SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1954 Montag, den 25. Juli Nummer 56 Einen Sommer lang. Von Detlev von Liliencron. Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang; Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang. Wenn wir uns von ferne sehen, Zögert sie den Schritt, Rupft ein Hälmchen sich im Gehen, Nimmt ein Blättchen mit. Hat mit Aehren sich das Mieder Unschuldig geschmückt. Sich den Hut verlegen nieder In die Stirn gerückt. Finster kommt sie langsam näher, Färbt sich rot wie Mohn; Doch ich bin ein feiner Späher, Kenn die Schelmin schon. Roch ein Blick in Weg und Weite, Ruhig liegt die Welt, Und es hat an ihre Seite Mich der Sturm gesellt. Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang; Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang. Es wallt das Korn weit in die Runde ... Von Otto Karstädt. Dies Getreidemeer mit seinem rätselhaften Grunde und seinem Körnernicken und mit der Verheißung neuen Brotes ist die Geschichte der Menschheit selbst. Korngeistersagen und Kinderfabulieren umranken diesen Nährbronnen der Zeiträume und Geschlechter von Ewigkeit her mit dichtem Gespinst. Das Auserstehen der Saat, das Keimen, das Wachsen das Wallen des Getreides und das Reifen in jedem Jahre ließ unsere Ahnen in Ehrfurcht vor dem Wunder der Scholle stehen und führte zu kultischer Verehrung des Feldersegens. In den Warnungsgestalten, mit denen wir heute die Kinder von Blumen- und anderen Eroberungsfeldzügen ins buntgoldene Meer zurückhalten, leben die uralten mythologischen Gestalten als dienende Kobolde noch fort, die Erinnerungen an vorgeschichtliche, vermenschlichende Schau unserer Abnen für alle Zeiten in Gemeinschaftsbewußtsein bewahrend. ' Zwei Quellen für das Werden der Korngeister im Phantasieschaffen der nordischen Rasse sind erkennbar: Wetter, Wolken und Wind und eine dunkle Erinnerung vom Eingewandertsein aus dem Norden her. Dem dunkeln Schoß der heiligen Erde vertraut der Sämann seine Saat — und fühlte, daß Segen und Gedeihen von oben, vom Lichte, von der Sonne und ihren Geschöpfen, den Wolken und Winden, kommt. Leben sie aber nicht alle: Lichtstrahlen, Wolkengestalten, Windeswehen? Aus der Wolke aber quillt der Segen, strömt der Regen, zündet der Blitz, vernichtet der Hagel, aus ihr also liehen sich die Geister, die man droben ihr Spiel in allerlei Tiergestalten treiben sah, befruchtend ins Korn nieder. Daher die Korntiere: der Kornwolf, der Halmbock, die Roggen- fau, der Kornstier, der 5)aferbocf, der Erbsenhund. Den Zusammenhang mit Witterungserscheinungen zeigen noch heute Ausdrücke wie Bullkater, Wetterkatze Kattenspor für Wetterwolken in Niederdeutschland. Geht der Wind durchs Korn, so sagt man in Niedersachsen noch immer: die Windkatzen laufen durchs Korn, die Wetterkatzen springen im Roggen herum. „Sucht keine Kornblumen im Roggen!" warnt man im Hol- steinschen die Kinder, „sonst packt euch der Bullkater!" Und wenn das Korn wogt und die Aehren des weiß im Winde wallenden Blutenstaubs harren, dann — so sagt die Volksphantasie — dann „wollt das Korn. Die Einbildungskraft des Bauern sieht noch heute die Wolken segnend und leibhaftig durchs Korn gehen. Die Wolkentiere 'm Getreide sind ihre sichtbaren Verkörperungen, die „Korndämonen . So sieht sie schon die Vedenmythologie: ein Dämon Vitra oder eine große Zahl -Ultras hausten nach den Sanskritsagen im Aehrenseld. Was wird aus den Dämonen, wenn die Sense klingt, wenn Garbe auf Garbe gebunden, aufgemandelt, hinwegfahren wird, wenn heute die Maschinen in wenigen Tagen aus dem Gewoge weite Stoppelfelder als Reste einstiger Herrlichkeit hinterlassen? Dann flieht der Dämon von Acker zu Acker, sucht die Breiten, wo noch Halme stehen, zieht sich zuletzt in den letzten Getreiderest zurück — und früher — in manchen Gegenden noch jetzt — ließ man ihm auf jedem Acker ein letztes Eckchen als Zuflucht stehen. Wer es nicht tat, der mußte fürchten, daß der Geist mit der letzten Garbe, in die er sich sonst flüchtete, in die Scheune kam und dann dort das Korn aß — woher dann die tauben Aehren! Wo man keine Eckchen von Halmen mehr für die Korngeister stehen läßt, da sucht man sie zu bannen, daß sie nicht ihr Wesen in den Speichern treiben. Der Mäher, der den letzten Sensenhieb tat, das Mädchen, das die letzte Garbe band, wurden mit Halmen umwickelt und mußten den „Austbock" (Erntebock) darstellen, ober es wird eine Puppe aus den Halmen gebaut und auf das letzte Fuder gelegt. Der Getreidehahn scheint ein Opfer für die Korndämonen gewesen zu fein. Er wurde auf einem Sechsspänner mit großem leeren Erntewagen zum Stoppelfeld gefahren und dort von den Burschen verbundenen Auges mit einem Sensenschnitt getötet. Wenn heute beim letzten Fuder der Erntekranz statt der Sagengestalt auf dem Korn liegt und der Hahnenbraten dampfend auf dem Tische steht, so denken wir kaum noch an die Ursprünge dieser Sitte, oder wissen es doch nur noch in einigen deutschen Landschaften, was sie einst bedeuteten. Nun ist es ein Zug der germanischen Sagenbildung, von den Tier- gestalten zu menschlichen Wesen emporzusteigen. Die Ernteböcke und Wölfe erscheinen darum in der nordischen Mythologie bald als Tiere der Freya, der Beschützerin des Herdes und der Fluren. Ueber allen Gestalten schwebt schon die dunkle Vorstellung von der „Großen Mutter" über dem wallenden Korn. Die Kornweiber oder Roggenmuhmen sind unmittelbare Vermenschlichungen und nicht der großen Allmutter im Korn gleichzusetzen, Gewitterwolken als Regenmütter. Rauscht der Wind zur Reifezeit übers Getreidemeer, wirbelt er in wilden Tromben empor, so wird er besonders sichtbar, weil sich blendend im Sonnenglanze der weiße Blütenstaub hellsärbend in das Kreiseln mischt und stürzt: bann zieht bie Kornmutter burchs (Betreibe, bie Weizenmuhme, bie wilbe Frau. Je nach ber Lanbschaft fährt sie im Wolfs- ober Rübengespann einher, reitet durch die Saatfelder wie eine Königin ober rennt so schnell wie bas wilbeste Pserb burchs Felb In ber Hand trägt sie eine Peitsche ober einen Stecken, ihre Finger finb feurig — hütet euch vor ber Roggen- muhme: so klingt es schon aus ber Schilberung ihrer Gestalt! Wie kann baneben ein Kornkinb austauchen? Das Erntekind ist das Sinnbild des Keimes und Wachsens, des immer neuen Werdens. In der germanischen Vorstellung kam es im Boote als neugeborenes Kind auf einer Garbe liegend von Norden her übers Meer. Der Stamm der Angeln, der von den deutschen Stämmen am weitesten nordwärts wohnte, nahm es auf und machte es zum ersten anglischen König — eine unbewußte Erinnerung an die Einwanderung der Germanenstämme aus nordischen Bereichen. So wurde im Schlesischen das letzte Gebund einem Kinde ähnlich gestaltet und feierlich von Paten getauft. Die Binderin ber letzten Garbe „kriegte bie Wiege" im nächsten Jahre. Warf ein Knecht ein iSetreibefuber um, so war ihm bas Kornkinb vom Wagen gesprungen. Liegen gebliebene Halme sind noch heute das „Wiegenstroh" In der deutschen Schweiz findet man ein engelschönes Kind unter grünendem Klee als Zeichen eines fruchtbaren Jahres, ja es werden bie Neugeborenen braußen im Grünen als Geschenk gefunden und nicht wie im norddeutschen Ammenmärchen vom Storch gebracht. Dies Erntekind wird nun eine lieblichere Gestalt, wird Kornbraut, Haferfrau, Weizenbraut und wird beim letzten Fuder neben einem Bräutigam, von Brautjungfern umgeben, in feierlichem Zuge auf den Hof gebracht, als ob es sich um eine wirkliche Hochzeit handle. Frau Holle und Wodan wandeln übers Äehrenfeld. Für Frau Holle ließ man auch nach der heiligen Dreizahl drei Aehren stehen. Wodan aber fuhr mit feinem wilden Heere im blütenstäubenden Wind segnend über bie Gefilde, schon eine Gestalt von höherer Göttlichkeit unb von einer Erhabenheit, bie an Züge seines Vilbes aus der Edda erinnert. Den heutigen Kindern aber schienen am meisten noch die alten Dämonen, die bloßen Vorstellungen von Kornwölfen, Hunden und wilden Weibern zu genügen, um die kleinen Naseweise aus dem Getreidefeld fern zu halten. Da hat die Roggenmuhme als Kinderfchreck all den andern Gestalten den Rang abgelaufen. Ihre Hündchen führen die im Feld laufenden Kinder in ihre feurige eiserne Umarmung. Auf schnellsten Rossen setzt sie den Kleinen nach, pustet ihnen die Augen aus, setzt sie 311 sich auf den Sattel, steckt sie in ein eisernes Butterfaß und zerstampft sie darin, weshalb sie in Pommern, wo sie besonders boshaft auftritt, auch die Buttermuhme zubenamet ist. Bald ist sie schwarz, bald schneeweiß, sie nährt sich vom Korn, ißt aber besonders gern die Halme, die über die andern hinwegragen. Erzürnt der Bauer sie, so dörrt sie ihm das ganze Kornfeld aus und zündet es manchmal sogar an (Sinnbild ber Dürre unb bes Gewitters überm Korn). Das (Beiftergeraun ums Kornfeld verstummt, nur aus Jahrtausenden klingt es noch, ' Vorzeit und Gegenwart überbrückend, zu uns herüber. Das uralte Brauchtum aber lebt noch, wenn auch in grmanbelten Formen; heute wird es neu geheiligt: Erhalten wir es, wo wir nur können! Laß rauschen .. I Volksweise. Ich hort ein Stchelin rauschen Und klingen wohl durch das Korn. Ich hort eine seine Magd klagen. Sie hätt' ihr Lieb verlorn. - „La rauschen. Lieb, la rauschen! Ich acht nit, wie es geh! Ich hab mir ein Buhlen erworben In Veiel und grünem Klee." Hast du ein Buhlen erworben In Veiel und grünem Klee, So steh ich hie alleine, Tut meinem Herzen weh! Ostland. Von Reinhold S dj n eider. Der prüfende Rückblick auf die deutfche Geschichte offenbart uns, wie unauflöslich Landschaft und Menschenfchicksal inein= ander verwoben sind. Jede verständnisvolle Wanderung durch Deutschlands Gaue ist deshalb auch zugleich eine Begegnung mit seiner geschichtlichen Vergangenheit. So erlebt Reinhold Schneider seine Fahrt ins Reich, die er in dem soeben rm Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen Buch „Auf Wegen deutscher Geschichte" (284) dargestellt hat, als eine Fülle von Visionen, aus dem grohe Schicksale unseres Volkes in die Gegenwart heraufsteigen. In drei Stufen geteilt und zusammengeschlossen von turmbesetzter Mauer hebt sich die Marienburg über Strom und Flachland; von der höchsten Stufe, dem Hochschloß, steigt der schmale Turm empor tm Schutze des scharfkantigen Helms, aus dessen Dachreiter ern Ritter dre Lanze in den Himmel hält. Von der erdhasten Schwere der Turme im Mauerrinq über den langgestreckten Ostflügel des Mittelschlosses, den kühn vorspringenden Chor der Marienkapelle bis zur Lanzenspitze und von ihr herab über den östlichen Ziergibel des Hochschlosses zu den gegen Stadt und Nogat gewendeten Türmen herrscht die unverletzte Strenge der Form der auch das Schmuckwerk der Giebel sich unterwirft; Türme gebieten in den Abständen zwischen den Blöcken, sich in die steigende und dann fallende Linie des Gesamtbaus fügend; andere sind, rote Kristalle, an die Ecken der Hauptbauten angeschlossen; keiner, so groß ihre Zahl auch ist, durchbricht das Gesetz der den vielgliedrigen Bau zusammendrängenden Form. Rechteck schließt sich an Rechteck, dem Quadrat, dem Achteck gehorcht der Grundriß der Türme; nur gegen den Strom steht ein Paar behelmter Rundtürme Wache; rote der Ziegel, der in dunkler Tiefe die aus der Erde aufstrahlenden Pfeiler der Traggewölbe von oben, in freier Luft, noch die letzte Turmzinne bildet, die eine, einzige Form wiederholt, fo das Schloß; und selbst der Flügel des Hochmeisterpalastes, der, gegen die gewohnte Ordnung der Ordensburgen, aus dem Rechteck des Mittelschlosses vorspringt gegen die Nogat, gehorcht diesem Formgesetz. Innen über dem ansteigenden Hof des Mittelschlosses, wo nun der Rasen und die aufgrünende Linde den Schimmer eines stilleren, versöhnlicheren Daseins verbreiten, hebt sich unter der Hut des Turms die Nordfront des Hochschlosses, nur von wenigen Fenstern durchbrochen, in furchtbarem Ernste empor, auch sie noch einmal von Graben und Zinnen und zu beiden Seiten von Türmen verteidigt; tief und hoch, mit verborgenen Waffen drohend, wölbt sich die schräg eingeschnittene Tornische in das Mauerwerk; diesseits des Grabens springt die Kapelle des Hochmeisters rote eine Bastion in den Torweg vor. Zur Linken ziehen sich die hohen Spitzbogenblenden, die eingelassenen Fenster umfassend, in ruhigem Ernste am Ostflügel des Mittelschlosses hin: dort, wo einst die Gäste der Ritter ihre weiten Gemächer sanden; der Ernst des Dienstes und Kampfes bestimmte die ganze Form, nach keinem andern Tröste verlangend als dem, der aus diesem Dienst und Kampfe selber kam... Die Burg herrscht über das Land mit dem Rechte der Form, menschlicher Form, die ihren Ausdruck fand tm Stein und wuchs und dauerte in immerwährendem Dienst; wenn die Völker der Ebene, von weither zusammenftrömend, sich um sie scharten, um sie zu berennen; wenn in dem Land zwischen Nogat und Weichsel, das der große Landmeister Meinhard van Querfurt den Strömen abgerungen hatte, Feuerschein auszuckte und unter unsäglichen Greueln die Siedler gemordet ober vertrieben wurden: so war es der Haß gegen die Form und ihre lieber« legenheit, der die wilden Kriegerscharen zusammentrieb; denn verhaßter ist nichts als die Form und das in ihr begründete Bewußtsein des Herrentums. Von hier aus wuchsen Dämme und Straßen ins Land, wurden die Moräste entwässert, sumpfige Wälder gefällt, zogen Schiffe, wurden Dörfer gegründet, Städte gebaut, die wieder, im starren Ning der Türme und Mauern, den Formroillen der Burgherren zeigten; er muhte denen zur furchtbaren Herausforderung werden, die in der Gestaltlosigkeit der Ebene, und oftmals gestaltlos wie sie, lebten, kämpften und verdorben ohne Ziel. Aber die Form lebt vom Verzicht, und sie bleibt nur lebendig, wenn der Verzicht von Tag zu Tag erneuert wird: Wappen und weltlicher Stolz, eine jede Art von Glück und Eigentum, und selbst die Bindung an die Menschen seines Blutes mußten von dem Ritter abfallen, der die Burg betrat; ja selbst die Würden, die ihm die Brüder verliehen, gingen ihm wieder verloren, wenn das Jahr der Amtswaltung um war, so daß ihm kein Rang blieb als der des Dienenden und kein Lohn außer dem Bewußtsein des geleisteten Dienstes, der vor Gott auf einer jeden Stufe menschlicher Ordnung derselbe ist. Die Straße, die die Ritter aus dem Reiche, aus Oberdeutschland und Thüringen zogen, führte in den tiefsten Ernst; die Wälder und frohen Städte, das Auf und Ab der weinbekränzten Hügel blieben zurück, so fern wie Jagdlust und Turniere; das Flachland im Osten verlangte das ernsteste Gebot: Kampf und Gebet; und selbst die Erde des Kämpfens und Betens wollte erobert und bann, mit Spaten und Pflug gestaltet sein Die Ritter hatten wieder das eigenste Schicksal des Menschen: aus« gesendet zu sein in fremdes Land, in dem der nur bestehen kann, der ein Gesetz sich selber gibt; denn Erde und Himmel sind Itumm und verhüllt und lassen ein jedes Leben geschehen; erhoben wird das Leben nur durch die Stimme, die im Innern vernehmbar wird. Sie ist Gebot ohne Ende und weih nur von solchen Verheißungen, die werter treiben und noch Größeres fordern und das letzte Ziel über alles auf Erden Mögliche erhöhen; unter diesem Gesetz gestalteten die Ritter das Land, das bisher der dumpfen Macht der Elemente ausgeliefert war; sie erwarben sich, verteidigten und pflegten, was ihnen doch nicht gehörte; sie waren mächtig und doch arm; geboten an der Nordostkuste bis nach Livland und über die See bis Gotland und im Westen bis Pommern und hatten doch nicht das Recht auf einen Schlüffe! für ihre Truhe, aus ein eigenes Pferd. Sie fesselten mit ihrer ganzen Kraft, kämpfend und verwaltend und durch die stärksten aller Bande: durch Gestaltung und den inneren Erwerb, die Erde an sich, auf die sie nur Anspruch erhoben im Namen des Glaubens, so daß die gehäufte Macht des Ordens endlich zur Opfergabe wurde, die darzubringen das Vorrecht und der Stolz Auserwählter war. Denn ihre Macht war nur ein Zeichen ihres Glaubens und wurde als solches erkämpft. Die Größe alles Geschaffenen wird zweimal fühlbar: durch seine Wirkung und bann durch seinen Verlust; so geschah es auch mit der Form des Ordens, als die Brüder, ein Unrecht begehend mit dem Mittel ihres Verfassungsrechts, sich gegen ihren Hochmeister Heinrich von Plauen auflehnten und Gesetz und Dienst vergaßen über dem Streben nach Eigentum und eigener Macht. Die Burg mußte den Volkern der Ebene verfallen, nachdem die Herren selbst sich empört hatten gegen bas Gesetz ber Form; bie mußte in Trümmer sinken, als bas Feuer ber Hingabe unb des Verzichtes in ihr erlosch. Der Staat der Ritter war gewachsen aus dem Reich; von dem Todeszug Barbarossas, in dem sich die Bruderschaft zu Jerusalem mit den Pflegern aus Lübeck und Bremen zusammenschloß, blieb der Orden als Vermächtnis; Heinrich VI. bezog ihn in seine geheimnisvollen Pläne ein und rief die Ritter in feine Hauptstadt Palermo; Friedrich II. erhob das von ihnen erftrittene Gebiet für alle Zukunft ins Reich; aber der Orden stieg noch, als dieses sank, und bezeugte gleich den Städten des Nordens die Keimkraft des ausgeworfenen Samens, lange nachdem der Stamm zerschmettert worden war. Doch es blieb mehr als Staat: ein Ziel, um deffentwillen sich Staaten wieder bilden mußten; es blieb das Symbol der Form über ber Ebene, an ber Grenze, bas benen, bie auf ber von ben Rittern gebahnten Straße in den Osten ziehn, die härteste Forderung stellt; und wie die oberdeutschen Ritter, als sie hierher gelangten in das sumpfige feindliche Stromlanb, auf eine Weise zu bauen begannen, bie nur wenig gemein hatte mit ber Art ber Väter: so oerroanbelte sich bas Leben ber nieberbeutschen Bauern im Osten unter bem Gesetz ber Erbe, bie sie sich zu erwerben suchten; so bemächtigten sich Form unb Forberung aller, bie biefem Lanbe sich Hingaben, unb am stärksten bes Preußen- fönigs Friedrich Wilhelm, ber feine Salzburger Scharen aus Bergen unb Wäldern in bie nörbliche Ebene führte unter bas Arbeitsgebot ber Erbe. Unb wie biefer König, besten ungestümes Herz am heftigsten für ben Osten schlug, ein Nachfahre ber Ritter war, vielleicht ohne es zu wissen, so wirb auch bas Volk, bas sich roieber anschickt, bie Brücken über Weichsel unb Nogat zu betreten, zu ihrem Nachfahren unb Erben ihrer Forberung; benn ben Menschen berselben Art im selben Raum ist keine Wahl bes Schicksals gestattet: es herrscht nur bas eine Schicksal, bas wieberholt unb enblich erfüllt werben will. Ein deutscher Schatzgräber. Von Alfons v. Ezibulka. Als noch allein ber Atem Gottes, ber Winb, bie Schiffe über bie sieben Meere trieb, war es von Hamburg nach Sübamerika eine weite Fahrt. Das bekam auch bie kleine Brigg „Dorothea" zu spüren, bie nach Venezuela bestimmt war. Nach zwei Wochen lag sie erst vor ber Insel Texel in Hollanb. Womit für ben alten Windjammer bie Reise zu Enbe war. Denn vor Topp unb Takel, ohne Segel unb Ruber trieb die Brigg hilflos über die in den Dezemberstürmen brüllende See, auf die der durch schwarze Wolkenfetzen jagende Mond feinen gespenstischen Schein warf. Nicht ein Vaterunser hätte man beten können zwischen dem gellenden Ruf des Mannes im Ausguck „Brandung voraus" und dem Augenblick, in dem die „Dorothea" zerschellt auf den Bänken vor Texel lag. Es war noch ein Wunder, daß die Mannschaft nach einer furchtbaren Nacht heil die Küste erreichte. Damit hatte auch der Kajütenjunge Heinrich Schliemann zum erstenmal ein bißchen Glück. Das war ihm nämlich bis dahin noch nicht widerfahren. Eine Kette von Mühfalen war feine Jugend gewesen. Nur seine früheste Kindheit hatte ein wenig Freude gekannt. Ja, das mecklenburgische Dorf Ankershagen, wo der Vater Landpfarrer war, war für einen rechten Jungen sogar ein Paradies. In dem Hause, das Heinrichs Eltern bewohnten, kannte man das Gruseln lernen: der frühere Pfarrherr ging dort um. Dem kleinen Gartenteiche, der den märchenschönen, heimeligen Namen „das Silberschälchen" trug, entstieg in Vollmond- nöchten eine gespenstische Jungfrau. Am Dorfrande erhob sich ein Hünengrab, in dem ber Sage nach bas Kmb eines Ritters in einer i Wiege aus purem Golde ruhte. Die verfallene Burg, um beren büfteren > Mauern bie Fiebermäuse flatterten, hatte einst bem Henning Braden- kirl gehört, wie bas Volk ben Raubritter Henning von Holstein nannte, weil er einst einen Kuhhirten bei lebendigem Leibe in einer eisernen Pfanne gebraten haben soll. Das Geheimnis, bas um versunkene Mauern unb Schätze webte, hatte es schon bem Buben angetan. Begeistert hörte er bem Pater zu, wenn dieser von Herculanum und Pompeji sprach oder von der mächtigen, blühenden Königsstadt Troja erzählte, von der nun kein Stein mehr künde. Und eines Tages tat der Zehnjährige einen Ausspruch, dessen Wahrheit er freilich erst 40 Jahre später beweisen solle: „Vater, die argolische Ebene königlich beherrschenden Felskuppe, die den Wanderer grüßt, der von Korinth nach Argos nm zauberhaften Golfe von Nauplia zieht. Und eines Morgens, es war wirklich wie im Marche», öffneten Schaufel und Spitzhacke an der vorbezeichneten Stelle, jenseits des berühmten Löwentors, eine Felsgrube, auf deren Grund 15 königliche Tote lagen. Ein unvorstellbarer Goldjchmuck schmückte sie Goldene Masken bedeckten die Gesichter, goldene Panzer schützten die Brust. Armreifen und Ohrringe, riesenhafte Diademe, Nadeln und Knöpfe aus Bergkristall, ein großer silberner Stierkops mit dem Doppelbeil, dem Symbol der Königsmacht, mit Silber und Gold ausgelegte Schwerter waren der Grabschmuck dieses Geschlechts, das einst vor 4000 Jahren in märchenhafter Herrlichkeit von dieser Burghöhe von Mykenä geherrscht haben mag. Wer noch zweifelte, daß Schliemann wirklich Agamemnons Königsgeschlecht, ja vielleicht die unselige Klytämnestra und Orest gefunden, dem konnte der goldene Humpen ein Beweis fein, der sich in den Gräbern fand und dessen Henkel, genau wie Nestors Becher, den Homer beschreibt, aufflatternde goldene Tauben zierten. Noch ein drittes Mal brach Schliemann eine Lanze für Homer. In Tiryns, am argolischen Golfe, fand er in gemeinsamer Arbeit mit dem heute achtzigjährigen Wilhelm D ö r p f e l d , einen Herrscherpalast, der in jeder Einzelheit Homers Königssitzen ähnelte. Drei Dinge verdanken wir Schliemann. Er hat wieder einmal die höhere Wahrheit aller echten Dichtung bewiesen. Er hat der Jugend, der er eine Lebensgestaltung aus eigener Kraft vorlebte, die Gesänge Homers neu geschenkt. Denn durch Schliemanns Funde waren sie auf einmal nicht mehr verstaubte Sage, sondern blutwarmes Leben. Wenn auch Wahrheit und Dichtung sich mengt: diese Menschen Homers haben wirklich gelebt, diese Schicksale haben sich wirklich begeben und diese Paläste und Mauern hat einst die Griechensonne vergoldet. Und so verdanken wir Schliemann noch ein Drittes. Indem seine Grabungen erweisen, wie alle Sage im Kerne immer wahr ist, gewinnen auch unsre deutschen Heldensagen an Leben und Wahrheit. Wie es wirklich einmal die Urbilder Agamemnons, Nestors und Priamos gegeben hat, so sind auch in irgendwelcher Gestalt und irgendwann Gunther und Hagen, Siegfried und Kriemhild über die deutsche Erde geschritten. Diesen Glauben hat uns Schliemann, der in seinem 68. Jahr auf einer Reise in Neapel starb, mit Troja, Mykenä und Tiryns geschenkt. Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. lFortsetzung.i XVI Am Ende der Woche meldete sich wieder Gastein. „Wie geht es bet gnädigen Frau?" „Recht gut. Wie ist der Ausflug nach dem Gamsgarkogel verlaufen« Muß man eifersüchtig fein?" „Nicht sehr." „Guter Mann! Sonst bin ich immer noch gewissenlos faul." „Unsinn, Katarina!" „Der hohe Herr muß Geduld haben! Und dann ist, wie du weißt, dear Peter Geyck aus USA., früher Neuruppin, hier. Er trinkt gern den Tee bei uns und revanchiert sich am Abend. Gestern führte ich ihn vor das rosa Haus Er stand ehrfürchtig still und nahm den Hut ab. Es war sehr heiß. Vielleicht ist Herr Geyck noch hier, wenn du zurück bist!" „Werde mich freuen", sagte er. Sie hatte ihm am sachlichen Fernsprecher etliches vom früheren Lord Peter erzählt, soweit das zwischen ihnen Üblich war. Katarina war natürlich etwas beklommen und auch unbeftreubar neugierig auf das Wiedersehen mit Peter gewesen. Seine Stimme am Telephon hatte sie nicht wiedererkannt. Sie hatte viel muntrer, lauter, breiter, auch rascher geklungen, als sie sie in der Erinnerung hatte — nun ja, es war damals eine ernst umflorte oder leidenschaftlich vibrierende Stimme gewesen... Vor feinem ersten Besuch zum Tee stand sie, unwillkürlich rachsüchtig, länger norm Spiegel, denn er sollte keine verknitterte ältere Dame zu Gesicht bekommen, die er einmal stehengelassen hatte , „Hallo, Katarina, gnädige Frau!" rief er und breitete, noch halb m der Tür, unwillkürlich die Arme aus, erstaunt, mit runden wasserhellblauen Augen. „Mein Gott —I" sagte er dann leise. Und sie war ihm. nach einem längere, scharf forschenden Stutzen und Spähen, erleichtert mit ausgestreckter Hand entgegengetreten. „Guten Tag, lieber Herr Geyck! Lange Zeit her —!" Denn vor ihr stand nicht der schlanke, hohe, ernst umflorte Jdeallord Peter der Vergangenheit, sondern ein blühender, breiter, straff-fülliger, beweglicher, lauter, weithosiger, trotz aller Erschütterung rounberbar gutgelaunter, fast vergnügter Peter Geyck, Mitinhaber der Architekturfirma für Hoch- und Tiefbau Brown, Siiggings 8- Co., Neuyork und Philadelphia. ,r „Katarina, ich habe manches erwartet. Aber das ist ein Wundert „Sie haben eine vergrämte alte Frau erwartet, Peter?" hatte sie, in strahlend auter Laune, gefragt. Er hatte stürmisch gelacht und doch ernst und mit innerer Zartheit geblickt, so daß er plötzlich dem früheren Peter überraschend ähnlich geworden war. „ „Sie werden längere Zeit in Deutschland bleiben, lieber Herr Geyck? Haben Sie Ihre Frau mitgebracht. Ihre Familie? Sie haben noch Verwandte in Neuruppin, einen Bruder oder Vetter, wie? Ich erinnere mich gut. Ich war vor einiger Zeit im Auto mit Bekannten dort. Wir fuhren durch die behagliche Stadt, und ich mußte eine Sekunde lang an Sie denken. Wir tränten sehr guten Tee an einem Marktplatz." ®r sah sie an; der Glanz seiner hellblauen Augen wurde immer ernster. Ein Herr, der stark nach guter Seife, nach Brillantine, nach ‘ Kölnischem Wasser und nach Zigarrenrauch roch: ein sehr persönlicher. ,as kann doch nicht sein, daß dieses Troja verschwunden ist. Solche Nauern können nicht untergehen. Sie sind wohl nur unter Schutt und Staub begraben." — Der Pastor lachte und versuchte dem Buben zu erklären, daß Troja und seine Helden doch nur Erfindungen des großen Dichters Homer mären. Doch das wollte der Junge nicht glauben. Da neinte der Vater schließlich: „Schön, mein Junge, wenn du also einmal ;roß sein wirst, wirst du Troja ausgrabe n."--Selten ist eine ungewollte Weissagung so seltsam in Erfüllung gegangen. Vorerst aber brach alles Unheil über Schliemanns Jugend herein. Oie Mutter starb. Der Vater geriet in Not. Er muhte den Buben zu einem Bruder geben, der in einem andern Orte Pfarrer war Aber das ,alf nur wenig. Schliemann konnte nur wenige Jahre die Mittelschule iesuchen, bann mußte er sich selbst sein Brot verdienen. Aber gerade er )at bewiesen, daß ein rechter Junge es auch bann aus eigener Kraft -u Ruhm und Größe zu bringen vermag, wenn alle Wege ihm ver- chlossen scheinen. In dem Orte Fürstenberg verbrachte Schliemann als Lehrling zwi- chen Schmierseifen und Heringstonnen, zwischen Fliegenpapier, Zucker- jüten und Petroleumkannen eine freudlose Jugend. Von morgens fünf ,is abend elf stand er in dem ärmlichen Krämerladen. Aber fein Trosa hat er auch damals nicht vergessen. Nach sechs Jahren dieses harten Lebens verlor er wegen eines Blut- turzes seinen Posten. Er pries sich noch glücklich, daß er in Hamburg eine Stellung fand, die ihm ganze 50 Pfennige im Tag eintrug. Da Warf ihn auch fein neuer Prinzipal auf die Straße, weil auch er einen iluthustenden Gehilfen nicht brauchen konnte. Nun beschloß Schliemann aus der Heimat zu gehen. Er bekam Heuer als Kajütenjunge auf dem Segler „Dorothea . Das war aber auch alles. Vor der Ausfahrt mußte Schliemann feinen emsigen Rock verkaufen, um sich eine wollene Decke anfchaffen zu können. Am 28. November 1841 trat bann bie „Dorothea" ihre weite Reife an. zwei Wochen später bonnerten bie Wogen ber Norbsee über ihren zerborstenen Leib. Mittellos kam Schliemann nach Amsterbam, wo ihm ber mecklenburgische Konsul den Poften eines Ausgehers verfchaffte. Sein Monatslohn betrug 50 Mark. Dennoch brachte es Schliemann fertig, damit nicht nur fein Leben zu bestreiten, fonbern auch noch Englisch und Französisch zu lernen. Das erforberte Entbehrungen, bie nur ein stählerner Wille ertragen ließ. So gab er zum Beispiel für seine Hauptmahlzeit nie mehr als 16 Pfen- ^AuchSsein Stubium erforberte beispielhafte Energie. Mit 20 Jahren ,mißte er ja von vorne beginnen. So konnte man den Geschäftsbiener mit einem aufgeschlagenen Buche vor ber Nase burch bie Straßen laufen sehen. Er lernte wenn er an ben Schaltern der Postämter, vor den Kontoren warten mußte. Er lernte bis zum grauenden Morgen, wenn er spätabends totmüde in seine eiskalte Dachstube kam. Aber es lohnte sich- innerhalb eines Jahres beherrschte er bie englische unb französische Sprache vollkommen. Seine Prinzipale wollten zwar von einem sprachen- [ernenben Ausgeher nichts wißen. Sie tünbigten ihm. In bem großen ilmfterbamer Hanbelshaufe Schröber fanb Schliemann eine neue Stellung. Immer noch war es ein Hundeleben, bas er führte. Aber sein Iugendtraum hielt ihn aufrecht. Er wollte ja Troja ausgraben. Aber soviel wußte er nun schon, baß man eine versunkene Stabt nicht ausgraben könne, wenn man nicht über unbeschränkte Mittel t>cr= Füge. So beschloß der kleine, verhungerte Buchhalter um Tro,a willen Ireich zu werden. Kaum jemals ist ein junges Menschenkind aus einem io romantischen Beweggrund ein nüchterner Kaufmann 9«o°röen- Sehr rasch fand Schliemann die Brücke zu feinem Wolkenfchlah. Obwohl Schröder bedeutende Geschäftsverbindungen nach Rußland unterhielt gab es in bem großen Kontor seltsamerweise niemand ber auch nur einen russischen Buchstaben zu schreiben verstand Diese Gelegenheit ergriff Schliemann beim Schopf. Er begann im Geschwmbtempo Ruisiim zu lernen. Mit seinem ungemeinen Sprachentalent brachte er es fertig, daß er sich schon zwei Monate später mit russischen Geschäftsfreunden ohne Schwierigkeit unterhalten konnte. Das imponierte Srnrober. Cr sandte den kleinen Buchhalter als Generalvertreter nach Petersburg. Dort gründete Schliemann nach kurzer Zeit feine eigene weltumspanWieder zeigte sich das Kämpferische unb Zugleich Gründliche ferner Natur. Zwanzig lange Jabre rang er um bie wirtschastttche Stellung, die er für fein Troja brauchte, bann war er ein reicher Mann. In ber traumhaft schönen Inselwelt bes Golfes von Petras, auf dessen veilchenblauer, silbrig schimmernder Fläche die homerischen Felseninseln Ithaka unb Leukas wie riesenhafte Vorweltttere im Sonnenglast schwimmen, begann Schliemanns Schatzgräbermarchen. Auf Ithaka g J er zum ersten Male zu Spaten unb Spitzhacke. Unb rote er einst an bas „Silberschälchen", an bie golbene Wiege, an »rabenhrls Eisenpfanne unb Schätze geglaubt, so glaubte er nun jedes Wort fernes Dichters. Sein heißes Herz spürte bie tiefere Wahrheit aller Dichtung. . Als Schliemann auf Ithaka kleine Aschenurnen fanb unb inbelnd schrieb „vielleicht habe ich bie Asche bes Odysseus unb ber Pehelope gefunden", hielten sich bie zünftigen Gelehrten ben Bauch vor Lachen. Noch lauter würbe der Spott, als der schatzgrabenbe Kaufmann ber,ästete, er hätte auf bem Hügel vor Hifsarlik, nahe ben Dardanellen, Tr o a gesunden. Da hörte man plötzlich immer verwunderter von Schlie- manne gigantischen Grabungen. Bis Jener Mattag des Jahres 1 • tarn, an bem er nahe bem Skäischen Tor, bas su ber ®urg bes ip - mos geführt haben soll, in lockerem Gemäuer auf golbene Teller uns Humpen, Diabeme, Kannen unb Armreifen stieß. War es König Pna- "°Jmm1r^noch zweifelte bie gelehrte Welt. Da erbrachte Schliemann drei Jahre später abermals ben Beweis für bie Wahrheit feines D ch ters. Wie ihn fein Glaube an Homer aller Wasuscheinlichkeit nach wirklich in König Priamos Stadt unb Burg geführt, fo führte . Homer nun auch in bie Gruft des Konigsgefchlechts °°n Mykenä. Planmäßig wie an den Dardanellen grub Schliemann auch auf jener kurz. „Sehr schade!" sagte er Schleiern... IFortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'scheUniversitäts.Vuch. und Steindruckerei, R. Lange, Giebel». wenn ich es nicht verwechsle? in meinem Reisehandbuch. Ein soll auch eine berühmte Galerie haben, Las es, glaub' ich, bei der Uebersahrt wohlhabender Mann?" „Er leidet nicht Not." Peter sah auf und lachte hell und verstand. @r hängte voll Selbstvertrauen, wie ein alter Freund, seinen Hut draußen auf und kam lächelnd herein. „Da bin ich mal wieder! Was machen wir heute?" Sehr gemütlich... Auch der Mama gefiel das. Seine breit-lebendige Art schloß auch sie herzlich und unbekümmert mit ein; anders als die bündige, vorläufige und beinah verletzende Manier eines — andern Herrn... Und Katarina wünschte, daß die Mama in der Regel dabei sei. Aber nun war auch feil da. Es war ganz gut, daß auch Wil jetzt da war. Er war für Katarina ein recht brauchbarer Partner gegen den mit der Zeit zu umgänglichen Lord Peter — so lange Wil da war; denn es war seine Manier, plötzlich nach China, Persien oder Tibet zu reisen, wie sich ein andrer aufs Sofa legte oder, rasch entschlossen, mal ins Kino ging. Aber es war doch allmählich etwas bedrückend, mit dem großen, entzauberten und mitunter rasch einmal empfindsamen Peter allein zu sitzen und sich plötzlich von seinen hellen, runden Augen anstarren zu lassen. Das also hatte man einmal verschwenderisch und bis zum Wahnsinn geliebt? Das war immer wieder unwahrscheinlich, traurig und plötzlich unheimlich und beängstigend und beargwöhnte und verhängte auch die lebendige, sichre Gegenwart spukhaft mit grauen Nebeln und dichten dann. Er saß förmlich erschüttert da. „Furchtbar schade!" Edel und schön im Augenblick. „Es ist unabänderlich?" „Ich glaube, lieber Herr Geyck." „Natürlich .. Ich möchte Herrn Professor Hasselbrink gern kennenlernen, wenn es erlaubt ist", sagte der ernst gewordene Herr nach einer Weile hartnäckig, als wünsche er, sich ein Bild von diesem erfolgreichen und in jedem Betracht hervorragenden Professor zu machen. „Er würde sich gewiß freuen, lieber Herr Geyck. Aber er ist in Gastein." „So. so — in Gastein?" wiederholte Peter, und es klang beinah fröhlicher.-- So war der erste Besuch verlaufen. Gar nicht schlimm... Ein erfreulicher oster völlig ungefährlicher, vielleicht sogar ein bißchen komischer Peter Gevck War dos noch einer Weile immer so und in jedem Fall, wenn einen vorher der große Ernst und das genaue Gegenteil von Ungefährlichkeit und Komik stemubert und toll gemacht hatte? War das überhaupt immer brink, Gastein. ... , , „Ja, hier bin ich, Lu! Ich melde mich seit fünf Minuten immerzu. Das hat heute schrecklich lange gedauert." Und bann berichtete Katarina wieder ausführlich von sich und ihren Erlebnissen nach Gastein. Denn nun war auch Wil Moncke seit ein paar Tagen in Berlin, der alte Jugendgenosse aus Julias Rostocker Winkel und aus der „schwierigen" Neuyorker Zeit. Wil war ein tüchtiger Zeitungsmensch, großer Berichterstatter aus fernsten Weltecken für ein Syndikat, an dem auch deutsches Geld beteiligt war und das in Neuyork feinen Hauptfitz hatte; sechs- oder fiebern unddreißig — sah viel jünger aus: schlank, gebräunt, weizenblondes Haar, etwas tiefliegende eifengraue Augen, ein eigensinniges, hartes Gesicht, das manchmal beim Sprechen der tiefen, ruhigen Stimme plötzlich gutmütig und fpöttifch, jedenfalls menschlich wirkte und sich saft gar nicht verändert hatte — bloß herber und undurchsichtiger geworden war, noch mehr Wil Möncke! . . ra ,, .„ , Sie gab ein recht anschauliches Bild: Sie seien oft rote Geschwister felbbritt gewesen — Julia, Katarina unb Wil. Besonbers in ben herrlichen Rostocker unb Warnemünber Ferien, aber auch später noch in der Park-Avenue.....Hörst bu noch zu? Das tut gut, baß man mal sprechen kann! Was ich noch sagen wollte —: Ich werbe mich nächstens einmal um bie jungen Leute', um Dagobert, Diez unb bas Tillgirl, kümmern müssen! Zweimal hab' ich in ber letzten Zeit bereits in ber Meraner Straße angerufen. Sie finb verschollen ober verreist. Ich habe bas Verlangen, sie mal gemütlich bei mir zu sehn. Ich bin boch schon beinahe ihre Tante... Was sagst bu? Du lehnst bie Tante ab? Ich auch. .Tante ist unmöglich!" So sprach sie mit bem blutwarmen Atem unb Lachen einer richtigen Frau. , . „Hübsch, was bu sagst, Katarina! Hier ist es befto langweiliger, trotz Begeholb unb den anbern. Ich bin es nicht gewöhnt, so lange Ferien zu machen. Sehne mich wilb nach Arbeit... Ich fahre jebenfalls Ende bes Monats zu bem Berzelius-Kongreß nach Lund — obwohl ich mir nichts aus Kongressen mache. Ich werbe natürlich über Berlin kommen unb bich ein paar Tage sehen, Katarina. Das ist bas Wichtigste Hoffentlich haben bie Herren Wil unb Peter bich mir nicht ganz abspenstig gemacht.? Ich werbe sie mir mal ansehn, wenn sie noch ba finb."-- Peter rief gern in ber Knefebeckstraße an, um etwas für ben Nachmittag ober Abend zu verabreden. Das geschah wie eine Selbstverständlichkeit oder Pflicht. Er kam meist schon zum Tee, der sichre, füllige, laut fröhliche Herr, der die beiden Damen unermüdlich zu verwöhnen ungemein sauberer, männlicher und selbstzufriedener Aelterer-Herren- Geruch, der zu seinem fülligen, breiten und beweglichen Wesen paßte. „Ich war noch nicht drüben. Ich werde mehr in Berlin sein Mein Bruder unb mein Vetter können ebenso gut unb gern meine Gaste jein. Neuruppin, obwohl ich es liebe, ist ein bißchen klein. Sie wollen ein Bad in Deutschland aufsuchen, lieber Herr Geyck? "Ein ramponierter alter Knabe, ben es hier unb ba zwickt unb plagt wie?" Er lachte roieber laut unb schallenb, ber blühende Herr. Er rollte bas R vernehmlicher als früher, sprach mit gewölbter Unterlippe, eine vollendete Angewohnheit unb Anpassung an bruben, kleine Koketterie, bie ihm nicht übel stand. „Ich habe auch keine Familie mit — tut mir leib, Katarina: nie gehabt. Auch Evelyn ist nicht mitgekommen. Nein — bas war nicht möglich. Wir haben uns vorm Jahr in aller Freundschaft getrennt Sie hat ihren Vetter Billie Brown, meinen jüngsten Sozius, geheiratet. Sie ist ja noch so jung. Es war bas beste. Billie ist ebenso jung unb ein Winbhunb, eine zarte Seele. Vielleicht paßt bas besser. „Oh —!" sagte Katarina teilnehmenb. SSar eine sehr verstänbige Lösung. Man hätte es schon früher tun sollen. Wie geht es Ihnen, liebe gnäbige Frau? Das ist ganz wunder- bar, hier zu fitzen. Es ist — ich möchte barauf schwören — keine zehn Jahre her, nicht zwei, genau gerechnet — wie? Es war vorige Woche, gestern!" Er würbe, ohne Uebertreibung, über ben Hals hinauf rot — rote ber frühere herrliche Peter. „Mir geht es sehr gut, lieber Herr Geyck." „Ich hörte und las oft von Ihnen in beutschen Zeitungen. Sie sind sehr berühmt geworben inzwischen. Eine ganz große Künstlerin, Katarina!" sagte er ernst. „Ich bin sehr fleißig gewesen", erzählte sie. „Sie waren immer mächtig ehrgeizig, Katarina, noch viel mehr als Julia. Wo steckt bie kühle, verstänbige Julia? Sie ist verheiratet, hörte ich? Ist hatte, weiß Gott, ein bischen Bange vor Ihnen. Diese gefeierten Damen sind gewaltig anspruchsvoll, bachte ich. Aber ich bin eigentlich nicht sehr ängstlich. Unb nun — wie? Das ist boch noch Katarina!" bekannte er, unb seine Stimme bebte vor Bewegtheit. Guter Peter! Zehn Jahre entzaubern ein bißchen. Der „unsterbliche Geliebte" — er war wirklich eine Weile unb noch banach so etwas gewesen — nun sah ein heiter flüssiger Herr vor ihr, lärmenb vor Selbstsicherheit, ein gemachter unb gebietender Mann ba brüben auch ohne Evelyn, ein freier Mann, ber sich bie Welt unb bas, was ihm barin gefiel, etwas kosten lassen konnte. Katarinas langer, schmaler Fuß wippte: immer ein Zeichen dafür, daß es ihr gut ging. Sie unterbräche ein Lächeln. Dabei war ihr plötzlich, als sitze ihr ein unbekümmerterer, harmloserer unb aufgeschlossenerer Bruber von Lu gegenüber. Sie hatte bislang gar nicht an Lu gebacht. Er war in Gastein — weitab, verschollen sozusagen. Doch nun war er roieber ba: gebiegener, bebeutenber unb männlicher; nicht zu vergleichen! Sie senkte ernst bas Kinn herab unb war selbst eine seiner roürbige und große Same, bie vollkommen unbefangen unb heiter mit Herrn Peter Geyck plauberte. „Ich werbe Julia heute noch anrufen", schlug gleich barauf Peter vor. „Ober wollen wir bas alte Mäbchen überrumpeln? Ich habe einen hübschen großen Wagen für Berlin unb Neuruppin gemietet. Ein Sprung übern Weg nach Breslau!" „Das ist mir zu weit, lieber Herr Geyck. Das wirb jetzt leiber nicht gehen. Ich würbe es schlecht einrichten können." „Warum? Hängt roieber mit bem Tanzen ober seinen Vorbereitungen zusammen? Ich bente es mir schrecklich schwer. Aber man sollte unb muß auch mal eine Pause in ber Arbeit machen können, Katarina! Grabe Sie! Mal ein bißchen Mensch sein, grabe als Frau. Als Frau wie Sie! Sie waren immer sehr ins Leben unb feine Freube verliebt. Ober wollen Sie verreisen — hoben anderweitige Verpflichtungen?" fragte er besorgt. „Nicht gerade das, lieber Geyck. Es ist etwas andres. Etwas sehr Menschliches und Persönliches: Ich werde mich im Herbst verheiraten, wissen Sie" „Oh — —I sagte nun Peter Geyck erschrocken, dunkel und ziemlich lang. „Im Ernst —?" „Natürlich im Ernst. Das ist immer ernst, lieber Herr Geyck." „Mit wem?" Sie erzählte es ihm. „Der berühmte Professor? Ich gratuliere, liebe Frau Professor! Er so, auch im guten unb allerbesten, auf Dauer, Glück unb Ewigkeit em- gestellten Fall?... Etwas unheimlich ber (Bebaute — unb ber ganze lebenbige Peter! Stimmte unversehens für eine Setunbe ängstlich und melancholisch, so baß bie Augen flüchtig starr wurden. Katarina stand, wie sie gern glaubte, gut mit j>em Leben. So ereignete sich bald danach ein Zwischenfall, der wie eine heitre Ablenkung a'T5 war bald danach ein Bries gekommen. Diesmal von Julia und ihrem Vetter Wilgert Möncke. Nun also: Auch bas war nun Wirklichkeit geworben — ohne Hellseherei! Sie hatten einanber in Wolfelsgrunb, nicht weitab von Breslau, getroffen; Wil Möncke hatte also seinen Besuch in Deutschlanb, wie Julia bamals erzählt hatte, wahrgemacht „Ich werbe noch eine Weile hierbleiben, aber nicht lange , schrieb Dr "Wilgert Möncke an Katarina. „Es ist sehr hübsch hier; aber Julia kann keine brei Tage stillsitzen — hört immerzu Patienten husten unb jammern. Ich habe banach einiges in Berlin zu tun. Stnb Sie vor- Händen ober verreist, Kat? Ich hoffe. Sie zu sehen. ,Es ist bringend nötig, sich hin unb roieber einen guten Tag zu machen! pflegten wir in Rostock unb in Park-Avenue zu sagen. Ich bente, mir tun es auch letzt einmal roieber? Ich freue mich barauf unb dm —Ihr alter Wil Moncke Auf ber letzten Seite schrieb Julia mit ihrer Meinen, Maren Schrift: „Er ist unoeränbert jung, frech unb störrisch. Aber mir freuen uns ge« hörig unb sprechen in einem fort von früher. Auch von Dir. Besonbers Wil. Neulich sahen wir Dich in einem Schaufenster hangen; das war hübsch unb luftig. .Wer ist bas, Wil?' — .Ganz altes Bilb. Mindestens zwanzig Jahre alt!' - .Ganz neues, Wil!' - Jebenfalls roirb er bald nachfehen wollen, ob bas Bilb richtig ist. Es ist ihm nun erst recht zu still hier. — Wie geht es bem riesig sympathischen Professor Hasselbrink? Grüße ihn von mir! — Einen Kuß Dir! Julia." „Hallo, hallo! Bist bu ba, Katarina?" Das war roieber Louis Hassel-