Eichener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang <954_________________________Montag, den 26. März Nummer 2\ Er ist's. Von Eduard M ö r i k e. Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Stifte; . Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll bas Land. Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen. — Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, fa du bist's! Dich hab' ich vernommen! Bremische Anekdoten. Von Karl Lerbs. Erziehung. „Mit meinen Sohn, der dscha noch inner Lehre is, da is mir ne ganz dolle Geschichte mit passiert", sagte der alte Sengstake. „Gestern koommr er zu mir rein un sagt: „Vadder", sagt er, „voriges Djahr, als dir fuffzig Mark inner Kasse sehlten, die hatt ich da rausgenommen. Und da hab ich inner Lotterie mit gespielt, un nu hab ich da fuffzigdausend Mark auf gewonnen. Hier sind se." Un denn legt er mir das Geld da so batz hin." „Tja", sagte der mit dieser in mehrfacher Hinsicht unmoralischen Geschichte beschenkte Besucher. „Dazu läßt sich ja nun schwer was sagen." „Da läßt sich schwer was zu sagen? Denn verstehen Sie nichts von Erziehung ab", sagte der alte Sengstake. „Eers hab ich mal das Geld nachgezählt. Da fehlte nix an. Denn hab ich da die fuffzig Mark wieder vongenommen un inne Kosse reingetan, mtt Zinsen. Und denn hab ich meinen Sohn den Hintern orntlich voll- qchauen. „Zo", hab ich gesagt, „un nu leg ich das Geld für dich mündelsicher an. Un daß mir nu son abasiger Kram nich wieder vorkömmt! Da is meist kein Segen bei, un du hast es nu dia auch nich mehr nötig." Besuch im Hades. Wenn der Bremer sich vor der verantwortungsvollen Aufgabe sieht, für einen „Hausbesuch" die passenden Vergnügungen zu beschaffen, geht er vor allem mit ihm in den „Bleikeller" — jene unheimliche Kammer unter dem Dom. die den sonst gebräuchlichen Verfall des Irdischen nach dem Tode in ein langsames mumienhaftes und ungemein malerisches Austrocknen abwandelt. Dreier Besuch im Hades ist besonders an Sonntagsvormittagen beliebt, als ernster Auftakt zum mittäglichen Braten und den durch Kaffee und Mnsik gewürzten Belustigungen des Nachmittags. Es habe, berichtet man, Frau Aline Tietjen nebst Gatten und hausbesuchendem Vetter im Bleikeller gestanden und, in die entsprechenden Gedanken versunken, die Särge betrachtet; woraus sie durch eine reizvolle Gedankenverbindung vom Unheimlichen über das Tatsächliche aus das Nutzbare gelenkt, sich folgendermaßen geäußert habe: „Vadder, der Hase, den ich aufn Balkon gehangen habe, der is nu woll bald so weit." Friedensliebe. Zwei friedliche und freundliche Herren sitzen im kühldustenden Ratskeller bei einer Flasche Niersteiner Heiligenbaum, Spatle,e. Ein dritter kommt am Tisch vorüber und versetzt dem einen von ihnen einen krachenden Frenndschastshieb auf die Schulter. „Sieh, Tach, Herr Schröder." „Tach " „Ihrer Frau geht's doch gut, nich?" „Och danke, dja, so weit." „No, un Ihr Sohn, der kömmt dja wohl in Trinidad gut voran, nich?" „Och, danke, dja, so weit." „Un Ihre Tochter, die heiratet dja woll bald, nich?" „Dja, das soll se dja wohl." „No, denn will ich mal. Wiedersehen, Herr Schröder." „Wiedersehen." „, . Der Dritte entfernt sich. Pause. Dann sagt der bisher schweigende Zweite erstaunt: „Du heißt dja garnich Schröder." „Nee." ”un& denn bist du dja auch garnich verheiratet." ,Hch kann mich woll wahren." denn hast du dja woll auch keine Kinner — „Nich, daß ich wüßte." „Dja, Mensch, warum sagst du ihm das denn nich!" Acrgerlich abwehrende Handbewegung: „Ich mag keinen Streit haben!" Das mit dem Schwan. Tante Doris, ein handfestes Original, war im Stadttheater abonniert, dritte Reihe Sperrsitz, ganz in der Mitte. Da wurde dann natürlich alle Jahre wieder der „Lohengrin" geboten. Tante Doris war einverstanden; gleich bei Beginn der Gralserzählung aber erhob sie sich mit entschlossenem Ruck und erzwang sich durch die drängende Kraft ihrer stämmigen Gestalt den Ausgang, ohne sich um den lauten Widerwillen des Publikums und die stürzenden Bonbondttten, Operngläser, „Pompadours" usw. zu kümmern. Mein Vater, dem das Aergernis zu Ohren kam, stellte Tante Doris zu Rede: „Das geht doch nicht, Tante. Warum tust du denn das?" „Och, weißt woll, mein Dschung", sagte Tante Doris, „denn kömmt denn dscha das mit den Schwan, nich? Denn geh ich denn dscha ümmer weg; das hab ich denn dscha Ichon mal gesehn." Von der Vergäuglichkeit. Ein philosophischer ländlicher Maurer hatte auf einem bremischen Bauernhöfe einen Backofen errichtet und wanderte, nachdem er sein Werk betrachtet und gut befunden hatte, zufrieden und ehrbar heimwärts. Als er zweihundertundsünszig Schritte entfernt war, brach der Backofen gänzlich wieder zusammen. Die Bauersfrau sauste mit klappernden Holzpantoffeln und knatternder Schürze hinter dem Erbauer her: „Meister! Meister! Der Ofen is dscha all wieder umgefallen!" Der Biedere wandte sich und sprach mit einem ernsten Seufzer: „Dscha, lüttsche beste Frau, was hält ’r denn ewig?!" August der Starke. Frau Meybohm hatte bet irgendeinem Festessen einen Tisch- Herrn, dem die Aufgabe zufiel, sie nicht nur ihren Wünschen entsprechend zu speisen und zu tränken swas an sich schon nicht ganz leicht war), sondern auch zu unterhalten. In seiner Verzweiflung lenkte er das Gespräch — oder vielmehr: den Vortrag auf das weite Gebiet geschichtlicher Bildung und geriet dabei von Amen- hotep über Julius Cäsar aus August den Starken: welch letzterer, sagte er, weit über hundert, nach anderen Quellen sogar über zweihundert lebendige Kinder hinterlassen habe. „Ochottochott, nee", sagte Frau Meybohm, „die arme Frau!" Sonntagsritt. In einer bremischen Reitbahn erschien vor vielen Jahren ein Mann und bekundete den ernsten Willen, ein Rotz für einen Spazierritt zu schartern. Der Stallmeister betrachtete den Mann mit dem erbarmungslosen Blick gereifter Sachkenntnis und fand, daß er mit Ausnahme sanft geschweifter Beine kaum irgendwelche Vorbedingungen für die Meisterung eines Pferdes mitbrachte. Infolgedessen ließ der Stallmeister Diana vorführen. Sie besah sich den Reiter, mit sanften und müden Augen voll abgeklärter Resignation. In diesem treuherzigen Blick war kein Falsch. Man hob den Mann in den Sattel, und der Stallmeister gab ihm eine Klingel in die Hand. „Was soll ich denn mit die Pingel?" wunderte sich der Mann. „Och", sagte der Stallmeister, „Diana war dja früher mal bei 'er Ferdebahn, nich? Un wenn Sie denn nach Horn zu reiten, denn bleibt sie denn dscha ümmer bei die Haltestellen stehn. Das hat sie noch so in'n Kopf zu sitzen, weil daß sie so klug is. Aber wenn Sie dann zweimal abklingeln, denn geht sie denn dscha weiter". Oie deutschen Grabungen am Kerameikos. Von unserem ständige« C. ^.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Athen, im März 1934. Hetzt ruht der Spaten — freilich nur für die deutschen Archäologen,' die Heimat mutz an lebenswichtigere Dinge herantreten, als dah sie in der bisher großzügigen Weise an deutsche Grabungen in Griechenland denken könnte,' auch haben die bisherigen Arbeiten soviel Schätze zutage gefördert und soviel wissenschaftliche Ausbeute gezeitigt, die alle noch eingehend bearbeitet und erforscht werden wollen, daß die „ruhende Praxis" draußen auf Feld und Flur unter dem blauen griechischen Himmel, einer „schaffenden Theorie" in den engen Mauern des Deutschen Archäologischen Institutes in Athen den Platz räumen mußte. Aber doch nicht ganz! Einige Mittel von privater Seite gaben dem Deutschen Archäologischen Institut in Athen Gelegenheit, mehrere begonnene Arbeiten fortzusetzen. Der Deutschamerikaner Dr. h. c. Gustav Oberländer gewährte im vergangenen Jahre in hochherziger Weise die Summen, die für weitere Grabungen am Kerameikos in Athen bestimmt sind und die mit großem Erfolge durchgeführt wurden. Vom lauten Omoniaplatze führt eine Straßenbahn hinunter zum „Lachanobasaro", dem Gemüsemarkt. Während rechts der Handel lärmt und wütet, arbeitet hinter einem hohen Eisengitter still und unauffällig der Gelehrte, hört man nur ab und zu die dumpfen Töne der Spitzhacke oder des sich in das Erdreich knirschend eingrabenden Spatens. Hier liegt der bekannte Kerameikos, zu deutsch: T ö p f e r m a r k t. Er hat seine eigene Geschichte und schwere Zeiten durchgcmacht. Die oft umhcrliegenden „Kanonenkugeln", die riesige Katapulte bei der Belagerung durch Sulla 86 v. Ehr. in die Stadt „.feuerten", zeugen von der Zerstörung, die hier wütete. Hier wurde ein Haupthandelsartikel Athens erzeugt, der weit über seine Grenzen hinaus Verbreitung fand, bis hinauf in das Land der blondgelockten „Barbaren", die an den Ufern des Rheins und der Elbe „hausten". Noch sind die Brennöfen sichtbar, ja nicht allein das, man findet noch die Formen, in denen die schönen Vasengrisfe geformt wurden. Man kann bis ins einzelne das Entstehen der antiken Terrakotten, einer antiken Oel- lampe, kurz und gut, jedes antiken irdenen Gegenstandes verfolgen. Zu den größten keramischen „Firmen" gehörte sicherlich die Firma Entyches: ihre „Fabrikmarke" wird am meisten wiedergefunden, nächst ihr tritt dann die „Lampenfabrik" des Theodulos auf. Interessant ist zu beobachten, wie in der Zeit nach Christus langsam diese keramischen Unternehmungen auch Geschäfte mit der „neuen Lehre" zu machen beabsichtigen und die ersten altchristlichen Symbole in der damaligen Keramik erscheinen. Doch das Jahr 1933 war weniger den „Töpfern" als den Toten gewidmet. Die beiden deutschen Archäologen Dr. Kühler und Dr. K r a i k e r leiteten die Grabungen, die ein schönes und wissenschaftlich wertvolles Ergebnis zeitigten. Man fand Gräber aus dem 11. bis 7. Jahrhundert v. Ehr. Ihr Alter konnte unschwer aus der den Toten mitgegebenen Keramik festgestellt werden, man konnte sozusagen fast das Alter ablesen, wie auch die Entwicklung der keramischen Kunst gut beobachten. Besonders erwähnungswert ist ein „Kriegergrab" des 9. Jahrhunderts v. Ehr., aus der Zeit, in der in Griechenland die „geometrische Epoche" die höchste Blüte erreichte. Die Gebeine des Kriegers befanden sich in einer wundervollen Amphora, die eine Höhe von 0,62 Meter besitzt. Weitere fünf ähnliche Vasen hatte man dem Toten als Geschenk mit ins Grab gegeben, wie auch sein eisernes Schwert und seine eiserne Lanzenspitze ihn treu zur Seite mit in die Ewigkeit führen sollten, bis die alles erforschende Wissenschaft seine fast 3000jährige Ruhe störte. Doch noch andere reiche Funde krönten die erfolgreichen Arbeiten. Wundervolle Vasen, Kannen, Geräte, Figuren fanden den Weg aus dem Grabesdunkel zurück an das lebendige Tageslicht. Wohl zu den kostbarsten Funden gehört die schöne Ampha- rete, die eine Grabstelle aus dem IV. Jahrhundert v. Ehr. in vollster Lebendigkeit in Marmor verewigte. Die Bemalung ist noch ziemlich guterhalten. Der Hintergrund des plastischen Marmorgemäldes zum großen Teile blau, der reiche Haarschmuck der Frau zeigt noch teilweise rote Farbreste, das über den Stuhl aus- gcbrcitete Tuch eine rote Kante. Der Chiton ist wundervoll gefaltet und umschließt die edlen Linien des weiblichen Körpers, dessen vollkommene Schönheit trotzdem ahnend lassend. Die nackten Teile des Körpers und die Gewänder scheinen nur in Naturmarinor ausgeführt zu sein, Ampharete hält ihr kleines Enkelkind auf dem Schoße. Die tiefempfundene Inschrift gibt den unbeschreiblichen Schmerz, den der Tod der Frau und des Kindes auslöste, in bewegten Worten zum Ausdruck: „Das Kind meiner Tochter, das liebe, halte ich hier: als wir im Leben die Strahlen der Sonne sahen, hielt ich es auf meinen Knien und jetzt — als Tote das tote". Die schöne Ampharete wurde in unmittelbarer Näbe ihres Grabes unter dem Schotter der antiken heiligen „Prozessionsstraße" gefunden, auf der die Festzüge von Athen nach Eleusis sich bewegten. Weitere Reste schöner Grabmäler wurden in dem Fundamente des „heiligen Tores" eingebaut gefunden. Bon hier nahm die Straße nach Eleusis ihren Ausgang. Unmittelbar nach der großen Persernot, die über Griechenland hereingcbrochcn war, und als man noch nicht wissen konnte, ob der mächtige Feind aus Asiens Innerem nicht bald wieder drohend zurückkehren könnte, hat Th cm i st o kl es in größter Eile und mit allem erreichbaren, den Arbeitsstellen am nächsten gelegenen Material die großen Festungsmauern und Tore aufführcn lassen, die bestimmt wäre», Athen vor dem mächtigen Feinde zu schützen. Und so fielen fihn auch alle die schönen Grabstellen zum Opfer, sie mußten den Ingenieuren, die mit dem Festungsbau beauftragt waren, als Werkstoff dienen: dadurch wurden viele dieser seltenen Kunstwerke der Nachwelt auf diese unbeabsichtigte Weise bewahrt und unserer Zeit erhalten. Zu den wichtigen Funden, die die brutschen Grabungen in diesen themistokleischen Mauerresten entdeckten, gehören auch zwei Löwen, die einst als Grabwächter bei teueren Toten treue Wache hielten. Der eine aus Kalkstein entstammt dem Aufgang des VI. Jahrhunderts v. Chr., der zweite aus Marmor aus dem Jahre 520 v. Chr. Unter den deutschen Funden sei auch noch ein besonders schönes und interessantes Reiterstandbild erwähnt, bas um einige Jahre älter als öer Marmorlöwe ist. Der Reiter zeigt Spuren der Bemalung und und trügt einen echten Mantel nach thrakischer Art. In jener fernen Zeit zogen viele Athener Adlige hinaus in die Fremde und besonders an die fruchtbaren Gebiete der Dardanellen, wo sie sich großen Landbesitz und schöne Landgüter zu beschaffen wußten. Wir wissen bas z.B. vom Vater öes berühmten Miltiaües, ües unsterblichen Siegers von Marathon. Der gefundene Marmorreiter mit dem fremden thrakischen Mantel wird voraussichtlich auch zu den Aristokraten gehört haben, die in jenen Gegenden über Grundbesitz verfügten. Wir brauchen uns nicht sehr darüber zu verwundern, wenn jener Reiteroffizier eine für Athen, seine Heimat fremde Varbarenuniform trägt: wurden ja noch in unseren modernen Armeen, besonders in der Kavallerie, Uniformen getragen, die auf fremdländische Sitten und auf von fremden Reitervölkern übernommene Trachten weisen. Diese wichtigen Grabungen können dank der hochherzigen, auch für das Jahr 1934 von Dr. h. c. Gustav Oberländer wieder gewährten Unterstützung fortgeführt werden: und somit besteht die Hoffnung, daß diese deutsche Arbeit wieder viel Neues und wichtiges Material dem Dunkel der Erde abringen wird. Wertvolle Grabungen konnte Dr. Welter vom Deutschen Archäologischen Institut durch eine Stiftung öes katalanischen Politikers und Großindustriellen Cambos in Troizen an der Nordostküste des Peloponnes durchführen und dadurch ein sehr merkwürdiges Heiligtum des Asklepios aufdecken. Ferner grub Dr. Welter mit dem ehemaligen deutschen Gesandten in Athen Herrn von Kardvrff und auf dessen Kosten in Aegina einen dem in Berlin befindlichen verwandten Zeusaltar auf dem Oros in Aegina aus. Mit dem Reste der noch vorhandenen Reichsmittel für frühere Ausgrabungen gelang es Prof. B u s ch o r im Heräon auf Samos epochemachende Forschungen anzustellen und zu beweisen, daß der dortige Kult schon Jahrhunderte früher blühte, als man bisher angenommen hatte und sicher schon in die mykenische Zeit fällt. So ist das Deutsche Archäologische Institut in Athen unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Georg Karo und Dr. Wrede ein hervorragender Kämpfer auf diesem internationalen Gebiet der Archäologie und trägt durch seine enge, freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Instituten fremder Nationen in seiner bescheidenen Weise mit zu dem großen, der Versöhnung der Völker gewidmeten Werke bei. Die Jagd nach dem seltensten Vogel der Welt. Von Dr. H. Lüdecke. Die Aufgabe, in den ewig halbdunklen, unergründlichen tropischen Wäldern der Insel Celebes auf einem Gebiet, fctfLfo groß wie Deutschland, einen kleinen Vogel zu suchen, kaum viel größer als eine Drossel und so selten, daß man ihn vor 30 Jahren zum letztenmal gesichtet hat, das ist fast noch schlimmer, als aus einem Heuhaufen eine Stecknadel herauszuholen. Man muß deshalb den Mut und den Optimismus des Zoologen Dr. Gerd Heinrich bewundern, der den Auftrag übernahm, die rätselhafte Urwald- r a l l e in Celebes zu fangen. Mit zwei Begleiterinnen, seiner Frau und seiner Schwägerin schiffte sich der mutige Forscher nach Celebes ein, versehen mit einem Fangauftrag des Naturhistorischen Museums in Neuyork auf die rätselhafte Urwaldralle und mit vielen weiteren Aufträgen des Berliner Zoologischen Museums. Tropische Wälder sind etwas anders geartet als unsere mitteleuropäischen Lanbdome. Am Fuß der riesenhaften Urwaldbäume in einem Gestrüpp von Lianen und dornigen Tangs herrscht ewige Dämmerung. Es ist so dunkel, daß Heinrich bei seinen photographischen Aufnahmen selbst am hellen Mittag mehrere Sekunden belichten mußte. Außerdem ist die Luft ewig regenfeucht. Unendliche Mengen von Mücken und anderem Ungeziefer, allen voran die blutgierigen Landblutegel, machen das Dasein zu einem ständigen Kampf gegen große und kleine Feinde. Ein Leben voller Abenteuer beginnt, dessen Fülle und Farbigkeit Heinrich in einem Buchbericht „Der Vogel Schnarch" in anschaulicher Weise schildert. Der erste Teil der Expedition gilt dem Latimodjond-Gcbirge im südlichen Celebes. Es ist gerade Regenzeit, abwechselnd guälen dünne Rieselregen, Nebel und starke Güsse die kleine einsame Forscherkolonne. Allerlei Zwischenfälle sorgen dafür, daß den drei Reisenden nicht zu wohl wird. Die Bcnzinlampe explodiert, die sie dringend brauchen, weil um 18 Uhr die Sonne untergeht, die eine der beiden Frauen bekommt mitten im Urwald eine schwere Entzündung am Bein, die gar nicht heilen will. Ein als Helfer mitgenommener Eingeborener verweigert die Arbeit und tritt eiligen Rückzug in seine Heimat an. Inzwischen forscht Heinrich Tag für Tag nach seltenen Tieren und besonders nach der Ralle. Frau und Schwägerin haben alle Hände voll zu tun, um die eingelieferten Tierbälge zu präparieren. Das dabei gewonnene Fleisch wird zweckmäßigcrweise gleich für die Küche verwendet und ist mit Reis zusammen fast die einzige Nahrung. Mitten in dieser schlimmen Regen- und Fieberzeit glückt die erste große Entdeckung. Eines Tages sah Heinrich einen drosselartigen Vogel schattenhaft schnell über den Boden in dem Gestrüpp dahinhüpfen. Die Gattung ist ihm völlig unbekannt. Er sucht nach dem merkwürdigen Vogel, und eines Tages kann er ihn wieder erblicken und schießen. Es stellt sich heraus, daß man eine ganz neue Gattung gefunden hat, einen Erövogel mit stark verkürzten Flügeln, der sich nur noch „zu Fuß" fortbewegen kann. Kurz darauf wird ein bisher gleichfalls unbekanntes Nagetier mit rüsselförmiger Schnauze im Netz gefangen. Es hat einen buschigen Schwanz und lange Grabkrallen und lebt scheu und versteckt im Bodengestrüpp. Eine zweite Erdvogelgattung, die ebenfalls bisher noch unbekannt war, kann zur Strecke gebracht werden und schließlich sichtet Heinrich sogar den äußerst seltenen Honigsauger, der nächst der Urwalbralle als die für das Neuyorker Museum wichtigste Rarität auf dem Expeditionsprogramm stand. So ging auf einmal alles unbegreiflich gut, und nur noch die Ralle selbst fehlte. Dann hätte man nach wenigen Wochen Urwaldaufenthalt schon wieder nach Hause fahren können. Aber es sollte ganz anders kommen. Heinrich hatte von seinem Sagenvogel lediglich eine bunte Zeichnung bei sich, hergestellt nach jenem Exemplar, das vor mehr als 80 Jahren einmal auf Celebes von einem europäischen Jäger erbeutet worden war. Mit diesem Bild in der Hand beginnt er . nun die Suche, die fast zwei Jahre dauert. Ueberall, wo Heinrich mit den Eingeborenen zusammentraf, zeigt er ihnen sein Bild und verspricht 10 Gulden demjenigen, der den Vogel tot oder lebendig zur Strecke bringt, so daß das sagenhafte Tier bald den Spitznamen Zehn-Gulden-Vogel erhielt. Das ganze Latimodjond-Gebirge ist schließlich durchstreift, ohne daß man die Ralle zu Gesicht bekommen hätte. Heinrich muß mit seiner kleinen Karawane weiterziehen. Er wendet sich nun der kleinen Moluckeninsel Halmahera zu. Hier leben die Alfuren, ein heidnisches Urvolk von kleinem Wuchs. Wochen muß der Forscher mit seinen Begleiterinnen in äußerst ungesunden Sumpfgebieten zubringen. Wahnsinnige Hitze herrscht, seit sechs Monaten ist kein Tropfen Regen gefallen. Die Bäume sind so dürr, daß von Zeit zu Zeit mit dumpfem Krachen Aeste abbrechen und Kokosnüsse herabsausen. Die Eingeborenen berichten, daß jedes Jahr mehrere Menschen durch solche herabfallenden Kokosnüsse getötet werden, der härteste Schädel hält das nicht aus. Als die Hitze am unerträglichsten geworden ist, bricht plötzlich die Regenzeit herein. Die Lust gleicht einer Waschküche. Alle klagen über Kopfschmerzen, Heinrich selbst fühlt sich elend, seine Schwägerin hat ständig Fieber, dennoch leistet sie mit wahrer Heldenhaftigkeit ihre Präparationsarbeit. Dazwischen wird weiter nach dem „Vogel Schnarch" gesucht. Alle eingeborenen Jäger werden ausgefragt. Schließlich findet fick einer, der einen Vogel „Jiki" einmal hat rufen hören, gesehen hat ihn keiner. Emsig suchen nun 50 Menschen wochenlang nach „Jiki". Da kommt ein Hilfsjäger mit einem sorgfältig in ein Blatt gewickelten Vogel, von dem man nur die roten Beine sieht. Lakonisch sagt er „Jiki". Hastig reißt Heinrich das Blatt auseinander, endlich glaubt er sich am Ziel. Aber es kommt ein rotbrauner Rücken und ein gelbgrüner Schnabel zum Vorschein. Es ist nicht die Urwaldralle. Monate vergehen. Eines Tages erscheint aufgeregt ein Eingeborener im Lager, der Heinrich einen merkwürdigen Vogelruf vvrzumachen versucht, es klingt fast wie eine Trommel „Purr, purr, purr". Das ist die Stimme einer Urwaldralle. Nun beginnt ein letzter systematischer Streifzug durch das Gewirr des Sumpfwaldes. Schlingen werden gestellt und die ganze Gegend, in der man den Sagenvogel gehört hat, wird abgeriegelt. Und endlich, nach fast zweijährigem Suchen und Warten, hat der unermüdliche Jäger Glück,' zwei Exemplare des „Vogel Trommel" sind die Beute. Sorgfältig werden sie präpariert und verstaut. Heinrichs Schwägerin Anneliese arbeitet mit 40 Grad Fieber, und endlich können die drei Forschungsreisenden das furchtbare Sumpfgebiet verlassen. Man hofft schon kaum noch, den anderen seltenen Vogel, den „Vogel Schnarch" zu erbeuten. Aber zur Abrundung der wissenschaftlichen Arbeiten wird doch noch eine kleine Expedition in das M.ngkonka-Gebirge an der südöstlichen Ecke von Celebes unternommen. Ein gefährliches Erlebnis hätte beinahe im letzten Augenblick sozusagen Heinrich noch das Leben gekostet. Im Meng- konka-Gebirge befinden sich allerhand Schlangen, und eines Tages ruft plötzlich einer der Treiber „Herr, eine große schwarze Schlange!". Da kriecht auch schon, grell beleuchtet von der elektrischen Taschenlampe, ein großes tiefschwarzes Reptil langsam über den Boden hin. Heinrich überlegt einen Moment und kommt zu dem Schluß, daß es eine Natter sein müsse. Alle Nattern aber sind ungiftig, mit Ausnahme der Brillenschlange und diese soll angeblich in Celebes nicht vorkommen. Der Forscher beschließt, das Tier lebendig zu fangen. Im Augenblick richtet sich die Schlange hoch auf und fährt auch schon zischend nach vorn. Im allerletzten Moment kann Heinrich noch das Gewehr hochreißen und der Schlange dn Kopf zerschmettern. Eine genaue Untersuchung ergab lictnn, daß es sich hier um eine dunkelblaue Brillenschlange han- Mt, eine der angriffslustigsten und gefährlichsten Giftschlangen >der Erde. , Am nächsten Tag werden die beiden Frauen beinahe von einer giftgrünen Visper gebissen. Es wird irngemütlich im Urwald. Man beschließt aufzubrechen. Die Hoffnung auf den Vogel Schnarch hat inan längst aufgegeben. Nur weil er gerade nichts zu tun hat, streift Heinrich noch einmal mit der Büchse durch den Wald, da auf einmal ein merkwürdiger Laut, ein Brummen, das mit einem tiefen Schnarchton abschließt. Heinrich steht wie angewurzelt. Es vergehen Minuten, vielleicht auch Stunden, plötzlich bewegt sich etwas, ein rötlicher Schnabel erscheint, Heinrich schießt und im nächsten Augenblick hat er den „Vogel Schnarch" in der Hand! Ore Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Die Senatorswitwe nahm in der ausgeräumten Stube ent« gegen ihrer Zusage als Letztes auch die Gardinen ab. Sicher war sicher! Gust stellte vor die beiden nackten Fenster vier mit engmaschigem blauem Drahtgeflecht benagelte, halbmeterhohe Holzrahmen. Es war ihm sehr recht, daß die langherabhängenden Stofflappen — staubheckende Zeugen einer vergangenen Zeit — fort waren. Nahmen sie der Arbeit seiner Hände keine Luft weg! Mindestens eine Stunde später brauchte er des Nachmittags die Lampe hinter seiner Schusterkugel anzustecken! Außerdem konnte man hinfort wohl von innen auf die Hohe Straße, aber nicht von außen in die Schusterwerkstatt blicken. Das blauee Drahtgeflecht war in schrägem Auf und Ab weitz- leuchtend bepinselt. Mit den bedeutsamen Worten: „August Mi- cheelsen, Schuhmachermeister". Außerdem ließ Gust ein ganzseitiges Inserat, das erste, welches von solcher Größe ein einheimischer Bürger bestellte, in dem städtischen, dreimal wöchentlich zur Ausgabe gelangenden Kreisblatt erscheinen: Er habe auf der Hohen Straße Nr. 78 neben der Mark- wardtschen Kolonialwarenhandlung eine eigene Schuhmacherwerkstatt eröffnet und empfehle sich dem pp. Publikum in Stadt und Land zur Anfertigung sämtlicher in sein Fach fallender Reparaturen. Infolge seiner während zehnjähriger Wanderschaft durch ganz Deutschland und einen Teil von Oesterreich erworbenen Kenntnisse könne er für sachgemäße Ausführung aller ihm anvertrauten Arbeiten Garantie leisten und bitte, unter Zusicherung ziviler Preise, um geneigten regen Zuspruch. Dann hockte Gust also in seiner Werkstatt, wo außer seinem Schustertisch mit der funkelnden Wasserkugel darauf und dem drei- beinigen Hüker davor nur sechs Stühle wandentlang standen und als einziger Schmuck sein gerahmtes, schnörkelstolzes Meisterdiplom der Tür gegenüber hing, hockte hinter dem weitzbemalten blauen Drahtgeflecht und wartete auf Kundschaft. Wartete vergebens. Ging Stunde um Stunde des Tages hin, ohne daß ein Tritt die Stufen zu der Haustür hinaufstapfte, ohne daß bald hernach die aufgeregte Werkstattglocke schrie: „Kun-de! Kun-de!" So sank der Verzweifelnde mehr und mehr in sich zusammen. Kam aber doch ein Städter aus Neugier, ein Ländler aus Zufall, mit einem Flickwunsch oder gar einer Neubestellung zu dem beschäftigungslosen Schuhmachermeister, Hohe Straße Nummer 78, so saß Gust, noch ehe die Tür zu seiner Werkstatt sich öffnete, wie ein König auf dem Thron hochgereckt auf seinem Schusterhüker. Schlag sechs betrat der Schuhmachermeister August Micheelsen Morgen für Morgen seinen Arbeitsraum. Nicht eine Minute lang lehnte er während des Tages, um nach den Vorübergehenden zu blicken, seine Arme auf die Holzrahmen der Fenstcrvorsätze. Niemals ging er des Abends beim allgemeinen Geschäftsschluß Schlag sieben nach Hause. Es dauerte vielmehr stets eine viertel, eine halbe Stunde, bis auch er seine Werkstatt abschloß. Der drängenden Reparaturen wegen war das keineswegs nötig. Aber es machte einen besseren Eindruck: Mancher, der ihn verspätet heim- gehcn sah, der dachte, sagte: Gust müsse doch schon allerlei zu tun haben, mehr als man glaube! Des Mittags hätte der auf Arbeit wartende Schuhmachcrmeister Zeit genug für einen zweistündigen, einen dreistündigen Schlas gehabt. Gust schloß aber, wenn es vom Kirchturm zwölf schlug, seine Werkstatt nur für eine halbe Stunde. Niemals vergatz er, vor die abgesperrte Tür eine Tafel mit der Aufschrift zu hängen: Er sei präzise halb eins vom Essen zurück, bitte aber höflichst, bei eiligen Fällen nicht auf ihn zu warten, sondern sich in die Baracken, Nummer 203, zu bemühen, wo seine Wohnung sich befinde und er bereitwilligst auch während der Mittagspause zur Entgegennahme von Aufträgen zur Verfügung stehe. Stieß der Fortgegangene nicht mit dem Halb-Eins-Uhr- Schlage seinen Schlüssel in die Tür der Werkstatt, so konnte es sich wohl ereignen, baß es einige Minuten zu früh, aber nicht, daß es eine Minute zu spät geschah. Das Frühstück nahm Gust des Morgens säuberlich eingewickelt aus den Baracken mit sich. Den Nachmittagskaffee brachte Nikel- chen ihm Tag für Tag auf die Hohe Straße. Sie blieb oft stundenlang in der Werkstatt. Nicht etwa um Gust bei der Arbeit zu helfen, sondern um ihn über das Ausbleiben der Kunden zu trösten. Verfing selbst ihr immer von neuem auf ihn zuflatterndes Lachen sich nicht in Gust, dann wies sie schließlich darauf hin: er habe ihr vor der Hochzeit hundertfach versichert, wenn sie ihn lieb behalte, könne es ihm niemals schlecht gehen, ganz gleich, wie die Sache mit seinem Geschäft sich anlassen werde. Ob das stimme? „Ja." Sie liebe ihn mehr als je. Zugestanden? „Mm." Das sei keine Antwort. Ja oder nein habe er zu sagen! Denn einen Zweifel könne es für ihn über diese Sache nicht geben. Also: ob sie ihn noch von Herzen liebe! „via. Dann müsse es ihm auch, wenn er sich nicht einen Schwäher oder einen Lügner von ihr schelten lassen wolle, gut gehen. Dagegen sei doch nichts einzuwenden. „Mm." Ach was: Mm! Wie ein Mensch solle er antworten. Nicht wie ein Mmmm-Bulle. Ob es ihm gut gehe, wolle sie von ihm wissen, und zwar auf der Stelle. Wenn er auch das nächste Mal keine vernünftige Antwort gebe, dann löse sie ihre Hände hinter seinem Nacken, springe von seinem Schoß herunter und laufe in die Baracken zur — brr! — Schwiegermutter. Also zum letzten Male: ob es ihm gut gehe? Antwort! Was blieb Gust in solchen Augenblicken anders übrig, als „ja" zu antworten. „Ja, es geht mir gut!" die Küsse seiner aufjubeln- ben Frau mit Küssen zu erwidern und ihrem htmmelanfliegenden Lachen sein Lachen nachzusenden! Sehr viel schneller, als selbst Rikelchen es für möglich gehalten hatte, bedurfte der mecklenburgische Schuhmachermeister August Micheelsen des Trostes seiner rheinischen Lebensgefährtin nicht mehr. Zwar blieb Rikelchen des Nachmittags auch weiterhin stundenlang in der Werkstatt auf der Hohen Straße. Aber nun geschah es, um Gust bei der Arbeit hilfreich zur Hand zu gehen. Sie reinigte die zerlaufenen Stiefel vom Dreck, putzte die geflickten spiegelblank, schrieb den Preis für Gusts Arbeit mit Kreide auf die glattgeschabten Sohlen, mit Blei in die Geschäftskladde, nahm Geld an, vergaß nur ein einziges Mal, das vorgeschriebene dicke Kreuz über einen bezahlten Posten zu machen, nie wieder, denn es ging, als es herauskam, ein solches Scheltegewitter auf sie nieder, baß sie noch Wochen hernach zitterte, wenn sie seiner gedachte. Immer häufiger, immer länger wurde Rikelchens Beistand in der Schusterwerkstatt nötig. Sie kam kaum je noch vor dem Abendbrot, das nun doch die Mutter für alle drei in den Baracken herzurichten hatte, nach Haus. Manchmal mußte sie sogar während des Vormittags ihrem Mann einige Stunden auf der Hohen Straße beispringen und dann, wohl oder übel, Fiek Micheelsen auch das Mittagkochen überlassen. Denn Gust hatte sich, obwohl es während des ersten Vierteljahrs hundertfach auch ihm so schien, bet der Gründung seines Geschäfts nicht verrechnet. Die gute Lage der Werkstatt an der Hauptstraße der Stadt, die Nähe des jahrhundertealten Kaufmannsgeschäfts, vor dem von früh bis spät die vierspännigen Wagen der Rittergutsbesitzer und die zweispännigen Kutschen der Bauern standen, seine saubere, preiswerte Arbeit, seine ungewöhnlichen FachkenntrMe, sein glrich- mätziger Ernst und der unerschütterliche Frohsinn Rikelchens, deren helles Lachen in der schwerfälligen Stadt sehr bald sprichwörtlich wurde, sie wetteiferten miteinander, das neugegründete Schuh- machergeschüft überraschend schnell in die Höhe zu bringen. Nach sieben Monaten gebar Rikelchen einen schwarzhaarigen Jungen. Der erhielt in der Taufe den unmecklenburgischen Namen Josef und wurde von Vater und Mutter sogar Jupp gerufen. Als Taufgeschenk überbrachte Gust seiner Frau die Mitteilung, daß er der Senatorswitwe die Stusse hinter seiner Werkstatt abgemietet habe, deren Tür die Besitzerin des Hauses bisher mit dem größten ihrer Schränke verstellt hatte. „Du lügst!" behauptete Fiek Micheelsen, die — unbemerkt von beiden — eingetreten war. Er werde mit Nikelchen auf die Hohe Straße zieh«! triumphierte Gust. „Glööw ick nich!" beharrte die Pantoffelmacherswttwe bei ihrer Meinung. Der Mietvertrag sei abgeschlossen. Vor dem Staötsekretär sogar. Das koste zwar unnötiges Geld. Aber sicher sei sicher! Viel zu teuer sei das kleine Hofloch. Aber er wolle Frau und Jung auch tagsüber in seiner Nähe haben. Wann sie einziehen könnten, stehe noch nicht fest, denn Senatorsch behaupte, sie wisse nicht, wohin mit ihren schönen Sachen. Aber es werde sich schon Platz für den wurmstichigen alten Krempel finden. Wenn nicht, müsse Senatorsch ihren unmodernen Krimskram auf den Boden stellen oder mit der Axt kaputtschlagen und durch den Schornstein zum Himmel voraufschicken. Ihm egal! Jedenfalls: Binnen sechs Monaten sei laut notariellem Vertrag die Stube hinter seinem Laben von ihr zu räumen. „Js all nich wohr!" behauptete Fiek Micheelsen. Ach so, lachte Gust feine Mutter an, sie habe wohl Angst vor dem Verlieren ihrer Wette? Welcher Wette? wollte Fiek Micheelsen wissen. Die sie am Abend seiner Ankunft geschloffen hätten. Sie wiffe von nichts. Faule Ausrede! Sie wiffe sehr wohl, was zwischen ihnen ausgemacht wäre: Wenn sein Umzug in die Hohe Straße länger daure als drei Jahre, habe er ihr hundert Mark zu zahlen. „Gust!" rief Rikelchen, die nun auch glaubte, daß er schwindle, ihren Mann zur Vernunft. Hundert Mark — jawohl! So leichtsinnig sei er damals gewesen, als sie — aus der Fassung über den allerdings nicht gerade übermäßig herzlichen Empfang durch die Mutter — bereits in die Kammer nebenan gegangen war. Die Sache stimme. Das heiße: der Teil mit den hundert Mark! Leichtsinnig sei die Wette von ihm durchaus nicht abgeschloffen. Wie sich jetzt erwiesen habe. Denn nicht nach drei Jahren werbe er auf die Hohe Straße ziehn, sondern nach einem Jahr. Allerhöchstens nach dreizehn Monaten, laut Vertrag, von dem er morgen eine Abschrift kriege. Und da also die Mutter ihre Wette verloren habe, müffe sie ihm, wie abgemacht, zur Strafe einen Kuß geben. „Das ist die Sache wert!" entschied Rikelchen lachend. „Wie ist mit’n Kuß?" fragte Gust. „Dumm Tüg!" gab Fiek Micheelsen zur Antwort. Der Sohn ging, um den Weltpreis einzuheimsen, übermütig auf seine Mutter zu. Die versuchte, sich durch Flucht zu retten. Aber Gust war schneller, als sie vermutete. Zwar kam Fiek Micheelsen vor ihm bei der Tür an. Doch seine Hand lag auf der Klinke, ehe sie ihre Rechte danach ausstrecken konnte. Die Pantoffelmacherswttwe riß sich herum. Auge in Auge stand sie ihrem Siebten gegenüber. Gefangen. Denn der hatte, während seine Rechte den Türdrücker umkrallte, sich mit der Linken im Türfutter verkrampft. „Wat wißt du eegentlich von mi?" fragte die Mutter, zum Kampf bereit. „Min'n Kuß!" lautete die Antwort des Sohnes. „Giwwt nich!" Was man versprochen habe, müffe man halten! bedeutete Gust der Widerspenstigen. Sie habe nichts versprochen. Er hätte ihr die Wette aufgehängt. Gegen ihren Willen. Egal. Seinen Kuß wolle er haben. So viel müsse es ihr doch wert sein, daß sie ihn mit Rikelchen und Jupp jetzt schon los werde! Er wohne ja noch bei ihr. Höchstens sechs Monat. Keine zweieinhalb Jahre mehr. Kuß her! Er habe die Miete für die Hinterstube auch vorausbezahlen müssen. Kuß! Freiwillig! „Nee I" ',Laß Mutter doch zufrieden, wenn sie dir keinen Kuß geben mag!" griff Rikelchen ein. „Kannst von mir nachher desto mehr kriegen. So viele, wie du willst!" Nein! raste Gust weiter. Eine Wette sei eine Wette. Und wenn man verloren habe, müsse man den ausgemachten Preis bezahlen. Falls tnan’g nicht freiwillig tue, habe man das weitere sich selbst zuzuschreiben. Kuß her! „Laak mi tofreeden!" kreischte Fiek Micheelsen. Da hielt Gust Worte für überflüssig. Er drängte, weil er die Arme nicht frei hatte — denn der Gedanke, daß er sie um die Mutter herumlegen könnte, kam ihm nicht — seinen Körper gegen den Körper der Widerstrebenden, versuchte so ihre Arme festzupressen und der Kreischenden den Kuß zu rauben. Aber es gelang Fiek Micheelsen, ihre Hände frei zu machen. Im letzten Augenblick, als fast schon Lippe auf Lippe lag, schob sie ihre Linke abwehrend dazwischen und schrie: „Lött's du mi in Rauh, ort ick slag mit de anner Hand tau!" „Du — wißt — mi?" stammelte Gust. „Hest du mi nich ook an'n eersten Awend slagn?" „Gust!" schrie Rikelchen auf. Da gab der Sohn seine Mutter frei. Fiek Micheelsen ging befriedigt hinaus. Gust lief zu seiner Frau, erzählte von dem Heimkehrabend, schonte weder die Mutter noch sich. Als er seine Beichte mit der Erzählung von der beabsichtigten Liebkosung endete, die ihm wider Willen zu einem leichten Klaps geraten war, ganz gewiß nicht zu einem Schlag, sagte Rikelchen: „Dann seid ihr ja guitt!" Sie beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn. Küßte ihn so oft, so innig, so heiter, bis das Lachen auch zu ihm zurttckkehrte. „Allerhöchstens noch sechs Monate in den Baracken!" jubelte Gust. „Nur noch ein halbes Jahr, dann bin ich Frau Meisterin auf der Hohen Straße!" stimmte Rikelchen ein. Ihr Lachen drang durch die Decke bis zu dem Jungsloch unter dem Dach, wo die Pantofselmacherswitwe bereits im Bett lag. Lange und heftig schüttelte Fiek Micheelsen den Kopf: Gut war sie, ihre Schwiegertochter. Das ließ sich nicht leugnen. Aber zu leicht. Viel zu leicht. Den Gust hatte sie auch schon angesteckt mit ihrem Leichtsinn. Wenn er wirklich auf die Hohe Straße zog — noch glaubte sie's nicht, auch dann, wenn der Wagen schon vor der Tür hielt, um die Sachen abzuholen, welche die beiden sich angeschafft hatten, würde sie sagen: Augenverblendung!, aber wenn Gust sie nicht zum Narren gehabt hatte, so rote sie jetzt waren, konnte es mit ihm und seiner viel zu leichten Frau nur ein schlimmes Ende nehmen, nicht wahr, Schorsch? Lachen, nun aus der Schlaskammer ihrer Kinder aufsteigend, war die Antwort. Da zog Fiek Micheelsen das Deckbett über die Ohren, daß sie geschützt war vor dem lästerlichen Gegacker der Rheinischen, die Gust ihr ins Haus geschleppt batte. Als sich zum ersten Male der Tag jährte, an dem Gust und Rikelchen — um sich öffentlich anzumelden — Arm in Arm die Stadt entlang gegangen waren, zog der Schuhmachermeister August Micheelsen mit Frau und Kind auf die Hohe Straße. Selbbritt schliefen sie in der hinzuqemieteten Stube, deren grünglasige Fenster den stallumbauten Hof anffarrtett. Zum Mittagessen mußten sie sich auch weiterhin bei Fiek Micheelsen an den Tisch fehen. Denn eine Küche befand sich linksseitig von der buntbefliesien Diele des alten Patrizierhauses nicht. So beschämend und bitter der tägliche Zug in die Baracken an den Fenstern der Vornehmen entlang auch war — er brauchte nur noch einmal des Tages unternommen zu werden. sFortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. 2k. Lange, Gießen.