Siebener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195$ Freitag, den 26. Januar uummer Z Jägerlied. Von Eduard M ö r t k e. Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee, Wenn er wandelt auf des Berges Höh: Zierlicher schreibt Liebchens liebe Hand Schreibt ein Brieflein mir in ferne Land In die Lüfte hoch ein Reiher steigt, Dahin weder Pfeil noch Kugel fleugt: Tausendmal so hoch und so geschwind Die Gedanken treuer Liebe sind. Or'e Erzählung von Thorstein Stangenhieb. Eine «ordgermanische Bauerngeschichte. Nach einer altisländischen Vorlage bearbeitet von Dr. Joh. Hoffmann. Im Sonnental wohnte Thorarin, ein alter Mann mit schwachen Augen. Er war Wiking gewesen in seiner Jugend und war auch im Alter noch umgänglich genug. Einen Sohn hatte er mit Namen Thorstein. Der war groß, kräftig und von ruhigem Wesen und arbeitete in der Wirtschaft des Vaters für drei. Thorarin ivar ziemlich arm, doch besaß er noch viele Waffen. Auch hielten Vater und Sohn ein Gestüt, und ihr Hauptverdienst bestand darin, daß sie Pferde verkauften, lauter gute Reit- und Kampftiere. Bjarni von Hof hatte einen Knecht namens Thord, der besorgte seine Reitpferde und hieß darum der Pferdethord. Er war ein übermütiger Mensch und ließ es manchen fühlen, daß er eines reichen Mannes Knecht war, ohne daß er selbst dadurch mehr wert oder beliebter wurde. Thorstein und Thord verabredeten einen Pferdekampf mit jungen Hengsten, und als die Hatz losging, da wollte Thords Hengst nicht ordentlich beißen. Thord mochte nicht dulden, daß sein Hengst im Nachteil war, und gab dem des Thor- stcin einen starken Schlag ans die Nüstern. Thorstein sah es und schlug zum Entgelt noch stärker auf das Pferd des Thord, so daß dieses unter lautem Beifall der Zuschauer Reißaus nahm. Da schlug Thord mit dem Pfcrdeholz auf Thorstein los: es traf die Braue und quetschte sie, daß das Auge verdeckt war. Thorstein riß einen Lappen von seinem Hemd, band die Braue in die Höhe und tat, als wäre nichts geschehen und bat die Leute, es seinem Vater zu verschweigen. Man gab Thorstein den Beinamen Stangenhieb. — An einem Wintermorgcn kurz vor dem Julfest brachen in Sonnental die Mägde zur Arbeit auf. Es erhob sich auch Thvr- stein und half Heu hereinschassen. Dann streckte er sich hin auf eine Bank. Der alte Thorarin kam herein und fragte, wer da läge. Thorstein sagte, er sei es. „Warum so früh auf den Beinen, mein Sohn?" fragte der Alte. Thorstein erwiderte: „Es ist so viel zu tun, daß es nicht leicht zu viele Hände werden." „Du hast wohl Kopfschmerzen, mein Sohn?" fragte Thorarin. „Nicht daß ich wüßte", versetzte Thorstein. „Was hast d umir zu erzählen, Sohn, von dem Pferdething im letzten Sommer? Wurdest du da nicht halb ohnmächtig geschlagen wie ein Hund?" „Es bringt keine Ehre", sagte Thorstein, „wenn du das Schläge nennst statt einen Unfall." Darauf Thorarin: „DaS hätte, ich nicht gedacht, daß ich einen Feigling zum Sohne habe!" Thorstein: „Sage lieber nichts, Vater, was dich später gereuen könnte!" Thorarin erwiderte: „Wie mir zumute ist, ist bald gesagt!" Da stand Thorstein auf: er nahm seine Waffen und ging aus dem Haus. Er ging bis zu dem Pferdestall, in dem Thord die Pferde Bjarnis stehen batte. Thord. war gerade darin. Er trat zu ihm und sagte: „Ich möchte wissen, lieber Thord, ob cs aus Versehen geschehen ist, als ich letzten Sommer auf der Pferdehatz von dir einen Hieb bekam, oder mit Absicht. In diesem Falle wirst du bereit sein,"mir Entschädigung zu geben." Thord antwortete: „Du hast ja ivohl zwei Backen: Stecke deine Zunge zuerst tnjne eine und dann in die andere 11116 nenne es auf der einen Seite ein Versehen, auf der anderen Ernst. Das magst du als deine Entschädigung betrachten." „Mach dich darauf gefaßt", tagte thorstein, „daß dies meine letzte Forderung an dich war": er sprang aus ihn zn und versetzte ibm den Todesstreich. Dann wandte er tich zum WvhnhaiUe in Hof, traf draußen eine Frau und sagte zu ihr: „Melde Bjarni, ein Rind bat seinen Pserdeinngen gestoßen, und er erwartet ihn im Stalle." Die Frau erwiderte: „Geh nur um i Hause, Manu! Ich melde es, so bald es mir gut dünkt." Thorstein ging heim und die Magd an ihre Arbeit. Am selben Morgen stand Bjarni auf und als er am Tische saß, fragte er, wo Thord wäre. Die Leute antworteten, er werde zu den Pferden gegangen sein. „Er wäre aber doch wohl jetzt nach Hause gekommen, wenn er gesund wäre", sagte Bjarni. Da ergriff die Frau das Wort, die Thorstein begegnet war: „Es ist doch wahr, was man uns Frauen so oft nachsagt, baß bei uns nicht viel Verstand ist. Heute früh war Thorstein Stangenhieb hier und sagte, ein Rind habe Thord gestoßen, so daß er sich selbst nicht helfen könne. Ich wagte nicht, dich zu wecken, und später habe ich es vergessen." Bjarni stand auf, ging zum Pferdestall und fand Thord erschlagen. Die Leiche wurde darauf beerdigt. Bjarni erhob die Klage und erreichte, daß Thorstein wegen des Totschlags geächtet wurde. Thorstein aber blieb zu Hause im Sonnental und arbeitete für seinen Vater. Trotzdem verhielt sich Bjarni ruhig. — So ging es bis nach dem Julfest. Da ergriff eines Abends Rannveig, als Bjarni und sie zu Bette gingen, das Wort. „Was meinst du?" sagte sie, „worüber spricht man jetzt am meisten im Bezirk?" „Ich weiß nicht", antwortete Bjarni, „auf der Leute Reden gebe ich nicht viel." „Der gangbarste Gesprächsstoff ist jetzt der: die Leute fragen sich, wie Thorstein Stangenhieb es anstellen müsse, damit du eine Rache an ihm für nötig hältst. Er hat doch deinen Knecht erschlagen. Deine Thingleute verlieren das Vertrauen zu dir, wenn das ungerächt bleibt. Die Hände in den Schoß legen heißt, sie am falschen Ort hinlegen!" Bjarni entgegnete: „Es ist gegangen nach dem Worte: wenige lassen sich warnen durch anderer Unfall. Aster ich willfahre dir schon in allem was du sagst. Uebrigeus hat Thorstein ihn kaum unverdient erschlagen." Mehr sprachen sie nicht und schliefen die Nacht durch. Am Morgen erwacht Rannveig, als Bjarni seinen Schild von der Wand nahm, und fragte, wohin er gehe. Er antwortete: „Jetzt muß es sich entscheiden zwischen mir und Thorstein im Sonnental, wer angesehener bleibt." „Wicviele werdet ihr sein?" fragte sie. „Ich will nicht große Mannschaft zusammenziehen gegen Thorstein", erwiderte er, „ich nehme niemanden mit." „Tu das nicht", sagte sie, „geh nicht allein vor die Klinge des Höllenkerlsl" Bjarni sagte: „Du wirst es nicht machen mit mir wie jene Frauen, die heute über etwas weinen, wozu sie gestern antrieben. Ich lasse oft deine Hetzreden lange über mich ergehen: bin ich aber einmal entschlossen zur Tat, so nützt es nichts, mich zurückzühalten." Bjarni ritt ins Sonnental. Thorstein stand vor der Tür und sie wechselten wenige Worte. Bjarni sprach: „Du sollst heute mit mir zu in Zweikampf antreten, Thorstein, auf dem Hügel hier vor dem Hause." Thorstein erwiderte: „Dazu fehlt es mir an allem, mich mit dir zu schlagen. Aber ich will ins Ausland reisen, sobald ein Schiff geht. Ich kenne deine wackere Gesinnung und du wirst dich meines Vaters annehmen, wenn ich fortgehe." Bjarni sagte: „Ausreden verfangen jetzt nicht." Thorstein: „Dann wirst du mir doch erlauben, vorher mit meinem Vater zu sprechen." Bjarni: „Gewiß!" Thorstein ging ins Haus und sagte seinem Vater, Bjarni sei gekommen und fordere ihn zum Zweikampf. Da erwiderte der Alte: „Wer mit einem Mächtigeren zu tun hat, der im selben Bezirk sitzt, und ist ihm zu nahe getreten, der muß darauf gefaßt sein, daß er nicht mehr viele Hemden verbrauchen wird. Du hast genug Ursache gegeben, und ich kann dich deshalb nicht beklagen. Nimm also deine Waffen und wehre dich so schneidig rote möglich. Zu meiner Zeit wäre ich vor so einem wie Bjarni nicht gewichen. Bjarni ist freilich ein gefährlicher Gegner. Aber ich will lieber dich verlieren als einen Feigling zum Sohne haben!" Thorstein ging hinaus. Sie traten auf den Hügel und begannen sich kräftig zu schlagen, so daß die Schilde auf beiden Seiten arg zerhauen wurden. Als der Kampf lange gedauert hatte, sagte Bjarni zu Thorstein: „Mich fängt an zu dürsten, denn ich bin an diese Art Arbeit nicht so gewöhnt". „Dann geh zum Bache und trink", sagte Thorstein. Bjarni tat es und legte das Schwert neben sich auf den Boden. Thorstein hob es auf und sagte: „Dieses Schwert hättest du im Kampfe in Bödvarstal nicht brauchen können." Bjarni antwortete nichts. Sie gingen wieder auf den Hügel hinauf und stritten eine Weile weiter. Vj-krnt fand den Gegner kampfiüchtig und feinen Widerstand härter, als er sich gedacht hatte. „Allerding stößt mir heute zu", sagte er, „jetzt ist mein Schuhband losgegangen." „So binde es dir wieder fest!" sagte Thorstein Nun bückte Bjarni sich nieder, und Thorstein ging inzwischen ins Saus und holte zwei Schilde und ein Schwert. Er kam auf den Hügel zu Bjarni und sagte: „Hier sind Schild 1 6 Schwert, die schickt dir mein Vater: dies Schwert wird durch die Hiebe gewiß nicht mehr abgestumpft als dein altes. Ich selbst mag auch nicht länger Er will der Erste sein, der den Turm entdeck.. Das Dorf hier heitzt wohl Tresmes oder so ähnlich. Die Einwohner geflohen. Rechts, ein wenig zurück, steht ein gutes, großes und sauberes Haus. Unter den Herdringen in der Küche ist noch Feuer. Nicht ausgelöffelte Teller stehen umher. Solche böse Hunnen sind wir ja gar nicht, daß wir das verdienen. Es soll heute endlich mal wieder ein besieres Abendbrot werden, mit weißen Tischtüchern und Tellern aus Porzellan. Wir erlauben uns, der abwesenden Hausfrau vorzugreifen, decken frisch und beziehen die geplanten Betten neu. Auf Paris stoßen wir an und gehen früh schlafen. Ach, wie herrlich liegt es sich in den federnden Betten! Kühl und weich sind sie. Nackt schläft man. Die Haut brennt und juckt von dem vielen Schweiß. Der Eiter in den Zehen tuckt. Aber um zwölf Uhr nachts, kurz vor Mitternacht, schlagen harte Fäuste an die Türen: „Alarm! Sofort fertig machen!" Der Hauptmann hat eine sehr verschlafene Stimme und sagt zu Schlaftrunkenen ein paar Worte: „Ein Nachbarkorps ist aus den Pariser Werken heraus angegriffen worden. Es hat Artillerie verloren. Wir sollen ihm helfen." Gut. Denn wollen wir ihm helfen. An den Postenlöchern unter der Pappel vorbei. An den blauroten Fray-Bentosbüchsen und den leeren Flaschen vorbei. Dieselbe endlose Straße zurück, die wir gestern nachmittag hierher gekommen sind. Wie kann ein Korps nur Artillerie verlieren? Unser Korps hat doch noch keine verloren. Da steht halblinks ein Stab am Scherenfernrohr. Vielleicht ist das der Anfang des bedrohten Korps! Er beobachtet in der Richtung, aus der wir kommen. Wir werden in den Straßengraben gewinkt. Das ist ja überhaupt unser Divisionsstab, Exzellenz und der la, der dicke Graf. Unser Hauptmann meldet sich und sieht auch durch das Scherenfernrohr. Da soll zu sehen gewesen sein, daß aus den Wäldern hechtblaue Massen in die Täler hinabquollen. Wir muff en dicht vor ihnen gegeffen und geschlafen haben. ~ Es stehen plötzlich zwei weiße Bälle über dem Stab. Kaum, daß man sie hat kommen hören. Der Qualm treibt über uns hinweg durch die Zweige der Pappeln. Ein ärgerlicher Zwischenfall, häßliche Störung. Vielleicht der Anfang der Schlacht um Paris? Sergeant Kalewe sucht mit dem Glas nach dem Euffel. Und kann ihn noch immer nicht finden. Es ist doch so unheimlich und seltsam, daß der Hauptmann kommt und die Lage erklärt. Alles sei in bester Ordnung. Gleich ginge es auch wieder vorwärts. An diesem Tage wird ihm zum erstenmal nicht mehr geglaubt. Wir ziehen in den Grund. Durch eine Stadt, in der viele Kolonnen kreuz und quer unterwegs sind. Vielleicht heißt sie Meaux. Wir denken, wir seien, wie immer, vorn. Aber hier kreuzen wir uns mit Korpsbrückentrains. Die große Bagage eines Kavalleriekorps kommt neben uns zurück. Artillerie überholt uns int Trab. Wir überschreiten einen nicht all zu breiten Fluß auf einer steinernen Brücke. Marne heißt der Fluß. Wir werden an einen buschigen Hang gelegt. Granaten krachen auf die Brücke. Weiße Bälle stehen über dem Fluß. Maschinengewehrwagen jagen im Galopp durch das Feuer. Rechts von uns gehen die Musketiere den Hang hoch. Irgendwo ganz dicht vor uns knackt es unaufhörlich, als müßten wir das Feuer in die Augen bekommen. Nun hämmern unsere Maschinengewehre. Ein schweres Gefecht ist rechts von uns im Gange. Jedenfalls ist die Aktion jetzt im Laufen. Immer was wert und besser als die Spannung. Oben dicht vor dem Hang, liegen die Musketiere in Kuffeln und Ginster. Sie schießen unaufhörlich in die Kuffeln und Ginster, die ihnen gegenüberliegen, und können doch nicht viel sehen. Sie haben unter dem Artilleriefener, das hastig und erregt klingt, Verluste wie noch nie. Die drüben wissen genau, wo das Reaiment liegt und schießen haarscharf. Da kommen ja die eigenen Truppen schon raus aus dem Wald. Man bloß, daß diese eigenen Truppen bunte Stickerei auf den Hosen, die Offiziere Käppis und wehende Pelerinen haben. Diese eigenen Truppen, das sind Zuaven. Herr Hauptmann, Herr Hauptmann! Die greifen noch butt an, die Zuaven, laufen aus dem Wald in die Heuhaufen und macken richtige Sprünge. Der Hauptmann hat Ruhe und wartet, bis sie weiter vom Wald ab sind. Jetzt schreit er schrill. Sergeant Kalewe brüllt es von Ufer zu Ufer nach. Wenn die Zuaven das hören, buchsen sie ab. Pioniere sind Handwerker, Fischer, Schiffer und Bauern. Sie schießen langsam, aber genan. Große, bunte Blumen sind zwischen den Heuhaufen. Einen Spritng machen die Zuaven noch. Dann bleiben sie hinter den Heuhaufen liegen. Einige laufen zurück. Kommen aber nickt weit. Hinter einem Haufen beobachten drei Offiziere. Der Hauptmann nimmt sic mit seiner Gruppe unter langsames Feuer. Er schoß immer 10, 11, 12, 11, 12. ohne Schild deinen Hieben standhalten. Uebrigens möchte ich jetzt gern das Spiel beenden, denn ich fürchte, dem Gluck ist mächtiger als mein Unglück. Jeder hängt am Leben, so lange er kann. Losbitten Hilst hier nichts", sagte Bjarni. „Es wird werter gekämpft." „Ich will nicht den ersten Hieb haben", sagte Thorstem. Ta schlug Bjarni ihm den ganzen Schrld weg. Dann Thorstem Bjarni ebenso. „Das war ein mächtiger Hreb . sagte Biarni. Thorstein versetzte: „Deine sind nicht weniger nrachtm- V,arni. „Das Schwert, das du von Anfang an gehabt hast, schneidet letzt besser." Thorstein: „Ich möchte mich vor Unheil hüten, so lange ich kann, und mit Bangigkeit schlage ich auf dich em. ,,ch bin noch jetzt bereit, alles deinem Urteil zu überlassen. Nun war Bjarni an der Reihe, einen Hieb zu tun, und beide standen ohne Schild da Da sagte Bjarni: „Das wäre eine schlechte Bezahlung, wollte ich glücklichen Zufall mit Uebeltat vergelten. Ich betrachte menten Knecht als voll ersetzt, wenn ich dich bekomme und du mir treu fein willst." Thorstem sagte: „Heute hätte ich genug Gelegenheit gehabt, dich zu verraten, wenn ein mächtiger Unfern über mir gewesen wäre als Heil über dir. Ich werde dich auch künftig nicht verraten." „Ich sehe, du bist mehr wert als andere .fast6 Bjarni. „Jetzt wirst du mir erlauben, daß ich zu demem Vater hinem- gehe und ihm erzähle, was mir gut dünkt. „Meinetwegen gehe hinein, wenn du willst", sagte Thorstein, „doch fet vorstcktig! - Bjarni trat an die Schlafkammer, in der der alte ^.horarin laa Thorarin fragte, wer komme, und Bjarni nannte fentert Immen „Was hast du zu melden, lieber Bjarni?" fragte Thorarin. „Den Tod deines Sohnes Thorstein", versetzte Bjarni. „Hat er sich wenigstens einigermaßen gewehrt?" kragte Thorartn. „Nie, glaube ich, hat einer schneidiger dte Waffen geführt als Thorstem, dein Sohn." „Nicht zu verwundern", sagte der Alte, „daß es deinen Gegnern schwer fiel, im Bödvarstal, wenn du meinen Sohu überwunden hast." Da sagte Bjarni: „Ich lade dich em nach Hof, du sollst dort im zweiten Hochsitz sißen, so lange du lebst, und ich will dir an Sohnes statt stehen." „Mir geht es wie denen", sagte der Alte, „die nichts zu verlieren haben. Nur der Dumme freut stch über Versprechungen. Eure Versprechungen, wenn ihr nach sol- | chcm Vorfall einen etwas aufmuntern wollt, trösten gerade auf einen Monat. Nachher sind sie um nichts besser als die von uns armen Schluckern und so bleibt unser Leid lange frisch. Aber freilich, wer so etwas mit Handschlag zugesichert erhalt von einem Manne wie du, der mag wohl zufrieden sein, was man auch jagt. So will ich diese Zusicherung denn auch von dir annehmen. Komm heran an mein Bett! Du mußt schon nahekommen, denn du stehst, der Alte bebt an Händen und Füßen vor Alter und Krankheit, und zu glauben ist auch, daß der Tod des Sohnes nur ä» schaffen macht." Bjarni trat vor das Bett und nahm den alten Thorarin bei der Hand. Da merkte er, daß der Alte nach einem Messer griff und nach ihm stechen wollte. Er drückte seinen Arm beiseite und rief: „Du elendester aller Lumpenkerle! Nach Verdienst werde ich nun mit dir verfahren. Dein Sohn Thorstein lebt, und er soll zu mir nach Hof ziehen. Du aber sollst Knechte bekommen zur Arbeit und es soll dir an nichts fehlen, so lange du lebst. Thorstein zog mit Bjarni nach Hof und diente ihm bis zum Todestag. Es hieß allgemein, fast keiner käme ihm gleich an wackerem Sinn und Rüstigkeit. Sergeant Kalewe in der Marneschlacht. Von Ulrich Sander. Von dem, was uns Heutigen das Erlebnis der großen Kriegszeit bedeutet, gibt das Buch „Pioniere" von Ulrich Sander überraschend nette Kunde. Wir veröffentlichen aus diesem mit reifer Männlichkeit geschriebenen Buch mit Erlaubnis des Verlages Eugen Diederichs den nachfolgenden Abschnitt. Sergeant Kalewe fragt: „Herr Fähnrich! Wann kriegen wir den Turm zu sehen?" „Welchen Turm?" „Na, den Eusfelturm. Oder wie er heißt!" Ja, wann werden wir ihn zu sehen bekommen? Vater hat zu Hause einen Führer durch Paris. Mau hätte ihn sich schicken lassen sollen. Mau wäre bann im Bilde. Montdidier ist eine verschlafene Kleinstadt mit einem grasbewachsenen Marktplatz, an dessen rechter Seite ein Haus steht, in dem es köstliche Birnen gibt. Jetzt scheinen sich die anderen doch zu melden, denn die Kolonne stockt immer wieder, und es sind sehr viele Reiter unterwegs. Ein Glück, daß die Kolonne nun gerade stockt, wenn die Pioniere auf dem Markt zu Montdidier sind. Uebrigens gibt es in Montdidier ein Hans am Marktplatz, das unterkellert ist. Die Bagage hat Sekt. Und was für Sekt! „Fähnrich, nun müssen wir doch wohl bald den Euffel zu sehen bekommen. Oder wie er sonst heißt?" fragt Sergeant Kalewe. Das „Herr" haben wir uns abgemacht, denn wir marschieren ja nun nebeneinander, ein kriegsfreiwilliger Sergeant „für Mo- torzwecke" im Alter von sechsnndfünfzig Jahren und ein studierter Fähnrich, der immer schlanker wird, der in langen Hosen marschiert und mit völlig vereiterten Zehen in weißen Tennisschuhen auf Paris losgeht. Auch diesen und den nächsten Tag geht cs ohne Schuß weiter. Tag und Stunde tun nichts zur Sache, aber es will gerade dunkel werben, da kommt die Kompanie an glimmende Feuer mit leeren Fray-Bentosbüchsen. Postenlöcher unter einer Pappel, Flaschen und blaurotes Blech. Wunderschöne, alte Wälder ringsum, die Landschaft voller Licht und Duft. Sergeant Kalewe hat sich mit einem Glas auf die nächste Höhe begeben und sucht den Horizont nach dem „Euffel" ab. Es wirb still hinter dem Heuhaufen. Man mutz sich eingraben, denn es gibt Dunst. Sie schießen drüben, dah die Hetzen fliegen. Man mutz die Nase tn den Lehm drücken. Es ist nicht unehrenhaft. Abends wird es endlich stiller und kühler. Um acht Uhr vormittags reiten links bunte Schwadronen herum, aber wir können sie nicht langen. Der Hauptmann schickt zur Artillerie. Unten im Grund soll es böse aussehen. Um neun bekommt der Hauptmann einen Befehl. Die Musketiere rechts sind mit einem Male nicht mehr da. Wir sollen einzeln zum Hang zurückkriechcn, wie wir es gelernt haben. Der Hauptmann nennt es „robben". Unten im Grund sammeln. Unten im Grund sieht es böse aus. Wahrhaftig. Die Staubwolke da hinten, das sind die Batterien. Es liegen Tote herum. Vor der Brücke zerschossene Wagen und tote Pferde. Die Gewehre muß man doch mitnehmen. Sie sind doch Königlich Preußisches Eigentum und dem Soldaten heilig. Es bleibt alles liegen. Auch die Toten und die Gewehre. Der Hauptmann drängt zur Eile, zu einer merkwürdigen Eile. Wir sind ganz allein im Grund. Die Brücke steht noch, hat aber viel abgekriegt. Der Fluß heißt Marne. Gegen Abend wälzt sich die Division weiter. Gut, dgtz man keine Karte bat. Die Richtung ist falsch. Gut, daß sich der Himmel bezogen hat. War marschieren ja ins Verderben. In Richtung auf die Heimat, die noch nicht weiß, daß ein Volk in diesem Augenblick seinen schweren Krieg verloren hat. Sie haben zu Hause noch alle glänzende Augen und viel Hoffnung. Marschieren, marschieren, marschieren. Abend und Nacht, immer marschieren. Bei kurzen Rasten fällt die Mannschaft zwischen den Gewehrpyramiden zusammen. Kalewe ist wieder mit dem Glas nach dem Euffel im Gange. Er kommt mit ganz bösen Augen zurück und sicht den Fähnrich von der Seite an. „Fähnrich!" „Was ist, Kalewe?" „Nu werden wir ihn wohl nicht mehr zu sehen kriegen! Den Euffel, oder wie der heißt." „Nein, Kalewe, vorläufig wohl nicht mehr." Tanz und Cper. Von Hans Brandenburg. Tanz ist die Urzelle alles Theaters. — Zu diesem kleinen Er- kcnntnissatze gipfelte sich mir vor Jahren eine Schrift über den Tanz auf, und aus ihm erwuchs mir dann, wie ein Baum aus dem Keim, ein viel umfassenderes Werk „Das neue Theater" (Hacffel, Leipzig). Der Satz schloß Voraussetzungen und Folgerungen in sich ein, die sich inzwischen theaterwissenschaftlich und noch mehr in der lebendigen Theaterentwicklung der Gegenwart ansgewirkt haben. Es gab wieder eine neue Tanzkunst, und es will wieder werden ein neues Theater. Nie haben wir das hohe Beispiel der Griechen vergessen können, bei denen das Theater eine zugleich politisch-nationale und religiös-kultische Angelegenheit war, die dennoch, auch im Grauen der Tragödie, des chorischen Reigenschrittes bedurfte,' aber auch alle weiteren großen Formen des Theaters: das mittelalterliche Mysterium und die Autos sakramentales des Calderon, die Commedia dell’ arte so gut rote Shakespeare gingen aus Fest, Umzug, Aufmarsch, Zeremonie, aus dem tänzerisch bewegten mimischen Leben des ganzen Körpers hervor, und heute noch zeigen uns die Japaner, aber auch sämtliche Naturvölker, wie die Tanzbewegung, wie das Rhythmische allenthalben der Ursprung und bleibende Grunüzug theatralischer Darstellung ist. Hier soll nicht davon die Rede sein, daß ein Wiedererwachen der Tanzkunst auch das Wortörama neu beleben und neue Spielformen und Spielrahmen hervorbringen muß, daß Raum und Bewegung endlich die Grundelemente eines werdenden nationalen Theaters sein möchten, sondern es sei nur auf jenes Theatergebiet hingcwiesen, das mit der Bühnenbehandlung die Musik vermählt und darum noch ganz besonders, und vor allem anderen, ein tänzerisches Wesen zeigt: auf das Gebiet der Oper. Eine Handlung, zu der Musik ertönt, ist keine naturalistische Handlung, ihre Szenerie ist nicht die bürgerliche Welt, und ein singender Schauspieler kann nicht ein Abbild und Vertreter unserer alltäglichen Wirklichkeit fein. Die Oper ist denn auch erst in der tänzerisch bewegtesten aller Kulturepochen, im Barock, zu Blüte und Herrschaft gelangt, sie ist unmittelbar aus höfischen Festen entstanden, sie allein hat die Form unserer Bühne bestimmt, die auch ihre größten Reformatoren. Gluck und Wagner, nicht angetastet haben, und hat diese Vühnenform soaar dem Schauspiel aufgezwungen. Mit der Oper, die von allem Bühnenspiel noch immer die größte Anziehungskraft besitzt, ragt das Barocktheater unmittelbar bis in unsere Zeit hinein, und Wagner, der sie bekämpfte, ist mit seinem Musikörama weniger der Ueberwinder, als vielmehr der Reiniger, Erfüller, Vollender, Zusammenfaffer der großen und großartigen barocken Ueberlieferung und ihrer vorher nie dagewesenen Schöpfung: des musikalischen Tbeaters. Nur in der Oper und im Opernhause steht also das Theater noch auf festem, gesichertem, überkommenem Boden. Dies aber soll nicht heißen, daß sie ihn nicht immer neu erobern mutz, daß sie auf ihm verstauben, verknöchern und einschlafen darf. Eine Opcrn- auffuhrung des achtzehnten oder auch erst des neunzehnten Jahrhunderts wäre uns nur ein kulturhistorisches Kuriosum und künst- leriich unerträglich. Mögen die Kämpfe für das neue Theater noch so sehr anderen Formen gelten — sie können auch an der Oper nicht spurlos vorübergehen, ja gerade ihr können die tänzerisch chorischen Errungenschaften dieser Kümpfe am schnellsten und leich- testen zugute kommen. Die Tanzform des musikalischen Barock, das Ballett, ist überlebt und ersetzt, und uns will scheinen, daß sich das hervorragend Tänzerische jener Epoche mehr in einem unerhörten Bewegungsleben von Klängen, bildnerischen Werken, Gesellschaftsformen, perspektivistischer Malerei und Architektur, Szenerien und Kostümen ausgelebt und ausgetobt hat als in den Gesetzen des Körpergeftthls, die sich zwischen den überladenen und tauschungsvollen Dekorationen auch nur einseitig entfalten können, ja vielmehr entstellen und verzerren mußten. Unser Oprn-Guckkasten ist, mit jener Zeit verglichen, arm an Erfindungen, an Pracht und Glanz, an Märchen und Bildern, Traumen und Räumen geworden. Dafür jedoch haben wir „den Raum entdeckt, das Licht und den bewegten Körper, und wir dürfen und müssen unsere uns eigentümlichen Mittel nicht nur mit dem selben Recht benutzen, sondern wir können in ihnen sogar ein neues Barock, den Tod und die Anferstehung des Barock, das ewig deutsche Barock erkennen und feiern. Die Oper M o - zarts tft nicht nur Rokoko — sie ist bas deutsche Singspiel, das auch uns noch zu verwirklichen bleibt. Der neue Tanzgeist hat uns a «6 e 18 wiedergeschenkt. In dem großen Gluck, dessen Reformationswerk den Tiefen des deutschen Griechentums entsprang, haben auch die tänzerischen Erneuerungsbestrebungen unserer Zeit angeknüpft: immer wieder war es sein „Orpheus", an dem man, seit Hellerau, diese Bestrebungen erprobte und geradezu demonstrierte, bis die Dresdner Staatsoper im gleichen Hellerauer Festspielhaus auch des Meisters „Iphigenie in Aulis" und „Alkestis" aus dem Willen zum neuen Theater zum neuen Leben erweckte. Nietzsche forderte die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geist der Musik, aber das hieße nichts anderes, als daß sich dieser Geist verleiblichen müfle, und Richard Wagner hat unsere Regisseure gezwungen, auch die alte Oper umzudenken, tm neuesten Darstellungsstil umzuschaffen. Gerade auch er hat nach dem Tänzer gerufen. Cosima Wagner hat sein Werk fortgesetzt, indem sie nicht zuletzt zur mimischen Körperbewegnng zu erziehen suchte, und ihre geniale Schülerin Anna Bahr-Mildenburg, hat ihr Leben lang durch Beispiel und Unterricht gelehrt, daß der singende Darsteller die Musik in rhythmischer Gebärdensprache dramatisch schaubar machen muß. Folgerichtig ist Bayreuth dann auch dazu gelangt, den VenuSberg im Tannhäuser der choreographischen Gestaltung durch Rudolf von Laban zu übertragen. Denn wohl war die künstlerische Dynastie Wagner immer auf demselben und einzig richtigen Wege, nur fehlten der Zeit des Balletts noch gänzlich die musikdramatisch-tänzerischen Darstel- lungskrüfte. Diese sind der Oper erst mit der modernen Tanzkunst gegeben worden, die man in England noch immer schüchtern und schamhaft die „zentraleuropäische" Tanzkunst nennt, um sie nicht schlicht und ehrlich die deutsche Tanzkunst zu nennen, die sie ist. Wohl sind ihr von Osten und Westen Anregungen gekommen, und Bayreuth hat durchaus recht daran getan, auch Isadora Duncan zu ihrer Zeit heranzuziehen, allein die Deutschen sind hier, wie so oft, nicht die Erfinder, aber die Durchgcstalter und schöpferischen Beleber einer neuen Formenwelt geworden. Was als Keim zu uns kam, ist erst bei uns aufgegangen und gewachsen. Es geht längst als reiche Saat wieder in alle Welt, doch die Ernte muß vor allen Dingen nicht am wenigsten uns selbst verbleiben und so auch unserer nationalen Opernbühne. Ein Geschlecht junger Tänzer ist herangediehen, viel zu zahlreich, um sich, noch dazu in dieser Zeit der Armut, solistisch betätigen zu können. Es drängt zum Theater, das nicht nur die Urzelle, sondern auch erst die wahre Erfüllung des Tanzes ist. Und man kann in diesen Tänzern nicht mehr die weichlichen Ausüber einer Amüsierkunst erblicken — man denke nur an das Dämonische, Heroische, Opfermütigc und dem Führer Dienende des neuen Tanzes, der ja auch endlich wieder den wahrhaft männlichen Tänzer kennt. Laban hat eine Choreographie geschaffen, die für den Tanz dasselbe bedeutet, wie die Notenschrift für die Musik und die es ermöglicht, die körperliche Bewegung partiturmäßig auf das reichste und exakteste der musikalischen Bewegung — der Bewegung der Töne — zu verbinden. Wir meinen gewiß nicht, datz nun jeder Opernsänger ein Tänzer sein soll. Allein jede Oper braucht eine Tanzgruppe, der in unserem neuen Geiste die Aufgaben des alten Balletts zufallen, das ja auch nicht nur für die Tanzeinlagen da war, sondern bewegtes Volk darzustellcn hatte. Sodann aber braucht der Chor eine tänzerische, zum mindesten bewegungschorische Schulung, sonst ist er kein Chor, sondern nur singende Statisterie. Nnd der Solist braucht unbedingt tänzerisches'Wesen, tänzerische Haltung, die geübte Fähigkeit, mit dem ganzen Spiel um ihn herum ans dem Rhythmus heraus innerlich und äußerlich bewegt zu sein, daß seine Stimme in Gesang und Wort eins mit seiner Gebärde, daß sie eine Funktion seines ganzen Körpers ist, der gleich ihr von der Musik durchdrungen und getragen fein muß. Wenn schon der Schauspieler seinen Körper zu beherrschen hat — wieviel mehr noch muß man dies vom Bühnensänger verlangen, für den selbst Pause und stummes Spiel niemals nur psychologisch motiviert, sondern eine formale dramatische Tolge, ein rhythmisch genau geregeltes zeitliches Geschehen im Raum sind? Die alten dekorativen Zauberkünste der Oper mögen modern und stürzen: ewig blcilu die tämeruche Veseffenbeit dieser Form, und ewig bleibt da? Spiel, das menschliche Lcid^n'chaft-'n, m«ftfeer