Gießener Zamiliendlätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1954 Freitag, den 247August Nummer 65 Abend im Moor. Von Peter Bauer. Die gelben Mummeln verhüllen ihr Flammen, Die Weiden rücken dichter zusammen. Kein Blatt wagt lei- mit dem andern zu rauschen, Der Wind halt den Atem, um tiefer zu lauschen Und dumpf wie Schläge der Landknechtstrommel Rollen durchs Rohr die Rufe der Bommel. Der rote Mond im Erlengestänge Entschwebt, als scheuchten ihn feindliche Fänge, Und strahlt erst auf an der Sterne Schwelle Zu vollem Glanz, zu flutender Helle, Und schließt wie in eine silberne Truhe Die Wasser in seine himmlische Ruhe. Aus der Knabenzeit. Bon Hermann Hesse. Es war eine schöne Zeit, als wir noch zwölfjährig waren und als her Sammetwedel noch lebte, der ionderlingbafte Besitzer eines Kramladens in meiner Vaterstadt. Der unglückliche Mann mit seiner Brille und seiner hohen weibischen Stimme war die Zielscheibe unaufhörlicher Neckereien. Für uns Schulbuben war es immer eine neue Wonne, diesen harmlosen lind etwas komischen Menschen zu verhöhnen. Wir verstanden seinen ichleichenden Gang, seine unbeherrschte Fistelstimme nachzuahmen, wir waren es, die seinen Namen in den fatalen Sammetwedel verwandelt batten. Und zu unfern ständigen Freuden und Uebungen gehörte es, üühmorgens an der Glocke seines noch verschlossenen Ladens Sturm ;u läuten und dann um die Ecke zu verschwinden. Wir schrieben ihm auch zuweilen kleine Spottbriese in Versen oder schickten ihm mit der 'post angebliche Bestellungen aus ungeheuer große Warenlieferungen lu. Auf der Straße wurde er von uns allen stets mit phantastischer Ehrerbietung wie ein Fürst gegrüßt, was er immer hier und. da wieder einmal ernst nahm und geschmeichelt erwiderte, und ganze Abende lang belagerten wir seine Ladentreppe Eines Abends bummelte ich mit drei Kameraden untätig auf dem Marktplatz. Es fing gerade an. ein wenig langweilig zu werden Wir batten den Polizeidiener gehänselt, wir hatten dem Siegrist beim Abendläuten geholfen, und jeder hatte sich mit dem Sackmesser ein bllbsches Stuck Glockenseil abgefchnitten; dann hatten wir dem nervösen Apotheker, dessen Leiden uns unverständlich war und der jeden von uns wie einen Satan haßte, Knallerbsen an die Fensterscheiben leworfen. Darauf waren wir am Marktbrunnen beschäftigt gewesen, batten drei von seinen Röhren mit unfern Seilstumpen verstopft und kn Anblick genossen, wie aus der vierten Mündung ein herrlicher Wasserstrahl drei Meter weit über das Becken hinaus auf den ae- pflaftcrten Marktplatz schoß. Jetzt wußten wir nichts Neues mehr «nzufangen, und dunkel wollte es auch schon werden Es war zwar ichon Sommer, aber was hatten wir davon, denn es gab auf die ichlimmen Maifröfte hin kein Obst in der Gegend Die Stachelbeersträucher hatten wir schon geleert, wo wir nur zukommen konnten, inb statt der abendlichen Expeditionen aus Kirschen und anderes irrühodst sahen wir uns auf Indianerfpiele angewiesen Es waren schlechte Zeiten, und vergebens hatten wir in stundenlanger gefahrvoller Arbeit die Stacheldrähte an mehreren Obstgärten abgezwickt „Ich geh' heim", erklärte der Philipp gelangweilt „Nein, halt doch!" riefen wir andern und zogen ihn mit uns die schmale steile Kronengasse hinab Da kam mir plötzlich ein Gedanke „Zum Sammetwedel!" rief ich begeistert ..Wir sind schon eine kwigkeit nimmer bei ihm gewesen " Gesagt, getan Mit wenigen Sätzen hatten wir tm Sturm seinen Silben erreicht Es war alles ruhig und kein Mensch im Laden, und zwischen den Blechbüchsen und Seifepaketen stand friedlich der dunkle li'kerne Brasilianer und tag an feiner ungeheuren Zigarre Rar dem Schaufenster hielten wir Kriegsrat, und es wurde beschlossen die Intrige durch einen schlichten Ladenbefuch einzuleiten chrei Rappen wurden lufammengefchofsen. und mich traf das Los die Pichde zu eröffnen Ich sollte in den Laden gehen und nach aller'ei Gingen im Preise von drei Rappen fragen, das Geld aber natürlich rur im schlimmsten Notfälle ausgeben. Dann würden wir weiter fchen Die Klingel ertönte, und mit freundlichem Gruße trat ich in den loben, in bem schon bas Licht brannte Mißtrauisch empfing mich ber Unter Karamellengläsern, Zuckerhüten und Kaffeebüchsen halb verborgene Sammetwebei Ohne Zweifel ahnte er, da er mich kannte, etwas von der Ruchlosigkeit meiner Absichten; aber kaufmännische Diplomatie nötigte ihn zum Höflichsein Ich pflegte für meine Mama nicht selten einige Pfund Zucker, Salz, Grieß oder Reis bei ihm zu holen, war also ein alter Kunde. Der Kaufmann blickte mich durch die trüben Glaser seiner Brille argwöhnisch an Wir kannten einander, wir zwei, und wir liebten einander nicht Und ich wußte, daß er einmal zu meiner Tante gesagt hatte, es sei ihm ein absolutes Rätsel, rote aus einer so frommen und unbescholtenen Familie ein so gottloser Bengel habe entspringen können „Was willst haben, 'Bub’?" fragte er kurz. Ich sah mich im Laden um Es gab da eine Masse von Sachen, die ich gern gehabt hätte! Mit zehn ober zwanzig Rappen in der Tasche wäre viel zu machen gewesen Aber mit meinen drei einzelnen Rappenstückchen stand ich oor einer knappen Auswahl. Was dafür zu Haden ist, wußte ich genau: ein paar Zuckerabfälle ober Johannisbrot ober zwei Zigaretten ober ein Pulverfrofch Sonst nichts; höchstens etwa noch ein bißchen Schnupftabak. „Ich weiß noch nicht bestimmt", sagte ich zögernd. Er brauchte ja nicht zu wissen, wieviel Geld ich habe — „Haden Sie Schneeberger Schnupftabak?" Ich wußte zwar, daß von dem seinen, weißen Schneeberger, mit dem man Menschen und Tiere viertelstundenlang niesen machen konnte, auch die kleinste Schachtel zehn Rappen koste Aber ich konnte es ja einmal probieren Ich hatte Zeit, und der Sammetwedel würde wohl auch Zeit haben, dafür stand er ja in feinem Laden Während ber Krämer nach feiner Schublade ging und mir den Rücken zuwendete, sah ich in der Scheibe ber Ladentür meine Kameraden lauern — drei vorsichtig emporgereifte, inbmnerfdjlaue Gesichter mit pfiffigen Spionsaugen Ich zwinkerte ihnen heimlich zu. Indessen kehrte der Sammetwedel mit leeren Händen zurück. Das Glück war mir hold es gab keinen Schneeberger mehr! „Aber in vier, fünf Tagen trifft wieder eine Sendung ein, er ist schon bestellt Dann kannst du ja wiederkommen", sagte er. Ich stellte mich entrüstet „Das ist aber schade! Gar keinen Schneeberger mehr! — Aber hoben Sie andern Schnupftabak?" Er sah mich argwöhnisch an. „Es sind vier Sorten da" sagte er kurz — „„zu was brauchst du ihn denn?" „Er ist für meinen Onkel", sagte ich unschuldig. Da stellte er mehrere Büchsen vor mir auf Ich fragte eingehend nach Preis und Güte leber Sorte, schwankte endlich zwischen zweien, konnte mich nicht entschließen und nahm schließlich eine Prise zum Probieren Ich mußte sofort schrecklich niesen, und ein vehementes Lachen, das vor der Türe auf der Gaffe draußen losbrach, machte mich besorgt. Ich beschloß, mich für diesmal zurückzuziehen. „Also, danke schön Ich komme dieser Tage dann nochmals her, wenn es wieder Schneeberger gibt. Es sollte doch eigentlich Schneeberger fein " Mit höflichem Gruß verließ ich den Laden und stattete meinen Spießgesellen Bericht ab. gab ihnen auch ihre zwei Rappen wieder. Der dritte hatte mir gehört Auf dem Heimweg lachten wir noch viel und berieten uns eifrig. Dann war unser Schlachtplan entroorfen. Es gab einen sauren Tag für den armen Sammetroebel. Gleich am folgenden Morgen erschienen, mit angemessenen Pausen natürlich, etwa dreißig Schuljungen hintereinander in feinem Laden, die alle Schneeberger Schnupftabak verlangten Am Nachmittag und am zweiten Tage wiederholte und verdoppelte sich das Schauspiel Der sanftmütige Kaufmann fchnitt anfänglich faur» Gesichter bann wurde er grimmig, und schließlich war er nahe am Weinen, geriet in Raserei und schrie in der höchsten Fistel: „Hinaus'" sobald er das Wort Schneeberger horte Vor der Ladentür aber standen wir alle felig wartend und begrüßten jeden seiner Zornausbrüche mit Zuruf und Wonnegeschrei Arn Abend des dritten Tages gelüftete es mich mächtig, selber noch einmal beim Sammetroebel vorzusprechen, was ich ihm ja eigentlich fchulbia war Ganz wohl war mir nicht bei diefem Unternehmen, und das erstemal kehrte ich auf ber Labentreppe roieber um Aber dann fchämte ich mich faßte Mut und nahm den Türgriff nochmals in die Hand Ich trat ein. sagte sittsam Grüß Gott und schwoll vor verhaltener Neugierde „Wie ist’s jetzt mit dem Schneeberger?" fragte ich bescheiden Natürlich glaubte ich bestimmt zu wissen, daß der Tabak unmöglich schon da fein könne Der Monn warf mir einen gefallenen Zornblick zu, er hatte mich nicht vergessen. Doch sagte er kein Wort, sondern kniff den Mund ein braunen Augen und die niedlichsten runden Pudellocken. Und da Hans noch nie verliebt gewesen war, so verliebte er sich sosort richtig. Wenn schon, denn schon. Und: die oder keine. chans wartete aus der gegenüberliegenden Straßenseite. Gegen acht Uhr kam die Niedliche mit einem älteren Mädchen über die «traße. Die beiden gingen in eine Konditorei. Hans schluckte heftig, sagte sich: seht oder nie! — folgte den Mädchen und fetzte sich zu ihnen an den Tisch. Seine Mutter hatte ihn gelehrt: wer liebt, hat Mut, und das ^"Die^ Niedliche ^wurde von der Freundin Hilde genannt, und Hans sagte wenn er ein Mädchen wäre, möchte er nur Hilde heißen, es wäre ein wunderbarer Name. Er sagte, daß ihre Hande weißer wären als die Schlagsahne aus ihrem Kirschkuchen. Das stimmte zwar nicht, aber man merkte, daß er es glaubte. Und er erzählte von sich und seinem Leben, von seinem Seisenhandel und wie doppelt und dreifach gern er die Stelle in dem Geschäft bekommen würde, In dem auch sie tätig war. Da machte die Niedliche einen hochmütigen kleinen Mund und meinte: fo’n Straßenhandel mit Seife ließe sich doch nun im Traume nicht mit ihrem herrlichen Geschäft vergleichen, und sie glaubte nie im Leben, daß ihr Vater einen fo unerfahrenen und z,em- lich frechen jungen Mann einstellen würde. Hans fühlte sich einen Augenblick lang leicht verwirrt. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß Hilde Herrn Possels Tochter fem könnte Na, er hatte das Mädchen arm gewollt, er würde es auch reich nehmen Er sagte, ihr Vater könnte selig sein, wenn er ihn als Angestellten bekäme, er wäre ein großartiges Verkaufstalent. Und schließlich versprach ihm Hilde, morgen nachmittag mitsamt ihrem Vater zum Alten Markt zu kommen, um selbst zu sehen, wie wunderbar er seine märchenhafte Seife verkaufte. Hans saß in seinem häßlichen kleinen Zimmer und bedachte sorgenvoll das auserlegte Problem: märchenhafte Seife märchenhaft verkaufen. Wie kann man dies ordinäre Zeug märchenhaft verkaufen? Ganz gemeine Kernseife, nichts als Kernseife Hans fing an zu dichten. Es fiel ihm schwer. „Die Seife hat zwar nicht Pariser Duft — doch riecht sie rein nach frischer Bergesluft" Ober- „Diese Seife ist das beste — nehmt die Reste, nehmt die Reste." Ach. wären's erstmal Reste. Als er ganz verzagt wurde, dachte er an seine Mutter. Als sie starb, hatte sie ihm eine kleine vergoldete Münze gegeben und gesagt: nimm sie Junge, sie sieht nach Gold aus und ist's nicht, aber sie hat mir Gold eingebracht. Nimm die kleine Münze, mein Junge, und laß sie dir mein und Vaters Glück bringen. Hans hielt mit der Linken die kleine Münze und mit der rechten ein Vaarstück Geiefe Daraufhin tarn ihm ein Einfall, und er ging zu feinem Freund Denn einen guten Freund brauchte er in diesem Fall. Seife, Seiiife! schrie Hans am nächsten Nachmittag. Ein regnerischer Windstoß blies ihm sein Haar zu einer kleinen Säule. Neben ihm standen zwei Riesenwaschkörbe mit Seife, eine Pappschachtel mit Kohlenstaub und ein mit Lametta umwundener Waschständer mit einem kläglichen kleinen Emailbecken. Seife — Seiiife! Was hatte Hans in der Konditorei gesagt: Fräulein Hilde, ich habe mein Kapital in mir, ich bin ein Talent, bringen Sie Ihren Herrn Vater mit, ich bitte Sie. Ich kann, ich werde — Sie werden sehen, Sie werden ... Lieber Gott, es gab nichts zu sehen. Der Freund kam und stand beifeite. Dann sah Hans von weitem Hilde kommen mit einem kleinen rundlichen älteren Herrn. „Hallo, ein Stück Seife" rief der Freund und bekam ein Seifenpaar. Mit diesem Seifenpaar verschwand der Freund in dem kleinen Gase gegenüber. Das gehörte der anerkannt habgierigen Witwe Sammer Der Freund ging an die Theke, da standen viele Frauen der Nachbarstadt, um Brot ober kleine Kuchen 3U kaufen Hinter der Theke bediente Witwe Iämmer, und ihre alte Schwiegermutter fah ihr dabei zu. „Frau Iämmer", sagte der Freund — „schnell eine Tasse Kasfee und ein Butterbrötchen und — haben Sie doch bitte die Liebenswürdigkeit, mir schnell mal das Paar Seife durchzufchneiden — die Stücke bänaen zusammen wie meine Liebe an Ihnen, und ich will das eine Stück meiner Braut mitbringen." Da nahm die Witwe ein Stück Einwickelpapier und ein Extrameiier und versuchte, das Seifen- paar mittendurchmschneiden Aber ihr Messer stieß auf etwas Hartes. „Nanu", machte sie ärgerlich und wollte die Stücke mit der Hand auseinanderbrechen Oh" rief sie und bekam einen knallroten Kops. Dann schob sie die Stücke wieder zusammen und hinter die Kaste und tat. als mär’ nichts gewesen Der Freund solle sich mal ruhig setzen und erst seinen Kaffee trinken, die Seife gäbe sie ihm gleich — ein rostiger Nagel märe drin, wo er das Schundzeug denn gekauft hätte? „Na brüten vom Hans", tagte ber Freunb Die Frau Kleinau war schon draußen und ftürite über den Marktplak zu Sians. Die Iämmer. diese raffinierte Perfon! Ein rolliger Nagel? Haha Seit wann glänzen rostige Nägel wie ®ofb? Sie hatte es genau gelebn und ein paar andere Frauen hatten auch gemertt, daß mit ber Seife was los war Schmugglerware mit Goldstücken brin verlleckt« „Geh gleich rüber 3um Hans, zehn — zwanzig Stück Seife holen" raunte bie Witwe Iämmer ihrem kleinen Jungen zu Ein wahrer Segen, baß man Kinber hatte Hans war rot vor Aufregung unb Spannung Glückte alles! Klavvte alles? Er wollte nicht nachbenfen Er war In fieberhafter Tätigkeit. Er tauchte feine Hänbe in bie Kille mit Kohlenstaub, baß sie schwarz würben wie die Hölle unb wusch sie in dem kleinen Emai - beefen, baß sie weiß schienen wie eben gefallener Schnee. „Diele Sei!« ist bas beste — nehmt bie Reste, nehmt bie Reste!" Ein paar Kinder standen um ihn herum unb staunten wie er die Seife hoch in "urt warf unb mieber auffing Im Hintergrunb sah man Hübe mit ihrem Baler Wenn sie jetzt nur nicht fortgingen wenn nur . . Da kam die Frau Knau fchon an und da Jammers Willi die Schmiea->rmiitter und die Frau Räsgen, und alle kauften Seife. Klirrend fiel Geld >n die kleine Zigarrenkiste neben Hans. Er schrie und lachte unb llibelle: „Die Seife hat zwar nicht Pariser Dust — boch riecht sie rein nach und stellte statt aller Anftvvrt zu meinem peinlichsten Erstaunen eine Schachtel vor mich hin, die den soeben eingetroffenen Tabak enthielt. Ich hatte keinen Rappen im Besitz und fing nun an, mich der Sage nicht mehr gewachsen zu sühlen. Vor der Türe brach das ganze Rudel meiner Kameraden in einen sanatischen Jubel aus. Sie hatten jetzt den doppelten Genuß, den Sammetwedel im höchsten Aerger unb mich in ber Klemme zu sehen. Mir würbe eng ums Herz. Aber es mußte etwas geschehen; der Krämer sah meine Der.egen- heit und starrte mich voll Ingrimm wartend an. Ich nahm die oer- wünschte Schachtel in bie Hanb, roch verlegen an bem Schneeberger unb stellte sie bann mieber auf ben Labentisch zurück. „Es ist boch nicht ber richtige", sagte ich schließlich frech unb entfloh eiligst nach bem Ausgang. . . ,, , Da ereignete sich etwas Außergewöhnliches. Der fünfte Sammet- roebel verlor ben letzten Rest feiner Würbe, er (prang schnaubend hinter dem breiten Ladentisch hervor und stürzte mir nach auf bie Gasse, mit fliegenben Rockschöhen unb klappernden Pantoffeln. „Der Sammetwedel! Oha, der Sammetwedel!" schrien alle Jungen und rannten gaßaus, gaßab davon. Im Wettrennen brauchte keiner von uns ben Mann zu fürchten, auch ich hatte mich längst um bie Hausecke gebrückt unb fühlte mich gerettet, während ber Wütende meinen Kameraben nachjagte, von benen er natürlich keinen erwischte. _ ... , , Unb nun geschah bas Merkwürdige; der Sammetwedel verlor im Rennen einen von seinen Pantoffeln — ich wie der Blitz hinterher, raffe den Pantoffel auf und verschwinde. Und der Sammetwedel hinkt halbstrümpsig ins Haus zurück Es war eine vollständige Niederlage. Ich trug den Pantoffel im Triumphe durch die abendliche Gaffe, auf einen Stecken gestülpt, und wir johlten und fangen dazu. Es war ein schönes Stück, auf Stramin gestickt, mit einem üppigen Ornament von bläulichen Rosen. v „ Die Mächtigen Helsen einander und Sammetwedel, den ich besiegt hatte, brachte mich auf dem Wege der Feigheit und der Diplomatie zu Falle. Ich habe für den Pantoffelraub zwei Trachten Prügel und drei Stunden Arrest bekommen, die eine Tracht zu Haufe, die andre samt Arrest in der Schule Unter meinen Kameraden aber war ich für lange Zeit zu einem bewunderten Stern geworden. Eigentlich müßte Ich jetzt auch noch erzählen, wie Ich — von meinem Vater nach langem, zähem Trotz gezwungen — dem Sammetwedel feinen Pantoffel wieder hintragen und selber überreichen mutzte. Da alles nichts half, tat ich wenigstens vorher noch ein wenig Bogelleim in das Innere des Schuhs. Aber das Weitere ist für mich gar so beschämend. Gold und Seife. Von Irmgard Keun. Hans war ein hübscher junger Mann mit blitzblauen Augen und einem dicken blonden Haarschops Er war gesund, lustig und unternehmend und hatte eigentlich nur einen Nachteil, den er allerdings mit sehr vielen gemeinsam hatte: er war arm. Hans hatte wohl oft von Menschen gehört, die von der Hand im Mund lebten, aber seitdem er bas selbst versucht hatte, glaubte er nicht mehr recht an biefe Möglichkeit. Lieber rannte er hinter ber Arbeit her, unb manchmal erwischte er auch ein Zipfelchen ihres borstigen sackleinenen Gewanbes. Schließlich bekam er auch einen Erlaubnisschein für Straßenhandel, und damit ließ sich fchon allerhand anfangen. Er glaubte an sich und an die Zukunft und war im großen Ganzen mit sich unb ber Welt euwerftanben, mit ber Welt etwas weniger als mit sich. Das ganz große Glück würbe fchon kommen, unb er pfiff unb lang, well er glaubte, baß Fröhlichkeit das Glück anzieht. Er war ein hübscher unb kluger junger Mann. Das Glück kam in Gestalt von Kernseife unb würbe von Hans in dieser Verkleidung natürlich zuerst nicht erkannt. Durch einen Freund war Hans zu einem Posten Kernseife gekommen — viele graubraune Stücke, die paarweise zusammenhingen. Und die sollte er aus dem Alten Markt verkaufen. Da stand er nun tagsüber in Sonne und Regen, hatte an jeder Seite einen riesengroßen Waschkorb stehen unb schrie: Seife, Seiiiifei Abenbs schimpfte er mit seinem Freunb: eine berart jämmerliche Seife hätte er nie in Fingern gehalten, nie könnte er sie loswerben, unb sie nähme ihm gerabezu bie Lust zum Leden. Aber bas letzte sagte er nur so dahin. Aus Aerger über bie Seife unb über ben Freunb sprach er nicht mehr, fonbern las in ber Zeitung. Unb ba las er beim auch, bah Possels Delikateßwarengeschäft einen ersten Verkäufer suchte, unb solch einen Posten wünschte Hans sich fchon lange, benn er hatte große Lust, enblid) einmal an ber richtigen Stelle zu zeigen, was für ein tüchtiger Kerl er war. Poffels Delikateßwarengeschäft war bas schönste in ber ganzen Stabt. Hans hatte roeber Erfahrung noch Branchekenntnis, unb es war eigentlich lächerlich anzunehmen, baß et eine so erstklassige Stellung bekommen könnte. Aber Chance bleibt immerhin Chance, unb es ist furchtbar bumm, ausgerechnet bie Ueberlegungen anzustellen, bie mutlos machen. Hans schob sich also bie Zeitung in bie Tasche unb tobte burch die Straßen. Er lief fo schnell, wie man mit gesunden Beinen unb Lungen nur laufen kann, benn es war gerabe sieben Uhr, unb ber Laben würbe vielleicht noch auf — unb Herr Posfel zu sprechen fein. Als Hans ankam, ließ gerabe ein weißes kleines Fräulein schwere braune Jalousien herunter. Hans fragte nach Herrn Posfel. aber ber war heute abenb nicht mehr zu sprechen. „Hier tut ein starker Mann not", meinte Hans, als er sah, wie bie Kleine sich mit ber Jalousie abplagte unb fragte, ob er ihr helfen bürste. Er hals ihr, unb sie lächelte ihn freundlich an, unb Hans glaubte plötzlich, noch nie ein so reizendes Gesicht gesehen zu haben. Die Kleine hatte die blankesten frischer Bergeslust." Er tauchte die Hände In den Kohlenstaub und ließ sie wieder weih werden. Er jonglierte mit drei Stücken auf einmal, falls ihm überhaupt Zeit dazu blieb. Immer mehr Frauen und Kinder aus der Nachbarschaft kamen — Passanten blieben stehen — lachten und kauften auch. Und dann schwenkte Hans glückselig zwei leere Riesenkörbe über feinem Kopf. Die Leute verstreuten sich — und langsam kamen Herr Possel und Tochter auf Hans zu. „Gestatten Sie", sagte Herr Possel, fischte sich die Seife aus dem Cmatlbecken und wusch sich damit die Hände. Nachdem er sie mit seinem Taschentuch abgetrocknet hatte, waren sie schmutziger als vorher. Hern Possels graue Mauseaugen drückten ehrlichste Bewunderung aus. „Donnerwetter, junger Mann, Sie können was. Das ist die elendeste Seife, mit der ich mich in meinem Leben gewaschen habe, da gehört was dazu, die zu verkaufen. Wie roär’s, junger Mann, wenn Sie mal probeweise zu mir kämen? Ein Geschäft meines Stils verlangt allerdings andere Methoden als Straßenhandel. Sein Sie nicht übermütig sondern bescheiden, dann können Sie sich vielleicht einarbeiten .." „Ja", unterbrach Hilde, „und so übermäßig liebenswürdig dürste er zum Beispiel in unferm Geschäft gar nicht zu der weiblichen Kundschaft sein." Hans sah ihr strahlend mitten in die Augen, da wurde sie rot wie die untergehende Sonne und beguckte sich angelegentlich ihre Fußspitzen. Siebenmal war Jammers Willi Seife holen gegangen. Seisenberge türmten sich in der Jämmerfchen Küche. Mahlzeit, Frau Jämmer", sagte der Freund, griff hinter die Kasse und nahm sich sein Stück Seife, ehe sie's hindern konnte. „Den Kaffee zahl' ich gelegentlich mal, Frau Jämmer, kommt ja wohl nicht so drauf an, wo sie jetzt so im Golde schwimmen." Und er klemmte sich sein Seifenstück in die Tasche. Es war gut. wenn Hans seine kleine Goldmünze wieder- bekam, trotzdem sie gar kein Gold war. Sie war immerhin ein Erbstück, und Erbstücke gehören nicht in fremde Hände. Höflichkeit der Völker. Von London bis Assuvn. Von Friedrich F r e k s a. Andere Länder, andere Sitten! Das klingt sehr einfach, bis man es am eigenen Leibe erfährt „Andere Länder, andere Sitten" bedeutet auch andere Umgangsformen, andere Höflichkeiten. Und Höflichkeit ist gewissermaßen das Schmieröl der ganzen Reijemaschine. .Geht dieses Schmieröl aus, knarrt die ganze Reise. Als junger Mann kam ich nach England und wurde eingefuhrt in der reiezenden Familie eines angloindischen Obersten, der zwei Töchter hatte, die sich meiner Unbeholfenheit aufs liebenswürdigste annahmen. In der Woche daraus sah ich die eine der beiden Schwestern auf der Bondstreet vor einem großen Schaufenster stehen und lief erfreut Über den Fahrdamm, um die Dame zu begrüßen. Bü meiner Anrede schrak das Mädchen zusammen, drehte sich um, wars mir einen entsetzten Blick zu und stürmte davon. Ein robust aus- sehender Herr machte ein paar für mich nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen. Ich hielt das ganze für ein Mißverständnis Als ich derselben jungen Dame ein paar Stunden später vor dem Alhambra- Theater begegnete, wandte sie demonstrativ den Kopf ab. Ein Freund belehrte mid): „Du hast den gröbsten Verstoß begangen, den es im englischen Tagesleben gibt!" Die Dame grüßt den Herrn zuerst! Sie hat das Vorrecht, unbequeme Bekanntschaften durch Schneiden abzulehnen. Es ist, wenn man’s richtig nimmt, eine gute Sitte, die besonders jungen Damen sehr viel Belästigung erspart. Sie hängt zusammen mit der ganzen englischen Lebenshaltung. Die Regel heißt: Dringe nie ungerufen in bcn Lebenskreies des andern ein! Zum Beispiel: Sie treffen einen guten Bekannten im Lesezimmer des Klubs, wo er eine Zeitung fcurdifiebt Es wäre ein Fehler, diesen Mann in seiner Lektüre zu stören. Wenn er, der zuerst da ist, Sie begrüßt, ist das etwas andere^ Aber er wird es Ihnen nicht Übelnehmen, wenn Sie sehr kurz sich bedanken und auch nach einer Zeitung greifen. Darum ist es in England auch verpönt, etwa ,emand im Eisen- bahnwagen anzufprechen Kein Gentleman stellt sich allem dem andern vor. Es bedarf dazu eines Dritten, der tue Bekanntschaft vermittelt Sie dürfen keine unbekannte Dame zum Tanz ausfordern. Dies führt, wie ich's auf Brioni erlebt habe, manchmal zu großen Unzuträglichkeiten. Im Tanzfaal des Insel-Hotels brach beinahe eine Fehde aus zwischen englisch-amerikanischen Herren.einerseits und italienischen Marineoffizieren andererseits, und zwar über dies Aufforderungsrecht zum Tanz In England gilt es für den Mann, gegen Frauen Zurückhaltung zu üben und hilfsbereit ZU fein, sobald “'S «eben ».»< ».- d» auf der Annäherung und vor allem dem liebenswürdigen Gespräch beruht. Meinen Freund, den Maler Alfred Richard Langer^ fand ich in Paris in einer verzweifelten Lage vor. Er erhielt keine Postmehr^ er war wie abgeschnitten von allen Freunden und Bekannten. Als ich bei der Hausmeisterin, der Concierge, nachfragte, machte diese behäbige Dame in ihrer Loge eine spöttische Bemerkung. Was war geschehen? Er hatte versäumt nach semern Emzug die Bekanntschaft der Portierfrau zu m^hen, mit ihr fist. Worte zu wechseln, ihr vielleicht ein paar Blumen oder Süßigkeiten mitzu- brinqen. Und die Frau vergalt ihm feinen Fehler. Bei ihr wurden gemäß französischem Brauch, die Briefe für das Haus abgegeben bet ihr wurden sie von den Mietern abgeholt, ihren Lwbstngen brachte sie sie selbst Und da sich Monsieur Langer mit ihr nicht gestellt hatte, erhielt eben Monsieur Langer keine Post! Der Franzose will den anderen Menschen sehen, sprechen. Er entscheidet nicht sachlich, wie der Engländer sondern personlich^ Er sucht die Ansprache. Und er verzuckert das Leben mit kleinen Süßigkeiten und Aufmerksamkeiten, die nicht viel kosten. „Kleine Geschenke «halten die Freundschaft!" ist eine echt französische Maxime. Und dieses Bedürfnis eines lebhaften Verkehrs mit dem anderen, der fröhliche Austausch von Ansichten in der Eisenbahn, auf dem Dampfschiff steigert sich, je weiter der Reifende in den Süden des Landes gelangt. Da gilt es schlagfertig zu fein, die richtigen Antworten zu finden, und vor allen Dingen muß man lachen können, zumal über sich selbst, wenn man eine Ungeschicklichkeit begangen hat. Italien ist das Land der Gentilezza, der großen Zuvorkommenheit eines gegen den andern. Die Italiener wissen, was die Fremden für die Einnahmen ihrer jeweiligen Stadt und des ganzen Landes bedeuten. Sie verzeihen dem Fremden sehr viel, aber einiges verzeihen sie nicht. Treten Sie in einen Raum ein, in dem sich eine Dame allein befindet, mit deren Familie Sie nicht sehr vertraut sind, so gilt es als unhöflich, wenn Sie sich nicht sofort aus dem Zimmer, in dem sich diese Dame befindet, zurückziehen. Die italienischen Männer allerdings wissen sehr wohl, daß manche Ausländerin nicht so denkt und verhalten sich demgemäß... In Spanien äußert sich die Gastlichkeit großartig, fast wie im Orient von Tausendundeiner Nacht. Das erfuhr ein Freund von mir, der sich in Berlin zweier spanischer Herren sreundlich angenommen hatte. Als er die beiden in Barcelona wiedertras, stellten sie sich — und das ist wörtlich zu nehmen — in seine Dienste. Sie nahmen ihm jede Beschwernis ab. erleichterten ihm jeden Schritt und zahlten wie selbstverständlich jeden Pfennig für ihn im Weinhaus oder im Cafe. Als er am Schluß eines Abends auch etwas leisten wollte und heimlich in einer Bar den Kellner im voraus bezahlte, verfiel der eine der beiden Gastfreunde in einen Wutanfall über diese „Entehrung", und es kostete unendliche Mühe, ihm klarzumachen, wie der Deutsche das gemeint hätte. Hier wirkt noch das Ehrgefühl des Hidalgos nach: Geld ist Dreck, Ehre alles! Die größte, umständlichste Höflichkeit entfaltet der Chinese alten Stils. Er erniedrigt sich vor dem Besucher, er bietet ihm sein ganzes Haus als Geschenk an, aber dabei gilt die Spielregel, daß der andere dieselbe Höflichkeit besitzt und sich's nicht etwa zuschuldenkommen läßt, dieses Anerbieten ernst zu nehmen. Im alten China vor 1900 herrschte eine Höflichkeit, die auf bestimmten großen Gesetzen die Sippenverbundenheit beruhte. Der Meliere war stets bevorzugt, und besonders verehrt wurde, wer dem Schrifttum angehörte: der Dichter, der Gelehrte. Unter europäischem Einfluß begannen die Sitten, besonders im Küstengebiet, zu verwildern. Dem weihen Manne gegenüber zeigen heute jüngere Chinesen eine bewußte Unhöflichkeit, weil sie der Meinung sind, der Weihe, der unzeremoniös ist, kenne Höflichkeit überhaupt nicht, sei ein Barbar. Höflichkeit gibt es auf der ganzen Welt. Sie äußert sich manchmal sehr sonderbar. Ein Freund von mir hatte sich in Assuan mit Karawanenleuten aus Dafür angefreunöet, die ihn zu einem Topfe Reis einluden. Und da er unter ihnen faß, war er Gegenstand der allgemeinen Höflichkeit, die darin bestand, daß jeder seine Hand in den Reistopf steckte, eine kartoffelgroße Kugel formte und sie ihm in den Mund schob Wollte er ein Wort sprechen, wurde ihm der Mund mit einer neuen Reiskugel gestopft Er wußte, es wäre gegen die Höflichkeit gewesen, wenn er aufgestanden wäre. Und fo taute er an einem Klotz im Zeitlupentempo und wartete wiederkäuend ab, bis der Reistops der Gastfreundschaft leer war Nur das eine erlaubte er sich zu „tun": Er ist nie wieder nach Assuan gefahren... Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H„ Berlin. IFortfetzung.i „Was ist los, Till? Konferenz beendet?" „Was willst du hier?" Sie klemmte ihre Zeichnungen und Papiere geschäftig unter den Arm „Komm, mein Junge! Wir gehn in meine Kabine. Herrje, schon zwanzig nach zwölf? Ich verzichte aus die Haus- kantine. Mich verlangt nach einem besseren Happenpappen. Du kommst doch mit mir essen, Diez? Oder willst du nicht?" „War er unverschämt, Till?" fragte er. „Wer? Ich habe tollen Hunger, Diez." „Soll ich ihn k. o. schlagen?" „Wen? Du bist verrückt!" ,Lch wünsche zu wissen--", gebot er blaß. „Komm hierherein! Ich mach' dich daraus aufmerksam, daß sämtliche Wände Ohren haben. Ich mache mich rasch fertig..." ; Diez steckte, finster abgekehrt, seine Hände in die Hosentaschen und starrte zwei Löcher in die Fensterscheibe, die auf den oben Hof sah. Sie stülpte sich im Gehen eine Art Hut auf; Diez kam sich schauderhaft schmutzia und erbärmlich vor. _ m , „Ich bezahle natürlich für mich", erklärte sie draußen. „Du bist kein Krösus mehr bei Mutzebecher." , <&«• „ „Das habe i ch zu bestimmen!" sagte er scharf. „Wir fahren zu Klmg- feil Nollendorfplatz." Er würde krumm liegen hinterher, noch krummer; dabei fiel ihm plötzlich ins Gemüt, daß er früher einmal Eugen Brosses widerwärtiger Erscheinung dort begegnet war, dem Ekel ... Doch da schmetterte schon norm Haus die Elektrische heran. Bei Klingseil bestellte Diez mit strenger Miene. — „Ich trinke am Tage keinen Wein! Niemals, Diez!" — Er bestellte ein halbes Fläschchen Markobrunner. „So, danke, Herr Ober! — Und nach der Suppe wird restlos gebeichtet, meine gute Till. Er war srech — wie?" Also schön: Er wollte mich küssen und mich — furchtbar komisch —I auf feinen Schoß "ziehen und fo weiter... Er sauste ziemlich allem In feinen Stuhl." mit ihren ihm hin. Sie mit der Hand- Heute war auch Onkos Gc- die verschwand 'Beranttoortlicf): Or. Hans Thyrivt. — Druck ui>bDerlag:'Brühl’scheUniverfitäts-'Buch- und Sieindruckere i, R. Lange, Gießen. in Lebens- Mysterien- eine zwei sich ab. „Wiederiehn Punkt acht!" ries sie, als sie oben stand, und im Wogen — — Kurz vor acht öffnete sich die Haustür: Herr Klüter stand große mit weißer Binde da: ein Festwart, glückspendender vermalter Till hatte drüben Blumen aufgebaut ihrer Hand: Onkos Schreibtischecke. Denn burtstag ■— ein Tag wie jeder andere. „Nein, Till, großes Mädchen!" staunte Sie hob sich auf die Fußspitzen, und Rücken. „Darf ich stören? Ich komme gern mal er jetzt. er klopfte ihr den schlanken wieder", sagte Dagobert, der, sparst die Leberwurst." Sie erhob sich anmutig. Diez begann ohne Grund leise zu tänzeln, während er ihr in Jacke hals Aber Till geriet in Eile und Raserei, stürzte davon, winkte, ohne umzudrehn nach hinten, schwang sich auf die Elektrische und sauste tasche, sah auf die Uhr am Handgelenk, räusperte sich und sprach: „Darf ich mich für deine Gastfreundschaft erkenntlich erweisen?" „Wie —? Was —?" „Komm heute abend zum Onko! Du kommst zum Abendbrot und tarina tm Wege." , „ „Jedenfalls werde ich", fuhr Diez, heiter gelassen, fort, „mit hellem Köpfchen und beiden Fäusten ein Mann der herrlichen, kantigen Wirk- lichkeit fein- Wegbereiter des Geistes und der Wahrheit, soweit die andern ihrer habhaft werden! Natürlich kannst du selbst tun und lassen, was du willst, Till. Wenn du eine private Ausfüllung mit Stift und Tinte brauchst, Till —?" „Es konnte uns manches erleichtern für den Anfang. Neuer, verständiger, ziemlich langer Kuß .. Da wurde es in der Ferne laut. Frau Klüter erschien in Person, mit festen Schritten. „Was darf ich zu trinken geben?" fragte die Klüterin. „Tee?" „Bermutlich nicht ganz das Richtige", meinte Diez. „Wir haben uns eben verlobt", deutete Till an. „Also keinen Tee!" sagte Mussolina überzeugt. Till gab ihr einen Kuß, und Diez schüttelte ihr die Hand. Blumen leuchteten, die Luft fang — eine vollkommene Welt und selige Ewigkeit für eine Stunde. Sie saßen lächelnd darin, handhabten Gabel und Messer wie heilige Instrumente. Sie hatten es noch nie im Leben so gut und blank gehabt ... Doch einmal war auch dieses Fest zu Ende. Sie erhoben sich Arm in Arm und spazierten durch die Zimmer. Zigarette „Ich muß jetzt gehn," erklärte Till, als sie Täßchen fertig war „Ich erlaube dir noch fünf Minuten " „Ja. zum Donnerwetter, darf ich heute gar nichts?" „Heute nicht, Till." Ihr Blick fvähte scharf von ihrem Spiegelchen zu bemerkte ein Männergesicht namens Diez. Sie schnappte „Ein Mokkächen, liebe Till?" Sie tranken Mokka, wie es fein bei Klingseil hieß, und rauchten „Galen Abend, lieber Herr Klüter!" rief Herr Dr. Hasselbrink herzlich. ..Ganz gehörig frisch heute Onkel da?" „Nei" -Herr Doktor Pokerobend bei Herrn Geheimrat Spitz." Po--?" Der alte Fuchs, der liebe, tüchtige Klüter schien ihn argwöhnilch zu beobachten „Fräulein Till oben?" fragte er, mit gleich- mütia gerunzelter Stirn „Erwartet Herrn Doktor." Dr fäasfetbrink stieg de breite Treppe mit dem pfirsichfardenen Teppich hinan Alles leer Er nahm im Bücherzimmer Platz, ergriff ein Buch kreuzte die Beine und verharrte in Profilstellung ..Die''" rief eine belle Stimme „Ich hatte im Eßzimmer zu tun. Wir müllen noch ein roenia warten, alter Diez!" ffr a> b ihr die Hand und sah sich gespannt ihr neues zartes, buntes Kleid on Sehr aut Till'" faate er anerkennend „Ganz entzückend!" „Finden hti9 Bitte, nimm Platz Diez! Wollen wir so weiter--" „fRem