SießenerZamilieiMtter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (93$ Zreitag, den 26. Oktober • Nummer 85 5)as dKalsßand / ROMAN VON FRANK F. BRAUN (Fortsetzung.) Er zog seine Uhr. Wenige Minuten über zehn. Gut; er stieg die Treppen hinab, Strombeck war mit dem Fahrstuhl gefahren. Als er unten anlangte, stieg der Holländer in den bepackten Wagen. Luzius schickte den Boy nach einer Taxi. Als der gelbe Wagen anfuhr, und die Vorfahrt freimachte, kam der Junge mit dem Mietauto. „Fahren Sie dem gelben Wagen nach", sagte Luzius. „Einholen, Herr?" „Nein. Ich will nur sehen, ob jemand dazu einsteigt." Der Fahrer nickte und fuhr los. Er verringerte den Abstand ein wenig und hielt ihn ein. Sie fuhren nicht lange. Am Marktplatz bog eine andere Taxi ein, stoppte und wartete. Jan Strombeck fuhr dicht an den Mietwagen heran. Der Schlag ging aus. Frau Barbara brauchte die Straße nicht zu betreten, sie trat mit einem Schritt von dem einen auf den anderen Wagen über. Die kleine Tochter reckte die Arme. Der Chauffeur gab einen Handkoffer hinüber. „Das ist alles?", fragte Jan Strombeck. Barbara nickte. Ihre Augen hatten einen fremden Glanz. „Ich bringe mich und das Kind", sagte sie. „Ich lege Schicksale in deine Hand, Jan." Er neigte den Kops. Sein dickes rotes Gesicht wies etwas Feierliches und Verklärtes. „Du sollst es nie bereuen, Barbara", sagte er und neigte sich über ihre Hände. Dann fuhr als erste die Mietdroschke davon. Langsam setzte sich der gelbe Wagen in Bewegung. Wohin? Assessar Luzius wußte es. Der Chauffeur Strombecks hatte es irrt Hotel erzählt, daß man um vier Uhr morgens den Dampfer „Alemannia" noch in Cuxhaven erreichen würde; Kabinen waren telegraphisch bestellt und reserviert. Wenn die Sonne aufgeht, hatte er geprahlt, ist 'tion eurer kleinen Halbinsel Europa schon nichts mehr zu sehen. „Lassen Sie nur", sagte Luzius, als der Fahrer sich zu ihm umdrehte, „ich steige hier aus. Wieviel bekommen Sie?" Der Mann schaltete die Zähluhr aus. Luzius zahlte und ging davon. Nun kam der letzte Akt des Spiels. Tragödie der Schuld. Siebentes Kapitel. Es war nicht mehr der Nebel; ein seirier Sprühregen fiel. Man merkte ihn erst, wenn man die nassen Kleider berührte. Die Laternen hatten einen Hof, und der Himmel war verhängt. Die Platanenallee lag verlassen. Der Asphalt glänzte im spärlichen Schein; ein Mitternachtsparkett Assessor Luzius langte vor dem Hause Nummer neun an. Er sah hinauf. In der Wohnung Zurrhelms brannte kein Licht. Da schritt er entschlossen den Aufgang zwischen den Garten »inan. Das Haustor war verschlossen, aber es widerstand seinem Nach- chlüssel keine halbe Minute. Er knipste das Licht an und stieg m den kitten Stock: Reginald Zurrhelm, Kunstmaler. Luzius wartete einen Augenblick; er wollte nicht außer Atem hier mlangen. Dann klingelte er. Der Ton der Glocke lies schrill durch das stille Haus. Es war eine starke Glocke, selbst Schlafende mußte sie auf- vecken. Aber in der Wohnung rührte sich nichts. Luzius zögerte nicht länger. Er würde die Nachbarn mit weiteren Klingelzeichen a.armieren, tber hier keinen Einlaß finden. Sein Polizeidietrich erwies sich auch diesem Schloß gewachsen. Die Tür öffnete sich; Luzius trat in dte sremde ^°Er"sthallete sofort im Flur das Licht ein. Er kannte die Gemächer Er sah sofort, daß jemand in Hast etwas gesucht und zusammengepackt satte. Frau Barbara mußte ihre Flucht in letzter Viertelstunde und in größter Planlosigkeit bewerkstelligt haben. Luzius betrat das Herrenzimmer. Er hatte hier oft nut den Freunden lefesfen. Es schien ihm leerer. Fehlten nicht emrge Möbel, die damals len Raum wohnlicher gemacht hatten? Der Bücherschrank war s?s ■ !iun ja, aus Bucher und Klubsessel konnte man zur N°t verzichten. Verlaust waren die Stücke. Er hatte es langst geahnt. Wovon sonst hatte Zurrhelrn in letzter Zeit leben sollen. Machte das eine ^verstandttch entschuldigte es sie? Gewiß nicht; nur, der menschlichen Seite kam man ein wenig näher. Der Fall blieb bestehen, furche rn hatte gestohlen. Üah er inen reichen 9)1 ci t mt hon fieifor Cu.nus. -«rschob das Gewicht der Tat nicht ein bißchen für d°n Assestör lluzw Er [efete kick hinter den Schreibt,sth und wartete. Zurrhelm wuroe lammen; er hatte 3eit Gedankenlos zog er die °ber,te Schublad^auf; er war erstauitt, daß sie unverschlossen war, und wollte si ) _ schieben, denn wie kam er dazu, hier ^men Schreibtisch zu offnen | zögerte er Von seinem Ruck war in der Schubla P i koch vorn gerollt. Luzius erkannte sofort den Browning Z h > jener schon im Felde getragen hatte. Er schloß die Schublade noch nicht gleich; er sah die Waffe an, und er überlegte lange. Dann nahm er sie heraus, fand sie zwar gesichert, aber geladen, und nahm den Patronenrahmen heraus. Er entfernte die Geschosse, steckte sie in seine Tasche, entnahm seiner eigenen gleichen Waffe einige Platzpatronen und fügte sie in Zurrhelms Browning ein. Dann legte er hastig, als fürchte er ertappt zu werden, das gefährliche Spielzeug in den Kasten zurück und schob ihn zu Diese Nacht wird lang fein, dachte er; Zurrhelm darf sich nicht selbst überrumpeln; das wäre wohl doch weit überzahlt ... Er wußte nicht, ob er lange so gesessen hatte oder nur Minuten; er lebte voraus; wenigstens die Geschehnisse der nächsten Viertelstunde standen bildhaft vor ihm — da ging die Flurtür. Luzius erhob sich. Er wußte, der dort hereinkam, konnte nur Zurrhelm [ein. Er erwartete ihn stehend. Durch die offene Tür trat Reginald Zurrhelm. Sein Gesicht verriet Erstaunen, aber nicht Bestürzung. Er hatte die Arme voll Pakete, aus feiner Rocktasche ragte der Hals einer Weinflasche. „Sie hier, Luzius?" rief er erstaunt, und bann sofort: „Wo ist Barbara?" Luzius blieb stehen, wo er stand. „Ich tarn, als Ihre Gattin ging", log er. „Ich bin nicht gerade beauftragt, Ihnen ihre Grüße zu überbringen, aber ich kann Ihnen mitteilen, daß Ihre Gattin Sie verlassen hat." Luzius preßte den Mund fest zu. Nicht noch mehr sagen! Diese Worte sind kalt und hart Bin ich wirklich so herzlos? Zurrhelm stand entgeistert. Er ließ ein Paket fallen, hob es wieder auf, legte alle auf einen Tifch, fetzte die Flasche ab. Er war nicht rot vom Bücken, er war schneeweiß tm Gesicht. „Was heißt das?" fragte er unsicher, „ich verstehe Sie gar nicht, Luzius?" Der Affeffor spürte eine Wärme aufsteigen. „Fassen Sie sich, Zurr- Helm. Ihre Frau hat Sie verlassen. Jan Strombeck ist mit Barbara und dem Kind heute nacht abgereist." „Ist das — bestimmt wahr?" Luzius nickte. „In kurzer Zeit sind sie schon auf hoher See." Reginald Zurrhelm taumelte, aber er fiel nicht. Er wandte sich mit den Schritten eines Trunkenen um, trat an seinen Schreibtisch und sank auf den Stuhl. Luzius rührte sich nicht. Eine Uhr tickte dünn. Die Taschenuhr? Ober bas Herz? In bie Stille kamen bie armen kleinen Worte Zurrhelms, unsicher unb von Schluchzen unterbrochen. „Also bochl Ich ahnte es, wußte es beinahe. — Sie ist nicht schlecht, Luzius Sie bürfen bas nicht denken. Barbara hat an bas Kinb gebucht." Luzius räusperte sich; er spürte sich heiser werben „Zurrhelm", sagte er, „nehmen Sie sich zusammen. Wir haben noch anbere ernste Dinge zu bereben." Da sah Zurrhelm aus. Er fanb, Luzius starrte ihn an, als fei ber ein Gespenst — unb sah bann burch ihn hinburch in eine Ferne. Plötzlich sank sein Kops vornüber, als habe er einen Schlag bekommen; bann Sab ber ganze Oberkörper nach, unb Reginalb Zurrhelm legte biefen zu hwer geworbenen Kops auf bie Arme unb beckte bie Augen zu. Aber Luzius sah an ben zuckenden Schultern, daß er meinte. „Zurrhelm". sagte er gedämpft, „wenn ich Ihnen helfen kann — — Sie müssen nicht denken, daß ich ber kalte Mensch bes Buchstabens bin. Uns oerbinbet so etwas wie Freundschaft. Vielleicht sprechen Sie sich aus ..." Da war es, als habe der Assessor einen Kontakt berührt. Zurrhelm sprang auf, feine Augen flackerten Er riß sich bie Jacke auf, zerrte etwas heraus unb warf es mitten in bie Stube. Das Bünbel Gelbscheine klatschte auf. „Da!" schrie er überlaut. „Da ist bas versluchte Gelb! Es kommt immer zu spät. Die Sterne habe ich Barbara versprochen, als wir heirateten. Das ist nun bas Enbel" „Zurrhelm ..." „Lassen Sie mich es aussprechen! Barbara ist mit Recht davongegangen. Wie konnte sie bei einem Menschen bleiben, wie ich einer bin! Die Leute hätten mit Fingern auf uns gezeigt, auf Barbara unb auf mich. „Ein schönes Paar, seht sie an!" Luzius legte bem Erregten, bie Hanb auf bie Schulter. „Sie sinb nicht schlecht, Zurrhelm", sagte'er ernst. „Sie sinb verirrt, krank, zermürbt unb überreizt. Sie werben Ihre Schulb sühnen; wir müssen ben Weg finben. Aber bie Zukunft ist nicht verschüttet. Die Arbeit, die Sie befriedigen wird, wartet auf Sie. Sie soll Ihnen werden, ich verspreche es Ihnen. Dies alles wird sich überwinden lasten." Sprach jemand, redete eine menschliche Stimme diese freundlichen |Sir* liitM { 'aintr n O hoc MW langen! pjrtn S liii 6nl ■itn b Ich un litt b« ’N' Ü ISdätigu jiirii« Ja! P ’it’en 3 3j dl 3|iii)tn, !'O I gpjm MM Iträfte i M* i M p Pi pW, ,Ih!I ri $U iis gel W tuns r* [liiitls Im hi i| Im |Wonl Rn, Im |«W Wch l'chn Pili 1% IjN VN i‘N i j'JlWi I 6( Itt; |N l'Uj l;Ü( 1'5* b K |A Ijhi Iw l?l Worte, Zurrhelm horchte: er verstand; in weiter Ferne wirklich. So blieb er denn ganz ruhig sitzen. „Luzius", entgegnete er, und seine Stimme schwang kaum noch, JA danke Ihnen. Ich habe Sie für fremder und ferner gehalten, ifam sehe ich den Menschen. Ich danke Ihnen, Luzius. Glauben Sie nicht, dah ich Ihre Worte verkenne. Es ist nur —", und er strich etwas aus, wischte es weg —, „wollen Sie mich zwei Minuten allein lassen", bat er plötzlich mit neuem Entschluß. „Sie mögen nebenan warten, wollen Sie?" Luzius sah ihn eindringlich an. „Sie machen keine Dummheiten, Zurrhelm? Sie versprechen es mirl" Er streckte die -and hm Zurrhelm nahm diese Hand. Lebendige warme Hand; letzte Hand; er drückte sie. „Gehen Sie, Luzius." Der Assessor wandte sich mit unsicheren Schritten ab. Eine innere Stimme warnte ihn, den Freund jetzt allein zu lassen, aber was sollte er Vorbringen, um im Zimmer bleiben zu können gegen Zurrhelms strikten Wunsch. Er trat in das Nebengemach.. Eine Portiere schlug hinter ihm zu und verdeckte das Licht. Er wollte sich eine Spalte zurechtrücken, die ihm Durchblick gewähre, aber plötzlich schien ihm das nicht angebracht. Wenn Zurrhelm etwas vernichten wollte, mochte er es tun. Luzius wollte nicht Hinsehen. Er wartete. Zog Zurrhelm eine Schublade auf, vernichtete er Briese, ' zerriß er Papiere? .. Luzius wartete geduldig. Zwei Minuten, ist das eine lange Zeit? Und da kam Zurrhelms Stimme aus dem andern Zimmer und rief ihn an. ... Luzius", sprach Zurrhelm, „bleiben Sie dort nebenan, aber Horen Sie'' Ich will nicht, daß ich den letzten Menschen, der an mich geglaubt hat, belogen habe. Ich mache keine Dummheit, wie Sie es nannten; ich ziehe nur den Abrechnungsstrich, wenn ich jetzt an den kleinen Hebel ticke. Leben Sie wohl, Luzius — und Dank." Der Schuß krachte. Luzius riß die Portiere zurück. „Zurrhelml" lieber dem Schreibtisch kräuselte die gelbliche Rauchwolke. Zurrhelms Gesicht und Gestalt waren dahinter wie im Nebel. Aber dann verteilte sich der Qualm. Er wurde aufgescheucht durch die Bewegung, die dieser Körper machte. Zurrhelm sank in sich zusammen und fiel vornüber. Luzius spürte sein Herz im Halse schlagen. Das Blut sauste ihm rauschend durch den Kopf. Aus den Augen spürte er einen Druck, als wollten sie aus den Höhlen heraus. Hatte er sich doch geirrt!? Die Patronen aus der Kammer hatte er entfernt, aber es war möglich, dah der erste Schuh schon im Laufe gesessen hatte!" Er stürzte zu dem Leblosen. „Zurrhelm!" Nichts. Er bückte sich, griff ihn, er keuchte unter diesem Gewicht, dann brachte er den leblosen Mann hoch, schleifte ihn über den Teppich und bettete ihn auf den Diwan. Wohin war der Schuß gegangen? Er bemerkte kein Blut, aber Zurrhelm muhte ja nicht in den Kopf geschossen haben. Er rih ihm die Weste auf, band den Kragen ab — und gab die Tätigkeit auf. Einfacher, besser dünkte es ihn, die Patrone nachzusehen; die Hülse lag auf dem Schreibtisch, sie war wie stets herausgesprungen. Er nahm sie, sah sie an und erkannte mit erleichtertem Seufzer: Zurrhelm hatte eine Platzpatrone abgeschossen. Er ging zu dem regungslosen Freund zurück. Also nur eine Ohnmacht. Was war zu tun? Warten ober den Entrückten zurückrufen? Er entschloß sich, öffnete die Flasche Wein, die Zurrhelm mitgebracht hatte, und träufelte dem Bewußtlosen die Flüssigkeit zwischen die Lippen. Er hatte rasch Erfolg. Zurrhelms Atemzüge beschleunigten sich und wurden tiefer; er verschluckte sich, hustete und schlug die Augen auf. ’ Bon woher kam er? Seine Augen hatten einen überirdifchen Glanz, sie leuchteten förmlich im Eigenlicht. Aber dann setzte wohl das Gehirn ein mit Erinnerung und Erkennen. Er lispelte etwas, wiederholte es, und Luzius las ab. „Richt tot ... Wieder Sie? Luzius strich ihm über die Stirn. Nie war er diesem Manne fo nahe gewesen wie in dieser Minute. Er spürte ein Brennen in den Augen. „Es scheint", sagte er heiser, „ich bin in Ihrem Leben von Wichtigkeit geworden, Zurrhelm." „Aber ich schoß doch!?" „Gewiß. Ich wußte, daß Sie ein Kerl sind, Reginald Zurrhelm. Aber für die große Geste genügten Knall und Rauch. Die Platzpatrone habe ich geliefert. Bor dem unmännlichen Davonschleichen wollte ich Sie bewahren. Sie werden mir das später danken." „Später, sagen Sie, Luzius ... Gibt es für mich ein Später?" „Ganz gewiß, Reginald Zurrhelm. Dieses alles wird eines Tages ein schlechter, schwerer Traum heißen, und das Leben wird sehr, sehr wichtig für Sie sein." • Reginald Zurrhelm lag ganz ruhig. Er schaute mit weit geöffneten Augen die Decke an; so versickerten die paar Tränen wieder nach innen. Und Luzius fuhr fort: „Ich werde mit dem Konsul sprechen und ihn vorbereiten. Dann gehen Sie zu ihm. Es ist besser, Sie bekennen sich. Es wird Sie innerlich frei machen. Den größten Teil des Geldes werden Sie noch besitzen. Wir gehen hin und kaufen van dem alten Berlebach die vier Perlen zurück. Für das Weitere lassen Sie dann mich sorgen." Zurrhelm lag auf feinem Lage ganz still; er nahm nur einmal feinen Blick von der Decke zurück und sah Luzius an; als der dann geendet hatte, starrte Zurrhelm wieder nach oben. „Verzeihen Sie, lieber Luzius, ich bin ein bißchen wirr im Kopf. Wovon sprechen Sie?" Assessor Luzius fiel aus den Wolken. „Wie beliebt?" brachte er heraus. „Was verstehen Sie nicht?" Zurrhelm richtete sich zum Sitzen auf. „Ich verstehe das alles nicht, was Sie mir zuletzt gesagt haben. Ist es wichtig? Sonst sagen Sie es mir bitte später. Wißen Sie, mir ist doch, als habe ich den Schuß mir in den Kopf gefeuert. Es ist alles durcheinander und ein Dröhnen hier hinter der Stirn ... Dabei schäme ich mich so. Vor Ihnen ganz besonders. Sie sind so gut zu mir. Hätte ich mich Ihnen anvertraut, rechtzeitig, alles wäre anders gekommen. Vielleicht säße Barbara noch hier — oder wenigstens wäre ich nicht fo unvorbereitet gewesen. Aber ich schämte mich. Ich ging Ihnen und Brendel aus dem Wege. Ich hatte mir vorgenommen, mit Ihnen beiden erst zu sprechen, wenn der Holländer abgereift fei."_ Luzius quälte den Satz zwischen den Zähnen heraus: „Warum schämten Sie sich?" , , „Weil Strombett meine Barbara offensichtlich verehrte, weil ich fürchtete, Sie und Brendel würden annehmen, ich duldete das alles, weil Strombeck mir das große Bild abgetauft hatte. Es war ja auch so! Ich spürte, daß er bas Bild kaufte, um Barbara zu gefallen; aber ich konnte doch nicht wissen, daß es eine Abfindung an mich war..." Er stand auf. Er war unerwartet wieder recht lebendig. ,Lch hätte ihm fein Geld vor die Füße geworfen!" „Das ist ja alles Unsinn, Zurrhelm", sagte Luzius. „Barbara wollte von Ihnen fort. Jan Strombeck war Mittel, nicht Zweck. Aber reden Sie nur offen. Diese Scheine dort an der Erde stammen von Strombeck?" „Natürlich. Für das Bild. Er zahlte bar." Luzius nickte. ,Hch glaube Ihnen. Aber nun sagen Sie mir, was machten Sie heute abend bei dem Vater Berlebach?" Zurrhelm errötete stark; er vermochte es nicht zu verbergen. „Muh ich das sagen? Woher wissen Sie übrigens, daß ich bei dem Alten war? Sind Sie mir nachgegangen?" „Ich ging Ihnen nach, jawohl. Ich sah Sie in dem Zimmer stehen und mit dem Alten verhandeln." Er sah Zurrhelm scharf an. Wie feige bist du, dachte er, ich habe dir den Weg, den du gehen sollst, gezeigt, aber du versuchst auszubrechen; glaubst du, mich jetzt noch täuschen zu können, nach allem, was ich mit eigenen Augen sah? Reginald Zurrhelm blieb unbefangen; ein glanzender Schauspieler. „Dann muß ich es wohl sagen", lächelte er matt. „Ich hatte dem Alten meinen Trauring versetzt; als ich nun zu Geld kam, war mein erster Weg zum Trödler; denn Barbara sollte das nicht erfahren." Luzius biß sich auf die Lippen. „Und bei der Gelegenheit gab der Vater Berlebach Ihnen auch gleich das Perlenhalsband der Frau Konsul Finkendey, aus dem vier Perlen entfernt waren, wieder zurück." „Was sagen Siel?" „ . Luzius, in Merger geraten, ließ sich nicht unterbrechen. „Und Sie gingen in den Garten des Konsuls, sanden, wie Sie es von allen Abenden wußten, das Schlafzimmerfenster des Ehepaars geöffnet und warfen die Perlen in das Zimmer. Warum erzählen Sie die Geschichte nur halb, Zurrhelm?" . Der Beschuldigte antwortete nicht. Er lief mit langen Schritten durch das Gemach, blieb vor Luzius stehen, sah ihm in die Augen und begann die Wanderung von neuem. Luzius fragte: „Wollen Sie nichts sagen? Oder habe ich alles erschöpfend geraten?" Er beugte sich vor. „Ich kann Ihnen jetzt gestehen, daß ich gar nichts erriet, sondern alles mit ansah. Ich ging Ihnen nach, auf dem Hinweg, zu dem Alten und auch auf dem Zurückweg, der Sie an der Villa des Konsuls vorbeiführte." Zurrhelm blieb stehen. „Luzius", sagte er, „wenn die letzten zehn Minuten nicht gewesen wären, die mir gezeigt haben, wer Sie wirklich sind...", er brach ab, sagte dann: „Das ist ein bißchen viel, lieber Freund." „Was ist ein bißchen viel!" Luzius war erregt Sie standen sich gegenüber, sehr nahe. „Sie verdächtigen mich da des Diebstahls, scheint mir?" „Verdächtigen", machte Luzius und zog das Wort lang, „es handelt sich längst um keinen Verdacht mehr." Zurrhelm hob beide Arme. „Schluß! Schluß!" rief er. „So geht das nicht. Sagen Sie mir in ruhigen Worten, was Sie gegen mich vorzubringen haben, Luzius. Es muß sich rasch Herausstellen, wer hier irrt Wir sind beide nervös. Spannungen vertragen wir nicht mehr." Luzius sagte: „Ich folgte Ihnen, als Sie aus dem Hause tarnen und zu dem Hehler Berlebach gingen. Sie geben zu, daß Sie den Mann aufsuchten. Schön. Ich beobachtete von einem Zimmer des gegenüberliegenden Hauses, wie Sie mit dem Alten verhandelten. Er gab Ihnen die bewußte Perlenkette und Geld. Sie gingen wieder. Stimmt das?" „Kein Wort stimmt. Als ich bei dem Alten anlangte, war die Tür verschlossen. Ich pochte, da rief er von drinnen: „Kommen Sie in zehn Minuten wieder; ich habe jetzt keine Zeit." Da ging ich zehn Minuten spazieren. Als ich zum zweitenmal vor das Haus kam, stand Berlebach an der Tür. Ich trat gar nicht in sein Zimmer. Er brachte mir den Ring heraus. Ich gab ihm das Geld und verließ ihn." Dem Assessor war, als schlage ihm jemand mit einer Keule über den Kopf. Er sah dies offene Gesicht Zurrhelms vor sich; er war Menschen- tenner genug, zu begreifen, daß jener in dieser Stunde nicht die Beherrschung zu so glatter Lüge haben würde. Er spürte zutiefst die Wahrheit dieser Worte. „Zurrhelm", würgte er, „ich verstehe nichts mehr. Nur das meine ich zu wissen, weiß ich: ich tat Ihnen Unrecht. Vergeben Sie mir, ich bitte Sie!" Er streckte die Hand hin. Zurrhelm schlug, ohne zu zögern, ein. „Quitt", sagte er, „ein böser Irrtum, es tat weh, aber wir wollen es vergessen. Habe ich einen Doppelgänger? Bisher hörte ich nie davon. Aber wahrscheinlich haben Sie einfach in der Dunkelheit, statt mir nachzugehen, wie Sie vermeinten, sich einem Fremden an die Fersen geheftet." „Und dieser Fremde bringt oder hott das hn Hause des Konsuls entwendete Perlenkollier! Das ist das Mysteriöse, Zurrhelm!" Reginald Zurrhelm blieb stehen; er gab diese Landpartie Fenster— Tür endgültig auf. „Wir müssen den Vater Berlebach fragen. Morgen, Luzius, wollen wir den Alten gemeinsam auffudjen. Er wird Ihnen sagen, welcher Art mein Geschäft mit ihm war, und wahrscheinlich kann er uns auch über den geheimnisvollen Mann, der das Perlenhalsband befaß, Auskunft geben." „Er wird sich hüten!" „Das schon. Er mag uns erzählen, er habe an ein harmloses Gcfchast- chen geglaubt." „Wollen wir nicht jetzt noch in der Nacht hingehen? Wenn der Alte überrascht ist, redet er möglicherweise eher. Morgen hat er Ausf.uchie bereit." (Fortsetzung folgt) Er liefen Zwang, wir haben die ganze bedrückende, feelenzerreibende Stim- nung der letzten neun Aahre mit ihrem dauernden Auf und Nieder von »Öffnungen und stetig wiederkehrenden Enttäuschungen erlebt, wir haben (efetjen, wie dort dem Menschen Eugen durch ein hartes Schicksal die irtzten seelischen Verschanzungen zerbrochen wurden, wir hatten den großen Zusammenstoß mit Carafsa miterlebt. So war es mehr als na- iirlich, daß Eugen sich dieser quälenden Lage, in der er sich als Unter« (ebener befand, ein Gebiet schuf, in das er seine ganzen zurückgestauten hafte verströmen lassen konnte, in dem er seinem Willen zum Herrschen, iur unumschränkten Verwirklichung dessen, was in ihm brannte, freie »ahn lassen konnte. Mann geworden, von den Stürmen des Lebens ierabe infolge feines Draufgängertums hart herumgeworfen, empfindet ir nur das Bedürfnis, zu wissen, my home is my castle, greift er nun ianach, nach allen Fehlschlägen und Enttäuschungen des Dienstes aus lein Privatleben einen Kraftquell zu machen, der ihn stärkt, der ihn tefäfjigt, aus dem Zeitlosen der Antike, aus den fernen Problemen der !>läster neue Anregung zu schöpfen. So ist es durchaus kein Zufall, laß Eugen, der dazu in früheren Jahren schon lange genug Gelegenheit gehabt hätte, erst jetzt, in den Jahren schwerster Kämpse und krschütterungen, sich mit Wien, der Stadt zu verbinden strebt, daß ir aus dem Umhergetriebensein des Kriegers in das Bürgerliche sich (»ordnen will, daß er Grundstücke für ein Haus kauft, obwohl gerade iamals feine finanziellen Verhältnisse noch alles andere als günstig pnannt werden können. Aber mit der Zähigkeit, die ihm auch hier c gen ist, verwirklicht er die aufgegriffenen Pläne. Freilich auch hier itangelt die Beziehung zur Oeffentlichkeii nicht, auch hier benutzt er persönliches, um durch Eingehen auf das dekorative Streben der Zeit zu eirten, zeigt er Großartigkeit und baut sich langsam nach und nach einen Übst für damalige Zeiten beachtlichen Palast, der aus eingeschossiger hfcheidenheit allmählich zu einem Bau von fürstlicher Massenentfaltung imgeformt wird. In den langen Wartezeiten, die ihm die diplomatischen Unterhandlungen abzwingen, schafft er sich nun Entspannung in seinen sichern, greift er nach der Einseitigkeit militärischer Weltschau zu dem beifälligen Reichtum der Welt, versucht er auch hier, aus dem macht- rilligen Outsider, der gestalten will, zu dem ruhigen Empfänger der Gedanken der Zeit zu werden. Er versucht es, denn an einem vollen Hingen hindert ihn die Unraft der Jahre, hindert ihn das eigene Ich. foum ist der Palast in der Himmelpfortgasse vollendet, — seine Kosten find noch nicht einmal bezahlt —, als Eugen schon des städtischen Emer- llis, der städtischen Bindung überdrüssig ist, und nach neuen Planen reift. Mit demselben unerhörten Blick, der ihm in der Schlacht eignet, e kennt Eugen auch sonst in dem Unscheinbaren dre mögliche große Entwicklung, nutzt er auch hier jede kleinste Gelegenheit. Wahrend das fiif) mächtig ausbreitende Wien noch in der Donauebene liegt und e s ttit zagen Fühlern sich aus dem Ring der Umwallungen hlNaustastet, fhb die sanft die Stadt umarmenden Hügelketten fast noch unbebaut Eie wählt sich Eugen, hier, auf dem Acker, dem Weinberg, baut er, um e: dlich ganz frei feinem Schöpferwillen Wirklichkeit zu schaffen, ohne ai Straße3 Hauser Menschen gebunden zu sein. Ungeheuer verändert beint die Landschaft und doch erst jetzt durch den Menschen chrem tobten Wesen ganz wiedergegeben. Erst letzt scheint ganz die fymb°l sch Jebeutung des Berges gegenüber dem Tale ins Bewußtsein gerurft. Wenn einmal alle Dokumente vom Wirken Eugens vergangen waren, U'b nichts als sein Schloß, das Belvedere bliebe, - der große Mensch gäre doch in seinem Werke aller Nachwelt dauernd verstandllch., Nichts d iickt mehr als die Anlage dieses Gartens der Bau dieses Schlo es ben 1-ist bes Schöpfers aus, nichts ist mehr Geist von seinem Geiste, Blut "'n seinem Blute, bas ber größte Baumeister einer symbolbewußten Int, Lucas von Hilbebrand, in diesem Sinnbild ms Zeitliche, Ueber- scheint allen Biographen Eugens, auch den modernsten, gemeinsam, daß sie die wirklich wichtigen Zeiten seines Lebens, die wichtigsten Veränderungen, die sein Blickkreis durchmacht, nicht erkennen. — In linem geradezu krampfhaften Verleugnen aller Wirklichkeit sehen sie immer nur militärische Handlungen bei ihm, aber nie, was dahinter steht, sind doch vollzieht sich gerade in diesen kurzen Jahren nach dem Frie- lensschluh von Karlowitz eine ber für Eugen bebeutfamften Beraube« lungen seines Lebens, runbet sich hier bas in vorangegangenen Lebens- jahren Herangereifte zum festen Silbe. Fassen wir den bisherigen äuße- icn Entwicklungsgang ganz kurz, schlagwortartig zusammen, so war icben die soldatische Tätigkeit, die seine ersten Jahre bestimmt hatte, nehr und mehr die diplomatische getreten. Das Persönliche, Menschliche, lor der Welt verborgen gehalten, trat demgegenüber kaum in Erscheinung. Hatte das die Oessentlichkeit angehende militärische und politische öetätigungsstreben in seinen Feldzügen, in seinen Erfolgen 1689 am uiriner Hose greifbare Form erlangt, so war es erklärlich, daß das lonz Persönliche, das sich bisher bloß mittelbar in den Ereignissen -übergeschlagen hatte, erst spät, sozusagen unter einem gewissen inneren jwang, in die Welt der Tatsachen hinausgedrängt 'wurde. Wir kennen Trost. Von Theodor Storm. So komme, was da kommen mag! So lang’ du lebest, ist es Tag. Und geht es in die Welt hinaus, wo du mir bist, bin ich zu Haus. Ich seh’ dein liebes Angesicht, ich sehe die Schatten der Zukunft nicht. Prinz Eugen baut ein Schloß. Von Hellmuth Rößler. Mit Genehmigung des Verlages Gerhard Sialling, Oldenburg i. O./Berlin, veröffentlichen wir aus dem soeben erschienenen Buche von Hellmuth Rößler: Der Soldat des R eiZ,e - Pr in z Eugen (kart. 4,50 Mark, Ganzleinen 5,50 Mark) folgenden Abschnitt: zeitliche übertrug. Gleichsam um dem Zeitgeist entgegenzukommen, um zu zeigen, daß der Mensch Eugen einer ber ihrigen ist, ber in ihren Formen lebt, mit ihren Worten spricht, ist ber untere Teil bes Gartens, der sich langsam den Berg hinaufzieht, und durch das Schloß noch nicht in feiner Wirkung beeinflußt ist, ganz im Stile der verschnörkelten gewollten Zeit mit Baumgängen, verschnittenen Taxushecken, lauschigen Eckchen erfüllt. Scheinbar willkürlich läuft hier das Gängegewirr durcheinander, begrenzt nach der Stadt zu von einem Gartenpalais, bas, lang hingezogen, bie Verbinbung gibt zum Tal, ber Stabt, der es sich in feiner Architektur anpaßt. — Desto abstechender, ruhiger und verklärender aber, freier und zeitloser hebt sich der obere Garten hiervon ab. Hier ist nichts von Baumgängen und Gartenhäuschen — einfach unö klar zieht sich die große Flüche des Berges zum Schloß hinauf, das in einer unvergeßlich einprägsamen Größe und Einsamkeit alles bestimmt, das durch raumsüllende große Wasserbassins, in denen es sich spiegelt, und weite Rasenflächen nur noch ferner gerückt erscheint. Von dem in sich geschlossenen Bild des Schlosses mit seinen orientalisch anmutenden Ecktürmen, seiner wundervoll klar gegliederten Front bleibt der Eindruck eines unbeugsamen Willens, einer erhabenen, fast menschen- fernen Größe, bes Wesenskernes Eugens. Aber biefes Hinaus-aus-ber-Stabt war kein Los-von-ben-Menschen, war keine Lösung, sonbern eine Lockerung nur ber Binbung an bie anberen, war ein Zurück zum Ich. Es war berfelbe Weg, auf ben Eugen auch burch bas anbere hingewiesen würbe, bas nun beftimmenb in fein Leben eintritt unb ihn zum rein Menschlichen zurückführt — bie Frau. Metz, die Stadt mit den zwei Gesichtern. Copyright by I. L. A., Wien. Von ß i e s b e t Dill. Alles hat seine Geschichte hier unten an ber Grenze, seine Vergangenheit, sein befonberes Gesicht ... unb alles scheint veränbert und erneuert heute. Zwischen Saarbrücken unb Forbach steht ein Haus, „bie alte Vremm", bereu Fensteraugen auf bas stillgeworbene Schlachtfeld Spichern und den gelben Rücken des Spicherer Berges hinausfchauen, mit einer Hälfte stets auf deutschem, mit der anderen auf ftanzöstschem Boden. Dahinter leuchtet ber neue Grenzpfahl, „Republique franeaise". Hier enbet bas Saargebiet, hier fängt bas neue Frankreich an. Ein Vogel flattert hin unb her, halb sitzt er in Deutfchlanb, balb in Frankreich... Vom Denkmal auf den Spicherer Höhen hat man den deutschen Adler heruntergenommen, zwei Abwehrkanonen richten ihre Mäuler drohend gegen die Stadt Saarbrücken. Das erste, was ich sehe, ist ein Kirchhof mit neuen Gräbern, unter denen bie Gebeine ber im Kriege 70 gefallenen Franzosen liegen, bie man aus dem Ehrental bei Saarbrücken ausgegraben hat. Sie ruhen unter den Bäumen des Forbacher Waldes unb die deutsche Straßenbahn endet hier am Grenzpfahl. Sofort ändert sich das Bild. Im grauen Dunst liegt Forbach, eine kleine Prooinzstadt unb Garnison, bie eigentlich nur aus einer langen Straße besteht unb Kasernen. An grauen Häusern kleben französische Plakate weithinleuchtenb an ben Mauern. „Chocolat Menier“, „Dubonnet", „Si vous aviez un Peugeot" ... Gäben unb Bars tragen neue Schilber, „Restaurant au paradis", „Croix rouge franqaise", „Biere Fauve“. Das übervölkerte Industriegebiet ber Saar geht in bas menschenleere Lothringen über. Wir fahren burch ein Dorf, bas auf ber einen Seite beutsch, auf ber anberen französisch ist, in ber Ferne sieht man die Schächte der Grube Merlenbach ragen, deren Kohlenflöße auf deutscher Seite liegen und auf ber französischen ausgebeutet werben. Ein Dorf folgt bem anbern, alle eintönig, grau, bas einzig Bunte finb bie Plakate an ben Mauern. Wenig Menschen, selten ein Kind, kleine Schulen, eine Nonne, ein Bauer, und vor jedem Haus ein riesiger Misthaufen... Wenig Fenster nach ber Straße, noch aus ber Zeit ber Fenstersteuer her. Was im Krieg zerstört würbe, ist wieder aufgebaut, aber fast immer in derselben alten, unbequemen Art, Folchwiller, St. Avold, die Garnison von einst... Weite Ebenen mit grünem Weideland, schwere Erde bricht ber Pflug. Obstbäume blühen an ben Wegen. Es wird immer einsamer, immer leerer, die Dörfer immer stiller; in den Dorfstraßen quellen die Misthausen über den Mauerrand, zu dem einst die deutsche Regierung bie Bauern zwang wegen ber Verseuchung bes Trinkwassers und Typhusgefahr. Hier unb bort steht noch ein Unterftanb im freien Feld, ausbetoniert unb leer, eine Zuflucht aus den Fliegertagen. Dann naht die alte Grenze und wir sind im „alten Frankreich". Pont ä Moufson, eine Brücke. Eine Frau mit langem flatterndem Trauerschleier fährt auf dem Rad neben uns her. Wälder ziehen mit. Ein Kirchhof vor Dieuze, „Cafe lorrain“, ein zerstörtes Dorf steht frisch aufgebaut da, unkomfortabel und unhygienisch, im selben einfachen Stil, der in diese Gegend paßt. So grau unb- eintönig biefe Dörfer aussehen, aus ber Ferne, in bie grüne Talmulde dicht aneinander geschmiegt Haus an Haus und Dach an Dach, um ihr mittelalterliches Kirchlein herumgebrückt, bas sie in Kriegszeiten wie eine Festung beschützte, wirken sie schön, sie passen zu bem Ernst unb ber Einfachheit biefer herben Lanbschaft. In Frankreich interessiert sich niemanb für meinen Paß, ben ich übrigens vergessen habe, Frankreich hat mit bem Saargebiet Zollgemeinschaft. Das „Saarauto" gleitet unangehalten durch alle Grenzen hier unten. Da, eine Parkmauer, dahinter alte Bäume, ein bekanntes Schloß. Eine große Tafel am Parktor „Exkaiferliche Besitzung". Ein verschlossenes Tor, verfchlossen die Fensterläden, still liegt das Schloß von dem aus der Kaiser die großen Metzer Paraden besuchte. Jedes Frühjahr kam er hierher. Leer liegt der kleine Bahnhof in der Sonne, mit der leeren Wartehalle, in der der Kaiser mit Gefolge oft abstieg. Sanfte Windungen der Mosel begleiten uns, grüne Wiesen, Ahornalleen, Schlehenbüsche säumen die Wege, Moselbrücken und Holzbaracken am Weg, graue Fermes mit hohen Mauern, die Forts schimmern grün und bewaldet. Sie sehen nach Frieden aus ... „Au retour des pecheurs", ein Cafe vor Metz, „Bar de la Moselle". Und nun fahren wir am „deutschen Tor" vorbei in die alte Festung harakterbild dieser Sitte,; der Geschichte geschwankt iihor hip frhPlifalirhPIt Werastwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl',che AntverittätS-Duch. und Steindruckerei. 2L Lang«, «Sieben- Zierpflanze angesehen und erlangte dann als Heilmittel größere Bedeutung, vor allem gegen Zahnschmerzen, Kolik und Gicht. Um 1560 sieh der ranzösische Gesandte am portugiesischen Hof, Jean N i c o t, Seigneur )e Billemain, pulverisierte Blätter des Tabaks der Katharina von Medici überbringen, die ihren Sohn damit behandeln ließ. Nach Nicot erhielt die Pflanze auch den Namen Nicotiana. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts aber gab es auch schon einige Seeleute, die in den Hafenplatzen Spaniens und Englands die von den Eingeborenen übernommene Sitte des Rauchens einführten. In England war R a l e i g h einer der ersten Raucher. Allmählich wurde der Tabak bei den Männern aller europäischen Volker „das Dielbeliebte und hochgelobte Kräutlein". Zahlreiche d'chterstche Lob- preisungen gelten diesem „braunen Kinde der wilden Lander Man verherrlichte das Tabakrauchen als „göttliche Trösterin der Leiden , und ■ - ' <" rr<—«— e> i - g s 1 e t) nannte den Tabak gar Freund des Junggesellen, des Schon bald setzte gegen das zur Mode gewordene Rauchen heftigster Widerstand ein. Die Geistlichen und die Aerzte verdammten diesen „feuer- gefährlichen Unfug", und die Obrigkeiten erließen zahlreiche Verbote. In der Schweiz wurde ein besonderes Hochgericht gegen die „Rauchseuche eingerichtet. „Welch schamloses Schauspiel bietet es", ries damals der geistliche Schriftsteller Tesauro in seiner „Moralischen Philosophie aus „wenn sich die Menschen ein gewundenes Horn in den Mund stecken, das vollgestopft ist mit jenem rußigen und rauchendem Schmutz, dessen Höllendampf sie durch den Schlund aussaugen, um ihn dann durch die Nasenlöcher auszustoßen, wie die Rosse des Diomedes und bte„ Stiere des Jason, die aus den Nüstern Funken und Flammen schnoben. Emer der erbittertsten Feinde des Rauchens in England war König Jakob I.: 1603 ließ er eine lateinische Schrift „Der Rauchgegner oder ein königliches Scherzstück über den Mißbrauch des Tabaks" erscheinen, in dec dieses „scheußliche Tun" für den Niedergang der Sitten und des Wohlstandes verantwortlich gemacht wurde. Eine ganze Literatur wurde gegen den Tabak entfesselt, und die Gegner verstiegen sich zu Behauptungen wie: „Es sei besser, mit einem Handseil erdrosselt, als mit indiamschein Tabak vergiftet zu werden." Man nannte den Tabak „ein Pulver dec Hölle", das Rauchen Wahnsinn und Teuselswerk, und als der große Vorkämpfer des Rauchens, R a l e i g h , vor seiner Hinrichtung noch eme Pfeife Tabak rauchte, empfand man das geradezu als Gotteslasterunq- Ein besonders wilder Hasser der Rauchsitte war Sultan Murad VI. nahm einen furchtbaren Brand in Konstantinopel am 7. August 163« zum Anlaß, um das Rauchen auf das Schärfste zu verfolgen, denn es wurde behauptet, die Feuersbrunst sei durch die Unvorsichtigkeit dec „Schmaucher" entstanden. Auf das Rauchen wurde Todesstrafe gesetzt, und das Schwert begann gegen die Verehrer dieser narkotischen Pflanze wie gegen die gemeinsten Verbrecher zu wüten. Nicht minder hemg wandte sich Zar Michael in Rußland gegen den Tabakgenuß. Dec Deutsche Adam Clearius, der Rußland 1643 auf seiner Reise nnfl Persien besuchte, schreibt darüber: „Die Verbrecher wurden hart, nämlich mit Nasen-Aufschlitzen und Stauvenschlägen. bestraft, wie wir denn solche Bestrafung an Mann- und Weibespersonen gesehen. Die gemeinen Bestrafungen, so man wider die Raucher ergeben läßt, sind Nase^im schlitzen und mit der Knutpeitsche aus den bloßen Rücken schlagen " Noch 1691 verordnete die Stadt Lüneburg Gefängnis und Auspeitschung gegen das „liib">-(icfie Werk bes Tabaktrinkens", unb im Gebiet bes flenoqs Don Jülich-Berg durften um 1700 nur bicjenigen Personen Pfeise rauchen, bie einen befonberen Freizettel hatten. ein... Man hat sich auch hier „umgestellt". Die Labenschilder zuerst. Boucherie" „Garage moderne“, „Bar Pansien , //«--hemiserie , "Bazar parisien", an dem wirklich wenig Parsterisches ist. Neben dem Cafe de la Paix" eine „Verdun-Bar . Pstrsichbamne in frsichbearbei t'eten Gärten. Der Wind bläst aus der Esplanade und hat sie ganz leer aefegt. Das „Boche-Viertel" mit seinen neuen Villen ist wieder bewohnt, Im Theater gibt es „Gott mit uns" heut abend. Man ist in einer großen Festung - Soldaten'cches, „au bonheur du Poilu“, Tavernen und Kinos blühen an allen Ecken. Auf der alten Place St. Louis bei Monsieur Hazard, dem alten Koch, speist man ländlich gut. Mittags schon 2 Uhr macht der Chef de cuisine Pause und um 10 Uhr abends ist die Küche der Restaurants geschlossen, es ist nichts Warmes mehr zu haben. „ Die Stabt mit ben zwei Gesichtern ... Sie hatte sie schon immer unb hat 'sie auch heute noch, ihr altes französisches unb bas neue deutsche. Heut ist sie wieber „kleine Garnison" geworben. Statt 22 brutschen Regimentern liegen nur noch ein paar hier. Als Unbezwingliche^„niemals erobert, nur ausgehungert unb übergeben, ging Metz in d'e Hande ber Sieger über ... aber unüberrounben, stark unb lang wie emst. Riesige Festungswälle, grünüberwachsene Forts, der lange Rucken des St. Quentin reckt sich schützend über der Mosel... Selbst die Denkmäler haben zwei Gesichter. Die Denkmalsockel sind noch von uns gebaut. Schwer, massiv, für bie großen Pferbe beutscher Fürsten, bie man bann herunter- warf um neue Götter daraus zu stellen. Jetzt steht ein Dichter darauf ober ein Soldat, viel zu klein für den schweren Untersockel. Der franzo- sifche Körner, Deroulöde, beschützt immer noch in seinem Gehrock die beiden Schwestern Elsaß und Lothringen, die zu seinen Fußen kn,en... In der „deutschen Post" werden französische Briefmarken verkauft und in dem „neuen deutschen Bahnhof zahlt man man in Francs. In a - französischen Kasernen liegt wieder französisches Militär und in blau- weißroten Schilderhäusern stehen sturmbehelmte Pollus m blauen Man- kein Das alte französische Viertel am Staden ist unverändert, ine Mosel rauscht unter den Brücken. Aus der Esplanade ist Messe. Buden sind ausgeschlagen, Karussells drehen sich, in den Schießbuden knattern Schüsse, der Duft der Wassel- bätfereien bringt herüber, vor bem Cafes sitzen solbaten an Marmortischen bei einem Bier ober einer Tasse Kaffee. Auf entern leeren Platz sieht uns ein neues Denkmal sehr kriegerisch an, ein gestürzter Abler nut gebrochenen Flügeln ... bas finb mir. „Zur Erinnerung an ben 18. No- vember 1918." Aber bieses neue Denkmal ist nicht eingeweiht Poincars soll seinerzeit gefunben haben, es sei „nicht mehr ber ÄeU entsprechend . Die Stadt hat sich kaum verändert, die Straßen sind noch immer sehr eng, die Geschäfte haben sich nicht vergrößert. In den Laden für Wand chmuck stehen rote und gelbe Bukette aus Chenille, die das Mar- kalbukeit verdrängt haben, der Grabschmuck besteht aus Kreuzen aus Porzellan mit dicken Porzellanteerosen und Porzellanstiefmutterchen, groß wie ein Gesicht, die man auf Gräber legt. Am beliebtesten sind immer noch die schwarzen und lila Perlkränze. Sie stehen auf den Kirchhofen dtif eisernen Staffeleien, das Bild des Taten lächelt uns aus an' ober sie liegen in Glasfchachteln für ewige Zeiten auf ben Grabern... Ein weißer Dampfer lockt an ber Moselbrücke zu Ausflügen m bie schone Umgebung. Es ist ein sonniger Nachmittag, unb wir steigen em. Alle Plätze finb leer. Wir warten lange, wir schwingen bie Schiffsglocke, aber auch bas hilft nichts, es zeigt sich meber Steuermann noch Matrose. Zwei Stauben haben mir auf bem weißen Schiff gesessen, ohne baß es sich fortbemegte, schließlich sind wir gegangen. Im Hinausgehen las ich auf seinem Schild ,«Rendezvous de tont Metz apr&s la promenade ... Hier trifft sich ganz Metz nach dem Bummel. „Das hochge!obte Kräutlein." Zur Kulturgeschichte des Tabaks. Von Dr. Wolfgang Frahm. Wir wollen uns von der Kulturgeschichte an die Hand nehmen und durch bie Jahrhunberte geleiten lassen, um zu erfahren, wie lange ber Mensch bas Rauchen schon kannte unb wie schnell sich biese Sitte trotz aller Gegenmaßnahmen verbreitete, so baß wir ihre Anhänger heute bei allen Völkern unb in allen Schichten treffen. Woher ber erste Anstoß kam, ist kaum mit Sicherheit zu beantworten. Währenb bie einen glauben, daß sich ber Mensch ber ältesten Narkotika bebient hat, um außergewöhnlichen Strapazen zu wiberstehen ober um über Hunger unb Durst Hinwegzukommen, finb bie anberen ber Meinung, bah bas Einatmen des Rauches glimmenber narkotischer Pflanzen zu ben ältesten Genußmitteln ber Menschheit gehört unb baß biese Form ber Steigerung bes Lebensgefühls feit jeher ebenso Bebürsnis war wie ber Genuß von Rauschgetränken. Beibe Grünbe werben zusammengewirkt haben, um dem Rauchen bie allgemeine Beliebtheit zu verschaffen, bie es in aller Welt besitzt. Wenn das Rauchen von Tabak in Rollenform auch zuerst 1492 durch Kolumbus in Mittelamerika beobachtet wurde, wo es aus religiösen Bräuchen zur Zeit der Mayakultur entstanden sein dürfte, so kannte das Altertum doch schon eine große Anzahl narkotischer Pflanzen, besonders aus der Familie der Nachtschattengewächse, deren berauschende Wirkung die Menschen feit Urzeiten ausgenutzt haben. Wir finden in den antiken Schriftstellern mehrfach Belege dafür, daß fogar die vorgeschichtliche Bevölkerung Europas schon das Pfeifenrauchen eifrig betrieben hat. H e - robot berichtet das von den Skythen und der griechische Geograph Strabo von einem anderen kleinasiatischen Volk, den Mysien, die geradezu „Rauchesser" hießen. Pfeifenfunde aus ber römischen Kaiserzeit auf schweizerischem Boben gestatten ben Schluß, baß auch bie Selten bamals schon geraucht haben. Nach ber Entbeckung Amerikas aber fanb bas Tabakrauchen erst in die neuere Geschichte Europas Eingang. Zuerst wurde ber Tabak als ber fromme Romanbichter Charles Kingsley nannte ben Tabak gar bes Einsamen besten Gefährten, ben Freunb bes Junggestllen bes Hungrigen Nahrung, des Traurigen Herzerguickung, eines wachen Man- nes Schlaf und eines frierenden Mannes Feuer , womit er wohl alle nur möglichen Tugenden aufgezählt hatte. Zuerst ist ber Tabak ge- chnupst worben; in Frankreich würbe biese Sitte unter fiubroig XIII. eingeführt, währenb zu gleicher Zeit in Sevilla eine Schnupftabakfabrik entstanb, bie bas Labsal jebes Schnupfers, den v.elgeprisenen „Spamol m alle Welt versandte. Bald aber kam der Gebrauch der Tabakspfeif- immer mehr auf, und der Engländer Grenville verbreitete d.e em- ache Tonpfeife, die er in Virginien kennengelernt hatte. Amsterdam unb Rotterdam entwickelten sich schnell zum Sitz eines bllchenben Tabak- Handels. Auch die Frauen fanden am Rauchen damals Gefallen; so wirb von der Engländerin berichtet: „Sie machet auch ein ipfeiffgen labac mit" 1715 er chien in Meißen sogar ein Buch unter bem Titel „Beweis, daß ein honettes Frauenzimmer bey bem Caffs-Schmausgen erscheinen unb eine Pfeiffs Taback bazu schmauchen könne. Von Mabame Leu- coranbe." Währenb sich bas Pfeifenrauchen verhältnismäßig fchnell viele Freunbe erworben hatte unb burch eine behagliche Poesie verklart wurde, galt das Zigarrenrauchen noch in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts als ungebildet, ja unanständig, göltet hat allen Ernstes behauptet, daß die Zigarrenraucher einen rohen und vulgaren Ton in die Salons geschleppt hätten. Auch die Zigaretten, die zuerst fast nur im Orient geraucht wurden, haben erst in ber zweiten Halste bes 19. Jahr- hunberts bei uns Verbreitung gefunden. Dieser Siegeszug des Tabakrauchens ist allerdings nicht ohne Schmie- rigkeiten vor sich gegangen. Wie stark das Charakterbild biefer Sitte, „van der Parteien Haß und Gunst verzerrt", in l _ .' , . hat, veranschaulicht eine Aeußerung Goethes über die „scheußlichen Glimmstengel", wie er sich ausdrückteI Kein wahrhaft gebildeter Mann, kein Mensch mit höheren Interessen und edleren Regungen mürbe je Tabak rauchen, er habe auch bie feste Ueberjeugung, ber stille und fleißige Gelehrte im Wolfenbüttler Schloß, Lessing, sei diesem narkotischen Kraute gründlich abhold gewesen. Der Wolfenbüttler Bibliothekar Ebert war bei diesem Gespräch anwesend und wollte sich über den Streitpunkt Gewißheit verschaffen. Freilich weilte Lessing nicht mehr unter ben ßebenben; er suchte aber eine alte Frau auf, bie jahrelang bie Äus- Wartung bes Dichters übernommen hatte. Auf die Frage, ob Lessing geraucht habe, antwortete sie in ber Erinnerung seufzenb: „Ach ja, qUltimen unb schreiben mußte ber Herr Lessing von sruh bis in bie Nacht hinein, sonst war er aber auch gar nicht zu gebrauchen."