lehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 92 ahrgang 1934 Montag, den 26. November (Fortsetzung.) Schmidt warf ihm einen fragenden Blick zu. „Warum auf einmal pressiert, Hagemann? Auf ein paar Stunden kommt es doch nicht an." „Doch, Herr Doktor. Ich habe es Ihnen damals nicht gesagt, um Sie !cht noch mehr zu beunruhigen. Unser Motor hat bei der Geschichte »mals auch einen Knacks abbekommen. Er hat einen Sprung im angew ien. werben I* t Die A ch!-» sah»'? HANS DOMINIK • EIN STIE RN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KO EH LER a AM ELAN G C. M. B. H., LEIPZIG >en D* tcferu«11 Werk ■ unblil er-« utfi «"* N Ä r > h i««' iw „Geschehen ist geschehen, Herr Doktor. Unsere Station liegt in Klump. Wie können wir sie wieder in Ordnung bringen?" Hein Eggerth lächelte in sich hinein. Nach einem verstohlenen Blick auf seine Uhr meinte er: „Kommt Zeit, kommt Rat! Wir werden schon Mittel und Wege finden, um die Geschichte in Ordnung zu bringen." Und dann verstand er es geschickt, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Die Zeit ging darüber hin, da brauste es in den Lüsten. Neben ,St 8' legte sich ,St 9‘ auf das Schneefeld und kaum ruhte es auf dem Boden, da senkte sich ,6t 10' aus der Höhe herab und legte sich daneben. „Was, was ist das?" fragte Dr. Wille erstaunt. „Ich sagte es Ihnen ja", lachte Eggerth, „kommt Zeit, kommt Rat. Jetzt werden wir den Kram hier schnell ins Lot kriegen." Noch während er es sagte, öffnete sich die große Ladeluke von ,6t 9'. Ein Schwarm von Werkleuten quoll heraus. Unter dem Kommando eines Ingenieurs wurden Hebezeuge ausgestellt und Bauteile aller Art aus dem Schiff ins Freie gebracht.--- In den nächsten Stunden war es, als wären die Heinzelmännchen über die Station gekommen. Maste wuchsen im Lause weniger Stunden in die Höhe. Bald leuchteten von ihren Spitzen wieder starke Lampen, vorläufig noch von der Maschine von ,St8' gespeist, und übergossen die Station mit Tageshelle. Dann war ,©t 9' restlos ausgeräumt, leer wie eine taube Nuß, während Bauteile aller Art daneben lagerten. Aber das Wichtigste, eine neue Kraftmaschine fehlte. Man hatte nicht damit gerechnet, daß die alte zu Bruche gehen könnte, weil davon nichts in den Funksprüchen zu lesen stand. Da hieß es für ,6t 9' noch einmal nach Deutschland zurückzujagen und schnellstens eine Reservemaschine heranzuschaffen. Auch im günstigsten Fall bedeutete das einen Zeitverlust von 48 6tun- den, und für die nächsten Tage waren die fünf von der 6tation auf die Gastfreundschaft von ,6t 8' angewiesen, denn kurz nach dem 6tart von ,6t 9' stieg auch ,6t 10' auf. Nur die drei Piloten von ,6t 8' waren in diesem 6chifs und außerdem Professor Eggerth selbst, lieber das Ziel ihres Fluges hatten sie sich gründlich ausgeschwiegen. Mit Nordkurs verließ das 6chiff die 6tation. Erst als deren Gebäude am Horizont versunken waren, drehte es in weitem Bogen nach 6üden zurück und nahm Kurs auf die Einschlagstelle des Boliden. — Eintönig dehnte sich das verschneite, vereiste Land unter dem dahinstürmenden 6tratosphärenschifs .. eine halbe 6iunde ... und noch eine Viertelstunde. Dann verschwand das Weiß, rostrot und braun trat das nackte Gestein zutage. Es sah aus, als ob hier ein Riesenbesen gefegt und in weitem Umkreis jeden 6chneefleck beseitigt hätte. Tiefer ging ,6t 10'. In verlangsamtem Flug strich es in 2000 Meter Höhe über das Land hin. Da wurde der Boden wieder weiß, aber nicht 6chnee war es, der ihm die Farbe gab. Dichte Nebelbänke lagerten über dem Boden. Professor Eggerth blickte nachdenklich in die Tiefe, während sein 6ohn zu ihm trat. „Ich fürchte, Hein, wir kommen noch zu früh. Wer weiß, wie lange das noch dauert, bis es hier wieder klare 6icht gibt." Berkoff kam mit einer neuen Ortsbestimmung in den Raum. Wir sind noch 200 Kilometer von der richtigen 6telle entfernt." Der Professor schüttelte den Kopf. „6o starke Nebelbildung bis auf 200 Kilometer Entfernung. Ungeheure Wärmemengen müssen beim Aufprall des Meteors fteigeworden (ein." Hansen setzte den Kurs des 6chiffes noch tiefer. Dicht über der Nebel- bant glitt es dahin, verschwand bisweilen auf 6ekunden in der milchigen Masse. Berkoff warf einen Blick auf den Höhenzeiger. „Die Nebelbank wird flacher, Herr Professor. Wir fliegen nur noch in 700 Meter Höhe. Nach Kurs und Log sind wir noch 100 Kilometer vom 6turzpunki ab." Professor Eggerth nickte. Er schien etwas sagen zu wollen, schwieg aber. In langsamem Flug glitt das 6chiff weiter über den Nebel dahin. Schon mußten sie die Hubschraube in Betrieb nehmen, um nicht durchzusacken. Immer tiefer sank das «Schiff dabei ... 300 ... jetzt nur noch 200 Meter hoch war es über dem Land. „Wie weit noch, Herr Berkoff?" fragte Professor Eggerth. „Noch 40 Kilometer." Nur noch schwacher Dunst lag unter dem 6chiff, hin und wieder wurde der felsige Boden deutlich sichtbar. „Ich meine", jagte Professor Eggerth, „daß wir jetzt landen." glinderblock." Dr. 6chmidt vermochte seinen Schreck nicht zu verbergen. „Der Motorzylinder gesprungen, Hagemann? Pfui Teufel, das ist emstl Was haben 6ie dagegen getan?" „Zuerst war der 6prung nur im äußeren Kühlmantel. Da habe ich irrt Kitt und Bandagen so gut gedichtet, wie es ging. Aber der Block ist ti den letzten Tagen noch weiter nach innen zu gerissen. Es kommt jetzt ii 1 jedem Kolbenhub etwas Kühlwasser in die Zylinder. 6eit 12 6tunden lüft der Motor unregelmäßig. 6ie können es hier hören, wie er manchmal aussetzt." Dr. 6chmidt lauschte in die frostige Luft. Jetzt hörte er bas Tacken ts Motors ... jetzt blieb es aus ... jetzt kam es stoßweise wieder. Aber unregelmäßig waren die Explosionstakte. 6chlägen eines kranken Her- tns glichen sie, bas zum 6terben kommt. Nur noch kurze Minuten, «nn ftanb ber Motor still. Hagemann eilte zum 6chuppen. Als er bie Tür aufriß, quoll ihm läster Dampf entgegen. Der Druck ber letzten Motortakte hatte bie kruchstelle weit aufgerissen, unb bas heiße Kühlwasser burch ben Raum uirspritzt. Der Motor, von besten Arbeit bas Leben ber «Station abhing, Mr niedergebrochen. Dr. 6chmibt zog ben Pelz dichter um seine 6chultern. Ihn fröstelte li dem Gedanken, daß in diesem Moment auch die elektrische Heizung ishörte, daß die grimmige Kälte nun langsam, aber unwiderstehlich in Ire kargen Zufluchtsräume einbringen würbe. Wie lange würben sie ilr widerstehen können? — Hagemann deutete zum Zenit. „Da, Herr Doktor! Ein Flugfchiff! Ein winziges Pünktchen war es, das feine scharfen Augen dort eben rspäht hatten. Es dauerte geraume Zeit, bis auch Schmidt es sah, da Mr es schon größer geworden. «Schnell kam es tiefer, wuchs habet inner mehr, bis der mächtige Rumpf von ,6t 8 dicht über ihnen diroebte, dicht neben ihnen landete. Eine Tür wurde geöffnet, em Lauf» leg ausgeworfen, bann hielt Hein Eggerth ben langen Doktor in ben ihnen unb wirbelte ihn in ber Freube des Wiedersehens auf bem «Schnees-Id herum, bis beiben ber Atem knapp würbe Hansen kam dazu: „Sine nette Bruchbude habt ihr hier!' sagte er und besah sich mit Kennerblicken den eingestürzten Mittelbau. „W,e habt ihr denn das '"Hagemann zuckte die Achseln: „Ist wirklich nicht unsere Schuld, Herr hrnsen. Der Teufel mag es wissen, wie der Orkan so plötzlich die ganze Station auf den Kopf stellte." Hansen zog es vor, auf diese Frage ferne Antwort zu geben Ueber «les, was mit dem großen Meteor zusamm-nhmg, sollte ja - waren sich die drei Piloten von ,St8 einig — allen anderen gegenüber Schweigen bewahrt werden. . I Als dritter kletterte Berkoff aus dem Schiff und warf emen kurzen Nick auf die Station und meinte achselzuckend zu Eggerth. „Das kriegen « Wir drei allein auch nicht wieder ins ßot" f smntor ist „Und der Motor, Herr Berkoff", sagte Hagemann, „unser Motore n! | ms vor einer halben Stunde auch zum Teufel gega g ! i” unfern Löchern da drüben." ihn I „Um fo molliger ist es bei uns im Bauch non St 8. unterbrach iyn Men. „Da wollen wir uns die Sache mal erst m Ruhe überlegen. Unb bann saßen sie alle acht gemütlich Zusammen m M ttelraum Stratosphärenschisfes. Der lange Schmidt und' ^r-Wllle, bisten rmjn bin vergangenen Wochen wieder in Ordnmig18 ■ grenzen und der wackere Hagemann, der sich f f (gefnräcb in erster bife nützlich machte. Begreiflicherweise drehte sich d-, m erste Lnie um die Katastrophe und die möglicher«UrsachenDr. WilleSterne ute geistvolle Hypothese darüber auf, Dr. ^M^ einen enblofen Sisput I11' Kürze waren die beiden gelehrten Hauser > . memerfUng i ««rwickelt. Die Zeit verstrich darüber, bis Hagemann sich eine o 9 Raubte. n jenen j >r- @e: netrad), ‘ Ochsten «kn die 5 eine« )mettir, Antlitz ernste, * f«e auf ; skhen. J anblun» «n „ui|> ine Ülm wunden ilter der « Antit, ! its @(, Waltene ■ ®en>anl d schnitt ! ern der ors eint j! t Schaf. Schwei! Iten eint en selcht rühmten 14.Jahn lob Den pokalp - Johan, iberno» auf dem ihen (alt, üyptischt : wieder. Begleiter, auf den -end, ins den A argeftellt, aphifch» I ide toi' I nd Senft I in üieltt i bas e der feint I in einjii’ I nit einen tf als Nl’ll rzeln. 5n I Jas Kani I auptaltri',1 leben als.I aber üi« I Seuatte i I tri 8 it bi bl bi $ dl « 6 o der Sd mil $a Sii M un L- die iei m 1° ül ®i S( da de |u 8 ffia jjai }O0 W na Sternenstoff. In Südwesten schließt sich an die Eggerth-Werke eine größere Ebene Ihr Boden besteht aus dem Abraum eines Braunkohlenbergwerkes. ist Oedland, von Mensch und Tier gemieden. Hier ging .St 10' kurz nach Mitternacht mit abgeblendeten Scheinwerfern nieder. In einer halben Meile Entfernung sahen seine Insasse- die Eggerth-Werke im strahlenden Glanz von tausend Lichtern liegen Dort wurde ja Tag und Nacht gearbeitet, um die neuen großen Auftrag! zu bewältigen. Hansen verließ das Schiff und marschierte durch die Dunkelheit davon Der Professor blieb mit seinem Sohn und Berkoff zurück. Noch einmal setzte er den beiden seinen Plan auseinander, dessen Einzelheiten genau innegehalten werden mußten, wenn die Täuschung gelingen sollte, die er für notwendig hielt.-- Auf der Landstraße im Westen wurden die Lichter eines Kraftwagens sichtbar. Sie verschwanden, tauchten wieder auf, waren eine Weile wiederum verschwunden, und dann stand ein großer Lastkraftwagen dich neben dem Stratosphärenschiff. Hansen kletterte vom Führersitz und klopft« im Morserhythmus gegen den Rumps von ,6t 10*. Der Professor tarn heraus und besah sich den Wagen. „Gut, Herr Hansen! Wo haben Sie ihn her?" „Bon Müller & Bergmann. Trotz der nachtschlafenden Zeit war M noch Gott sei Dank jemand im Kontor. Die Leute haben in den letzte« Tagen viel Fuhren für unser Werk gemacht. Sie gaben mir den Waget, ohne irgendwelche überflüssigen Randbemerkungen zu machen.** „Um so besser, Herr Hansen! Jetzt an die Arbeit. Wir werden wähl I alle etwas schwitzen müssen.** Die Arbeit, zu der Professor Eggerth rief, war im buchstäblichen SinA des Wortes eine schwere. Es handelte sich darum, die Erzbrocken, die f|f aus der Antarktis mitgebracht hatten, aus dem Schiff in das Auto F transportieren. Kantige, zackige Stücke, einzelne darunter im Gewicht ve> mehreren Zentnern, alles in allem eine Menge von reichlich fünf Tonnen Ihre Hände trugen manche Blafe und manchen Riß davon, bis die Arbeit getan und das letzte Stückchen Erz in den Wagen umgeladeu war lFortfetzung folgt.) und trieb langsam den Hang entlang. Die Stunden verstrichen, wahrend .St 10' das Ringgebirge absuchte. Ein paar dutzendmal lockte glanzender Schimmer sie zu neuer Landung. Der Boden war so heiß, daß er rhre Sohlen fast versengte. Jedesmal brachten sie dabei Stucke ,enes schweren glänzenden Metalls in das Schiff. Mehrere Tonnen des unbekannten Stemenftoffes hatten sie an Bord, als die Umfahrt über dem Krater» aebirae vollendet war. ‘ ... . Noch einmal machte Berkoff eine genaue Ortsbestimmung, wahrend Hein Eaqerth eine Skizze des Geländes entwarf. Sie zeigte eine ziemlich genau kreisförmige Krateröffnung, umgeben von einem Kinggebirge, das nach außen hin gleichmäßig abfiel und in die umgebende Ebene aus» lief. Der Professor nahm ihm das Blatt ab und steckte es in feine Brief- > ^Das soll die Unterlage werden, Hein**, sagte er dabei, ,mach der wir unsere künftigen Pläne ausarbeiten wollen. Jetzt wieder Kurs auf die Station von Wille und absolutes Stillschweigen über alles, was wir hier gesehen haben." „ m . Mit voller Motorenkrast schoß das Schiff von bannen. Bald lag wieder die eisige Antarktis unter ihm, und die Dunkelheit wich allmählich grauer Dämmerung. Der Helle Schein der neuen Lampen rotes ihnen die Station, das Knarren von Kränen und das Geräusch von Hammer- schlügen drang zu ihnen, als das Schiff sich senkte. Nur etwa sechs Stunden hatte die Exkursion von ,St 10' beansprucht. Rust.g waren wahrend dem die Arbeiten in der Station fortgeschritten. Für das Zerstörte boten die Baustapel, die .St 9* zurückgelassen hatten, reichlich Ersatz. Besonders schwer hatte, wie es sich jetzt beim Aufräumen herausstellte, das Obferva- rotr jetzt weiterfliegen." ... Kaum 50 Meter über dem Boden glitt das Schiff langsam vorwaNs. Da blitzte es wieder aus. Eine neue Landung. Wieder wurde ein metallischer Brocken gesunden, diesmal so groß und gewichtig, daß sie ein Hebezeug holen mußten, um ihn an Bord bringen zu können. Und je weiter sie kamen, desto öfter wiederholte sich das. Wohl ein Dutzend solcher Fundstücke im Gesamtgewicht einer Tonne etwa hatten sie schließlich „Etti^schweres Bombardement ist das gewesen", sagte der Professor. „Der Bolide hat nicht schlecht um sich gestreut. Selbst wenn wir mcht mehr viel weiterkommen, so wissen wir jetzt doch, was wir wissen wollten." , „ .. Die Befürchtung, daß ein weiteres Vordringen bald unmöglich werden könne, war nicht von der Hand zu weifen. Es herrfchte draußen eine fast tropische Temperatur und auch der Boden war an der letzten Landungsstelle schon reichlich warm. ' „ „Noch etwa drei Kilometer dürsten wir von der Sturzstelle entfernt fein", meldete Berkoff. In der Tat begann das Gelände jetzt sehr merklich zu steigen. Das Schiss war an dem äußeren Hang des Kratergebirges angekommen, das der Bolide bei seinem Anprall aus der Ebene emporquellen ließ. .... m . Mit geringster Geschwindigkeit glitt es dicht über dem Boden den Abhang hinaus. Im Licht der Scheinwerfer blinkte es auch hier an zahlreichen Stellen metallisch aus, aber der Professor sah im Augenblick von einer Landung ab. Nun hate das Schiff den Kamm des Kratergebirges erreicht, ,6t 10 hing dicht über der klaffenden Wunde, die der Bolide bei feinem Sturz in die Erdkruste gefdjlagen, und ließ feine Scheinwerfer in dis Tiefe spielen. Leichte Dunstschwaden wallten im Grunde etwa 200 Meter unter dem Schiff. Wo sie lichter wurden, schimmerte der Kraterboden unter den Scheinwerferstrahlen in tausend Reflexen. Hansen führte die Rechte zu einem Hebel. „Sollen wir finken?" Der Professor schüttelte den Kopf: „Noch nicht!" Er trat zu dem geöffneten Fenster und beugte sich hinaus. Unerträglich warm schlug ihm die Luft entgegen. Irgendwelche Gase mußte sie enthalten, die ihn einen Augenblick schwindeln machten und zum Husten zwangen. Mit jähem Ruck schloß er das Fenster. „Steigen! Schnell steigen!" schrie er Hansen zu. Stärker wirbelte die Hubschraube, ,6t 10* stieg und schob sich gleich- zeittg mit seinen Horizontalpropellern von der Kratermündung fort. Als es wieder über dem Außenhang stand, befahl Profefior Eggerth zu landen. „Was hast du beschlossen?" fragte Hein, als bas Schiff aufsetzte. Professor Eggerth sah blaß aus. Es bauerte eine Weile, bevor er zu sprechen begann. „Das hätte böse ausgehen können. Der Krater ist mtt Gasen ... wahrscheinlich mit Kohlenwasserstofsgasen bis zum Rande gefüllt. Ein wenig tiefer noch und unfern Motoren Hütte die Verbrennungsluft gefehlt. Wir wären mit unserem Schiff in die Tiefe gestürzt." Er machte eine Bewegung, als ob er den Gedanken an die eben überstandene Gesahr ab schütteln wollte, sprach dann ruhig weiter: „Trotzdem ... das Wagestück hat sich gelohnt. Sie alle haben es da unten auf dem Kratergrunde wohl schimmern gesehen. Für mich ist es sicher, daß der Bolide in seiner Hauptmaste aus den gleichen Stoffen besteht, wie die Brocken, die wir vorher fanden. Wir wollen fehn, ob wir hier noch mehr davon entdecken können." Aus seinen Wink hob sich das Flugschiss wieder einige Meter empor „Wir sind aber noch 20 Kilometer vom Ziel entfernt", warf Ber- I „Trotzdem wollen wir erst landen. Bitte, Herr Hansen." Hansen schaltete die Horizontalpropeller aus. Das Schiff hing nur noch an feiner Hubschraube und senkte sich langsam zu Boden. Berkoff wollte dem Professor seinen Pelz bringen. Der winkte I"ch,Aüht^nötig, lieber Berkoff! Ich vermute, wir werden es draußen ^Eine Tür"'im Schiffsrumpf wurde geöffnet und laue Luft fdjlug il)nen von draußen entgegen. Professor Eggerth stieg aus dem Sch'ff und berührte den Felsboden mit den Händen. Er hatte die gleiche Milde Temperatur, wie die Luft darüber. , Wir wollen fehen, wie wett wir kommen", fagte der Professor, als er ins Schiss zurückkam, und gab Befehl, in 150 Meter Hohe langsam weiterzufliegen Ein Fenster im Kommandoraum ließ er offen Immer angenehmer, immer frühlingshafter strömte die Luft wahrend des W«. terfluqes in den Raum. Dabei nahm die Dukelhett wieder zu. In der hohen Breite hier war die Strahlung des höherkommenden Zages- qestirns noch nicht merkbar. Professor Eggerth ließ die beiden starken Scheinwerfer des Schiffes anstellen und schräg nach unten richten, l^ne breite qrellbeleuchtete Fläche huschte vor dem langsam fliegenden Schiss auf dem Felsboden dahin. Zehn Kilometer waren sie noch von ihrem Ziel entfernt, als er zum zweiten Male landen ließ. Em Felsstuck, das im Licht der Scheinwerfer funkelnd ausglänzte, hatte ferne Aufmerksamkeit erregt. In Begleitung feines Sohnes ging er darauf ju unö blieb vor dem glänzenden Brocken stehen. Es war ein verhältnismäßig kleines Erzftück. Ein Volumen von höchstens zehn Litern mochte es haben. Der Profeffor bückte sich, um es aufzuheben. Es gelang ihm nicht. Sein Sohn kam ihm zu Hilfe, aber auch mit vereinten Kräften gluckte es »hnen eben nur, das Erzstück umzukanten. Hein mußte zum Schiss zuruckkehren und Berkoff holen. Erst zu dritt vermochten sie den Brocken die kurze Sttecke bis zum Schiff zu schleppen. Alle Wetter! Der hat's in sich!" rief Berkoff und wischte sich auf» atmend die Stirn. „Was für Zeug mag das fein?" Der Professor stand geraume Zeit nachdenklich vor dem Findling. Das wird sich bald Herausstellen", beantwortete er die Frage Ser» koffs, „mir scheint, wir haben keinen schlechten Griff getan. Vielleicht entdecken wir noch mehr von der Sorte. Achten Sie bitte darauf, wenn torium gelitten. ... . „ .... Kopfschüttelnd besah sich Profestor Eggerth die Statte der Zerstörung. „Sie haben Glück gehabt, Herr Dr. Wille, daß die Katastrophe Sie nicht in Ihrem Oberservatorium überraschte. Da wären Sie kaum mit dem Leben davongekommen." Dr. Wille sprang gerade zur Seite, um nicht von einem niedergehen- den Kranhaken gefaßt zu werden. Die Worte des Professors horte ei kaum Sein ganzer Schmerz galt feinen vernichteten Instrumenten Ber- zweifelt suchte er zwischen den Trümmern herum. Mit einiger Gewalt mußten die Werkleute ihn schließlich von der Stelle sortziehen, wo a sie störte und sich selbst gefährdete.-- Planmäßig gingen die Arbeiten weiter. Zweimal war der Dämmerschein Heller und immer Heller werdend um den Horizont gewandert, da kam ,6t 9* zurück. In feinem Rumps trug das Schiff neben manchem anderen auch eine neue Maschinen- anlage. Ein halbes Dutzend Kräne packten zu, um das schwere Aggregat herauszuheben, schwankend und schaukelnd schleiften sie es bis zum Maschinenschuppen. Ein halber Tag schwerer Arbeit noch, bann konnte Hagemann em Ventil aufdrehen. Ein Zischen der Druckluft in den Zylindern, ein Tacker . und Donnern, die ersten Explosionen der neuen Maschine dröhnten über I den Hof. Licht sttahlte aus den Fenstern des wiederhergeftellten Station,- * Hauses, die Wärme der elekttifchen Heizung begann dessen Raume roteber J zu füllen. .. , Einige Tage würbe es noch erforbem, um auch bie letzten äußerer Spuren der Katastrophe zu beseitigen. Der Professor hatte nicht die Absicht, so lange zu bleiben. Ein letzter Händedruck noch, em Abschied vor denen, die hierblieben, dann schloß sich die Tür von ,St 10'. Die Schrou- ben begannen zu arbeiten, bas Schiff stieg empor. Als es ben Bober verließ, lugte ber Sonnenball zum ersten Male nach ber langen Polarnacht über ben Norbhorizont. Seine Strahlen übergossen bas neu! , Stationshaus mit purpurnem Schimmer. Wie ein rosenfarbiges Wölkchen erschien bas Stratosphärenschiff in der Hohe, das dem Tagesgestini entgegenftürmte. Grabinschrift. Don Theodor Fontane. Erde gleißt auf Erden In Gold und in Pracht; Erde wird Erde, bevor es gedacht; Erde türmt auf Erden Schloß, Burg, Stein; Erde spricht zu Erde: Alles wird mein. es mit sich, daß wir in dieser ersten Zeit viel umher- t Brauch sein Werkzeug in einer geflochtenen Ich wurde in Wassersällen von Handwerk brachte zogen. Er trug nach dem Tasche Über der Schulter, meine Mutter aber" schob einen großen Korbwagen vor sich her, darin lag ich zu oberst auf unserer ganzen Habe, schlief oder besah mir die Welt unter dem geblumten Zeug des Sonnendaches. Später, als ich schon verständiger war und laufen konnte, nahm mich der Vater zuweilen an die Hand, ich sang, und er pfiff und schwang den Stock auf eine kunstvolle Art. Ost kehrten wir in Gehöften ein und aßen mit den Leuten aus der Schüssel, dann blieben wir eine Weile, bis der Vater mit seiner Arbeit im Schuppen ober auf der Tenne fertig war. Ein anderesmal bekamen wir die Milch nur vor das Haus gestellt. Dann mußten wir wieder weiterziehen und irgendwo in einer dunklen Scheune unser Lager aufschlagen. Es war ein herrliches und abenteuerliches Leben für mich, denn daß es auch ein sorgenvolles und kümmerliches war, begriff ich damals noch nicht. Mir war alles lieb, die Straßen und die Wälder, durch die wir zogen, die Tiere und Kinder auf den fremden Höfen und vor allem der Vater, der immer stark und fröhlich blieb. Ich verstand die Mutter gar nicht, wenn sie mitunter verzagt war und vornüber in den Karren meinte, so daß ich die Tropfen auf das Bettzeug fallen fah. Es tarnen freilich allerlei Zwischenfälle. Einmal brach unterwegs ein Rad an unserem Gefährt, die Eltern mußten sich nach einem Schmied umsehen, der den Reifen flicken konnte. Ich wurde am Weg unter eine Fichte gebettet und damit ich nicht fortlief, knüpfte mich die Mutter mit einem Band an dem Baume fest. Aber es währte lang, und während ich schlief, zog ein furchtbares Unwetter auf. Der Regen überschwemmte mich verlassenen Wurm, ich saß in der Nässe und schrie und verstummte wieder, als ein flammender Blitz nahe vor mir in das Master schlug. Der Bach färbte sich schwarz, er stieg heraus und schwoll über den Weg, Brückenhölzer hieben vorbei, mächtige Purzelstöcke und Sträucher. Das Wasser leckte schon an meinen nackten Füßen, und ich wäre ertrunken, wenn der Vater nicht doch zuletzt einen Weg durch Wald und Unterholz gefunden hätte. Im dritten Winter tarnen wir in die Heimat zurück. Wir lebten zuerst auf dem Dachboden eines kleinen Hauses. Ich weiß noch, daß es bitter kalt war, der Schnee trieb herein und vor der Dachluke wuchsen blanke Eiszapfen. Noch immer fchlief ich im Korbwagen unter dem düsteren Gebälk. Die Mäuse pfiffen, des Nachts stiegen Katzen in mein Bett und berochen mich. Ost meinte die Mutter und sprach zornig auf den Vater ein, aber er schrie niemals zurück. Er nahm nur seinen Huf und ging fort. Wenn er miebertam, mar alles gut, er brachte lebesmal Esten nach Haufe, einen Laib 'Brot, bann unb wann em Stuck Fleisch ober eine Handvoll Backwerk für mich. Erst im Frühjahr fand der Vater wieder bessere Arbeit. Wir zogen in eine Stube, in der wir unseren armseligen Kram auf den Boden aus- breiteten, bis der Vater einige Möbel zusammengebaut batte W) und Bank und richtige Betten an der Wand Die Mutier wurde fröhlicher sie wusch und nähte für die Dienstleute, und auch ich war schon für allerlei zu gebrauchen. Ich wußte, was wir notig hatten und darum schleppte ich vor allem Brennholz nach Haufe, emen ganzen Lattenzaun nach nach, bis mich ein paar Ohrfeigen belehrten, daß zwischen bem, roas man braucht, unb bem, was einem gehört ein Unterschied zu machen sei Sieben Mittag trug ich für den Vater das Esten auf den Bauplatz. Ich durfte rittlings bei ihm auf einem Balken sitzen wie em rechter Zimmergefell, und dann teilte er brüderlich mit mir. Damals war das Bad Gastein noch unansehnlich, aber von Jahr zu Jahr schollen die Häuser höher empor, die Straßen wurden breiter und der Wald wich zurück. Ich erinnere mich des Tages, an dem wir elektrisches Licht bekamen. Hundertmal schloß ich die Augen und> drchte den Schalter/ unb hunbertmal wieberholte sich das unbegreifliche Wunder, es war mit einemmal unirdisch hell in der Stube. Uebrigens fand ich mich mit meinesgleichen gut zusammen. entdeckte zu welchen Zetten ^es^tth^n^e,^vor^n^Kuch^ftnstern^zu^stehen, ihnen Blumen durch das Gitter steckte. Man konnte diese Blumen stgar später wieder holen und anderswo verwenden. Als ich einmal yeuteno sä1ä s-tt B« KL »“““ Aus der Kindheit. Don Karl Heinrich Waggerl. einer Schmiede geboren, hoch über den rauschenden Gastein. Mein Vater war Zimmermann, und sein in meinem Hirn. So etwa, wenn wir zu britt in die Kanäle krochen und unter einem Gitter in der Hauptstraße jammervoll zu heulen anfingen, bis Mann und Frau oben nerfammelt stand und nach der Feuerwehr rief. Es war in allem eine glanzvolle Zeit, Kaiser und Könige stiegen ab, man konnte ihnen unterwegs begegnen wie dem Pfarrer oder bem Briefträger unb es verschlug ihrer Hoheit nichts, wenn es offenbar würbe, baß auch sie von der Gicht geplagt waren wie andere Leute. Sie alle mußten wohl demnach eine besondere Art von Menschen sein, Kurgäste eben, und ich kam nie auf den Gedanken, sie könnten jemals in ihrem Dasein etwas anderes zu tun haben, als in Seide und Lack auf den Promenaden zu wandeln. Vielleicht verschliefen und verdösten sie den ganzen Winter so wie wir und erwachten erst im frühen Sommer wieder, wenn die Spiegelscheiben und die prunkvollen Portale aus den Brettern geschält wurden. Dick waren sie oder dünn, krumm oder lahm und im !langen kümmerlicher als gewöhnliche Menschen, aber sie hatten die selt- ame Eigenschaft, immerfort Geld aus der Tasche zu holen. Außerdem rochen sie so wunderbar, ich konnte stundenlang hinterher laufen und die Wolke von Düften einatmen, die sie unaufhörlich von sich gaben. Das Fremdartige dieser Geschöpfe zog mich magisch an. In jeder Zeit trugen die Damen ungeheure Hüte und was ihnen in der Leibesmitte an Fülle fehlte, das häufte sich hinterwärts um fo mächtiger unter Bändern und Spitzenzeug an. Aber wenn ich auf gewisse Bäume kletterte, konnte ich sehen, daß sie in ihren Zimmern sich doch ganz irdisch kämmten und wuschen und barfuß liefen wie meinesgleichen. Zuweilen geriet ich auf Botengängen in eine der prächtigen Empfangshallen. Da stand ich bann, ich strohhaariger Knirps, barfuß und schmutzig, der spiegelnde Marmor verstörte mich, die gefährliche Stille und Kühle benahm mir den Atem. Und noch heute, wenn ich auf Reifen genötigt bin, ein Hotel aufzusuchen, werde ich die ängstliche Empfindung nicht los, daß ich besser täte, wieder zu verschwinden. Als ich nun schon ein paar Jahre zur Schule gegangen war, meinte die Mutter, es sei endlich genug der Tagedieberei, ich müsse jetzt zusehen, wie ich mir selber das Essen verdienen könne. Sie bewarb sich für mich um die Stelle eines Liftburschen, ich wurde wahrhaftig aufgenommen und erhielt sogleich eine neue hellblaue Uniform mit zweiundvierzig silbernen Knöpfen. In der Morgenfrühe trat ich meinen Dienst an, aber schon zu Mittag saß ich weinend auf der Treppe, und mein Herz war zerrissen von wildem Heimweh und Freiheitsdurst. Die ungewöhnliche Kleidung drückte mich, ich war nirgends gelitten und jedem im Wege. Aber allmählich fügte ich mich, allmählich schied sich meine Umgebung in freundlich unb feinblich. Vor allem waren bie Stubenmädchen gute Geister, man konnte abends bei ihnen in der Kammer sitzen und zuhören, wenn sie über ihre Liebhaber sprachen, über dunkle Geschehnisse in Zimmern und Gängen des Hauses, und so wenig ich von ihrem Geflüster begriff, es erregte mich dennoch bis in den Schlaf hinein. Ich las auch viel, billige Romane aus den Nachttischladen der Gäste und die Groschenhefte der Mädchen, unb baburch verlor Ich mich gänzlich in einer zwiespältigen Welt von Träumen. Ständig lebte ich irgendeinem Helden nach, einem unglücklichen Grafen Horst oder Bodo, unb bas hatte roicberum zur Folge, daß mich ber Portier, mein nächster Vorgesetzter, für einen Ausbund sträflicher Dummheit hielt. Er war ein kleiner heftiger Mensch mit seltsamen Gewohnheiten. Jeden Auftrag, den er mir gab, pflegte er durch ein Kopfstück zu bekräftigen, bis ich dahinterkam, daß ich diese Maulschellen nur empfing, weil mein Kops seinen majestätischen Gebärden im Wege war. Viel Abenteuerliches habe ich erlebt, viel Unheil durch meine närrische Einfalt gestiftet. Wir hatten einen Gast, den die Kellner aus irgendwelchen Gründen den Hochstapler nannten. Sogleich warf ich natürlich die Augen Sherlock Holmes' auf den Mann, unb als ich eines Morgens burch bie Glastür bes Liftes sah, wie biefer Schurke aus bem Zimmer einer Baronin geschlichen kam, auf Zehenspitzen unb mit allen Zeichen bösen Gewissens im Gesicht, ba fuhr ich eilenbs in bie Tiefe unb lief mit Zeter unb Morb burch bas Haus. Viel mehr als bie gewaltige Ohrfeige, bie ich vom Portier empfing, erstaunte mich bie Tatsache, baß ber Räuber unb sein Opfer zu Mittag wieder friedlich unb vertraut am selben Tische saßen. Noch heute erinnere ich mich mit Herzklopfen an eine anbere Begebenheit, an bie Geschichte von ben Klapperschlangen. Eines Tages nämlich erzählte ich bem Stubenmädchen aus reiner Lust am Lügen, der Herr auf 33, ein Professor, hielte sich Klapperschlangen in seinem Koffer, Gott weiß, warum es gerade solche sein mußten. Täglich schmückte ich meine Geschichte mit neuen Einzelheiten aus Er pfiffe ihnen, sagte ich, und sie tanzten dazu, unb wenn ich mit ber Post ins Zimmer käme, schlöffen sie einfach in feine Hembärmel, so trüge er sie wohl überall mit sich umher. Mittterwelle aber verbreitete sich eine stille Panik im ganzen Hotel. Das Stubenmäbdjen weigerte sich, in diesem Zimmer aufzuräumen, ber ahnungslose Professor war plötzlich wie bie Pest gemieben unb ein paar Aengftliche packten sogar ihre Koffer. Zuletzt stellte ber Direktor selbst den Schlangenbändiger zur Rede, unb ich ftanb zitternb vor ihm. und mein ßügengebäube fiel über mir zusammen. „Dieser junge Mann', stigte der Professor nachdrücklich, „dieser junge Mann ist geistesgestört! , Unb dabei blieb es dann auch. Uebrigens aber verstand ich mich recht gut auf meinen Vorteil, ich war, was bas oerbiente Gelb betraf, ber Stolz meiner Mutter. Zwischendurch verliebte Ich mich in ein kleines dünnbeiniges Mädchen, fuhr meinen Schatz nach Tisch halbe Stunden lang im Lift spazieren und kaufte chm um teures Geld eine Korallenkette, die sich bann allerdings nutzlos in meiner Hosentasche verkrümelte. Die Groschen und Silberstücke waren viel zu leicht verdient, ebenso geschwind rollten sie wieder davon, und so gewann ich schon damals keinen festen Stand zwischen Armut und Ueberfluß. Ich habe später wieder bittere Not gelitten, habe dies und jenes in meinem Leben versucht, aber nie erlernte ich die Kunst, mit meinen Gütern hauszuhalten. Und so mag ich zuletzt wohl erfüllen, was mir mein Portier prophezeit hat: daß ich ein unrühmliches Ende finden werde. Oie Teilung der Erde. Von Friedrich Schiller. „Nehmt hin die Welt!", rief Zeus opn seinen Höhen Den Menschen zu. „Nehmt, sie soll euer fern; Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew gen Lehen; Doch teilt euch brüderlich darein." Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten. Es regte sich geschäftig jung und alt. Der Ackermann griff nach des Feldes Fruchten, Der Junker birfchte durch den Wald. Der Kaufmann nimmt, was feine Speicher fassen. Der Abt wählt sich den edeln Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und sprach: „Der Zehente ist mein." Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen, Naht der Poet, er kam aus weiter Fern'; Ach, da war überall nichts mehr zu sehen. Und alles hatte seinen Herrn. Weh' mir! so soll ich denn allein von allen Vergessen sein, ich, dein getreuester Sohn?" So lieh er laut der Klage Rus erschallen Und warf sich hin vor Jovis Thron. ,Wenn du im Land der Träume dich verweilet", Versetzt der Gott, „so had're nicht mit mir Wo warst du denn, als man die Welt getelletk — „Ich war", sprach der Poet, „bei dir. Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr; Verzeih' dem Geiste, der, von deinem Lichte Berauscht, das Irdische verlor!" — Was tun?" spricht Zeus. Die Well ist weggegeben, Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein. Willst du in meinem Himmel mit mir leben: So oft du kommst, er soll dir offen fein." Abschiedsbrief. Eine nachdenkliche Geschichte von Vera Craener. Mein Lieber, nein, ich werde nicht nack U. kommen. Denn erstens einmal kann ich im Augenblick schlecht von hier fort — es schweben verschiedene Angelegenheiten, die sich so oder so entwickeln können und mein Hierbleiben unbedingt erforderlich machen — und zweitens —- ja, zweiten» bin ich eben dafür, daß wir jetzt einmal unsere oft besprochenen Ferien vom Du einlegen. Die haben wir nahezu vier Jahre nicht gehabt, da gab es kein Ausruhen voneinander, kein Ausspannen aus dem Troll de» täglichen Miteinander. Da gab es das morgendliche Telephongespräch um 7 Uhr 10, das meine gute Frau Wulicke immer wieder van neuem gleichermaßen aufregte, das aber zu keiner anderen Zeit stattfinden durfte, weil Dir eben diese am besten paßte, und weil dann noch keiner Deiner Kollegen die Telephonzelle im ersten Stock benutzte, die so eng und klein war, daß man darin zu ersticken glaubte, und in der es immer so fatal nach Kunstleder und kalter Asche roch. ,^allo I" sagtest Du immer, „Hallo! Gut geschlafen?" Und dann fragtest Du, ob die Post schon da sei und ob ich gute Nachrichten hätte, und wenn ich beides verneinen mußte, — Du hast ja niemals begriffen, daß die Post immer erst um acht kam und gute Nachrichten auch fchon damals seltene Vögel waren — fingst Du an, von Deinen Dingen zu reden. Von den Statistiken, die zwar stimmten, aber Deiner Meinung nach nichts bewiesen, von den Kontrollversuchen, die etwas ganz anderes ergeben hatten, als von ihnen erwartet worden war, und von der Laune des Professors, von der in Eurem kleinen Nest so viel abhing, und die fetten genug rosig zu nennen war. Dann folgte eine kurze Beschreibung der zu bewältigenden Arbeit und die Versicherung, daß Du an diesem Tage bestimmt, aber auch ganz bestimmt pünktlich zum Essen kommen würdest. Und dann kamst Du nie — oder nur ganz selten —, und anstatt dessen wurde ich ins Labor beordert, bekam etwas, was man in Eurer lieblos geführten Kantine als „Mahlzeit" bezeichnete, vorgesetzt und mußte dann endlose Berichte tippen. Berichte, die Deine amtliche und wirklich überlastete Sekretärin unmöglich mehr schaffen konnte, und zu denen Du einfach eine nichtbeamtete Mitarbeiterin h. c. brauchtest. Eine, die nie müde wurde, immer Zeit hatte und das allergrößte Interesse für Deine Arbeit — eine Kameradin im besten Sinne. „Du sollst Kameradin sein können, ohne in das Gebiet der Liebe zu spielen", steht irgendwo bei Schleiermacher, und es war wohl mein großer Fehler, daß ich trotz dieser eindringlichen Mahnung doch in Liebe gefallen bin — in eine Liebe, die mich blind gemacht hat für alles, was an dem Partner eigentlich wenig liebenswert war, und was im Anfang vielleicht noch zu korrigieren gewesen wäre, zuletzt aber schon unverbesserlich war. Abrechnung ist das Ende aller Liebe — doch Du weißt sehr wohl, daß meine Liebe zu Dir immer noch nicht aufgehört hat. Es sind heute genau zehn Wochen her, daß ich auf dem Bahnhof gestanden und Abschied gewinkt habe — eine etwas törichte und acher- liche Geste, die mir nicht steht, und über die Du selbst immer gespottet hA, die Du aber im Augenblick der Trennung doch nicht vermissen Untere Trennung ist zwar örtlich nicht allzu groß — in elf Bahn- tunden kann sie überwunden werden, und es bestehen praktisch auch keinerlei Schwierigkeiten, sie zu überwinden —, aber seelisch scheint sie mir doch bedeutend größer. . . . . . Du hast Dich schon während des letzten Jahres, da wir doch eigenb lich noch hier zusammen waren, meilenweit von mir entfernt, und ich batte schon damals zeitweise das Gefühl, als stunde ich allem. Ganz allein. Und als hätte ich niemanden, dem ich anvertrauen konnte, was mich im tiefsten bewegt. Der Zufall hat es gewollt, daß zu gleicher Zeit uns beide das gleiche Geschick getroffen hat. Dieses Geschick hat mir ebenso wie Dir die Arbeit unterbunden und mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Daß ich dabei immer noch in gewissem Sinne heiter erschienen bin und so, als könne das alles mich gar nicht n.ederzwingen und habe keine Gewalt über mich — mein lieber Junge, das war alles nur Maske, eine Maske, die eigens für Dich aufgesetzt war und die ja auch ihre beabsichtigte Wirkung getan hat. m . Du der Du so entsetzlich getroffen warst von dem Geschehen und alaubtest daß auf der ganzen Welt nur Dir solche Kränkung und Herab- etzung widersahren sei. Du brauchtest ja einen Menschen neben Dir, der immer wieder den Kopf oben hatte und das leckgewordene Schiff so gut wie möglich durch die Brandung brachte. Du wolltest es nicht verstehen, daß plötzlich einem Menschen das Recht aus Arbeit entzogen werden könne, daß er einfach ausgeschaltet wurde. Und weil Du so sehr mit Dir beschäftigt warst und immer nur an das dachtest, was Dir geschehen war, deshalb sahst Du nicht, was neben Dir vorqing, sahst nicht, daß unter der heiteren Maske ein sehr lebendiges Gesicht steckte. Ein Gesicht, aus das die Trauer und der Kummer ebenfo ihren Stempel gedrückt hatten und das große Anstrengungen machen muhte, um die Maske überhaupt ertragen zu können Dich traf es unsagbar, daß Deine einst so geschätzte Arbeitskraft — Du warst ja ein Fanatiker der Arbeit und ihr bedingungslos ergeben — nun von niemandem mehr in Anspruch genommen wurde, daß von allen Seiten nur höflich bedauernde Briefe kamen, Absagen über Absagen und daß sich nirgends ein Türchen für Dich öffnen wollte, Du vergaßest, daß es zu jeder Zeit Menschen so ergangen ist, daß sie an verschloßene Türen geklopft haben und daß sich unter tausenden kaum einmal eine auftat, und Du vergaßest — daß es mir genau so ging. Ich stand vielleicht zu dicht neben Dir, als daß Du es hattest ehen können — Du sahst nicht, daß ich mit meiner Arbeit genau das gleiche erlebte, daß plötzlich keiner sie mehr wollte, und daß ich mich gründlich umstellen mußte, wollte ich Überhaupt existieren. Du beklagtest Dich darüber, daß man einem Wissenschaftler, wie Dir, anbot, in einer sinnlosen Fabrik sinnlose Pillen herzustellen, und gewahr- test nicht, was ich in der Zwischenzeit tat.. Jetzt sitzt du in U., hast annähernd das gesunden, was du wolltest, und empfindest so etwas wie eine kleine Sehnsucht nach mir. Nach mir? Ach, vielleicht nur Sehnsucht nach einem Menschen, der es so wie ich ocr- steht, schweigend vorhanden zu sein, und dem man dabei alles aber auch alles sagen kann. Daß man im Grunde doch völlig unbefriedigt ist von dieser Art der Tätigkeit, daß man es als sinnlos empfindet, hier zu stehen, während in dem geliebten Labor unzählige Experimente darauf warten, ausgesührt zu werden, und dah man alles in allem eben eine verfehlte Existenz ist. m , All das steht nämlich zwischen den Zeilen Deiner Briefe, und, offen gesagt, verlangt es mich nun nicht danach, das alles nun auch noch mündlich vargetragen zu bekommen. Und weshalb nicht? , ,, ... Ich muß Dir gestehen, daß die kurze Zeit Deiner Abwesenheit genügt hat, um mir die Augen ein wenig zu öffnen. Es ist nicht etwa em anderer Mann in mein Leben getreten, und ich bin Dir auch nicht „untreu" geworden, aber ich habe entdeckt, daß es auch noch andere Menschen gibt, Menschen, auf die Du mir durch Dein bloßes Dasein den Ausblick versperrt hast, und die sich jetzt der erstaunten Betrachtung darbieten. Menschen, die gütig sind und hilfsbereit und nicht so hoffnungslos versunken in ihr eigenes kleines Geschick, als daß sie nicht auch für andere einmal ein offenes Ohr hätten. Und deshalb, mein Lieber, komme ich vorläufig nicht nach IL, obwohl ja nur elf Bahnstunden uns voneinander trennen und keinerlei Schwierigkeiten bestehen, diese Entfernung zu überwinden. Die Schwierigkeiten zwischen uns liegen, wie ich jetzt einsehen gelernt habe, auf ganz anderem Gebiet, und bis ich die überwunden Haden werde, wird wohl noch mancher Brief zwischen uns beiden hin und her gehen müssen. * Die Schreiberin dieses Briefes, die viele schlaflose Nächte dazu gebraucht hatte, ihn zu entwerfen, nickte befriedigt, als sie ihn durchlas, und steckte ihn dann in ein Kuvert. Doch bann geschah es sonderbarerweise, daß sie ihn noch einmal herausholte und wiederum durchlas. Hierbei seufzte sie, rieb sich gedankenvoll die Tinte von den Fingern und konnte sich nicht entschließen, die Adresse zu schreiben. Und nachdem sie zweimal mit großen, aufgeregten Schritten durchs Zimmer marschiert war, las sie ihn schließlich zum drittenmal durch und zerriß ihn bann langsam in kleine Stücke. Dies getan, eilte sie zum nächsten Fernsprecher, um sich im Reisebüro nach bem besten Zuge nach U. zu erfunbigen. „19 Uhr 13 ab Hauptbahnhof", gab ein höflicher junger Mann Auskunft, unb bie Dame bebankte sich artig. Dann ging sie auf bie Post unb setzte ein Telegramm auf: „Ankomme Mittwoch 6 Uhr 18. Herzlichst S." Unb bas schickte sie ab. Verantwortlich: Dr. Han» Thyriot. — Druck Verlag: Drühl'jche LlniverjitätS-Duch. und Stetndruckerei. Ä. Lang«, Siebe«.