Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang Montag, den 24. September Nummer^ Abendsprache. Von Hermann Löns*. „ Und geht es zu Ende, so laßt mich allein Mit mir selber aus einsamer Heide sein; Will nichts mehr hören und nichts mehr sehn. Will wie ein totes Getier vergehn. Das graue Heidmoos mein Sterbebett sei. Die Krähe singt mir die Grablitanei; Die Totenglocke läutet der Sturm, Begraben sollen mich Käfer und Wurm. Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein, Kein Hügel soll dorten geschüttet sein; Kein Kranz soll liegen, da wo ich starb. Keine Träne fallen, wo ich verdarb. Will nichts mehr hören und nichts mehr sehn, Wie Laub und Gras, so will ich vergehn; Und darum kein Hügel und deshalb kein Stein: Spurlos will ich vergangen fein. Hermann Löns. Zu seinem 20. Todestage am 26. September. Bon Professor Dr. Philipp Witkop, GDS Vor kurzem erst hat man das Grab des 1914 vor Reims gefallenen Dichters gefunden Nun sollen seine Gebeine in die Heimat gebracht und m den „Sieben Steinhäusern" zur letzten Ruhe bestattet werden; die „Sieben Steinhäuser" sind steinzeitliche Grabkammern bet Fallingbostel im Südwesten der Lüneburger Heide. Hermann Löns war der erste deutsche Dichter, der im Weltkrieg fiel. Sofort beim Kriegsausbruch drängte der Fünfzigjährige, der ungediente Landsturmmann, zur Truppe. Am 24. August gelang es ihm, beim Ersatzbataillon des Füsilier-Regiments 73 eingestellt zu werden. Und ichon nach zehntägiger Ausbildung, die dem zielsicheren Schutzen, dem im Anschleichen geübten Jäger wenig zu geben brauchte, erreichten seine leidenschaftlichen Bitten, daß er mit dem ersten Ersatz zur Front gesand wurde. Drei Wochen später, am 26. September, traf ihn bei ßoivre, auf dem Wege nach Reims die tödliche Kugel. Nicht nur heroische Kampflust, auch menschliche und geschichtliche Tragik haben teil an diesem iahen Svldalentod. . ( „„ Löns war der Sohn eines Gymnasiallehrers und — wenngleich an Der Weichsel geboren und bis zum 18. Lebensjahre Westgreußen zugehörig - dem westfälischen Blute feiner Eltern und Ahnen Zutiefst ver- bunben. Nach kurzem Universitätsstudium wandte er sich des schnellen Broterwerbs wegen dem Journalismus zu und war 1893 bis 191H als Redakteur in Hannover, 1907 bis 1909 in Bückeburg tätig b s er bann sich ganz seinen dichterischen Arbeiten widmen konnte Semwahres Leben lebte er nicht in den Redaktionsstuben, sondern als Naturfreund unb -forscher, als Wanderer und Jäger in Moor und Heide. Er war Natur, Urnatur wie feine westfälischen Ahnen fern deutsches Land Blättert er in der Chronik semer Vorvater fo steht er .bah sie nur dann Glück fanden, wenn sie den Pflug oder das_Schw°rt geführt hatten". Dem „zivilisierten Leben von heute , „diesen> Koosrn ch reitalter", der Stadt und der Technik steht er fremb unb .^'"dUch gegenüber. Seinen eigenwilligen, kräftigen Instinkten finb Jnnwf und -taten alles Lebens die einzig gemäßen: Natur und Liebe, Kampf 4nb„Seribroeif3t bu, wie dein Leben sein mühte: ein Gedicht von rot in rot: rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Heide, °>n blitzblanker Rappe iwischen den Beinen, den Baben aus dem Rucken d J^fenb Kerle Seite unb in ber Hanb das Schwert. Unb bann h'uter dir tausenb Kerle w wie bu, Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen. Unb bann ber ^Von früh auf ist er der Natur verbunden teils durch feinen Vater : s'4s durch das Leben auf Gütern und Förstereien, auf 1 b Serien verbringt Als Fischer und Jager schwelst er durch Md und Wald. „Schon damals war ich der Heide angeschworen. Ich konnte vor ^Usts Gedicht, das zu feinen liebsten gehörte Wieb ^Cör« 1912 sns „Bunte Buch" seines Freundes TraugottP > f, Diebe» Schluß seines Buches „Hermann Löns, der Dichter setzte ( g richs in Jena). Freude über die Pracht des maigrünen Buchenwaldes nasse Augen bekommen, aber die Heiden. Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich mehr." , . ,, Aehnlich geht es ihm mit den Menschen. Auch da sucht er das Ursprüngliche. Er ist ein Freund der jungen Fischerknechte und Waldarbeiter. Und er versteht und liebt die Kraft und Würde des niedersächsischen Bauerntums: „Der Bauer ist das Volk, ist der Kulturträger, ist der Rasseerhalter". „Ehe ihr da wäret, ihr Leute aus der Stadt, war ich da. Ich brach den Boden, ich säte bas Korn, ich schus das Feld, auf dem ihr leben und gedeihen konntet mit eurem Gewerbe, eurem Handel, eurer Industrie, eurem Verkehr. Ich sand das Recht, ich gab das Gesetz, ich wehrte den Feind ab, ich trug die Lasten jahrtausendlang. Ich bin ber Baum und ihr seid die Blätter, ich bin die Quelle und ihr seid die Flut, ich bin das Feuer und ihr seid der Schein." „Der letzte H a n s b u r" setzt diesem deutschen Bauerntum ein episches Denkmal im Bild und Vorbild eines einzelnen. Und die Bauernchronik des Dreißigjährigen Krieges „Der Wehr- w o l s", Löns' bedeutendste Leistung, schildert die unzerstörbare Ur- und Naturkraft des deutschen Bauern, schildert, wie inmitten der allgemeinen Verwüstung und Vernichtung Deutschlands die niedersächsischen Heidebauern sich behaupten in zäher, wilder Bauern-Notwehr. Das ist keine geschichtliche Erzählung — als ein Stück Urnatur ist Löns ein ungeschichtlicher Mensch — das ist der zeitlose, immer gleiche Bauer, in die Urkonflikte des Lebens hineingestellt, in den nackten, rohen Kampf ums Dasein. Wie diese Bauern durch Jahrzehnte sich gegen die Mord- und Raubscharen des Soldaten- und Zigeunergesindels aller Länder wehren, wie sie, denen Haus und Gut verbrannt, Weib und Kind htngemordet sind, sich im unzugänglichen Heidemoor anbauen, mit Palisaden und Gräben umschützt, und unbarmherzig jeden Soldatentrupp niedermachen, der in ihre Nähe kommt, das wird mit schicksalhafter Herbheit und Größe bargestellt. In ein Wibmungsexemplar des Buches schrieb Löns die Verse: „Ein Pfui dem Mann, Der sich nicht wehren kann. Not kennt kein Gebot Als das: slah bot, slah bot!" In solchem düsterherben, schicksaltrotzigen Sinn empfand Löns bei Ausbruch des Weltkrieges diese Bauernchronik aus dem Dreißigjährigen Krieg als ein Sinnbild des Weltkrieges, sein umstelltes, umdrohtes Heide- bauern-Volk, bas sich in Not und Untergang behauptet als das deutsche Volk- „Mein Kriegslied von 1914 fjabe ich 1910 geschrieben im Wehrwolf". Im dritten seiner Romane, der Liebesgeschichte „Das zweite Gesicht", gibt Sons fein unmittelbarstes Bekenntnis, Herzens- und Lebensnöte. Und wie immer Heide und Heidevolk ihn stärkend aufgenommen, wenn bas frembe Leben ihn heimatlos unb mübe gemacht, so "stärkt unb tröstet hier ben Enttäuschten, von Stabt unb Zivilisation, von Liebe unb Haß Zerrissenen, bas Volkskinb Annemieken In Annemieken, bas Backen hat wie rote Rosen, Augen blau wie Bachblumen unb Haar, bas aussieht wie Haferstroh in ber Sonne, ist Löns' Liebe zum Volke unvergeßliche Gestalt geworben: „In ihr küßte er sein Volk, ließ sein Bewußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an besten ewig jungem Leben. Das (Erbgebürtige, bas Urwüchsige, Unoerbilbete ihrer Erscheinung unb ihres Wesens sagte seinem Urmenschen-Empsinben zu, unb mit stets neuem Erstaunen lauschte er ihren unwillkürlichen Offenbarungen Wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches Lanbmäbchen, fonbern fein Volk sprach zu ihm, sein Volk, bas einzige, bas er auf ber Welt noch liebte." . . „ . Neben ben Romanen hat Lons fern Leben in Natur unb Volk in -ahllosen Lanbschafts- unb Tierbilbern dargestellt Sein Auge hat bie Weitsicht bes Habichts, seine Nase bie Spurkraft bes Iagbhunbes, fein Ohr bie Hellhörigkeit bes Luchses. Systematische wissenschaftliche Stubien ergänzen unb runben feine sinnlichen Erfahrungen. Unb bie Liebe gibt ihnen schöpferisch Gestalt. Die Tiere leben, sprechen unb handeln wie im altdeutschen Märchen, uns vertraute Geschöpfe ber gleichen beutschen Natur, unb boch in jeher Bewegung von tierischer Eigenart. Unb wie in bie Urnatur, so vertieft sich Löns auch in bie Urgeschichte feiner beutschen Heimat unb erzählt „Geschichten aus ben Zeiten, ba Wöbe nocht geehrt würbe unb Frigga, ba noch ber Grauhunb im Moore das Elchkalb riß unb ber Abler in ber Seebucht bie Wilbgans schlug." All seine «nturschilberung ist sinnliche Erfahrung unb Beobachtung. Er löst nicht, wie bie Romantik, bie Welt im Gefühl auf, fonbern fein Gefühl in ber Welt. Darum ist er als Lyriker nicht eigentlich schöpfe- risch Seine Ballaben bleiben im Stile ßiliencrons ober Börries von Münchhaufens. „Der kleine Rofengarte n", ber von ben Wan- bervögeln begeistert gesungen wurde, übernimmt bie Sprache, die Bilder, Borspuk. Von Hermann Löns. Vorspuk nennt Löns die Einleitung zu seinem „Zweiten Gesicht", in der er als Austakt zu dieser Liebesgeschichte das Märchen von der Moorhexe erzählt, die sich im Traume zur Swaantje verwandelt. Ein märchenhafter Abglanz strömt durch die Wirklichkeit und gibt den Erlebnissen ihre dichterische Verklärung. Wir bringen den Abschnitt mit Genehmigung des Eugen Diederichs Verlages. Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf. Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang aus, schüttelte ihre Rocke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eme Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung fei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände aus die Lenden, wiegte den Kopf hm und her, lächelte, fummte eine frische Weise vor sich hm und tanzte los. Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebander an der goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen- die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strumpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den strammen Waden packte, juchte die Brennhexe aus und sprang ein Ende weiter. _ , ,. ... , s , , So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da, aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps war sie wieder fort, und die Flammen machten lange Halse hinter ihr her. ~ ... r. Doch aus die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war. Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbuschen Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne ,m grünen Rocke der ein Schießgewehr aus dem Rücken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte. ... , Deubel auch!" sprach die Brennhexe und lachte; „das ist aber em K'ltter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich." Sie ging netter, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hande um den Mund und rief: „He, du!", aber der Jäger horte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Gluck. So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und schrie: „He!" und „Holla!" oder „Teuf!", bis der Mann, als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich nmdrehte und nach ihr hinfah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte, setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam. „Du Flegel!" schimpfte die Brennhexe und lies wieder hinter ihm her" so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm wieder dichter auf die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich jo tief, daß ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war. Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der anderen Seite hin über das schwelende Heidkraut, den glimmenden Torf, an den knisternden Wacholderbüfchen und den lichterloh brennenden Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war; einmal blieb er stehen, verpustete sich und zog ein Büschel Torsmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, wo der Bach an den Wiesen vorbeilief. Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, hängte die Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras, lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie die Formeln, die Gefühle des Volksliedes, ohne sie schöpferisch zu er- "^Je" älter Löns wurde, je mehr die nalurhasten Kräfte in >hm nachließen, desto schmerzlicher wurde ihm der Zwiespalt seines Geschicks be- wustt- ein Mensch, der schlichte Natur war und doch nicht Natur bleiben konnte in den Kompliziertheiten und ideellen Problemen lenes Vorkrieqslebens. Und so sehnt er sich immer leidvoller zur einfachen Natur zurück. „Ich habe meinen Berus verfehlt. Zigeuner, Indianer, Trapper oder so etwas ähnliches, das wäre das Richtige gewesen. „Eine unbändige Lust packte ihn", heißtt es im „Zweiten Gesicht die ganze Zivili ation auszuziehen und irgendwohin zu gehen, wo Kraft vor Recht aelst und nur der Mann gilt, der am schnellsten im Anschlag ist . So war der Weltkrieg für ihn eine Erlösung, der Soldatentod eine Erfüllung. „Kurz war der Knall und schnell war sem Tod , so hatte er im Braunen Buch" das Ende eines von ihm erlegten Rehbockes geschildert" „wohl dem, dem solch ein Ende beschieden wird: aus der Sonne hinaus den Sprung in die Nacht hinein. her allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hmglotzten, ihm Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und ihm ihre roten Zungen ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen eine lange Nase, steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter den Dompf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend. Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen hatten einen zärtlichen Glanz und ihre Hände waren weih und sehr klein. Sie nahm damit an beiden Seiten ihr Kleid auf; das war von weitzem Wollstoffe und so lose geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschnitt und die halblangen, weiten Aermel waren mit einer goldenen Borde besetzt Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und blickte ihn mit freundlichen Augen an; die kamen ihm erst ganz schwarz vor, dann meinte er, sie wären braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und ries: „Swaantje, wie kommst du denn hierher. Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz bis in den 'Hals hinein schlug. Nick und Roland. Erzählung von Hans Franck. Man saß, hockte, lag zum Abendessen unter der brettafhgen Blut- buche aus dem Rasen, eine sommerbunte Gesellschaft, wie sie ang^lich der Zufall, in Wahrheit das Verlangen nach dem umfriedeten etud Erde am See zusammenführte. Auch an diesem Sommerabend war die Zahl der Gäste wieder jenseits der Zwanzig angelangt, ohne daß Jemanden der Gedanke bedrückte, die Hausfrau könne heimlicherweise unter Küchensorgen oder Arbeitsängsten leiden. Tisch war die Erde. Man nahm von den Speisen, die auf der runden grünen Platte standen, fo viel man wollte. Man tränt was man mochte. Keine Gefahr, daß Verstädterte durch Kissen oder Decken oder Sitzersatz Picknickniedlichkeiten einführten. Damen dieser Art blieben nach wenigen Besuchsversuchen wieder fort. Dennoch verwirrte ein Mißklang die Hausfrau Hanna Barck: Der neugekaufte zweite Hund des Hauses, ein drahthaariger Terrier — Nick mit Namen — bettelte. Die Hausfrau entschuldigte sich immer wieder bei den Gästen wegen der Belästigung. Forderte Nick auf, seine Unart zu unterlassen. Bat: „Nick —" Ermahnte: „Nick!" ' Aber Nick Überhörte Bitten und Ermahnungen. Nick aus Hanna Barck schickte den Zudringlichen fort. Nick lief ins Haus. Unverzüglich. Doch nach wenigen Minuten war er wieder unter der Blutbuche und begann die Bettelei von Neuem. „Unbegreiflich!" suchte die Bildhauersfrau Nicks Ehre zu retten. „Noch nicht ein einzigesmal ist das bei Tisch vorgekommen. Er ist wirklich gut erzogen, unser Nickelchen. Bitte geben Sie ihm nichts mehr. Nick! So hör doch endlich, Nick!" Ader der Terrier war offenbar der Anschauung: Da die Tischplatt derMenschen sich zum erstenmal in seinem Leben auf gleicher Höhe mit jener befand, von der er zu fressen pflegte, so gebühre ihm von den Gästen Speisezoll. , . , . ~ Als Fritz Barck sah, daß Unruhe und Verlegenheit ferner Frau von Minute zu Minute wuchsen, stieß er das Tier beiseit' und schalt: „So geh’ doch schon, du unvernünftiges Vieh!" Der Hund überschlug sich. Jaulte. Prosessor Wegener griff zu. — der Meinung, eine zweite Feindeshand strecke sich nach ihm — heulte auf. Wollte weglaufen. Aber der Maler legte den Terrier in seinen Schoß und streichelte ihn. , , . ., , . < Man sah sich rundum erstaunt, mißbilligend, lächelnd, achselzuckend,. ungehalten an. _ Der Maler, der es gewahrte, streichelte den Hund von neuem. So wie man jemanden streichelt, an dem es ein Unrecht gutzumachen gut. Erstaunen, Mißbilligung, Ungehaltenheit wuchsen. Brauchten ein. Ventil. Und Irgendwer fragte in Vieler Namen: „Meinen Sie wirklich,. Professor, daß Sie durch Ihr Streicheln Frau Hannas berechtigte Er- ziehungsbestrebungen unterstützen?" Professor Wegener streichelte Nick ein letztesmal, bettete ihn noch sorgsamer als bisher in feinen Schoß und sagte: „Unvernünftiges Vieh, So hab' auch ich früher gesagt. So hab' auch ich gehandelt. Und dadurch mein einziges Kind in eine Gefahr gebracht, aus der wir nur durch euu Wunder gerettet wurden. Nein, nicht durch ein Wunder! Sondern auf die natürlichste, auf die stnngemätzeste Weife. Nur daß uns Menschen di« Natur abhanden gekommen ist. Und daher wunderhaft erscheint, wenn sie zu uns — besonders durch unsre Kinder — doch noch den Weg zurückfindet. Sie verstehen mich nicht? Hören Sie mich, bitte, einige Minuten an." , . , „Wir mußten, als wir im Westen Deutschlands wohnten, selbstverständlich einen Hund haben. Unser Haus lag, eine halbe Stunde oberhalb des Dorfes, am Waldrand. Allein. Also mußte der Hund lchml jein. Roland, ein stämmiger Rottweiler, ließ auch in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrig. Aber nur des Nachts brauchte er leine Hauei- Tagüber biß er niemals einen Dörfler, einen Wanderer, einen Bettler, der unser umzäuntes Gehöft betrat. _. Als unser Junge auf feinen Beinen stand, änderte sich das. rie Erwachsenen waren — bei Tag! — auch weiterhin vor Roland stcher- Nicht aber Kinder. Eifersucht? Übertriebene Fürsorge für den Buben. Jedenfalls: Roland fiel Kinder an. Viele tarnen ja nicht zu uns beraub Immerhin, während der nächsten zweieinhalb Jahre mußte ich eine nicht unbeträchtliche Summe für zerrissene Hosen und zersetzte Jaaei» hergeben. Das Volk wachi auf. Roman von Walter von Molo. (Fortsetzung.! „Ich will Ruhe haben", brüllt Blüchers Stimme aus dem Nebenzimmer.^ Zugeschmissen knallt die Türe. Romberg macht eine bedauernde Handbewegung; verzweifelt wischt sich Rüchel Den Schweiß vom Schädel. „Die Sache ist nämlich die, lieber Bülow! Der arme Schill! Sie wissen doch, daß er mit meiner Else versprochen war? Sie wird wahnsinnig, sie stirbt mir, wird heute das Andenken ihres Bräutigams getrübt .. Die Türe lärmt auf und ju: Mit unheildrohendem Blick, in der „verbotenen" rot - silbernen Husarenuniform des aufgelösten Zieten-Regi- mentes, mit eisgrauen, gesträubten Augenbrauen steht Blücher im Saal. „Setzen!" befiehlt Blücher. Wortlos nehmen die Offiziere an der Tafel Platz; die Linke in die schlanke Hüfte gestemmt, kommt Blücher um den Tisch herum. „Laß Er mich in Frieden, Rüchel!" bittet Blücher; Rüchel umklammert seine Hand; Blücher schiebt ihn dem Ausgang zu. „Mach kein Lamento, Alter!" spricht Blücher. „Sag' deinem Kind, der Schill war ein braver Mann! Heul' nicht! Ich kann dir nicht sagen, ob dir Unrecht geschehen ist. Ich weiß nur: Wir müssen immer den Dreck ausbaden, wenn es schief geht!" Blücher reiht den Auffchluchzenden an seine Brust; er umarmt ihn, er wirbelt ihn durch die Türe hinaus. Blücher wendet sich. Sein weißer Schnurrbart zittert. Elastisch, mit den Sporen klingelnd wie ein blutjunger Kornett, beginnt Blücher hinter der Reihe seiner steif und reglos sitzenden Offiziere auf und ab zu gehen. ,Zch bin kein Darm- pionierer!" spricht Blücher. „Daher, durchdrungen, daß Seiner Majestät Angsthuhnereien falsch sind, befehle ich", Blücher starrt in Bülows bewegungsloses Gesicht, „daß der Rittmeister von Seydlitz sosort aus seinem Loch zu holen 'ist!" Wie ein scheuendes Pferd schlägt Blücher einen Haken; bei eingezogenen Schultern, die zornige Adlernase aufbegehrend vorgestellt, haut sich Blücher in den Polsterstuhl am Kopfende des Tisches. „Schill und die Seinen taten, was die Duckmäuser in Berlin schon lange hätten tun müssen!" Blücher streckt die Hand, mit wütendem Stich zerstößt er die Kielfeder, die vor ihm aus dem Tische lag. „Es ist im Sinne des edlen Toten", spricht Blücher, „daß er alle Schuld auf sich nimmt! Schreiben Sie! Sämtliche Offiziere, die sich vom Zuge Schills nach Preußen retteten", diktiert Blücher, „haben dem unterzeichneten Kriegsgericht eindeutig nachgewiesen, daß sie durch falsche Vorspiegelungen Schills verführt wurden Sie vermeinten, im Auftrage ihres Obersten Kriegsherrn zu fechten! Sie sind unschuldig, da sie als preußische Soldaten den Befehlen ihres Vorgesetzten zu gehorchen hatten!" Blücher dreht den Kopf. „Weiß man was vom Lützow?" „Er ist glücklich durchgekommen, Exzellenz!" — „Daher ist das unterzeichnete Kriegsgericht", diktiert Blücher weiter, „nach eingehender Beratung einstimmig zum Beschluß gekommen, sämtliche beschuldigten Offiziere ... freizusprechen!" Blücher erhebt sich. „Punktum!" fagt er. „Dreck drauf." Blüchers schwarzdunkle Augen lohen unter den buschigen Brauen. „Schill", schreit Blücher bei erhobener Hand, „du Held in der Schmach, Vobild, edler Held: Hurra!" Aufbäumend klirren die Fensterscheiben unter dem kurzen, drohenden Aufschrei der Offiziere. Blücher neigt den Kopf, die Hände auf dem Rücken, federnd, als zähle er seine Schritte, geht Blücher zurück in sein Zimmer. Mit leuchtenden Augen sehen sie sich an. Nebenan kracht ein Pistolenschuß. Schutt rieselt den Türstock entlang. „Er schießt sich seine Wut aus den Fingern." „Meine Herren", mahnt Bülow. „Zur Arbeit! Stellen Sie die Posten aus, damit uns niemand überrascht und dann los! Scharnhorst drängt!" Sie eilen dem Ausgang zu. * In einer verhängten Holzfällerhütte an der böhmischen Grenze sitzen zwei Männer. Ein Kienspan beleuchtet tiefernste Gesichter. Schützend, eng, als wolle er seine Gegenwart hier verheimlichen, hält der Mann am 'Tisch den dunklen Radmantel, der ihn bis zu den Knöcheln deckt, . unter dem Kinn zusammengerafft; mit breiten, eckigen Schultern, aufgespreizt, eine Reitkappe aus dem trotzigen Kopf, in kurzem Reitrock, Reitstiefel an den Beinen, sitzt in der Ecke auf dem Holzklotz der zweite Mann Unruhig, wartend, ehrerbietig scheu sind die klugen Augen des vornehmen Herrn am Tisch auf seinem Gefährten. Prüfend. Der Kienspan knistert; er läßt Funken und Asche aus den gestampften Lehmboden fallen. „Verhärten Sie sich nicht zu sehr, lieber Stein", bittet der Mann am Tisch. „Seine Majestät hatte keinen andern Ausweg, wollte Sie nicht auch Schlesien abtreten. Wir waren nicht imstande, die fällige Rate der Kriegsentschädigung zu bezahlen." Verzehrende Erbitterung leuchtet in Steins Blick; Stein erhebt sich. „Ich schlug seinerzeit ein Bündnis mit Frankreich vor", spricht Stein, „um offen rüsten zu können! Unsere Truppen sollen gerüstet zu Oesterreich übergehen! Ihr aber, ihr mit eurem Kadavergehorsam, ihr werdet jetzt dem Napoleon die russischen Kastanien aus dem Feuer holen ... und dann übler daran sein als jetzt! Gut!" spricht Stein. „Tut, was ihr nicht lassen könnt, fechtet als Napoleons Soldknechte gegen Rußland, macht eure Schmach voll! Warum", sagte Stein, „da alles beschlossen und besiegelt ist, warum bestellten Sie mich hierher? Glaubten Sie von mir ein Einverständnis mit Ihrem wahnsinnigen Handeln zu erreichen?" „Ich habe Sie hierher gebeten, lieber Herr vom Stern, weil ich wissen muß, weshalb Sie nach Rußland gehen? Was Sie dort zu tun gedenken!" _ „Wer wird das preußische Hilfskorps führen? Ist er ein Gegner von mir?" „Ja." „Wer ist es?" „Vorck." Stein atmet auf. „Wo ist Blücher?" Seine Majestät hat dem Herrn General Blücher ein Gut in Schlesien geschenkt. Aus meinen Vorschlag hin, Herr vom Stein! Blüchers Hestig- Dennoch hätte es hingehn können, wenn Rolands Kinderbissigkeit ucht mit Günther größer geworden wäre. So galt es, Verbandzeug, Lerzterechnungen, Schmerzen zu bezahlen. Aber Günther besaß kein l.beres Spielzeug als Roland. Sie waren unzertrennlich, Günther und zoland, Roland und Günther. Der Bub konnte mit dem Hund anstellen, ras er mochte: auf ihm reiten, ihn zausen, an den Ohren hinter sich ^ziehen, rundumtrudeln. Nie knurrte Roland. Noch gar zeigte er seinem fcbensfreunb je die Zähne. Also: Aus der Hut fein bei andern Kindern wenns trotzdem schief ging, blechen! Eines Tages zerfleischte Roland einem dreizehnjährigen Vauern- jmgen, den wir für erwachsen hielten, als er mit hochgekrempeltem km& — statt des Knechtes — uns die Milch brachte, den rechten lverarm. So, daß wochenlang — glücklicherweise zu Unrecht — befürchtet turbe: Bleibt steif! Nun lag Alles klar. Es mußte etwas mit Rolanb geschehen. Etwas kntscheidenbes. Etwas Enbgültiges. An bie Kette legen? Ich konnte es rcht übers Herz bringen, ben Spielgefährten meines einzigen Jungen ichrelanger Marter auszuliefern. Dann lieber: Kurzen Prozeß! Unb ' ündiges, sofort vollstreckbares Tobesurteil! Beim Mittagessen sagte ich zu meiner Frau: „Paula, so schwer es lir wirb — unb bir sicher auch — wir müssen Rolanb erschießen lassen. las nächstemal bleibts womöglich nicht bei einem zerfleischten Arm. Sir können es nicht länger verantworten, bas Leben von Kinbern — lerdenben Menschen! — burch einen Hunb — ein unvernünftiges Vieh! - zu gefährben. Schick boch bas Mäbchen zum Förster hinunter, baß k heut' Abenb kommt unb vollbringt, was sich nicht vermeiben läßt." „Du hast recht", sagte meine Frau. „Es muß leiber fein." „Günther saß bei biefem Gespräch mit uns am Tisch Ich hatte bie •nroeifung, ben Förster zu rufen, absichtlich in (einer Gegenwart aus- : sprachen. Ich liebe es nicht, Kinber über Unoermeibbares hinwegzu- iufdjen. Das Leben bringt Schweres genug für Jeben. Man kann sie iso nicht früh genug baran gewöhnen, Notwenbiges tragen zu lernen, lufierbem: Vierjähriger Bengel! Was verstaub ber vom Getötetwerben! ■oroeit er aber verstaub, muhte er natürlich zustimmeu! Alles Ertrag- irre hatten wir versucht, ihm Rolanb zu erhalten. Ausweg gab's nicht -«hr. Menschenleben geht über Hunbeleben! Das konnte auch ein vier- I $riger Knirps verstehen. Am Nachmittag sah ich von meinem Atelier aus, daß Günther mseits des Hofes neben Roland sah. Er hatte seinen Mund in das ihr des Hundes geschoben. Offenbar sprach er mit ihm. Der Rottweiler fitzte die Ohren. Ich lauschte. Hörte aber nichts. Also rief ich Günther ins Atelier. Er brachte ben Tobbebrohten mit. „Rolanb brauhen lassen!" befahl ich. Günther gehorchte. Mit Armsündermiene trat er vor mich hin. „Was hattest bu eben mit Rolanb?" fragte ich. „Nichts", lautete bie Antwort. — „Kenn' ich. Wenn bu was aus- cfreffen haft, heißt es immer: Nichts. Was hattest bu mit bem Hund im?" — „Nichts, Vati." — „Du hast mit ihm gesprochen?" — „Rem ! - „Was hast bu Rolanb ins Ohr geflüstert?" — „Nichts — „Ist (15 wahr, Günther?" — „Ja, Vati." — „Du lügst mich boch nicht an, dengel? Eine Dummheit nehm' ich bir nicht krumm. Aber lugen — bas ichlimmste, was ich an Kinbern kenne. Hast bu etwa eben gelogen r „Nein." „Marsch!" Günther trollte sich zu Rolanb. Als Beibe ben Hof verlassen hatten — offenbar um vor dem Haus nbeobaditet zu fein — tarn meine Frau ins Atelier. „Denk dir nur , b-gann sie unvermittelt, „Günthercheu hat vorhin unter bem offenen üichenseuster Rolanb ins Ohr gesagt: .Lauf weg sie wollen bich tob Ließen! Laus weg, Rolanb! Laus weg!' Wohl hundertmal: .Laus weg. 16 wir nicht doch ben Förster abbestelleu? Vielleicht gewohnt Rolanb sch an bie Kette. Liegen ja viele Hunbe tagaus — tagem angetettet in her Hütte. Unb leben auch!" , et,nn- Jch tobte: Seinen Vater angelogen! Trotz Wieberholung ber Frage t»tz ausbrücklicher Vermahnung seinem Erzeuger bie Uuwahrhe hsicht gesagt! Wüteub packte ich bie erste Rahmenleiste, bie wir m bie taub sprang. Wollte ins Freie laufen, Gunther suchen unb wmbel- r>eich prügeln. Mit einem kantigen Stück Holz! . Aber meine Frau hielt mich zurück: Gunther fei durch ben Verlust f Rnes einzigen ßebensfreunbes ohnehin genug, mehr als genug s I Tälf^nurTbift auch bu fest entschlossen, bah Rolanb heute abenb ber higel zum Opfer fällt?" griff ich zu. Als ber Förster bei Dunkelwerben zu uns heraufkam — Gunther lag bereits schlafenb im Bett — war Roland weggelaufen. „Und?" rief man ringsum. „ „Wir Haden ihn niemals wiedergesehen. „Günther??" ,','Auf^we^che^JLeise hat er sich mit dem ^ortlaufen abgesunden? „Ab—ae—sun—den? Er hatte es Roland doch gesagt! „Wenns so einfach mit den Hunden ist, Professor, warum sagen Sie t'cht zu Nick: .Betteln bleiben lassen!'?" ihn1 .traa5 jn5 , Der Maler beugte sich über den Terrier unb fluf ertejbm tro ,j pr. Einbringlich. Offenbar einmal ums anbere bie g Micke Istzte er Nick behutsam neben sich ins Gras. Stille 9 !P • ■ verhaltene Herzschläge: Nick bettelte. , Sttä X d°ch »•!>' I" ***** "*• TOulbtgte Professor Wegener ben Terrier. finn<-herr das Glas. -Aus bie Kinber unb bie Hunbe!" erhob df Hausherr das w , „Aus das, was in uns hundenah und hnberftarr a J rr Maler Bescheid. Unb bie Gläser klangen ineinanber. Stein „Was Gott, der Herr, erschaffen hat, Das will er auch erhalten, Darüber wird er früh und spat Mit seiner Gnade walten!" Zustimmend klingt das Hämmern des Waffenschmieds aus der Scheune. Eine Sternschnuppe kreist lautlos sollend durchs Himmelszelt. Uner* schütterlich grell leuchtet der Komet. Unter einer knorrigen, blitzzernarbten Eiche sitzt eine Bauernsamilie beim Mahl. Es rollt und grollt rundum: Reiterregimenter, Kanonen, Wagenparks und Reiterregimenter ziehen nach dem Osten. „Seid ihr fertig?" fragt der Vater: er erhebt sich, sein weißes Kopfhaar weht im Wind' Dicht bei der Wintersaat steigen jetzt die Staubwolken auf. „Kommt'" Ein portugiesisches Kürassiergejchwader trabt über den Hafer; in breiten Schwaden loht Staub aus der Ackerkrume. „Willst du das leiden, Vater?" „Wenn der Herr Schill aus dem Hispanien zurückkommt, wird es anders." „Schill ist tot!" kett war öffentlich nicht mehr zu decken." Sfbm’Urtt*-" £?'£"»„ ’"MI‘ ausarbeitete?" ....... „Ich habe solches gehört. :S!S®niSUba6 alles, was Scharnhorst tut, Hand und Warum wenn Sie so denken, haben Sie alles vernichtet was ich nur" inneren Befreiung unseres Volkes anfing? Wo ist die Ratwnal- renrälentation^ Warum ist den Freigelassenen kein Land zugewlesen? Ske haben'°nich.7 °°7 dem durchgesLhrt,' was ich Ihnen .n meinen ""'L 'L"L S.n'W.'.b.r°i- x sind' Die Ritterschaft und die Beamtenschaft sind geschlossen gegen fede neue Verfügung, sie fallen jeder Neuerung in die Arme. Warum sperrten Sie d.e Schufte nicht zu Wasser und zu Brot? Es wäre sehr leicht gewesen, Herr von Hardenberg, Ordnung 5" schaffen! Wenn eine Regierung etwas will, dann setzt sie es durch! Jede Regierung, die Gutes will, ist stark! Ihr habt die Stunde verpaßt! „Es ist meine Pflicht, Herr vom Stein, die Dinge real anzusehen. Es'steht anders zuviel auf dem Spiel." •ghr hättet das Volk frei machen können", spricht Stein, „durch eure Schuld wird es auf unseren Gräbern noch einmal blutig um sein Rech kämpfen müssen!" Stein zieht den Rock straff; er dreht sich, er macht fertig, aus der Hütte zu gehen. „Ich werde meine Pflicht tun , spricht Stein, „ich werde jetzt gegen euch kämpfen! Paßt gut aus euer Hilfs- tOrPßieber Stein!" bittet Hardenberg bestürzt. „Ich bin hier mit Wissen des Königs! Wir mußten das Bündnis eingehen! Wir waren dazu gezwungen? Machen Sie uns keine Opposition! Hatten ra r das Bündnis nicht geschlossen, so wären die französischen Truppen als Feinde durch P^ußen gezogen! Sie hätten uns vernichtet! Jetzt, da die Franzosen offiziell als Bundesgenossen durch Preußen ziehen, glaubt das Ausland, es sei unser freier Wille! Wir erhielten dadurch wieder Kredit Wir können, Stein, aus die Meinung des Auslandes nicht verzichten! Wir können nicht allein stehen! Wir find durch unsere geographische Lage vom Auslande abhängig! Es war ja der Fehler >m letzten Krieg, daß wir so ganz ohne jeden Bundesgenossen gegen Napoleon standen. .Deswegen reise ich zum Zaren! Ihr werdet nicht mehr lange allein sein!" Stein dreht den Kopf, er sieht zur Türe, warnend hebt er die Hand. Vorgeneigt lauschen sie in die Nacht hinaus. Der ®mb fauajt in den Tannen „Nichts", sagt Hardenberg heiser nach einer Welle. „Lieber Herr vom Stein glauben Sie mir: Seiner Maiestat steht das Wohl des Volkes zu höchst!" Stein wendet sich zur Türe; er greift in die Brust- tasche seines Rockes, er zieht eine Pistole, er spannt deren Hahn; Hardenberg weicht in den Hintergrund der Hütte zurück. Die Pistole zum Schuh erhoben, öffnet Stein die Brettertüre Vorsichtig späht Stem in die Sternennacht. „Herr Boettcher", spricht eine Stimme, „Sie müssen sich zu Pferd fetzen! Die Gendarmen fahnden auf dem Reitweg auf Sie!" Stern wendet sich „Gehen Sie zu Ihrer Kutsche, Hardenberg", gebietet Stein Sie können in fünf Minuten über der Grenze fein. Ich kann hier nicht bleiben! Der da draußen", beruhigt Stein, „ist ein Kämpfer von Aspern, der verrät Sie nicht." Herrisch, in wilder Leidenschaft faßt Stein Hardenbergs erschreckendes Handgelenk, er schüttelt es zornig hin und her. Handeln Sie! Bon dem Tag an, da ich im russischen Hauptquartier bin hat der Entscheidungskampf für Deutschland mit aller, mit der letzten, mit der äußersten mir zur Verfügung stehenden Kraft begonnen! Deutschland wird frei! Ich scheue vor nichts mehr zuruck! Stein reißt den Kienspan aus der Wand, er wirft ihn zu Boden und tritt die Funken aus. „Der Kampf gegen Englands Despotismus kann nur von gläubigen Völkern geführt werden", spricht Stein. „Napoleon konnte ihn nicht führen, er verfiel in die Fehler Englands, er muß weg! Kommen Sie!" Stein tritt in die Nacht hinaus, betroffen folgt Hardenberg. In der Ruhe des hohen Nachthimmels, im silbernen Sterne» gefuntel über ihnen leuchtet rätselhaft der Komet. Ein Nachtwächter singt am Ende des Dorfes. Der Greis schüttelt das Haupt. Er läßt das nur so ausstreuen, ftprr! So ein Monn ftirbt nicht. Er kommt tpicber. aus"den"Büschen°Mucht?,'^den°wettergebleicht2 Kttt/von°'ber Schulter I hÄÄÄK.äS»« schließt langsam der Greis, „Pferde für Eure Zwecke. Mit mächtigen Schritten ziehen des Bauern Jüngster und der Agent los, dem Walde zu. Nehmt die Forken!" Sie laufen: die Kartoffeln auseinanderwerfend und zertrampelnd trabt dänische Kavallerie über den Acker. Der alte Bauer sticht ein; er zieht die stählernen Zinken zurück, wieder, kräftiger stickt er zu, aufschreiend stürzt ein Reiter; mit °use.nandergetrummert-m Schädel ^Blut und Hirnmasse aus dem ehrwürdigen weihen Haupt ergießend,' bricht der Bauer unter den Säbelhieben zusammen, drängende Bferdeleiber, tobende Reiter wirbeln durcheinander. Geschrei: „Avanti! fflefinöel Bursch', führ' uns Über das Moor! Wenn du fliehst, wirst du „ri^iuni" »In nr Naend setzen die Pferdeleiber wieder m einheitliche Legung, L?B°L7n zSn Sohn reißen sie mit sich^ Wind fährt über die Stoppeln. Das Mädchen und der Aelteste heben die Lenhe des Vaters auf den Wagen; Klaus Eicke fahl die Zügel; wendet. Krahen- fchrei durchkrächzt die Landschaft. Starkfäustig, wortlos leitet Klaus Eicke den Wagen den Damm hinauf. Schreien und Hilferufen hallen aus dem Dorf' hinter einem Dornbusch winken in Todesangst Zwei Frauen. Komm her, Hille! Sie machen dich sonst zuschanden. Geduckt schießt das Mädchen den Frauen zu, sie bergen sich unter dem Dornengestrupp. Klaus Eicke knallt mit der Peitsche. Quer über die Böschung empor, aus der sranzösische Infanterie abkocht, kutschiert Klaus Eicke die Leiche seines Vaters zum Pfarrhaus hinan. Haarscharf halt er die Richtung. Brr!" Offen klappern die Türen des Pfarrhofs, verstreute Wasche liegt auf der Schwelle; aus dem Gärtchen tritt aschpsahl der junge Pfarrer. Ties liegen seine Augen in den Höhlen, leidend, gelb >st sein Gesicht, fern Rock ist beschmutzt, zerfetzt und zerknittert schwingt das Baffchen im Wind. Klaus Eicke zeigt auf den Wagen. Klaus Eicke hebt die Leiche des Vaters, er trägt sie in die Kirche. Still liegt auf der Totenbank du junge Pastorsfrau. Den Blick durchs Fenster genagelt, steh wie im Krampf der Pastor: „Ich sehe ein weites Feld voll von menschlichen Gebeinen ..." betet er. „Du hast versprochen, sie wieder lebendig ju machen! Gib ihnen Obern „unb Kraft, o Herr! Ihrer wird sein em ^^°^Gott und'das^Eisen^Herr Pastor, schaffen'-! Es gehet nicht anders!' Ein Mann wird mit verbundenen Augen in das Zimmer eines Schlößchens geführt. Man nimmt dem Mann die Binde ab, er steht in einem Kreis von Offizieren und Gutsbesitzern. . .. „Wir haben Sie hierher gebeten", spricht der Graf Arnim „weil wir Sie als Mann des Volkes brauchen, Herr Jahnl Wir sind entschlossen, an der Spitze unserer Bauern nach Berlin zu ziehen. Willigt der König nicht ein, sich von den Franzosen abzuwenden, so werden wir uns seiner Person versichern und einen andern Fürsten emsetzen! Wollen Sie uns dabei helfen? Es geht ums Vaterland!" „Eher sollen mir Haare auf meiner flachen Hand wachsen ehe iq Ihnen zu solchen Plänen helfe!" schreit Jahn. Er zieht eine Pistole; er stellt sich mit dem Rücken an die Wand. „Zuruck! gebietet er den An drängenden. „Das Volk ist zu Anderem da!" , Ihre Weigerung bringt Sie in eine sehr schwere Sage, Herr Jahn! Jahn schießt die Pistole durchs Fenster ab. Herbeisprengende Pferbe' Hufe hallen im Hof, ein Dutzend bewaffneter Turner dringt m den Raum, sie pflanzen sich vor Jahn auf. „lieber das Ziel sind wir uns einig!" spricht Jahn „Heber den Weg will ich gerne beraten. Sind Sie dazu bereit? Bald kehrt Scharnhorst aus Rußland zurück!" „Was? ... Er war dort?" ... „Ohne Wissen des Königs?" „Mit Wissen Herrn von Hardenbergs! Wollen Sie beraten? Ille Offiziere und Grundbesitzer setzen sich mit den Turnern und Jahn an den Tisch. vom von einem Matrosen Ehre geben, Herr mit die Bedächtig steigt der Lotsenkommandeur Hafen empor. „Sie werden mir doch jetzt Dörnberg, bei mir auszuruhen?" , Rein, nein, ich muß sogleich weiter! Aber, wenn ich mich bei Ihnen umkleiden kann, ich bin dafür sehr dankbar. Mein Paß lautet aus eine« Gärtnergehilfen!" „So? Nun schön; bitte hier!' Ri mm den Nouveau dictionnaire de poche! Lies immer das erste: Wort auf den Seiten! 883. Du mußt umkehren! 3881? ... Sag' gleich das Deutsche!" „Der Böttcher?" „182. 281?" . , „ . „Handel treiben. Mit jemandem unterhandeln?.. . .... s.„ Stein unterhandelt!" Der Mann hält zitternd das Papier über Die? Kerzenflamme, ein weiterer Teil der Chiffrenschnst wird sichtbar. „375?" „Das Hilsskorps?" , ... „Gertrud!? Wo ist mein Mantelsack!? Ich muß weg! Verbrenn oi-? Papiere! Schweig!" (Fortsetzung folgt.) Veraniwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühl',che Universitäts-Buck» und Steindruckerei. R. Lanae, Gief>e