Gehen« AmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ JahrgangZreitag. den 25.Mai __________mniuncr39 Oie Botschaft der Blüte. ver- Jn Er und und ihren Namen in seine Liste ein und ihre besonderen Kennzeichen. Ging aber eine Pflanze ein, zeichnete er in seinem Buch hinter ihren Namen ein Kreuz und schrieb die Todesursache hinzu, die Krankheit und den Befund. So war er, und so lebte er. Im Winter muhte er den Botanischen Garten sehr entbehren, einzig das Glashaus machte ihm Freude. War es dann einmal ein sehr kalter Sonntag, rührte er sich nicht aus der Stube. Er trug zu Haus einen rot- und gelbgestreiften, auswattierten Umhang, den er einst aus einer Versteigerung erstanden hatte und der ihm das Aussehen eines Mandarinen, eines chinesischen, im Ami ergrauten Hofbeamten gab. Freilich war ihm der Mantel um eine Handbreite zu lang; der gelbgefahte Saum schleifte beim Auf- und Abwandern aus den Fersen; doch Merk hatte sich zu einer Kürzung nickt entscheiden können, er hätte den schönen Saum opfern müssen. Wenn Merk so in seinem Zimmer hm und her wandelte, im Mund eine lange, dünne Türkenpfelfe, glich er wahrlich einem fernöstlichen Weisen. Er las in seiner Pslanzen- liste, nannte die Gewächse, stellte sich ihr Gedeihen vor, ihre Winterblüte — und ging im Geist im Botanischen Garten bet seinen Lieblingen umher. Sie grünten und wuchsen; er sah sie aufstreben und sich miteinander verschlingen zu einem flammenden und strotzenden Gewebe von Blättermustern, Rankenschlangen und Blüten. Sie umarmten ihn mit schweigendem, feierlichem Dickicht, umfächelten ihn mit Zackenblättern — doch wenn plötzlich die Wirtin klopfte und eintrat, entwich der holde Garten bis zur Zimmerwand und verwandelte sich in die geblümte, grün angemalte Tapete, und Die Frau gewahrte nicht, daß ihr stiller, unscheinbarer Mieter ein hierhergebannter, fernöstlicher Schrist- kundiger, Gelehrter und Hofbeamter war und nicht der Schreiber und Registrator Merk aus dem Rechtsanwaltsbüro. Ebensowenig ahnten es die Gärtner und Gehilfen im Botanischen Garten, und sie, die nie Wunderbares erlebten, bemerkten nicht, daß Merk unter den Pflanzen Hof hielt und mit den Kakteen geheime Unterredungen führte. Er trat in den Garten, ernst und heiter und begab sich umgehend zu den Kakteen, und die Kakteen standen ehrerbietig und starr. Sie alle blickten aus ckhn. Und auch die andern Pflanzen verhielten sich so. Merk ging zu einer schönen Agave, die mitten unter dem Stachelvolk gedieh, und zeichnete sie durch einen freundlichen Blick aus. Die Agave funkelte. Wie Brunnenstrahlen O^^Guten^Morgen" dachte er. Guten Morgen, schöne Agave. Mit Bergblumen. Von Maria Paschen. Blumen wachsen in Fülle hier oben In tieferen Farben, mit stärkerem Duft Als unten int Tal. Hier blaut der Enzian. Ach, welche Bläue! Und hier wie Gold Steht Arnika. Und weiße Dolden Schimmern am Abhang, Und Glockenblumen Und Eisenhut. — Unten im Tal Glühen sie anders, Hier sind sie streng Und ihr Duft ist herb.. Arm ist der Boden, Dem sie entsprießen, Kurz ist ihr Sommer, Kalt ihre Nacht. Aber sie stürben. Würdest du sie In den reichen Boden Des Tals verpflanzen. 6OC®ieOlt®Sitnei eilten mit den Kannen durch die Gehege jedem Tag wirst du schöner... Die Agave glänzte noch stärker als zuvor. Merks Blick übertastete ihre Blattspitzen, daran scharfe Dornen saßen. Gefährliches Pslanzenmädchen! meinte er liebevoll. Nur keine Angst, hier wirst du nicht gefressen!... Er wandte sich einem Schlangenkaktus zu, der in der sonnendurchschienenen Luft herumsuchte, mit fingernden Zweigen, dünn gegliedert wie Krebsgclenke. Immer langer werden deine Beine, alter Schlemihl! Immer dünner. Kein Wunder, daß du schattenlos bist! Nimm dir ei» Beispiel an deinem Nachbarn, an Dschingis Khan: rote der Fleisch ansetzt! Was er sür einen Speckkopf hat. Merk lächelte boshaft. Er konnte sich wohlangebrachte Scherze gestatten: heute war ja Sonntag, das Nechtsanroccktsburo geschlossen, und er hielt eine Pflanzenversammlung ab. Wav sich roochen- taas in seinem Innern staute, heut ließ er es ausbrechen — Spöttisches, Scherzhastes, Heiteres und Geheimes. Die grünen Freunde erfuhren es, teilten es mit ihm, verstanden ihn... Saaten sie nicht jetzt eben: Guten Morgen, Exzellenz! hörte es deutlich, hinter den Lichtdünsten des Morgens, fein begossen die Gewächse. Merk trat zu seinem besten Freund, einem Igelkaktus. _ der Pflanzenliste hatte er den chinesischen Namen Tschuang Yuan, das heißt: „Urbild", denn der Kaktus war das Vorbild aller Kakteen: sleischig, dick, stachelig, gutmütig von Aussehen. Rund war er wie ein Mond und bespickt mit sprießenden Sternen- Nach einer alten chinesischen Legende hatte ihn Merk zur Doktorwürde des höchsten Grades erhoben, zum Vorsteher des Pflanzenpalastes. Diesem Doktor Tschuang Yuan hatte er seine innersten Gedanken anvertraut, mancherlei Hoffnungen, mancherlei Leid. Jahre schon kannten sie einander, tschuang war abgeklärt weise und gerecht, er hatte die Zeit kennengelernt, bei ihm war alles gut aufgehoben, man konnte mit ihm besprechen, wav auch immer war. Erzählung von Friedrich Schnack. Merk, ein Junggeselle in den Vierzigern, sanften, doch schlossenen Wesens, war Schreiber eines Anwaltburos. Ihm oblag es, die Aktenregistratur zu führen, einlaufende Briese und Urkunden in ein braunes Buch zu verzeichnen und die Rechnungen für die Klienten des Anwalts auszustelleil. Es war keine wichtige Arbeit, die man von ihm forderte, war sie .auch notwendig, wie das verzwickteste Rechtsgespenst und die scharssinnigste Auslegung. Er hielt sich im Hintergrund des Arbeitszimmers, wo die Regale vor den Wänden standen und die Registerzettel wie schlappe, graue Zungen, beschrieben mit Zahlen und Buchstaben, au;- den Aktenbündeln hingen. Dort, zwischen Gestellen uiid wineni ab- gcgrissenen Schreibpult, übte er feine bescheidene Tätigkeit aus, in sich gekehrt kauzig, stets beschäftigt und pedantisch genau, ein fleißiger und pünktlicher Mann, der weder Staub auf einen Aktenstößen, noch unerledigte Rückstände vor seinem -Schreibzeug duldete, wenn er abends den Hut vom Kleiderrechen nahm un heimginq. Es hatte für seine Kollegen den Anschein, als begehre er nie über den engen Rahmen seines Schreiherdaseins hinaus- znkommen und etwa die Amtshöhe eines Bürovorstandes zu erklimmen. Vielleicht, so er dies je angestrebt hatte, war ihm der Wille dazu längst eingeschlafen. Sein Haar war «rau, und in seinem Gesicht gab es Falten, rote sie Ermüdung, Enttäuschung und ein abgestandener Schmerz hinterlassen. So hielt er sich denn auch im Hintergrund des Daseins: er bewohnte einsredlerhaft m einem abgelegenen Stadtviertel bei einer alten W'twe enie einz g Stube, ging niemals am Abend aus zu etnem Glas B.er, zu Kartenspiel oder ins Kino, wie es seine Amtskollegeu zu tun pflegen, bummelte auch Sonntags nicht auf den Hauptstraßem unternahm keine Ausflüge; solange man ihn kannte, zeig e er sck ungesellig, als Sonderling und Winkelspinner. Man wußte nur so viel von ihm, daß er in seiner Freizeit überaus gern und au - schließlich in den Botanischen Garten ging, wo er stundenlang fremde Gewächse anstarrte «nd tiefsinnige Betrachtungen vor den Kakteenzuchten anstelltc. Von solcher Liebhaberei hatte er auch seinen im Büro geprägten Spitznamen: Kaktecnmcrk. Wer hätte geahnt, daß er auch hier in der Pflanzenwelt und im Zaubergarten der Blumen von seinem Negistriemvesen nicht ließ! Er führte säuberlich Register aller nn Botanischen Garten gedeihenden Gewächse, eine wunderliche Liste, darin er jegliche Pflanze aufs genaueste beschrieb und ihren lateinischen Namen, wenn es seine Kcniitnisse erlaubten, auffuhrte, nebst sonderlichen, selbstgefundenen Ausdrücken und Namen. In dem grünen Re^ch der Botanik wußte er besser Bescheid als die Gartner, dm mit den langschnäbeligen Gießkannen durch die Gehege schlupftem Wurden die Anlagen oder Gewächshäuser um en-e neue Pflanze bereichert, Merk wußte es alsbald; entdeckte sie, behüte sie aufmerksam, hieß sie sogar vielleicht nut einem Wort insgeheim willkommen — und am Abend trug er zu Hause in seiner Stube Merk neigt sich zu ihm. Aber wie erstaunte er, als er seinen nadelgestachelten Freund anredete. War es Täuschung? Gaukelten ihm seine Augen Phantasien vor? Tschuang! redete er ihn an. Was tust du? Der Kaktus hatte eine zierliche, winzige Blütenknospe getrie- ben. Wie ein lieblicher Gedanke entsprang sie seinem alten Stachelhaupt, gleich einer zarten, keuschen, doch bestimmten ^dee. Niemals hatte sich Tschuang derlei einfallen lassen. Ein Ere,gms! Und Merk hatte seinen Freund für völlig abgeklart gehalten. Er blühte, er hatte eine Knospe angesetzt. O -Uchuang! Oder, ach! schickte ihm Tschuang eine Botschaft? Ein geheimes Wort? So lange hatte er geschwiegen, und nun: wollte er ihm ^"Merk" war tief bewegt. Er hätte niemals solche feine Regung von Tschuang erwartet, innerstes Leben, das anv Licht drängte. Gab er ihm jetzt zurück, was er ihm all die Jahre hindurch anvertraut hatte? Liebe und verborgenes Verständnis? Er hatte dem Freund die Geschichte seines Lebens erzählt — erzählte ihm nun der Freund auch eine Geschichte — und sie war geformt wie eine ^Gerührt ging Merk abends heim. Kaum, daß er die Stunde seines nächsten Besuches erwarten konnte. Und dann stand er wieder vor der Stachelpflanze, in Betrachtung versunken. Die Blute war herangewachsen und strahlte in einem seltenen Rot. Erstaunlich! Eine solche Blüte hatte er noch nie gesehen, auch die Gartner des Botanischen Gartens wußten sich nicht einer so merkwürdigen 00 Woran" gemahnte"^- ihn nur? Er schloß die Augcn,undda entstand vor seinem inneren Gesicht nebelhaft, doch immer deutlicher werdend, ein Bild: die Farbe der Blüte glich genau der Farbe eines Kleides... Seidenrot und zart geflammt... Es war das Kleid einer Geliebten. Merk erschauerte, angeruhrt von geisterhafter Regung. Ein alter Schmerz, den er längst verwunden glaubte, erwachte wieder in seinem Herzen, er war ganz verwirrt. , . Einmal, vor Jahr und Tag, hatte er zu seinem Pflanzenfreund Tschuang von jenem Mädchen gesprochen: er hatte ste ihm geschildert, ihre Anmut, jede ihrer Bewegungen: damals, wahrhaftig, hatte sie ein rotes Kleid von der Farbe der Blute getragen. Er hatte sie sehr geliebt und war sehr von ihr geliebt worden. Aber ihre Eltern erlaubten ihr nicht, ihn, den Anwaltsschreiber, zu heiraten: eines Tages führte sie ein Kolonialwaren- Händler zu einer thüringischen Kleinstadt heim. Doch wurde sie nicht glücklich ihn ihrer Ehe, die Rosi Lengfelder... Merk blieb bis zum Abend im Botanischen Garten, der Zauber der Blüte ließ ihn nicht los. Als aber die Dämmerung hereinbrach, mußte er gehen. Mit einem letzten, zärtlichen Blick grüßte er die seltene Blüte. Da war ihm, als winke aus der Pflanzenwilönis eine ahnungsvolle Wunschgestalt, aus Duft geformt, mit Blütenhänden, Pflanzenarmen, Blütenlippen... Be- rÜ"(Sine1 Woche*i> litfj t e die wunderbare Blüte. Dann welkte sie und fiel ab. Als Merk in den Garten kam, hing die Blüte an einem der langen Stacheln. Er fühlte einen körperlichen Schmerz, so leid tat es ihm. Die feine Blüte! Ach, Tschuang Yuan! Sie war so schön, ich hatte sie lieb! Aber Tschuang stand starr, in würdiger Haltung, abgeklärt und weise. Die Stelle, wo die Blüte geprunkt hatte, war vernarbt. Der alte Pflanzenfreund hatte nichts weiter mitzuteilen, seine zarte Geschichte war erzählt. Merk nahm behutsam die welke Blüte vom Stachelgcstcht seines stummen Freundes und legte ste in sein Notizbuch. Zu Hause wollte er in sein Pflanzenbuch schreiben, wann die Blüte abgefallen war, wie er sie geliebt Hatte, wie sie aussah. Ein paar Tage nachher fand Merk frühmorgens auf seinem Pult im Büro einen Brief. Es war ein Brief seiner Schwester. Sie hatte allerlei zu fragen und aus ihrem Dorf Neuigkeiten mitgeteilt. Nichts von Bedeutung, doch am Ende des Briefes, was stand da? hingekritzelt in eine Ecke ... Rosi Lengfelder ist am Sonntag ganz plötzlich gestorben. Merk wurde blaß, seine Hand zitterte, rundum schwankte plötzlich das Zimmer, er mußte sich gegen sein Aktengestell lehnen, aus dem die Negistrierzettel nach ihm herauszüngelten... Ach, Tschuang! flüsterte er und preßte die Hand aus fetit Herz... Wallfahrt nach Oberammergau. Von Ern st Wesner. Oberammergau, Pfingsten 1934. „Wenn einmal der Tag der Verheißung anbricht, wo die deutschen Stämme sich wieder als ein Volk fühlen und die Kräfte sich frei und kräftig regen werden, wo der Atem eines neuen Lebens, den alten Volks- und Kunstgeist wieder auferwecken wird, der wieder schöne Feste schafft, dann mag man auch des Oberammergauer Passionsspieles gedenken." Unter dem Eindruck seines Besuches in Oberammergau hatte.der Hofschauspieler Dev- rient diese Worte geschrieben. Anerkennung klang daraus, wie sie ein großer Schauspieler nicht bedeutungsvoller ausdrücken konnte, aber auch eine gewiße Skepsis darüber, ob die Eigenart des Passionsspieles je von der Allgemeinheit recht erfaßt würde. Wir freuen uns, daß seit dieser Zeit Oberammergau von Spiel zn Spiel immer mehr Menschen zu einer Wallfahrt anlockte und aufsorderte, daß also — so gesehen — Devrient ein wenigs zu schwarz gedacht hat. Nick, doch klingen uns seine Worte in diesem Jahre besonders vertraut, so als ob sie eine Verheißung bedeuteten, die erst viel spater in einem besonderen Sinne klar erkannt werden konnte. . Oberammergau führt in diesem Jahre sozusagen „autzerPlan- mäßig" sein gehaltvolles Passionssprcl durch. Mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, im Jahre 1633, ^rach die ßest im Orte aus und forderte täglich mehr Opfer. Die bedrängte Bevölkerung gelobte in ihrer Not, sie würde von nun ah alle zehn Jahre zur Ehre Gottes das Spiel von der Passion des Weilands aufführen, wenn Gott die Plage von dem Orte nehmen würde. Die pfarramtliche Chronik berichtet, daß von Stund an die Seuche einhielt. Und im nächsten Jahre gingen die Oberammergauer in die Kirche, um „ihren Passion" zu spielen. „Der Passion" sagt der Oberammergauer auch heute noch, nach dreihundert Jahren, da er das Jubiläum der Passionslpiele begeht. Ein Gelübde, von den Vätern abgegeben, ist als Verpflichtung von jeder nachfolgenden Generation übernommen und erfüllt worden, als hätte sie es selbst abgelegt. Das vielzitierte und so oft mißbrauchte Wort vom „Brauchtum" — bekommt es nicht hier seinen echten Klang, seine innere Bedeutung wieder? Aber um dies alles zu erfahren, brauchte man nicht erst nach Oberammergau zu reisen. Längst sind die PassionSspiele als eine kostbare Besonderheit der Einwohnerschaft eines Dorfes im bayerischen Hochlande zu einer Angelegenheit geworden, von der die Welt spricht, mit der sich Deutschland beschäftigt. Es mochte in stüheren Jahren ein bißchen Snobismus bei so manchem Be- ucher mitgespielt haben, wenn er sich anschickte, nach Oberammergau zu fahren — „Mau muß das doch einmal gesehen haben" — heute ist das erheblich anders. Wer nach Oberammergau fahrt, um diese Jubiläumspassion zu erleben, wird in seinem Innern ; davon beherrscht sein, die Bekanntschaft mit einem S tuck d e ut- ch e r Volkskunst zu machen oder wieder aufzufrischen, das etwas wesentlich Anderes darstellt als ein Festspiel an sich. Aber da fällt uns der Mann ein, der in der Eisenbahnfahrt nach Oberammergau mit Nachdruck sagte: „Was wird da für eine Reklame mit den Passionsspielen gemacht! Das ist doch auch nur eine Sache des Geschäfts". So also wäre Oberammergau anzusehen? Da muß man doch einmal beobachten, wie das Spiel auf die Beschauer von heute wirkt. Das sind doch alle» ganz moderne Menschen, Personen, die von Pest und anderen Seuchen kein- Ahnung mehr haben, wohl aber vom Theater sehr viel wissen. Wie reagieren die auf das Passionsspiel? Es gibt für den mit Skepsis geladenen Beobachter eine große Ueberraschung. In dem außerordentlich glücklich gebauten Passionsspielhaus mit seiner auf ideale Art in die Landschaft em- gefügten großen Bühne wird die Schar der Besucher — 5200 Menschen füllen von Spiel zu Spiel das Haus — bei den ersten Takten des Orchesters gefestelt, ergriffen, gepackt. Erstaunlich, dieser beinahe jähe Uebergang zur Ruhe und Sammlung, erklärlich wohl nur aus dem Inhalt des jahrhundertealten Spiels. So ist es der Text wohl, der ergreift und packt? Die Größe des Hauses macht es notwendig, sich mit dem Textbuch vertraut zu machen. Und so lernt man denn auf diese Weis- recht genau das Passionsspiel als Dichtwerk kennen, ein Werk, das in Form und Inhalt wohl Jahrhunderte überdauert hat, in seinen Worten jedoch so manche Abänderung erfuhr. Nicht alle Acnderungen sind glücklich zu nennen, nicht immer sind es Worte eines Dichters, die sich an uns wenden. Es klingen Sätze auf, ote unserer Zeit fremd geworden sind — kein Wunder, wenn man sich daran erinnert, daß auch die jüngste Ueberarbeitung des Werkes fast 120 Jahre alt ist. Die Sprache entwickelt und formt sich täglich neu, und das Textbuch vom Oberammergau ging diesen Weg nicht mit. Da klingt so manches fremd ins Ohr. Dann muß es die Musik sein, die das Wort verklärt und veredelt, wird man vermuten. Aber auch hier läßt sich dies und jenes aussetzen. Der Oberammergauer Lehrer Rochus Debler schrieb sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, Haydn und Mozart haben einen großen Einfluß auf seine Arbeit aus- geNbt. Es mag sein, daß sie dem an klassische Musik gewöhnten Obr manchmal zu leicht, zu wenig ernst klingt. Aber an vielen Stellen erhebt sie sich zu hinreißender Schönheit und wuchtiger L>I$on Text und Musik muß gesagt werden: Beide sind als etwas historisch Gewordenes hinzunehmen. In Oberammergau geht man diesen Fragen nicht aus dem Wege. Man spricht das ungefähr so aus: Text und Musik haben ihre Mängel. Unsere Sprache ist einfacher, klarer, knapper geworden, und wir Menschen von heute empfinden anders als die Menschen vor mehr als hundert Jahren. Wir lieben und verstehen anderseits auch wieder mehr als die jüngste Vergangenheit das aus dem Volk, ans Blut und Erbe Gewachsene, selbst wenn es in der Form nicht immer ganz entspricht. So wechseln bei der Erörterung dieser Fragen Gefühl und Ehrfurcht vor dem Hergebrachten, von dem von den Vätern Ererbten mit dem Drängen nach einem neuen selbständigen Schaffen, nach dem neuen Geist in Form, Ausdruck und Gestaltung, nach dem aus dem Wollen und dem Können der Zeit geborenen Neuen. Uns so ist es heute in Oberammergau, daß die alte Generation der Spieler beim historisch gewordenen Text zu bleiben wünscht, die jüngere Generation hingegen vor neue Aufgaben in Text uns Musik gestellt zu werden wünscht. Sicher werden die nächsten Jahre eine Anseinandersetzung bringen. Alt und jung spielen aber heute noch gemeinsam, und ihrem Spiel ist anzumerken, daß sie mit angespanntem ernsten Willen an die Erfüllung der gegenwärtigen Aufgabe Herangehen. Daher kommt der Geschlossenheit des Werkes und des Spieles die u l e 6 b h i r f e l 8 ( r t f l S i ( 1 1 l i 1 i i ursächliche Bedeutung zu, die Zuhörer in den Bann der Aufführung zu zwingen. Es ist bas Erlebnis jedes der achthundert Spieler, das er zu vermitteln hat: er läßt sich nirgends und durch nichts ablenken. Er spielt nicht Passionsgeschichte, sondern er erlebt den Leidensweg für sich selbst, er ist vom Eifer des Jüngers besessen oder von der Furcht des Verräters oder von dem Leid der Mutter Maria. Diesem Eindruck entgeht keiner der Zuhörer, auch nicht der Skeptiker, der mit den Regeln des Theaters in der Großstadt messen möchte. Anfangs gelingt es ihm wohl noch, einige Anstände zu machen, die Stimme des Chorführers sei nicht voll genug, Johannes besäße zu wenig Metall in der Stimme, der Darsteller des Christus sei ihm zu herbe, zu herrschend, das Orchester müsse noch verstärkt werden. Doch von Szene zu Szene verschwinden mehr Einwände, bis dann zu Beginn der einzigen Pause während einer Spieldauer von acht Stunden nur noch Ergriffenheit vorhanden ist. Das macht der Wille zur Gemeinsamkeit, der allen Spielern bei ihrem Tun hilft. Das macht das eigenartige Theater, das geschlossen und doch wieder offen ist: der Himmel lacht hinein oder er regnet, donnert und blitzt, die Lerchen und Schwalben fliegen in das Haus und vermitteln eine neuartige, „echte" Begleitmusik, der Wind stößt über die Bühne, fährt ins Haar oder in das Gewand der Spieler und nötigt ihnen so Bewegungen ab, die — sagen wir: menschlich wirken. Geheimnis der Wallfahrt nach Oberammergau? Nein, es ist kein Geheimnis aufzudecken. Der Eifer, der die Spieler beseelt, macht das Spiel heilig. Dieser Wirkung kann sich niemand entziehen, der einen Tag dieser Passion verbringt, der Christ nicht, und wenn er kein Wort versteht, weil er die deutsche Sprache nicht beherrscht, und auch der Andersgläubige nicht, der beispielsweise aus Japan kommt. Ja, auch dieser Japaner ist ergriffen, er und der Skeptiker... • Auf Wallensteins Spuren. Eine Loggia, ein Säbel, ei« Pferd, ei« Spitzenkragen. Von Professor Dr. Emil Waldmann, Direktor der Bremer Kunsthalle. Im barocken Prag macht der Palast Wallensteins in der endlosen Reihe der dortigen Adelsresidenzen die weitaus bescheidenste Figur. Kinskys und Schwarzenbergs, Kolowrats und Fürstenbergs und Clam-Gallas bauten viel üppiger und prunkvoller. Der große Herzog von Waldstein und Friedland, heimlicher König von Böhmen, hatte ursprünglich auf dem königlichen Burgberg, dem Hradschtn sein Haus hinstellen wollen. Doch verweigerte der Kaiser Ferdinand der Zweite ihm die Erlaubnis Er wollte den unheimlichen Menschen, den Herrn der Armee, nicht in allernächster Nähe haben. Da kaufte sich Wallenstein am Fuße des Burgberges ein dutzend Häussr, ließ sie niederreißen und errichtete dort sein Palais. Nun konnte er aus seinem Garten immer hin- aufschen zum Kaiser oder seinem Statthalter, wenn er in seinem riesigen französischen Garten ging und überlegte, ob er Frankreichs Angebot der böhmischen, seit dem Sturz des Winterkönigs ihn lockenden Königskrone und der Goldmillion und der französischen Heeresmacht annehmcn sollte. Der Astrolog, Giovanni Battista Seni aus Padua war in der Nähe. Neben der Gartenloggia saß er oben im Rundturm und rechnete an den Sternen, ob Keplers dem im Zeichen des Jupiter und Saturn geborenen Wallenstein Anno 1609 gestellten Horoskop noch immer stimme. Darin stand etwas davon, er würde, zu großen Dingen berufen, seinen großen Feinden „meistens obsiegen". Diese Gartenloggia ist das architektonisch feinste Stück des Wallensteinschen Palastes, zwischen 1625 und 1630 gebaut. Von dem Italiener Sebregondi, von dem man sonst nicht viel weiß. Sie könnte so auch, ohne aufzufallen, in Vicenza stehen, Palladios Stadt, oder gar in Mantua, wo Raffaels Schüler Giuliv Romano den Geschmack beherrschte, denn sie hat noch viel mehr von der eleganten Spätrenaissance als vom frühen, wenn auch noch so klassizistischen Barock. Hier war Wallensteins Kunstmuseum, der Freiluftraum, angefüllt mit Renaissancebronzen, meist mittelmäßiger Sorte. Heute stehen hier nur Nachbildungen. Die Originale haben die Schweden mit in ihr Land genommen. Sonst aber, abgesehen von dieser schönen Loggia, ist das Wal- lcnsteinpalais in den Bauformen sehr schlicht, anständig in den Proportionen, aber etwas trocken. Imponierend nur durch die Größe auf dem dreieckigen Grundriß zwischen zwei. Straßen, durü- die Abgeschlossenheit seines riesigen mauerumzogenen Gartens, durch diesen Charakter von abwehrenden Trotz. Und durch seine Erinnerungen. Auch durch seine Religuien. Nicht alles im »nnern paßt zu dem Geist des Mannes, der hier in den letzten Zähren seines kurzen Lebens residierte. Im großen Festsaal aus Marmor und aus noch mehr Stuck hat er sich in einer mächtigen ckllc- gorie im rauschenden Nubcnsstil an die Decke löffen, als triumphierenden Mars, in der weitaussahrenden Pose des Kricgs- gottes. Die steht ihm gar nicht. Er war viel weniger etn gewaltiger Schlachtenheld und Soldat, als vielmehr ein ungeheuer begabter Kondottiere, ein Unternehmer im Kriegsgeschaft, em Meister des diplomatischen Schachspiels, wie der Norden Europas kaum jemals einen größeren sah. Davon spürt man unter der barocken Triumphdccke nichts, nichts von dem, was tn einem der Nebenräume sein Bildnis sagte, dies fahle hagere trockene Antlitz mit den wartenden Augen unter den gefährlichen Brauen, skeptisch, überaus skeptisch, allen mißtrauend, zuletzt auch noch den geliebten wie gefürchteten Sternen, denen er oben im -rurm mit dem Paduaner zusah. Das Observatorium ist nicht mehr vorhanden. Aber das runde Arbeitszimmer, das mit einer Wendelireppe darunter lag, ist noch da, unangerührt, wie man so sagt. Hier sind die Reliquien, in Glasschränken aufbewahrt. Sein Säbel, kurz und schmal, eher ein Galanteriedcgen denn eine kriegerische Waffe. Man denkt sich einen Kriegsmann anders bewehrt. Zwei Schabracken seiner Reitpferde stehen da, eine rote und eine grüne aus Samt, mit Silberstickerei. Er muß kleine Pferde geritten haben, auch im Kriege. Denn im sog. Spielzimmer des Untergeschosses sicht man ausgestopft das Leibpferd, das er in der Lützener Schlacht ritt. Der Rumpf, denn nur er allein ist echt und alt, erscheint ausgesprochen zierlich, ganz anders als man sich Schlachtrosse des Barockzeit- alters vorstellt. Kurz, Wallenstein muß von, wenn auch nicht gerade kleinem, so doch sehr zartem Körperbau gewesen sein. Seine schwarzen Reitstiefel in der Vitrine im Arbeitszimmer, mit kleinen Sporen, überschreiten kaum das Maß eines Damenreitstiefels. Und da liegt nun, in einem Glaskasten, auch sein Spitzenkragen, feinste Seidenspitzen, mit einem Ornament aus Blumen, Trauben und Vögeln. Den trug "er in Eger am 25. Februar des Jahres 1634. Er war hingeeilt, um zu retten, was noch zu retten war, und sandte Eilboten über Eilboten nach Regensburg zum Schweden. Der Kaiser hatte seine Absetzung schon unterschrieben. Aber auch seiner Armee war er nicht mehr sicher. Piccolomini paßte auf und verriet immer alles. Der Ire Butler und der Schotte Leslie, seine Obersten, glaubten den Kaiser zu erraten und wollten Schluß machen. Nach einem Fastnachtessen beim Kommandanten der Egerer Zitadelle, Gorbon, hatte Wallenstein sich zur Ruhe begeben. Seni hatte ihn eben verlassen und ihn vor Gefahr in den Sternen gewarnt. Da stürzte der Ire Deveroux ins Schlafzimmer und stieß ihm die Waffe in die Brust. So sagte man: in die Brust. Aber die braunen Blutflecke auf dem feinen sehr engen Spitzenkragen, der seinen dünnen Hals umschloß, sitzen nicht vorn, sondern hinten, int Genick. Vielleicht gibt das nach seinem Tode erschienene, im Sinne des Kaisers gehaltene Medaillon von der Geschichte seines Endes doch den Tatbestand am zuverlässigsten wieder? Wie er, halb ausgekleidet schon ans Fenster stürzt, um hinauszuspringen und dabei den Partisanenstoß in den Rücken erhält. Wallenstein war ein Nervenmensch, mit einem immer von der Gicht geplagten Körper. ' Auf jenem Flugblatt steht zu lesen, er habe gerade im „Podagra- : Verhaft" zu Bett gelegen. Der eben Vierzigjährige hatte sich unten in seinem Turm, unter seinem Arbeitszimmer ein Badezimmer oder vielmehr eine Badegrotte einbauen lassen. In bronzener Wanne pflegte er mit warmen Heilbädern den gebrechlichen Körper und ließ sich dann von dem Tropfsteinwerk an der Decke dieses Gemaches kalt berieseln. Es ist ganz schwarz hier unten, und er ; muß in dieser Grotte gespenstisch ausgesehen haben. Die Tür aber, > durch die man diesen unheimlichen Raum verläßt, führt unmittelbar in die heitere Loggia mit den Renaissancebronzen. Oie Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) XV. Gust nahm das Auf und Ab seines Lebens, dies der Wippwapp Selbstverständliche, nicht als Schicksalsfügung hin. Er kämpfte gegen die Zeit. Immer wieder verlangte er sein dem Vaterland geliehenes Kapital zurück. Er forderte: Meine hunderttausend Mark! Er ging auf das Rathaus. Nicht etwa zu den beiden Staöträten Schweikert und Wilhelm Drebitz. Die fanden es berechtigt, daß die, welche den Krieg angezettelt hätten, ihn auch bezahlten. Sondern zu dem neugewählten Bürgermeister. Der hörte ihn anfangs geduldig an, teilte feine Entrüstung darüber, wie Deutschland seinen besten Bürgern ihren Opferwillen mit Undank lohnte, zuckte aber schließlich mit den Achseln, gab Anweisung, den verarmten, schon etwas tüderig gewordenen Rentner nicht mehr vorzulassen, sondern ihn auf den schriftlichen Weg zu verwerfen. Gust machte also Eingaben. Er ließ Protokolle ausnehmen. Er schrieb an die Behörden der Landesresidenz. Er schrieb nach Berlin. An die amtlichen Versorgungsstellen. An die Minister. An Reichstagsmitglieder. An Parteiführer. An den Reichspräsidenten. Als jemand Gust riet, er möge doch mittags mit einem nicht zu kleinen Gefäß zur Rentnerküche gehen, die unten im Rathaus neben der Wohnung des Polizeidieners eingerichtet sei und sich das Essen, welches wirklich sehr schmackhaft sein solle, von dort holen, hob er als Antwort im ersten Augenblick die Hand zum Schlag. Dann aber ließ er den Verblüfften, der es schließlich gut mit ihm gemeint hatte, der nur nicht vermochte, sich in ferne Seele hineinzudenken, wie einen Schuljungen, der etwas Dummes gesagt bat, ohne ein Wort der Erwiderung stehen. Rikelchen aber lief der rasend gewordenen Zeit nach. Sie suchte ihr abzulisten, abzulocken, abzuzwacken, soviel Ye nur vermochte. Aber der Tag kam, an dem sie nichts Entbehrliches mehr zu verkaufen hatte. Da ging Rikelchcn in die Häuser der Vornehmen, der Reich- gewordenen auf der Hohen Straße und erbot sich zur Arbeit. Man wies sie ab. Weil man eine Hilfskraft, obwohl man sie dringend brauchte, nicht mehr bezahlen konnte. Da man ihrer Art, da sie nicht im Lande geboren war, mißtraute. Weil man sich, sobald man zurücksah, schämte, sie zu niedern Diensten anzuwerben. Eine fast Verantwortlich: l)r. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Univ erjitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben. und mehr, seit er zusammen. für ein Ja. baß er wieder schustere. Sowas spreche sich in einem Nest wie dem ihren schnell herum. Rikelchen schüttelte den Kopf. .. So saß denn Gust — angetan mit der grünen Schusterschurze, die Hemdsärmel bis über die Ellenbogen aufgekrempelt - wieder auf seinem alten Schusterhüker vor der lichtsammelnden Schuster- kuqel und wartete auf Kundschaft. Wartete, noch tiefer zusammen, gekauert als einstmals in seinem Hause an der Hohen Straße. Aber es kam niemand. Es wurde nicht geklopft, daß er empor- schnellen konnte — noch höher als einst —, um von seinem Thron am Fenster herab zu fragen: „Womit kann ich dienen? Nach einer Woche vergeblichen Wartens faßte Nikelchen sich ein Herz. So gehe es nicht. Sie habe es vorher gesagt. Wenn sie das Schild draußen neben der Tür nicht bezahlen könnten, dann müße auf die Hauswand gepinselt werden, daß er fern Schuster- geschäft wieder betreibe. Falls sie auch den Maler nicht bezahlen könnten, müßten sie selber Maler sein. Ob er es machen wolle? Gust verneinte durch heftiges Kopfschütteln. Ob sie es an seiner Stelle machen dürfe? „Mmm", antwortete Gust. Zu diesem vieldeutbaren Laut zog sich mehr wieder in den Baracken wohnte, seine Sprache Secbziaiähriae? Was konnte man von der noch erwarten? Eine, die vor dem Krieg selber Mädchen kommandiert hatte? Woher sollte in ihr plötzlich die Fähigkeit sich finden, zu gehorchen? Eine, der es einmal gut ging? Weit besser als ihnen selber! Dabei kam sicher nichts Gescheites heraus. Schließlich aber erhielt Rikelchen doch bei einer frühern Dienstmagd, die in Jahresfrist zur reichen Bäckersfrau geworden war, eine Morgenstelle. Viele Demütigungen muhte die Lebensgefährtin des ehemals zweitreichsten Mannes der Stadt über sich ergehen lassen. Die Emporgekommene suchte und fand immer wieder Gelegenheit, der Herabgesunkenen von dem Wandel der Zeiten zu sprechen änd zu betonen, daß man sich das Vorwärts und das Zuruck seines Lebens selber zuzuschreiben habe. Der Laus der Dinge feiern andrer geworden als vor dem Krieg. Da müsse man eben sich umstellen, wüste man umwenden Wer gegen den Strom schwimme, verdiene es nicht besser, als daß er nicht vorwärtskomme oder gar wegsacke. Rikelchen trat auf die Minute in der Frühe ihren Dienst an, verrichtete die ihr zugewiesenen Arbeiten schnell und gewissenhaft und nahm Schelte, Vorwürfe, Belehrungen, Demütigungen um des geliebten Mannes willen schweigend hin. Eine Woche lang vermochte Rikelchen, Gust durch Vortäuschung notwendiger Besorgungen in der Stadt über ihr morgendliches Tun im Ünwissen zu erhalten. Dann ertappte er sie, infolge eines Zufalls, bei ihrem Schwindel. Gust schalt: Das dulde er nicht. Sofort habe sie die hinter seinem Rücken angenommene Stelle aufzugeben. Heute noch! Keinen einzigen Morgen mehr hingehen. Er verbiete es ihr hiermit ein für allemal nachdrücklich. Seinen Worten gehorchen! Oder es gebe ein Unglück. Hunderttausend Goldmark habe er dem deutschen Staate geliehen. Der Staat sei zum allermindesten verpflichtet, ihn zu ernähren. Wenn aber der Staat, wagte Rikelchen zu fragen, sie im Stich laste? Wenn Deutschland in dieser Sache seine Pflicht mcht erfülle? Sich um Recht und Gerechtigkeit der verarmten Rentner nicht kümmere? Dann werde ich wieder mit dem Schustern anfangen! erklärte Gust feierlich. Ja, wenn er das wolle, bas könne — dann sei, dann werde alles wieder gut. Ehe er sie in ein Haus auf der Hohen Straße gehen lasse, daß sie dort Magddienste tue, wolle und könne er das. Auf der Stelle werde er es ihr beweisen. Gust zog seinen besten Rock an und begab sich zu der Druckerei des städtischen Kreisblattes. Er wollte dort ein Inserat aufgeben durch das Stadt und Land bekanntgemacht wurde: Er habe sein früheres, wohlrenommiertes Schuhmachergeschäst in dem Hause seiner verstorbenen Eltern, Nummer 203 der Baracken, mit dem heutigen Tage wieder eröffnet und werde bestrebt sein, in alter Weise --- Aufs sorgsamste hatte Gust den Text des bedeutsamen Inserats zu Hause niedergeschrieben, hatte geändert, gebessert, gestrichen, immer wieder gestrichen. Viele Stunden hatte er während der Zeit, wo Rikelchen sich aus ihrer Morgenstelle befand, darüber verbracht. Es waren auch jetzt noch reichlich viel Worte aus dem Bogen in der Brusttasche seines besten Rockes stehengeblieben. Aber das Inserat — das Rikelchen, als er es im Weggehen zeigte, herrlich nannte — brauchte ja nicht mit fingerlangen Buchstaben gedruckt zu werden. Das ging wirklich nicht mehr. Es war auch durchaus nicht nötig. Das Ganze so groß wie ein Markschein, genügte, genügte vollkommen. Seinen wohlbekannten Namen würde man durchaus nicht übersehen. Und wenn die Leute nur wußten, er schustere wieder, dann würden sie sich schon erinnern, wie gut er sie bedient hatte, und einer nach dem andern zu ihm in die Baracken kommen. Als Gust dem Besitzer der Zeitung das aufs sorgsamste in seinem Text festgelegte Inserat gegeben hatte und fragte, wieviel es bei einmaliger Aufnahme — bei zweimaliger! hatte er sagen wollen, verbiß sich aber das Wort noch im letzen Augenblick, koste, jawohl: koste, wenn er es halb so groß wie einen Markschein mache, da nannte der eine Summe, daß Gust sich an der Stuhllehne festhalten mußte, um seinen Schrecken zu verbergen. Dann — dann wolle er sich den Text des Inserats zu Hause doch lieber — lieber nochmal überlegen, stotterte der Verwirrte unh ging. Ein Zinkschild, das an seinem Haus angebracht werden sollte, gedachte Gust bet dem Klempnermeister zu kaufen. Darauf ließ er dann von einem Maler Namen und Beruf pinseln. Das Zinkschild war dauerhaft und wirksam. Jahrelang rief es den Vorübergebenden zu: August Mickeclsen, der bekannte tüchtige Schuhmachermeister, der ganz Deutschland und halb Oesterreich durchwandert hat, hat sein Geschäft wieder eröffnet. Aber Gust konnte das Metall für das Firmenschild an seinem Hause nicht bezahlen. Also ein Holztäfelchen kaufen! Doch auch für den Tischler reichte Gusts Geld nicht. Wieviel weniger demnach für den Maler! Bekanntmachen? Nicht nötig! entschied schließlich Gust. Er habe es bereits jedem, den er auf der Straße getroffen hätte, gesagt, Es kamen nun, durch das gemalte Schild neben der Tür an- gelockt, hin und wieder Kunden, die Schuhe und Stiefel brachten. Jedesmal, wenn es an die Tür klopfte, schnellte Gust auf seinem Schusterhüker hoch. Jedesmal fragte er in alter Weise: „Womit kann ich dienen?" In kürzester Frist lieferte er die gewünschte Arbeit. Sorgsam ausgeführt. Aber es gelang Gust nicht, den Hunger aus seinem Häuschen zu hämmern. _ - Die Barackenleute brachten nur kleine Flickereien. Denn sie waren, mit winzigen Ausnahmen, selber armselige Schlucker, von denen mancher wohl gern bezahlen wollte, aber nicht konnte. Wieder stellte Rikelchen fest: „So geht es nicht!" Gust sah fragend von seinem Schusterhükcr zu ihr hinüber. Es seien jetzt andre Zeiten als früher! bedeutete die Schustersfrau ihrem nicht begreifenden Manne. Die Arbeit komme nicht mehr wie einst zu dem, der arbeiten wolle. Zumal nicht von der Vorderstraße in die Hinterstraße. Jetzt müsse der Arbeiter sich aufmachen und zur Arbeit hingehen. Müsse ihr nachlaufcn. Wenn er nicht Hungers sterben wolle, bleibe ihm nichts andres übrig, als daß er auf die Hohe Straße gehe und Haus bei Haus frage: Ob man was für ihn zu flicken oder neu zu machen habe? _ , c n .. „Ich?" empörte sich Gust. „Auf die Hohe Straße gehen? Um Arbeit betteln? Lieber den hier" — bei diesen Worten schwang er wild den Knieriemen über seinem Kopf hin und her —, „den hier um einen Gefallen bitten." „Um welchen Gefallen?" ' „Daß er sich schnell zuzieht und nicht reißt, wenn ich mich mit ihm aufhänge!" „Gust!" "Mm!" machte der Angerufene und schüttelte heftig den Kopf. Das konnte heißen: „