Nummer 91 Zreitag, den 23. November Jahrgang 1934 sah, daß hier bei allem Unglück noch Glück gewaltet hatte. Es hatte schlimmer kommen können. Wohl hatte die Orkanwelle Teile des Schuppens sortgeschleudert, aber im Raum selbst nichts Wesentliches zerstört. Er wollte wieder hinaus ins Freie, doch tiefe Dunkelheit hemmte seinen Schritt. Seine Augen, durch das reichliche Licht in dem Schuppen verwöhnt, vermochten hier draußen nichts mehr zu erkennen. Einen Augenblick überlegte er, begann dann in den Regalen zu kramen, bis er fand was er suchte. Eine Rolle biegsamen Kabels und eine Reflektorlampe. Schnell war das Kabel an die Schalttafel angeschlossen, die Leuchte in seiner Hand flammte aus. So ausgerüstet, das Kabel von der Rolle ab und hinter sich herziehend, ging er aus die Suche. Wie ein langer leuchtender Balken huschte das Licht der Handlampe über den Hof hin und her. In dessen Schein sah er die Trümmer der meder- gebrochenen Maste, sah, daß die zentnerschweren Kondensatoren umgerissen und nach allen Seiten hin verstreut waren. Sah dazwischen nach der Wand des Mittelbaues hoch aufgeschichtet endlose Schneemassen. Gerade wollte er den Lichtkegel weitergleiten lassen, als er stockte. Etwas Dunkles, Unbestimmtes hatte er auf dem Schnee erblickt. Er schritt darauf zu, leuchtete es stärker an und stutzte. Nichts anderes konnte das Ding da sein, als die Pelzmütze von Dr. Schmidt, ein Kleidungsstuck, durch seine Form und Größe ebenso auffallend wie der ganze Doktor. Er stand und überlegte. Wie kam die Mütze hier ins Freie? Er hatte die beiden Gelehrten in ihrem Observatorium vermutet. Sollten sie aus irgendwelchen Gründen ins Freie gegangen und hier von der Katastrophe überrascht worden sein? Dann lagen sie am Ende in den Schneemassen an der Hauswand begraben, waren vielleicht schon langst erstickt oder erfroren. Erfroren? Ah, bah! Er schob den Gedanken von sich in der Erinnerung daran, wie warm ihn selbst der Schnee eingehüllt hatte. Erstickt?! Die Vorstellung beunruhigte ihn. Die Mütze ... die Mütze, ging es ihm fortwährend durch den Kopf, wo die Mütze liegt, kann Dr. Schmidt nicht weit ab sein. In ihrer nächsten Nähe begann er den Schnee fortzuschaufein; schnell, aber doch vorsichtig, damit er die Verunglückten nicht verletzte. Die Vorsicht war sehr am Platze. Kaum ein Dutzend Schauseln Schnee hatte er beiseite geschafft, als er auf etwas Hartes stieß. Vorsichtig grub er weiter, griff mit den Händen zu, faßte einen Pelz. Er zog und hob daran. Eine Schulter kam zum Vorschein, ein Arm, ein ganzer Mensch schließlich. Es war Dr Schmidt. Er zog ihn vollends aus dem Schnee, wollte ihn aufrichten. Aber der Doktor rückte und rührte sich nicht. Er packte den regungslosen Körper, schleppte ihn in das Maschinenbaus und legte ihn auf eine Werkbank. Er riß ihm den Pelz auf und begann den Körper zu kneten und zu reiben. Lange, bange Minuten verstrichen, da tat der Gerettete einen tiefen Atemzug und schaute sich um, stieß unzu- sammenhängende Worte hervor. Hagemann schüttelte und rüttelte lhn derweil mit allen Kräften weiter, bis Dr. Schmidt eine abwehrende Armbewegung machte. „Was ist denn, Hagemann? Sind Sie verrückt geworden, so mit mir umzugehen?" Der ließ von ihm ab und zog unter der Werkbank eine Flasche Kognak vor. , . , .. Trinken Herr Doktor! Ordentlich trinken!" Ohne sich um die Proteste des langen Schmidt zu kümmern, schob er ihm die Flasche zwischen die Zähne und gab nicht nach, bevor der eine gehörige Dosts geschluckt hatte. ~ „ ,,, , ... . Krächzend und hustend versuchte der Doktor, sich aufzurichten, und mit Hilfe des andern gelang es ihm. „Was in aller Welt ist los, Hagemann? Mit Ihnen ... mit .. Er sah sich erstaunt in dem Raum um. Erst jetzt bemerkte er die Zerstörung, wollte weiterstagen. Hagemann ließ ihn nicht zu Worte ,Wo ist Dr. Wille? War er mit Ihnen zusammen auf dem Hof? "Ja natürlich! Wir waren zusammen auf dem Hof, als etwas geschah ... was war es denn?" „Bleiben Sie ruhig hier liegen, Herr Doktor. Hagemann drückte ihm die Kognakflasche in die Hand und stürmte ins Freie. Die beiden haben sicher dicht zusammengestanden, wo der SietzenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger HANS DOMINIK • EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KO EH LER a AM ELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) Auf den Trümmern der deutschen Station. Ein Trümmerhaufen, vergraben unter Schneewehen, verloren in der dunklen, eisigen Polarnacht, war die Station, nachdem jene fürchterliche Sturmwelle über sie hinweggebraust war. Hatte die Katastrophe auch fünf Menschenleben ausgelöscht? Stöhnend griff Karl Hagemann im Dunkeln um sich. Langsam kam ihm das Bewußtsein wieder. Sein Kopf schmerzte, mit Mühe brachte er die Hände empor und ertastete an seiner Stirn eine Wunde. Dann spürte er, wie es ihm von hinten her feucht in den Nacken tropfte. Er evrsuchts, sich zu erheben und fühlte sich dabei durch irgend etwas gehemmt, das ihn vor allen Seiten umgab. Nach langem Mühen ... endlos schien ihm die Zeit ... gluckte es ihm, auf die Knie zu kommen, sich umzudrehen. Seine suchenden Hände faßten etwas Hartes, Eckiges, das sich warm anfühlte. Erinnerung kam ihm dabei zurück. Der elektrische Kochherd mußte das sein. Mit beiden Händen griff er nach der oberen Herdkante und zog sich mit Gewalt in die Höhe. Jetzt endlich stand er aufrecht, bis an die Schultern noch in pulvrigem Schnee, aber den Kopf hatte er frei, konnte endlich tief und kräftig atmen. Und nun erschaute er auch 'm unsicheren Sternenlicht etwas von den Verwüstungen, welche die Katastrophe angerichtet hatte. Das Dach und zwei Wände der Kuchenbaracke waren sortgerissen. Neben dem Herd stand er im Freien und steckte bis an den Hals in einer Schneewehe. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das unsichere LichL Er erkannte, daß die Schneewehe nach außen zu flacher mürbe. Mit den Armen rudernd, stampfend und schnaubend, arbeitete er sich von Der Herdwand fort ins Freie. Schon ging ihm der Schnee nur no^ bis zu den Knien, dann stand er auf nacktem Felsboden. Aber nun spurte e auch die Kälte, gegen die ihn der Schnee so lange geschützt hatte. Fühlte, wie die durchnäßten Stellen seiner Kleidung in dem grimmigen Frost sofort starr und steif wurden. Mit klappernden Zähnen eilte er zu dem Mittelbau des Statwns- hauses. Auch hier Verwüstung und Trümmer. Die Wände zum Teil eingedrückt und umgeriffen, dort, wo die Tür war, bis zum Dach tm Schnee vergraben. Durch ein Fenster gelangte er in das Innere, atmete auf, als er dem tödlichen Frost entronnen war, griff nach einem Lichtschalter ... vergeblich, fein Strom in der Leitung. Im Dunkeln taste e er?sichweiter 3Ur Kammer hin in der die Pelze lagen. Als er das schwere Varensell über die Schultern zog, fühlte er sich vor dem Schlimmsten geborgen. Erschöpft sieh er M 3" Baden sinken schloß minutenlang d.e Augen. Dunkelheit und tiefe Stille umgaben ihn h ( : rju- Doch nein ein pochendes, tackendes Geräusch drang an sein vH . War es der eigene Herzschlag, den er hörte? lauschte schaner^ d e Malcküne mußte es fein, der Dieselmotor, der trotz allem, was ge Wn unermüdttch weiter lief. Der Motor, das pochende Herz der Station, das Wärme, Licht und Leben gab. haben mußte Licht! Licht war das erste, das Notwendigste was erhaben^rnußte, ehe er nach den andern suchen, ihnen zu Hilse l ' . crrort bnnW raAmerr'unV^ "K^bis »um und'A^Wand sörtge?isstn. aber“« Motor g ^p^C^e^ne“ Flammchen. Es genügte >hm, um -^erkz g13 T n()d) unb un= 3'eher und Zange begann er.3U hant.eren g ! mi(, bie Arbeit K'äi fÄrÄ«»«»•“" "b «"• " s»-m d-, K..,- SÄ'X. u"> den mit Dr. leuchtete in den Raum. Es sah drinnen wild aus. Apparate, Möbelstücke, Reserveteile lagen wirr durcheinander in einer Ecke. Aber als Hagemann den grellen Lichtkegel darauf richtete, regte sich etwas dazwischen. Eine Stimme ließ sich vernehmen. Es war Rudi Wille, der sich als erster aus dem Chaos herausarbeitete. Er war unverletzt. Schon stand er auf den Füßen, begann Teile des Haufens beiseite zu zerren, und dann war auch Lorenzen frei. Er hatte ein paar tüchtige Beulen abbekommen, sein Schädel brummte, aber sonst war er heil und munter. Mit Hagemanns Unterstützung kamen die beiden zum Fenster hinaus und gingen mit zur Station zurück. Sie hatten Eile dorthin zu gelangen, denn sobald sie ins Freie kamen, spürten sie die Kälte empfindlich. eine kag, mutz auch der andere zu finden sein, schoß es ihm durch den Kops, während er schon wieder eifrig schaufelte. Doch diesmal bestätigte sich seine Vermutung mcht. Immer tiefer grub er sich in die Wehe hinein, ohne etwas zu finden. Verzweiflung wollte ihn überkommen, während er Schaufel um Schaufel des kormaen Schnees zur Seite schleuderte. Da hörte er eine Stimme hinter sich. „So kommen wir nicht zum Ziel, Hagemann. Wir müssen syste- , Der Schnee", murmelte Schmidt vor sich hin. „Der Schnee hat uns gerettet. Ohne den wären wir alle erfroren. Ein Gluck bei allem Unglück, daß der verteufelte Orkan uns alle in den Pulverschnee gepackt hat--- „Ich habe bannigen Hunger", sagte Lorenzen. Dr. Schmidt sah auf b,e ,Mann ich begreifen, Lorenzen, vor sechs Stunden hatten wir die Absicht zu Abend zu essen." „ „Da räumt ihr beiden mir mal erst den Schnee aus der Küche, wandte sich Hagemann an Rudi und Lorenzen. „Ich will inzwischen eine Notleitung ziehen und den Herd wieder anfchließen. Wie denkt ihr über Roastbeef mit Bratkartoffeln?" .... Qf, Die Aussicht auf etwas Derartiges gab den beiden Riesenkräfte. Als Haqemann die neue Leitung an den Herd schraubte, war die letzte Schneeflocke aus der Küche entfernt. Dann brannte auch hier elektrisches Licht. Dr. Schmidt kam dazu und begutachtete die Lage. „Wenn wir jetzt mit vereinten Kräften die beiden Wände wieder aufrichten könnten, und wenn es uns gelänge, auch noch das Dach wieder darauf zu legen, so könnte es hier ganz erträglich werden." Für drei kräftige Männer, denen die Not im Nacken faß, war die Aufgabe nicht unlösbar. Alle Teile der Stationsgebäude, Wände und Decken bestanden aus Holzfachwerk mit vielfacher Asbest- und Luft- ifolierung. Nach einem neuen Verfahren hergestellt, gewährten sie einen vorzüglichen Schutz vor der Kälte, und waren ttotzdem verhältnismäßig *eiCUnter dem Kommando Schmidts machten die drei sich an die Arbeit. Sie mußten sich in Sturm und Kälte ein Gerüst bauen, mußten alle vier im Schweiße ihres Angesichtes heben und würgen, bis es nach stundenlanger Arbeit endlich gelang, und die Oberkanten der Wände richtig in die Randnuten des Daches sprangen. „Üff! Das wäre geschafft!", sagt« Hagemann und warf seinen Pelz ab. Sowie der Küchenraum wieder geschlossen war, begann der elektrische Herd als Ofen zu wirken und verbreitete eine behagliche Wärme. „So, jetzt wird weiter gebraten", fuhr er fort und befaßte sich mit dem Roastbeef, desien Werdegang durch die Sturmkatastrophe so jäh unterbrochen wurde. Dr. Schmidt winkte Rudi. „ „Kommen Sie, Rudi! Wir wollen Ihren Vater holen. Es ist Zeit, daß er ins Warme kommt." Er hatte damit nicht unrecht. Wohl hatten sie Dr. Wille in dem offenen Maschinenraum mit allen erreichbaren Pelzen und Kleidungs- stücken zugedeckt, aber eine Kälte von 40 Grad dringt schließlich durch die stärksten Hüllen. . Nun waren sie zu fünft in der kleinen Küche. Es war reichlich eng, aber sie hatten wenigstens Wärme, Licht und Nahrung und waren für den Augenblick gerettet. Das Roastbeef, das Hagemann ihnen vorsetzte, war allen Lobes wert. Die Kartoffeln aber waren so süß, daß keiner eine rechte Freude daran hatte. , „Kein Wunder", bemerkte Dr. Schmidt, „die haben stundenlang in der Kälte gelegen, sind steinhart gefroren gewesen." Hagemann fuhr auf: „Unser Vorratsraum, verfluchte Geschichte, wenn die zwanzig Zentner Kartoffeln da auch gefroren sind." Schmidt zuckte gleichmütig die Achseln. „Das wird wohl so sein, Hagemann. Schadet auch nichts. Die Vitamine, auf die es uns ankommt, zerstört der Frost nicht. Daß er Stärkemehl in Zucker verwandelt ... da, dann werden wir eben für die nächste Zeit süße Kartoffeln essen müssen."-- „ , Die gute Mahlzeit, die Wärme, das Gefühl vorläufigen Geborgenseins ... alles zusammen ließ jetzt Müdigkeit auskommen. Ein langer Schlaf gab den Ermatteten neue Kraft und frischen Lebensmut. Mit vereinten Kräften gelang es danach auch, den Maschinenschuppen wieder instandzusetzen. So hatten sie wenigstens zwei Räume, in denen sie vorläufig leben konnten. Hoffnungslos aber war der Zustand des eigentlichen großen Sta- tionshaufes. Hier hatte die Explosionswelle derart gewütet, daß eine Wiederherstellung, ein Wohnlichmachen dieser Räume bei ihren geringen Hilfsmitteln ausgeschlossen war. Nur mit Mühe und nicht ohne Gefahr gelang es Hagemann, einige Kleidungsstücke und andere unentbehrliche Dinge aus dem Trümmerhaufen herauszuholen. Ganz trostlos stand es schließlich um die Funkstation. Was dort an Apparaten vorhanden gewesen, war bei der Katastrophe restlos zu Bruch gegangen. In scherzhaftem Uebermut hatte Rudi vorher geplant, aus den zahlreich vorhandenen Reserveteilen neue Sender und Empfänger zu bauen. Jetzt war die schnelle Ausführung dieses Planes eine bittere Notwendigkeit geworden. Das Schicksal der Station, ihr Leben würde davon abhängen, ob es ihnen gelänge, neue Geräte zu schaffen und mit der Welt in Verbindung zu treten. * In Begleitung von Oberingenieur Vollmer ging Profesior Eggerth Über den Werkhof auf die Stelle zu, wo ,6t 8' startbereit lag. Er wollte sich von der Besatzung des Sttatosphärenschifses verabschieden und seinem Sohn noch besondere Mitteilungen für Dr. Wille mitgeben. Eben betrat er die leichte Aluminiumtteppe, die noch an den Schiffsrumpf angelehnt stand, als ein Mann über den Hof gelaufen kam. Schon von weitem rief er und schwenkte ein Blatt Papier in der Hand. Es schien eine wichtige Nachricht zu sein. Professor Eggerth drehte sich um und erkannte den zweiten Werk- fünfer. Vom schnellen Laufen außer Atem, kam er heran. „Wir haben eben Verbindung mit der Südpolstation bekommen." Der Professor griff nach dem Blatt und warf einen Blick darauf. Neugierig, was es da plötzlich gab, war Hein Eggerth in die Schiffstür ; getreten. „ t l „Noch nicht starten! Wille funkt!" rief ihm fein Vater zu und machte sich auf den Weg zur Funkstation des Werkes. „Start verschoben! Wille funkt!" gab Hein den Ruf in das Schiff weiter und lief dem Alten nach. — „Was gibt's, Lohmüller?" fragte Professor Eggerth, als er in die Station trat. Der Funker, die Kopfhörer aufgestülpt, faß am Empfänger Es roar9 Dr. Schmidt, dem der ungewohnte Kognak überraschend schnell auf die Beine geholfen hatte. Jetzt stand er nebet Hagemann mit einem langen Besenstiel in der Rechten. „Wir müssen sondieren, Hagemann. So macht man das immer, wenn Leute in eine Lawine geraten sind." m . Während er es sagte, watete der lange Dr. Schmidt in der Wehe herum und stieß den Besenstiel in kurzen Abständen vorsichtig in die Schneemassen hinein. , , . , s . Hagemann hielt mit seiner Schauselei inne und wischte sich Schweiß von der Stirn. Trotz der ernsten Lage konnte er kaum ein Lachen unterdrücken. Wie der Storch im Salat, dachte er, als er den langen Doktor methodisch in der Schneewehe herumstampfen und dem Besenstiel hantieren sah. , „Hier Hagemann, hier liegt was unter dem Schnee! rief Schmidt. Hagemann eilte zu ihm, die Schaufel trat wieder m Tätigkeit. Und dann fanden sie auch Dr. Wille und trugen ihn zusammen m den Maschinenschuppen. Er hatte Kontusionen daoongetragen und stöhnte schwer, als Hagemann es verfuchte, ihn durch Reiben und Massieren aus der Ohnmacht zu erwecken. , „Vorsichtig, Sie Gewaltmensch! Vorsichtig! unterbrach Schmidt die Tätigkeit Hagemanns. „Es könnte was gebrochen sein.' Der Doktor griff selbst mit zu, und nach vielen Mühen schlug Dr Wille unter den Händen der beiden endlich die Augen auf. Doch es bedurfte längere Zett, bis er wieder vollständig zu sich kam. Der Unfall hatte ihn viel schwerer mitgenommen als feinen Assistenten, und die Verletzungen an der rechten Schulter schienen nicht unbedenklich zu fein. Hagemann griff auch hier zu feinem Unwersalmittel und flößte dem Verletzten eine tüchtige Portion Kognak ein. Während er noch damit beschäftigt war, schien sich Dr. Schmidt mit einem Rechenexempel zu befassen. Jetzt kam er damit heraus. „Wir waren fünf. Wo sind die andern zwei? „Die beiden andern, Herr Doktor? Lorenzen und Rudi! Die waren ja in der Funkerbude. Ich will gleich Nachsehen." Er lief wieder ins Freie hinaus, Dr. Schmidt folgte ihm. Mit der Reflektorlampe leuchteten sie die Gegend ab. Eine Lücke dort, wo vorher noch der Funkraum stand. Hagemann griff sich an den Kopf. „Verflucht und dreimal zugenäht! die ganze Bude ist weggeflogen. Weiß der Teufel, wohin. Schöne Geschichte das." Schmidt unterbrach ihn. „Allzuweit wird der Sturm sie nicht mitgenommen haben. Wir muffen sie suchen. Vorwärts! Los, Hagemann!" Das war leichter gesagt als getan. Das Kabel der Reflektorlampe reichte eben nur bis zu der Stelle hin, wo die Funkerbude gestanden hatte. Darüber hinaus muhten sie im Dunkeln weitertappen. Nur allmählich gewöhnten sich ihre Augen an das unsichere Sternenlicht, und bann entdeckten sie einige 60 Meter hinter dem Stationshaus einen Schneehügel, in dem die vermißte Bude möglicherweise stecken mochte. Aus der weißen Masse ragte das Ende eines abgebrochenen Balkens hervor, von dem Hagemann mit Bestimmtheit behauptete, daß er zur Funkerbude gehöre. Dr. Schmidt überprüfte die Lage mit der Sachlichkeit eines Gelehrten. ... „Ser Sturm hat die Funkerbude 60 Meter mit durch die Lust ge- riffen und gegen den Felsen geschleudert", begann er dann zu dozieren, als ob er in Deutschland auf seinem Katheder stünde. „Die Bude hätte zertrümmert, unsere beiden Jungen hätten zerschmettert werden muffen, wenn nicht ... ja sehen Sie, Hagemann, das ist das Gute dabei, daß Pulverschnee bester fliegt als die schwere Funkerbude." Hagemann sah ihn verständnislos an. Er begriff nicht, wo der Doktor mit feinen Erklärungen hinauswollte. Der fuhr unentwegt fort: „Erst mal hat der Sturmstoß hier eine dicke Schneewehe hingeblafen. Dann erst tarn die Funkerbude angefegelt, und weil sie in den weichen Schnee fiel, kann der Anprall nicht fo schlimm gewesen fein. Passen Sie auf, wir finden die beiden gefunb unb munter vor." Unwillkürlich ergriff Hagemann Dr. Schmidts Rechte und drückte sie: ,Wenn Sie recht hätten, Herr Schmidt. Wenn wir die Jungens lebendig herausholten ...", er hatte bereits die Schaufel in der Hand und begann mit aller Macht zu graben. „Ich werde Ihnen helfen", sagte Schmidt unb ging, um sich auch eine Schaufel zu holen. Schon hatten sie um das Pfahlstück herum eine mannshohe Schneeschicht weggeräumt, da stießen sie auf Holzwerk und sahen, was eigentlich geschehen war. Die Bude hatte sich während ihrer unfreiwilligen Luftfahrt vollkommen überschlagen und steckte mit der Decke nach unten im Schnee. „Dumme Geschichte, wenn die Beiden dabei die schweren Apparate auf den Kopf gekriegt haben", brummte Schmidt. Hagemann grub schon an der einen Seitenwand weiter. Dann zerklirrte eine Fensterscheibe unter dem Stoß seiner Schaufel. Er brachte eine Lampe heran und und schrieb im Eiltempo mit, was aus der Antarktis gesendet wurde. Ohne aufzusehen, schob er dem Professor mehrere engbeschriebene Blätter zu. Lier nahm und las. Die ganze lange Geschichte des Elends, das die Statwn betroffen hatte. Der unerklärliche Ausbruch eines plötzlichen fürchterlichen Orkanes. Die Verheerungen, die das entfesselte Element an- Schicksale der fünf Expeditionsteilnehmer. Wie sie seit Wochen tm Maschinenraum und der kleinen Küche Hausen mutzten Wie es ihnen nach vielen Fehlschlägen endlich gelang, neue Funkgeräte zu bauen und an notdürftig geflickten Masten eine Notantenne hoch zu bringen. w alVrr?‘LIe^-3rl.c Ia5' ihm der Funker schon wieder ein neues Blatt hin. Die dringende Bitte um Hilfe. Der Betriebsstoff für das Maschinenaggregat reichte nur noch für drei Tage.__ Die Narbt über herrschte reges Leben aus dem Hose. Aus allen Abteilungen des Werkes wurden Hilfskräfte herangezogen. Manches von dem, was im Rumpf von «St 8 verstaut war, mußte wieder ausaeladen werden Andere Dinge, die vielfach erst mit Kraftwagen aus benachbarten Städten herbeigeschafft wurden, kamen dafür hinein. Fast ununterbrochen stand die Funkstation des Werkes mit der antarktischen Station in Verbindung. Neue Hoffnung regte sich wieder in den Herzen von fünf Menschen, bie am Verzweifeln waren.-- Um die fünfte Morgenstunde begannen die Motoren von ,<5t 8' M arbeiten. Das Schiff erhob sich in die Stratosphäre und stürmte auf fünfzehn Grad östlicher Länge nach Süden. Es blieb nicht das einzige seiner Art, das an diesem Tage das Werk verließ. Wenige Stunden später folgten ihm ,6t 9' und ,StlO' auf dem gleichen Kurs, ,6t 9' haste zwanzig Werkleute und reichliches Ersatzmaterial an Bord. In ,6t 10' flog Professor Eggerih selber mit. Dr. Schmidt stand mit Hagemann auf dem Hof. und spähte in den dämmernden Himmel nach Norden. „Von da müssen sie kommen, Hagemann." Hagemann folgte der weisenden Hand des Doktors mit unruhigem Blick. „Hoffentlich recht bald, Herr Doktor. Ich will meinem Schöpfer danken, wenn sie erst hier sind." (Fortsetzung folgt.) Der Reiter. Von Karl Burkert, GDS. Das begab sich voreinst im flandrischen Land, einen Reiter gruben wir in den Sand. Der Reiter zog mit dem Kaiser zu Feld, eine Kugel riß ihn geschwind aus der Welt. Den Tod mußt er leiden. Und oft seither, bei Tag wie bei Nacht, ich hab an diesen Reiter gedacht. Er war doch so ein junges Blut! Nun schläft er lang, nun ruht er gut — dort auf der Heiden. An einem Tag in des Jahres Lauf, am Totentag steht mein Reiter auf. Er horcht. Das war der Trompete Ton! Er sucht, er findet seine Schwadron. Und sie reiten! %oi>. Ein Psalm von Wolfgang Brügge, GDS. Da ich von dir sprechen will, ist alles Leben jäh erloschen, Wünsche, Begierden und Träume jäh vergangen, ist alles Tägliche klein, so winzig klein — Da ich dich denke, Tod, erhebt sich mein Geist in höchste, jetzte Ein- }amkeiten — weit ins Raumlose, wo du wohnst, Unfaßbarer, ewige Ma- estät. Da ich dich denke, schwindet der Staub dieser Erde, der Lärm meiner Tage, löst sich von den Fittichen meines Geistes die Fessel des Irdischen — schwinden die Lächerlichkeiten und Bitterkeiten, Rot und Lachen und Tränen. Alles verklingt, alles versiegt — , Umwallt von der sammetnen schweren Kühle deiner Nahe blicke ich in idein unergründliches Auge, Tod, Erhabenster. Du, der du wahrhaft über allen Dingen und Geschicken bist, — letztes, größtes Geschick Du, besten Macht unendlicher ist als alle Macht des Lebens. Du, besten absolute Majestät unbestritten, unangreifbar tief tm Unendlichen, in ungeheurem Dunkel leuchtet — Du, vor dessen Thron wahrhaft alle höchsten Menschengesetze aller stärkster Menschenwille in Nichts zerfließen, vor dessen Thron Gluck und Unglück, alle und alles, sich in einem Geschick finden — . ___ Unersorschlicher, Mächtiger, dessen Hand alle Wirren des einzelnen löst — Größer denn alles Leben auf Erden bist du — Tod — nachtdunkel ragendes Tor in lichteste Ewigkeit. Der Ewigkeitsgläubige und Ungläubige — sie suchen und sehnen dich einmal doch, tiefste, letzte Ruh — Denn mag das Leben jenseits uns nicht sichtbar sein: wii-sehen dichi — "nb mir atmen dir entgegen und sind manchmal, einmal doch vollt eftter Sehnsucht, in großer Ermattung einmal doch in tteffter Dein-Ertmirtung Unendlicher' - stärker und tiefer und gewaltiger als bas des Lebens, der Geburt, bist du, Geheimnis des Todes bleibt doch dir das nimmer zu erdenkende Geheimnis der Aufe-stehung. Dessen Hand über alle Welt, über diese Erde bis in bie genngiten Winkel reicht, auf besten Willen blühendes Leben jäh zerbricht — in jeder Stunde wird dir tausendfach auf biefem Stern geopfert, boch bein 6chatten, reich ist ohne Ende, ohne Grenzen — Schrecknis aller Unfertigen unb Kleinmütigen, die nur des Lebens Oberfläche gesehen und gelebt haben und die von seinen tiefsten Tiefen keine Kunde, kein Wissen in sich tragen, durch bas sie sich befreien könnten von der Angst vor dir, nächtliche, ewig schweigende Gewalt. Und so rufen sie in dich hinein, jammernd, brüllend, bettelnd und flehend — unb ihre Herzen unb Gesichter verzerrt ein Krampf entfetzlicher Furcht, ba kein Echo kommt aus dir. Sehnsucht großer Geister, Freund wahrer Menschen, Erlösung der Mühseligen und Beladenen — Ende eines Lebens und Anfang des Lebens — Todl Reinholds Ende. Von Paul Alverdes. Der Dichter Paul Alverdes hat das leuchtende Heldentum und bas Sterben ber beutfchen Jugend im Kriege ergreifend gestaltet in dem Novellenband „Reinhold oder die Verwandelten". (Albert Langen/Georg Mueller Verlag, München; in Leinen gebunden 4.— RM.) Mit freundlicher Erlaubnis des Verlages bringen wir daraus nachstehenden Ausschnitt zum Abdruck. ... Gegen Mittag zuckte Reinhold eine Kugel durch die linke Brust. Es war, als schwinge ein Unsichtbarer eine eiserne Stange gegen ihn und schmettere ihn zu Boden. Er sprang jedoch gleich wieder auf, und nun zeigte sich, baß die Kugel, von der Seite heranfliegend, über dem Brustbein eingedrungen, und unter dem Muskelfleisch über die Rippen fahrend, auf der linken Seite wieder herausgegangen war. „Nicht einmal die Lunge kaputt", frohlockte Stubbe, als Reinhold in feinem Unterstand saß, und verband ihn sorgfältig unb kunstgerecht. „So", sagte er abschließend, und knöpfte ihm den Rock wieder zu, „jetzt gehst du nach Haufe, unb wenn ich dir etwas sagen soll, bann kommst bu nie wieder hierher, denn hier ist es boch nichts für dich." Auch Korripes, ber hinzutrat, zeigte sich erfreut. „Na, Reinhold", sagte er neidlos, „nun hast bu es ja überstanden." Es war das erstemal, baß er ihn mit seinem Vornamen anrebete. „Wir machen es hier ja auch nicht mehr lange", fuhr er fort, „benn sie haben uns erkannt und schießen uns, einen nach dem andern, weg". Im Begriffe, wieder an sein Geschütz zurückzukehren, blieb er aber noch einmal unter der Tür stehen. „Du könntest mir vielleicht —", sagte er verlegen. „Du könntest mir vielleicht das schöne Messer hinterlassen; bu brauchst es ja wohl doch nicht mehr." Gern gab ihm Reinhold bas Messer, unb Kampes zog es sogleich aus bem Leber unb prüfte bie Schneide mit dem Daumen. Die Klinge hatte nun doch etwas unter dem Rost gelitten, sie sah aus wie ber Leib einer Forelle, silbern, mit roten Tupfen bestreut. Nicht lange danach, ba ein Befehl durchgegeben war, daß alle Leichtverwundeten sich nach Möglichkeit selbständig zurückzubegeben hätten, machte sich Reinhold auf den Weg. Ein Gegenangriff ber Infanterie hatte ben Feinb roieber ein Stück zurückgebrängt, unb bas Feuer schwieg für eine Weile. Es wirbelte von Gebanken burch Reinholds Kopf, allein er vermochte deren keinen feftzuhalten. Er wollte der Toten gedenken, aber zu feiner Verwunderung trauerte er nicht, als lebten sie ja noch, oder als habe er sie doch nicht verloren. Dann wieder blitzte eine ferne Zukunft durch fein Herz, doch wagte er es noch nicht, an sie zu glauben. Zuweilen lachte er vor sich hin und beschleunigte seine Schritte. Die Wunde schmerzte längst nicht mehr. Als er in die Mulde mit den Apfelbäumen kam, traf er auf ein Rudel verwundeter Infanteristen. Sie saßen und lagen hei der kleinen Kapelle am Weg unb warnten ihn, jetzt schon den weiteren Weg über bie Höhe zu versuchen, weil auf deren jenseitigem Hang ein heftiges Sperrfeuer liege. Da beschloß auch Reinhold, hier zu warten und auszuruhen, benn nun kam eine tiefe Müdigkeit über ihn, unb er schlief ein. Als er aufwachte, war er allein. Es ging schon auf die Nacht zu, aber es war noch eine gläserne Helle in der Luft. Er fror ein wenig. Langsam begann er sich auf alles zu besinnen, was gewesen war, aber er fand seine Freude nicht wieder. Er öffnete den Waffenrock und betastete feine Brust. Die Verbände waren troffen, und die Wunden taten ihm nicht weh. Er atmete tief, er wiegte sich in den Knien und schwang die Arme. Als er bann seinen Entschluß erkannte, erschrak er zuerst. Ader es wurde immer klarer in ihm. Unter den Apfelbäumen wandelte er auf und ab, den kleinen, weißen Sandsack in der Hand, der seine Habseligkeiten enthielt. Es war sein Waschzeug darin, das ihm inzwischen nachgeschickt worden war, ferner das Tagebuch mit den Fahnen darauf, in welches er niemals geschrieben hatte, und eine kleine in Leder gebundene Ausgabe der Tragödie „Faust" von Goethe, welche viele der Freiwilligen damals unter ihrem Gepäck mit sich führten, obwohl sie niemals Zeit hatten, darin zu lesen. Er wandelte auf und ab und fühlte die Augen des Vaterlandes auf sich gerichtet, welches alles sah. Rach einer Weile hörte er ein Fahrzeug heranrasseln. Es war die Feldküche einer benachbarten Batterie. Er trat auf die Straße heraus und winkte. „Nehmt mich ein Stück mit", sagte er zu den Fahrern. — „Wir fahren nach vorn", erwiderten sie. — „Eben darum", sagte Reinhold und stellte sich auf den Tritt am Kesselwagen. „Bist bu von der vierten Batterie?", rief der eine der beiden nach rückwärts, „ba soll es aber böse aussehen." Dor dem Dorf hielt das Gefährt plötzlich, und die beiden Fahrer verneigten sich tief auf ihrem Bock. „Kopf weg!", riefen sie, denn sie hörten Kugeln über sich dahinstreichen. Reinhold sprang ab, aber er sprang wohl ungeschickt, denn ein reißender Schmerz fuhr ihm durch die Bruft, der ihm den Atem verschlug. Fast war ihm, als sei er abermals getroffen, und er muhte eine Weile auf den Knien, an einen Baum gelehnt, verharren, den einen Arm um den Stamm geschlungen, und das Gesicht an die Rind« gepreßt, wie er hingetaumelt war. In einer halben Benommen- Er Tag der Toten. Von Gertrud A u l i ch. Die Welt ist wie ein Traum vom Leid. Die Zeit steht still, wohl eines Herzschlags Länge. Das Leben zahlt durch kleine Opfergänge An seinen Tod in Ewigkeit. Die Toten auferstehn in unfern Sein, Die noch Vertrauten und die längst Entschwebten, Die unerlöst in unferm Blute lebten Mit aller Daseinslust und Sterbenspein. Und wir erleben Vater, Bruder, Kind Und ihres Seins letzte Metamorphose, Und ahnen, daß das Unbegriffne, Namenlose Nur andre Zeichen für das Leben find. Wir fürchten nicht mehr jenes Andersfein Mit Einsamkeit und Grabesfinsternissen,, Weil wir mit unferm tiefsten Glauben wissen: Das Leben liebt uns, läßt uns nicht allein. Der Tag ist weh; von Gräbern wehn Noch Totenklagen und Gesänge ... Doch über eines Traumes Länge Erblüht das Lied vom Auserstehn l ^.Hamburger!", schrie Kompes und rannte auf Remholb zu, „Hamburger, komm heraus, wir kriegen Besuch!" Er legte Reinhokd den Arm um die Schulter und ließ ihn sanft zu Boden gleiten. „Was 'st mit dir, Reinhold", fragt er, „ist es dir nicht gut? Hast du noch etwas abgetnegt? Tadellos ^mch^gri°om'mem tadellos", sagte Reinhold. Es wurde ihm plötzlich heiß im Hals und im Mund, und er mußte husten und ver- ^“sanitäter!", schrie Kompes, „Stubbe, her da!" Der Hamburger war binzugetreten und klopfte Reinhold auf die Schulterblätter, well ihm nichts anderes einfiel. „Kollege", sagte er mit bedrückter Stimme und neigte sich tkf vor Reinholds Gesicht, „hör mal zu, Kollege, du kannst ,a noch Horen, ja? Also nichts für ungut wegen heute früh. Das war nur so. Ver- *t£1,W tnot auch Stubbe da und wollte ihm den Rock aufknöpfen, und auch Engels trat hinzu, an feinem weißen Spitzbart zu erkennen, und Unteroffizier Bette und alle die anderen. Nein, alle waren es nicht, langst nicht alle, es war ein lichter Kreis, der da um ihn stand. Engels beugte sich jetzt vor. „Aber was willst du denn noch hier? , sagte er fast streng, „gehörst du denn noch hierher?" Reinhold schwieg und sah sich im Kreise um. Dann nickte er heftig mit bem Kops. Darauf wandte er sich ab und hob die Hände vor den Mund. Stubbe ließ ihn in das Gras gleiten. „Gleich, gleich", sagte er leise zu den anderen und winkte sie fort. „Ruhig, ruhig, immer ruhig, Kamerad , sagte er nach seiner Weife zu Reinhold und legte ihm die Hand auf die Schulter. Aber Reinhold war es schon geworden. fceit hörte er noch wie die Gäule mit der Feldküche durchgingen, und wie ?ch ^s stoßende Klirren und Rumpeln der Wagen in der Ferne verlor Nack einer Weile aber kehrte ihm der volle Atem zurück, und er erhob sich, seinen Weg fortzusetzen, doch verbot er sich, nach den Verbanden zu ^*@5 dunkelte schon, als er unter den Kastanien hervortrat sah hinüber, wo die Lauben standen, aber er sah sie mcht mehr, nur die Geschütze waren noch zu sehen, die kantigen Rahmen der Schutz- schilde standen schwarz gegen den grünlichen Himmel, m welchen die ersten Leuchtkugeln stiegen. Es roch nach Brand. Auf dem Bohnenfeld lag es wie flache Heuhaufen, hier und da. Es waren gefallene, wie Reinhold nun wußte, aber er vermochte ihrer keinen zu erkennen. Aus den Unter ständen drang ein schwacher Lichtstrahl nach rückwärts. Der letzt Dorbettam, ^^„Kompes^'fagte" Reinhold und blieb stehen, "denn er wurde plötzlich Oer Bruder des Schlafes. Vom Bildnis des Todes in der Geschichte. Von Dr. Jürgen Schäfer. Der letzte Sonntag des Kirchenjahres, der den immer gleichen, weihevollen Kreislauf der hohen Feiertage der Christenheit beschließt, ist dem Gedächtnis der Toten gewidmet. Ehe die frohe Botschaft des Advents erklingt und einen neuen Anbeginn in Christi Geburt verkündet, verweilen die Gedanken in Trauer bei den Abgeschiedenen und beugen sich ehrfurchtsvoll vor der stillen Majestät des Todes. Schon dies königliche Prädikat, das dem Tod gewährt wird, weist daraufhin, daß man der dunklen und notwendigen Gewalt, die unser Leben auslöscht, gleichsam selbst eine, wenn auch erhöhte und übermächtige irdische Gestalt gibt. Zwischen das diesseitige Leben und das unergründliche Jenseits fällt so des Todes körperlicher Schatten, und in vielfältigen Formen wandelt er durch die Menfchengefchichte, sich in Seele und Geist der verschiedenen Völker und Zeiten geheimnisvoll spiegelnd. Während sie aber eine Geschichte des Lebens ist und von den Taten der Lebendigen erzählt, ist die Geschichte seines Gestaltwandels, die sich im unveränderlichen Rhythmus vollzieht, doch nur äußerliches Bild eines Ewiggleichen, des Todes. Seine Herrschaft leitet sich aus einem höheren Gesetz ab. und wenn seine Gewaki auch In die irdische Welt hineinragt, so hak sie ihren Ursprung doch im Göttlichen, das diese Welt mit ihrem „Stirb und Werde" geschossen hat. Dennoch ist es kein müßiges Beginnen lenen Vorstellungen nachzugehen, die dem unsichtbaren Tod eine sichtbare Gestalt und irdische Attribute gegeben haben, und seine Bildnisse zu betrach- ten, in denen sich die Phantasie des Menschen seines unerbittlichsten Feindes und zugleich gnädigen Freundes bemächtigte. Den „Sohn der Nacht" und den „Bruder des Schlafes" nannten die Griechen den Tod und stellten ihn als einen Jüngling und als einen Genius mit gesenkter Fackel bar. Das Abbild der Seele, em Schmetterling, wurde zuweilen diesen Gestalten beigegeben, auf deren Antlitz Trauer aber auch sanfter Friede lag. Ebenso wurde der Tod als ernster Mann dargestelll, der den Menschen gütig die Hand retdjt, um fie auf ihrem letzten Weg zu geleiten und ihnen freundlich zur Seite zu stehen. Al Lessing in seiner 1769 herausgebrachten berühmten Abhandlung Wie die Alten den Tod gebildet" diese freundlichen Gestalten dem --wilden Knochenmann" des Mittelalters entgegenstellte, erweckte er eine Anschauung wieder, die völlig aus unserer Vorstellungswelt verschwunden war und mit der die Verklärung des Todes irn klasstschen Zeitalter der deutschen Dichtung eingeleitet wurde. Dennoch finden sich m der. Anttke neben diesen versöhnlichen Darstellungen des Todes auch bereits Gestalten in denen die Grausamkeit und das Schreckliche fernes Waltens verkörpert war. Als finsterer Opfervriester, der in ein schwarzes Gewand gehüllt war, waltete der Tod hier seines unerbittlichen Amtes und schnitt dem Sterbenden das Haar ab, als Zeichen, daß er den Gottern der Unterwelt geweiht sei. Auch in den Dichtungen der Romer ist Mors eine blosse, bleiche Gestalt von übermenschlicher Große, deren dusterer Schot- ten ganze Städte und weite Schlachtfelder überschattet und mit Schwert UIXign ber altchristlichen unb frühmittelalterlichen Kunst ist nur selten ein« Verkörperung bes Todes zu finden. Erst im 11. Jahrhundert treten solche Darstellungen zunächst in der Buchmalerei auf. ®ie in bem berühmten Wanbgemälbe „Der Triumph bes Tobes aus ber Mitte bes 14- J°hr- hunbert, sinb es häßliche Greise ober häßliche Frauen, bie ben Tod ver- anschaulichen. Dann aber setzt sich die Darstellung eines der apokalyptischen Reiter als des Todes durch, und aus der Offenbarung des Johan nes werden die gewaltigen Verkörperungen der Todesmacht übernommen. Hoch auf den Wolken thront der Sterbeengel, eine Krone auf bem Haupt unb in ber Hanb eine Sichel, bie alle Sterblichen mebermahen soll, wenn bie Zeit ber Ernte herangekommen ist; unb ber apokalyptische Reiter auf fahlem Pferb mit bem bloßen Schwert kehrt immer roteber. Auch ber Tob aus bem norbischen Mythos hat ein Pferb als Begleiter, aber er reitet nicht selbst auf ihm, fonbern er fetzt bie Seelen auf ben Rücken bes Pferbes unb geleitet sie, bas Tier am Zugel fuhrenb, ins "Bon ber Wenbe bes 14. zum 15. Jahrhunberi an finden wir den Tod immer häufiger als halbverwesten Leichnam ober als Skelett dargestellt, unb aus bem Anfang bes 16. Jahrhunberts stammen bie graphischen Zeichnungen bes Tobes, von benen bie berühmteste „Der reitende Tov von Albrecht Dürer ist, bie ben Tob als Skelett mit Krone unb Sense auf einer alten Mähre reitenb, zeigt. Nun sehen wir ben Tod in vielen Berufen unb bei ben verfchiebensten Beschäftigungen, wie sie bas Alltagsleben bes Volkes ausfüllen. Der Tob tritt als Fischer auf, ber feine Netze ausfpannt, um bie ahnungslosen Menschen wie Fische bann emzu- fanqen; auch wirft er bie Angel nach ihnen aus unb lockt sie mit einem Köber. Als Jäger legt er ben Menschen seine Schlingen und als Holzhauer fällt er mit wuchtigem Axthieb die Bäume an den Wurzeln. In der Gestalt eines Ackermannes jätet er den Garten und düngt das Lanv mit dem Blut und dem Leichnam der Abgeschiedenen. Seine Hauptattribute aber sind das Stundenglas, durch das des Menschen Leben als leichter Sand rinnt, und Sichel und Sense, mit denen er als Mader über bie Wiese geht, um bie Blumen zu schneiden. Im Spiel vom Gevatter Tod heißt es: , . „Ich bin ein Schnitter, heiß der Tod, Ich bin gesandt vom höchsten Gott, Heut wetz ich das Messer, Es schneid schon viel besser, Bald werd ich drein schneiden, Du mußt es erleiden, Feins Blümelein." Auch als Spielmann und Tänzer tritt der Tod auf. Fiedelnd schreitet er seinen Opfern voran, die von der Melodie seines Liedes angewgen werden und zitternd und furchtsam den Fuß zum Reigen heben. Menschen verschiedenen Geschlechtes, Alters, Standes und Berufes werden f» aus bem tätigen Leben abgerufen, unb ihr Tanz versinnbilblicht bie Vergänglichkeit alles Lebens und bie gleichmachende Unerbittlichkeit des Todes Auch auf dem Schlachtfeld schwingt der Tod seine Fahne, die den Totenkops und die gekreuzten Knochen als Wappen zeigt, unb er zieht siegreich ber unabsehbaren Schar der Krieger voran, die sich gegen jeden irdischen Feind trotzig behaupten, ihm aber sich still ergeben haben. In all diesen Gestaltungen verbinden sich alte deutsche Ueberlicferimgen mit christlichen Vorstellungen zu zwingender Einheit und schaffen Symbole von großer Eindringlichkeit. Das schlichteste und tiefste Werk, das die Allmacht des Todes vereint mit der teuflichen Urgewalt und der furchtlosen Lebenskraft des Menschen veranschaulicht, ist Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel". Die Schrecken des Todes find in allen diesen Darstellungen nicht verborgen, und doch haftet seinem Tun, in welcher Gestalt er auch immer auftritt zugleich etwas Erhabenes, ja Begütigendes, und Lebensbeiahsn- des an Er, der „nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen" erscheint, führt den Menschen in seinem großen Triumvywg einem allumiassenden Sein tu, dessen geheimnisvoller Glanz alle Gestattungen des Todes in der Menschenqeschichte umweht, „Der Tod ill verschlungen in den Sieg, Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerf itäts.Buch, unb Steindruckerei. A. Lana«. Gießen-