Eichener ZainilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1954 Montag, den 24. Dezember Nummer 100 Oer Tannenbaum. Von Kurt Heynicke. Er wuchs im Wald aus herbem Moose Und ward vom Himmel und von Wettern satt. Er träumte sich ins Grenzenlose. Da kam die Axt. So fuhr er in die Stadt. Er stand mit goidnem Fuß auf weißer Decke. Er war der Schönste in dem engen Raum. Das Lied der Eltern schwebte aus der Ecke Und lobte ihn; „Oh Tannenbaum ..." Sein Leib war reich geschmückt mit Lichtern, Ihm steckten Sterne in dem grünen Haar. Doch schten's, daß rings von den Gesichtern Er sehr bedrückt und einsam war. Doch da verfingen seine Aeste Sich sacht in einem Kinderglück. Und jählings schwanden für ihn alle Gäste Und selbst die Wände traten still zurück. Da stand ein Kind mit lächelnd offnem Munde Und mit verzaubertem Gesicht. Cs liebte ihn in dieser Stunde Sehr zart. Sehr fromm Berauscht, von soviel Licht. Und er bekam des Kindes Herz zu lesen: Daß er für ewig dort zu Hause war. Da schenkte er sein ganzes Wesen. Die Kerzen glänzten wunderbar. Oer Vogel aus dem Weihnachtswaid. Erzählung von Friedrich Schnack. Immer tiefer wurde der Winter, immer mehr Schnee schüttete der Himmel herunter, immer höher schwoll die weiße Woge, darunter das Waldgebirge schlief. Heute war Weihnachten, der Nachmittag des Heiligen Abends. Setzte das Schneetreiben nicht aus, würde niemand aus dem hochgelegenen Waldwirtshaus „Zum hölzernen Schimmel" an den Feiertagen in das Dorf hinunter —, kein Bein heraufsteigen können in diese gottesjämmerliche Verlassenheit. Man konnte wirklich meinen, der Winter treibe mit Leuten auf der Höhe Schindluder, mit den Bewohnern des abgelegenen Wirthauses, dem Wirt Hober, seiner Frau und der Tochter Josepha, die zwanzig Jahre war und zu schade für eine so einsame Gegend. Im Gastzimmer befanden sich keine Gäste. Wer sollte auch kommen, bei solchem Wind und Wetter! Am Fuß des höchsten Waldberges lag die Herberge, im Sommer gern von Wanderern und Fremden aufgesucht — im Winter aber ließ sich kein Rucksack sehen. Auch die Fuhrleute, die Holzfäller, Waldarbeiter und Jäger blieben aus, ihr Pfeifenrauch war längst verzogen; der letzte Hausierer hatte schon vor Wochen die Tür hinter sich zugeschlagen. Der Wirt, ein kräftiger, rotbärtiger Waldmensch, hatte sich in eine der leeren Bänke hineingeräkelt, um zu schlafen. Seine ungebrauchten Gläser hingen umgestürzt an ihren Zapfen. Frau und Tochter saßen in der Bank vor dem Schanktisch, mit Hand- und Naharbeiten beschäftigt. Ihre Gesichter spiegelten Schneelicht und heimliche Das Mädchen war hübsch, schlank und waldgesund. In den dunklen Augen schimmerten Winterträumerei und Betrübnis. Möge es doch immerzu schneien! wünschte Josepha. Sie sollte am zweiten Feiertag einem der Mutter genehmen Burschen aus dem Talgrund das Jawort geben. Josepha straichte sich. Vu" >?emte die Mutter, ihre Tochter habe bereits einen Burschen. In Wirklichkeit aber hatte sich das Mädchen noch nicht gebunden. Nur ungewisse Wun che hegte Josepha im Herzen. Sie wünschte sich nämlich einen andern zu Mann als jenen kleinen, stiernackigen Kerl, der ihrer Mutter gefiel Lieber hätte Josepha einen Mann geheiratet, der großgewachsen und hübsch wie der Förster war. Doch der Forster war schon "erheiratet. Nun hatte sich also zum zweiten Feiertag der Werber angesagt. Es war ein schwerer Weg herauf. Wenn es bloß aufhorte, wunschted Mutter! Schnee! Schnee! Vis zum Dach Schnee — wollte Josepha haben. Es sah fast so aus, als ob ihr Wunsch erfüllt werde. Der Schnee fiel und schwoll Doch am Abend, als die Dunkelheit l""', begann das Schneien nachzulassen, der Himmel wurde spiegelklar. Der Vater öffnete die Haustür und räumte den Schnee von der Treppe. In der Stube wurde Licht angezündet. Enttäuscht sann Josepha: nun würde der Freier am zweiten Feiertag kommen. Sie fürchtete, dem Drängen der Eltern nachzugeben. Es war ja auch besser, daß sie aus dem Haus käme, die Wirtschaft ging schlecht. Für zwei langte es, für drei reichte der Verdienst nur knapp. Der Vater brachte aus dem Schuppen die kleine Weihnachtstanne. Er stellte sie auf den Tisch und begann sie zu schmücken. Dem Schrank, worin er Zigarren und Tabak aufbewahrte, entnahm er eine Schachtel mit bunten Glaskugeln, Kerzenhaltern und Lichtern. In seinen klobigen Händen, die Beil und Säge zu führen verstanden, hielt er die feinen, zerbrechlichen Dinge, während Josepha ein weißes Tischtuch über die Platte breitete und drei Teller daraufsetzte. Gesprochen wurde nicht. Der Vater war in sein Tun vertieft, und das Mädchen hatte feine Gedanken. Als am Abend das Bäumchen angezündet war, fromm und feierlich leuchtete, lagen auf den Tellern Nüsse, Aepfel, kleine Kuchen, daneben für den Vater eine gestrickte Weste, Fäustlinge und Socken von Schafwolle, für die Mutter Kleiderstoff und ein gehäkeltes Tuch, für Josepha eine bunte Schürze und ein paar Wäschestücke, auch ein Stück Seife. Aber ehe die kleine Familie noch die Geschenke recht betrachtet und gewürdigt, auch jeder dem andern gedankt hatte, hörten sie jemand draußen vor der Tür poltern, stampfen, Schibretter und Stöcke gegen die Holzwand stellen, und während sie verwundert nach dem unerwarteten Geräusch hinhorchten, tat die Tür sich aus, ein großgewachsener Mann von vielleicht 30 Jahren stampfte in die Stube, freundlich guten Abend wünschend. Die Leute vom „Hölzernen Schimmel" legten die Sachen auf den Tisch, die Frau glitt hinter die Schänke, Josepha hielt sich beim Bäumchen, wobei sie auf das schöngeschnittene, von Winterkälte nachglühende Gesicht des Mannes blickte. Der forderte ein heißes Getränk, Tee, Grog oder was es gerade gäbe. „Wohin unterwegs?", fragte Huber. „Dorthin!" antwortete der Schifahrer, und seine Hand glitt durch die Luft. Der Wirt und die Frau begaben sich in die Küche, das Getränk zu bereiten Josepha war zerstreut und linkisch. Ein so später Gast! Am Weihnachtsabend . Sonderbar, daß sein Gesicht sie an den Gesichtsschnitt des Försters erinnerte! Sie spähte über eine flackernde Kerze nach dem Gast. Aber ertappt senkte sie den Blick. Der Mann hatte sie angesehen. Heiß und stählern waren seine Augenfunken in sie gedrungen. Er hoffe, sagte der Mann, nicht gestört zu haben. Er befinde sich ja -in einem Wirtshaus, antwortete Josepha. Der Fremde kramte aus seiner Seitentasche mit auffallender Vorsicht ein zu- sammengeknäultes Halstuch, das er behutsam aufmachte. Nun hielt er ein in Zeitungspapier eingewickeltes Ding in der Hand. Ob sie die Tochter vom Haus wäre? fragte er, und als Josepha bejahte, meinte er, er hätte es nicht vermutet — ein so hübsches Mädchen in dieser Wildnis. Dabei raschelte er mit seinem Papier, von dem er aber keinen Blick verwandte. Er hatte nun etwas ausgewickelt und zwischen die beiden Handmuscheln getan Nun preßte er sie an den Mund und hauchte in die Höhlung. Aufmerksam beobachtete das Mädchen sein Tun. Die Hände, das stille, erwartungsvolle Gesicht des Mannes übten auf sie eine merkwürdige Anziehungskraft. Jetzt huschte über [ein Gesicht ein zufriedenes, fast rührendes Lächeln. „Die arme Seele lebt!" rief er aus, fchaun Sie nur mal her!" Sie näherte sich, er öffnete ein wenig feine Hände, Josepha neigte sich neugierig darüber, lächelte, blickte dem Mann ins Gesicht: „Ein Kreuzschnabel!" sagte sie überrascht und kostete mit ihrem Blick von dem warmen Licht der" Mannesaugen. Er nickte: „Vom Baum ist er gefallen, als ich darunter hinglitt", erzählte er und hauchte wieder. „Mitten aus einer ganzen Schar ist er gestürzt", fetzte er hinzu. „Ganz weihnachtlich sah die beschneite Fichte aus, auf jedem Zweig ein Kreuzschnabel; grün, weiß, rot. Dem da aber war das Blut erstarrt .. " Der Vogel regte sich, die blasse, totenhafte Nickhaut ging langsam zurück, der Schnabel wurde ein wenig ausgesperrt. Die Peinchen zitterten, zuckten. Der Schifahrer hauchte. „Seinetwegen bin ich hier eingekehrt, bei Ihnen, wo es warm ist ... Er lächelte dem Mädchen zu, und Josepha erwiderte das sie tief anrührende Lächeln. „Es wär mir ein liebes Weihnachtsgeschenk", meinte der Mann, „wenn ich ihn durchbrächte!" „Wir haben einen alten Käfig", sagte Josepha, „ich will ihn holen." Sie ging. „Der Weihnachtsvogel!" meinte die herantretende Frau. „Das bedeutet Glück!" Der Wirt lachte. „Wissen Sie, warum die Kreuzschnäbel gern im Winter brüten?" Der Gast wußte es nicht. „Weil da die Fichtensamen am besten schmecken." Das Mädchen erschien wieder mit dem kleine Drahtkafig. „Danke , . (aate der Gast und suchte den Blick des Mädchens. Die Trin^chale hatte n? mit warmem Wasser gefüllt. Der Vogel hob leise den Flügel und kuschelte sich auf der Hand der Vogelfreundes. Josephas Blick ruhte aus der Manneshand. Sie sah die Linien darin gezagen t.ef und oon ge- iunder Lebenssarbe. Es war wohl eine warme, gute Hand. Sie trug weder einen Berlobungs- noch einen Ehering ... Jetzt ließ der Kreuz- Label einen feinen Lockton hören, stand auf, schüttelte se,n Gefieder $ Josepha öffnete die federnde Käfigtür und hielt sie offen und Jpurte die Berührung der Hand des Mannes, der den Vogel vorsichtig '" den Bauer schob Er ließ sich gern etwas Zeit, indes Josepha 'hr Gesicht alüben fühlte das sie scheu in den Schatten ihres Vaters Wob, der breit neben ihr stand. Nun zog sie die Hand zuruck die andere schlupfte beraus der Kreuzschnabel hupfte aus das Stangchen, und öte xur klappte zu Es war ein zärtliches süßes Abendspiel. Die Gegenwart des Manne? und das Erlebnis mit dem Weihnachtsvogel hatten das Mädchen von trüben Gedanken abgebracht. Sie suhlte ßü) aufgeweckt, sowie die Lebenskraft des Kreuzschnabels von dem Atem des Mannes auf getaut worden war. Je öfter sie mit dem Gast Blicke wechselte, um so Weiterer und erregter wurde ihr zu Mute. Sie hatte sich in den Schatten aeiekt nahe beim Bäumchen, während die Eltern plaudernd tu der Nähe'des Gastes saßen. Der hatte seine anfängliche Wortkargheit abgelegt, wie wenn auch er aufgetaut wäre. Hatte der Kreuzschnabel d.e Veränderung verursacht, die wiedergeborene Seele, der Weihnachtsvogel? Aber da verstummte das Gespräch. Ein feines, traumhaftes Singen ließ sich vernehmen, als musiziere ein heimlicher Weihnachtsgeist. Alle blickten auf den Sanger, der, dem lob entronnen, das Leben begrüßte. Der Gast sandte dem Mädchen einen zärtlichen Blick. Als der Kreuzschnabel verstummte, sagte der Gast, er müsse nun ausbrechen, und zahlte. Den Vogel walle er ihnen in Verwahrung geben. Er bitte das Fräulein, ihn In Pflege zu nehmen — oder auch freizu lassen, wenn er sich wieder ganz erholt habe. Dann hangle er seinen Rucksack über und verabschiedete sich. Josepha leuchtete ihm vor die Tur, wo er seine Schibretter an den Schuhen befestigte. Der Himmel sternenüberfüllt, und der Wald funkelte bis in alle Grunde. „Wohin fahren Sie?" fragte Josepha. ,Lu meinem Bruder, dem Förster..." Und er nannte Namen und Ort. Das war es, der Förster, der große schlanke Mann, der manchmal im „Hölzernen Schimmel" einkehrte... „Am zwecken Feiertag komme lck, lurütf" iaate er. „Vielleicht sehe ich Sie wieder! Er druckte ihr die Hand. Josepha neigte sich ihm entgegen. Er umschlang sie: küßte sie und ließ sie rasch wieder los. Dann glitt er dunkel an den Fichten hm. Sie blickte ihm mit heißen Augen nach. Er verschwand. Die silberne Nacht nahm ihn aus, die große Stille zwischen Himmel und Erde. rich Bach. „ Dann freilich wird die Literatur der neueren Zeit zu dem alten Weihnachtsthema wesentlich schmaler. Von Brahms das köstliche Brat chenlied: „Die ihr schwebt um diese Palmen und Hugo W o l f s Vertonung des gleichen Textes sowie seine „Christnacht kür^ Chor und Orchester, Max Regers Kantate über „Vom Himmel hoch und das hübsche, kleine Weihnachtsoratorium von H. von Herzogenberg sind mehr Zwischenerscheinungen, bis sich neuestens zwei große Lieher in den Vordergrund stellen: die bedeutsamen Weihnachtsoratorien von Hermann Graber und von Richard W e tz. Besonders das letztere gewinnt immer mehr Widerhall durch die Eindrucksstärke stmer B.ld r, wobei nicht vergessen werden soll, daß einmal em recht beachtliches Werk geradezu für die Verbindung mit Bilddarbietungen geschaffen worden sit: das Weihnachtsmysterium von Ph. ®olfsLU’J1' ^Hrftünh A-cappella-®cfetjung hat in einem ganz neuen Werk ^'Zvolle Urstand gefeiert: dem sechsstimmigen Weihnachtsoratorium öon Kurt Thomas, in das nach altem deutschem Weihnachtsbrauch wieder d,e schönsten Christlieder kunstreich und volkstümlich erngeflochten worden sind. 9 Endlich werde des deutschen Weihnachtsliedes der Neuzeit gedacht. Da stehen die lieben, zart-traulichen Stücke von Peter Cornelius in einsamer Schönheit da; höchstens ein Heft von dem Kasseler Karl H a l l w a ch s und ein Stück von Wilhelm Berger kommen daneben noch in Betracht. Aber diese hübschen Merkchen sind Nachzügler, etwa gemessen an den köstlichen Chorsätzen aus dem 16. Jahrhundert in dem Weihnachtsliederbuch des Zwickauer Kantors Cornelius Freund, die G Göhler herausgegeben hat. Inbegriff dieser altdeutschen Weih nachtskunst ist und bleibt der wundervolle Satz des Michael Prato- I rius: „Es ist ein Ros' entsprungen"; der verhalt sich zu den Wech. nachtsliedern des 19. Jahrhunderts etwa wie Cranach ö" Ludwig!Richter. Insgesamt ein beglückender und beneidenswerter Reichtum. Aber man nehme diesen Besitz auch aus dem Schrank und musiziere unsere Weihnachtswerke mit innigstem Eifer, damit sie ihren heimlichen Zauber voll entfalten. Weihnachten in der Berghütte. Von Knut Hamsun. Es war sehr viel Schnee zu Weihnachten gekommen, das kleine Haus droben in den Bergen steckte nicht mit viel mehr heraus, als mit dem Dach und den beiden obersten Balken. Es war übrigen auch nur eine Hütte, ein Häuslerplatz für eine Kuh, ein Schwein und ein Lamm. Hier wohnte die Familie Sommer und Winter für sich allein. Der Mann hieß Tor und die Frau Kirsti; und sie hatten fünf Kinder, die Timian bis Kaldäa hießen. Die Kaldäa war im Dienst unten im Dorf, und Timian hatte es durchgefetzt, nach Amerika zu gehem Die drei Kinder, die noch zu Haufe waren, waren zwei Jungen und ein Mädchen: Rinaldus, Didrik und Tomelena. Aber Tomelena nannte man für gewöhnlich nur Lena. Es war, wie gesagt, zu Weihnachten unmäßig viel Schnee gefallen, und der alte Tor hatte den ganzen Tag Schnee geschaufelt, so daß er ganz müde und abgearbeitet war. Nun hatte er alles gelesen, was für den Weihnachtsabend im Gesangbuch stand, und sich danach nut der Pfeife im Munde aufs Bett gelegt. Die Frau kochte und wirtschaftete am Herde, indem sie die ganze Zeit in der Stube hin und her ging und immer noch etwas zu ordnen fand. Hat das Vieh schon was zum Abend bekommen? fragte Tor. Ja, freilich, erwiderte die Frau. . Tor rauchte wieder ein Weilchen und sagte dann, indem er In ^'"Was^kochst°und brätst du da den ganzen Abend, Frau? Ich begreife gar nicht, wo du das alles hernimmst. Oh, ich bin reicher, als ihr glaubt, erwiderte Kirsti, und sie lachte I selbst über den Scherz. Deutsche Weihnachtsmusik. Von Professor D. Dr. Hans Joachim Moser, GDS. So innig und schön wie in Deutschland wird das Fest der Geburt Att- münchener Master P e z, dazu prächtige Solokantaten aus d,e Wech nacht von dem Schlesier Martin Mayer und dem Stuttgarter Fr. PH. Boedecker, die wieder alle in Neudrucken oorliegen. Sehr hübsch ist ferner eine knappe Weihnachtsidylle in Oratorienbesetzung von Sebastian Bachs Bückeburger Sohn, dem mit Herder befreundeten Fried- Beim Abendessen sollte die Familie auch einen Schnaps haben, das war alter Brauch, und Rinaldus war derienige, der die Gläser einschenken sollte. Das war für ihn ein feierlicher Augenblick; er sollte die Karaffe mit den großen gemalten Rosen in seinen Händchen halten. Aller Augen beobachteten chn. Halte die Rosenkarasfe in der linken Hand, wenn du Leuten ein* gießt, die älter sind als du, sagte der Vater. Du bist alt genug, etwas anzunehmen und etwas zu lernen. Und Rinaldus nahm die Rosenkarasfe in die linke Hand. Er goß so vorsichtig ein, daß es ein förmliches Schauspiel war, streckte dabei die Zunge heraus, legte den Kopf auf die Seite und goß. Die Abendmahlzeit war das reine Festessen, es gab Fladenbrot, Sirup und ein Ei für jeden. Außerdem konnte man sehen, daß es Weihnachten war, denn es gab noch Butter zum Brote. Tor sprach laut Luthers Tischgebet. Aber nach der Mahlzeit irrte sich der kleine Didrik im Tage, ging zum Vater und zur Mutter und gab ihnen die Hand zum Dank fürs Essen. Der Vater ließ es ihn tun, bevor er etwas sagte; als er aber fertig war, sagte Tor doch: Du solltest uns heute abend nicht für das Essen danken, Didrik. Es ist gerade nichts Verkehrtes dabei; aber du weiht, am Neujahrsabend folljt du für das Essen danken. Didrik war nun so beschämt, daß er sich ganz zusammenduckte, und er brüllte beinahe los, als die Geschwister über ihn zu lachen begannen. Tor hatte sich wieder mit der Pfeife im Munde auf das Bett gelegt, und die Frau wusch die Tassen ab. Ja, das war ein tüchtiger Schneesall, den wir hatten, sagte sie. Er ist wohl auch noch nicht zu Ende, erwiderte Tor. Der Mond hat einen Hof, und die Elstern fliegen dicht am Boden. An einen Kirchgang ist für morgen wohl nicht zu denken, was? Ach, Gott behüte. Du hast wohl nicht im Kalender nachgesehen, wenn du morgen auf Kirchgangswetter hoffst. Wie ist denn der Aspekt? Er sieht wohl nicht besser aus, als ein Kalb ohne Beine. Ich würde sonst nicht so schlecht davon reden. Nein, wirklich I Gib meine Brille her, Rinaldus, aber laß sie nicht auf den Boden fallen, fuhr Tor fort. Und er untersuchte noch einmal den gefährlichen Aspekt. Ja, da siehst du, sagte er zu der Frau. Es ist nicht besser, als ich tage. Jesus behüte uns alle! meinte Kirsti und faltete ihre Hände. Bedeutet das da Unwetter? Ja, das bedeutet Unwetter. Aber das ist doch wohl noch nicht der schlimmste. Wenn du einen Aspekt von der richtigen Sorte sehen willst, bann sieh dir hier den fünften Februar an. Das ist wohl kein geringerer, als der Antichrist selbst, mit zwei Hörnern. Jesus, Gott behüte uns alle! Und Timian, der in Amerika ist. Nach diesem Ausruf trat für ein Weilchen Stille in der kleinen Stube ein. Draußen begann es zu stürmen und der Schnee zu fegen. Die Kinder unterhielten sich miteinander und vergnügten sich mit oer= fchiedenen Dingen; die Katze ging von einem zum andern und ließ sich streicheln. Ich möchte wohl wissen, was der König am Weihnachtsabend ißt? brachte Didrik hervor. Haha, da gibt es wohl feine Butter und süße Kuchen, rief die kleine Lena, die erst acht Jahre alt war und es nicht besser wußte. Denke, süßen Kuchen! Und bann auch noch Butter daraus, sagte Didrik. Und der König trinkt wohl eine ganze Rosenkarasfe allein aus? Aber Rinaldus, der der älteste war und bereits weit in der „Auslegung" gekommen war, lachte über dieses Gerede laut auf: Nur eine Karaffe! Haha, der König trinkt wohl mindestens zwanzig! Zwanzig, sagst du? Ja, die trinkt er mindestens. Nein, bist du verrückt, Rinaldus! Cs ist unmöglich, mehr als zwei zu trinken, sagte die Mutter, die am Herde stand. Aber nun mischte sich auch Tor hinein. _ Was faselt ihr da? sagte er. Glaubt ihr denn etwa, der König trinkt solch gewöhnlichen Schnaps? Der König trinkt etwas, was Schampaner- trunk heißt, will ich euch sagen. Davon kostet eine einzige Fla che fünf bis sechs Kronen, je nachdem wie die Preise in England sind. Und den trinkt der König von früh morgens bis spat am Abend, nichts als Schampanertrunk. Und jedesmal, wenn er ein ^as ausgetrunken hat stößt er es so hart auf bas Tablett, daß es zersplittert, und sagt zur Prinzessin: Nimm es fort! fagt er! Aber in Jesu Namen, warum zerspUttert er denn die Glaser? fragt Kirsti. He solch eine Frage! Glaubst du, daß er sich herablaßt, die ganze Zeit aus ein und demselben Glase zu trinken, so ein Mann, wie der ift? Pause. ... , ., Ich begreife nicht, Tor, woher du immer alles weißt, sagt die Frau ganz still. Ach, erwidert Tor, bei mir hapert's auch manchmal; es war Mar nicht fo leicht zu meiner Zeit vor dem Pfarrer zu bestehen. Damals mußte man feine Dinge können. * Dann erhob sich Tor, legte die Pfeife fort urö W■ na« g Pulver. Er wußte wohl, wo es versteckt war, denn er hatte es ]ew)t am Fußende des Bettes vergraben, als er bas letzte Mal vom Kramer kam; aber er fragte doch danach und rief dadurch ehte feierliche Stimmung in der Stube hervor. Als das Pulver hervorgeholt war, teilte er es in drei gleiche Telle und packte es in dreieckige Papierstücke ein. Dann setzte er die Mütze auf. Die Kinder versammelten sich neugierig um ihn und baten, mit ihm gehen zu dürfen, denn sie wußten, was bevorftand. Und bald saß Kirsti allein in der Stube. Tor und die Kinder arbeiteten sich bis zum Kuhstall durch, sie wollten das Pulver verbrennen. Der Schnee fegte wild um sie herum. Tor machte das Zeichen des Kreuzes, dann öffnete er die Stalltüre und machte abermals das Zeichen des Kreuzes, nachdem er eingetreten war. Der Stall lag im Halbdunkel, alles war still, man hörte das Wiederkäuen der Kuh. Tor zündete ein Lichtftümpfchen an und steckte dann die Pulverpäckchen an, eins für die Kuh, eins für das Schwein und eins für das Lamm; die Kinder sahen mit heimlichem Beben zu, keines von ihnen sagte ein Wort. Dann machte Tor wieder das Zeichen des Kreuzes und ging. Er rief nach Lena, die zurückgeblieben war, um das Lamm zu streicheln, daß sie sich sputen möchte und kommen. Und Tor und die Kinder kehrten wieder in die Stube zurück. Das ist ein richtiges Wetter draußen, sagte er, der ganze Berg steht wie in Rauch. Er legte sich wieder aufs Bett, bis der Kaffee fertig war, während die Kinder mit Kleinigkeiten sich am Tisch zu beschäftigen begannen. Sie wurden immer lauter und lachten dazu bisweilen über die geringfügigsten Dinge. Tor sprach durch das Zimmer hin zu seiner Frau. Ja, ich möchte wirklich wissen, was... Nein, Kinder, ihr lärmt fo, daß man sein eigenes Wort nicht versteht ... ich mochte wirklich roiffen, wo ich hin soll und mich wieder nach ein bißchen Arbeit umsehen, sagte er. Die Frau goß Kafsee ein. Ach, da findet sich schon Rat mit Gottes Hilfe, erwiderte sie. Vielleicht gibt es unten im Dorf ein wenig Drescharbeit. Ach ja, da findet sich schon was... Komm, und trink nun Kaffee. Als Tor seinen Kaffee getrunken hatte, zündete er wieder seine Pfeife an. Er zog die Frau zur Tür hin und flüsterte dort ein Weilchen mit ihr, so daß die Kinder sich fast verrückt lauschten, um zu hören, was da gesagt wurde. Als aber die kleine Lena ihren naseweisen Kopf Mischen die Eltern stecken wollte, wurde sie schnell fortgeschoben, und die Brüder riefen ihr schadenfroh zu: Siehst du, da hast bu’s! Aber Klein-Lena war boch so nett und lieb, daß niemand bas Herz hatte, sich über sie luftig zu machen. Darum gab Rinaldus ihr auch e daraus einen großen, blanken Knopf und erfreute sie mit dem gen, was er hatte. Der Vater ging zum Schrank hin und nahm dort ein Paket herab. Dieses Paket enthielt eine Sendung von Timian in Amerika, eine Boa aus weichem, schwarzem Fell und mit Quasten. Timian hatte wohl daran gedacht, wie kalt es dort oben in den Bergen im Winter war, und bann hatte er diese Boa heimgesandt, die die wärmste Halsbinde war, die er je gesehen hatte. Sie war wohl auch nicht so billig gewesen. Aber wer sollte nun die Boa haben? Tor, wie auch seine Frau, hatten über die Frage des langen und breiten nackgedacht, und endlich hatten sie bestimmt, daß Rinaldus sie haben sollte; denn Rinaldus wäre der älteste, außerdem hatte er oft Gänge ins Dorf zu machen, fo daß er wohl etwas Warmes brauchen konnte. Rinaldus, komm her! sagte Tor. Hier ist eine Halsbinde von Bruder Timian für dich. Und bas ist eine gehörige Halsbinde! Aber du mußt vorsichtig damit sein, damit du noch etwas Feines um den Hals hast, wenn du vor dem Pfarrer stehst. Da, verbrauch sie mit Gesundheit! Nun entstand eine Verwunderung und Freude, an der alle teilnahmen. Die weiche Boa wurde eine halbe Stunde lang beschaut und befühlt, und die kleine Lena ward nicht müde, mit ihren kleinen blauen Händchen darüber hinzustreichen. Ader sie durste sie nicht fest umlegen, nein, ja nicht umlegen, sie wäre noch zu klein dazu. Dagegen bekam Lena ein kleines Licht, und dieses Licht zündete sie fortwährend an und löschte es wieder aus, denn sie konnte es sich nicht leisten, es brennen zu lassen. Didrik war der einzige, der nichts bekam; aber der Vater versprach ihm eine ganz neue Biblische Geschichte, sobald er mit Dresch- arbeit im Dorfe unten ein wenig Geld verdienen könnte. Der Schnee trieb immer dichter gegen die Scheiben, und bisweilen siel sogar Schnee durch den Schornstein herab, bis ins Feuer auf dem Herde. Es war schon spät und Zeit, zu Bett zu gehen; morgen gab es wohl wieder dieselbe Arbeit mit dem Schneeschaufeln. Ja, geht nun auf den Halbboden hinauf und legt euch zu Bett, Kinder! sagte Tor. Betet zu Jesus, bevor ihr einschlast, und macht bas Zeichen des Kreuzes über Gesicht und Brust. Und die Kinder krochen bann, eines nach dem andern, die Leiter hinauf. Rinaldus durfte feine Boa, in Papier eingewickelt, mitnehmen und Lena kam mit ihrem Lichte in der Hand nach... Um zwölf Uhr, als alle schliefen, hörte die Mutter in der Stube oben etwas rascheln. Sie rief hinauf, ob jemand oben wach wäre. Keine Antwort. Alles blieb still. Ein Weilchen später trippelten kleine Füße über den Boden, die vorsichtigsten Schritte, die man kaum noch hören konnte — das war die kleine Lena, die sich doch im Dunkeln zu der Boa hingeschlichen hatte, um sie umzulegen und nun schreckliche Angst hatte, dabei ertappt zu werden. . , Die feine Boa! Es war der weichste Gegenstand, der je tn der Berghütte gewesen war, und Rinaldus benutzte sie nur zweimal mit größter Vorsicht beim Kirchgang. Ader trotzdem begannen im Sommer jämmerlich die Haare auszufallen, und in die Quasten tarnen wahrhaftig die Motten. Ein Stern fiel vom Himmel. Roman von Hans Dominik. Copyright 1934 by Koehler & Amelang GmbH., Leipzig. (Fortsetzung.) Gut, dann können wir starten", erwiderte Berkoff und machte sich daran die Tür des Siratosphärenschifses wieder lustdicht zu verschrauben. Neugierig blickten sich die beiden Amerikaner um. Zwar waren sie beide schon in einem Stratosphärenschiss der Linie Fnsko— Neunork geflogen, aber diese neue Maschine der Eggerth-Werke hier schien ihnen doch näherer Betrachtung wert zu sein. Mit einer Handbewegung lud Berkoff sie ein, ihm zu folgen. „Bitte, dars ich Sie in den Salon führen? Er öffnete eine Tür zur Linken. Ein großer, behaglich eingerichteter Raum bot sich den Blicken der Eintretenden. Berkoss wies auf zwei Ledersessel, „bitte, Gentlemen, nehmen Sie Platz. Ich will Ihre Ankunft den anderen Herren melden. Wollen Sie sich inzwischen bedienen." Berkoss trat In den Führerstand und zog die Tür hinter sich zu. „Er ist's also, Georg, wenn ich deine Zeichen richtig verstanden habe?" fragte ihn Hein Eggerth. „Natürlich, ist er’e, Hein, in Begleitung eines Mr Bolton —, da» scheint der Geldmann bei der Geschichte zu sein — sie sind mit einer amerikanischen Maschine hierhergekonunen, um nach dem bewußten Erz zu suchen. Haben auch ein paar Zentner gefunden." Hein Eggerth pfiff durch die Zähne. „Das ist eine dumme Geschichte. Noch ein Glück für uns, daß ihre Maschine hier zum Teufel ging. Sonst wären die Brüder vielleicht doch noch an die richtige Stelle gekommen." . . „ , , m „ „Die Geschichte ist ernster, Hein, als wir alle ahnten , fuhr Berkoss fort, „als ich in das Flugzeug kam, waren die beiden Amerikaner in eine ganz hübsche Borerei verwickelt —" , „Was hatten dle Pankees für einen Grund sich zu prügeln? fragte diesen Zahlen? ,Wie ich Garrison kenne, wird er nicht koss',' „das Heft hat er dazu nötig. Die Aufschlagstelle kann er sich jeder- zeit neu berechnen. Wahrscheinlich hat er sie sowieso noch anderswo cherlei —‘ langer Pause sagte Hein Was können wir dagegen locker lassen", meinte Verstelle des Boliden berechnet." Eine Weile schwiegen die beiden. Nach Eggerth. „Das ist fatal, Georg, mehr als fatall tun?" Georg Berkoss sah feinen Freund verwundert an. „Sehr hübsch gejagt, Hein. Du willst wohl auf deine alten Tage noch unter die Poeten gehen? Aber was bezweckst du denn eigentlich mit dieser Schilderung?" „Herrgott, Georgi Heute hast du mal wieder eine lange Leitung. Ich meine ganz einfach, wenn man die beiden Pankees auf solch einer Insel der Seligen absetzte, dann wäre man für geraume Zeit vor ihrem Tatendrang sicher." Georg machte Miene, Hein Eggerth um den Hals zu fallen. „(Eine großartige Idee, Hein. Meine Hochachtung! Aus diese Weise wären wir alle Sorgen los." „Na endlich!" lachte Hein Eggerth. „Endlich hast du's kapiert, Georg. Ich hatte die Idee nicht nur für fein, sondern geradezu für patentfähig Ein Glück übrigens, daß Ministerialdirektor Reute nicht mit uns geflogen ist. Wenn wir den an Bord hätten, wäre es sicher Essig mit unferm schönen Plan." Die beiden steckten die Kopse über Seekarten zusammen, suchten, redeten hin und her und schienen endlich gesunden zu haben, was sie suchten. Die Folge ihrer Unterhaltung war, daß der Kurs des Strato- sphärenfchiffes um fast sechzig Grad geändert wurde. — Mr Bolton hatte den Flüisigkeitsspiegel in der Whiskyslasche bereits beträchtlich gesenkt, als Berkow zusammen mit Hein Eggerth in Hein Eggerth. , _ äi nehme an, sie taten es, um sich warm zu machen. Es war d, kalt in ihrem Flugzeug. Jedenfalls hat einer von ihnen da- bei etwas verloren." Berkoss zog ein kleines Hest aus seiner Tasche. „Dies hier, Hein. Ich hielt es für zweckmäßig, es unbemerkt an mich zu nehmen, und leider —, leider ist der Fund von großer Wichtigkeit." Er blätterte in dem Heft, schlug eine Seite auf und hielt sie Hein Eggerth hin. Der las die wenigen Zeilen halblaut vor. „83 Grad 14 Minuten Süd, 158 Grad 12 Minuten Oft." Er erblaßte, während er notiert." Hein Eggerth warf sich in einen Sessel und stützte den Kopf in beide Hände. Minutenlang sah er fo und grübelte. Dann sprang er plotzli wieder aus. „,, „Eine Möglichkeit wüßte ich, Georg." Hein Eggerth mußte selbst über den Gedanken lächeln, der ihm eben gekommen war. „Du weiht ja Georg, es gibt da so schöne abgelegene Kokosinseln in der ©übfee. Unbewohnt, kaum jemals von einem Schiff besucht. Idyllische Inseln, ein Mensch findet dort alles, was er zum Leben braucht in reichlicher Fülle: Kokosnüsse, Schildkröten, Schildkröteneier und sonst noch man- die Zellen über die Lippen brachte. „Um Himmels willen, Georg, das ist ja die genaue Einschlagstelle des Boliden, wie kommen die Amerikaner zu diesen Zahlen?" „Die Erklärung dafür findest du auf den ersten Seiten des Heftes, Hein. Dieser Garrison ist gerissener, als wir dachten. In seiner Eigenschaft als Mitglied der Sternwarte Pafadena war es ihm ein leichtes, sich Aufzeichnungen der verschiedenen Erdbebenwarten zu verschaffen. Mit einer Genauigkeit, die für uns fatal ist, hat er daraus die Einsturz- ben Salon kam. Eine Vorstellung und Begrüßung, dann setzten sie sich zusammen um den runden Miiteltisch des Salons. ___ Berkoff drückte auf einen Knopf und gab dem eintretenden Steward einen Auftrag. Kurz darauf wurde eine Mahlzeit serviert, die den beiden Amerikanern Hochachtung abnötigte. Verschiedene gute Weine kamen dabei aus den Tisch, und zwischen Essen, Plaudern und Trinken ver- trichen die Stunden wie im Fluge. „ „Einen ordentlichen Mokka noch zum Schluß, Gentlemen , schlug Berkoss vor und ging selbst hinaus, um den Auftrag ZU geben. Nach kurzer Zeit schon kam er zurück, ein Tablett mit vier gefüllten Tassen n War schon alles vorbereitet, Gentlemen", sagte er, während er ebem eine Tasse hinstellte. „Hier ist Sahne, hier Zucker, bitte bebienen ^Der> Mokka war gut unb stark. So stark, baß er beinahe bitter chmeckte, wie es Garrison vorkam. Bolton war nicht in ber Sage über >en Geschmack zu urteilen, ba er sich sofort einen tüchtigen Schuß Whisky ^Die Tassen waren geleert. „Soll ich noch mehr bringen? fragte Berkoff. Er bekam feine Antwort mehr. In bem einen Sessel schnarchte Bolton, in bem anberen Sessel war Garrison elngenlckt. Ein paarmal versuchte er noch ber Mübigkeit Herr zu werben, bann übermannte auch ihn ber Schlaf. Berkoss warf einen Blick auf ble Uhr. „In einer Biertelstunbe werben wir ba fein, Hein, die Sache klappt großartig." „Du meinst, Georg?" Sicher, Hein, für ble nächsten sechs Stunben schlafen ble beiben ben "Sd)laf ber Gerechten. Die Morphiumbosis in ihrem Kaffee war herauf abgestimmt." Langsam rückte ber Baumschatten nach Osten weiter. Jetzt gab er ben Kaps bes Schläfers frei, bas volle Sonnenlicht fiel in besten Gesicht. Er machte eine Armbewegung, als wolle er etwas fortwischen, aber bas Warme, Kitzelnbe spielte ihm weiter um Munb unb Nase. Ein Zucken ging burch (eine Gesichtsmuskeln unb bann — hatschi, hatschi — Bolton mußte kräftig niesen unb kam badet aus bem Land ber Träume allmählich in bie Wirklichkeit zurück. Er richtete ben Oberkörper aus unb starrte verwunbert um sich. Nur langsam gelang es ihm, feine Gedanken zu ordnen. War er nicht eben noch im Stratosphärenschiss mit den Eggerth-Boys zusammen, hatte mit denen gut gegessen und noch besser getrunken? — Ader das hier, das war alles andere, nur kein Stratosphärenschiff — em sandiger weißer Strand vor ihm, aus den die Wellen einer unwahrscheinlich blauen See wie pielenb aufliefen. Unter ihm, neben ihm — er griff mit ben Hcinben um sich — schwellenber grüner Rasen. Dicht bei ihm eine Baum- gruppe, in deren Schatten er wohl geschlafen haben wußte, bis die Sonne ihn weckte. Und dort — er griff mit den Händen zum Kopf, in dem es nach der Zecherei noch etwas rumorte — auf der Wiese mitten in dieser zauberhaften Landschaft eine Kiste, die Kiste mit dem kostbaren Erz, das er zusammen mit Garrison in ber Antarktis gesammelt hatte. Garrison — Garrison, wo mochte ber nur stecken? Mühsam rappelte Bolton sich aus, bis er, noch etwas schlaftrunken, auf seinen Beinen ftanb, unb blickte sich nach allen Seiten um. Da, direkt an ben Wurzeln eines bimkel glänzenben Baumes lag (Barrifon. Den hatte bie Sonne noch nicht erreicht, ber schlief noch fest. Bolton ging zu ihm, rüttelte ihn, suchte ihn zu ermuntern. Es war ein schweres Stück Arbeit, benn auf Garrison wirkte bas Morphium stärker als auf ben ausgepichten Bolton. Enblich hatte er ihn fo weit, daß er sich apsrichtete unb sich verschlafen bie Augen rieb. „Was ist, Bolton? Was wollen Sie?" Mit Mühe und Not bekam er die Augen auf. „Was ist, Bolton? Wo find wir?" „Das will ich Sie ja gerade fragen, (Barrifon", schrie Bolton erbost. „Irgendwo sind wir auf diesem gesegneten Erdball. Im Stratosphärenschiff jedenfalls nicht." Während er das sagte, zerrte er Garrison empor und stellte ihn auf bie Füße. „Sehen Sie sich um, Mann! Hier finb wir. Wo wir sinb, wie nur hergekommen finb, möchte ich von Ihnen hören." „Keine Ahnung, Bolton, keine blasse Ahnung." Bolton griff ihn unter ben Arm unb zog ihn mit zu ber Stelle, wo bie Kiste stand. Als sie näher kamen, bemerkten sie daneben noch einen Hausen allerlei anderer Dinge Da lagen alle die Keidungsstücke, die sie aus ihrem Flugzeug mit nach ,6t 8‘ gebracht (galten. Daneben Konservenbüchsen, der Zahl nach genug, um zwei Menschen wenigstens auf eine Woche zu verproviantieren. „Ich begreife nicht, was das bedeuten soll", stöhnte Garrison und rieb sich bie Stirn Bolton wühlte inzwischen in ben Kleibungsstücken herum unb stieß plötzlich einen Ruf ber Uederraschung aus. Unter einem ber Mäntel hatte er ein gutes Iagbgewehr unb ein großes Paket mit Patronen entbedt. Er nahm bie Waffe in bie Hanb unb untersuchte sie sachverstänbig. Bon solchen Dingen verstaub Bolton etwas, benn er war passionierter Jäger „Ich begreife nicht, ich begreife nicht", stöhnte Garrison zum zweiten Male. ' „ , „Aber ich fange an zu begreifen", schrie Bolton. „Wenn bie, Konserven zu Ende sind, sollen wir uns unser Futter selber schießen. Die Hunde ... die verfluchten Hunde haben uns betrunken gemacht und auf irgendeiner verdammten Insel ausgesetzt. Schöne Schweinerei ist das, in die Sie mich da reingeritten haben, Garrison ... mit Ihrer verrückten Idee." (ftortfefcuna folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: "Brühl'lche UniversitätS-Duch- unb Steindruckerei, A. Lange, Gießen.