GiehenerZailiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang1954 Zreitag, den 25. Februar Nummer 15 Schloß Eger. Von Theodor Fontane. Lärmend, im Schloß zu Eger, Ueber dem Ungarwein Sitzen die Würdenträger Herzogs Wallenstein: Tertschka, des Feldherrn Schwager, Jllo und Kinsky dazu, Ihre Heimat das Lager, Und die Schlacht ihre Ruh. Lustig flackern die Kerzen,' Aber der Tertschka spricht: „Ist mir's Nacht im Herzen Oder vorm Gesicht? Diese Lichter leuchten Wie in dunkler Gruft, Und die Wände, die feuchten, Hauchen Grabesluft." Feurig funkelt der Unger,' Aber der Kinsky spricht: „Draußen bei Frost und Hunger Schüttelte so mich's nicht. Hielte lieber bei Lützen Wieder in Qualm und Rauch,' Wolle Gott uns schützen, Oder — der Teufel audj." Jllo nur, Herz wie Kehle Hält er bei Laune sich, Dicht ist seine Seele Gegen Hieb und Stich, Trägt ein Büffelkoller Wie sein Körper traun, Lustiger und toller War er nie zu schaun. Und vom Trünke heiser Ruft er jetzt und lacht: „Das erst ist der Kaiser, Wer den Kaiser macht; Eid und Treue brechen. Taten wir's allein? Hoch der König der Tschechen, Herzog Wallenstein!" Burg- und Schloßbewohner Ruhen ... Da sieh, in Stahl, Buttlersche Dragoner Dringen in den Saal; Buttler selbst, im Helme, Tritt an den Jllo: „Sprich, Seid ihr Schurken und Schelme Oder gut kaiserlich?!" Hei, da fahren die Klingen Wie von selber heraus, Von den Pfeifen und Schwingen Löschen die Lichter aus; Weiter geht es im Dunkeln, Nein, im Dunkeln nicht: Ihrer Augen Funkeln Gibt das rechte Licht. Tertschka fällt; daneben Kinsky mit Fluch und Schwur; Mehr um Tod wie Leben Ficht selbst Jllo nur, Schlägt blindhin in Scherben Schädel und Flaschen jetzt, Wie ein Eber im Sterben Noch die Hauer wetzt. Licht und Fackel kommen, Geben düstren Schein: Ineinander verschwommen Blinken Blut und Wein; Ueberall im Saale Leichen in buntem Gemisch, Stumm, vor seinem Mahle, Sitzt der Tod am Tisch. Buttler aber wie Wetter Donnert jetzt: „Laßt sie ruhnl Das sind erst die Blätter, An die Wurzel nun." Bald in Schloßes Ferne Hört man's krachen und schrein; — Schau nicht in die Sterne, Rette dich, Wallenstein! Wallenstein. Zu seinem 300. Todestage. Von Leopold von Ranke. Wir entnehmen die folgende klassische Charakteristik des Friedländers dem zwölften Kapitel der „Geschichte Wallensteins" von Ranke. In der Reihe der Strategen nimmt Wallenstein eine ehrenvolle und selbst eine bedeutende Stelle ein. Die Entwürfe seiner Unternehmungen zeugen von Berücksichtigung nicht allein der politischen, sondern von der noch selteneren der großen geographischen Verhältnisse. Bemerkenswert in dieser Beziehung ist sein Feldzug gegen die Dänen von Oberschlesien bis nach Jütland und sein Friede mit ihnen, die Stellung, die er bei Nürnberg nahm; selbst jene Bewegung nach Sachsen, die zur Schlacht von Lützen führte. Man sollte nie vergessen, daß er den andringenden norddeutschen, damals auch nordeuropäischen Streitkräften gegenüber Schlesien, das der Religion halber zu ihnen neigte, zweimal für das Haus Oesterreich gerettet hat. Die Aktionen, die ihm einen Namen gemacht haben, an der Dessauer Brücke und bei Wolgast, bei Kosel und bei Steinau, wurden immer im rechten Moment an der rechten Stelle ausgeführt; eigentümlich bei Wallenstein ist die Verwendung der leichten Kavallerie zugleich mit dem Feldgeschütz, durch die er meistens den Platz behielt. Er ist immer als der vornehmste Begründer der österreichischen Artillerie betrachtet worden; er darf wohl als ein solcher für das österreichische Heerwesen überhaupt angesehen werden. Die Armee war aus allen Nationen zusammengesetzt; in einem einzigen Regiment wollte man zehn verschiedene Nationalitäten unterscheiden. Die Obersten waren, wie vor alters in den kaiserlichen Heeren, Spanier, Italiener, Wallonen, Deutsche; Wallenstein liebte, auch böhmische Herren herbeizuziehen, um sie an den kaiserlichen Dienst oder auch an seine eigenen Befehle zu gewöhnen; der Kroate Jsolani führte die leichte Reiterei, eifersüchtig darauf, daß kein Ungar ihm vorgezogen würde; wir finden Dalmatiner und Rumänen. Die letzteren zog Wallenstein den Polen vor, deren Obersten sich unbotmäßig und fremdem Einfluß zugänglich zeigten. Besonders war das norddeutsche Element stark bei ihm vertreten; man findet Brandenburger, Sachsen, Pommern, Lauenburger, Holsteiner. Zu beiden Seiten, unter Gustav Adolf und Wallenstein, haben die Norddeutschen den Krieg gelernt. Auf das Bekenntnis kam unter Wallenstein nichts an; einige seiner wehrhaftesten Obersten, Pcchmann, Hebron, waren Protestanten; wir wissen, daß es zu den Grundsätzen bei der ersten Zusammensetzung der Armee gehörte, Protestanten so gut wie Katholiken aufzunehmen. In dem ungarischen Kriege haben beide zusammen gegen die Türken gekämpft; beim Wiederaufwogen des religiösen Streites stand man von dieser Mischung ah. Wie die Liga nur Katholiken in ihrem Heere sehen wollte, so hatte die Armee Gustav Adolfs einen durchaus protestantischen Charakter. Unter Wallenstein überwog der militärische Gesichtspunkt den religiösen. Die Obersten beider Bekenntnisse bildeten ein einziges eng znsammenschließendes Ganzes unter einem General, der nicht danach fragte, zu welchem ein jeder gehörte. So ist es selbst in der französischen Armee in den ersten Dezennien unter Ludwig XIV. und später wieder in der preußischen unter Friedrich II. gehalten worden. Wallenstein sah es gern, wenn große Herren in seinen Dienst traten; aber auch Kaufmannssöhne — wie besonders erwähnt wird —, frühere Juwelenhändler, Emporkömmlinge selbst aus der dienenden Klasse waren ihm willkom- men. Selbst auf Körpergröße gab er nichts,' nur auf die Fähigkeit, den Dienst auszuhalten, kam es ihm an,' mochten dann die Schwachen zugrunde gehen. Er erkannte nur den militärischen Rang, in welchem er weitere Abstufungen einführte. Er liebte es, neue Regeln zu geben,' selbst der Schlag der Trommel wurde verändert. Bei dem Gemisch der Nationen, Bekenntnisse, Stände war das unverbrüchliche militärische Gesetz ein doppelt unbedingtes Bedürfnis der Schlagfähigkeit. Die kleinsten Fehler — wie Eigenmächtigkeiten in der Kleidung — wurden bestraft, wie man sagte, um größere zu verhüten. Wenn man im Felde stand, ward etwas mehr nachgesehen, doch nichts, was die Unterordnung hätte gefährden können. „Ich will nicht hoffen", sagte er auf einlaufende Klagen, „daß einer unserer Offiziere sich so weit vergessen hat, unsere Ordonnanzen zu despektieren." Dem Markgrafen Wilhelm von Baden-Baden ward in den herbsten Worten verwiesen, daß er sich „dessen anmaße, was ihm nie anbefvhlen worden sei". Eine Beförderung ist wohl deshalb versagt worden, weil die neue Stellung den Ansuchenden seiner Gemütsart nach zu. Handlungen leiten würde, um derentwillen man ihm den Kopf vor die Füße legen müßte. Die Ausschreitungen, an denen es freilich nicht fehlte, sollte kein Oberer ungeahndet lassen,' Nachsicht hierbei fand Wallenstein sträflich und drohte es mit Exekution an Leib und Leben zu ahnden. Plündernde sind auf der Stelle gehenkt worden. Bon Schonung wußte er nichts, weder im Dienst noch vollends dem Feinde gegenüber. Den Antrag, den ihm einst König Gustav Adolf machte, nach dem Vorgang der niederländischen Kriege eine Uebereinkunft zu schließen, daß bei einem Zusammentreffen mit sehr verschiedenen Streitkräften die schwächere Partei sich ohne zu schlagen ergeben dürfe, verwarf er mit den trotzigen Worten: „Sie mögen kombattieren oder krepieren". Das oberste aller Verdienste war bei ihm tapferes Verhalten: nur dadurch erwarb man sich persönliche Rücksicht. Wie Pikkolomini die entschiedene Gunst des Generals hauptsächlich der Tapferkeit verdankte, die er an der Spitze seiner Reiterei in der Schlacht von Lützen bewiesen hatte, so erwarben sich der Kroatengeneral Jsolani bei einem Angriff auf die Schweben bei Ansbach, der Graf Dohna bei der Eroberung von Chemnitz seine Freundschaft. Er hielt immer eine Anzahl goldener Ketten in Bereitschaft, um auf der Stelle belohnen zu können: er erhob selbst in den Adelsstand: seine Krjcgs- kasse war angewiesen, die Kosten für die Ausfertigung der Diplome zu tragen. In sehr außerordentlichen Fällen ersuchte er aber auch den Kaiser, einem Befehlshaber seine Zufriedenheit auszudrücken. Um für erledigte Stellen einen Ersatz in Bereitschaft zu haben, sah er es gern, wenn sich Volontäre in seinem Lager aufhieltcn: doch wollte er nicht, daß sie der öffentlichen Sache lediglich auf ihre eigenen Kosten dienten: in dem Maße, daß sie sich brauchbar zeigten, wies er ihnen gute Quartiere an. Auch jedem untergeordneten Verdienst widmete er seine Anerkennung: man hörte ihn sagen: 6ejc hat hier das Veste getan, dieser dort: dem dankt man diesen Erfolg, dem einen anderen. Er belohnte gern: doch hatte es fast noch mehr Wert, wenn er einem die Hand auf den Kopf oder die Schulter legte und ihn dann lobte. Wer bei einer rühmlichen Handlung fiel, den ehrte er im Tode: er begleitete ihn bei seiner Beerdigung. Feigheit wurde nicht allein verachtet, sondern bestraft, selbst mit Grausamkeit: auch das Mißlingen, wenn einigermaßen verschuldet, galt als Verbrechen. Wenn er dann zu einer Beförderung schritt, etwa einem gemeinen Soldaten die Stelle eines Hauptmannes verlieh, so nahm er es nicht übel, wofern dieser versäumte, ihm persönlich seinen Dank darzubringen, denn er beweise dadurch die Einsicht, daß er seine Bevorzugung nicht der Gunst verdanke, sondern allein dem Verdienst. Niemand hätte sich weigern dürfen, seine Ehre im Zweikampf zu verteidigen. Wer das tat, wurde aus dem Heere gestoßen. Mancher hat seine Gunst gewonnen, indem er sich einer Strafe widersetzte, die seine Ehre beleidigte, und sich lieber der Gefahr des Todes aussetzte als der Schmach. Höchst widerwärtig waren ihm Empfehlungen vom Hofe, er hat sie mit Scherz oder auch mit Hohn abgelehnt. Wer sich in allzu schmuckem Aufzug zum Dienst meldete, den hat er wohl an die behäbige Hofhaltung eines Kardinals lDietrichsteins gewiesen, für welche das passe: im Feldlager würde der Rauch des Geschützes das feine Gesicht verunstalten. Die Anwesenheit der Prinzen von Toskana im Lager ließ er sich gefallen: doch sorgte er dasür, daß sie keinen Einfluß ausübten, j Ihren Wunsch, sich persönlich hervorzutun, erklärte er für eine ' Eitelkeit, die sich mit der Subordination nicht vertrage. Man dar« behaupten, daß er dem militärischen Prinzip an und für sich, selbst ohne Rücksicht auf den Zweck des Krieges, im Sinne der anderthalb Jahrhunderte, die dann folgten, Bahn gemacht hat, so wie er ihm durch die Einrichtung der Kontributionen eine regelmäßige Grundlage schaffte. Er war ein geborener Kriegsfürst. Solange er gesund war, liebte Wallenstein, mit den Obersten ■■ zu speisen, denn nichts verbinde die Gemüter mehr als ein heiteres Gelag. Aber bei aller guten Kameradschaft hielt er doch den Anspruch der unbedingten Unterordnung fest. Wenn er im Feldlager einherging, wollte er nicht gegrüßt sein: wenn er sich dann in sein Onartier zurttckzog, so hielt er darüber, daß niemand in 1 der Nähe desselben mit Pferden und Hunden erscheinen, mit klir- * rcnden Sporen daherschreiten durfte. Außerhalb des Feldlagers i liebte er eine Pracht zu entwickeln, mit der kein Fiirst wetteifern • konnte. Was hatte er sich in Prag für einen prächtigen Palast ' erbaut, mit Säulenhallen, geräumigen, hellen, kunstgeschmückten Sälen, dunklen, kühlen Grotten! In seinem Marstall fraßen dreihundert ausgesuchte Pferde aus marmornen Krippen: wenn er ausfuhr, geschah es mit einer langen Reihe zum Teil sechsspänniger Karossen. Vogelhäuser fast im orientalischen Stil, sorgfältig erhalten« Fischteiche fand man in seinen Gärten. Vom Schlosse In Sagau erzählt man, er haste es zu öem achten Wunder der Welt machen wollen. Er hat zugegeben, daß man ihn .als Triumphator malte, seinen Wagen von vier prächtigen Sonnenrossen gezogen. Er war kein Freund von Zeremonien: wie oft unterbrach er lange von Aeußerungen der Untertänigkeit angeschwellte Anreden deutscher Gesandten: er spottete der tiefen Reverenzen, wie sie damals am römischen Hofe gang und gäbe wurden: — aber er liebte von Anfang an den Pomp einer prächtigen Umgebung. Seine Pagen, die er gern aus den vornehmsten Geschlechtern nahm, erschienen in blauem Samt, wie mit Rot und Gold auf das prächtigste angetan: so war seine Dienerschaft glänzend ausgestattet: seine Leibwache bestand aus ausgesuchten Leuten von hoher und schöner Gestalt: er wollte besonders, seit er Herzog von Mecklenburg geworden war, durch die Aeußcrlichkeit eines fürstlichen Hofhaltes imponieren. Er lebte mäßig: aber seine Tafel sollte auf das trefflichste bedient sein. Es gehörte zu seinem Ehrgeiz, wenn er sagen konnte, daß einer und der andere seiner Kämmerer in kaiserlichen Diensten gestanden. Niemand bezahlte reichlicher. Er hatte sich in Italien die Sitte und Art der gebildeten Welt angecignet. Unter anderem weiß man, wie sehr er die Damen des Hofes zu Berlin, als er einst daselbst erschien, einzunehmen wußte: von den Anmaßungen, die einige seiner Obersten vor sich hertrugen, war bei ihm nicht die Rede. Aber wehe dem, der ihn in Zorn versetzte! Wie in seiner Jugend, so in seinem Alter, war er dann seiner selbst nicht mächtig: er war wie mit Wut erfüllt und schlug um sich — man ließ ihn toben, bis es vorüber mar. Man bezeichnete seinen Zustand mit dem oberdeutschen Ausdruck Schiefer: er kannte ihn wohl und suchte die Anlässe, die ihn hervorriefen, zu vermeiden. Er liebte die Aufregung des Gesprächs, in welchem sich leidenschaftliche Aufwallungen eines leichterregten Selbstgefühls Luft machten: die fernsten Aussichten erschienen als gefaßte Entwürfe, die momentanen Ausfälle als wohlbedachte Feindfeligkeiten. Von denen, die ihn kannten, wurden sie als das, was sie waren, mit dem Worte Voutaöen bezeichnet: in die Ferne getragen, machten sie vielen Eindruck. Jedermann, der in seine Nähe kam, litt von seiner Launenhaftigkeit, seinem zurückstoßenden Wesen, seinem gewaltsamen, rücksichtslosen Gebaren. Sein Ruf schwankte zwischen zwei Extremen: daß er das wildeste Untier sei, welches Böhmen hervorgebracht habe, oder der größte Kriegskapitän, dessengleichen die Welt noch nicht gesehen. Sein Antlitz erscheint, wie cs die bestbeglaubigtcn Bilder darstellen, zugleich männlich und klug: man könnte nicht sagen groß und imposant. Er war mager, von blasser, ins Gelbe fallender Gesichtsfarbe, von kleinen, hellen, schlauen Augen. Auf seiner hohen Stirn bemerkte man die Signatur der Gedanken, nicht der Sorgen: starke Linien, keine Runzeln: früh ward er alt: schon in den vierziger Lebensjahren erbleichte sein Haar. Fast immer litt er am Podagra. In den letzten Jahren konnte er nur mit Mühe an seinem spanischen Rohre einherschreiten: bei jedem Schritt sah er um sich. Aber in ihm lebte ein feuriger Impuls zu unaufhörlicher Bewegung, Unternehmung, Erwerbung: durch seinen Gesundheitszustand nicht allein nicht erstickt, sondern eher angereizt, der ehrgeizige Trieb, sich nach allen Seiten geltend z» machen, seine Macht und die Bedeutung seines Hauses zu gründen und die alten Feinde zu seinen Füßen zu sehen. Seine Bizarrerien, die vielmehr dazu dienten, bei der Menge Eindruck zu machen, und die astrologischen Berechnungen der Geschicke für sich selbst und seine Freunde — er liebte es, auch deren Nativität kennen zu lernen — hinderten ihn nicht, Umstände und Dinge, wie sie vorlagen, zu erkennen: das Phantastische war in ihm mit praktischer Geschicklichkeit gepaart. Er war verschwenderisch und unbesonnen, aber doch auch ökonomisch und umsichtig. In seiner Politik verfolgte er hochfliegende egoistische Plane: aber zugleich hegte er Absichten, die zu einem bestimmten, erreichbaren Ziele zusammenwirkten. Er war dadurch emporgekommen, daß er immer den eigenen Inspirationen folgte, die er immer zur Geltung zu bringen vermochte. Er erklärte es für unmöglich, seinen Geist so weit zu bezwingen, daß er einem fremden Gebot gehorche. Damals konnte es ihm scheinen, als ob er die Zukunft der Welt in seinem Kopfe trage. Blutige Fastnacht in Eger. Von Dr. Ludwig Roth. Am 28. Februar sind 800 Jahre vergangen, seit der kaiserliche Generalissimus, Herzog von Friedland, Albrecht Wenzel Eufebius von Wallmrstein, ermordet wurde. Wallenstein rvar am Abend des 24. Februar in Eger eingetrof- fcn, umgeben von seinen Getreuen: Trzka, Jlow nnd Kinsky, seiner Leib-Kompanie und einigen Truppen, llnterioegs ivar noch das Regiment des katholischen Iren Butler zu ihnen gestoßen. In Eger selbst befehligte der kalvinistische Schotte Gordon. Er öffnete Wallenstein die Tore der Stadt. Um Wallenstein sein gutes Quartier in dem stattlichen Pachhebelschen Hause zu überlassen, zog er selbst auf die Burg. Noch in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar gelangte an Wallenstein die erste Ausfertigung des Kaiserlichen Absetzungs- Patents, ivclchcs vier Wochen vorher, also am 24. Januar 1634 ergangen war. Es bestand nunmehr für ihn und die Seinigen die höchste Gefahr. Deshalb verpflichtete Jlow am Morgen des 25 Februar im Auftrage des Herzogs unter denselben falschen Vvr- Äkz ■Bojl »m Tew Sinte -in HIV in di Sie ® !< ober itiflfi et l( treib ?! Itiit iliein * Rett onn>i 8 »IIS M Ä i«»1 gelte1 iflW $« iJiuei Jilin« B" 34.3® je v« iW1 jlt litten G- llllb i riet । «W ieiii teige iteittS wni ihn jttiri ien t D eilten DU ('ttji jnm W D Ten eintju iiit, Wie liiert D H i Hing W Mitt T Wei hjt hnfe i je 12 H U Het spiegelungen, die dieser selbst tags zuvor Butler gemacht batte, nie Offiziere noch einmal unter Eidschwur zu unverbrüchlicher Treue. Allein schon am Abend vorher hatten Butler und Gordon zusammen mit dem Oberstpachtmeister Leslie in dem Gefühl peinlicher Ungewißheit davon geredet, baß sie alsbald einen Ausweg zwischen dem Herzog und dem Kaiser finden müßten und daß er vielleicht nur in der Tötung Wallensteins und seiner Anhänger gesucht werden könne. Butler, Gordon und Leslie haben sich erst imch und nach einander anvertraut. Sie beherrschte, wie die alten Zenerale, noch immer eine scheue, fast ängstliche Furcht vor dem gewaltigen Friedländer. Da erhielten sie zwei entscheidende Nachrichten: sächsische und schwedische Truppen unter dem Feldmarschall Arnim rückten in Eilmärschen auf Eger, und zum anderen bekamen auch sie Kenntnis von dem Absetzungsdekret, welches der Kaiser bereits am 24. Januar gegen Wallenstein erlassen hatte. Gleichzeitig erfuhren sie von dem zweiten Dekret vom 15. Februar, durch welches der Kaiser allen Obersten befohlen hatte, Wallenstein in keiner Hinsicht mehr zu gehorchen. Aber auch Wallenstein drängte zur Entscheidung, Eilboten ritten zu Arnim, um seinen Anmarsch zu beschleunigen. Gordon und Butler faßten nunmehr den Entschluß, den Herzog und seine „Adhaerenten" zu ermorden. Am Mittag lud Leslie die ärei Getreuen Wallensteins: Trzka, Jlow und Kinsky zum Fast- nachts-Schmause auf das Schloß, ebenso den Rittmeister Niemann, der dem Herzog als Geheimsekretär gedient hatte. Der im Grunde feige Anschlag gelang. Arglos gingen die vier Getreuen Wallensteins in die ihnen gelegte Falle. _ Nach umfassenden Vorsichtsmaßregeln ließ Butler gegen Schluß des Gelages seinen Oberstwachtmeister Geraldin mit einem Kommando Dragoner in das Gemach eindringen. Geraldin rief: „Wer At gut kaiserlich?" Butler, Gordon und Leslie antworteten: „Vivat Ferdinandus". Die wehrlosen Gäste, überrascht und bestürzt, wurden von der Uebcrmacht fast auf der Stelle niedergemacht. Die Mörder waren Herren der Stadt,' in ihrem Vlutrausche eilten die angetrunkenen irischen Dragoner unter Führung ihrer Offiziere nach dem Pachhebelschen Hause, in das Quartier des Herzogs. Geraldin und der Kapitän Deveroux stießen die Türe zum Schlafgemach des Herzogs ein und Deveroux durchstach den Herzog mit einer Partisane. Die Untat ist noch vor Mitternacht des 25. Februar geschehen. Den bei der Tat beteiligten 12 Dragonern ließ Gallas sofort je einhundert Reichstaler auszahlen. Der Oberstwachtmetster Geraldin, „der sie geführt", erhielt zweitausend Reichstaler und die beiden Kapitäne Deveroux und Macdonald, „die demselben assistiert", je eintausend Reichstaler. Die Tatsache, daß Deveroux den Mord an dem wehrlosen Herzog mit einer Partisane vollbracht hatte, fand noch besonderen klingenden Lohn,' der feige Mörder bekam später vierzigtausend Gulden und mehrere Friedländische Güter. Ein feiner „Edelmann", den die Habsburger da mit Grund und Boden „begabten ! Das Vermögen dieser Ermordeten mußte diese Ausgaben decken, Wallenstein hinterließ selbst über neun Millionen Gulden, Trzkas Nachlaß hat sich auf fast neunhunderttausend Gulden belaufen. Die beiden Obersten Butler und Gordon wurden durch je 120 000 Gulden belohnt. Gallas bekam die Herrschaften Friedland und Reichenberg, Aldringen die Kinskysche Besitzung Teplitz, Piccolomini die Trzkasche Herrschaft Nachod. Die Verräter und Mörder des Mannes, der sie jahrelang mit Wohltaten überhäuft hatte, wurden also aus feinem Nachlaß von leiten des Habsburger Kaisers reichlich belohnt. Der ermordete Wallenstein aber blieb für alle Zeiten em Zeugnis für den „Dank vom Hause Habsburg". Wenig bekannt ist e§, daß der Mörder Deveroux auch in unserer engeren Heimat ein bose^ Andenken hinterlassen hat. Fünf Jahre nach der Ermordung Wallensteins — im Jahre 1639 — erschien der frühere Kapitan Deveroux, der inzwischen zum Obersten „avanciert" war, mit seinem Regiment in der Wetterau. Er bezog in Friedberg Quartier, und legte der Stadt eine „Brandschatzung" von 40 000 Gulden auf. E- wurden aber nur 2000 Reichstaler aufgebracht, -i^er Marder Wallenstein zeigte nunmehr, daß er auch ein Räuber schlimmster Sorte war. er ließ alles Vieh, dessen er habhaft werden konnte, zusammen- treiben, und schleppte es mit sich fort. . , o lcin^^iM^?e^eb"i,^wi,Ic"^vön dem sthwedischen Obersten ^^Schftmm°ha^e^z/Lcbzeiten Wallensteins einer^^iner höheren Wx ä »ä Hessen liegenden Wallenstemschen Truppen stand, befand sich tm Jahre 1626 in dem Solmsschen Schlosse Su Asicnbcnn in der Wettcrau: er sollte 6000 Mann neue -rruppen für Wallenstein '"Am Mimmsten hauste der C6erft 9^m ®i^^e[m ©^^er^^ar6 von Donfurt, Freiherr von GoerzenH. Dieser Abenteurer machte aus dem Brandschatzen em wahrem Geschäft, wo er peroe en nmr, ließ er das Land verwüstet zuruck. Furchtbare Mißhandlungen der Einwohner ivaren an der Tagesordnung, Mann bat man nackt über das brennende Feuer in den Rauchfang ge^ hängt, um ihnen unter den Qnalcn der ^engci ab-uvreffeil 'versteck des letzten Geldes und der Lebensmittel abzupressen. Die Beschwerde über Goerzenichs Gewalttaten, die er n' ^c fier Weise gegen Protestanten und Katholiken verübte^dran-ie bis zum Kaiser Ferdinand II. nach Wron.^ui Oktober ib.vtcyri der Käfter an seinen Minister, den Fürsten Eggenberg. mev^ keine Ungeheuerlichkeiten und Schandtaten, die der Wetterau nicht begangen hat, er hat mehr als barbarische Abscheulichkeiten verübt". Der zu Asscnheim in der Wetterau liegende Kaiserliche General Herzog Maximilian zu Lauenburg rückte mit seinen Truppen gegen diesen Räuber-Obersten mit seinen Horden und zwang ihn zum Abzug. Später machte Goerzenich noch einmal einen Einfall ins Nassauer Land und hauste in Wiesbaden zehn Wochen lang aufs Fürchterlichste. Endlich erreichte den Obersten von Goerzenich sein Schicksal, nachdem er noch im Erzbistum Mainz ein Dorf niedergebrannt und das Bistum Würzburg und die Abtei Fulda durch ungeheure Kontributionen fast ausgeplündert hatte. Am 9. Oktober 1627 trat ein Kriegsgericht zusammen, das sein Urteil dahin sprach, daß „Goerzenich mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht, sein Körper aber auf das Rad gelegt und sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt werden solle". Vergeblich appellierte Goerzenich an Wallenstein: am 14. Oktober 1627 wurde das Urteil im freien Felde bei Rendsburg vollstreckt. Wallenstein hat darüber an Colalto geschrieben: „Auf daß man sich über mich im Reiche nicht zu beschweren habe, habe ich dem von Goerzenich heute den Kopf weghauen lassen". Wallensteins Ermordung, seiner Mörder „ruhmvoller" Aufstieg zu hohen Würden, Oberst Goerzenich: es sind alles Bilder aus jener Zeit, über die ein Mann, der solche Schrecken miterlebt hat, schrieb: „Unsere Nachkommenschaft wird sich nicht überzeugen können, daß in Gestalt von Menschen Geschöpfe auf dem Erdboden vorhanden gewesen, die alles Menschengefühl ausgezogen und Taten verübt haben, dergleichen in den ältesten und rohesten Zeiten nicht verübt wurden, und wahrscheinlich, solange die Welt steht, nicht wieder erlebt werden." (Lin Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Als der Doktor Schmitz derart zwar nicht aus der Rolle gefallen war, aber die Rolle selber hatte ihre Bedeutung verloren, kam ihm unbeabsichtigt der Oberst mit einer Mahnung zu Hilfe, die er an das Mädchen mit der Rüsche richtete: Emilie, mahnte er mit aufgehobenem Zeigefinger, heute das Meldeamt nicht vergessen. Vor fünf Uhr müssen Sie dort gewesen sein! Ich habe sowieso Ausgang heute, Herr Oberst! sagte Emilie,' und der Doktor Schmitz hätte keinen Anlaß gehabt, auf diese beiläufige Antwort zu achten, wenn sie ihm nicht — weil das Mädchen mit der Platte gerade hinter seinem Rücken stand — gleichsam ins Ohr gesagt worden wäre, so daß er den wohllauten Altklang ihrer Stimme aus der nächsten Nähe vernahm: und dieser Wohllaut war rheinisch. Nicht, daß sie mundartlich gesprochen hätte, es schien seinen Ohren im Gegensatz zu der Tischsprache sogar vollendetes Hochdeutsch, nur hatte es jenen singenden Ton, der dem Rheinländer selber unverkennbar ist. Ach, sagen Sie das bitte noch einmal! ließ sich der Doktor Schmitz gehen, doch wieder aus der Nolle zu fallen: und es war Trotz dabei, daß er es tat. Denn der Zustand, in dem er sich von dem mokanten Lächler belauert fühlte, der ihm immer wieder Bemerkungen in sein Gespräch hineinwarf, die witzig sein sollten, meist aber nur grob waren, dieser Kriegszustand hatte ihn nervös gemacht. Die Hauptsache freilich war, daß ihm der Celloklang ihrer rheinischen Stimme wie Balsam in die mißhandelten Ohren flo^. Er hatte bisher die angenehme Art dieses Hausmädchens Emilie nur unbewußt wahrgenommen, nun er sich durch seinen Verstoß endgültig durchgefallen fühlte, kam er von selber dazu, sie zu beobachten, die seiner täppischen Bitte natürlich nicht entsprochen hatte. Er sah nun erst, was für eine zierliche Gestalt in dem schwarzen Kleid steckte, rote roohlgebildet ihr schmales Gesicht mit dem ernsten Blick ihrer dunkeln Augen und der beherrschten Schelmerei ihrer Mundwinkel war. Wie kommt so etwas unter die Rüsche? die ihr übrigens verteufelt gut steht! überlegte er, da sie nach ihren gebildeten Zügen, nach ihren Händen und nach ihrer sicheren Art, sich zu bewegen, unbedingt von befferer Herkunft ist! Aber besser oder nicht! protestierte er sogleich: die Herkunft selber ist es, daß wir da unten am Rhein ein anderer Menschenschlag sind als die hier oben! Es ist natürlich ein blöder Hochmut! widersprach er sich selber: aber dieser Hochmut war ihm wie ein Naturereignis gekommen. Jedenfalls fühlte er sich mit dieser Person unter der Rüsche, die er mit ihrem entzückenden schwarzen Flaum an der Oberlippe auf achtunözwanzig Jahre schätzte, solidarisch nicht nur, weil sie eine Landsmännin war, sondern weil sie seinem Gesühl für Weiblichkeit anders entsprach als die Sportsdamen, mit denen er durch eine ihm unbegreifliche Verliebtheit seines Sohnes in ein Familienverhältnis kommen sollte. Wenn es mir schon so fremd ist, in diesem Operationssaal zu essen, überlegte er weiter, wie hart muß es meiner Landsmännin fein, hier zu bedienen! Denn daß sie unter andern Umständen ausgewachsen, daß da ein Schicksal im Spiel war, dies wurde ihm immer gewisser. In seiner Neigung zu llebertreibungen kam sie ihm wie eine Sklavin vor: und er mußte, grimmig lächelnd, ein Gelüst bei sich feststellen, den Sklavenbefreier seiner hübschen Landsmännin zu spielen. Jedenfalls gab er sich einer liebevollen Beobachtung ihrer Gestalt, ihrer Bewegungen, ihres Gesichtes hin, die sein Interesse an dieser Sklavenbefreiung steigerte. So war es eine merkwürdige Art, in der sich der Doktor Schmitz aus Köln in seiner Zürcher Brautschau gescheitert sah. Er nahm, wie er rügen mußte, an der zeremoniellen Handlung dieses zu Ende gehenden Mittagessens nur noch äußerlich teil und erwartete mit Ungeduld den Aufbruch. Warum bringt mir mein Verantwortlich: Dr. Hans T.hhriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche Univerf itäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen. und verstand das Vergnügen seines, Sohnes an der burschikosen Jungfrau. Als sie sich mit ihrer Tage neben ihn setzte, nicht ohne einen herausfordernden Blick gegen den kampfähnlichen Schwager, war er sogar herzlich bereit, an dem Vergnügen teilzuhaben. War es schön in Engelberg, Fräulein Julie? fragte er, ihr eine Brücke zu bauen. Herrlich! strahlte sie mit allen Zähnen. Jeden Tag eine große Abfahrt, und jeden Abend Tanz! Und wie war das mit seiner Pfeife? Als Herbert unbeabsichtigt seinen dreifachen Salto mortale machte und die Pfeife im Mund nicht verlor, platzte sie sogleich heraus: Heil! sagte er, und wir haben uns totgelacht über sein dummes Gesicht! Sie lachte von neuem los und trumpfte in der Richtung der weißen Gamaschen auf: Jetzt wird es endlich wieder lustig! Und wollte wissen, ob der Doktor auch Schi laufe? Ja! Und tanzen? Herbert habe geprahlt, in Köln wären die ältesten Herren die besten Tänzer, namentlich Walzer! Auch hatte sie gleich eine Idee: da sie zum Nm. .ckag in der Halle einen Tanztee hätten, würde sie sich unbändig freuen, wenn er dazu bleiben könne! Mein Schwager tanzt nämlich nicht! fügte sie als kurioseste Begründung hinzu und mußte darüber wieder mit allen Zähnen lachen. In diesem Aufzug? fragte Doktor Schmitz und zeigte an seinen Hosen herunter. Ober wieberkommen? Sie führe ihn selber hinunter mit ihrem Zweisitzer! beharrte sie, während der Doktor Schmitz seine Uhr zog und mit einem nachdenklichen Gesicht anfing zu lügen, daß er leider für heute nachmittag eine Verabredung habe. Das heißt, ich muß unbedingt jemand treffen! verbefferte er sich, um wieder ehrlich zu werden,' aber er log doch, weil er nur nachgerechnet hatte, wieviel Zeit er noch bis fünf Uhr habe. Denn er wußte nun schon bestimmt, daß es die Professorentochter mit der weißen Rüsche war, die er am Meldeamt abwarten wollte. Er sah den Unmut über ihr Puppengesicht huschen,' aber als sie nach einer Weile aufstand, ihre Tasse abzustellen und, einen Schlager pfeifend, in die Halle zu gehen, schien sie den Korb schon wieder verschmerzt und vergessen zu haben. Während Doktor Schmitz eine Frage des Hausherrn beantwortete, der sich in seinen Lederseffel zurückgelehnt hatte und, den blauen Rauch seiner Zigarre beliebäugelnd, zu einem rechten Gespräch geneigt schien, überschlug er rasch, was für ein Unter- fchieo zwischen diesem Sportkind und der Professorentochter in der Rüsche wäre? Schmetterling und Biene! sagte er und schüttelte selber den Kopf dazu, weil es nicht stimmte. Die Hausfrau hatte sich sogleich zurückgezogen,' Luzie, nach entern geflüsterten Wort zu ihrem Mann, folgte der Schwester bald,' nicht lange, so stand auch der Doktor Verwaldner auf, eine Weile in den Büchern herumzustochern, bis er unauffällig die Tür erreicht hatte und mit einem Schritt verschwand. Dem Oberst selber, der mit der flachen Hand seinen Nietzsche- Schnurrbart kämmte, entgingen anscheinend diese Nebenumstünde. Es schien dem Doktor Schmitz, als wäre es eine Verabredung, daß sie nun allein saßen. Eine halbe Stunde würde er ihm noch opfern können! überlegte er und fragte nach einer gemessenen Pause geradezu, ob er über gewisie Vorgänge in Engelberg und dadurch eingetretene Beziehungen unterrichtet sei? Zu seinem Erstaunen wollte der alte Herr davon weder sprechen noch hören. Soviel er andeutete, hatte er geschäftliche Auskünfte eingezogen, die ihn befriedigten: insofern also der junge Herr Beziehungen eintreten lassen wollte, möge er sich bald einmal vorstellen! Es mißbehagte dem Oberst offensichtlich, baß dies noch nicht geschehen war,' er machte auch keinen Hehl daraus, wie wenig er Überhaupt mit dem Jungvolk von heute anfangen konnte. Sport und Tanztee, Auto, Kino und Radio: er wäre froh, in einer Beit tung gewesen zu sein, wo diese Modernitäten noch nicht erfunden waren! 1 Aber auch das war ihm nicht wichtig genug, darüber eine Jere- mi.de anzustimmen. Er sei zufrieden, hier einen ungestörten Ort sur sein Sitzfleisch zu haben,' wenn in der Halle nebenan getanzt würde, mache er einfach die Doppeltür zu. Um als Doktor Schmitz daraufhin ein paar tastende Fragen tat, merkte er zu seiner Freude, daß er in dem alten Herrn noch einen Demokraten der alten Schule vor sich hatte, der sich über den Gang der Weltuhr durchaus eigene Gedanken machte. Er fragte ihn dies oder jenes, was mit den wirtschaftlichen Zustän- oen der Schweiz zusammenhing, und kam unvermutet in ein rich- ttges j. laudergesprach, das ihn für die Gerichtsverhandlung im Eßzimmer entschädigte, weil der Oberst ausgezeichnet zuzuhören verstand und das wenige, .was er sagte, von gesundem Urteil zeugte. So wagte er zuletzt, einer unwiderstehlichen Laune folgend, die dte in der Schweiz, wie er wußte für einen Deutschen die gefährlichste war: Woher die veränderte Gesinnung gegen die Deutschen und der unverhohlene Haß käme, den er in gewissen Fallen habe feststellen muffen? Die Antwort des alten Herrn war einfach, indem er hen Haß uüerljaupt bestritt und die veränderte Gesinnung nur für die tzarlslinge zugab: Als uns Bismarck die Scherereien mit dem Wohlgemut machte, als ihr vor dem Krieg mit dicken Zigarren in unseren Zügen saßet und nachher im Suvrettahaus Champagner rrankt. fagte er, wart ihr uns weniger angenehm als Heutes wo ihr bescheidener geworden seid! (Fortsetzung folgt.) Sohn nicht so etwas ins Haus statt dieser Sportöame? meditierte er zwischen dem Frage- und Antwort-Spiel, das er nicht völlig vermeiden konnte, und dann noch dies: Sind wir Rheinländer nicht eigentlich immer so? Augenblicksmenschen, keine Charaktere wie die Süddeutschen mit ihren dicken Stirnen, und erst gar diese selbstgerechten Schweizer! Unzuverlässig, wie sie uns nachsagen, nur deshalb, weil wir beweglicher, entschlußfreier sind. Deshalb können wir auch das Lächerliche todernst und das Todernste lächerlich sagen. Als dann endlich die zeremonielle Handlung zu Ende war, und die Familie durch die Halle hinüber in das Zimmer des Hausherr ging, bei der reichlich verdienten Zigarre den Kaffee zu nehmen, tat der Doktor Schmitz dies nicht, ohne vor einem Bild von Buri stehenzubleiben, das nicht günstig zwischen Fenster und Perlvorhang hing,' denn er hatte zu Hause selber ein Bild dieses schweizerischsten aller Maler. Bunt, hart und bäurisch in den Farben, keine Malerei! urteilte der Schwiegersohn, der nun im Stehen auch seine weißen Gamaschen wieder zeigte. Immerhin Natur uns also vollkommen ehrlich! widersprach der Doktor Schmitz, der sich in der Halle auf neutralem Boden fühlte: die Schweizer hätten das Glück gehabt, eine Zeitlang — solange Hobler berühmt war — eine eigene Malerei zu haben, die sich mit jeder andern Malerei messen könne, weil sie auf bem eigenen Selbstgefühl gewachsen fei; nun wären sie wieder in die Provinz zurückgefallen, bet Cezanne, Pieaflo oder sonst einem Franzosen in die Schule zu gehen! Besser eine französische Provinz als eine deutsche, weil sie auf dtese Weise doch den Anschluß an die europäische Malerei wieder- gewännen! hakte der Mann mit den weißen Gamaschen sofort ein, kampfbereit eine Zigarre auf dem silbernen Deckel abtupfend. Und der Kriegszustand hätte sich noch in der Halle zum ersten Gefecht entwickelt, wenn Fräulein Julie nicht ihren komisch widerstrebenden Schwager beim Arm genommen und ihre Schwester Luzie lachend aufgeforbert hätte, bas gleiche mit bem Herrn Doktor zu tun! die Kampfhähne zu trennen, wie sie mit bemerkenswerter Offenheit sagte. Während der Doktor Schmitz mit seinem Scherz auf öen Waffenstillstand einging, sah er genau, daß sein Gegner von einer turnerischen Kraft fortgeschleift wurde, gegen die seine gespielte Komik die klügste Waffe war. Das Zimmer des Hausherrn lag dem Eßzimmer gegenüber an der andern Seite der Halle, und der Oberst erwartete sie schon, die Auswahl seiner bequemen Sitzgelegenheiten zur Verfügung zu stellen. Er hatte sich offenbar geweigert, dem Fanatismus des Architekten auch seine persönliche Behaglichkeit zu opfern,' jedenfalls sah sich der Doktor Schmitz zu seiner freudigen Ueberraschung in einem Bibliotheksraum, der wie eine Oase in der sachlichen Dürre nut feinen alten und gediegenen Möbeln einladend war: selbst der Sonnenschein, der sich in dem Operationssaal Brett gemacht hatte, wirkte hier zur Behaglichkeit mit, weil er mit gutem Raumgefühl abgeöämpft war. Hier ist der Stil zu Ende, sagte der Oberst derb zu einem befriedigten Kopfnicken seines Gastes unb bot seine Importen an, die Anlaß zu allerlei beschwichtigenden Bemerkungen gaben. Es wäre unter solchen Vorzeichen zu einem plauderhaften Ausgang der Zeremonie gekommen, wenn nicht die Person mit der Rüsche einen Anlaß gegeben hätte, die Gefechtslage neu zu beziehen. Als sie nämlich mit ihrem leisen Geschick die Silberplatte mit der alchimistischen Glaskugel gebracht und sich lautlos wteöer empfohlen hatte, dem Hausherrn die ihm anscheinenö liebgewohnte Kaffeebereitung zu überlassen — mein Anteil an der modernen Welt! erklärte er —, mochte 6er mit den weißen Gamaschen die angeregten Blicke des Gastes beobachtet haben: Ihre Landsmännin, Herr Doktor, sagte er und belauerte den Eindruck seiner Mttteilung, ist eine Professorentochter aus Köln! Aus Aachen! korrigierte der Oberst, der gerade den Glas- «Wer fachgemäß mit dem Kaffeepulver füllte: Nur gebürtig aus Köln! Aus Aachen? fragte der Doktor Schmitz fofort mit einer Ahnung, als ob ihn das Gesicht erinnert habe: Dürfte ich den Namen wissen? Und als er den Namen eines vor Jahren gestorbenen Professors erfahren hatte: Mit dem habe ich zwei Semester ^^"iM^adt studiert! tagte er und fügte ohne Besinnung hinzu: Aber das tft ja schrecklich! . ,^b^s" schrecklich? fiel der Doktor Verwaldner fofort in Ge- fechtsstellung zurück. Nun ja, suchte der Doktor Schmitz mit beiden Händen nach einem Ausdruck: Deutsche Professorentöchter pflegten sich vor dem “ite® sncht als Hausmädchen nach der Schweiz zu verdingen! Dafür habt ihr den Krieg verloren! vergaß sich der mit den weißen Gamaschen, die Bemerkung über die Provinz zu vergelten. . Aber der Doktor Schmitz hatte sich in der Hand: Allerdings, dafür! gab er ruhig zu und war wie eine Katze auf die Füße gefallen. Er nahm sich vor, dem hochmütigen Herrn noch einige ferner spöttischen Scherze zu versetzen, mit denen er in den letzten Jahren feinen Groll über die saturierten Schweizer zu unter« galten pflegte. Vorläufig steckte er mit Sorgfalt seine Habana an, pruste den Rauch mit geblähten Nüstern und lobte dem Haus- ! Herrn das Kraut aufs artigste. T6Lcitcte n“n auch der Kaffee seinen Dust, und Julie ' verteilte die durch den Oberst eigenhändig ausqeschenkten Tassen Bemerkungen: ob Zucker aesällig fei und As.hsu o6tr Kirsch? Sie machte das reizend, rote Doktor Schmitz öcftefjen mußte,' er sah sie für einen Augenblick als Sportlerin I