GietzenerKimilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <954 Montag, -en 25. Juni Nummer 48 Am Meer. Von Hans Leifhelm. Wogenrollend in die Abenbglut Dehnt sich uferlose Wasserflut. Dünenabwärts steht ein Tannenstrich Wie im Traum versunken still in sich. Lauscht dem Sang, der dumpf aus Tiefen scholl. Urweltahnend und geheimnisvoll. Sendet Antwort, die hinunter dringt, Wo sein Spiegelbild zum Grunde sinkt — Graues Meer und dunkle Taunenschar, Zwiesprach halten sie schon manches Jahr. Tausend Jahre werden sie noch sprechen, Städte, Länder werden morsch zerbrechen. Lores Brautfahri nach Süd-West. Eine Erzähluug aus dem alte« deutschen Kolonialland. Von Lydia Hoepker, Okurusu, Südwestafrika. Das Zügle verschwand ratternd und rauchend in der unend- lchen Weite des Horizontes. Lore stand auf einer einsamen, von Sonnenglut übergossenen Haltestelle von Südwestafrika. Ihr Ge- sück, das ihr ein hilfreicher Mitreisender herausgereicht hatte, lag um sie verstreut. Suchend sah sie sich um. Da kam auch schon ein langer Herr. Er hatte eine weiße Jacke an und trug eine saubere jihakihose mit einigen großen Flicken aus blauem Kattun auf dem Hinterteil und den Knien. Höflich zog er seinen mit einer Strau- senfeder geschmückten Hut und überreichte ihr einen Brief mit ttnem Strauß roter Rosen. Einige andere Eingeborene, nicht so rornehm angetan, die auf ihren schwarzpolierten Körpern nur tnen Lendenschurz trugen, folgten ihm. Einer davon, der aussah, «ls wenn er jeden Tag ein gutgenährtes Kind zum Frühstück verehrte, wollte ihr die Handtasche, die sie hielt, entreißen. Sie ließ cber nicht los. Da gab er gutmütig den Kampf aus und hob Lores shweren Koffer, als habe er kein Gewicht, auf die Schulter. Das kanze Gepäck brachten die Schwarzen nach einer nahestehenden tchsenkarre. Die schlanke, blonde Lore hatte die weite Reise übers Meer zu ihrem Verlobten gemacht. Morgen sollte die Trauung auf der farm sein. Und nun war ihr Liebster nicht mal hier, um sie ab- zuholen. Enttäuscht setzte sie sich auf einen umgefallenen Baum- siamm und öffnete den Brief. Ihr Gesicht hellte sich wieder auf. Sie las so viel liebe Worte und spürte seine Sehnsucht darin. Kurz bevor die Karre von der Farm abfahren sollte, habe ein Birbelsturm den Windmotor beschädigt. Gerd mußte ihn schleunigst reparieren, sonst hatte das Vieh kein Wasser. Das Ivar Afrika, und Lore bekam gleich den richtigen Begriff. „Sehr einsam", dachte Lore seufzend! „Hier ist die Welt zu knde!" Der Eingeborene, der ihr den Bries gebracht hatte — er h etz Samuel —, holte nun die Ochsen und spannte sie mit Hilfe der anderen Schwarzen mit vielem Geschrei ein. Lore stand dabei rnd sah zu. Samuel nahm eine kleine Kiste von der Karre und erklärte Lore in zwar mangelhaftem Deutsch, doch mit einer sehr ausdrucksvollen Mimik, daß sie essen solle: Er schlug sich auf den S auch, riß das Maul auf und zeigte mit dem Finger hinein. Lore sichte schon wieder getröstet, schüttelte aber den Kops, da sie nicht hungrig war und kletterte auf die Karre. Dort war ein Liege- s'uhl mit Kissen zu einem beguemen Sitz hergerichtet. Sie spürte d e sorgende und liebende Hand ihres Verlobten und kam sich ireniger verlassen vor. „Wopp!" schrie Samuel und schwang die g'vße Peitsche. Die Ochsen zogen an, und los ging’S weiter nach Afrika hinein. |i Der Busch war grün, und bunte Vögel und Papageien wiegten sich in den Zweigen. Lore betrachtete erwartungsvoll und kindlich ei freut ihre Umwelt. Die munteren Erdmännchen mit ihren buschigen Schwänzen machten ihr besonderen Spaß. Sie sausten inmer eiligst über die Pad und verschwanden in irgend einem Loch. Manche blieben stehen und machten ein Männchen. Ein paar Strauße schaukelten mit ihrem wiegenden Gang einher. Sie reckten ihre lange Hälse und äugten nach der Karre. Samuel machte Lore aus alles aufmerksam. Sie hatte nicht seine geübten Augen und mußte das Sehen im Busch erst lernen. Einmal sprang er von der Karre und holte ihr eine grpße Schildkröte, die langsam über die Pad zog. Er wollte sie mit nach Hause nehmen und töten, aber sie wünschte, daß er ihr wieder die Freiheit gab. Eine Schar Perlhühner flog mit großem Geschrei beim Nahen der Karre auf. An schattigen Kamelöornbäumen fuhren sie vorbei, rote Lilien und silberweiß blühende Büsche schmückten das Feld. Die Sonne war am Sinken. Samuel drehte sich um und deutete mit der Peitsche iu den Busch. Dort sah Lore ein liebliches Bild. Eine kleine Antilope stand da und säugte ihr Junges. Ruhig schaute sie mit ihren schönen braunen Augen nach den Menschen. Einer von den Schwarzen brachte Holz und machte Feuer, und i Samuel kochte Tee für die „Missis". Er legte ebne Decke auf den Boden und stellte ihr die Proviantkiste zurecht. Diesmal lehnte sie nicht ab, sondern aß mit gutem Appetit die Farmprodukte: Quark, Eier, Butter und gebratenes Perlhuhn. Die Schwarzen kochten sich Maismehl, nahmen die Jochscheite, langten damit in den Brei und leckten ihn ab. Samuel hielt sich für verpflichtet, Konversation zu machen. Lore war eben damit beschäftigt, frisch einzugießen, da wäre ihr fast der Kessel aus der Hand gefallen, denn hinter einem dicken Baumstamm trat eine düstere Gestalt hervor: ein Mann in Khaki- hemd und -Hosen und hohen Schaftstiefeln. Ein verwilderter, schwarzer Bart umrahmte sein verwittertes Gesicht. Den Hut hat er tief in die Stirn gezogen. „Herr Duewel", stellte er sich vor und stach mit zwei Fingern an die Krempe seines Hutes. Eine Aufforderung nicht abwartend, setzte er sich zu Lore ans Feuer. Dann stopfte er seine Pfeife, entzündete sie mit einer glühenden Kohle, spuckte in die Asche und starrte in die Glut. Nach einer kleinen Weile fragte ihn Lore, wie er hierher gekommen sei, „Zu Pferd", war die knappe Antwort, dabei deutete er mit dem Daumen hinter sich. Da war wohl irgendwo sein Pferd angebunden. In dem weichen Sande hatte ihn niemand gehört. Dieser stumme Gast wurde Lore unheimlich. Sie saß ihm beklommen gegenüber. Deshalb befahl sie Samuel, er solle weiterfahren. Als sie gepackt hatten, und die Ochsen im Joch standen, und Lore nun aufsteigen wollte, sprang auch Herr Duewel auf. Er trat zu ihr, nahm die Pfeife aus dem Mund und stotterte: „Fräulein, ich will Sie heiraten. Gehen Sie nicht an Ihrem Glück vorbei. Ich bin doch Herr Duewel und habe die beste Farm: 420 Stück Großvieh, Afrikanerkühe, Simmentaler Bullen, 200 Schafe, reine Perser, 20 Schweine, Berkshire, 60 Hühner, weiße Leghorn und unerschöpfliches Wasser." Danach machte Herr Duewel eine erwartungsvolle Pause und klopfte die Pfeife am Stiefelabsatz aus. Lore antwortete sanft, sie sei schon verlobt und wolle morgen heiraten. Aber dieser Einwand störte Herrn Duewel gar nicht. Er sagte, das wisse er, aber schon manche Verlobung sei zurückgegangen, weil sich was Besseres fand. Er sei die Pad entlang geritten, um sich das Fräulein anzusehen und halte es nun für eine Schicksalsfügung, daß er sic hier allein getroffen habe. Ihr Verlobter sei ja ein ganz netter Kerl, aber er — Herr Duewel — habe doch eine viel schönere Farm, und fein Vieh und seine Schweine seien auch viel fetter, weil er mehr Regen und besseres Gras hätte. Er wurde ungemein beredsam im Anpreisen aller Vorzüge seiner Wirtschaft. Von einer Muttersau erzählte er, die dreizehn Ferkel würfe, aber nur zwölf Zitzen habe. Deshalb müsse eines der Tierchen immer mit der Flasche aufgezogen werden. Sie müsse doch einsehen, daß er nicht alles allein tun könne. Lore aber hatte genug, sie wandte sich ab, sprang auf die Karre und schrie: „Wopp." Sofort nahm Samuel die große Schwipp und zündete den Ochsen einen Knall über die Ohren. Darauf setzten sich diese in einen Zuckeltrab, und Mondlicht und Staub verwob sich zu einem magischen Nebel. Nun versank die kleine Gesellschaft wieder in Schweigen, und weiter ging die Fahrt durch die schöne Nacht. Ab und zu wurde ein Ochse mit seinem Namen angerufen, ein Schakal ließ sein heiseres Gebell hören und andere antworteten aus der Ferne. Einige Nachtvögel flogen durch das Gezweige. Ein großer Baum in der Nähe eines Wasserloches wurde lehendig. Kleine Nachtäffchen, mit dicken, buschigen Schwänzen, großen Ohren und runden, leuchtenden Augen, reizende, possierliche Tierchen, hüpften von Zweig zu Zweig. Ein Kndu mit seinen stolzen, geschwungenen Hörnern kam und verschwand in dem silbernen Licht. Die an oer jojuncn wcu. mählich. Da zogen sie an einem grünen Maisfelde vorbei; ein weißes Haus tauchte auf, die Kronen dichter Pfefferbäume hingen ihre Zweige tief darüber. Okurufu lag vor ihnen. "Hanau! rief Samuel, und hielt die Ochsen an. Lore sprang von der Karre in die Arme ihres Verlobten. Gerd führte sie inv Haus. Zwei große Schäferhunde sprangen mit freudigem Gekläff an ^r herauf, ^-as war ihr Willkomm. Der Kater Murr machte einen Buckel, erhob sich von seinem Lager am Kamin und schnurrte und schmeichelte um ihre Beine. Da ertönte laute Musik. Eine Wanöerkapelle der Eingeborenen, umdrängt von den Männern, Weibern und Kindern von Okurusu, brachten der Herrin ein Ständchen. Auf Blech- Instrumenten bliesen sie sehr falsch, aber mit großer Begeisterung und viel Gefühl: „Guter Mond du gehst so stille", dann „Deniich- land über alles", und noch einen Tusch. Lore trat heraus und begrüßte die Schar. „Moro, moro, Missis!" rief es von allen Seiten. Gerd gab jedem etwas Zucker und Tabak. Da äogen öiefe gtoßen Kinber beglückt wieder ab, und die Musikanten spielten im Marsch- tempo „Tochter Zion freue dich!" Auf der Werft tanzten die Eingeborenen. Sie feierten die Voll- mondnacht. Lore und Gerd hörten wie sie den Takt nut den Händen klatschten und einen eintönigen Rhythmus dazu sangen. Aber jetzt erinnerte sein liebes herzliches Lachen sie wieder an den Gerd von früher: die Türe der Veranda ging nämlich auf und ent Pferdekopf erschien in ihrem Rahmen. „Das ist Harras, der geht nicht eher, bis er seinen Zucker hat." Die Nacht gab kerne Ruhe. Der Vollmond hielt auch die Tiere munter. Das Vieh hatte noch nicht genügend getränkt werden können. Als jetzt ein Wind aufkam und die Pumpe in Gang setzte, roch es das Wasser und brach aus dem Kraal. Die Kühe und Ochsen brüllten und tobten und stolperten dichtgedrängt um die leeren Tröge. Nun mußte es Gerd wieder zurücktreiben. Er läutete die Farmglocke, eine ausrangierte Pflugschar, um die Eingeborenen herbeizurufen. Diese mutzten ihren Tanz unterbrechen und helfen. Mit vielem Geschrei begann ein buntes Treiben. Lore stand draußen und sah zu. Auch der Missionar, Herr Kranefutz, der die beiden morgen trauen sollte, wurde aus dem Schlaf geweckt. Er hatte seinen Planwagen unter schattigen Bäumen ausgespannt. Nun kletterte er von dem aus Riemen geflochtenen Lager und beteiligte sich eifrig an der Arbeit. Endlich war wieder Ruhe hergestellt und der Kraal in Ordnung gebracht. Aber Gerd und Lore waren noch gar nicht müde und beschlossen, einen Gang zum Maisfeld zu machen. Hand in Hand wanderten sie einen schmalen Pfad zum Felde. Leise rauschten die Blätter im Winde. Sie gingen durch die hohen Stauden, befühlten da und dort einen Maiskolben und freuten sich an dem Segen. Der Morgen war nicht mehr fern, der Morgen ihres Hochzeitstages. Rote Strahlenbündel leuchteten am Horizont, die Vögel jubilierten, und die Blumen erwachten. Paul Ernst, der Meister volksorganischer Dichtung. Von Dr. Kreitmair. „Ein Führer ist nur deshalb Führer, weil er den Geführten dahin bringt, wohin er gebracht werden will. In diesem Sinn ist jeder Dichter ein Führer seiner Nation" Paul E r n st. Als Paul Ernst vor einem Jahr die Augen für immer schloß und als die Nachricht von seinem Tode durch Presse und Rund- funk ging, da wußten nur ganz wenige im deutschen Volk, daß damit einer seiner größten Dichter und Denker für immer von ihm geschieden war. Paul Ernst? Ja, man hatte da und dort von ihm eine kleine Geschichte in der Zeitung gelesen, man erinnerte sich seines Namens aus politischen oder soziologischen Aufsätzen. Aber nur wenige kannten die unermeßlichen Schätze dichterischer Gestaltung und denkerischer Leistung, die er seinem Volk als Vermächtnis hinterlassen hat, und die in über 20 großen Bänden heute vor uns liegt. Wenn wir das Lebenswerk von Paul Ernst ein Vermächtnis an das deutsche Volk nennen, so hat das wohl bei keinem deutschen Dichter der letzten Jahrhunderte einen so tiefen Sinn wie bei ihm. Denn Paul Ernst war volksorganischer Dichter, er sagt von sich: „In einem Dichter kommt eine Nation zu ihrem Selbstbewußtsein; der Dichter sagt das mit deutlichen Begriffen und in festen Worten, was in der Nation unbewußt lebt. Das ist nur so möglich, daß im Dichter das Wesen der Nation zu seiner stärksten Ausprägung kommt." Diese Deutung des Dichters durch Paul Ernst selbst ist nichts anderes als eine Bewußt- machung seines tiefsten Lebensgefühls, das ihn (tote wir ans seinen Jngcndcrinncrungen, die der eigentliche Schlüssel zu seinen Dichtungen sind, erfahrens von frühester Kindheit auf bis zu seinem Tode begleitete. Schon damals, als leidenschaftlicher Pflanzensammler erkannte er mit Staunen, daß keine Pflanze ans sich selbst zu verstehen sei, sondern nur ans dem Zusammenhang mit ihrer gesamten Umwelt, mit der sie eine lebendige Einheit bildet. Wie er damals die einzelne Pflanze betrachtete, fo sah er später allem aber als Glied seines -vorres. «v ötumc u« Dichtung entstehen. Schon sein erster großer Roman, den er ums dreißigste Lebensjahr schrieb, „Der schmale Weg »um Glück zergt ganz deutlich diese Grundeinstellung. Wer von den> üblichen. literarischen Begriffen herkommend diesen Roman liest, wird ihn als einen Entwicklungsroman bezeichnen und wird sich dann verwundert fragen, weshalb denn der -Lebensweg des Helden mit solch einem üppigen Geranke von Nebenfiguren und Episoden umgeben nnd teilweise sogar verdeckt sei, das mit der Haiipthandlung teilweise in sehr losem Zusammenhang steht. Solche Beurteilung verkennt das Wesen volksorganischer Dichtung. Paul Ernst steht seinen Helden eben nicht als Einzelperson, sondern er sieht ihn im Zusammenhang mit Berufsständen und sozialen ^wichken aller Art, im Zusammenhang mit der Gesamtheit seines Volkes, ©eine Frage lautet: Deutsches Volk, wie lebst du und wie kannst du dieses Leben weiter ertragen? Eine solche Frage kommt nicht ans einem theoretischen Interesse, sondern sie kommt aus einer tiefen Erschütterung, aus tiefer Seelenangst und Verzweiflung. Diese Erschütterung erlebte Paul Ernst zuerst, als er in den 80er Jahren aus einer Kleinstadt im Harz ahnungslos die Weltstadt oirltn Betrat und hier im Laufe von Wochen und Monaten immer mehr inne wurde, welch gräßliche Verheerungen die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft in den Seelen der Memchen anrichtete. Später erst entdeckte er, daß das, was er hier zum erstenmal schaudernd erfuhr, nicht sein Einzelerlebnis war, sondern da- Erlebnis der deutschen Nation in den Jahren 1Z70 bis 1014. E» wurde bestimmend für sein ganzes weiteres Schaffen. Paul Ernst glaubte zuerst, solche Zustande seien mit Hilfe der Politik zu ändern. Er geriet unter den Einfluß von Karl Marx, schloß sich der sozialdemokratischen Partei an und wurde bald Herausgeber einer sozialdemokratischen Tageszeitung. Aber sehr schnell erkannte er diesen Weg als einen Irrtum. Er zog sich gänzlich von der Tagespolitik zurück, trieb, von leidenschaftlichem Erkenntnisdrang besessen, Studien aller Art und wurde sich dabei- immer mehr seiner Berufung als Dichter Gewußt. Politischer Dichter? Nein und ja. — Nein, wenn man unter Bolitik Partci- kämpfe und Augenblicksfragen des Staates oder der Geselllchaft versteht. Ja, wenn Politik bedeutet die Lebensgesetze eines Volkes, eines Standes, einer menschlichen Gemeinschaft zu erkennen und bewußt zu machen, und es dadurch von einem Irrweg, der notwendig ins Verderben führen muß, zurückzurufen. Der Irrweg des deutschen Volkes war der Weg der Vereinzelung, der Auflösung der Stände und Standesformen, des Klassenkampfes und Klassenhasies, des rücksichtslosen Gelddenkens, der zunehmenden inneren Verarmung und Seelenlosigkeit. Paul Ernst hat wie kein anderer die furchtbare Gefahr erkannt. Und so stellt er denn m seinen Hunderten von Geschichten immer wieder den Menschen in seinem naturgegebenen Zusammenhang mit seiner Umwelt dar. Da ist etwa der Bauer, der seinen uralten Eichenwald verkaufen muß und ans Gram darüber am nächsten Tag erhängt in der Scheune aufgefunden wird. Da ist der alte biedere Schreinerniei- ster, der mit seinem Handwerk leibt und lebt und dem nun plötzlich durch Industrialisierung und die damit verbundene Schwindel- und Pfuscharbeit seine Lebensgrundlagc entzogen wird. Jede dieser verschiedenen Kurzgeschichten enthält ihren tiefen Sinn und immer erscheint uns das Leben der dargestellten Menschen mit letzten Fragen, sei es des Rechtes, der Religion, des Gewissens, der Pflicht,'des Standes, der Vererbung usw. symbolisch und bedeutsam. Bei jeder hat außer dem Dichter Paul Ernst auch der Denker mitgewirkt. Sie sind jedoch fern jeder Tendenzrichtung, bluterfttllt und lebenswahr. Was ein deutscher Denker ist im Gegensatz zum wurzellosen Intellektuellen, dafür gibt es in der Gegenwart kaum ein besseres Beispiel als Paul Ernst, »ein Denken kommt ans denselben unbewußten Tiefen, aus dem bliit- hasten Zusammenhang mit seinen Vorfahren und seiner ^samten Nation, wie sein Dichten. Das schönste Beispiel dieser Art sind seine „Erdachten Gespräche", bei denen es sich schwerlich sagen läßt, ob sie der Philosophie oder der Dichtkunst zuzuzählen sind. Und was man mehr bewundern soll: die Tiefe der Gedanken oder die Meisterschaft in der dichterischen Gestaltung. Die innere Verwandtschaft des Dichters mit dem deutschen Geist und dem deutschen Schicksal findet jedoch ihren stärksten Ausdruck in seinem Moniiinentalwerk, dem Kaiserbuch. Hier hat er ein deutsches Epos sbewußt ohne jede Anlehniing an antike Vorbilder! geschaffen, das uns die große Kaiserzeit des Mittelalters, die Sachien- kaiser, Frankenkaiser und Schwabenkaiser als die Repräsentanten der deutschen Geschichte von damals in lebendiger plastischer Weise vor unserem inneren Blick erstehen läßt. Noch ahnt das deutsche Volk nicht die Größe dieses Geschehens, dem in der deutschen Literatur außer dem Nibelungenlied kaum etwas zur Seite zu stellen ist. Schließlich hat Paul Ernst auch noch einen Rand Gedichte hinterlassen. Gedichte von unbeschreiblicher Schönheit und Reinheit des Gefühls. „Beten und Arbeiten" heißt diese Sammlung und es spiegelt sich darin in Einzelbildern das schlichte Leben des'Volkes vom Morgen bis zum Abend. Eine unaussprechliche Güte liegt über diesen stillen Betrachtungen, mitunter hat man das Gefühl, so könnte nur der liebe Gott mit den Menschen sprechen. Wie ein allgütiger Vater zu seinen Kindern spricht, so spricht hier Paul Ernst zu seinem Volke. Seine Sprache ist schlicht und rein und von beinahe kindlicher Einfalt. Tiefste Weisheit und schlichte Einfalt haben vereint dieses Werk geschah» und darum ist es aus der deutschen Seele geboren. Dürre und Regen. Von Karl Benno von Mechow. I. Eine grausame Dürre lag über dem Lande und unterdrückte das Wachstum, wo es sich irgend regte und auszudehnen strebte. Tag auf Tag schien ohne Erbarmen die Sonne herab, sog mit ihren glühenden Strahlen den Saft aus den Pflanzen und versengte denAckerboden zu einer tiefen Schichtung von Wüstenstaub. Wenn man mit dem Stock in der Ackererde bohrte, konnte man erst in beträchtlicher Tiefe auf eine dunkler gefärbte Erde stoßen, die noch einige Feuchtigkeit verriet. Nur den tief wurzelnden Kulturpflanzen war sie zugänglich, aber selbst diesen genügte die Wasserzufuhr nicht mehr, um das mächtige Blatt- und Halm- gebüude über dem Boden mit zureichenden Lebenssäften gegen die sengende Glut zu wappnen. — So blieben also auch die starken Pflanzen des Winterroggens frühzeitig in ihrem Wachsen stehen, — wider Erwarten schnell ließen die kleinen Spelze und vorgebildeten Behälter der künftigen Körner ihre Blütennarben an den Aehrcn hinunterhängen, dem Winde entgegen, der den FMcht- staub trug. Und alsbald wehten die warmen Windstöße breite, graue Dunstwolken über die Felder und verhalfen dem Werk der Befruchtung zu schnellem und gutem Gelingen. Von nun an diente aller Saft, den die Halme ansogen, nur noch dem Werden und Wachsen der kleinen Körner in ihren Aehrenzellcn. Alle anderen Pslanzenteile blieben ohne die stärkende Zufuhr und stellten nach und nach ihr Wachstum ein. Schon begannen die untersten Blätter abzusterben, und die schlanken Halmrohre verfärbten sich zu einer grauen Helle und gingen dann ins Gelbliche über. Auf den Stellen, wo tiefgeschichtetes Kiesgeröll die Ackerkrume vom Untergrund abschnitt, schien selbst die zur Ausbildung der Körner notwendige Kraft zu versagen. Dort standen schon hier und da die Halme in einem fahlen und toten Weiß und wehten trübselig ihre notreifen, fast fruchtleeren Aehren in der Luft hin und her. o Gersten- und Haferfelder lagen wie in den letzten Zugen eines entweichenden Lebens. Das Blattwerk war kläglich zusammengeschrumpft, und um vieles zu früh streckten sich armselige, dünne Hälmchen daraus hervor und erreichten kaum die halbe Höhe eines nur normalen Wachstums. Auf den ausgesprochenen Brandstellen blieben sie überhaupt ganz fort. Dort schien der Tod schon ern- gekehrt zu sein und bas Verdursten sein Ende gefunden zu haben. — Zwischen den kümmerlichen Resten der Kulturpflanzen starrten überall die spitzen Blätter des Unkrauts in hartnäckiger Lebenstüchtigkeit empor. Entbehrungsgewohnt hielt es der Dürre stand, dank seines in tiefste Regionen hinabreichenden Wurzelsystems hier ebenso vor dem Verderben geschützt, wie vor allen anderen Angriffen bisher. Weit und breit bedeckte es die Aecker, drängte öie‘ letzten Reste der Sommersaaten immer mehr zurück und täuschte aus der Ferne dem unkundigen Auge einen grünen Felderbestand vor. ~ ~ Ueberall auch hatte sich das junge Samenunkraut dieses Frühjahrs breit gemacht, doch sand selbst dieses sich im Wachsen bedrängt und kam überaus schnell zum Blühen. Mit mattem Gelb besprenkelten weithin seine kleinen Blütenblumen die Aecker. — In herrlicher Klarheit erwachte der Morgen, — über dem glitzernden Tau erhob sich die. Sonne, und hart und kühl war die nachtcrfrischte Lust. Doch mit der zunehmenden Erwärmung erhob sich von Osten her der Wind und zerblies im Umsehen die karge Netzung der Wassertropfen an den Pflanzen. Bis zum Mittag hin und seiner vollen Glut hatte er sich ost zum Wüstensturm gesteigert und den allerletzten Rest von Feuchtigkeit aus bei Luft verweht. Er fegte dahin über die flachen und ungeschützten Felder und raschelte in den welken Blättchen. Er ebnete die kahlen Flachen der ganz spät gesäten Aecker ein und gab ihnen in unaufhörlicher Veränderung das gewundene Gerinne von Wellen auf einem Wasserspiegel. Er fegte große Wolken von Sand in die Höhe und trug sie als breite Staubschwadcn mit sich davon. Er nahm auch den federleichten Samen der Futterpflanzen mit, der wochenlang leblos und untätig im durchglühten Sande gelegen hatte, denn cs hatte sich seit den Tagen seiner Saat noch keine Nässe niedergcsenkt, um ihn zum Quellen und Keirnen zu bringen. In leidlicher Gesundheit hielten sich allein die Kartoffeln. Sie prunkten mit dem tiefen Grün ihrer noch kleftwn Stauden, denn sie zehrten immer noch von der mütterlichen Spende ihrer L-aat- knvlle und genossen einstweilen die Wärme als ihre allererste notwendige Lcbensvoraussetzung. Doch langsam zeigten auch die erst- gepflanzten, frühen Sorten das Zeichen der Ermattung und begannen, ihre Blätter um die Mittagszeit breit auf die Kamme hcrabzulegcn. Tag reihte sich an Tag, unter der wolkenlosen, strahlenden Bläue eines unendlichen Sonnenhimmels und erfüllt mit allen Freuden und Wonnen eines herrlichen Vorsommers, — und dennoch erbarmungslos ivuchtcnd auf dem schweratmenden Leben der Natur, das von all dieser Schönheit nichts genoß, nichts hatte, als die hoffnungslose Gewißheit eines baldigen Dursttodes. — — An manchen Tagen wohl legte sich auch der Wind am Nachmittage, und am Himmel sammelte» sich weiße Wolkengelnlöe und türmten sich schließlich zu schweren Haufen, aus denen es verheißungsvoll grollte. Aber es blieb bei diesem leeren Geprahle, — ein minutenlanger Windstoß fuhr über die Gegend, daß sich r ie Bäume tief herabbogen, daß das lose Heu in fteken über die Wiese flog. Außer einigen riesigen Tropfen wußten die Wolken nichts für diesen Erdstrich herzugeben. Sie lösten sich und verschwanden, wie sie gekommen waren. Am nächsten Tage la» man bann wohl bekümmert und neidisch von Gewittern und Regenfällen, die anderwärts das Land gesegnet hätten. In der Wette des hiesigen Schauplatzes lag alles in erfrischter Kühle da, — die Nacht hatte wiederum Tau gebracht und einen klaren Morgen erstehen lassen, und daran schloß sich von neuem die ununterbrochene Reihenfolge unendlich schöner Tage. — II. Viel schneller, als man es eben hätte denken können, war bas Unwetter da und gleich mitten in der Vollkraft seines Tobens. Es ballte sich von mehreren Seiten her zusammen, als hätten sich alle Gewitter der Welt hier ein Stelldichein gegeben. Der Himmel wurde überhaupt nicht mehr dunkel, — die Atmosphäre schien wie Leuchtgas zu brennen, und die knatternden Schläge folgten ganz dicht aufeinander und rissen sich das Brüllen aus dem Munde. Es war ein grauenhafter Lärm, — die Wände dröhnten wider vom Schall der Entladungen, und in den kurzen Momenten der Stille hörte man die Fensterläden wie besessen im Sturme gegen die Mauer trommeln. Bei aller angsterweckenden Bedrohung reizte das Getümmel die Nerven zu jubilierendem Mitschwingen, wie das paukendonnernde Kreszendo einer Symphonie. Und dann begann es endlich zu rauschen und zu strömen, und eine meerschwere Wasserflut schüttete aus der Nacht herab gegen die Hauswände, — drang in die Fugen der Gemäuer, in alle Oeffnungen und weit hinein in die Durchfahrten der Hofscheune und sammelte in deren Innerem große Seen. Sie legte sich draußen, vom Sturm gejagt, wie zentnerschwere Steinlast schräg auf die angstvoll wogenden Kornfelder. Der staubtrockene Boden an der Oberfläche wehrte sich zäh gegen die plötzlich aufprallende Nässe und nahm sie nicht an. So konnte sie sich zunächst nicht mit dem Erdreich mischen, sondern floß oben dahin und riß den Sand mit, wohin sich irgendwie ein Gefälle neigte. Immer noch nahmen die Entladungen an Heftigkeit zu. Blieben sie mal einen Augenblick aus, so daß es den Anschein hatte, als sei jetzt der Höhepunkt des Wütens überschritten, folgte schon wieder fast gleichzeitig mit der Himmelsflamme ein nachhalloser, einziger Schlag, als sei ein ganzes Haus mit Dynamit aufgeflogen, als läge die Welt in Scherben. Es war ein Gipfelpunkt aller Wetter, — ein Rieseneffekt der Natur und eine Zusammenfassung der Kräfte am Rande der Vernunft, wie sie die ferne Gewalt ersinnt, wenn sie sich nach langer Enthaltsamkeit einmal wieder zu vollem Wirken herbeilätzt und damit etwas sagen will, was selten einer versteht. Ein übermächtiges Eingreifen, wie es in seiner ganzen Stärke nur der Mensch empfinden kann, der da lebt ohne den Schutz zahlreicher Stockwerke über dem Kopf, ohne die Genossenschaft der Menschen um sich herum, mit unverbauter Aussicht zum Himmel,- der die Arbeit seiner Hände auf Gnade und Ungnade dem leicht erklärbaren, aber nie verständlichen Geschehen anvertraut, das er kurz und hilflos die Natur nennt. — Mit der gleichen merkwürdigen Schnelligkeit des Hereinbrechens hörte das Unwetter jäh auf, ganz ohne ein allmähliches Abschwellen und das Verklingen eines formgewollten Schluffes. Das Sturmtosen lietz nach und ging in ein stetiges Wehen über, — das Krachen der Entladungen blieb aus, und man hörte den unaufhörlich herabrauschenden Regen, unendlichen Regen. Gesegneter RegenI.... Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. * (Fortsetzung.) Diez also boxte und befreite sich. Da gab es Verdruß im Bezirk der „Vegumag": Da war einer der Unterdirektoren, Eugen Vrosie, der einem öfters aufs Gemüt trat, klein, schwammig, geschniegelt, roch wie ein Lippenstift, ein ironischer Schulterklopfer, der auch gelegentlich Diezens funkelnde Artikel in den „Leuchtkugeln" wohlwollend kritisierte: „Zu scharf, junger Meister! Noch zu verliebt in die Dingel Wir werden kühler und — milder werdenl" Päng! ... Uebrigens Tills Sonöergebieter, zu dessen Abteilung das graphischliterarische Büro (Reklame) der „Vegu- mag" gehörte. Sie tat gern, als gedächte sie, ihn für ihre Ziele und Zwecke ums Fingerchen zu wickeln... Patsch! Mitten aufs Nasenbein! — Aber das geschah heute mehr im Ramsch. Denn es gab da neuerdings etwas anderes... Da war erst gestern abend wieder die beunruhigende Begegnung im Theater gewesen! Ein brennender Groll davon noch heute in seinem Herzen. Unleugbar ein nagender Kummer, der ihn durchschwemmte,- denn er hatte auch eben davon geträumt. Die gefeierte Dame hatte wieder wunderschön ausgesehen mit ihrer blendenden Haut, dem heitern Grauglanz ihrer Augen, königlich und doch weibhaft lässig und zart in dem langen, fließenden Kleid. Daneben Onkel Louis, wie ein grotzmächtiger Pascha, überlegen und fast beleidigend gutmütig. c „ ~ Es war in letzter Zeit auch öfters vorgekommen, daß Dr. Diez Ldasselbrink eiligen Schritts und in Gedanken die Knesebeckstraße entlanglief,- meist gegen sechs, wenn eine gewiffe Dame ihren täglich streng vorgesehenen Lauf durch den Tiergarten antrat... Er schloß sich der Dame manchmal, stark belustigt und überrascht von der Begegnung, sür ein Stück Wegs an: etwas schüchtern wirkte — so selbstbewußt er dabei aussah und so gescheit er sprach... Diez machte ein finstres und höhnisches Gesicht: Knack, knack! Rechter, Linker, scharfer Gerader mitten aufs Kinn — knockout! Er hatte sich selbst dabei im Spiegel vor Augen. Du Riesenrind- Kunstauktion In der Ltttzowstraße zu zeigen. Das hier sei nicht Wt jDl&ol Kauft wieder Bilder, der Magnifico?" fragte Dagobert in ?Jch glaube E?dab Herr Professor Hasselbrink Bilder kaufen will. Er wird mich später abholen. Ich halte gernWort, weil, Sie ein netter Junge sind, Dagobert, und Onkel toutä Neffe. Pschtl „Dank, Katarina — gnädige Frau! Ich fiebere! Sonst strich Meister Dagobert so ein Porträt in längstens drei Sitzungen herunter,' das gehörte zu den wichtigsten Erundssstzeü und zur Technik der besagten Richtung. Bei den Damcnblldmssen dauerte es manchmal länger, besonders, wenn dte Damen nicht im biblischen Alter waren, was jeder dem Malergewerbe Naher- stehende verstehen und bestätigen wird. Es dauerte auch bet Frau Gugernell langer, besonders lange. Sie kam nicht bloss, wenn sie überhaupt kam; sie war ein Mensch, der zu sitzen verstand, kein Stuhlwipper. Das alles war ihr natur- lich nicht neu; es gab eine berühmte Statuette von ihr, bedeutende Dialer hatten sie gezeichnet oder gemalt, alle die „Tänzerin . Dagobert wünschte sie in Zivil zu geben, rastend, ausruhend sozu- sagen — mal was anderes. Auch die Gugernell war ent Mensch, das Rarste an ihr; und er selbst war kein Meister der Bewegung, sondern einer der schlichten Form und Farbe. Es dauerte diesmal auch deshalb länger, weil Dagobert Katarina beinahe hübsch malte, was eigentlich ein Verrat an der neo- primitiven Schule war. Sie sah aus dem Bild mtt ihren hochgeschwungenen Brauen der letzten, grausamen Kmsertn-Wttwe von Peking nicht ganz unähnlich, aber die welche, lebhaft blühende Mundpartie wurde erstaunlich katartnenhaft; wurde sogar, erst recht gegen die ehernen Schulgesetze, öfter und geradezu mit Dell' katesse gepinselt und glühte in ungebrochenem, gewalttätigem Rot. Nichts verfliegt rascher als die Zett harter Arbeit. Es war nun schon die vierte oder fünfte Sitzung. Nein, hier genügten mit einemmal alle Rezepte nicht mehr, nicht im mindesten, wie^Dagobert tollkühn und beinahe verzweifelt erkannte. Hier hiess es, so wahr er lebte, selber den Mund spitzen und »upacken... Du lieber Gott, er würde sich keinesfalls ernsthaft und tn Wirklichkeit >vei- aern! Indessen: Dagobert war in diesem Punkt — war überhaupt nicht dämlich. Er erkannte klar, dass ihn die Dame Gugernell mehr als Louis' Neffen und als komischen und an einigen Stellen sympathischen Zeitgenossen schätzte. Er wusste auch, dass die rresig tüchtige Natur für jedes hübsche Weib eine Konkurrenz, eine Masse Konkurrenzen geschaffen hatte und unablässig schuf.'.Dagobert dachte nicht daran, diesen Sachverhalt und seine Gesetzmässigkeit durch eigenmächtigen Irrsinn über Gebühr zu stören. Dagobert dachte tm Gegenteil schon jetzt, in Pausen der Erschöpfung und in weiser Einsicht, daran, zur fröhlichen Abwechselung vielleicht das Mädchen Barby Pick als nächstes oder übernächstes Opfer zu malen: Barby Pick, Barbara, wohnhaft in der Grossen Frankfurter Allee. Eine in manchem Betracht gegensätzliche Erscheinung zu Katarina Gugernell; also unbestreitbar das Richtige zur Entspannung. Tills Freundin Barby Pick, die sich vor etlicher Zeit wieder angefunden hatte: ein langes, braun- haariges, ernstes Mädchen, das plötzlich und unerwartet mit hellsten braunen Augen und weissen Zähnen zu lachen verstand, jedesmal bestürzend sozusagen. Man erschrak in einem holden Staunen und lachte unabänderlich mit. Dago war ein weiser Mann ... So arbeiteten sie auch heute, am Samstag, hart. Dagobert erzählte von Barby Pick, und Katarina Gugernell lauschte verständnisvoll. Plötzlich reckte sich die gnädige Frau, warf die Arme gen Himmel und gähnte, wie man bloss unter treuen Kameraden zu gähnen pflegt, zeigte einen so wunderbar roten Mund mit Zubehör, dass Dagobert, innig schauend, Pinsel und Palette ssn- (Crt iTCf?« „Ein bißchen müde, scheint mir?" fragte er. Man kann so sagen, Dagobert. Entschuldigen Sie! Aber Sie würoen cs sonst nicht gemerkt haben." Sie erhob sich, stellte das Grammophon an und machte sich plötzlich etliche Bewegung, indem sie sich, mit zauberisch abschwebendem Rock, kerzengerade und sacht um sich selbst drehte. m 3 Das hatte sie bislang noch niemals getan. Gutes Kind! „Ach, ja!" sagte der Meister ergriffen und legte eilig Pinsel und Palette weg. „Darauf warte ich schon seit einem Menschenalter!" Katarina schwebte federleicht lose und langsam. „Oh, wie tut das herrlich gut! Sie glauben nicht, Dagobert, wie gut das tut! beteuerte sie, in sich selbst und ihre Bewegung versunken, als habe sie seit Jahren nicht getanzt. Sie schwebte in kleinen, mühelos zarten Kreisen in weiter Runde. Und Dagobert stand fromm, wie ein rastender Derwisch am Sonntagnachmittag. Mein Gott: Malerei und neuprimitive Einfalt und Fixigkeit — ganz nett und gut! Das alles war schwitzendes Handwerk, Arbeit mit Schmiedehämmern. Kein seliges Spiel, das allein galt und entzückte... Dag hantierte ehrfürchtig am Grammophon, und Katarina improvisierte, von einem neuen, ländlerischen Rhythmus erfasst, eine andere Schwebung: tanzte plötzlich still, kaum merklich, auf dem Fleck, lächelte und hob die Nase, die ganz unwahrscheinlich und herrlich ein heitrer Stups wurde, tanzte langsam ihren berühmten „Kreisel"; hielt die Arme und Hände, wie Ausbuchtungen, eingestützt, zum Verlieben und Ablecken komisch — wippend | und wackelnd und immer wieder jäh, fast ruckartig, in weiche, beglückende Anmut verschwebend. i (Fortsetzung folgt.! Verantwortlich: Dr. tzanö Thyriot. — Druck und Drrlag: Drühl'sch« UniverjitätS-Duch- und Strindruckerei, H. Lange, Giessen. nlcfi! Du Jammersäuglingl Erbärmlicher Wicht! Gefühlstrottel! — Päng — patsch! Auch das erfrischte und läuterte Herz und Hirn. Frau Schmadebach meldete, dass der Kaffee fertig sei, die Portiersrau von unten, die für billiges Geld hier oben mütterlich ^*Dicz "beschloß s^ne^Morgenbetrachtung und schlang sanft den Knoten zu Ende. Aber es war immer wieder eine ergreifende oder aufreizende Vorstellung, dass da drüben, hinter der Tur, bald jemand heiter und duftend mit säintlichen fchattkenGliedern eintreten, lässlich verweilen, sich bequem in die Stuhlkissen kufchetn ivürde... Eine die Nerven unheimlich streichelnde und entzündende Vorstellung. , , ~ , Er nahm würdevoll in der Atelierecke Platz. Da trat, in grün und gelb gestreiftem Schlafrock, Dagobert tn Erscheinung, eine blonde, geschorene Schmalausgabe von Onkel Louiv, blank, wie Morgentau, mit rosigem, tüchtigem Schädel. Dagobert 6o$te nte= mals. Er hatte mal gelesen, dass MussiKini nach dem Ausstehen bloss einmal die Arme gen Himmel reck?. Das genügte auch ihm. Diez füllte einen Löffel Haserflocken tn seinen Mund. Die Augen gingen ihm über. Dann erzählte er belustigt von seiner Begegnung im Theater gestern abend. Ja — sie habe in der Tat wieder höchst begabt und erfreulich ausgesehen; sozusagen bestrickend in ihrer schlichten Menschlichkeit. „Man fallt ihr ins Herz", übertrieb er spöttisch und goß kühle Milch auf seinen ^"^Gut^gesagN^Sehr gut!" lobte Dag. Er sah seinen Vetter ^^Der Hcüie1 Diez betrachtete zwar die weibliche Nebenwelt sehr kühl und verständig, ohne jede Romantik und Senttmentalitat, als hübsche und amüsante biologische Tatsache und wünschte, erst spat mal eine schöne, gepflegte, kluge Frau zu nehmen mit der er heiter gefaßt, einige gesunde Kinder erzielen wurde. Immerhin schien er im Augenblick stärker mit dieser unbeträchtlichen Neben- "''^„^eiut^infin sie, wie ich, stundenlang dicht vor sich bat, ihren Evaduft atmet — ich sage dir, Diez, mein Junge: Nicht ganz leicht! Man muß hart und ein durch Arbeit und Erfahrung gestählter Mann sein, wie ich, um es zu ertragen/ „Fast täglich zusammen, die beiden... Immer was los... Eine gehörige Ausmöbelung für das Papachcn. Er wird dabet auf die berühmte Nase schliddern." ... , „Zu scharfes Tempo, meinst du? Mächtig forsch von ihm, Diez! Bewnndre es. Das ist bet ältcrn, verständigen Leuten immer so. Nun — ich gedenke, mich inzwischen auf der Leinwand zu verströmen. Aber selbst ich habe Momente, wo ich mich skeptisch erschüttert frage: Was ist ein Pinsel voll Farbe vor so lebendiger 9Z(ltUT?z/ Diez trank, weit nach hinten gebeugt, seine Taffe leer und verschluckte sich dabet, was seine Heiterkeit einen Augenblick trübte. Dann lachte er herzlich und gleichmütig, ein bisschen zu laut. Plötzlich sah er nach der Uhr. „Donnerwetter! Also, mein guter Dag: Louis und die Dame Gugernell beschäftigten mich mehr und durchaus bloß als hübscher und triebkräftiger Stoff.^Der entfesselte Tnlpenweg' oder so. Ein wundervoll komischer L-toff. Leider verboten!" Er erhob sich straff und streng. So ging es ihm meist: Einmal versagte sich der Stoff, das andere Mal die Zündung. „Wiedersehn! Mein verehrungsvolles Kompliment der gnädigen Frau!" rief er fröhlich und lief, laut mit den Türen schlagend, davon. Aber ihm war dabei wie dem früheren kleinen Diez zumute, der in die greuliche Schule mußte, während die Grossen, Onkel Dagobert und Tante Katarina in diesem Fall, daheim blieben und ihren herrlichen Spaß hatten. Es stieg ein süßer, brennender Schmerz aus seinem Magen hoch, während der Fahrstuhl mit ihm hinabsanste. Dabei fluchte er zart und laut; denn er hatte obendrein seine beste Pfeise liegenlasscn.-- Dagobert spazierte in weissem Leinwandkittel durch sein Helles Studio und beseitigte, wie immer, einige allzu drastische Südsee- fCti