklen Augen, scharf in der Arbeit, ein respektabler Herr; ließ sich von keinem an den fffiaqen fahren — kein Wunder bei der Tochter! Das saubre Haus mit dem Werkstatthos und dem Schuppenanbau gehörte bis auf weiteres noch ihm; dicke Hypotheken drauf — er sprach nicht davon. Die Meisterin war eine stattliche, runde Dame, die ebenfalls zu lachen verstand, eine Lehrerstochter sprach fein und klar — eben aus Greifswald. Das alles gefiel Dagobert, gefiel ihm ausnehmend gut: Menschen, Gegend und Dinge... Herr Pick hatte am Anfang gefragt: „Was wollen Sie damit, Herr Hasselbrink?" — „Ich weiß es noch nicht genau, Herr Pick Seelenpleite. Pinseldämmerung. Ich kann keine Lemwand mehr sehn. Vielleicht eine Rache der Vergangenheit?" Pick, ein weltkundiger Herr, stand aufmerksam neben ihm und gab ihm streng und gewissenhaft Hilfsstellung, wunderte sich auch mal, genau wie die „Kollejen", über den angebornen, bedächtig fühlenden Griff der langen Hände, aber der junge Mann hatte, wie ein Lehrling, mit den einfachsten Arbeiten des Tischlergewerbes anfangen müssen. Dagobert bezahlte natürlich für alle Auslagen, ging höllisch knapp mit seinem Zaster um, auch mit seiner Zeit, schlenkerte bloß nach Feierabend noch ein bißchen bei den jungen Damen Barby Pick und Till Grotemeyer mit den Armen, fuhr rasch heim, ah mit mächtigem Appetit ein paar Stullen, Pfeife — wieder 'ran ans Geschäft mit Stift und Papier und herrlichen Bilderbüchern aus der Fachbranche, wunderbaren Sachen, und sah bloß flüchtig auf, wenn Diez vor ihm stand. „Na, du feiner Pinkel? Setz dich hin und tu auch was Vernünftiges! Nein, du störst mich kein bißchen, Liebling! Meine Seele ist aus Beton, ruhig und zufrieden, wie der muntre Seifensieder... Moment mal, mein Junge! Herrlich, wie so eine Lehne aus Fuß und Sitz wächst! Dies Glück wirst du niemals begreifen, du armseliger Tintenstipper!" Einmal brachte Dagobert Herrn Pick eine Handvoll Zeichnungen mit, Kinder seiner abendlichen Laune, wie er errötend bekannte, die ein schlichtes, echtes Dagobert-Gefühl ausdrückten. „Später —!" sagte Herr Pick, nach aufmerksamer Betrachtung. Dafür erwies Barby diesen Dingen ein stärkeres Interesse, wie ein guter, höchst oertrauenswerter „Kolleje", der bloß viel hübscher und gepflegter war und besser roch als die beiden andern. „Macht Ihnen Spaß, mein Gestümper, Barby, wie?" - „Mächtig, Dag! Am liebsten machte ich mit, wenigstens mit Stoss und Farbe — darin bin ich groß." „Ganz bestimmt, Barby! Wunderbar —! Ich meine, ich bin letzt ziemlich im Schuß!" Daß bei alledem Barby Pick eine gewisse Rolle spielen sollte, war ein zu billiger Verdacht. Fräulein Pick war im östlichen Berlin am wenigsten vorhanden, startete bereits vor acht, Ziel Dahlemer biologische Zuchtanstalt, wo sie fabelhafte Querfchnitte am Mikroskop zeichnete, mit verzwickter Kamera hantierte und anderen Hokuspokus mit Mikrotom, Gelatine, fremdländischem Lack auf Glasplatten und in Heißluftkammern trieb. Sie tauchte immer erst am späten Nachmittag, rasend hungrig, wieder' auf und begann sofort ihr eigenes Leben in ihrem niedrigen Zimmer über Holzschuppen und Beizkammer auf dem Hof. Was ihre Freundin Till Grotemeyer anging, so schien diese junge Dame in jüngster Zeit mit Welt und Leben abgeschlossen zu haben, wie eine vor sich hinsprechende Menschenfeindin. Doch auch sie stand ost mit volleren, weicheren Lippen und Schultern und schmalerem Gesicht, ernst beobachtend in der Werkstattür, denn sie lebte seit kurzem, was Dagobert prophezeit hatte, bei Mama Pick in Pension, da ihre Rektorin „Nicht empfehlenswert. Du trägst setzt das Haar anders, Till? Fiel mir schon neulich auf; auch manche Bewegung in Büste und Gang erinnert mich — an wen? Warte mal —1 Richtig: an Tante Katarina! Wie? Zu spät, Till; wenigstens für'unfern Onko... Hortest du wieder Von ibni?w Es (am vorhin eine kurze Karte von ihm. Er läßt euch grüßen. Ein Mann — großartig und nobel! Nicht wie ihr verstörten kleinen Lebensfresser! Darum macht er diese Dummheit." „Hart, hart! Wir sitzen alle im Schmelztiegel, Till. Vielleicht auch Diez." "Sieht manchmal runzlig, wie der brave Zinnsoldat überm Feuer, aus. Sei nett zum kleinen Diezemannl. Alles erlebt Krisen... Wo ist ^"^,Ich weiß es nicht. Du mußt schon selbst nach ihr sehn!" Die Werk- Prings plötzlich nach Fürstenwalde gezogen war. „Immer noch fleißig, du Held?" fragte sie heute. Dagobert war jetzt nach Feierabend häufig mit einer zierlichen Truhe beschäftigt, einem schmucken Kasten aus feinstem Holz — für Hochzeit-,fchlipse, Seidenschuhe und Familienpapiere zu gebrauchen. „Wird es nicht hübsch, mein Hochzeitskästchen, Till?" fragte er verliebt. „Was meinst du zu einer farbigen Intarsie — L und K mit Rundtext: ' ’ ' " ich, bald du' —? Katarina saß an ihrem Stutzflügel im Uebungsjtmmer und spielte stundenlang Neues und Altes; wünschte Kittel herbei, daß er sie an« treibe; wünschte ungestüm, sich zu regen, zu tanzen, öu sthaffen bis zum Umsinken und Auslöschen zu schaffen, zu tanzen; stand aus und tat es; und rastete dann gleichgültig, seltsam lahm und zerbrochen, bis ihr plötzlich die Tränen tarnen. . Also Heultag? Deffnung des Ventils; chemische Reinigung und Entgiftung ... Eine selbsttätige Sache, wie bei vielen Frauen. 9 Danach lächelte sie, war frisch, tatenlustig, egoistisch gesund und unbe- kümmert. Daraus lief sie durch den Tiergarten em Entzücken.st>r leben, der es sah. Ganz alte Herren blieben stehn und sahen ihr ergriffen nach, und die jüngeren faßte ein seliger Schreck, der sie zu jedem Treubruch fähig und unverzüglich geneigt machte. . Plötzlich dachte sie: Gab es das —? Konnte es so etwas rote eine Vorwegnahme, ein Vorauserleben der Zukunft und ihres Verlauss, ihrer unausbleiblichen Wandlungen und Enttäuschungen geben. Dunkler Satz! Feiger Satz! Sie bewegte spöttisch die Lider und sah dann groß und klar. Hell und klar genug. Ja — das gab es natürlich! Peter, der entzauberte ältere Herr in ihrer Nahe, wirkte zu Zeiten fo — wirkte unabweisbar und immer wieder so — wirkte wie em warnendes und schreckhaftes Symbol — stellte sich plötzlich breit vor einen andern, fernen Mann und verwuchs mit ihm... Eines Morgens sagte der Professor am Telephon, daß er nun bestimmt übermorgen in Berlin sein werde. , , Da freute sich Katarina jäh. Das war wie ein guter, starker, froher Schreck in ihr und, ganz unmittelbar, wie ein Aufatmen. Er fragte auch nach ihren Freunden. , Nein- Peter Geyck weilte feit etlichen Tagen im heimatlichen Neuruppin und stehe vermutlich schon auf dem Sprung nach Totz oder Meran. Ja: Der alte, liebe Wil Möncke sei noch hier und kummre sich viel um sie, wenn er nicht, trotz seiner Ferien, mit zuckender Füllfeder durch ganz Berlin und Umgegend strolche. ~ . Am Nachmittag rief Wil Möncke selbst an. „Ich bin noch nie in meinem Leben in Schönholz gewesen, Kat. Ich weiß nicht ob es sich lohnt. Großrummelplatz und Bundesschießen. Berlin NNN — beii SRel- nickendorf, glaub' ich. Früher mal märkisches Ritterschaftsschloß mit Urwaldpark. Kommen Sie mit, Kat?" „Nein, Wil. Es geht nicht. Nein — auch morgen nicht. Ich habe heute und morgen mit Frau Klüter zu reden und zu tun. „Also übermorgen?" , . ~ „Mittwoch kommt Herr Professor Hasselbrink auf ein paar Tage zurück. Er reift nach Lund zu einem Kongreß der Berzelius-Gesellschaft und will dort einen Vortrag halten." Würde ihn gern kennenlernen und begrüßen, Kat. Eine Weltnummer' mit Zubehör in Tegel und am Tulpenweg. Ungewöhnlich inten effant Auch aus einem näherliegenden Grund meine innerste — ich meine: menschliche — Neugier reizend. Aber es dürste die Herrschaften stören . Vielleicht später einmal, wenn -es sich beiderseits machen laßt. Der Professor würde bloß drei Tage in Berlin sein und schon am dritten Tag abends weiterfahren. Die Berzelius-Leute hatten ihn doch noch zu einem Bericht über feine neuesten Arbeiten herumbekommen und den, ihm zu Ehren, an den Anfang des Kongresses gesetzt Sie hotten ein langes Telegramm nach Gastein geschickt. Er hatte geknurrt und kurz zurücktelegraphiert: „Ankomme Samstag". Katarina war auf dem Bahnhof und suchte mit ernsten, erwartungsvollen Augen die Wagenfenster ab. Ihr war zumute, als habe sie ihn jahrelang nicht gesehen Sie konnte sich nicht mal ein genaues Bild von seinem Aussehen machen; sie sah bloß ein Bild von einer hoben und breiten blonden Gestalt — vor das sich plötzlich für einen Augenblick wieder Peters breites Gesicht und Gestalt schob, was sie furchtbar erbitterte, empörte und rasend machte. Da strahlte ihr Gesicht auf. Lu —! Unerwartet frisch, unverändert stattlich und bedeutend, er selbst. Kein fülliger, lauter Lord Peter von Achtundvierzig. Zeitlos, humorvoll und menschlich ernst, sehr männlich. Sie lachte, und ihre Hand winkte beglückt. Er sah sie fest an. „Da bist du ja, Katarina!" Sie spurte seine starke Hand, die lange Erwartung darin Da drüben stand Finke am Wagen und schien sich ebenfalls iu freuen; und bann mußten sie eine Weile auf das Gepäck warten. Um sie her war schreiender Lärm, Hast und Streit. Louis erzählte v»n Gastein. Katarina sah, ernst prüfend und bleich in dem Abendlicht, zu ihm auf, indes ihre schönen, frei geschweiften Sippen lächelten. Sie war unter hohen Brauen aufmerksam und fragte viel, oft rasch. „Und du, Katarina? Das ist viel interessanter." „Oh. es ist nicht viel zu erzählen. Ich habe nicht viel erlebt, Lu. Du weißt schon alles." (Fortsetzung folgt.)