Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang 195^ Freitag, -en 25. März Nummer 25 Oie tiefste Liebe. Von Ruth Schaumann. Verlaß mich nicht! Wird je der Mond verlassen Die dunkle Erde, wenn er sich erneut? Verlaß mich nicht! Kann je das Gold erblassen, Das jener Heilige in den armen Gassen Aus seinem blauen Mantel ausgestreut? Vergiß mich nicht! Vergißt der Hirt die Herden, Wenn er den Wolf von seiner Hürde treibt? Vergiß mich nicht! Wird je vergessen werden, Was ein Gebet im Himmel und auf Erden Mit Tränen in das Buch der Engel schreibt? Verlier mich nicht! Es war ein Sohn verloren Und fand sich heim, nie ging er wiederum. Verlier mich nicht! Ich bin für dich geboren, Für dich bin ich der Bettler vor den Toren, Dich einzukleiden als ein Lamm geschoren — O still! Die tiefste Liebe liebt sich stumm. Ou und Angela. Von K. H. W a g g e r l. Gestern noch waren die Felder öde und wüst, Haus und Garten eine gottverlassene Insel im frostigen Nebel. Aber schon in der Nacht hörtest du den Wind aus dem Dach lärmen, e-> wurde hell in deiner Kammer, und am frühen Morgen stieg wahrhaftig die Sonne jungfräulich aus dem dampfenden Wald, -ren ganzen Tag bis du umhergelaufen, die Luft ist stark und wurzig vom Geruch der frischgepflügten Aecker und die Baume blühen. Warum solltest du nicht vergnügt sein und in der Seligkeit dieses Tages ein bißchen vor dich hinsummen, das tun ja auch die Vogel laut genug, die sind wie närrisch hintereinander her. Und es fallt dir ein, daß du vor einiger Zeit einen Brief bekommen hast. Ein kleiner Schlüssel kam da aus der Ferne zuruck, ein Blatt Papier, damals lag dir nicht viel daran. Aber heute holst du deine Schrotbüchse aus der Kammer, du suchst dir ein wenig Essen zulammen, Mehl und Fett und Käse, und auch den Schlussel vergißt du nicht. Gegen Abend stehst du vor der Hütte aus den Almen und hier willst du nun eine Woche bleiben, bis das Jungvieh aufgetrieben wird. Die Schildhähne balzen nm diese Zeit. Du machst Feuer auf dem Herdstein nnd schüttelst den Strohsack aus, man muß wohl auch sonst ein wenig Ordnung machen. Vielleicht blühen schon ein paar Anemonen an der Sonnseite, und das . Fenster sollte einen frischen Vorhang bekommen, dieser hier schließt nicht mehr gut. Was stand auf dem Zettel? „Auf Wiedersehen" stand darauf. Du kochst dein Mus am krachenden Herdfener nnd später sitzt du noch eine Weile vor der Hütte. Aber das bringt dem Herz nicht zur Ruhe, die Einsamkeit, der Glanz des besternten Himmels nber dem Berg, das Rauschen der Luft un alten ^as. Ach, und dem schlagendes Blnt, das alles mischt sich gefährlich tn den schlaf. Fu> Morgengrauen hängst du dein Schießzeng nm und bist wieder unter,vegs. Die Sonne trifft dich schon hoch oben zwischen den Gipfelfelsen, dort hockst du und wartest. Die Wahrheit zu sagen, Schildhähne gibt es da nicht, auch keine Schneehühner, du wirst deine Suppe ungewürzt verdauen muffen. Aber gleichviel, du lehnst die Büchse an den Fels imd streckst dich ans. Ganz uno gar müßig bis du ja "nicht, d„ hast sogar- etwas WnteS im Auge, das Schutzhaus unten in der Mulde. Und dabei denkst du an einen gewissen Morgen im vergangenen Frnhmhr, und daß damals ein prächtiges Stück Wild m dieser Gegend stand em Mädchen, kraus und braun und munter aus Ichlauten Bemen. Aber du vrstehst dich zu wenig auf diese Jagd, ein Jahr verging und es steckt noch immer kein grüner Bruch auf deinem Hut... „Was suchen Sie denn da?" fragte das Mädchen, kraus und braun. „Spielhähne", sagtest du, der bärtige Jäger. Das verstand die Jungfer nicht, man mußte es ihr erklären, Jäger sind artige Leute. Und schließlich war es dir auch erlaubt, neben ihr auf den Steinen zu sitzen und allerlei zu erzählen, dies und das aus deinem rauhen Leben. Das Mädchen hieß Angela, sie wohnte unten im Schntzhaus. Oh, eine herrliche Zeit! Der Frühling auf dem Berg ist nicht wie anderswo, nicht prunkvoll und prahlerisch mit einem Ueber- maß von Blüten nnd Blumen. Er liegt in der Luft, der Berg atmet ihn ans. In der Stille liegt er, oder im Orgelton des Windes über den Klüften, int Schrei der Raubvögel, tm Schleifen und fischen der Hähne, wenn sie ums Morgengrauen über die taufeuchten Böden huschen. Dieser Frühling ist nicht sanft, Angela, kein zärtliches Getändel, er fällt dich mit Gewalt an, nut einem Mal stürzt er dir rauschend ins Blut. Schlaflos liegen in sternhellen Nächten. Unter dem Reisigschirm kauern, wenn tm Zwielicht die Birkhähne raufen. Blitzendes Weiß unter krummen Federn, rasende Liebe, Pulverdampf und Tod, so ist es in federn Jahr. Aber damals lief Angela mit dir auf und ab durch die Almen. Du lagst an ihrer Seite im Beerenkraut, Schneehühner flogen auf, der Habicht stieß vom hohen Himmel nieder tn das Holz. Eine Unmenge Tiere gab es, Hasen und Eidechsen, und feuchtschwarze Molche und ganz fern das Gemswild im Blickfeld des Glases. Spät am Tage, als du allein und traurig warst, holtest du noch Blumen für Angela ans der Wand. „Ach", sagte sie am andern Morgen, „Himmelsschlüffel?" Nein, Peterstainm. Und du zeigtest ihr die Stellen im Fels, wo der Peterstamm wächst. Kann ein Mensch dort Fuß fassen? Ja, ein Mann wie du! Du steigst sogar vor ihren Augen ein Stück hinauf, gestern nahmst du freilich die leichtere Sette, aber gleichviel, nach ein paar Griffen hörtest du Angela rufen, angstvoll holte sie dich zurück. . Gut, wenn es nicht anders sein konnte! Angela, — und was den Peterstamm betraf, so hatte es damit eine eigene Bewandtnis. Es gab einmal ein Mädchen in dieser Gegend, das schlief den Unzen Sommer hindurch allein in seiner Kammer, immer allein. Nacht» klopfte es am Fenster, da stand der Jäger im Mondschein vor der Hütte. „Mach auf!" sagte er. „Ich habe Blumen für dich ans dem Hut. Schweißblumen, wenn du den Riegel aufmachst. Nein, dachte das Mädchen, ich bin mir zu gut. Schweißblumen wachsen nicht hoch genug für mich. In der andern Nacht währte es schon langer, bis der Jager wiederkam und dann brachte er Edle Raute an das Fenster, die wächst viel höher oben, nicht mehr im Gras. „Nein!" sagte die Jungser zum zweitenmal, „laß das Klopfen! Raute wächst hoch, dachte sie, aber nicht hoch genug für wich. Und in der dritten Nacht blieb der Jäger am längsten fort. Sein Hemd war naß von Schweiß und Blut, denn er hatte nach Peterstamm gesucht und so abgründig wie dieser blüht kein ande- Qrciut Allein 'das Mädchen blieb auch dieses Mal hart in feinem Uebermnt. „Peterstamm blüht am höchsten!" rief es durch das Remter, „aber mein Kranz hängt noch höher!' . Da setzte der Jäger alles daran und stieg ein letztes Mal in die Wände, immer weiter hinauf an messerscharfen Graten. Was für ein Kraut wächst wohl am höchsten zwischen Himmel und Holle? Ach, ein bitteres Kraut! _ r . Das Mädchen lag und wachte bis zum Hahnenschrei, niemand klopfte an das Fenster. Da wurde ihr bang, sie lief hinaus und schrie und suchte, vielleicht muß sie nun ihr Leben lang allein in der Kammer schlafen, immer allein. Ja, das mutzte sie wohl, denn der Jäger lag tot auf dem Anger. Und er hatte nichts Grüne» oder Blühendes in der Faust, nur einen Stern, der so hart und taub war, wie das Herz des Mädchens, und alle leine Tranen halfen nicht mehr. Und seither, Angela, seit diesem Tage mutz jedes Mädchen den Riegel offen lassen, wenn es abends Peter- ftamm auf dem Fensterbrett findet... Angela lag neben dir auf der Halde, während du die Geschichte vom übermütigen Mädchen erzähltest. Der Wind zupfte an ifirem krausen Haar, die Augen gingen dir über, io keck war der Wind. Du mutzt etwas wagen, dachtest du. Immer nur tm Grase hocken und Händchen drücken und weithin seufzen, das war ja lächerlich! Aber dann wollte Angela plötzlich nicht mehr bleiben, nein, man mußte endlich den Blumen Wasser geben, behauptete sie. Weil es doch so kostbare Blumen waren! Einen Tag bliebst du allein, em andern Mittag gingst du zum Hüttenmirt, um Tabak einzukaufen. Du nahmst auch einen Schnaps und spater einen zweiten, Hüttenwirte sind nicht sehr gesprächig. Wer wohnt da oben, wo der Peterstamm am Fenster steht? — Eine junge Dame, morgen reist sie ab. So? Hüttenwirte sind auch sonst schwer von Begriffen. Das kommt und geht eben, junge, Dame, alte Dame, ihnen ist es einerlei. Uebrigens war ein Gewitter zu erwarten, es wurde schwül, ein gewisser, metallischer Glanz lag über den Bergen. Auf dem Heimweg trafst du unversehens Angela. Sie stand zwar abseits in den Stauden und war feuerrot vor Schreck, als du sie anriefst, aber du hattest recht gut bemerkt, woher sie kam. Es wurde ein fröhlicher Tag, ach Gott, der fröhlichste von allen, und als die Wetterwolke aus dem Westen hcrankroch, da wart ihr schon weit auf neuen Wegen. Da blieb keine andere Zuflucht mehr als deine eigene Hütte, zufällig traf es sich so. Ja, plötzlich war alles Licht verdämmert, Angela schwieg betroffen und sah sich um. Im gleichen Augenblick prallte der Wind an den Berg, eine fauchende Melle, eiskalt und grob. Es sang und knisterte im Fels, Vögel "schossen schreiend über euch weg. und Angelas Röcke flatterten wie bunte Sturmfahnen auf dem Grat. Unten im Grünen lag die Hütte, ein breites und sicheres Dach, und gar nicht weit, Angela, ganz nahe! „Nein!" sagte Angela. Dann aber griff der Blitz durch die Wolke, ein flammender Arm, und schlug Feuer und Rauch aus dem versengten Gras der jenseitigen Kuppe. Einen Atemzug lang erstarb euch das Herz im Gebrüll des Donners zwischen den Wänden. „O Gott" sagte Angela, sehr nahe an deiner Schulter, und jetzt gab sie dir willig die Hand für den Weg durch das Geröll. Der Regen jagte euch unter die Wetterbäume, Angela nahm deinen Hut und auch den Lodenrock über ihr dünnes Zeug, und zuletzt ranntest du voraus, um die Hütte aufzuschließen. Wenn Angela kam, konnte schon Feuer auf dem Herd brennen, du würdest sogleich einen tüchtigen Topf zusetzen, heißen Tee und Branntwein für das frierende Kind. Draußen wäre Sturm und krachender Donner, und wenn Angela vielleicht noch immer ängstlich war, dann konntet ihr ja auch in der Kammer sitzen, noch nie seit Menschengebenken hat der Blitz in einen Jägerstrohsack geschlagen. Schon unterwegs grubst du nach dem Schlüssel in deiner ^ose, zum Teufel, Pfeife und Feuerzeug und Tabak in allen Taichen, du hattest doch um Gotteswillen kein Loch im Hosensack? „Angela!" riefst du zurück, „hast du den Schlüssel tm Rock?" Ein ganz winziges Schlüsselchen, Angela, aber kostbar! Fünf Zähnchen hatte es, man konnte es wie einen Ring an den Finger stecken, so hübsch und zierlich war das Schlüsselchen. Und ein so prächtiges Unwetter dazu, die Hütte schwamm in Sturzvächen, eine friedliche Arche mitten in der Sinflut, du hattest sogar Lebkuchen eingekauft, nicht nur Tabak, und nun war der Schltiffel verloren! Eine Weile tobtest du wie ein angeschweißter Bär vor allen Lucken, aber das half nicht, Riegel und Gitter hielten stand. Du wolltest die Tür eintreten, aber dort saß Angela auf der Schwelle, nein, hier hatte sie endlich einen trockenen Fleck! Das breite Vordach schützte euch notdürftig, und da hocktet ihr nun, ausgestoßen und sogar um den Apfel betrogen. Das Wetter verfing sich in dem engen Keffel, es zog im Kreis herum mit Blitzen und Güssen, und das mochte in Ewigkeit kein Ende nehmen, Wind und spritzendes Wasser. Vor den Füßen gurgelte ein Bach, Bäche tropften aus deinem Haar, kleine Rinnsale aus den Aermeln des Hemdes. Aber jedesmal, wenn es dich schüttelte, rückte Angela ein wenig näher an deine Seite, und dafür frorst du ja auch aus Leibeskräften. Zuletzt reichte der Rock sogar für beide, es war vielleicht überhaupt am besten, man nahm einander um den Hals. „Gib mir die Hand, Angela", sagtest du, „was hast du da in der Faust?" „Nichts, laß e8. — Frierst du noch?" „Nein, jetzt gar nicht mehr. Willst du wirklich bald abreisen?" „Morgen," sagte Angela. „Leider," fügte sie hinzu. „Aber sie würde wiederkommen? Im Sommer, Angela?" „Ja, vielleicht!" Ach, und so verging eine lange Zeit. Ihre Hand gab dir Angela nicht, die vergrub sie fest in ihrem Schoß. Aber du warst nicht eigensinnig, dafür durftest du sonst allerlei wagen. Wie schnell schlug das Herz deines Mädchens, wie sanft war ihre Wange, dn dachtest an etwas Kühles und Zärtliches, an ein Birkenblatt im Tau. „Anaela" sagtest du, „wenn du wiederkommst, dann blühen die Almrolen, denke dir, alles rot und rot auf unserem Berg!" Der Himmel brach auf und war dein Zeuge, ja, mochte der Schlüssel verloren fein, du hast dennoch ein treues Herz, wie Gold. Und du wirst immer auf Angela warten, ewig. „Immer?" fragte Angela... Aber der Sommer verging, auch der Herbst. Jetzt, im Frühling, blühen wieder die Anemonen auf der Halde, Enzian und Peterstamm im Fels. Du läufst umher auf den vertrauten Wegen. Unruhe und Kummer im Blut. Streifst nm das Hans und fuchst die Fenster mit dem Glase ab, — alte Damen, junge Damen, keine ist wie Angela. Was stand auf dem Zettel? Nus Wiedersehn. Eines Morgens wirst du dein Mädchen finden, kraus und braun, sei nur geduldig. Sie wird irgendwo am Wege fitzen oder unter den Bäumen und auf dich warten. Bei Gott, das wird sie tun! Stein und Hardenberg 1811. Von Walter v. Molo, GDS. In einer verhängten Holzfällerhütte an der böhmischen Grenze sitzen zwei Männer. Ein Kienspan beleuchtet tiefernste Gesichter. Schützend, eng, als wolle er seine Gegenwart hier verheimlichen, hält der Mann am Tisch den dunklen Nadmantel, der ihn bis zu den Knöcheln deckt, unter dem Kinn zusammengerafft,- mit breiten, eckigen Schultern aufgespreizt, eine Reitkappe auf dem trotzigen Kopf, in kurzem Reitrock, Reitstiefel an den Beinen sitzt in der Ecke auf dem Holzklotz der zweite Mann. Unruhig, wartend, ehrerbietig scheu sind die klugen Augen des vornehmen Herrn am Tisch auf seinem Geführten. Prüfend. Der Kienspan knistert,- er läßt Funken nnd Asche auf den gestampften Lehmboden fallen. „Verhärten Sie sich nicht zu sehr, lieber Stein", bittet der Mann am Tisch. „Seine Majestät hatte keinen anderen Ausweg, wollte Sie nicht auch Schlesien abtreten. Wir waren nicht imstande, die fällige Rate der Kriegsentschädigung zu bezahlen." Verzehrende Erbitterung leuchtet in Steins Blick,- Stein erhebt sich. „Ich schlug seinerzeit ein Bündnis mit Frankreich vor", spricht Stein, „um offen rüften zu können! Unsere Truppen sollten gerüstet zu Oesterreich übergehen! Ihr aber, ihr mit eurem Kadavergehorsam, ihr werdet jetzt dem Napoleon die russischen Kastanien aus dem Feuer holen ... und bann übler daran sein als jetzt! Gut!" spricht Stein. „Tut, was ihr nicht lassen könnt, fechtet als Napoleons Soldknechte gegen Rußland, macht eure Schmach voll! Warum", sagt Stein, „da alles beschlossen nnd besiegelt ist, warum bestellten Sie mich hierher? Glaubten Sie von mir ein Einverständnis mit Ihrem wahnsinnigen Handeln zu erreichen?" „Ich habe Sie hierher gebeten, lieber Herr vom Stein, weil ich wissen muß, weshalb Sie nach Rußland gehen? Was Sie dort zu tun gedenken?" „Wer wird das preußische Hilfskorps führen? Ist es ein Gegner von mir?" „Ja." „Wer ist es?" „York." Stein atmet auf. „Wo ist Blücher?" fragt er. „Seine Majestät hat dem Herrn General Blücher ein Gut in Schlesien geschenkt. Auf meinen Vorschlag hin, Herr vom Stein! Blüchers Heftigkeit war öffentlich nicht mehr zu decken." „Scharnhorst ist auch in Schlesien?" „Ich bin überrascht, wie gut Sie über alles unterrichtet sind?!" „Ist es wahr, daß Sie' Gneisenau nach England sandten?" „Herr von Gneisenau hat mir von seiner Absicht, eine Studienreise nach England zu tun, Mitteilung gemacht." „Ist Ihnen bekannt, daß Scharnhorst den Kriegsplan für den Zaren ausarbeitet?" „Ich habe solches gehört." „Wie stehen Sie dazu?" „Ich zweifle nicht, daß alles, was Scharnhorst tut, Hand und Fuß hat." „Warum, wenn Sie so denken, haben Sie alles vernichtet, was ich zur inneren Befreiung unseres Volkes anfing? Wo ist die Nationalrepräsentation? Warum ist den Freigelassenen kein Land zugewiesen? Sie haben nichts von dem durchgestthrt, was ich Ihnen in meinen Briefen ewig und ewig befahl? Warum?" „Sie sehen die Sachen leichter an, lieber Herr vom Stein, als sie sind. Die Ritterschaft und die Beamtenschaft sind geschloffen gegen jede neue Verfügung, sie fallen jeder Neuerung in die Arme." „Warum sperren Sie die Schufte nicht zu Wasser und Brot? Es wäre sehr leicht neroefen, Herr von Hardenberg, Ordnung zu schaffen! Wenn eine Negierung etwas will, dann setzt sie es durch! Jede Regierung, die Gutes will, ist stark! Ihr habt die Stunde verpaßt!" „Es ist meine Pflicht, Herr vom Stein, die Dinge real anzusehen. Es steht anders zuviel auf dem Spiel." „Ihr hättet das Volk freimachen können", spricht Stein, „durch eure Schuld wird es ans unseren Gräbern noch einmal blutig um fein Recht kämpfen müssen!" Stein zieht den Nock straff; er dreht sich und macht sich fertig, aus der Hütte zu gehen. „Ich werde meine Pflicht tun", spricht Stein, „ich werde jetzt gegen euch kämpfen! Paßt gut auf euer Hilfskorps unter York auf!" „Lieber Stein!" bittet Hardenberg bestürzt. „Ich bin hier mit Wissen des Königs! Wir mußten das Bündnis eingchen! Wir waren dazu gezwungen! Machen Sie uns keine Opposition! Hätten wir das Bündnis nicht geschlossen, so wären die französischen Truppen als Feinde durch Preußen gezogen! Sie hätten uns vernichtet! Jetzt, da die Franzosen offiziell als Bundesgenossen durch Preußen ziehen, glaubt das Ausland, es sei unser freier Wille! Wir erhielten dadurch wieder Kredit! Wir können, Stein, aus die Meinung des Auslandes nicht verzichten! Wir können nicht allein stehen! Wir sind durch unsere geographische Lage vom Auslande abhängig! Es war ja der Fehler im letzten Krieg, daß wir so ganz ohne jeden Bundesgenossen gegen Napoleon standen!" „Deswegen reise ich zum Zaren! Ihr werdet nicht mehr lange allein fein!" Stein dreht den Kops, er sieht zur Türe, warnend bebt er die Hand. Vorgeneigt lauschen sie in die Nacht hinaus. Der Wind faucht durch die Tannen. „Nichts", sagt Hardenberg heiser nach einer Weile. „Lieber Herr vom Stein, glauben Sie mir: Seiner Majestät steht das Wohl des Volkes zu höchst!" Stein wendet sich zur Türe; er greift in die Brusttasche seines Nockes und zieht eine Pistole hervor, er spannt deren Hahn; Hardenberg weicht in den Hintergrund der Hütte zurück. Die Pistole znm Schuß erhoben, öffnet Stein die Brettertüre. Vorsichtig späht er in die Sterncnnacht. „Herr Boettcher", spricht eine Stimmt, „Sie müssen sich zu Pferd setzen! Die Gendarmen fahnden auf dem Reitweg auf Sie!" Stein wendet sich. „Gehen Sie zu Ihrer Kutsche, Hardenberg", gebietet Stein. „Sie können in fünf Minuten über der Grenze sein. Ich kann hier nicht bleiben! Der da draußen ist ein Kämpfer von Aspern, der verrät Sie nicht." Herrisch, in wilder Leidenschaft faßt Stein Hardenbergs Handgelenk, er schüttelt es zornig hin und her. „Handeln Sie! Von dem Tag an, da ich im russischen,Hauptquartier bin, hat der Entscheidungskampf für Deutschland mit aller, mit der letzten, mit der äußersten mir zur Verfügung stehenden Kraft begonnen! Deutschland wird frei! Ich scheue vor nichts mehr zurück!" Stein reißt den Kienspan aus der Wand, er wirft ihn zu Boden und tritt die Funken aus. „Der Kampf gegen Englands Despotismus kaun nur von gläubigen Völkern geführt wer- öcn", spricht Stein. „Napoleon konnte ihn nicht führen, er verfiel in die Fehler Englands, er muß weg! Kommen Sie!" Stein tritt in die Nacht hinaus, betroffen folgt Hardenberg. In der Ruhe des hohen Nachthimmels, im silbernen Sterngefunkel über ihnen leuchtet rätselhaft der Komet. Ein Nachtwächter singt am Ende eines fernen Dorfes: „Was Gott, der Herr, erschaffen hat, das will er auch erhalten, darüber wird er früh und spat mit seiner Gnade walten!" Eine Sternschnuppe kreist lautlos fallend durchs Himmelszelt. Unerschütterlich grell leuchtet der Komet. Das Kirchenbuch, die wichtigste Quelle der Familieuforschung. Von Privatdozent Dn W. K. Prinz von Isenburg. Die Familienforschung hat im nationalsozialistischen Staat eine ungeahnte Bedeutung erlangt und wird in Zukunft auch in der Schule gepflegt werden. Unsere Leser wird daher die „Einführung in die Familienkunde" von Prinz von Isenburg, der wir den nachstehenden Abschnitt entnehmen, lebhaft interessieren. (Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig. Preis 1,80 Mk.) Die Kirchenbücher enthalten die Hauptdaten der Standes- bokumente, also Taufe, Vermählung nebst vorhergegangener Verkündigung und Tod bzw. Begräbnis. Ferner bringen sie die Listen der Firmlinge, Konfirmanden und Abendmahlsgäste. Der Quellenwert der Kirchenbücher besitzt fast urkundlichen Charakter. Nur selten weisen sie Abweichungen von der Wahrheit oder Verschleierungen auf. Manche, besonders ältere Kirchenbücher kleinerer Gemeinden enthalten oft ganze Chroniken, auch ganze Genealogien ortsansässiger Geschlechter, so daß man ein lebendiges Bild vergangener Menschen und Ereignisse erhalt. Da die Kirchenbücher von den jeweiligen Geistlichen geführt wurden, und diese sich auf die ihnen gemachten mündlichen Angaben verlassen mußten, besitzen sie nicht den gleichen Wert wie die heutigen Standesregister, die sich in ihren Angaben auf die Vorlage amtlicher Dokumente stützen. m , r Die Eintragungen erfolgten in chronologischer Reihenfolge, jedoch getrennt nach den drei Amtshandlungen der Taufe, der Vermählung und des Begräbnisses. Entweder wurden drei verschiedene Bücher angelegt, oder man vereinigte sie tn einem Bande. Nicht selten wurden die Eintragungen teilwene vorne und teilweise rückwärts in einem einzigen Bande verzeichnet. Das Suchen nach bestimmten Namen wird durch ein Register wesentlich erleichtert, das aber sehr oft nicht vorhanden ist. Sehr zu beachten sind die Namen der Paten der Getauften, woraus wichtige Schlüsse auf die verwandtschaftlichen Beziehungen der Eltern gezogen werden können. Einträge über Angehörige solcher Religionsgemeinschaften, die am Ort kein eigenes Pfarramt hatten, stehen in den Matrikeln der nächstliegenden Kirche ihres Bekenntnisses. Es kommt aber auch vor, daß diese kirchlichen Amtshandlungen in den Matrikeln der anderen Konfession verzeichnet sind. Für Soldaten wurden besondere Militärkirchenbücher "" Für^die Praris der Kirchcnbuchforschnng seien einige Winke gegeben. Die Eheschließung fand in der Regel am Wobnort der Frau statt. Ein neugeborenes Kind erhielt oft den Vornamen des vor ihm verstorbenen Bruders oder der Schwester. Dies ist zu beachten, wenn etwa zwei Kinder eines Ehepaares den gleichen Vornamen führen sollten. Totgeborene und solche Kinder, die in den ersten Lebenstagen verstorben sind, stehen oft nur in einem Kirchenbuch, also im Tauf- oder Begräbnisbuch, vielfach nur im letzteren. Die Eintragungen über uneheliche Kinder stehen gelegentlich auf dem Kopf. Allgemein ist vor allem der Unterschied zwischen Geburt und Taufe, Tod und Begräbnis zu beachten. Oft ist nur die kirchliche Handlung eingetragen. Die Nichterwähnung einer kirchlichen Handlung ist kein zwingender Beweis dafür, baß sie überhaupt nicht stattgefunden habe. Kriegszciten, Tod des Pfarrers oder sonstige Umstände können eine Eintragung unmöglich gemacht haben, sie wurde auf geordnete Zeitläufte verschoben, dann aber vergessen. Oft konnten auch die Gebühren für eine Eintragung nicht bezahlt werden, und so unterblieb sie. Bei der Benennung der einzelnen Monate ist auf die abgekürzte Form 8 bris = oetobris; Oktober zu achten. Sie bedeutet in diesem Fall den 10. und nicht den 8. Monat. Entsprechend verhält es sich bei September, November und Dezember. Einen nicht wieder gut zu machenden Schaden richtete der Dreißigjährige Krieg in Deutschland an. Er vernichtete zahllose Kirchenbücher, so daß es heute in vielen Fällen unmdgNch fit über diese Zeit hinaus ältere Abstammungen nachzuweisen. In der Regel werden die Kirchenbücher in den zuständigen Pfarrämtern aufbewahrt. Aeltere Register finden sich auch auf den Bürgermeistereien, Gerichten und Standesämtern. Viele Kirchenbücher sind den zuständigen Staatsarchiven abgeliefert worden. Es besteht keinerlei Zentralisierung, so daß ein Forscher niemals von vornherein weiß, welche Stelle die zu seiner Untersuchung notwendigen Bücher verwahrt. Viele sind schon durch unsachgemäße Behandlung und Aufbewahrung zugrunde gegangen. Manchen Schwierigkeiten begegnet der Forscher bei der Entzifferung der alten Einträge. Nicht selten ist die Gefahr der Lesefehler, besonders bei Namen. Die Schreibweise der Familiennamen unterlag ebenfalls verschiedenen Einflüssen, so daß verschiedene Formen für ein und denselben Namen häufig sind. Jn- solge der Unleserlichkeit mancher Handschriften ist eine gewisse Kritik geboten. Es sind Bestrebungen von amtlicher Seite im Gang, diese Dokumente der Vergangenheit zu schützen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Man will alle Einträge durch Photokopien festhalten und damit ihren Quellenwert sicherstellen. Die so entstehenden Riesenkarteien können der Zusammenstellung von Stammtafeln eines ganzen Volkes dienen und die Ausarbeitung von Ahnentafeln wesentlich erleichtern. Knabenlust. Bon Johann Georg Fischer. Horch, Märzenwind und Lerchenschlag, Und keine Schule den Nachmittag! Die Füße ohne Strumpf und Schuh, Auf trocknem Weg den Wiesen zu! Zum Nesterbauen und Veilchenblühn, Zu Palmenweiden und Ostergrün! — Und spielende Mägdlein an dem Rain, Die möchten wohl unsre Gesellen sein. — Die Felsen empor! wo der Wildbach braust, Daß den Mägdlein vor Schrecken und Freude graustl Die Schusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Uber wenn aus Mann und Frau, die ihr da ins Haus schneiten, beharrte Fiek Micheelsen bei ihrer Ablehnung, nach und nach auch zwölf würden, wie es dann mit dem Platz sei? Mit dem Platz für dreizehn? Rikelchen erhob sich von ihrem Stuhl neben der Tür. Sie bedeutete Gust mit erzwungenem Lächeln: Was er und seine Mutter sich zu sagen hätten, sprächen sie wohl am besten unter vier Augen ans. Wenn es ihm recht sei, dann sehe sie sich derweil das liebe alte Häuschen und dessen Umgebung an. Er könne sie ja rufen, sobald sie mit ihren Ahmachungen fertig wären. Gust nickte. Und Rikelchen ging. Als seine Frau draußen war, fiel es dem in der Stube Zurückgebliebenen hart auf das Herz, wie schwer der Gang durch die auf Schritt und Tritt glotzäugig starrende Fremdheit für Richelchen sein müsse. Er lief hinter ihr her, erreichte sie an der Küchentür, gab ihr mit festem Druck die Hand und streichelte begütigend, was er am allermeisten an ihr liebte: das dichte blauschwarze Haar. Rikelchen lächelte, bedankte sich mit einem Kuß und s?tzte gestärkt ihren Weg fort. Sie besah sich immer wieder befriedigt nickend das hutzlige, heimelige Häuschen. Schüttelte im blumen- lvsen, verunkrauteten Garten mißbilligend den Kopf. Ueberschritt angstvoll, besorgt nicht um sich, sondern um jemand, der denselben Weg zurücklegte wie sie, die morsche Brücke des modrigen Wallgrabens. Stieg mühsam die Böschung zu den jahrhundertealten ' Linden des Stadtwalls hinan. Ließ sich erschöpft neben einem flachsblonden Mädcl^en, das mit ihrer Puppe vor der Fremden davonlief, ans einer Bank des Verschönerungsvereins nieder. Und sah umflorten Auges über die Fläche der kahlen Kuhweibe in saftgrüne Wiesenweiten. Als Gust von der Diele in die Stube zurückkehrte, stemmte Fiek Micheelsen ihre beiden Fäuste in die Hüften. So hatte sie wunderte an Kämpfen mit den übrigen nenn, vom ersten bis zum sechsten, vom achten bis zum zehnten, bestanden. Mochte er loslegen, ihr in der Fremde überqeschnappter Siebter! Er hatte zwar immer seinen Kopf für sich gehabt, aber es mußte noch erst ausgemacht werden, wessen Schädel sich bei dieser Sache als härter erwies, seiner oder ihrer. Nun, wo endlich Platz und Ruhe vor den Kindern im Haus geworden war. sich ants neue anjiie Wand drängen lassen und bei den Kindeskindern das alte,» eingeengte, quarrige Leben wieder von vorn anfanaen? Nee! Nicht mal bis zur Geburt ihres Ersten, mit der Rikelchen und er allerdings in sieben Monaten rechnen müßten, begann Gust das unterbrochene Gespräch an der alten Stelle, würden sie bei ihr unterzukriechen brauchen. Er wollte doch ein Schustergeschäft in ihrem Hans anfangen, wehrte die Mutter ab. Ob er damit rechne, daß er schon in einem halben Jahr bankrott wär? In den Baracken? Gust lachte, daß seine Widersacherin einige Augenblicke lang von der Furcht bedrängt wurde, ihr Häuschen Kopf. (Fortsetzung folgt) Veran'ivortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben. kvnne zu wackeln anfangen. Ein Schustergeschäft in den Baracken? *"«3 5t?-»06-® -f M°, Mich--!,.» 6,«d>i< Sie b-iö.» Ktefer trotz sichtlichen Mühens nicht so weit wieder zusammen, daß sie ihren angefangenen Satz zu Ende sagen konnte. Ja, auf der Hohen Straße, wiederholte Gust unbekümmert. Wenn ein Stich besonders gut halten solle, müsse man die Ahle da durchs Leder bohren, wo es am dicksten sei. Je schwerer man mit dem Pickdraht durchkomme, desto geringer die Gefahr, Satz bas Loch ausreiße. Also gerade, wo es ihr am unmöglichsten scheine, motte er sein Geschäft eröffnen: auf der Hohen Straße. Bis alles seinen richtigen Lauf habe, dächten sie bei der Mutter in den Baracken zu wohnen. Das werde höchstens bis zu der Geburt ihres Jungen dauern. ... . Er werde ihr übrigens das Wohnendurfen bezahlen, versicherte Gust,- sehr gut bezahlen. Wieviel? Dreißig Mark. Zu wenig! _ Dreißig Mark für den Monat zu wenig? Für — den —? Fiek Micheelsen drohte der Verstand stillzustehen. Denn sie hatte geglaubt, das Angebot sei für- ein Vierteljahr berechnet. Aber sie war infolge mancherlei Geldkampfen mit den Söhnen gewitzigt genug, besaß trotz ihrer Jahre auch rroch so viel Beweglichkeit, daß sie sich durch eine Drohung den Schein der Ueberlegenheit zu geben vermochte: Ach so — sie verstehe — mit Essen und Trinken! Und zwar gleich vom ersten Tag an für mehr als zwei! Dafür dreißig Mark? Zu wenig! Viel zu We9?cin, ohne Essen und Trinken, drehte Gust seine Mutter in die rechte Richtung. Das Kochen aus demselben Herd werde sich zwar nicht vermeiden lassen. Aber bei dem Essen aus einem Topf lösfle täglich mindestens einer von ihnen Aerger in sich hinein. Denn alt und jung, Mecklenburgisch und Ausländisch, seren nun mal nicht auf denselben Geschmack zu bringen wie Brüche auf denselben Generalnenner. Er wisse wohl, daß dreißig Mark Miete im Monat zu viel für das Hineinkriechen in ein Barackenloch sei. Aber er wolle unter den jetzigen Umständen Rikelchen die neugierigen Gesichter beim Wohnungsuchen ersparen. Also solle 'es zwischen ihnen nicht so genau darauf ankommen. Dreißig Mark — einverstanden? Ob er vorauszahle? . j , Für drei Monate — jawohl. Mache neunzig Mark. Abgerundet - da er ihr von seiner Wanderschaft nichts habe znkommen lassen, wolle er ein übriges tun — abgerundet: Hundert, da! Als die Mutter fünf funkelnde Zwanzigmarkstücke auf der Rechten ihres Sohnes wie auf einem Präsentierbrett liegen sah, grapschte sie zu und ritz das Geld mit Hast an sich. Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tur. Rikelchen trat hohlen Auges ein. „Wi sünd hannels-ens worrn!" kreischte Fiek Micheelsen — die Faust unter der blauen Küchenschürze um das Geld krampfend — ihrer Schwiegertochter zu. Jawohl — handelseinig geworden! bestätigte Gust. Der Mietsvertrag zwischen ihm und der Mutter wär' abgeschlossen. Vorläufig für ein Vierteljahr. Aber das sei einstweilen genug. Wenn sie wirklich langer in den Baracken wohnen bleiben mützten, werde sich das weitere schon finden. So, nun wäre es denn aber doch wohl an der Zeit, daß Schwiegertochter und Schwiegermutter sich zum erstenmal die Hand . ''^Rikelchen streckte der Mutter Gusts herzlich die Rechte ent- cs Fiek nicht mehr möglich war, das Geld unter der Küchenschürze unbemerkt von der einen in die andere Hand zu befördern, mutzte sie sich damit begnügen, der Frau ihres Sohnes die Linke zum Willkomm zu bieten. „Kuß geben!" befahl Gust. Rikelchen zauderte. „Gehört sich so." Rikelchen näherte ihre Lippen langsam dem vielfältigen, zur Lippenlosigkeit verkniffenen Mund der Schwiegermutter. „Los!" Rikelchen schloß die Augen. Wollte der Wartenden ihren schönen jungen Mund ausliefern. Aber im letzten Augenblick riß sie den Kopf hastig abwärts und küßte der Schwiegermutter die noch immer in ihrer Rechten liegende Linke. Da ließ Fiek Micheelsen vor Schreck die fünf Goldstücke aus der Hand unter ihrer Küchenschürze fallen. Gust sammelte das Geld vom Fußboden auf und nun, beim zweitenmal, übergab er es seiner erstarrten Mutter. Uebermüdet von der Reise, beschwert von ihrem Frauengeschick, zermüibt von dem Kampf zwischen Mutter und Sohn, dessen Her und Hin gncr durch ihr Herz den Weg nahm, legte Rikelchen sich nach dem gemeinsamen Abendessen sogleich schlafen. Als Fiek Micheelsen mit ihrem Siebten allein war, forderte sie von ihm Auskunft iiber seine Frau. Gust stand ihr bereitwillig Rede und Antwort. Rtkelchen, die eigentlich Friederike heiße, berichtete er, stamme aus dem Rheinischen. Dort sei ihr Vater Bauer, was etwa dasselbe bedeute wie im Mecklenburgischen Biidner. Sie hätte in Kreseld, wo er zum letztenmal in seinem Leben „Gesell" gerufen wäre, als Hausmädchen bei einem Scidcnkaufmann gedient. Da sie, ebenio wie er, das siebte Kind sei, allerdings das siebte Mädchen, und — im Gegensatz zu ihm — ihren Lohn an jedem Ersten leichtsinnigerweise nach Haus geschickt hätte, wo ihr Vater ihn nicht versprochenermaßen aufbewahrt, sondern für sich verbraucht habe, so besäße sie nicht viel. Das heiße, griff die argwöhnische Mutter ein, autzer der hübschen Larve, die der liebe Gott ihr vorgebunden hatte, nicht»? An Geld und Gut — ja, nicht eine blanke Mark. Aber Rikelchen verfüge über andere Schätze, über solche, wie man sie in Mecklenburg nicht alle Tage treffe. , r . .q Ueber was für Schätze? Wo sie angelegt seien? In Rikelchen selber! Denn sie besitze einen Frohsinn, den er noch nicht einen einzigen Augenblick flügellahm gefehen Hatte, einen Arbeitswillen, der nicht wisse, was Müdigkeit heiße, und vor allem eine Liebe zu ihm, die das Leben auf Erden zum Himmelreich machen werde oder, was wohl noch schwerer sei, das Nerumhocken in den Baracken zum Wohnen in einem fürstlichen Schloß. Denn ihr Gust käm Rikelchen noch vor Gott dem Herrn. Mit solch eingebildeten Schätzen werde er bei der Gründung eines Schustergeschästs auf der Hohen Straße was Rechte» an- angcn können, höhnte Fiek Micheelsen. Klein hätte er beginnen müssen. Als Junggeselle. Dann nach fünf, nach zehn