GieheiierZanMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <954 Montag, -en 25. April Nummer 51 Preußen wirklich keinen Anteil mehr an den Geschicken dieser überseeischen Besitzung nahm, weil sich das alles abseits im dunklen Erdteil zwischen Menschen zutrug, die nicht mehr interessierten: zwischen den Leuten der Holländisch-Westindischen Handelsgesellschaft und einem Negerkönig, dessen Namen erhalten blieb: er hieß Jean Guny, Johann Guny. Diesem Negerkönig oder Negerhäuptling übertrug der Kommandant, als er das Wartens müde geworden war, die Festung. Die Zeit hatte ihn mürbe gemacht. „Ich muß heim", sagte er, „Geld holen, Schiffe rufen. Man kann uns nicht vergessen." Bevor er abfuhr, ließ er die schwarze Garnison zusammentreten, mit keinem Gedanken darüber im Zweifel, daß er nach einiger Zeit mit Soldaten und Geld, mit Proviant und Kleidern wiederkommen werde. Er ließ die Flagge niederholen und überreichte sie feierlich dem Negersührer Johann Guny, von dem er sich versprechen ließ, diese Fahne niemand anderem zu übergeben als ihm selber, sei es, wer es sei. Jean Guny nahm seinen Platz ein. Als der Kommandant abzog, ließ er die Flagge hissen, und die Batterie schoß Salut. Der Kommandant kehrte nicht wieder. Aber die Vertreter der Holländisch-Westindischen Handelsgesellschaft stellten sich ein und verlangten immer dringender die Ueber- gabe der Festung und die Niederholung der Flagge. Jean Guny schickte sie fort. Er verstand nichts von dem, was sie ihm sagten und schriftlich auf ihren Papieren zeigten, oder er wollte es nicht verstehen. Er wiederholte auf jede Forderung: „Ich übergebe die Fahne nur meinem Freund Kommandant, der sie mir gab. Ich halte mein Wort, wie er es hält. . Da zogen die Unterhändler ab. Sie boten eine Truppe von 50 Mann nek>Ü einem Hauptmann auf, die sich zu Schiff nach Groß-Friedrichsburg begaben, um die Festung dem Vertrag entsprechend mit Gewalt zu nehmen. Hinter den Palisaden rührte sich nichts als sie den Berg erklommen hatten und gegen das Tor heranmarschierten. Es war verschlossen. Als sie ungedeckt im freien Feld fast unter den Befestigungen standen, schoben sich aber plötzlich Gewehre aus den Luken, Jean Guny kommandierte mit dem eingelernten branden.- bnrgischen Kommando: „Gebt — Fönet I" und eine Salve pral- selte unter den Holländertrupp, daß von den fünfzig Mann nur einer schwer verwundet übrig blieb, der sich zu retten vermochte. Dieser Vorfall, der in den niederländischen Kolonistenkreisen Entsetzen auslöste, war der Auftakt zu einem Kampfe, wie er wohl selten heldenmütiger geführt worden ist. Wohl schrieb man nach Berlin und stellte die Sachlage dar, zumal keine größere -rruppen- macht zur Verfügung ständ, die Verteidiger von Groß-Friedrichs- burg mit Gewalt zu überwinden: aus Berlin, wo sich der Kommandant nichtsahnend aufhielt, kam ein förmliches Dokument, das eine Bestätigung des Kaufs mit allen Rechten enthielt: aoer Jean Guny lehnte es ab. Er bestand auf seinem Ver prechen und wich nicht ab von ihm. Und wenn auch von Monat zu Monat andere Truppen vor der Befestigung erschienen, er hatte Pulver genug und machte Beute, er hatte Soldaten genug und wenn er sie aus dem entferntesten Urwald holen mußte. Er kämpfte. Mit jedem Schiff, das in die Bucht kam, hoffte er auf den Kommandanten, dem er die Festung übergeben konnte. Die Palisaden waren rundum mit den Schädeln der Erschlagenen behängt. Der Platz vor den Wällen war ein Kirchhof geworden. Immer wieder griffen die Holländer an. Aber so sehr e-> für sie zur Ehrenpflicht geworden war, den Negerhaufen zu überwältigen, ebensosehr wuchs auf der anderen Seite der Widerstand. Und wenn sie auch eingekreist waren, - es gelang den schwarzen Truppen Jean Gunys immer wieder, den Gürtel der Belagerer zu durchbrechen. Aus dem Urwald kam Zustrom. Es schien, als ob dieser Platz an der Küste zur ewigen Kampfstatte zwischen Weißen und Schwarzen geworden wäre. Und dennoch ging der Krieg nur um die Flagge Brandenburgs, um die wörtliche Erfüllung eines Versprechens, um ein Ehrenwort zwischen einem schwarzen Ehrenmann und einem Weißen. Der Kamps wäre beendigt gewesen hätte man den Kommandanten zur Stelle geichasft. Daran dachte niemand, weil man, wie man damals sagte, den Krieg „mit eigenen Mitteln" zu beendigen hoffte. So tobte der Kampf sieben. Jahre, ein wilder, aber mit Ruhe geführter Verte>dlgungskampf der schwarzen Rasse, der sich nur auf die Festung beschrankte, der aber den Umkreis mit Blut durchtränkte. Da gab ein Wort, ein hingeschleuderter Satz den Au»)chlag. April. Von Theodor Storm. Das ist die Droflel, die da schlägt. Der Frühling, der mein Herz bewegt: Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen. Das Leben fließet wie ein Traum — Mir ist wie Blume, Blatt und Baum. Oer brandenburgische Neger. Erzählung von Otto Rombach. Während in Berlin einige Herren von der Holländisch-West- iudischen Handelsgesellschaft den Kauf der Kolonie Groß-Friedrichsburg durch ihre Unterschrift vollzogen, stand aus dem Wall liefet afrikanischen Festung noch ein einziger weißer Soldat als Besatzung: der Kommandant. . , , Die Geschichte der Erwerbung dieser Kolonie ist eine Geschichte für sich. Was vor wenigen Jahrzehnten mit großer Umsicht und Begeisterung begonnen worden war, zerfiel. Der große Kurfürst war tot, und Benjamin Raule, der neben der brandenburgischen Flotte die Besitzungen in Afrika geschaffen hatte, war ißm gefolgt. Die Kolonie im schwarzen Erdteil, im letzten Augenblick vor dem Angriff niederländischer Kaufleute erworben, galt in Berlin als Belastung des Staates, die man gern los geworden wäre und die immer mehr an ihrem Wert verlor: von 40 000 Pfund Sterling, die Friedrich Wilhelm I. verlangte, ging die Forderung auf 200000 Taler herunter. Um 4000 Dukaten fand sich ein Käufer, die Holländisch-Westindische Handelsgesellschaft. Denn die zwölf Mohren- jungen, die der König als Draufgeld zur Bedingung machte, — sechs von ihnen sollten mit goldenen Halsbändern geschmückt sein, - diese zukünftigen Trommler und Pfeifer fielen kaum ins Gewicht. Fünf Eisenstangen galt ein Mohr im Tauschverkehr. — „Mit Güte oder mit Gewalt", sah der Vertrag vor, sollte Groß- x-riedrichsburg unter die Flagge der Holländer kommen, ein Passus, der wichtig war, weil man nicht wußte, wie es an der hioldküste stand. An diesen Punkt des Vertrages knüpften sich furchtbare Folgen. In Groß-Friedrichsburg wehte noch immer das Banner von Brandenburg über den Urwald. Ein Mann nach dem andern war lern Klima, dem Fieber, den Entbehrungen zum Opfer gefallen. Leit Jahrzehnten hatte kein Schiff mehr aus der Heimat Anker «eworfen in der Bai. Die Heimat besaß keine Schiffe mehr. Das (seid war ausgegangen in der Kolonie, die Verpflegung versagte, zu schweigen von dem Mangel an Medikamenten, von der Mutlosigkeit, die eingekehrt war. Nur Pulver, Gewehre und Kugeln waren noch da, ein paar Festungsgeschütze, ein Kommandant, der in zermürbten Kleidern, die ihm vom Leibe fielen, fast selbst wie ein Wilder herumlief, der Tag für Tag und Jahr für Jahr keinen endeten Menschen sah, als Neger, der von der hoch gelegenen Festung aus übers Wasser starrte und mit jedem Schilf am Horizont Hilfe erwartete. Sie blieb aus. In Brandenbnrg, das zum Königreich Preußen geworden war, hatte man anderes zu tun: Schlesien war zu erwerben und zu erhalten, wichtiger als der Urwaldboden in Afrika war das eigene Ackerland, das unter den Kriegen gelitten hatte: es galt, dem Bauern zu helfen. Anstatt einer Flotte baute man* die ersten loründungen einer bisher kaum nennenswerten Industrie aus. birotz-Friedrichsburg war vergessen. Der Name des Kommandanten, der dort auf verlorenem Posten stand, ging unter, genau so unmerkbar, wie diese letzte Kolonie für Brandenburg unterqing. Er ließ die schwarzen Wachen auf- marschieren, drillte sie, obgleich kein Gegner zu befurchten war. Die Hollander saßen friedlich in ihren Kolonien in der Nachbarschaft und füllten ihre Schiffe. Freibeuter und Schmugglet, die euch hier ihr Unwesen trieben, vermieden die brandenburgische Bucht, in der für ungezählte Siedler, Handelsleute, Pflanzereien unb Lagerhäuser Platz gewesen wäre. Es kamen weder Schiffe, roch Soldaten, weder Händler, noch Kolonisten. . t „ An ihrer Stelle erschienen die Abgesandten der Handelsgesellschaft, um ihre angekaufte Festung einzunehmen. , Aber wenn auch der Verkauf in Berlin mit sachlicher Schlichtheit vor sich gegangen war, — dieses Ende der Kolonie hat trotzdem einen dramatischen Ausgang und Ausklcmg bekommen, wie es niemand ahnte. Es ist kaum bekannt geworden, weil man tn Meder einmal war ein Unterhändler mit weißer Flagge erschienen, der auf die Verschanzung hinaufrief: „Ich habe mit Jean Guny im Namen seines Kommandanten zu sprechen!" Der Negerkönig erschien hinter der Deckung. „Dann sollen deine Leute ihre Waffen niederlegen." Sie taten es, während er selbst seine besten Schützen neben sich hatte, die ihre Gewehre im Anschlag hielten. „Groß-Frteörichsburg", rief der Verhandler hinauf, „ist an uns verkauft, wie Siegel und Schriften beweisen. Der König von Preußen hat den Verkauf bestätigt." Von oben kam die Antwort: „Wenn ihr nichts anderes auszurichten habt, zieht euch zurück, sonst lasse ich feuern!" „Ich habe dir zu sagen", rief der Niederländer, „daß dein Kommandant nicht mehr kommt und daß du die Flagge einziehen sollst!" „Das tue ich nur, wenn er selber es sagt!" „Er kann nicht mehr kommen, weil er tot ist!" Das war eine Lüge des Unterhändlers, zu der er griff, weil er die Aussichtslosigkeit, auf diesen Kommandanten zu warten, nicht besser deutlich machen konnte. Diese Nachricht verfehlte ihren Eindruck nicht. Jean Guny hatte gezuckt. Wie ein Blitz war dieses Wort in ihn gefahren. Er stierte angstvoll vorgebeugt herunter, erwartend, daß der Unterhändler weiterfahre. In seinem Gesicht kehrte der innere Aufruhr wieder, den er zu verbergen suchte, der ihn aber so erschütterte, daß er sich schwankend zu seinen Begleitern umwandte, fassungslos nach Worten und nach Haltung suchend und erst dann wieder wie gebrochen an seinen Platz trat. Vielleicht sah er den Irrsinn seines Kampfes vor sich, sieben Jahre Angriff und Verteidigung, Blut und Tote, immer wieder unterbrochen durch die Ruhepausen, in denen die Holländer neue Truppen heranschafften. Immer wieder hatten sie Dutzende, im Laus der Jahre Hunderte vor ihren Wüllen niedergestreckt, hatte man Tote be- gr/rben und ihre Köpfe aufgespießt oder den Vorhof der Festung damit gepflastert. Wenn es wahr war, daß der Kommandant gestorben war, ist alles umsonst gewesen, ist das Papier, der Vertrag vielleicht richtig. Diese Nachricht warf alles um. Es war niemand mehr da, dem er die Flagge übergeben konnte, die unverändert seit seiner Abfahrt über der Festung wehte, die nur ein wenig zerfetzt war, die ihm aber anbesohlen war, die er grüßen ließ, um die er kämpfte. „Wenn du weiter kämpfst", nützte der Unterhändler den erschütternden Eindruck seiner Worte aus, „wenn du noch einen Schuß abgibst auf uns, so müssen auch die besten Freunde deines Kommandanten glauben, daß du nicht für ihn, sondern für dich kämpfst!" „Schießt doch!" schrie Johann Guny und widerrief seinen Befehl im gleichen Atemzug. Wut hatte ihn gepackt. Er schwankte. Er hielt sich mit bebenden Händen an den Palisaden fest, unfähig, eine Antwort zu geben. Er winkte nur. „Morgen", brachte er schließlich hervor, „morgen gebe ich euch meine Entscheidung. Zieht euch zurück." Dann traten seine Schützen wieder an die Schießscharten. Aber es fiel kein Schutz mehr. — Am nächsten Morgen, als die Holländer sich erneut der Festung näherten, war das brandenburgische Banner vom Fahnenmast verschwunden. Die Festung war leer. ' Jean Guny, der letzte Verteidiger und Offizier der ersten und letzten kurbrandenburgischen Kolonie hatte die Fahne mitgenommen auf seinem heimlichen Abzug in den Urwald, aus dem keine Nachricht mehr über ihn drang, genau so wenig, wie aus Preußen eine Nachricht seines Kommandanten zu ihm dringen konnte. 3m Hotel zur schönen Helena. Bon Hans Trübst. M y k e n ä. Ursprünglich hatte ich in Argos bei „Agamemnon & Menelöos Nachf." Nachtquartier nehmen wollen, aber ein Herr aus Steglitz — merkwürdig: alle Vergnügungsreisenden, denen man im Auslande begegnet, stammen entweder aus Steglitz oder aus Sachsen — also dieser Herr aus Steglitz, mit dem ich ganz- „zufällig" in der kleinen Bimmelbahn, die täglich ein paarmal die Strecke nach Nauplia über Argos—Mykenä nach Korinth abklappert, im Abteil zusammengetroffen bin, rät mir dringend von einem Besuch der Stadt Argos ab. „Gar nix los dort! Paar alte Steine wie in Thyrins, die Sie sich vom Kupsfenster aus viel bequemer besehen können. Dafür aber Mykenä! Unbedingt „mitnehmen"! Fabelhafte Sache: Löwentor, Kuppelgräber und dann ... der Clou vom Ganzen: Das „Hotel zur schönen Helena"! Müssen Sie auf alle Fälle gesehen haben! Klassisch, sage ich Ihnen, Demetrius heißt der Wirt, Helena die Tochter, Orest und Agamemnon die Söhne ... können sich ungefähr vorstellen, wie es dort zugeht. Trinken Sie ordentlich Mykenä-Wein und grüßen Sie den Alten von dem Herrn aus Steglitz, dann werden Sie pikfein ausgenommen werden!" „Gemacht!" Ich habe also Argos schwimmen lassen und dafür die „schöne Helena" besucht. Schade, daß ich so unmusikalisch bin... „Im Hotel zur schönen Helena" — das wäre doch eigentlich ein ganz hübscher Anfang von einem Schlagertext, mit dem sich heute soviel Geld verdienen läßt. Oder „Ich weiß in Mykenä ein kleines Hotel" ... klingt auch nicht übel. Also, um es gleich vorauszusagen: der Herr aus Steglitz hat nicht übertrieben; wenn Herr Offenbach noch lebte und dies Hotel gekannt hätte, er würde an Ort und Stelle zu seiner entzückenden Operette noch tüuu bejoudere» Schlußakt hinzukomponiert haben. Station Mykenä ist ein kleines, einsames Steinhäuschen, in welchem ein einziger Beatnter sämtliche Funktionen versieht, wie sie der Betrieb einer eingleisigen Bahn auf einer Bimmelbahnstrecke erfordert. Zwanzig Minuten davon, auf sehr guter Chaussee zu erreichen, liegt auf einem sanften Hügel des Mykenä: einige dreißig wild durcheinanüergebaute, winzige, weißgetünchte Lehmhäuschen, auf einem armseligen, steinigen Fleckchen Erde, von wo einst eine 3099jährige Kultur ihren Ausgangspunkt genommen, dann gewiße Gipfel erklettert hat, um schließlich hier, im ewigen Kreislauf wieder auf ihr Ausgangsniveau herabzusinken. Hohe, kahle Berge schließen die unter der Sonnenglut zitternde und flimmernde Ebene ein. Der billettverkaufenöe, weichenstellende Stationsvorsteher weiß natürlich sofort Bescheid, um was es geht, unaufgefordert zeigt er den Weg zum Kyrios Demetrius: „Dort oben, links an der Straße, das rotgemalte Haus, das ist es!" Halbwegs lauert mir ein kleiner Junge auf und bietet mir für fünf Drachmen garantiert echte, dreitausend Jahre alte, buntbemalte Tonscherben an. Sie sind zwar augenscheinlich 2999 Jahre zu Jung, aber immerhin, wenn man später zu Hause erzählen kann: „Das habe ich in Mykenä gefunden, Sie wissen doch, wo sich seinerzeit die bekannte Skandalaffäre abgespielt hat ... Klytäm- nestra, Aegisthes, Agamemnon und so ..." meinen Sie nicht auch, daß das Eindruck macht? Noch ein paar Schritt: Aha! Da ist es ja schon! Das kleine Hotel in seinem verschwiegenen Eckchen ... augenscheinlich einziges und „bestes Haus" am Platz. Hm! Sehr hübsch! Einstöckig, kleiner Balkon, rotgetüncht, mit hellblauen Fensterläden, die in grasgrünen Füllungen hängen. Quer über die ganze Vorderfassade, mit mächtigen, dunkelblauen griechischen Buchstaben geschrieben: „Renodochion zur Schönen Helena des Menelaos". Darunter, neben der Tür, in kleinen schwarzen Lettern, ein Homervers: Odyssee, Buch I, Vers 125 „Sei gegrüßt, oh Fremdling..." Das ganze Idyll von schattigen Olivenhäumen und roten, übermannshohen Oleanderbüschen eingerahmt — weiß Gott, der richtige Fleck, um im Angesicht der Unsterblichkeit mit der Emsigkeit eines Spatzen einen Becher Mykenäwein nach dem anderen zu leeren. Kyrios Demetrius, ein bejahrter, aus einem Auge erblindeter Bauer, deffen anderes dafür aber doppelt geschäftstüchtig funkelt, macht hocherfreut die Honneurs und stellt die Familie vor. Zunächst Kyria Demetrius, die mal früher sehr hübsch gewesen sein muß, und die die Seele des ganzen Betriebes zu sein scheint. Dann kommen die drei erwachsenen Söhne, die die Rolle von Kellnern spielen. Der erste hat einen gut bürgerlichen, christlich-griechischen Vornamen, wahrscheinlich, weil er zu einem Zeitpunkt geboren wurde, als noch kein auf die Antike versessener Profesior Kyrius Demetrius ihn auf den Gedanken gebracht hatte, den mühseligen Ackerbau an den Nagel zu hängen und dafür den nahrhafteren Beruf eines Hoteliers zu ergreifen. Denn schon der zweite heißt — wahrhaftig — Agamemnon, der dritte Orestes und die Tochter — versteht sich — Helena. Ein schwarzhaariges Mädel von vielleicht 27 Jahren, das ich unbedenklich mit dem Epitheton „hinreißend schön" schmücken würde, wenn es mir hier darauf ankäme, in großen Zügen einen Roman zu entwerfen. So aber wollen wir uns ruhig auch auf die Gefahr hin, die beste „Poengte" zu morden, bevor sie geboren, an die Wahrheit halten: also Helenchen ist sicher einmal genau so schön gewesen, wie seinerzeit ihre Mutter, aber in der heißen Sonne Griechenlands laufen eben die Frauen, wenn sie in die Jahre kommen, entweder auseinander wie Kunsthonig an der Sonne, oder trocknen ein wie die Korinthen. Bitter, aber nicht zu ändern. Wenn das wenigstens die einzige Enttäuschung geblieben wäre! Aber ach! Man erwartet ein sauberes Dorfwirtshaus mit harmlos, natürlichen Wirtsleuten und findet dafür ein Lokal vor, in welchem man schon nach wenigen Augenblicken das peinliche Gefühl nicht mehr los wird, einer der primären Formen des „Nepps" gcgenüberzustehen, der sich notdürftig mit dem Mantel des Originellen verhüllt. Den ganzen unteren Raum nimmt die Gaststube ein, Steinfliesen, Tische und Stühle, sehr gutes Geschirr und Tischwäsche, an den Wänden bunte Reklameplakate, daneben eine Klingersche Radierung, Buntdrucke und Postkarten, jedes Stück dreifach teurer als anderswo. Ein Wandregal, bis an die Decke mit Wein- und Kognakflaschen vollgestopft, englische Konserven in Maßen, dazu eine Theke mit einem — höchst verdächtig — Telephon modernster Konstruktton, das eine Geschäftstüchtigkeit verrät, die seltsam mit der an den Tag gelegten „ländlichen Urwüchsigkeit und unaesuchten Natürlichkeit" kontrastiert. Alle Augenblicke ruft die Mutter mit Stentorstimme nach „Agamemnon" und „Orestes", auch die gewesene Schöne Helena wird mit allen möglichen überflüssigen Aufträgen beehrt. Die beiden Engländerinnen, die kurz nach mir einpassiert sind, finden das alles „wonder- ful“ und „fabelhaft romantifch" — in der Tat, einen telephonierenden Agamemnon in Filzparisern und einen Exportbierflaschen aufziehenden „Orestes" — noch dazu in Mykenä — trifft man nicht alle Tage. „Allakart" kann man bei der „Schönen Helena" nicht speisen, nur „Pangsston" ... ich habe es ja immer schon'gesagt: die Leute in Mykenä haben nicht nur der urältesten, sondern auch des aller- neusten Kulturgeistes einen Hauch verspürt. Man kann „Rostbief" haben, „Tee, Toosts und Tschäm", wie Orestes es nennt. In der gleichen Aufmachung wie in jedem Luxushotel, nur eben etwas teurer. Dafür wird man aber auch sehr aufmerksam von der Schönen Helena bedient. Deren Mutter steht mit unterge^chlagenen Armen dabei und dirigiert. Und als Helena die Schüssel zuerst mir und dann der Gattin, ach der teuren, reicht, wird sie von der Mutter entsprechend eines beßeren belehrt. Aber der kleine Schä- ker weiß auch das schon wieder besser: „Schad nix", meint Helen- chen, „die beiden sind ja verheiratet". Na also... Der urwüchsigste von allen ist dafür Kyrios Demetrius. Er scheint noch aus der alten Schule zu stammen, der guten, soliden ... außerdem spricht er ein schauerliches Kauderwelsch von Neu- und Altgriechisch, das er sich im Laufe der Jahre von den zahllosen „Gebildeten" angewöhnt hat, die nach Mykenä gepilgert sind. „Exi esti poly anemos“ — „draußen ist viel Wind", sprich „Hier zieht's"; man braucht nicht einmal griechisch gelernt zu haben, um das zu verstehen. Zum Nachtisch erscheint Helenchen dann nochmals in einen stilisierten altgriechischen Gewände ... beinahe wie auf der „Alm", wo einem weltfremden, aber gut zahlenden Amerikaner „echtes Land- und Bergleben" vorgeführt wird. Dafür ist der „logarithmos“, die „Rechnung" — man tut gut daran, nicht die griechische, sondern die französische Bezeichnung „La douloureuse“ zu wählen — wieder entsprechend klassisch gefärbt. Aber der Protestierende erfährt zu seiner großen Ueber- raschung, daß es bei der „Schönen Helena" in dieser Hinsicht drei verschiedene Tarife gibt: in der Spitzenklasse rangieren Amerikaner und Engländer, Gruppe 2 umfaßt Deutsche und andere wirtschaftlich Schwache, in Klaffe 3 werden die Eingeborenen eingereiht, die nach Lage der Dinge mit Klassik bereits überfüttert sind und die überdies zumeist ebenfalls Orestes oder Agamemnon Zum Schluß, beim Abschied wird es dann wieder poetisch: Man bekommt eine Rose angesteckt und — natürlich fehlt auch das nicht — das Fremdenbuch vorgelegt. Tausend Namen, Hunderte von poetischen Ergüssen. Wahre Hymnen auf die „Schöne Helena" — ein einziger Gast ist sachlich gebliebe.n: zwei kleine Zeichnungen: links das ländliche „Xenodochion" von heute, daneben das „Grand- K>otel" Schöne Helena von morgen. Mit Springbxunnen, Garagen, Fünf-Uhr-Tee. Daneben die resignierten Worte: „Mykenä — heute, Mykenä —morgen, das ist der natürliche Lauf der Dinge, leider kann's keiner ändern!" Stimmt! Diese Entwicklung läßt sich nicht mehr aufhalten ... leider! Frühling und Kinderspiel. Von Dr. Jürgen Schäfer. Wenn der Frühlingswind die Türen der Häuser öffnet, dann springen aus ihnen als erste jubelnd die Kinder hervor. Der Anblick der schnellfahrenden Wolken und der strahlenden Sonne hoch am Himmel bringt eine Unruhe in ihre Herzen, daß sie der alten Spielzeuge, die ihnen viele stille Tage gedient haben, überdrüssig werden und sie unbeachtet liegen lassen, um ungestüm in die Straßen und Plätze, die Gärten und Wälder der neuersiandenen Welt zu entlaufen. Weil diese Welt aber schwindelnd hoch tn ihrer Helle und von fast unbegrenzter Weite ist, so brauchen sie nun andere Spiele zum Zeitvertreib, Spiele, mit denen sie^den Raum erobern können und die sie stets in Sprung und Trab, in Spannung und in Atem halten. Laufen, Fangen, Springen sind darum die selbstverständlichen Bewegungsspiele, mit denen die jungen aufwachsenden Körper sich den Frühling gewinnen, und Bewegung ist das innerste Gesetz aller Spielzeuge, die sie dazu eri^hlen. t 3lnfang des Frühlingsspiels der Kinder der Ball, jenes zauberhafte Rund, das der Erde und den Gestirnen gleicht, und das nur des Anstoßes oder des Wurses bedarf, um fvrtzurollen oder sich hoch in die glänzende Lust aufzuschwingen. Er kann auch wieder in die Hände zurückfallen, die ihn hoch empor geworfen haben, und er kann hüpfen, aufspringen und tanzen, wie es dem spielenden Kinde gefällt. So scheint das Ballspiel der Jugend naturnotwcndig zu fein; und es ist auch so alt und jung wie die Kinder der Welt. Schon im Altertum war das Ballspiel bekannt und es ist auch bei den Germanen zu Hause gewesen. Es zählte zu den Volks- und Kinderspielen aller Zecken lange bevor es sich von England aus als Sport die Welt, nicht nur die der Kinder, sondern auch der Erwachsenen, tn den mannigfaltigen Nasenspielen wiedergewann, die heute für alle Körperschulung grundlegend sind. Zwei Arten von Ballspielen, darunter den Fußball, hat man sogar bei den Eskimos gefunden und glaubte annehmen zu müssen, daß die Normannen bei diesem Spiel die Lehrmeister der Grönländer waren. Nun aber weiß man, daß auch die südlich von den Eskimos lebenden Tinne-Jndianer eifrige Ballspieler waren. Und nicht «ur sie, sondern alle Rothäute, mck denen uns also nicht nur unsre Knabenfreundschaft, sondern auch dies Spiel verbindet; Fußball, Fangball, Schlagball, welche ,,-reude bereitet es uns, Winnetou und seinen roten Brudern allen bei diesen Spielen im Geist zn begegnen. Der gleiche Bewegnngszauber ruht im Kreisel, der auch Tau-,knöpf genannt wird, weil er auf der glatten Bodenslache, von der Peitsche angetrieben, zu tanzen versteht. Auch er ist em uraltes Spielzeug; denn Kreisel fand Schliemann bei fernen trojanischen Ausgrabungen, und Kinder mit Kreiseln erscheinen schon auf den Grabbildern der alten Aegypter. Hölzerne Kreisel, denen ganz ähnlich, die heute benutzt werden, land man unter der Lavadecke Pompejis, und man kann im Neapeler National' Museum noch die Kreisel betrachten, mit denen italienische Kinder vor 2000 Jahren spielten. Das Kreiselspiel ist ebemo ein Lieblingsspiel der Chinesen, und auch die Kinder in Birma und Siam knallen lustig mit den Peitschen, die den Kreisel zu munteren Sprüngen antrciben. Die Knaben der Odschibwa-^ndianer stellten ihre Kreisel aus Eicheln und Rüssen her. Auch wir haben dies alv Knaben getan, wenn unsere „Kartoffel", der kurze untersetzte Tanzknopf, oder die „Gelberübe", der zierlich schlanke, ht ein Kanalloch gefallen waren. Und die gleiche Liebe im ganzen tiindervolk erwirbl sich stets aufs neue der dritte König des Kinderspiels: die Murmel. Während das Element des Balls die Luft ist und das des Kreisels die glatte Asphaltfläche der Bürgersteige und der breiten Fahrdämme ist, ist die Murmel in kleinen Gruben auf Saudflächen und im Rinnstein zu Haus. Ueberall kann man die Kinder auf den Straßen mit Murmeln spielen sehen, mit den kleinen Kugeln aus gebranntem Ton, aus Glas oder Stein, die in allen Landschaften andere Namen haben, wie Klicker, Marbeln, Schusseln und Schnellkeulcheii. Es gibt auch verschiedene „Gewichte" unter ihnen, die schnellen, slinken, bunt bemalten Tonkügelchen und die großkalibrigen Schwergewichte, die „Geckser", und über allen diesen jene geheimnisvollen Glaskugeln, in denen haardünne grüne, blaue und rote Spirallinien int Dahinrollen in wechselndem Bild aufleuchten wie die Glassplitter in einem Kaleidoskop. Altägyptische und altgermanische Funde zeigen, daß auch damals schon die Kinder diese Spiele kannten; wie sehr sie sie liebten, geht daraus hervor, daß man sie den Kindern in den Sarg und die Urne mitgegeben hat. Neben diesen ewigen Spielzeugen der Kinder der ganzen Welt sinden wir andere, die zu bestimmten Zeiten — oft in späteren Epochen wiederkehrend — die Kinder erfreuten. Wir nennen von denen, die heute geübt werden, das Reifenspiel, das Seilhüpfen und das „Hickel n". Seltener geworden aber ist dagegen bas Reiten auf Steckenpferden; diese kindlichen Reit- tierchen haben dem Holländer und vor allem dem Roller Platz machen müssen und sind damit ein Opfer unseres technischen Zeitalters geworden. Auch das S t e l z e n l a u f e n, das unsere Vorfahren, wie Bildnisse aus vielen Jahrhunderten ausweisen, als Kinder mit besonderer Vorliebe erwählten, hat dieses Schicksal ereilt. Aber noch heute finden die Stelzen, nicht nur als Kinderspielzeug, sondern als praktisches Gerät zur Fortbewegung in sumpfigen Gebieten Frankreichs Verwendung. In China gibt es Meister int Stelzenlaufen, ebenso in Afrika. Die Negerknaben des Kongogebiets binden sich Stelzen an die Unterschenkel, um sich dadurch größer zu machen; auf Tahiti benutzt man gabelförmige Vaumäste, in die der Fuß gesetzt wird. Die alten Griechen kannten den Wettlauf auf Stelzen auf glattem Steinboden, und wahre Kunstwerke sind die Stelzen der Markesas-Jnsulaner, die aufs kostbarste geschnitzt und häufig mit Relieffiguren versehen sind. Ein anderes, heute ein wenig aus der Mode gekommenes Kinderspiel ist Blindekuh. Es war im alten Rom bekannt, und bei den Ostasiaten wird es genau so gespielt, wie es in Europa Jahrhunderte hindurch unter Kindern und zeitweise auch bei Erwachsenen üblich war. So geht bei uns heute noch der Plumplack um, und nun folgen alle die Fangspiele und Reigen, mit denen sich unzählige alte Kinderweisen in steter Abwandlung verbinden und die durch die Zeiten fortklingen. Jauchzende, lachende Kinderstimmen stimmen sie au, durchaus nicht melodiös abgewogen, aber dafür um so kräftiger und urwüchsiger, und das Schreiten und Tanzen und Drehen gibt ihnen den Rhythmus. Sie gehören zum Frühling wie das Vogelgezwitscher und in ihnen verkündet sich am deutlichsten die ewige Wiederkehr der die Herzen aufschließenden Wenn auch die Kinder an allen Erfindungen unseres Zeitalters mit wachem Verstand teilnehmen und wenn sie auch die modernsten Wunderwerke der Spielzeugindustrie mit viel Sachkenntnis und oft mit großer Meisterschaft zu handhaben verstehen, so behalten doch die uralten Spiele ihre Zauberkraft, wenn sie ihre Formen auch dem Wandel der Zeiten anpassen. Für die unzerstörbare Wirkung dieser Spiele auf das Gemüt der Kinder gibt es die eine und einfache Erklärung: es sind Spiele der kindlichen Freude, die in Zeit und Ewigkeit dauert. Die Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.» (Nachdruck verboten.) Da verlor Gust die Freude an dem geplanten großen Fest. Er beschloß, seine Angestellten durch einen verdoppelten Monatslohn als Weihnachtsgabe abzusinden und mit seiner Fran während der kirchlichen Festtage stillen Abschied von seinem Hause .in der Hohen Straße zu nehmen. Als Rikelchen ihn bat, ihretwegen doch auch darauf zu verzichten, damit ihr das Herz während der letzten Feiertage nicht gar zu groß in der Brust werde, noch vor Weihnachten mit ihr bas Naus zu verlassen, willigte er ohne Widerspruch ein. Bereits Mitte Dezember fand der Umzug des bisherigen Schuhmachermeisters, Schuhwarenhändlers und Ledergrosststen August Micheelsen statt. Da alle Räume leer waren, kehrte Rikelchen unter dem Borwand, daß sie versehentlich einen Schlüffe! mitgenommen habe — sie wisse nicht von welcher Tür und müsse ihn deswegen selber ausprobieren — noch einmal in ihr verödetes Haus zuruck. Durch alle Räume ging die Trauernde, durch den Laden, das Kontor und die Werkstatt im untern Stockwerk, durch die Küche, die Speisekammer und das Schlafzimmer, durch Jupps Jungen- buöe, die Beste Stube und das Wohnzimmer. Bald begnügte sie sich nicht mehr damit, den leeren Räumen ihren Dank für all das Gute zuzunicken, was ihr in ihnen zuteil geworden war. Sie begann mit ihnen, als ob sie lebende Wesen seien, zu sprechen. Dann genügte ihr auch das nicht mehr. Sie Hub an, die Wände zum Dank zu streicheln. ihr Haus. VII. Als Rikelchen in lenen Raum kam, darin sie am glücklichsten gewesen war, drohten die Kräfte sie zu verlassen. Sie mußte an der Wand Halt suchen. , Da wurde sie inne, daß ihre Wange an der Wand I>er Stube lag, wie sie oft an der Wange Gusts gelegen hatte. Und — ehe sie es wußte, ohne daß sie es wollte — und plötzlich küßte sie schluchzend die Wand ihres verlassenen Wohngemachs. Dann legte Rikelchen den vorsätzlich mitgenommenen Schlüße!, ohne ihn an seinen Ort zu bringen, auf die Fensterbank. Wie ein Flüchtling verlieb die Schuhmachersgattin Friederike Micheelsen So emsig Gust auch suchte, so große Summen er auch bot, es war ihm nicht gelungen, für sich und Rikelchen eine Unterkunft an der Hohen Straße zu finden. Denn deren wenige Wohnhäuser waren — nicht zum geringsten infolge seines wohlgelungenen Beispiels — während des Laufes der Jahre zu Geschäftshäusern umgewandelt worden. Der ehemalige Schuhmachermeister und Lederhandler mußte also mit seiner Frau in die Ackerstraße ziehen. Es war das dritte Haus, in welchem Gust nach langem Suchen die neue Wohnung fand. Nur wenige Schritte hatte man von der Hohen Straße aus bis dahin. Aber das Haus lag in einer Nebenstraße. Die Räume waren heller, höher, geräumiger als in dem ersten Stockwerk des verkauften alten Patrtzierhauses. Aber Gust wohnte mit seiner Frau in dem erst vor wenigen Gahren rohaufgestockten Ziegelkasten zur Miete. Sie wurden als Geldbringer durchaus willkommen geheißen. Aber ihr Hauswirt war ein von früh bis spät lärmender, seine Pferde und Kühe prügelnder Viehhändler, dessen Roheiten Rikelchens Herz schwer bedrückten. Aus dem untern Stockwerk seines Hauses an der Hohen Straße nahm Gust — auf Rikelchens Wunsch — von den zahllosen Dingen, die zu seinem Geschäft gehörten, nur diese mit in die Ackerstratze: Schusterhüker, Schustertisch, Schusterkugel, deren Dreieinigkeit oftmals seine Verzweiflung bei dem Warten auf die ersten Kunden und sein Hochschnellen, sobald die Tür sich bimmelnd öffnete, gesehen hatten. Benutzen freilich konnte man dort, wo sie in der neuen Wohnung stand, diese Schusterausrüstung nicht. Gust hätte sich beim Zurseitereißen des Pickdrahtes beide Musikantenknochen der Ellenbogen an den Wänden gestoßen. Auch fiel in diese Wohnungsecke von früh bis spät kein Sonnenstrahl durch das Waffer der Glaskugel. „Ausgießen!" hatte Gust, als der Umzug durchgeführt war, befohlen. „Die Schusterkugel leerstehen lassen?" zitterte Rikelchens Herz. „Da sie in diesem Leben von mir nicht gebraucht wird — jawohl, leerstehen lassen!" lautet die unbekümmerte Antwort. „Wär' es nach meinem Willen gegangen, Schusterhüker und Schusterstuhl würden in den Ofen, die Schusterkugel auf den Scherbenhaufen gewandert sein. Oben vom Haustritt herunter hätt' ich kurz vor dem Straßenfegen die Kugel in den Rinnstein geworfen und mich beim Klirren des Glases und dem Spritzen des Wassers mit den Worten gefreut: ,War einmal. Vorbei! Vorbei für immer!'" „Gust!" „Ich hab's ja nicht getan. Ich weiß, daß du dich von unbrauchbaren alten Sachen noch weniger als andre Frauensleut' trennen kannst. Meinetwegen mag das Schustergerümpel dort in der Ecke stehenbleiben. Aber Wasser in der Kugel? Unsinn!" Rikelchen blieb bei ihrer Meinung: Wasser gehöre zu einer Schusterkugel wie das Blut zu einem Menschenleibe. Unbekümmert um den Widerspruch und Spott Gusts füllte sie auch in der Ackerstraße die unbenützte Schusterkugel mit frischem Walser, und obwohl die Sonne sie nicht traf, die Lampe mit dem Messingblacker dahinter nicht mehr entzündet wurde, vergaß Rikelchen doch niemals, es rechtzeitig zu erneuern. Wie ein Museumsstück stand der Schustertisch Gusts mit seinem hundertfachen Zubehör, mit dem Schusterhüker davor und der Schusterkugel darüber in der neuen Wohnung. Weihnachten und Neujahr peitschten noch einmal den Spiegel der Tage Gusts und Rikelchens auf. Während der Geschäftsübergabe türmten sich die Lebenswellcn für kurze Zeit bedrohlich rundum Der Käufer konnte mit der vereinbarten Anzahlung nicht zurechtkommen. Schon hatte es den Anschein, als werde Gust aus der Ackerstraße auf die Hohe Straße zurückkehren müssen. „Binnen drei Tagen Geld oder der Kauf ist nichtig und alles geht ohne Entschädigung für die Neuaufwendungen an mich zurück!" bestimmte er. Der Bedrängte fuhr nach Hamburg. „Auf Nimmerwiedersehn!" hieß es Haus bei Haus. Aber weder die Schadenfreude der Stadt, noch die Hoffnung Rikelchens erfüllte sich. Drei Tage später, in allerletzter Stunde, erschien der Käufer mit der ausbedungenen Summe. Woher und zu welchen Bedingungen das fehlende Geld in Hamburg wohl beschafft war, wollte man immer wieder von Gust erfahren. „Weiß ich nicht", antwortete der. „Geht mich auch nichts an. Ich habe mein Geld. Das flnf'ore ist seine Sache." Zwei Wochen später als vorgesehen war, erfolgte die Ueber- gabe Geschäfts an der' Hohen Straße an den Hamburger Herrn . Die Wollen in Gusts Leben wurden länger, flacher, verrannen. Still > kam. Und mit der Stille mar. nur zu bald, Stickluft da. Der Rentier August Micheelsen, wohnhaft Ackerstraße Nr. 3, schlief in den hellen Morgen hinein. Hatte'" er sich endlich doch erhoben und ebenso ausgiebig wie umständlich gefrühstückt, so machte er während des Vormittags die notwendigen sechs Gänge in die Stadt. Die waren, neben drei Dutzend andern, ehemals dem Lehrling zugefallen. Aber obwohl dieser in Minuten damit fertig wurde, brauchte der Schuhmachermeister a. D. Stunden dafür. Denn überall, wo er einen Bekannten auf der Straße traf, stand er schwatzend herum. Und in den Läden berechneten des öfter» die Inhaber, daß der Verdienst, den sie von Gust hatten, in einem sehr schiefen Verhältnis zu der Zeit stand, die sie für Gespräche mit dem beschäftigungslosen Kunden wohl oder übel aufwenden mußten. War, nicht ohne Mühe, die zweite Tagesstation erreicht, die Mittagsmahlzeit, so atz Gust noch ausgiebiger und umständlicher als in der Früh. Aber es wollte ihm oftmals nicht recht schmecken, trotzdem er doch — des späteren Aufstehens wegen — das zweite Frühstück ausfallen lietz. An seinem Appetit konnte es nicht liegen. Der war mit den Jahren gewachsen. Er fand nur eine Erklärung für diese auffällige, bedeutsame Tatsache: Nikelchen gab sich jetzt, wo sie nur für ihn, nicht mehr für Gesellen und Lehrlinge, die Mahlzeiten zubereitete — weniger Mühe in der Küche. Eines Tages machte Gust seiner Frau deswegen Vorhaltungen. Rikelchen widersprach nicht. „Ich will's besser machen!" gelobte sie. Aber es gelang ihr nur für kurze Zeit, den Eßgierigen zufrieden- zustellen. Bald klagte und knurrte Gust beim Mittagessen stärker als vorher. , r Wenn der ehemalige Schuhgrachermeister häufig mit mürrischem, sehr selten nur mit zufriedenem Gesicht vom Tisch aufgestanden war, folgte die wichtigste Handlung des Tages: der Mittagsschlaf. Aber auch mit diesem wollte es Gust nach einem halben Jahr nicht mehr nach Wunsch geraten. Die Schuld dafür lag gleichfalls nicht in ihm, sondern außer ihm. Der Viehhändler kam zur Unzeit mit den Wagen heim. Der Hahn auf dem Hof krähte, als ob er durch jede Mittagsschlafstörung sein Leben um eine Woche verlängere. Die Gänse schnatterten, wie wenn ein Wettschnattern ausgeschrieben wäre. Und die Fliegen — kaum zu glauben, aber wahr! — die Fliegen, die in den Viehställen geradezu gezüchtet wurden, krochen sogar unter die Zeitung, mit welcher Gust zum Schutz gegen ihr Gekrabbel sein Gesicht zudeckte. Stundenlang konnte der Rentier August Micheelsen über die Utv Verschämtheit der Fliegen schelten, zu deren Vertilgung endlich staatliche Maßnahmen getroffen werden müßten. Nach dem Kaffee, bei dem Gust immer häufiger — warum nicht? man hatte ja das nötige Kleingeld dafür — Kuchen verlangte, kam der Lichtblick des Tages: der anderthalbstündige Spaziergang vor das Tor. Man traf Bekannte, wurde gesehen und angeredet, wurde besprochen und beneidet. Dieser Nachmittagsspaziergang fand statt, gleichviel ob die Sonne schien oder ob Wolken am Himmel hingen, ob es regnete oder schneite. Zum Beschluß seines täglichen Spazierganges kehrte Gust im „Gasthof zum Bürgerbräu" ein. Trank einen Kümmel und zwei Glas Vier, nie mehr — nie weniger. Besprach mit den Anwesenden die städtischen Angelegenheiten. Gab seine Meinung über die deutsche Politik zum besten. Spielte zum Beschluß, wenn die Stadtneuigkeiten ausgekämmt waren, Skat um ein Zehntel. Schlag sieben trat der Rentier August Micheelsen in der Ackerstraße bet Rikelchen zum Abendessen an und fragte, obwohl er fast immer wußte, was auf den Tisch kam: „Nun, was gibt es heute denn Schönes?" Nach dem Abendessen saß Gust mit den Nachbarn zu schmauchendem Abendschwatz des Sommers vor der Tür, des Winters abwechselnd am eignen — am fremden, am eignen — am fremden Ofen. Bis neundretvtertel Uhr. Niemals auch nur eine einzige Minute länger. , _ Schlag zehn lag der einstige Schuhmachermeister, der früher über seinem Hämmern oftmals nicht gehört hatte, wenn es Mitternacht schlug, im Bett. Stöhnte über Schlaflosigkeit. Fand in der Tat, während ihm früher die Augen zufielen, sobald er sich neben Rikelchen ausstreckte, auf seinem Lager in der Ackerstraße oft erst gegen Morgen den ersehnten Schlaf. Reichten Herumwälzen und Stöhnen nicht mehr aus, seinem Unmut Nachdruck zu geben, so weckte Gust seine Frau. Und Rikelchen mutzte mit ihm wachen, auch wenn sie kaum vermochte, die Augen aufzuhalten. Denn falls sie trotz angestrengtesten Willens doch einmal in den Schlaf zurttck- sank, entlud sich über sie ein Gewitter wegen ihrer Teilnahmlosig- keit und Herzenshärte. So war Gust, der Siebente des Pantofselmachers Schorsch Micheelsen in den Baracken, nun also in der Ackerstratze, wie man ihn und seinesgleichen allgemein hämisch nannte, „Heringsbaron",' wie es auf den ankommenden Briesen hietz, „Rentier". War es Tag für Tag. Rikelchen blieb, abgesehen von dem Mittagsnickerchen, zu dem sie sich auf Gusts Drängen schlietzlich bequemen mutzte, auch jetzt von früh bis spät nicht eine Minute lang ohne Arbeit. Sie lehnte die ihr wiederholt angebotene Hilfe einer Morgenfrau zwar mit freundlich dankenden, aber unbeirrbaren Worten ab. Sie wusch, obwohl Gust immer wieder wegen dieser Unsinnigkeit schalt, ihre Wäsche selber. Sie putzte, fegte, wischte, kochte. Sie tat häufig zehnmal, was — genau betrachtet — schon beim erstenmal geschafft war. Drohten dennoch arbeitsleere Stunden, so fehte sie sich ans Fenster, nähte, hakelte, stickte, strickte. Keine Unnüülich- keiten. Wohl aber vieles, was sich nur in ihren Schubladen, nicht in ihrem eignen Leben »nterbringen lieh. IFortlevnng folgt.» Heran wörtlich: 0r. Hans Thyriot. — Druck und Derlag:Brühl'sche Universitäts-Buch» und Sleindruckeret. B. Lange, Gießet».