GiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1934 Montag, den 2b.Zebruar Nummer l6 OaS Tieitergrab. Von Karl Burkert, GDS. Ueber den Hohneck flog der linde Märzföhn von Welfchlanb herüber, nahm die Tannen der Wasgenwülder in den Arm und wiegte sie hin und wieder. Und die Tannen fingen an zu singen, lind die Waldquelle hüpfte aus ihrem Schnecloch hervor, nahm das Tannenlied an ihre kühle, klare Brust und trug es klingend zu Tal. Und dann war auf einmal Frühling. Und die Preußen, die in langen Winterwochen droben auf der zerschossenen Verg- kuppe im vereisten Graben gelegen und im Herzen schon ganz zerfroren waren, tauten jetzt leise auf und sehnten sich. Und sie zupften einer den andern sachte am Aermel: „Kamerad, riechst du den schönen Wind?" Ja, der junge, blonde Musketter aus Schleswig roch gar wohl den schönen Wind und schnupperte gierig nach allen Seiten, wie ein alter, noch ganz winterdösiger Dachs, der zum erstenmal wieder aus seinem dunklen Hohl an die Sonne schlieft. Seine wasser- blauen, treuen Augen wurden ganz groß und hell. Lange schaute er hernieder den steilen minenzerwühlten Hang aus den dunkelgrünen Talwald zwischen der deutschen und französischen Stellung. Auf den eng eingeschluchteten Talwald, in den, wer weiß woher, hinter einem Hügel hervor, ein fadenschmales Sträßlein hinein- kröch. Und dann war auf einmal der brennende Wunsch in ihm, auf diesem Sträßlein ein wenig auf und nieder zu gehen. Ein Viertelstündchen nur auf und nieder zu gehen zwischen den schönen, harzdnftigen Tannen. Und dieser Wunsch tat seinem Herzen ganz weh. Er versann sich in diesen Wunsch. Und ein paar Tage später — er war gerade von seinem Posten abgekommen und konnte mit seiner Zeit beginnen was er wollte — da ging es nicht mehr anders, da mußte er herlaufen hinter fernem heißen Wunsch, und da stand er auf einmal drunten auf dem Sträßlein. Es war das an einem Sonntagmorqen. Der Lenzwind harfte leise in den Wipfeln. Die Meisen schlüpften durch die Zweige, bimmelten wie silberne Glöckchen. Eine Palmweide an der lauschenden Waldecke, über und über voll Blüten. Wildveilchen am Grabenrand. , ,, Der Musketier sah das alles wie im Traum. Es kam ihm gar nicht vor, wie wenn er in der Wirklichkeit stünde. An keinen Zweig, an keine Blume getraute er sich zu rühren. Stücker drerßrg Schritte ist er auf dem Sträßlein dahinaegangen, jeder Schritt etn inniges Erlebnis: und dann steht er plötzlich vor einem Grab. Dicht an dem Sträßlein liegt es. Man bat nicht Zeit gebäht, sich nach einem andern Orte umzusehen. Es iß ein rasches Sol- batengrab, eines, wie man's manchmal auf Bildern siebt. Der Feldspaten bat es geschaufelt. Kaum ein paar Spannen liegt es unter dem Nasen. Der darinnen lieat, hört die Drosseln flöten m ter Morgenfrische, in der Ab-ndstille, hört den Wcnb im ^ald- gras rascheln, hört den Kuckuck läuten und den Holztänber rucken. Und es wird ibn freuen, den braven deutschen Reiter. Jg. ein Reiter. Man sieht's auf den ersten Blick. Der schwarze Säbel. Sie haben ihm den Säbel aufs Grab gesteckt. Damals. Es maa schon lange her sein Der Säbel ist schon ganz rostig. Die Ouasie iß vom Reacn. vom Schnee zerfressen und 'mon fast otzne starbc. Und der Helm hängt schief überm Säbelgefaß. Die Selm- svitze sticht durch den zerfetzten grauen Tuchsckutz. Mag rn manchem Sonenstrabl, in mancher Sternennacht gefunkelt haben. Ul er jetzt ist ihr Glanz erloschen. Ein fröhlicher Waldvogel bat einmal in dem starken SäbeUnrb ein kleines, glückliches Nest gehabt. Je bat er's längst vergessen. — , . Und der Preuße stebt still am einsamen Reitergrab und muhte certtc, wer drinnen ruht. Aber kann es nicht herauskriegen, denn Toter Soldat. Von Richard Bi Hing« r. Dich weckt nicht mehr das Morgenrot. Du ißt nicht mehr der Mutter Brot. Kein Apfel rollet dir vom Baum. Bruder und Schwester nennen dich kaum. Die Mutter nur noch mit dir spricht. Der Vater kennt dein Angesicht. Gott öffnet sich am Jüngsten Gericht. Wer Gott gelobt, der fürchtet sich nichts nirgends ist eine Schrift. Der Reiter tut ihm schier ein wenig leid, weil er so sehr vergessen ist, weil er so gar keine Blume hat. Und er geht hin zur Palmweide an der Waldecke, bricht die schönsten Blütenzweige herunter und bringt sie dem toten Kameraden. Und er gräbt die Veilchen aus der Erde, die am Wegrand blühen und setzt sie auf das Grab. Und wie er mit seinen Händen den wilden Rasen zerreißt, der den ganzen Hügel überwuchert, scharrt er plötzlich ein rundes, blechernes Ding hervor, das da verloren in der Erde liegt, und er kennt es gleich, was es ist: eine Erkennungsmarke ist es, wie sie ein jeder Feldsoldat an einem schmalen Band auf der Brust mit sich herumträgt. Am Aermel seines dreckigen Waffenrocks scheuert der Musketier die Marke blank. Und nun kriecht der Name aus dem runden Ding hervor: ein Name, der wie eine Bauernrose lacht: Peter Holder. Und darunter das Regiment. Und dem Musketier kommt der Name des bayerischen Reiters freilich ein wenig seltsam vor. Man muß dergleichen Namen gewohnt sein. Droben am Meere, hinter den Dünen, heißt man anders. Aber er meint, es wäre ein schöner Name in seiner Art: lange läßt er das Auge darauf ruhen und dann steckt er die Marke in die Tasche: vielleicht werde ich einmal darum gefragt. * Und dann vergehen Jahre. Der Krieg ist vorbei, und viele, die ihn mitgekämpft, sind schon lange vergessen. Die Erkennungsmarke im Waffenrock des Musketiers ist es auch. Und der Schleswiger kann wahrlich nichts dafür. Ganz im Geheimen hat sie sich eine Luke durch die Tasche gebohrt, ist hinab ins Futter gesunken und da steckt sie und hält sich still. Und der Schleswiger ist auf der Wanderschaft. Er ist kein Musketier mehr, er ist ein Handwerksbursche und sucht Arbeit im deutschen Land. Den Waffenrock von damals hat er noch auf dem Leibe. Er ist sein einziges Kleid.-- Und vor dem fränkischen Dorf steht eine Magd: der Märzwind fliegt in ihrem hellen Haar. Sie hat eine weiße, flaumige Feder in der Hand, hebt sie gegen den Wind und scheint auf etwas zu sinnen. Und der Schleswiger tritt herzu, kommt mit ihr in ein Gespräch und fragt sie von wegen der Feder. Die Feder täte ihr was erzählen, sagt sie. Von ihrem Peter erzählen, weit, weit drüben in den Vogesen. Der Wind wehe seit gestern von dort her. Und der Wind, der von drüben komme, sei ihr Freund. Er misse mehr denn alle Leute. Was die Leute wären, die wüßten soviel wie nichts. Und vom Regiment hätten sie auch nichts gewußt, sonst hätten sie mehr geschrieben. Aber der Wind wisse alles. Gradaus fliege er her vom Peter seinem Grab. Der Handwerksbursche hört schweigend zu und schaut ihr fort und fort ins treuherzige, einfältige Gänsemädchengesicht. Dann schießt ihm auf einmal was durch den Kopf. Bilder stehen in ihm auf, längst versunkene Bilder: Die schmale, krumme Talstraße zwischen den Wasgenbergen. Die blühende Weide, die Veilchen. Der schwarze Reitersäbel mit der verfärbten Quaste. Der schiefe Helm über dem Säbelgefäß. Die Helmspitze, die des Nachts in die Sterne taucht. Die Erkennungsmarke, die er — ja, wo hat er sie nur gleich hingetan? Er muß sie doch — da in seinem Waffenrock muß er sie doch haben: rechter Hand in seinem Waffenrock, in der kleinen Tasche, wo sie im Felde immer neben dem Verbandpäckchen stak. Seine Hand fährt rasch in den Rock. Seine Hand sucht und findet nichts. Eine kleine Lücke ist in der Tasche: er bemerkt sie heute zum erstenmal. Die Marke aber ist weg. Die Marke muß da hindurch sein. Anders wüßte ers nicht. Er tastet unten zum Futtersaum. Da — jetzt fühlt er sie. Er hat sich's doch gleich gedacht. Die Klinge seines Messers blitzt. Mit einem Schnitt schneidet er die Marke aus dem Rock. Und jetzt legt er das blecherne Ding dem Gänsemädchen auf die Hand, feierlich wie ein Vermächtnis. Und bas Gänsemädchen senkt die Augen darauf, liest die zwei Worte, und dann kommt es von ihrem Munde wie ein leiser Schrei. Oh —! Schickt ihr bas jetzt der Peter? — Ja, der Peter schickt ihr das. Gerne will sie es glauben. Von Herzen gerne. Der Name und alles stimmt. Alles ist richtig, wie es auf der Marke steht. Alles paßt auf ihren toten Schatz. Und jetzt drückt sie den Mund auf bas runde, blecherne Ding, und jetzt tropft es ihr naß über die Backen. — Und dann sitzen sie noch eine Zeit nebeneinander, der Musketier und das Gänsemädchen, auf dem sonnigen, warmen Hutwasen, zwischen gelben und lichten Blümchen, und er mutz erzählen, alles, was er weiß. ttn6 ihre Augen hängen immerzu an seinem Munde. Es eul- kommt ihr kein einziges Wart. Und die Marke, die der Peter aus der Brust getragen, hat sie selbst in der warmen Hand,' meint, es sei das Herz von ihrem Peter: meint, sie fühle es schlagen. Alles in ihr ist Glück. Und der Schleswiger schaut ihr von Weile zu Weile schräg ins junge Gesicht und freut sich. Freut sich, daß er einmal an dem einsamen Reitergrab gestanden, drüben im tiefen Wasgenwald. Freut sich, daß er solch ein junges, treues Gänsemädchen gefunden hat, dem Netter und Grab gehören. • Oie tote Liebe. Von Conrad Ferdinand Meyer. Entgegen wandeln wir Dem Dorf im Sonnenkuß, Fast wie das Jüngerpaar Nach Emmaus, Dazwischen leise Redend schritt Der Meister, dem sie folgten, Und der den Tod erlitt. So wandelt zwischen uns Im Abendlicht Unsre tote Liebe, Die leise spricht. Sic weiß für das Geheimnis Ein heimlich Wort, Sie kennt der Seelen Allertiefsten Hort. Sie deutet und erläutert Uns jedes Ding, Sie sagt: So ists gekommen, Daß ich am Holze hing. Ihr habet mich verleugnet Und schlimm verhöhnt. Ich saß im Purpur, Blutig, dorngekrönt, Ich habe Tod erlitten, Den Tod bezwang ich bald, Und geh in eurer Mitten Als himmlische Gestalt — Da ward die Weggcsellin Von uns erkannt, Da hat uns wie den Jüngern Das Herz gebrannt. Von dichterischen Büchern und ihren Schöpfern. Von Hanns Arens. Hermann Hesse sagte kürzlich irgendwo, daß die dichterischen Bücher unserer Zeit immer seltener würden. Wie sehr dieser kritische Dichter recht hat, bemerkt man erst, wenn man sich dran macht und die Literatur unserer Zett eben auf das dichterische Buch hin überprüft. Um ganz klar zum Ausdruck zu bringen, was wir unter einem dichterischen Buch verstehen, wollen wir hier einige Sätze von Paul A l v c r d e s anführen, die in ihrer Ruhe und Ueberlegenheit unsere Frage erhellen: „Echte Dichtung ist selten in unsern Tagen, aber sie ist es wohl immer gewesen. Es gibt ein ganzes Gebirge aus Werken der sog. Schönen Literatur bet uns, in dem sie überhaupt nicht enthalten ist. Aber dann geschieht es immer wieder einmal, daß uns vor einem Bühnenstück oder beim Lesen einer Geschichte aus unsern Tagen — und spiele sie in uns völlig fremden und entlegenen Zuständen — ganz unversehens ein wunderbar deutliches Erkennen unseres aller- eigensten persönlichen Wesens und Geschicks überkommt. Es ist, als zöge sich das ganze Leben, durch alle seine Jahre und Orte verstreut, plötzlich mit allen seinen Elementen zu einem Kristall zusammen, in welchem cs nun für eine kurze Weile des seligen Erkennens als ein Ganzes anzuschauen ist. Das kommt von dem Licht der Wahrheit, welches, höher als die bloße Vernunft, auch aus der echten Dichtung leuchtet: sie vermag es in einer jeden Menschenbrust anzuzttnden, heute wie immer, und das ist der Trost der Dichtung auch in dieser Zeit." Der diese Wort sprach, zählt zu den Dichtern des neuen Deutschland, der in seinem bisherigen Werk den gültigen Beweis erbrachte, daß uns das dichterische Buch erhalten blieb. Seine wunderbare „Pfeiferstube" die seinem Freunde Hans C a r o s s a ge- widmet ist, dürfen wir als ein Kleinod deutscher Prosa verehren und bewahren. Nicht ohne Absicht nannte ich den Namen Earossa: ihn an die Spitze dieser kleinen Abhandlung zu stellen, ist selbstverständliche Pflicht. Wir können den Namen dieses Dichters nicht nennen, ohne zugleich an die edelste Dichtung unserer Tage zu denken, der wir teilhaftig wurden. Lange blieb dies stille und innerliche Werk verborgen: es war einer Zett nicht hold, die im Geschrei und grellen Licht des Alltags ihr Genüge fand. Die Stimme dieses Dichters mutzte verhallen und nur in wenigen einen Widerhall fiicden: denn, um ein Wort von Hans Friedrich V l u n ck zu gebrauchen: „Von innen sollen wir hören, dann erst begreifen wir die Gemalt des Wortes". Und fast möchte man es bedauern, daß die große, tröstliche Dichtung dieses Mannes, der „Arzt Gion", den Weg des Maffenersolgcs fand, wenn nicht zugleich die heimliche Hoffnung sich mit dieser Verbreitung verband, daß sie Menschen in die Hände gegeben wurde, denen sie Trost und Freude zugleich bereitet hat. Und da dieses Buch und dieser Dichter mir bei unserer Frage nach dem dichterischen Werk be- dentungsvoll erscheinen will, möchte ich noch etwas bei beiden verweilen. Es stehen da diese Sätze: „Was ist das, ein Arzt? In seiner höchsten Form kann er dem Künstler ebenbürtig sein: aber nicht wie dieser, darf er die Stunde der Eingebung abwarten oder seine Gegenstände wählen, sondern diese wählen ihn, und seine Stunde ist immer". Und so wie dieser Dr. med. Gion, so auch ist das Buch, diese herrliche, weltticfe Dichtung, deren Pulsschlag wir auf jeder Seite verspüren, diesen „Hcrzenswillcn" des Dichters und Menschen Earossa, ans den ich das schöne Wort von Hermann Stehr anwcnden möchte, da es zugleich wiederum die Frage nach dem Buch als Dichtung beantwortet und klärt: „Das große, gute Buch des Dichters, das die Nöte der Zeit tiefer versteht und höher deutet, trägt in sich die Wesenheit des Göttlichen und gibt den Völkern ihren ewigen Sinn." „Der Arzt Gion" ist das leuchtende Vorbild eines dichterischen Buches unserer Tage,' cs ist ein hilfreiches, gütiges und helfendes Buch, ein Buch der Tröstung für viele in dieser Zeit der seelischen Not, eilt Buch, das uns den Glauben wieder stärkt an das Gute und Beständige im Menschen, und nicht zuletzt ein Werk der Liebe. Ans dieser Dichtung, die makellos und rein ist, strömt alle Kraft, alle Bereitschaft zum Leiden, zum Helfen und Trösten. Und um dieser Menschenliebe willen allein schon ivünscht man dieses Buch in viele Hände, denn selten in unserer Zeit offenbarte sich ein Dichter in dieser Reinheit und Unantastbarkeit, dieser hohen und hoheitsvollen Hingabe, die verwandelnd und heilend sich über die Menschen dieses Buches breitet. (Vor kurzem erschien ein neues Werk Carossas, das Lebensgedenkbuch „Führung und Geleit".) Suchen wir weiter, sa geraten mir an ein paar Namen, die noch jung im deutschen Schrifttum stehen: darunter find freilich einige Dichter, deren Werk und Schaffen schon zum „ewigen Bestand" der Deutschen zählen: In Ehrfurcht und Verehrung gedenken wir des großen Paul Ernst, dessen Dichtung zu später Wirkung erblühte. Schmerzlich berührt die Erkenntnis, daß dieser überragende Dichter allzulange im Schatten stehen mußte, während laut und lärmend der kleine Schreiber das Feld beherrschte. — In dankbarer Zuneigung lieben wir Hermann Stehr und sein Werk, das uns den Glauben an die Sendung des Dichters in seiner reinsten und höchsten Form erhielt und stärkte. Und wenn wir zu den Jungen unseres Vaterlandes gehen, zn den tapferen und Willensstärken Bewahrern deutscher Dichtung und deutscher Art: Menschen der Jugend, die nicht nur die Stille der schöpferischen Arbeit kennen, sondern zu einem Teil mit ihren Leibern des Volkes Wohl und Ehre verteidigen, so denken toir an Männer, deren Werke das untrügliche Zeichen der Dichtung tragen, an Karl Benno von Mechow, dessen zarter und ergreifender „Vorsommer" erneute Beglückung bedeutet. Schon sein erstes Buch: „Das ländliche Jahr", war wie ein Aufatmen nach all dem Mittelmäßigen und Undichterischen der letzten Jahre. Wir denken an den jungen Deutsch-Oesterreicher Karl Heinrich Waggerl, der kraft seiner dichterischen Bemühung mit seinem Roman „Brot" sich der Anteilnahme der Freunde der deutschen Dichtung erfreuen konnte: sagt doch Hermann Hesse ausdrücklichst, feine Bücher zählten zu den wenigen dichterischen Werken der Gegenwart. Von ihm erschien vor kurzem ein neuer Roman: „Das Jahr des Herrn". Ein andrer, der mit seinem stillen Schaffen allzulange abseits stehen mußte, eroberte sich gleichfalls die Zuneigung der Gleichgesinnten im Geiste: Ernst Wiechert, der Dichter des schönen und durchaus dichterischen Buches „Die Magd des Jürgen Dos- koeil". Lange wird man suchen können, ehe man eine Dichtung von dieser Reife und Tiefe, dieser schmerzhaften Gläubigkeit trifft. Ein schönes Wort, das ich in dem Buch von Dreyer über Blnnck entdecke, möchte ich hier einschalten, weil es Grundmotive der reinen Dichtung znm Ausdruck bringt: „... das Stille zu bewahren, das Müde zu erneuern, das Große zu verehren, das Leidende zu lieben ..." Auch Blunck, von dem wir oben ein Wort anführten, möchte ich mit einigen Stücken seines Werkes in den Kreis einschließen: vorab mit seinen Märchen, von denen einige den besten von Grimm anzugliedern sind. Hier erweist sich Blnnck als der ganz reine Dichter, dem im neuen Deutschland gleichfalls endliche Genugtuung ward. Wenn wir hier auch nur einige wenige unserer Dichter anftth- reit konnten, so darf hier einer mit Recht genannt werden: Friedrich Schnack, einer der liebenswertesten unter den Jungen, die ihr Werk durch alle Widrigkeiten der Zeit rein und leuchtend erhalten konnten. Sein „Sebastian im Wald" ist edelste deutsche Dichtung und verdient einen ersten Platz in der nendeutschen Prosa. Ist die Sicht deS dichterischen Werkes auch nicht groß, am Umfang gemessen, so ist sie doch in einem sehr schönen Sinne trotzdem belangvoll und zuversichtlich. Eine neue Epoche ist nicht nur int politischen Leben der Deutschen angebrochen, die wir im Tiefsten unseres Wesens dankbar begrüßen, mit ihr ist auch wieder dem schaffenden Menschen jene Möglichkeit gegeben, die fein Werk bewußt und zielsicher dem eigentlichen Weg znführt: dem Weg znm Volk: er kann wieder mit Hoffnung und Zuversicht sich und fein Werk den deutschen Menschen schenken, mit der Gewißheit, daß nun auch der Strom der Gegenwirkung ihn berührt, so wie er sich durch Jabre und Jahre bemühte, sein Wort, das dichterische aus sich zu heben, nm es dem zu geben, dem feine schwere Bemühung feit je galt: D c m deutschen Menschcnl Entdeckungsfahrten der alten Germanen. Von Professor Dr. Hans Plischke. Wir entnehmen folgenden Abschnitt dem Buch „Ent- dcckungsgeschichte vom Altertum bis zur Neuzeit" von Professor Dr. Hans Plischke, das im Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig erschien. (Preis 1,80 Mark.) Die zusammenfassende Behandlung dieses Stoffgebietes sowie die interessante Darstellung, die besonders die politischen, wirtschaftlichen Und geistesgeschichtlichen Gründe für die Entdeckungen erkennen läßt, scheint sehr beachtenswert. Am Nordrand der vom Altertum ererbten Erdkenntnis lag die Heimat der Hochseeschiffahrt der Wickinqe. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts erreichten normannische Seefahrer Island, das von ihnen in der Folgezeit besiedelt wurde. Sie trafen, allem Anschein nach, auf dieser weltabgelegenen Insel irische Einsiedler an, die seit etwa dem Ende des 8. Jahrhunderts sich dort einer gottgefälligen Einsamkeit ergeben hatten. Die Normannen besaßen eine für das frühe Mittelalter hochentwickelte Scefahrtskunst, die, frei von der Küste, kühn übers offene Weltmeer führte. Von Island aus scheinen schon in der Zeit um 870 bis 980 Wickinge bis zur Küste des späteren Grönland verschlagen worden zu sein. Den Anlaß zur Besiedlung dieses Gestades durch die Normannen bot die Fahrt Eriks des Roten, der 985 wegen blutiger Händel, in die er seit langem verwickelt war, auf drei Jahre von Island verbannt wurde. Er segelte mit seinen Drachenschiffen nach der bereits bekannten Küste, die vereist war, und der er südwärts folgte. Er befand sich damit vor der Südostküste Grönlands. Nachdem er um die Südspihe gekommen war, fand er die Westküste eisfrei und zur Niederlassung geeignet. Dem Land gab er den Namen Grönland, grünes Land, um von Island Siedler anzulocken, die auch seiner Aufforderung folgten. Erik der Note hatte zwei Söhne, Thorstein und Leif. Nach normannischer Weise ging Leif auf See und weilte 999 bis 1000 am Hofe des Königs von Norwegen. Auf der Heimfahrt nach Grönland wurde er im Frühjahr 1000 durch widrige Winde an eine waldreiche und fruchtbare Küste verschlagen. Wegen der Weinreben, die dort wild wuchsen, gab er dem Land den Namen Vinland. Bei der Ankunft Leifs machte die Erzählung von dem waldreichen Lande in Grönland tiefen Eindruck, weshalb man es wieder zu erreichen versuchte. Dies gelang 1003 dem Normannen Thorfinn, der von Grönland aus nach zweitägiger Fahrt eine Küste anlief, an der große, flache Steine lagen. Er nannte das Gestade Land der Steine, Helluland. Dann gelangte er zu einer Küste, die war reich an Wald und Wild. Die Normannen gaben ihr den Namen Waldland, Markland. Auf der Suche nach dem Vinland Leifs fuhren die Normannen an der Küste südwärts und fanden es schließlich wieder. Hier kamen sie mit Eingeborenen, in den normannischen Quellen skrälingjar genannt, zusammen. Aus Zwist unter einander und im Streit mit den Eingeborenen schlug der Versuch, eine Kolonie zu gründen, fehl. 1006 trafen die Vinlandfahrer in Grönland wieder ein. Nach isländischen Quellen fuhr man wahrscheinlich noch bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts nach Markland, um von dort die für die Grönländer wertvollen Baumstämme zu holen. Die steinige Küste von Labrador ist das Hellnland der Normannen, das einst wald- und wildreiche Neufundland das Markland. Die Beschreibung von Vinland paßt in großen Zügen auf die Gegend von Neuschott- land. Damit haben die Normannen in der Zeit nm 1000 als erste Europäer neuweltlichen Boden betreten. Aber diese Entdeckung Amerikas wurde im Mittelalter nicht beachtet. Bis auf eine kurze Notiz, die Adam von Bremen im Jahre 1072 darüber gibt, geriet diese Tat in Vergessenheit. Hierbei mag von ganz besonderem Einfluß gewesen sein, daß der Blick des christlichen Abendlarrdes gerade wegen des Islam und der damit für die christliche Welt verknüpften Gefahr, aber auch gebunden durch die Neberlieferuug, nach dem Osten gerichtet war. Die Wickinge stießen auch nach Nordosten vor> Um 870 segelte der Normanne Other von der Westküste Norwegens aus nora= wärts: er wollte erkunden, wie weit gen Norden das Land sich erstreckte. An einer fast menschenleeren Küste segelte er entlang und stellte fest, daß das Gestade nach Osten umbog. Damit wurde er der Entdecker des Nordkaps. Seine Fahrt setzte er, dem Lande folgend, südostwärts bis zur Mündung eines großen Flusses fort. Früher nahm man an, Other habe das Dwinagebiet erreicht. Auf jeden Fall gelangte er um die Halbinsel Kola in das Weiße Meer und segelte, da er nach den Mitteilungen, die der angelsachysme König Alfred der Große über die Reise gibt,.immer 'n Sicht der Küste blieb, bis zur Bai von Kandalakscha, jedoch wohl nicht übers offene Meer zur Dwinamüudung. Etwa zur selben Zeit stellte der Däne Wnlfstan den Binnenmeercharakter der Ostsee fest' er fuhr von der Küste Schleswigs ostwärts über Mecklenburg bis zum Frischen Haff. Auch diese Fahrten fanden im Mittelalter keine Beachtnng. Noch am Ende des 11. Jahrhunderts wurde bei Adam von Bremen die Ostsee als ein nach Osten offenes Meer betrachtet. Das gleiche Schicksal hatten in der abendländischen Wissenschaft die Züge der normannischen Waräger, die unter Ruril um öfc ttn Bereich der russischen Ostseegebiete großen Einfluß erlangten. 865 stieß eine Warägerflotte von 300 Ruderbooten, den Dniepr folgend, zum Schwarzen Meer vor. Und in den anschließenden Jahrzehnten sind Warägcrscharen diesen Spuren fudwarts wiederholt gefolgt. Trotzdem blieben die Kenntnisse des christlichen Abendlandes über die osteuropäischen Gebiete außerordentlich unklar und unsicher. Diese Bereiche lagen abseits des westlichen Verkehrs und Interesses. Ein Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Das wiederum wollte der Doktor Schmitz nicht gelten lassen: Ich gebe zu, daß wir jetzt eure Stumpen rauchen und ihr unsere dicken Zigarren! scherzte er und hielt dem Oberst seine Habana hin, als er verdutzt die seine besah. Und da er nun einmal im Zug war, versuchte er selber die Antwort: Weil wir den Krieg erlebt haben und ihr nicht,' weil ihr noch Vorkriegsmenschen seid, wir aber Nachkriegsmenschen sind! Und er setzte dem alten Herrn an Beispielen auseinander, welche Veränderungen in der Mentalität — das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es fast zu viel — des deutschen Menschen im Reich durch das Kriegserlebnis vorgegangen seien. Wir haben erfahren, wie wenig Verlaß auf den Wohlstand ist, darin wir euch noch so selbstgewiß sehen. Er hatte im Eifer seiner Worte nicht gemerkt, daß der mit den weißen Gamaschen unterdessen wieder eingetreten war und hinter ihm stehend zuhörte. Darum, als der sich einmischte, fuhr er fast erschrocken nach ihm herum. Ich könnte Ihnen Ihre Frage anders beantworten, sagte der Doktor Berwaldner von obend herab, wenn ich gewiß wäre, d'atz Sie mir die notwendige Offenheit nicht verübeln würden. Wie sollte ich? gab der Doktor Schmitz zurück und stand auf, damit die Rollen nicht ungleich wären. Eine Mensur! dachte er, wie sie einander gegenüber standen, der andere mit seiner langen Gestalt, er Mit seiner kurzen, festen,' und er stellte die, Beine breit, den Angriff zu parieren. Weil ihr die Unruhestifter seid, darum hassen wir euch! sagte der Doktor Berwaldner und der Doktor Schmitz parierte: Ich dachte, das wären die Moskowiten! Die Moskowiten sind weit für uns Schweizer. Wir habens mit euch zu tun! Und was ist es, womit wir Unruhe stiften? Weil ihr die Verträge nicht haltet. Welche Verträge? Die ihr in Versailles unterschriebt. Solange ihr dagegen aufbegehrt, kann keine Ruhe in Europa sein: und solange keine Ruhe wird, ist kein Geschäft. Kein Geschäft! wiederholte der Doktor Schmitz und lachte, um keine Antwort auf solche Einfalt zu geben. Aber als er sich nach dem Oberst umsah, was der nun sage, war der alte Herr etn- geschlafen. Mein Herr Schwiegervater schlief schon, als ich zurückkam, erklärte Doktor Berwaldner: Es ist seine Gewohnheit nach Tisch, deshalb gingen wir fort. Sie haben unseren Wink nicht beachtet. Ich beachte ihn jetzt! sagte der Doktor Schmitz und ging vor dem andern her in die Halle. Ihre Offenheit war mir sehr lehrreich! fügte er draußen hinzu: aber dann wird es wohl lange nichts werden mit dem Geschäft! Dann wird es wohl ebenso lange dauern, daß wir euch hassen! gab der mit den weißen Gamaschen zurück Eine klare Feststellung! quittierte der Doktor Schmitz: Denken alle Ihre Landsleute so? Wenn sie ehrlich sind, manche! Hier im Hause freilich nicht. So darf ich wohl bitten, mich den Andersdenkenden zu empfehlen! fiel der Doktor Schmitz auf seine Füße zurück, verbeugte sich und verließ die Halle durch die lautlose Tür, die ihm sein Gegner aus der Hand nahm, ihn höflich hinauszubegleiten. II. Jetzt ist es drei Uhr! sagte der Doktor Schmitz, als er sich draußen mit einem zornigen Blick über die einmal von ihm so geliebte Stadt mit dem See und den Bergen nach rechts wandte, den nächsten Steilweg hinab, um an der ersten Stelle ein Auto zu finden: Unterwegs sein kann sie noch nicht, also muß ich sie vor dem Meldeamt treffen, wenn ich Geduld habe, nötigenfalls bis fünf Uhr zu warten. Zeit bis zum Abendzug habe ich sowieso! Er fühlte sich in einer unbändigen Laune, seitdem er dem mokanten Lächler gestanden hatte, nur wußte er nicht, ob seine Laune nach der Plus- oder Minusseite strebte, wenn er an den Hund dachte, mit dem sein Abenteuer ansing. Es war natürlich ein schweizerischer Hund, der mich von meinem Besuch abhalten wollte, weil er mir die Landsmännin mißgönnte! versuchte er zu spötteln: aber er war schon viel zu nachdenklich geworden, als daß er über den Zufall scherzen konnte. Offenbar ist es mit dem Fatalismus nichts! unternahm er eine Feststellung: oder doch nur so, daß er mit der Täuschung unsrer Willensfreiheit rechnet, die wir nicht aufgeben wollen. Unser Wille ist die Maus, mit der seine Katze spielt! Der Doktor Schmitz fand selber, daß dies geklügelt wäre: aber er hätte noch halsbrecherische Dinge denken können — und er hatte eine wütende Lust, es zu tun, —, weil er die fremde Macht in seinen Füßen fühlte, die ihn samt seinem freien Willen und den überspitzten Gedanken darüber zwangsweise an eine Autohaltestelle und ans Meldeamt brachte. Diesmal wird mir kein Hund dazwischenlaufeu! vertraute er. Er sand das Auto, und der Chauffeur fand bas Meldeamt: und dann hatte er Zeit genug, der sich mittags so eilte, gemächlich auf und ab zu gehen und über die kuriose Wendung in seiner Vrautschau zu spotten. Denn daß er allen Ernstes diese Emilie Petersen aus Aachen, die mit ihrem Hamburger Namen in Köln geboren war, daß er sich diese Professorentochter auf ihre Eignung als seine Schwiegertochter anzusehen entschlossen war, darüber gab es für ihn keinen Zweifel. Darum ist mir dieser Hund zwischen die Beine gelaufen! irrlichterte er mit seinen Gedanken und traute sich die List zu, den Absichten seines Sohnes das Bein zu stellen, wie es ihm gestellt worden war. Es kamen viele Leute des Weges von beiden Seiten, und manchmal sonderten sich einzelne ab, die ins Meldeamt hineingingen,- nur die Erwartete wollte nicht so rasch kommen. Da er sie nur in dem Servierkleid gesehen hatte, mußte er scharf aufpaffen: jede weibliche Gestalt von zierlichem Ausmaß beargwöhnte er von weitem. Damit fiel Doktor Schmitz natürlich bald auf, und da er sich seiner immer noch nicht gesäuberten Kleidung bewußt wurde — der Eingang sah ihm nicht aus, als ob er drinnen eine Bank fände, und ein Cafe war nicht in der Nähe —, kam er auf einen Einfall, der ihn selber belustigte. Hätte ich doch den Taxer nicht fortgeschickt! bedauerte er und lauerte nun auf einen andern, der zufällig öaherkäme. Er hatte damit rascher Glück als mit seiner Profefforentochter, und daß es ein geschlossener Wagen war, den er heranwinken konnte, gefiel ihm besonders. Wohin? fragte der Mann durch die halb offene Scheibe zurück, als der Doktor Schmitz, nach links und rechts spähend, eingestiegen war, und er sagte ihm, daß er auf jemand warten müsse. Es könne länger dauern, er möge sich die Zeit merken! Dem Mann schien das recht zu fein; er stellte den Motor ab und legte sich schief in den Sitz, die Beine auszustrecken und ein Schläfchen zu beginnen. Sein vermeintlicher Fahrgast nahm es wohlig hin, daß die Scheiben Heruntergelaffen waren und ein leiser Wind hereinspielte; denn in seinem blauen Anzug hatte ihm die Sonne zu warm auf den Pelz gebrannt. Es war diesmal ein guter Einfall! lobte er sich selber und saß gemächlich auf seiner Polsterbank da, den Eingang zum Meldeamt im Auge zu behalten. Je nachdem die Erwartete von rechts oder links kam, würde er ihr Gesicht oder ihren Rücken sehen; aber er traute sich zu, ihre zierliche Gestalt jedenfalls zu erkennen. So hätte er Zeit gehabt, sich zu überlegen, unter welchem Vorwand er das Fräulein ansprechen wollte; aber er hielt es bet seiner alten Gewohnheit, sich auf den Augenblick zu verlassen. Einen Kölner läßt sein Mundwerk so leicht nicht im Stich! vertraute er und sah lieber dem Kino zu, das die Vorübergehenden in seinem Fensterrahmen ausführten, hinter den Einzelnen her seine Gedanken zu haben, was für Leute sie in ihren Kleider vorstellen wollten. Es war ein schläfriges Unterhaltungsspiel; aber zuletzt hatte er eine so lange Zeit sein Vergnügen damit gehabt, daß dem Schutzmann an der nächsten Ecke der Wagen auffiel. Weil er sich von der Straßenseite her prüfend genähert hatte, sah Doktor Schmitz unvermutet seine behandschuhte Hand auf der Schulter des schlafenden Chauffeurs: Er dürfe hier nicht so lange stehen! Der wiederum hatte einen richtigen Nicker gemacht und sah die Uniform des Gesetzes lange an, ehe er begriff, den Motor anlaufen ließ, die Kuppelung einschaltete und losfahren wollte. Halt! rief der Doktor Schmitz, weil er glücklicherweise noch mit einem Seitenblick eine Rückansicht erwischt hatte, die natürlich gerade in diesem Augenblick durchschlüpfen wollte. Obwohl der Wagen schon anzog und der Polizist sich zur Höhe der Kantonsgewatl aufrichtete, sprang er hinaus, zahlte dem Chauffeur die verwartete Zeit und überließ ihn seinem Wortwechsel mit dem durch den Widerstand gereizten Ordnungsmann, welcher Wortwechsel um so lebhafter wurde, als der Chauffeur sich um die erhoffte Spazierfahrt geprellt sah; der Doktor Schmitz selber verschwand in die Abgeschiedenheit des Meldeamtes. Die Aemter scheinen in der ganzen Welt gleich zu sein! dachte er in dem unfreundlichen Gang; und als draußen der Wagen hörbar wütend abgerattert war, ging er wieder hinaus, um schließlich doch den Gang für die Aussprache geeigneter zu finden als die Straße. Seitdem er gewiß war, seine Partnerin zu treffen, machte ihn die Warterei ungeduldiger; als sie endlich nach einer ziemlichen Viertelstunde aus der Zwischentür in den Gang trat, hatte er schon nachgefragt, ob sie das Haus nicht durch einen andern Ausgang hätte verlaffen können- Sie kam, wie er mit dem ersten Blick saß, nicht gleichmütig zurück; daß sie ihr Taschentuch benutzte, schien ifim nicht nur die Nase zu betreffen. Im übrigen hätte er bas Mädchen mit der Rüsche in dieser wohlgekleideten silbergrauen Dame kaum erkannt, wenn ihm nicht ihr Gang noch zu frisch im Gedächtnis gewesen wäre; als er sie ansprach, erkannte er auch ihr Gesicht unter dem schwarzen Hut wieder. Darf ich mich Fräulein Emilie Petersen selber vorstellen, sagte er mit seiner korrekten Verbeugung, da der Herr Oberst dazu keine Gelegenheit fand! und hätte seinem Doktortitel und Namen fast das Mitglied der Handelskammer hinzugefügt, so zu Komik gereizt war er durch diese Art der Bekanntschaft. Und welchen Zweck soll diese Vorstellung haben? fragte die Angesprochene kühl, die zunächst einen Schritt zurückgewichen war. Das mögen die Elftausend Jungfrauen wissen! hätte der Doktor Schmitz fast einen Lieblinqsausdruck gebraucht; aber er faßte sich rasch genug, ihr zu sagen, daß er ein Studienfreund ihres Vaters gewesen sei und sich sogleich, als er ihren Namen hörte, vorgenommen habe, seine Landsmännin zu begrüßen. Er sagte das noch, als ob er eine nehensächliche Verpflichtung erfüllen wollte; aber weil er den fatalen Eindruck nicht abwehren konnte, seine Partnerin sähe gar nicht auf den Boden, sondern auf seine Hosenknie, die sie mit der Bürste behandelt hatte, so unterbrach er sich selber: Gnädiges Fräulein, sagte er warm und machte eine vergebliche Bewegung nach ihrer Hand, ich kann doch nichts dafür, daß unsere Begegnung so merkwürdig ist. Ich konnte unmöglich wissen, wer Sie waren. Sie dürfen mich dafür nicht bestrafen! Ich finde Sie furchtbar komisch, Herr Doktor Schmitz! sagte sie und hob die Augen gegen ihn auf, ihn voll anzusehen. Das hat mir eigentlich noch keiner gesagt, nahm er die Einschätzung demütig hin, wenn ich auch glaube, daß Sie darin mit dem Doktor Verwaldner einig gehen. Aber „furchtbar", gnädiges Fräulein, wie Sie das sagten, das kann er nicht: Furchtbar komisch! dazu muß man ein rheinisches Mädchen sein! Also gut, das bin ich einmal gewesen, schnitt das Fräulein Petersen seine Rede ab. Finden Sie aber nicht, daß wir uns lange genug begrüßt haben? Nein! antwortete er prompt und bat sie herzlich, die sich zur Tür wandte, ob er sie nicht noch einige hundert Schritte begleiten dürfe? Er habe ihr etwas zu sagen, vielmehr, er habe eine Bitte an sie. Ich möchte nicht mit Ihnen auf der Straße gesehen werden, Herr Doktor Schmitz! sagte sie nun bestimmt. Aber als er es mit einer letzten Rheinländerei versuchte: Wegen meiner schmutzigen Hosen? da vergab die unnahbare Dame zum zweiten Male etwas von ihrer Haltung: Nein, wegen Fräulein Julie Bünzli! Und nun hatte der Doktor Schmitz gewonnen: Erlauben Sie, fing er das ins Wasser gefallene Schleppseil auf, hierauf könnte ich sagen: Ich finde Sie furchtbar komisch, Fräulein Emilie Petersen! Da ich kein rheinisches Mädchen bin, dem so etwas reizend zu Gesicht steht, ziehe ich vor. Ihnen aufs bestimmteste zu erklären, daß ich mich im Hause Bünzli so fehl mm Platz fühlte, wie Sie es sind. Ich stehe hier Gott sei Dank wieder auf neutralem Boden — er stellte sich wirklich breitbeinig vor sie hin —, Sie aber, Fräulein Emilie Petersen, tun das noch nicht. Und um die Erlaubnis möchte ich bitten. Ihnen dazu meine Dienste anbieten zu dürfen. Wenn ich keine andre Nötigung hätte, die freundschaftliche Erinnerung an Ihren Herrn Vater und die Anteilnahme an dem Schicksal seiner Tochter würden mich dazu zwingen. Aber wollen wir nicht endlich aus dieser Meldehöhle hinausgehen? unterbrach er sich, der schon zweimal hatte zursicktreten müssen; und weil gerade in dem Augenblick aus der Tiefe eine lebhafte Gruppe von balkanhaft anmutendeu Jünglingen herausquoll, machte er eine' Handbewegung, die ebenso herrisch wie beschützerisch war, und der sie nun seufzend folgte. Und was ist das für eine Nötigung? fragte sie hartnäckig, als sie draußen eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, und er sah neidisch auf ihren gemeinsamen Schatten, der sich friedlich vor ihnen auf dem besonnten Bürgersteig hinschob. Sie sind nicht nur furchtbar komisch, Fräulein Petersen, brach er aus. Sie sind komisch furchtbar! Und weil ihm das Wortspiel mißraten war, holte er im Gehen sein Taschentuch heraus, sich den Schweiß abzuwischen; denn dieser Dialog hatte ihn anders angestrengt als der mit dem mokanten Doktor Verwaldner: Das kann ich Ihnen noch nicht und überhaupt nicht auf der Straße sagen! Und weil sie um die Ecke herum unter den Schatten einiger Vänme gekommen waren, blieb er da stehen, immer noch das Taschentuch in der Hand, und hatte den Hut abgenommen: Gnädiges Fräulein, sagte er feierlich, Sie haben sowieso Ausgang! Jawohl, das gnädige Fräulein hat Ausgang! echote sie, und in ihrem Gesicht war zum erstenmal ein heller Schein, weil sie sich nun offenbar über ihn lustig machte. Darf ich Sie irgendwohin aus dieser Stadt begleiten? Denn ich muß Zeit haben. Ich verspreche Ihnen feierlich: wenn Sie Ab nach Kassel sagen, daß ich int Augenblick verschwinde. Ich habe bis zum Abeudzüg Urlaub; bis dahin muß ich mit Ihnen im reinen sein! Und der arme Doktor Schmitz wußte nicht, warum das Fräulein Petersen gerade in diesem Augenblick hellauf lachte: Im reinen? fragte sie. Dann muffen wir wohl zunächst an ein Schaufenster gehen, damit Sie im Spiegelbild sehen, was Sie mit dem Taschentuch an Ihrer Stirn angerichtet haben. Gott sei Dank! seufzte der Doktor Schmitz, dem das Wörtchen „zunächst" wie ein Brunnenstrahl aufgeglitzert war: Aber zu allernächst darf ich mich wohl für einen Augenblick setzen. Es war zuviel für meine sechzig Jahre. Und er ließ sich auf die Bank unter den Räumen fallen, als ob es siebzig wären, während seine Partnerin endlich lächelnd dastand und mit einem energischen Fußtritt einen Stein ins Ge- hüsch schleuderte, der auf den Bürgersteig geraten war. ITT. Der Doktor Schmitz wußte genau, daß seine Jahre noch keine Entschuldigung waren, so allein auf der Rank dazusitzen; er wollte das hochmütige Fräulein nur fühlen lassen, daß er kein Gimpel wäre. Per aspera ad astra! deklamierte er ausstehend; aber seine Partnerin schien noch immer nicht geneigt, seine Scherze durchgehen zu lassen. Was für Sterne meinen Sie, Herr Doktor? fragte sie mit einem Blick über die Schulter zurück, weil sie gerade nach der blauen Kante des Uetliberges binanfgeblickt und dadurch den Rückfall in seine Schulweisheit veranlaß» hatte. Vorläufig den Berg da oben! antwortete er mit gespielter' Harmlosigkeit: dann aber trat er vor sie hin und sagte: Legen Sie eigentlich Wert auf den Argwohn, Fräulein Petersen, daß Sie irgendeiner Zudringlichkeit von mir gewärtig sein müssen? lFortsetzung folgt.i Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. R. Lanae, Gießen. Jahrgang (93^ Freitag, den z.gcbruar Nummer 9 Colour & Grey Control Chart wieder icn, da konnte er die Furt nicht 0 cm 1 22 L 9 8 £ 6 1 retZ der ;eti. ttters Frau krank. Sie lag mit und niemand wußte, was ihr und eder. mer, hohem fehlen ihr aus »der Nichts ist auf Erden verloren, Was wir dem Leben getan, Darum sind wir geboren, Daß wir auf unserer Bahn Dienen dem hoffenden Leben Zu des Gestirnes Ruhm, Das uns zu Lehen gegeben, rhob terig asten inett, : die i be- Sild- ägen Hes- usch- Also ward auch gegeben Allem das Wcrdegebot, Also muß auch das Leben Warten aus seinen Tod, Samen, Knospen und Blüten, Jedes kommt und vergeht, Uns ist geboten zu hüten, Was in der Hoffnung steht. Daß nicht zu früh nach innen Lösend das Tauwasser traust. Daß nicht aus ruhendem Schweigen Aufbricht, was nicht gedeiht. Und die Säfte nicht steigen In der gefährdeten Zett. viel r in den । auf wie- die r es ange Hern ! der bas und mten te er । das inem ihre der । sie, iten. den aber eilig, ab- aus Was ibei. tiefe aus, arze von htet, mit als aus: □anes, picta nahe tge« aubt lder Jen- t sie andern Ufer davonreiten. Sie schüttelten d riefen hinter ihm her: „Das ist der gerettet hat." Das Wort hörte der Herr war selber nicht klar geworden, wie es daß er das Wasser durchquerte: es spülte e Hufe, und der Fluß war reißend und cts nie von einer Fprt an dieser Stelle 16er den Ort und ritt am andern Tage ihren öor= ®attj iigen t als mgte ’ate3 eine Mal eine aus 19 20 21 14 15 16 17 18 11 12 13 9 10 6 7 8 2 3 4 5 Herrn diendn. Der Ritter betrachtete prüfend den jungen Mann, dann erwiderte er: „Ich will dich nehmen, denn du siehst mir ehrlich und fleißig aus." Nun war der Knecht schon Wochen bei dem Ritter und war ■ein so guter Mann, wie der Ritter noch nie einen gehabt hatte. Die Pferde gediehen bei ihm, die Waffen waren immer sauber And in Ordnung, der Knecht war stets zur Hand, wenn er gebraucht wurde, und führte willig und freundlich alles mit Schnelligkeit und Geschick aus, das man ihm auftrug. Die beiden Knaben ides Ritters hingen an ihm, wie an ihrem älteren Bruder: er lehrte sie fechten, mit der Armbrust schießen, hob sie aufs Pferd. Er war auch fromm: nie fehlte er bei der Frühmesse, beim sonntäglichen Gottesdienst und den kirchlichen Feiern:. da stand er ämmer bescheiden hinten am Tttrpfeiler, die Mütze in der Hand, mnd blickte gläubig und sehnsüchtig nach dem Priester hm. Der Rj.tter sagte ihm, er solle mit nach vorn kommen, in der Kirche Lebe es keinen Unterschied von Herr und Knecht: aber er schüttelte Sen Kopf und sagte: „Das schickt sich nicht für mich." Einmal ritt der Ritter mit ihm und sah sich um, da merkte er, -daß Feinde hinter ihm her waren, acht an der Zahl. Vor ihm ober war der Fluß. Es schien ihm, daß er verloren sei. Der Knecht sprach: „Habt keine Sorge, Herr, ich weiß eine Furt , ritt ein kurzes Stück flußaufwärts und führte ihn dann quer durch Das Wasser. Als die Feinde ankamen, standen sie vor dem tiefen äule und :rftert den, : er, Salb ffen; mit SirhenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zwar weiß ich nicht, wie oas geicyeyen wu, oenn ich wiu euch nichts Böses, aber ich verstehe ja manches nicht bet euch, und so wird es wohl sein, daß ihr euch hüten müßt vor mir Ich bin gern bei euch gewesen, denn ich war glücklich hier: ich habe nie gewußt, daß ein solches Leben sein kann, und wenn ich hätte bleiben dürfen, dann hätte ich immer noch mehr Schönes gesehen." Der Ritter sprach: „Du sagst es selbst, daß ich dich nicht bei mir behalten darf. Aber ich will dir wenigstens danken für deine Guttaten und deine Dienste, wie ich kann. Wähle, was du willst. Du sollst die Hälfte meines Besitzes haben, wenn du willst, denn meinen ganzen Besitz kann ich dir nicht geben, weil ich meine Familie ernähren muß und Pflichten gegen meinen Herrn habe im Kriegsdienst und sonstiger Hilfeleistung." Der Knecht schüttelte weinend den Kopf, dann sagte er: „Soviel brauche ich nicht, und ich will dir nicht das Deinige nehmen. Aber wenn du mir sechs Schillinge geben willst als Lohn für meine Dienstzeit, dann will ich dir dankbar sein." Der Ritter ging an seinen Kasten, schloß ihn auf, holte das Geld heraus und zählte es dem Knecht auf. Der nahm es, zählte es aus einer Hand in die andere, und nachdem er die Summe richtig befunden, gab er es dem Herrn zurück und sagte: „Weil ich dir mehr getan, als ich schuldig war, so bitt .1 ich dich noch um eine Liebe. Nimm das Geld und lasse dafür eine kleine Glocke gießen, und hänge sie oben im Turm deiner Kapelle auf, und laß diese Vallow Grey 3 Blue White Cyan Grey 1 Green Grey 2 Red Grey 4 Magenta Black 1 Tag ohne Besinnung so gelegen hatte, kerben werde. Der Knecht aber sagte zu Z/|\V ne Sorge, sie ist zu heilen. Man muß ihr .«eben, dann wird sie wieder gesund werden." Die beiden Knaben weinten und rieben sich mit der einen Hand die Augen, mit der andern hielten sie sich am Kollersaum ihres Vaters fest, und der rang verzweifelt die Hände und sprach: „Wir soll ich ihr die verschaffen!" „Ich werde sie Euch bringen", sprach der Knecht und ging fort: und nach kaum einer Stunde war er wieder im Rittersaal mit einem Krug, in dem er die Milch hatte. Der Herr ging mit ihm auf die Kammer der Kraulen, richtete die Verwirrte hoch und hielt ihr die Hande, das sie dem Knecht nicht das Gesäß aus der Hand schlug. Der goß Milch in eine Schale und setzte sie der Kranken an den Mund: die trank gierig, und schon im Trinken beruhigte sie sich, und als sie ausgetrunken, legte sie sich und sagte mit ihrer natürlichen Stimme: „Nun will ich schlafen", dann schlief sie ein und schwitzte während des Schlafes. Und als sie aufgewacht war, da fühlte sie sich gesund: sie blieb noch eine kurze Weile im Bett, aus Vorsicht, aber daun erhob sie sich, und es war, als ob nichts gewesen wäre. Nun aber wurde dem Ritter der Knecht noch unheimlicher. Er fragte ihn: „Wie hast du es gemacht, um die Löwenmilch zu bekommen?" Der Knecht antwortete: „Ich habe mich schnell nach Arabien versetzt, dort ging ich in eine Höhle, wo eine Löwin ihre Jungen säugte. Die nahm ich ab, dann gab mir die Löwin Milch." „So bist du wirklich ein Teufel", rief der Ritter und starrte den Knecht entsetzt an, die beiden Knaben aber verbargen sich ängstlich hinter ihrem Vater. Dem Knecht kamen die Tränen. Er sprach: „Ich habe immer in der Quelle gewohnt, immer habe ich das Wasser aus der Quelle getrieben und habe die Blätter des Waldes widergespiegelt, das ist so lange, wie der Berg steht. Dann hörte ich die Glocken, als ihr Menschen die Kirche gebaut hattet, und ich