Gießener Zamilienblättel Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 195^ Freitag, den 27. AprU Nummer 52 Oer Scherenschnitt. Von Ruth Schaumann. Nur eine kleine Schere, Ein schwarzes Blatt Papier! O Schere, komm und lehre. Was zwischen dort und hier. O Schere, komm und sage, Wie schön selbst Schatten sind. Von Lächeln und von Klage, Von Vögeln und dem Kind, Von Rosen, die da ranken. Von Schiffen, die da ziehn, Denn Schatten sind Gedanken, Die unfern Tag durchfliehn. Gedanken und bas Hoffen, Das Hoffen: groß und heiß: Wenn Gottes Tür einst offen, Sind alle Schatten weiß. Das Märchen vom Watfisch. Von Rudolf G. Binding. Es war einmal ein kleiner Junge, der stand in einer großen Stadt vorm Hafen an den langen Kais, von denen die Schiffe ins weite Meer hinausliefen. Täglich stand er dort. Er hatte kein größeres Verlangen und keine größere Sehnsucht, als auf einem Schiff zu fahren. Er wollte ein Schiff beherrschen und kennen- leinen» Da hörte er eines Tages einen Kapitän, der eben mit seinem Steuermann an Bord seines Schiffes ging, sagen: „Man kann da^ Biest von Schiff keinem anvertrauen! Es ist verdammt. Wir werden es kaum allein schaffen." „Mir können Sie das Schiff anvertrauen, Kapitän," sagte der Junge und trat ihm rn den Weg. „Nee, da wird nichts draus! Du willst bloß Mitfahrern Nee —. Da stand der Junge wieder, aber er ging nicht weg. Als der Kapitän von oben sah, daß der Junge so beharrlich war, gefiel ihm das. „Hast Eltern?" fragte er herunter. „Nee, sagte der Junge. „Hast de Geschwister?" „Nee", — sagte der ^unge. „Hast de sonst wen?" — „Nee —; ich habe niemanden , sagte er. Der Kapitän ging ein paar Mal die ganze Länge des Decks auf und ab. Der Junge verfolgte ihn mit den Augen. Als der Kapltan wieder an ihm vorbeikam, fragte er: „Wie heißt du denu, du kleiner ^^.Sch^agen's ja!" sagte der Junge: „neiinen Sie mich nur Glb- nichtauf, dann nennen Sie mich beim rechten Namen. „Na, dann komm an Bord", sagte der Kapltan. * Höre," sagte der Kapitän, als der Junge nach vielen Tagen und Nächten Fahrt ihn so weit hatte, daß er ttz« manchmal nachts heimlich mit auf die Kommandobrücke nahm und ihn das Steuer unter seinen großen Händen fühlen ließ, „du darfst das Schiff niemals sich selbst überlassen.-"icht einen Augenblicks Tagend Nacht. Lralt fest!" — Warum sagt er das? dachte der Junge. -was will er damit? Das ist doch selbstverständlich. ’qvr Kapitän führte das Steuer mit eisernen Jausten. Selbst bei "ruhigster See, bei sanftestem Lauf er es m dem elastischen Schraubstock seiner Arme in einer unerbittlichen Gewalt^ ^b und äm aina ein Stöhnen durch den gewaltigen Leib des Dampierv e"n schmerzhaftes Stöhnen. Das Schiff stöhnte unter s-inem G^ f Wenn der Kapitän dem. Jungen auf kurze Z«t das Steuer überlies? bielt er es fest, wie er es von ihm sah. Dcve.'r-cWi swi alatt die {firn angewiesene Bahn. Dann dachte Glbnichtauf erst recht darüber nach^ was der Kapitän wohl mit diesen überflüssigen, Kn-«7m" Iwa"'5°d-n G-l-nI-n »»»«.,- x« NÄ’S Bahn — willig und ohne Schwanken. "’S F«»«.» Bmtor« »«JSSÄ rende Knochenmasse legte sich vor ihn und trennte ihn von den kaum noch sichtbaren Speichen. Die gewaltigen Ankerketten des Schiffes rollten prasselnd aus den seitlichen Augen des Bugs in die See. Der ganze Leib, senkrecht aufstehend gegen den Himmel, atmete einen Sturmwind von Luft in den zahllosen Kabinen und Hohlräumen des Rumpfes. Das Hinterteil tat einen einzigen gewaltigen Schwanzschlag. Das Brausen des Meeres war um den Knaben. Die Deckbauten und Schornsteine streiften sich ab und blitzschnell zur Seite fahrend stieß in halbkreisförmiger Drehung ein lebendiger ungeheuerer Wal wie ein befreiter Meerriese in die Tiefe der Gewässer. Als Gibnichtauf wieder zu sich gekommen war, mußte er gewahren, daß er sich in dem rosaroten Gehörgang des Walfisches befand, in den sich das Sprachrohr des Schiffes, vor dem er eben noch gesessen, umgeformt zu haben schien. Von der Seite her kam ein sehr mattes Licht durch das Trommelfell des Fisches, das ihn und den Gehörganq vor dem Eindringen des Wassers schützte. „Bist du nun eigentlich ein Walfisch oder ein Dampfschiff? fragte der Junge. „Warte, ich werde dir den Walfisch gleich beweisen." Dabet stieg der Walfisch senkrecht empor, um Luft einzunehmen, so daß Gibnichtauf fast von neuem ohnmächtig wurde. Gewaltig prustete der Fisch Luft und Wasser in zwei Stoßstrahlen aus den Nasenlöchern, durch die vor seiner Verwandlung vielleicht die Ankerketten gelaufen waren. Dann sog er Tonnen von Luft in einem einzigen Zug in seine Lungen und tauchte wieder. „Und wo ist der Kapitän, wo sind die Leute des Schrffes und die vielen Passagiere?" fragte der Junge ängstlich. „Du wirst wohl der einzige Lebende in meinem Inneren sein. Eigentlich muß ich dir ja dankbar sein. Denn du hast mich frei gemacht. Der Alte, bei dem wäre es mir nicht geglückt. Der hielt mich immer so fest. — Ich wollte einmal ein großes Schiff werden und den Menschen dienen. Es war schön zu denken, mit vielen erleuchteten Reihen von Lichtern nachts in See zu stechen. Es war schön zu meinen, nicht mehr ein dummer Fisch zu sein, sondern ein zielbewußtes Schiff und einen Kapitän zum Freund zu haben. Kurz, ich wünschte mir ein Dampfer zu werden, und ich wurde es. „Wie da?" fragte der Junge: „wie macht ihr das, ihr Tiere? ,Was du liebst, in das wirst du verwandelt werden," sagte der Fisch etwas rätselhaft. ..Könntest du dich denn wieder in ein Schiff zurückverwandeln?" „Augenblicks", sagte der Fisch. „Aber ich werde mich hüten!" Und dabei machte er eine gewaltige Abwehrbewegung mit seinem ^Der Junge taumelte und fiel an das hartgespannte Trommelfell, daß es knallte. „Tu's doch", bat er nach einer Weile: tu s doch! ich muß doch einmal wieder heraus." Nein", sagte der Fisch, „nie wieder. Es war zu hart. Keinen einzigen freien Schwanzschlag erlaubte der Kapitän mir, der mich in die Finger kriegte. Keine Flosse durfte ich rühren. Nie hatte man seine eigene Richtung. Lieber Fisch als Schiff! „Und dafür soll ich jetzt frieren!" sagte Gibnichtauf, da der Walfisch gerade in das nördliche Eismeer einfuhr. Es wurde ^'".Äan " ich nicht ändern", sagte der Fisch grausam. „Die Menschen haben auch nicht gefragt, ob es mir genehm war, was sie tat?t6er Gibnichtauf gab es nicht auf. Er überlegte lange. Nach innen konnte er nicht durch, sagte er sich und beklopfte mit dem Stiel seines Taschenmessers die Schädelknochen des gewaltigen Tieres auf die der Gehörgang mündete. Wenn ich das Trommelfell nach außen durchstoße, erstickt mich das Wasser. In ein Schiff, das ich steuern könnte, wird sich der Walfisch freiwillig nicht mehr verwandeln. Er traut mir nicht. Er traut keinem Menschen. — Das waren so seine Gedanken. „Könntest du dich nicht wenigstens in ein Wrack verwandeln und mich mit dir ans Land spülen? Ein Wrack können die Menschen nicht lenken. Was sollen sie damit? Wenn die Flut kommt, wird es wieder flott, und du schwimmst als Walfisch davon. Der Walfisch horchte auf. „Ein Wrack?" sagte er; „darüber läßt sich reden." Er dachte nQt6S5ei6t du, kleiner Knirps", sagte er nach einer Weile, „du bist ja nicht gerade unbeguem, aber schließlich muß ich dich doch einmal auf gute Art loswerden. Und wenn du eines Tages in meinem I Ohr verhungerst, ich weiß nicht, ob etwas Gutes dabei entsteht. Indessen das nach Nebelheim Sohn Wodans, Götterdämmerung. Von Wilhelm Schäfer. Baldurs Beweinung. Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle den Bruder zu lösen und Wiederzubringen nach Asgard. Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und die Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, datz keiner aus Nebelheim wieder nach Midgard Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur, den Bruder, sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert, im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann. t t , Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in seinen Saal Weitglanz zurück. Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach Weitglanz, den Frühling zu bringen. Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten der Welt, um Baldur zu weinen, datz ihm aus Tränen die Wiederkehr würde, aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung. Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen mit silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des Frühlings. Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur frei, als sie das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich Nutzen von ihm, dem weißnackigen Neuling der Äsen? Behalte darum Hel, was sie hat! Da weinten zum andernmal die Götter und Menschen, die Bäume und Blumen, die Brunnen und Steine der Erde: daß die Wiederkehr Baldurs verwirkt war: das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer. Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki der Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung kam: aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache. Die Rache. Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung. Aber Wodan von seinem Hochsiü erspähte den Falschen: eilig kamen die Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen. ' „Ich glaube nicht", sagte der Knabe. „Der Plan mit dem Wrack ist besser. Da riskiert keiner etwas. — Schwimme mal einige Breitengrade südlich für alle Fälle." . Der Walfisch schwamm südlich — einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch. Es war ihm nicht sehr wohl. „Ich verhungere gleich", sagte der Junge in seinem Ohr. „Noch ein paar Floffenschläge", rief der Frsch: »halt aus — und dann rührte er sich nicht mehr. Er trieb als Wrack auf den Wellen. Gibnichtauf aber kroch erschöpft aus dem Nest eines Lüftungsrohres aus das kahle Deck. „Ich danke dir, mein Fisch", sagte er. Aber der Fisch hörte es nicht mehr. -i- Am folgenden Morgen trieb das Wrack, sanft von der Flut empor gehoben, an einen sandigen Strand. Gibnichtauf war gerettet. Fischer kamen heran und nahmen ihn auf. Aber die Geschichte vom Walfisch endete nicht damit. Denn als die Fischer das angeschwemmte Wrack in Augenschein nahmen, das die einsetzende Ebbe ihren Blicken frei gelegt hatte, staunten sie. Sie fanden, datz der verödete Schiffsleib von einem unnachahmlichen Stoff und von einer unnachahmlichen Arbeit war. Keine Nute hatte sich gelockert, kein Brett war morsch, kein Nagel verrostet, keine Planke verzogen, keine Schraube vom Wasser angefressen, kein Stahlteilchen blind, keine Eisenplatte gesprungen, keine Luke undicht, und keine Fuge liefe Wasser ein. „Das Wrack", sagte ein Mann, „darf man nicht dem Meer übergeben." Und so sagten alle. „Wir wollen es ans Land ziehen und neu auftakeln", riefen sie. Da befiel den geretteten Knaben eine furchterlrche Angst. „Safet", rief er, „dies Wrack ist kein Wrack: dies Wrack ist ein Walfisch! — Lasst den Fisch! Stofet bas Wrack ins Meer! Es ist ein lebendiges Wrack, ein Meerungetüm. Ein Walfisch! Ein Walfisch ist das Wrack!" „ t t Aber es half nichts. Sie zogen das Wrack ans Land, takelten es neu auf und setzten neue Schornsteine und Verdecke auf den unerschütterlichen Leib. Ein neuer Kapitän befehligte das Schiff, und die Geschichte vom Walfisch begann von neuem. Da gab der Knabe es auf. Er bestieg nie ein Schiff mehr. Wenn er in späteren Jahren — und er mag noch immer am Leben sein — von einem untergegangenen Schiff hörte, sagte er wohl: „Das war vielleicht der Walfisch. —" Aber die Menschen wußten nicht, was er damit meinte. Aks er sich ausschnellie Über dem Wasser, den Schnüren noch zu entgehen, ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den Entgleitenden fest am schuppigen Schwanz. Da mutzte der Leugner sein Dasein bekennen: in eine Höhle brachten sie ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hgrt ans Gestein, wie sie den Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein böses Gezücht. t r t Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft, ins Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune hielt ihrem Gatten die Treue: mit einer Schale stand sie dem Steinlager bei, die Tropfen zu fangen: nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren, traf Loki das sen- °eU®attn^BeBte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich auf in der Fessel: rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des gemarterter Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, datz einmal die Fessel zerspränge. So war die Herrschaft der Götter im elementarrschen Hatz ihrer Herkunft zerfallen: noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars drohender Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand nahe vor seiner Erfüllung. Götterdämmerung. Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert ihre Kraft: kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt Schnee und Hagel über den Mitzwachs: auf den kahlen Feldern der Erde ist Krieg: Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt leer. Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel: den Mond und die Sonne fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird mit Blut. Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen Nacht, daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende Land: da wird von den Fesseln Loki befreit: hohnlachenö ruft er die Brut, den Göttern zur Nache. Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus den Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten befrachtet. Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Nachen und die Augen düster im Brand: über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer, aus den Nüstern fahren ihm Klammen. Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit: aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund: als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und Luft, nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut. Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im Feuer gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend wie nie eine Sonne. Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels, die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe: nur noch die Burgen auf Asgard halten ihr stand. Durch Heimdalls warnendcu Hornruf geweckt sind die Götter sorgend versammelt: Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mi- mirs Weisheit zu wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm: die Weltesche Mdrasil wankt in den Wurzeln. Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen Götter, Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem alles zermalmenden Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier unübersehbare Scharen.. Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende Wolfsmanl verschlingt ihn samt seiner Waffe: rächend stößt Widar, der Sohn, seinen Stahl durch den gähnenden Rachen dem Ungetier ins schwarzblutige Herz. Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer bas Haupt, aber hoch spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt den stärksten der Äsen. Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe: der Treue fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter: indessen Surturs weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer. Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger aus Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand aus der Wobnung der Vanenbezwinger. Vis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen: die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung der elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin in der letzten Entscheidung. Wiederkunft. Einmal wird die Lohe verlöschen: aus dem gestillten Meer hebt die Erde von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel. Die Flut wird kühl und verrinnt: im grünen Kleid wie zuvor prangen die Täler und Berge: auch blühen die Blumen im Gras. Denn die Sonne steht wieder im Blau: ungesät wachsen Halme und Aehren: im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblnst gerettet, die Äbnen künftiger Menschheit. Valdnr ist heimgekehrt ans dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam wieder, die Geisel der asischen Götter: Banen- und Asenkinder vereint spielen im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter. Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden Tage: nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen Gestirne. : Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam । wieder von oben: in unverrückbarer Schwebe hält er dem Dasein • das Recht über dem ewigen Abgrund. Vom „Schwarzen Gold". Gummi- und Kautfchukgewinnuug im südamerikanischen Urwald. Von Franz Ritz. Boliviens Urwälder bergen reiche Schätze an Gummi und Kautschuk, das „schwarze Gold", das ebenso wie die Goldgruben Südafrikas und Kaliforniens und die afrikanischen und australischen Diamantenfelder Abenteurer und Kaufleute aller Länder auf seine Spuren gelockt hat, das Spekulationsfieber, Reichtum und Elend hervorrief und das schließlich ein unentbehrlicher Bestandteil der Weltwirtschaft geworden ist. Der Schweizer Franz Ritz hat Jahrzehnte in den Hauptgebieten des „schwarzen Goldes" am Amazonas verbracht. Aus seinem im Orell Fützli Verlag, Zürich, erschienenen Buch „Kautschukjäger im Urwald", in dem er seine Erfahrungen und Erlebnisse schildert, bringen wir die sachliche und klare Darstellung der Gummi- und Kautschukgewinnung. Auf meinen Reisen hatte ich Gelegenheit, an Ort und Stelle zu sehen, wie Gummi und Kautschuk gewonnen werden. Merkwürdigerweise wissen viele Leute nicht, daß Gummi und Kautschuk zwei verschiedene Produkte sind. Das kommt wohl daher, daß in der französischen Sprache gewöhnlich beide Artikel mit dem Worte „Caoutehouc" bezeichnet werden. Einmal fragte ich einen Autofahrer, woraus eigentlich die Gummiräder der Automobile ver- verfertigt würden und erhielt die verblüffende Antwort: „Aus Kautschuk!" Des besseren Verständnisses wegen will ich nun die beiden Produkte näher beschreiben. * Es gibt eine ganze Anzahl von Gummiarten. Zum Beispiel kennt jedermann den arabischen Gummi, der als Klebstoff verwendet wird. Nach unseren Begriffen wäre diese Sorte eher als Liarz zu bezeichnen, ähnlich der klebrigen, gelben Masse, die man öfters aus der Rinde von Kirschbäumcn, Tannen und anderen Bäumen frei hervorquellen sieht. Der brasilianische Gummi (Hevea brasiliensis) ist anderer Natur. Die Hevea oder Siringa ist ein mächtiger Baum, mit weißer, ziemlich glatter Rinde. Zwischen Rinde und Holz befindet sich ein System von feinen Adern, in welchem eine weiße Flüssigkeit, die Gummimilch, fließt. Um diese Milch zu gewinnen, werden mit einem kleinen Aextchen, dem Machadinho, oder in neuerer Zeit auch mit einem speziellen Messer, die Rinde und gleichzeitig auch die Milchadern durchschnitten, ohne jedoch das darunter befindliche Holz zu verletzen. Aus der entstandenen Wunde tröpfelt die Milch und wird in einer kleinen Blechtasse, die unter dem Einschnitt in die Rinde gesteckt wird, anfgefangen. Weil die Milch infolge des Luftzutrittes nach und nach gerinnt (koaguliert), verstopft sich nach einigen Stunden die Wunde und ist nun durch die geronnene Milch rote durch einen Gummiüberzuq, luftdicht abgeschlossen. Am nächsten Tag wird dicht unter der ersten Wunde ein zweiter Einschnitt gemacht und so fort, bis man unten angelangt ist, wo der Stamm zur Erde herans- wächst. Eine Reihe solcher untereinanderstehender Wunden wird in der Arbeitersprache „Ration" genannt. Ist eine Ration bi» zum Boden gelangt, wird die zweite begonnen, die dicht neben die erste zu liegen kommt, und zwar möglichst hoch oben am Stamm. Bei einem dicken Baum können gleichzeitig drei oder sogar vier Rationen bearbeitet werden, da der Stamm bei seiner Starke so viele tägliche Einschnitte vertragen kann. Gleichwohl wird e» zwei bis drei Jahre dauern, bis die Rationen um den ganzen Stamm herum angelegt sind. Ist dieser Fall eingetreten, so wird der Baum während zehn bis fünfzehn Jahren in Ruhe gelassen, nach welcher Zeit die vielen Wunden vollständig vernarbt sind. Der Baum ist wieder gesund und stark. Das „Picken", wie das Anzapfen genannt wird, kann neuerdings an ihm vorgenommen werden. . Jeden Tag geht der Seringuero (Gummiarbelter) seinen gepickten Bäumen nach, nm die vollgelaufenen Täßchen zu leeren. Die gesammelte Milch wird in Blechkesseln von zehn bi» fünfzehn Liter Inhalt nach seiner Hütte gebracht, wo ste nun zum eigentlichen Feingummi verarbeitet wird. Dies geschieht auf folgende Weise' Die Milch wird in der Mitte eines Solzpfahles, der ouf sroet int Boden einaegrabenen Astgabeln drehbar ist, auf eine Lange von dreißig bis vierzig Zentimeter aufgestrichen. Unter der drehbaren Stange werden in entern tönernen Gefäß das oben eine kleine kaminähnliche Oeffnung besitzt, Hartholz oder Palmnuffe verbrannt. Ein dichter, ätzender Rauch entsteigt dem Kamm. Ueber diesem Rauch wird die mit Milch befeuchtete Stelle des Pfahle» gedreht. Sobald die Milch mit dem Rauch in Berührung kommt, gerinnt sie zu Gummi. Die gummierte Stelle wird nun so lange niit Milch begossen und geräuchert, bis sich zuletzt erne Kugel von Feingummi um die Stange herum gebildet bat. Ist die Kugel nach einigen Tagen bis zu einem Gewicht von vierzig bis fünfzig Kilogramm angewachsen, wird die Stange Serausgezogen. Der fertige Gummi liegt in Form einer großen Kugel vor uns. Zuerst ist dieser Gummiball weich und käsefarbig. Er riecht auch wie alte. Emmentaler Käse Mit der Zeit verwittert die Oberfläche, wird braun bis schwarz und auch etwas härter, .rn gewißen Zcttab- stäuden werden die fertigen Gummiballe mit Mauleseln, Ocisten- fnrreti oder anderen Transportmitteln nach der Baracke genhafst, und von hier nach dem Mutterhause geschickt. Dort erhalt leder Ball noch die Firmamarke eingebrannt und kann nun ohne weitere Verpackung nach Uebersee verschifft werden. Aus diesem Feingummi oder „Para fine , wie er auf oem Markt genannt wird, kann man noch keine Autoreifen machen. Er wäre zu weich und hat dann noch die Eigenschaf' . Klimatcn fast stcinhart zu werden und somit die Elastizität zu verlieren. In den verarbeitenden Fabriken wird er daher „tmfr kanistert", das heißt, er wird auf eine hohe Temperatur erhitzt, wobei er flüssig wird. Dann werden hauptsächlich Schwefel, Stärke- mehl und andere Zutaten beigegeben, worauf man die Masse erkalten läßt ... * Der Kautschuk hat ähnliche Eigenschaften wie der Gummi. Er lammt jedoch von einem andern Baume, der eher größer ist als der Gummibaum. Dieser liefert ebenfalls eine Milch, die unter der Rinde fließt. Sie wird aber in anderer Weise gewonnen als die Gummimilch. .Während der Gummibaum nur im Sumpfgebiet vorkommt, wächst der Kautschukbaum nur auf den Anhöhen. Fehlen diese, so fehlt auch der Kautschukbaum. Die Gewinnung des Kaut- chuks ist einfacher als die des Gummi. Das Anzapfen geschieht nicht von oben nach unten, sondern umgekehrt. Der Baum hat vom Boden aus blattartige Auswüchse des Stammes, die den Baum stützen. In diese Stützen werden drei bis vier Zentimeter breite Kanüle geschnitten, von oben nach schräg unten, in der Weise, daß zwei Kanäle gegeneinander fließen. Durch diese Kanäle fließt aus dem freigelegten Milchgewebe die weiße Flüssigkeit auf den vorher einigermaßen gereinigten Erdboden und erstarrt dort zu chwarzen Fladen. Im Bedürfnis, die am Fuße des Stammes ge- chlagcnen Wunden zu heilen, schickt der Baum die Milch sowohl von oben rote von unten nach den schmerzenden Stellen, und so gerät sie in die offenen Rinnen und auf den Boden. Nach einiger Zeit versiegt der Zufluß. Keine Milch tritt mehr aus. Der Mensch ist aber unersättlich in seiner Gier. Er weiß, daß der Stamm noch ein weiteres Quantum Milch beherbergt. Deshalb wird der Baum einfach umgeschlagen. Liegt der Niese am Boden, so werden dem ganzen Stamm entlang, in Abständen von ungefähr drei Meter, wiederum die V-formigen Rinnen geschlagen, aus denen der letzte Rest der Milch auf den Boden tröpfelt. Weiße Pfützen entstehen bei den Austrittsstellen, die bald zu schwarzen, klebrigen Fladen gerinnen. Ist der Milchfluß versiegt, sammelt der Kautschukmann die erstarrten weichen Fladen und wäscht sie gehörig aus, wobei der klebrige Saft im Wasser aufgelöst wird. Das Produkt Kautschuk ist fertig. Die einzelnen Stücke werden in einer primitiven Form aus eingegrabenen Holzpflöckchen zu viereckigen Ballen gepreßt. Einige Fladen zerschneidet der Arbeiter zu langen Bändern, womit er die Ballen kreuz und quer fest umwickelt. Damit ist die Verpackung fertig. Gleich wie bei der Gummigewinnung werden sodann die schwarzen Blöcke nach der Baracke und von da nach dem Mutterhause geschickt, das sie nach den überseeischen Handelsplätzen verfrachtet. Da der Kautschuk schon bei geringer Hitze schmilzt, werden die Ballen gewöhnlich in Sacktuch eingenäht und so zum Versand gebracht. Der Kautschuk ist nur halb so elastisch wie der Feingummi. Deshalb ist auch der Preis bedeutend niedriger. Wie der Gummi, so muß auch der Kautschuk vulkanisiert werden, um ihn härter und widerstandsfähiger zu machen. Seine hauptsächlichste Eigenschaft ist die außerordentliche Unempfindlichkeit gegen Wasser. Aus diesem Grunde werden hauptsächlich die „Gummischuhe" oder Galoschen aus Kautschuk gemacht. Wasserdichte Mäntel und überhaupt Gewebe, die dem Wasser standhalten müssen, werden zum großen Teil mit einer feinen Kautschukschicht versehen. Man könnte glauben, daß der Kautschuk bald auf. den Aussterbeetat gebracht werden müsse, weil die Bäume gefällt werden. Die Natur hat aber dafür gesorgt, daß dieser Fall nicht eintritt, indem der Baum eine riesige Menge von Früchten, also Samen, trägt. Schlägt die Krone des fallenden Stammes auf den Erdboden, so spriüen Tausende der Samen in weitem Umkreis auf die Erde. An der Stelle, wo der gefällte Riese liegt, werden bald ganze Büsche von jungen Kautschukbäumen wachsen. für den Wetterstand ist." „Du solltest lieber fragen, warum ich nicht schlafen kann, statt von Sichtbarem falsche Schlüsse auf Unsichtbares zu ziehen." „Diese Frage ist für mich leicht beantwortet. „Und deine Antwort lautet?" . . „Du arbeitest zu wenig tagsüber, Gust. Dein starker, gesunder Körper braucht die Arbeit zu seiner Erholung ebenso nötig wie das Essen und Trinken." , ,, , . . Umgekehrt: zu viel habe ich in meinem Leben gearbeitet, viel zuviel, und habe mir dadurch eine schwere Nervosität zugezogen, die erst jetzt, wo ich zur Ruhe gekommen bin, in ihrer ganzen Oie Schusterkugel. Roman von Hans Franck. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ------, Doch einmal mußte der Tag kommen, an dem jemand „Großmutter" zu ihr sagte. Nein, nicht ein jemand, sondern viele je- mauds. Damit sie wieder zu sorgen und zu schaffen hatte. Denn so — sich den Anschein geben, als ob man schaffe und wisse: Alles nur Augenverblendung! In der halben, der viertel Zeit könnte man fertig werden — so war es kein Leben. Wie kam Gust nur damit zurecht? Wie vermochte er dieses neue Dasein als Glück, als gemehrtes Glück zu empfinden? Glücklich — war Gust es m Tat und Wahrheit? Seine Augen, seine abgesackten Mundwinkel redeten eine andere Sprache als seine Lippen und seine Zunge. Eines Nachts, da Gust sich wieder einmal viele Stunden lang schlaflos auf seinem Lager herumgewälzt hatte, fragte Rikelchen plötzlich laut, was sie insgeheim immer und immer ihren Mann gefragt hatte: „Und das nennst du nun Glück?" „Was meinst du mit deiner Frage?" erwiderte der Angerufeue gereizt. „Daß ich nicht schlafen kann?" „Auch deine Schlaflosigkeit meinte ich, die mir ein Zeichen für deinen Glücksstand bedeutet, so wie das Barometer em Zeichen irgendwelchen Gründen bestimmen, den Rentier August Micheelsen mit den frühern Worten zu fragen: „Gust, wo getht't?", so kam es aus seinem Mund geschmettert: „Gut!" Wie aus dem Schalltrichter einer Trompete: hell und klar. Freilich auch stechend und — kein Zweifel — blechern. , Zu Beginn des Jahres 1913 wurde der frühere Schuhmachermeister und Lederhändler, jetzige Rentier August Micheelsen in der Ackerstrabe, ehelicher, unbescholtener Sohn des verstorbenen Pantosfelmachers Georg Micheelsen und seiner Frau Sophie Mi- cheelscn in den Baracken, zum Kandidaten für den Bürgeraus- schuß, das achtköpfige Stadtparlament, aufgestellt. Gust hatte solche Anstellung bei früher« Angeboten als Störung seines Geschäfts mehrfach rundweg abgelehnt. Jetzt aber griff er, auf den die nächtlichen Worte Rikclchens trotz fernes Ableugnens einen unverwischbaren Eindruck gemacht hatten, danach wie nach einem Rettungsring, der vom Ufer her einem in den Wellen Treibenden zugeworfen wird. Bürgerausschußmitgl,ed — bas war die Lösung der Frage: Wie standesgemäße, der Entlohnung überhobene, bedeutsame Arbeit finden? Bürgerausschuß- mitglied — über den Weg, der in dieser Richtung führte, mutzte auch Rikelchen froh werden. Bürgerausschutzmitglied — da lag ,n der Tat das Ziel, welches um jeden Preis von ihm erreicht werden mußte. Die Notwendigkeit stand fest. Wie aber ließ sich die Wahrscheinlichkeit an, ob es ihm gelingen werde, das gestellte Ziel zu erreichen? Nicht günstig. Die Bewohner der Hinterstraßen waren dem überschnell Auf- gesticgenen nicht wohlgesonnen. Sie nannten ihn stolz, hochmütig, eingebildet. Einige scheuten sich nicht, ihn Verräter zu heißen! einen Verräter an der Sache des arbeitenden Volkes, dem er entstammte. Die Bewohner der Vorüerstraßen mitztrauten dem voch- gekommenen noch immer. Sie sahen in ihm einen Protzen. Aber wenn sie den Pantoffelmacherssohn auch wohl oder übel in ihren Reihen dulden mutzten, die Vornehmen der Stabt, £jn Barackcn- sprötzling blieb er darum doch. Es bestanden eben mancherlei Dinge — Kennzeichen der Bildung, des Benehmens, der Lebenshaltung —, die sich in einer Generation nicht erwerben Netzen, und wenn man es auch vom Schusterjungen — statt zum Hunderttausendmann — bis zum Millionär brachte. Gust täuschte sich über diese Stimmung seiner Mitbürger nicht. Aber während ihr Naserümpfen früher seinen Stolz gekitzelt hatte, wurde es nun zu einem Gegenstand seiner Sorge. Da er nun einmal, einem „vielseitigen Wunsch" nachgebend, sich als Bürgcr- ausschutzmitglied hatte aufstcllcn lassen, mußte er aus dem Kampf als Sieger hervorgehen. Die Schande einer Niederlage durfte ihm nicht widerfahren. Siegen! also hieß die Losung. Siegen, koste es, was es wolle. Der Gegenkandidat Gusts war ein Barackenmann, Maurerpolier Wilhelm Drcbitz. Der hatte die Stadt nicht einen Tag lang verlassen. Als Fünfziger arbeitete er noch bei demselben Meister, bei welchem er als Vierzehnjähriger seine Lehrzeit begann. Wenn er sich auch zu dem ersten Mann des Geschäfts, zur unentbehrlichen Stütze seines Inhabers emporgearbeitet hatte und mehr vom Maurcrhandwerk verstand als sein auf dem Technikum gebildeter dreißigjähriger junger Herr, so blieb er doch immer ein abhängiger Lohnempfänger, der durch eine achttägige Kündigung auf die Straße gesetzt und, obwohl er es in Wirklichkeit war. me- ntdlS zum Maurermeister aufrücken konnte. Denn auch ein Polier blieb, obschon der erste unter seinesgleichen, doch — man mochte es drehen, wie man wollte — immer noch ein Arbeiter. So hatten die idinterstratzcnmänner, die in dem nach oben schielenden August Micheelsen einen Abtrünnigen sahen, Wilhelm Drebitz als ihren Kandidaten aufgestellt und setzten, da auch in dem mecklenburgischen Landstädtchen die Gegensätze sich von Jahr zu Jahr verschärften, alle Kräfte für seinen Sieg ein. Wenn Gust während seines Lebens einen Freund gehabt hatte, dann ivar es Wilhelm gewesen. In derselben Woche waren sie geboren. Haus an Naus batten sie ihre Jugendjabre verb'wcht. Gemeinsam matzen sie mit bloßen Beinen aus, wie tief der Wallgraben wohl war. Liefen sie den Wall entlang um die Wette, so kamen sie fast immer zur selben Zeit am Ziele an. Sieate aber einer, so war es bald Willem, bald Gust. Der spätere Schustcr- lehrling krarelte zwar schneller die Wallböschung hinauf, aber das Erklettern der Mallinde schaffte der spätere Maurerlehrling schneller, so daß sich der Vorsprung wieder ansglich. Auch da Gust von seiner zehnjährigen Wanderung zurttckkcbrte und als Hohe- Straßen-Mann überraschend schnell zu Reichtum und Ansehen em- porsticg, gab er niemand in der Stadt so häufig und so herzlich die Hand wie Willem. Jetzt aber sollten sie sich öffentlich als Gegner aegenttbertrcten, sich bekämpfen, die eignen Vorzüge bervorkehren. die Nachteile des andern ans Licht zerren? Unmöglich! Nun, Willem war der gutmütigste Mensch. Diese Sache würden sie beide schon unter sich friedlich ins reine bringen. Eines Jannarabcnds im Jahr 1913 ging also der Rentier August Micheelsen ans d-r Ackerstratze zu seinem Jugendfreund Drebitz in die Baracken. ! Willem wärmte, als Gust eintrat, seine Füße an dem braunen Kachelofen und las wäbrenddeffen sein Leibblatt. Da die Tür a"k- ging. wandte er seinen Kopf zur Seite, stellte setz: ..Ach. du biisk't bloß?" und las weiter. Auch die Füße von den Kacheln des Ofens fortzunehmen und in die bereitstehenden Holzpantoffeln zu fahren, hielt er nicht für nötig. fFortsetzung folgt.) Gefährlichkeit sichtbar wird. Zum Arzt werde ich morgen gehen und mir ein Schlafmittel verschreiben lasten, daß ich meine Nerven wieder in Ordnung kriege." „Du bist aus einem falschen Weg, Gust." „Natürlich, alles mache ich verkehrt, seit wir in der Ackerstratze wohnen. Meine Frau aber weiß den richtigen Weg. „3n diesem Falle — ja." , . . „Und was steht auf dem Handweiser an deinem allein richtigen Weg?" „Kehr um, Gust! „Wohin soll ich umkehren?" Sur wirbelt" "Gönnst du mir bas wohlverdiente Glück des Ausruhens „Wenn es Glück für dich wäre, wie gern wurde ich es dir gönnen." „Ich bin glücklich!" „Sagt dein Mund. Aber dein Herz?" „Sagt dasselbe." „Wenn dein Herz ohnehin in der Tat dasselbe sagt wie dein Mund, dann sagt eine Stimme ganz unten in seiner tiefsten Tiefe, eine Stimme, die du nicht hören willst oder nicht hören kannst, etwas ganz andres, bas Gegenteil von deinem .Ich bin glücklich! „Nimmst du dir heraus, tiefer in mich hineinzuhören, als ich selber?" „Seinem Gelbe leben — wie die Leute in der Stadt dein Dasein und das Dasein mancher andrer nennen, die es genau so treiben wie du —, seinem Gelbe leben, bas ist kein Tagesinhalt für einen gesunden, wenig mehr als sechzigjährigen Mann." „Sondern?" „Seiner Arbeit leben. Wer nicht arbeiten will, heißt es in der Bibel, soll auch nicht esten." ,^ch beschäftige mich von früh bis spät." „Beschäftigung ist keine Arbeit." „Soll ich etwa meinen Schusterhüker nebenan aus der Ecke holen, den Schustertisch mit der Schusterkugel mitten zwischen die schönen Möbel stellen, so baß er unsre ganze Stube verschandelt, und Stiefel besohlen?" „Mir wäre es die liebste Lebenslösung." „Obgleich ich es nicht nötig habe, wieder schustern? Albern!" „Daß du es des Geldverbienens wegen nicht nötig hast, weiß ich wie du. Die Frage ist: Ob du es inwendig nötig hast?" „Auf dem Schusterhüker bocken." „So weit wirst du den Weg, auch wenn du es wolltest, wohl nicht mehr zurückgehen können. Aber bis zu einer ehrlichen Arbeit, gleichviel welcher, wird er dich, muß er dich zurückführen, wenn du dich durch dein dem Glück leben nicht selber um das Glück bringen willst. Denn wer nicht arbeiten will, der soll nicht nur nicht essen, der kann es bald auch nicht mehr, so wenig wie er schlafen und sich nun ganzen Herzens des Lebens freuen kann." „Und ich sage dir: wer in den ersten zwei Dritteln seines Lebens so unmäßig war, so vieles im voraus gearbeitet hat wie ich, der hat sich durch die Summe seiner Arbeit ein Recht erworben, in dem letzten Drittel seines Lebens sich auszuruhen und, wenn seine wirtschaftlichen Verhältnissen ihm das — wie die meinen es tun — gestatten, ganz seinem Behagen zu leben." „Behagen sagtest du. Gust. Nicht: Seinem Glück." „Es ist dasselbe." „Wirklich?" „Für mich — ja! So, und nun halt den Mund, daß ich endlich die Augen zumachen kann und wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf erwische." „Gust--" „Kein Wort mehr! Gute Nacht. Der Tag ist lang genug für aufregende Gespräche. Wir beide brauchen wahrhaftig nicht die Nacht dafür zu Hilfe zu nehmen." „Gute Nacht, Gust!" Wenige Minuten später schnarchte der von Schlaflosigkeit geplagte, die Arbeit wie eine Glückvergiftung meidende Rentier August Micheelsen sich unbehindert den Schlaftiefen zu. Rikelchen aber, die vom Morgen bis zum Abend sich redlich geplagt hatte, lag lange neben ihrem Mann wach auf dem Lager und suchte vergeblich narb einer Atwort auf die Frage: Wie es möglich war, daß zwei Menschen sich mit ihren Herzen liebnah sein können und doch mit ihren Worten, mit ihrem Tun den Weg nicht zueinander finden. Erkundigte sich während dieser Zeit in einem Laden, auf der Straße, vor dem Tor beim Schwätzen, Skatspielen, Schmauchen irgendwer nach alter Weise: „Gust, wo geiht't?", so bekam er nicht die Antwort von einst: „Uns geiht dat gaud!", sondern der Ange- rufcne erwiderte kurzweg: „Gut!" Nur diese eine Silbe: „Gut!" Denn Gust, der durch das Nichtstun und das unmäßige Essen aufgegangen war wie Brotteig durch die Hefe und bereits zwei- einvierttl Zentner wog, mutzte mit seinem Atem sparsam umgehen. Auch war er der Meinung, bas Plattdeutsch des Varacken- jungen von ehedem stünde einem hochgeachteten Rentner von heute, der nur aus Zufall in der Ackerstratze statt auf der Hohen Straße wohnte, schlecht zu Gesicht. An seinem Allerwelts-..Gut!" aber hatten die Fraaendcn nicht dieselbe Fr-ude wie an dem schallenden, in solcher Volltönigkeit nur von Gust zu vernehmenden: „Uns aeibt dat gaud!" Immer seltener wurde, seit er nicht mehr auf dem Tritt vor seinem Hause stand, die Frage nach seinem Ergeben an Gust aerichtet. Geschah es dann und wann doch einmal, ließ jemand sich aus Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Derlog: Drühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.