MchenerZamilienblätter Unterhallungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang Zreltag, -en 22. )uni Nummer y Oie Heimat. Von Friedrich Hölderlin. Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat,' So kam auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet. Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst, Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder? Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah, Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat. Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus Und liebender Geschwister Umarmungen Begrüß ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile. Ihr treu gebliebnen! aber ich weiß, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht, Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche singen, mir aus dem Busen. Denn sie, die uns das himmlische Feuer lethn, Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden. Mutter Jula von Gottesland. Von Hilde Bock. Früh am Tag, wenn noch prall und silbern die Tautropfen hi den Blattwinkeln sitzen, nnd die Stare noch einen letzten Ahnen Hupf auf das Erbsenbeet wagen, guictscht Julas Garten- gütter, das den Nutzgarten von dem mächtigen Rasenvlatz ab- twnnt, den die Siedlerin Jula seinerzeit angelegt hat. Niedrige känke ziehen sich darauf herum am Zaun entlang, vor denen in Abständen ebenso niedrige, roh gezimmerte Tische fest in den Rasen eingepflockt sind. Links hält eine schmale Holzeinfaßnng eilten Sandspielvlatz umschlossen, und auf der andern Seite spreizt eine zierliche Wippsthaukel ihren rechten Arm steil in die Luft. Wenn die Siedlerin Jula hier anlangt, ist sie schon lange tätig in jungen Tag. Dann sind Großvieh und Hühnervolk schon ver- sirgt, nnd die beiden Stuben hinter der griinwetß-karterten T and bereits geputzt. Indes rührt das Jungmädchen Nir tn der Küche den schaumigen Grießbrei gar, summt ein kindliches Liedchen und sieht vor dem Fenster alle Morgen dasselbe: Nämlich die Siedlerin Jula groß und gerade über den Rasenplatz gehen, über jedem der kurzbeinigen Tische ein buntes Tuch entfaltet, aus einer mächtigen grasgrünen Gießkanne in irdene Töpfchen blitzende^ Raffer gießen und immer eines davon mitten auf jeden Tisch Wien. Je mehr sie sich bückt nnd dreht, je länger sie hier wirt- Icimftet, um so sorgsamer erscheinen ihre Bewegungen, um so mehr Liebe scheint zu jedem Handgriff da zu fein. Und wenn der Grießbrei in der Kasserole so dick ist, daß er in bellen Ballen vom Löffel fällt, sieht die kleine Rix, wie das Fräulein Jula die ll'.'oße, weiße Hand über die Augen schirmt, wie sich darunter tlr wunderschönes, frohes Lachen spreitet, und während Nix den LIrei zu gleichen Portionen in viele kleine Schüsseln schöpft und jedes Häuflein mit einer Mütze von lichtrotem Gelee krönt, er- bibt sich draußen auf dem Rasenplatz ein schrilles Gekreisch und mächtiges Jauchzen: Auf die hohe, schlanke Jula wirft sich ein Schwarm von Jungen und Mädeln, deren unruhige Münder un- aitfhaltsam plappern, deren magere und rundliche Aermchen acht- l.in gepflückte oder auch wild geraufte Feldblumenstrautze empor- ricken, und deren kleine Herzen mit aller Zutraulichkeit dem großen Julas zuichlagen. . , . . . Das ist für Rix das Zeichen, das Brett mit den dampfenden l'Tciportionen hinanszutragen und sie auf den Tischen zu verteilen. Manchmal streift ihre Hand dabei die flinke, warme des Fräulein Ttula, d>e emsig den herumschwirrenden Kindern zeigt, nie man Löwenzahn mit Schafgarbe, Hahnenfuß mit Lichtnelken ir ansehnlichen nnd gefälligen Sträuben steckt. Die kleinen Gäste löffeln mit Behagen hinter den langen Tischen die nahrhafte Mahlzeit. Es ist still darum, so still, daß ihr da helfen und etwas Glaubwür- solch einer funkelnden Siedlung liber- Eines Tages schlugen Menschen einen hier stehenbleiben müssen, tarierten Häusern konnte diges dazu sageul Denn wieviel wußte in Haupt einer vom andern? Zaun um ihr grünweitzes eines kleinen Vogels Lied jetzt mitten hineinfallen kann in den -Rasenplatz. Die Siedlerin Jula steckt das allerletzte Spürchen Melde in ein kühles Wasser, schaut die Reihe der behend schluckenden Münder entlang, die nun durch die ganze Sommerzeit mit ihrem Hellen Lärm allmorgendlich hier einfallen werden. Und Rix in der Küche über dem Teichtrog spinnt an dem besonnenden Gedankennetz: Warum in aller Welt das Fräulein solches tut? Warum die Siedlerin Jula lieber drei Stunden vor Tagbeginn schuftet und noch lange nach (Sonnenuntergang werkt, nur, um den lieben, langen Vormittag für nichts und wieder nichts die Kinder der Gottesländer zu hüten? — Ein gutes Werk. Schön. Das sagt auch Rix. Ein Tun in christlicher Nächstenliebe, eine Einrichtung, die der ganzen Siedlung nützt, die alle Mütter von Gottesland Liebe und Verehrung für die Siedlerin Jula fühlen läßt. All das ist wahr. Aber — Und dann weiß die kleine Rix weiter nichts. Gestern ging es ihr ebenfalls so, und morgen würde sie wieder Und niemand aus all den grünweiß- Gehöft, von denen eines dem andern glich wie zwei "Kinder, die zu gleicher Zeit einer Mutter Schoß getragen hat. In dieses hier kamen Menschen aus bergigem Land, das südlich lag und warme Taler barg, in jenes solche aus der Ebene, auf der die rauhen Winde wohnten. In diesen buntumbauten Gehöften glichen sich jedoch umgehend ihre Tage, glich sich der Kreis ihrer Gedanken, glich sich ihr Hoffen, ihr Wünschen, ihr Wollen. Darüber ging unablässig die Sonne nieder und stieg erneut heraus, wechselten Nässe und Dürre, Kälte und Hitze und taten das ihrige dazu, um diese Menschen verschiedensten Ursprungs und Herkommens zu neuer Gemeinschaft zu verbinden. Wer sich aber darauf verstand, in ihre Träume zu schauen oder hinter die betend gesenkten Stirnen, wer es versuchte, den Feierabendstimmen zu lauschen, dem zeigte sich manchmal ein flüchtiger Blick in ihr früheres Leben und Schicksal. Die kleine Rix verstand aber nur das Henke zu sehen. Der Tag auf der Siedlung war das, was sie lebte, war das Wirkliche. Das war aber nicht die ganze Siedlerin Jula! Das konnte nicht fein! Nein. Aber die kleine Rix würde auf diese Weise wohl auch nie dahinter kommen, und wenn sie noch manchen Sommermorgeu lang unter Grübeln Grießbrei rührte! t , r. Die Siedlerin Jula war sich darüber durchaus klar, daß sie mit diesem kostenfreien Kindergarten dem ganzen Gottesland einen großen Dienst erwies, und sie bemühte sich nm so eifriger, diesen Dienst mit Hingabe zu erfüllen, weil sie selbst trotz allem Reichtum ihrer Eltern eine schwere, freuöenarnte Kinderzeit gehabt hatte. Ihre Eltern waren fremd gegeneinander geblieben, und die Feindlichkeit ihrer Seelen hatte Inkas Kindheit vergiftet. Inkas sehnlichster Wunsch von Kind an war es gewesen, einmal selbst Kinder zu haben und sie dann anders zu halten und zn pflegen, als man es mit ihr getan hatte, und wohl auch nicht anders tun konnte, weil man es nicht besser verstand, und der Eigennutz es nicht anders zuließ. _ Und Julas strahlender Kops mit dem goldbraunen Haar, das jetzt aschig geworden ist vor dem nahenden Alter, und ihre sichere, ruhige Hand zogen manchen herbei, der bereit war, mit ihrem Vater den Ehepakt zu besprechen. Aber dann tat Jula ledesmiU etwas Ungeheuerliches: Sie fragte nämlich einen jeden, der sich ihr mit solcher Absicht näherte, auf den Kops zu: „Warum wollen Sie mich eigentlich heiraten?" B Das war etwas Unvorhergesehenes, Ungewöhnliches, wovor die Männer meist unsicher wurden. Sie antworteten mehr oder minder eigennützig oder beteuerten, mißtrauisch geworden, daß es bestimmt nicht nur um des Geldes willen geschehe, das Julas Vater zur Verfügung stellte. Jula hatte alle enttäuschen müssen und endgültig immer gesagt: „Nein. Denn wir werden nicht das erfüllen können, wozu nach meiner Meinung eine Ehe da ist!" r Das war unbegreiflich! Was verlangte das Mädchen Jula denn? Wie konnte man vor einer Ehe schon an deren Erfüllung denken? Das fand sich doch, war ganz einfach! O nein, Jula wünschte keine Gemeinschaft nur zum Selbstzweck. Sie kannte das zur Genüge, da ihre Kindheit im Schatten solcher Lebensart fiingefümmert war. Jula konnte sich eine Gemeinschaft nur bewußt zum Zwecke neuer Menschwerdung denken! Da» war's. noch so Auf gleichen zen der Die an den Und je reifer und vollendeter sie wurde, um so klarer und selbstverständlicher überschrieb dieser Gedanke reden Wunich nach (',e9t6ei'te^tfam in all den Jahren, während welcher Jula ausblühte, das Schicksal, und alsdann anfing zu altern, nicht der Manu, der Julas Frage in ihrem Sinne richtig beantwortet tut ein großes und gutes Werri ^ay um oeren neu vollfüllt in diesem Dienst, nachdem da» Schicksal es ihr leer- gelassen, darauf werden die wenigsten kommen. Mittlerweile stand sie ganz allein im Leben mit dem großen verbliebenen Erbe ihres Vaters. Und gerade zu der Zeit, .als die Steinhauersamilie, deren drittes Kind von sieben die klerne Rix ist auf die Siedlung GotteSland hinauszog, schlug das Fraulein Jula eines Tages ebenfalls einen Zaun um ein grunweiß- kariertes Siedlerhaus und trennte vom Gartenland den Raien- svielvlatz für die Gotteslandkinder ab. ... . . Der Entschluß war jäh mit dem Bewußtsein herangereift, daß bas Schicksal ihr eigene Kinder unter der Voraussetzung, wie sie eine kommende Zeit nötig hat, nicht schenken will, daß rhr aber viel unverbrauchte Kraft und reiche Mittel gegeben sind, die zu verschenken Pflicht und Freude ist. ra ,,p. , . So wachsen sortan die Krnder der Siedlung Gottesland in jedem Sommer ein Stück hoher und stärker herauf aus ihrer neuen, gemeinsamen Heimatwurzel, mögen ihre Eltern sie auch - - verschiedenen deutschen Gauen zusammengetragen haben, dem Rasenplatz der Mutter Jula spielen sie alle die Spiele, singen sie die gleichen Lieder, und aus dem Her- Vielmutter Jula ziehen sie alle die gleichen Kräfte, kleine Rix und alle Mütter von Gottesland werden bis letzten Tag in Dankbarkeit denken: die Siedlerin ^ula -roßes und gutes Werk! Daß sich deren Herz auch immer Oie Dichter und die Kunst des Lesens. Von Hanns Martin El st er. Ratlos stehen die einfachen, das heißt nicht beruflichen Leser der anschwellenden Bücherflut gegenüber. Sie wissen keine Antwort auf die Frage: Wie sollen wir diese Massen gedruckten Papiers bewältigen? Wie sollen wir aus diesen unzähligen Neuerscheinungen und 'Neuausgaben das für uns Richtige herauv- suchen und finden? Zumal da uns auch alle literarischen Sammel- blötter eine zu große Menge empfehlen. — Ich glaube, daß die Dichter selbst bei dem Bestreben des Lesers, das Weittragende, das Lebensvolle in der Gegenwartskunst für sich zu finden und aufzunehmen, die besten Ratgeber sein können. Einmal sind sie die Schaffenden, die Schöpfer selbst, die aus innerer Freiheit heraus Sehnsucht danach haben, klar zu erkennen, ob ihre Werke neue oder neu erlebte alte Werte enthalten oder nicht, und zweitens sind sie die Erfahrenen, die die Kunst des Aufnehmens, des Lesens verstehen müssen, mehr als der einfach Gebildete, da sie sie eindringlich an ihren eigenen Werken studiert haben: drittens aber haben sie auch das Verantwortungsgefühl dafür, daß das Gute aufgesunden und richtig gelesen werde. Es ist also voll berechtigt, wenn wir uns an die Dichter wenden und fragen: Welche Ratschläge gebt ihr uns für unsere Lektüre? Ihr, die ihr euer Leben den Büchern aufopsert? Je nach der Art und Anlage der Dichter sind nun die Antworten, die ich nur in Auswahl vorlegen kann. Sie ergeben alle zusammen einen gemeinsamen Grundakkord: das ist die Ehrfurcht vor dem Buche. Nichts ist den Dichtern mehr zuwider als jene Halbbildung, die sich besonders vornehm dünkt, wenn sie das Buch verachtet oder nachlässig behandelt, wertvollste Dichtungen mit „Schmöker" bezeichnet und tief erlebte, gedruckte Wahrheiten, eben weil sie Kunstform geworden sind, verlacht. Sie bekämpfen alle die Menschen, die Bücher nur für oder gegen die Langeweile lesen. Das heißt für sie, das Lesen entwürdigen. Und das Lesen ist ihnen nicht eine Technik, sondern der Beginn aller geistigen Entwicklung schon vom Kind an. Ernst Zahn, der Dichter des „Albin Jndergand" sprach es einmal aus: „Die Schule sängt an, zum Lefen zu erziehen und das ist nach meiner Meinung ein Großes. Wer in der Jugend gelehrt worden ist, daß er lesen und daß er Gutes lesen soll, der hat ins Leben hinaus nicht nur das beste Gegenmittel gegen die Gehilfen der Sünde, den Müßiggang und die Langeweile, sondern er hat auch eine leicht zugängliche Sonntagssreuöe, einen Trost in kranken Tagen, einen Wegweiser in Seelenwirrnis. Der Beruf des ernsthaften Schriftstellers ist so gut wie Seelsorgerberuf, wie der des Predigers und jede reine Poesie ist Predigt und Erbauung." Ganz ähnlich empfand Friedrich der Große: „Man muß ein sehr hartes Herz haben, wenn man die menschliche Gesellschaft des Trostes und Beistandes berauben will, den sie aus Kunst und Poesie wider die mannigfachen Bitterkeiten des Lebens schöpfen kann" Und schon Thomas aKempis gestand: „Nirgends habe ich Ruhe gefunden, denn in Büschen und Büchern." Beides vereinen — Einsamkeit und Bücher — gilt manchem heute noch als ein Ziel, der Mühen wert. Denn der Umgang mit Büchern ist der Gemeinschaft mit den erlesenen Geistern der Menschheit gleichzusetzen. Freilich, ein Mann wie Caesar F l e i s ch l e n woüte nicht nur die vielen wunderbaren Dinge, das viele Große, Befreiende und Erlösende, das in den Büchern steht, lesen, sondern auch mit seinen Mitmenschen besprechen. Gesellige Naturen werden so immer nach einem Austausch der aufgenommencn Gedanken und Gefühle verlangen, während der einfame Denker Genüge daran hat, das Gelesene in sich und für sich zu verarbeiten, Neues aus dem Erfahrenen zu bilden und zu gebären. Dazu gehört vor allen Dingen aber die Scheu, zu flüchtig zu lesen. Hat man erst einmal den Standpunkt überwunden und erreicht, den der deutsch-ungarische Heimatdichter Adam Muller- Guttenbrunn charakterisierte: „Den Dichter entwürdigen heißt, ihn gebunden in einem Bücherschrank verstauben zu lassen, ihn ehren heißt, den geistigen Inhalt seiner Werke als edlen Samen ins Volk zu bringen": ist man erst einmal zu dieser Ueber- zeugung gelangt, so wird man nicht so leichtsinnig sein, sich bei guten Büchern mit einmaligem Lesen zu begnügen. Jch sage wohl- gemerkt bei guten Büchern! Denn selbst der einfache Leser hat doch im Großen und Ganzen ein sicheres Gefühl dafür, ob ein Buch f ü r i h n gut oder schlecht ist, wenn er es auch nicht in Bestehung ans den allgemeinen Kunst- und Kulturwert als gut oder schlecht beurteilen kann. „Um aber das Gute zu lesen , sagt Schope - Hauer, ein vortrefflicher Beobachter dev Leicrs, „ist eine Bedingung, daß man das Schlechte nicht leie: denn das Leben ist kurz, Zeit und Kräfte beschränkt!" Ebenio wie vor dem Lesen schlechter Bücher hat man sich aber auch vor dem Zuviel-Lesen zu hüten. Allerdings hat Adam Müller-Guttenbrunn leider noch Recht, wenn er meinte, der Kreis derer, die gar nicht lesen oder jedem geistigen Unrat zugänglich seien, wäre viel großer,alv derer, die von der Lesewut besessen seien. Und auch Gustav Freytag fragte noch in seinen letzten Lebensjahren: „Ist es notwendig, daß unser Nachbar, der Landmann, so selten ein gute» Buch liest und noch viel seltener ein Buch kauft? Ist es notwendig, daß er in der Regel keine andere Zeitung zur Hand nimmt, als etwa ein kleines Blatt seines Kreises? Wer jetzt ein Gedicht von Goethe in die Truhe einer Bauersfrau legen wollte, der wurde wahrscheinlich etwas Unnützes tun und bei einem ''Sebildeten Zuschauer ein vornehmes Lächeln erregen. Muß das Schönste, das wir besitzen, der Hälfte unserer Nation unverständlich sein? Vor 600 Jahren wurde doch das Gedicht von Meier Helmbrecht auch in den Dorfstuben verstanden, der Reiz seiner klangvollen Verse, die Poesie und warme Beredtsamkeit feiner Sprache. Und die Rhythmen und Weisen jener alten Tanzlieder des XIII. Jatzr- hunderts, sie sind gerade so zierlich und kunstvoll wie nur die feinsten Verse in den Gedichten des größten modernen Dichters. Es gab eine Zeit, wo das deutsche Landvolk dieselbe lebhafte Empfänglichkeit für eine edle Poesie hatte, welche wir jetzt als Vorrecht der Gebildeten in Anspruch nehmen mochten. Nun, seitdem Gustav Freytag vor mehr als vier Jahrzehnten so sprach, ist vieles besser geworden. Die Teilnahme des Volkes, besonders auf dem Lande, ist in jeder Hinsicht gewachsen und persönlicher geworden. Im Dritten Reich erleben wir jetzt das Streben, dem Landvolk, dem Arbeiter die gesamte Kunst und Dichtung ebenso zum Lebensbedürfnis zu machen, wie sie es ehedem nur den „geistigen", den „gebildeten" Deutschen war. Wer einmal in das Geisterreich der Bücher eingetreten ist, der müht sich auch ernsthaft um die wahrlich nicht grade leichte Kunst des Lesens. Dabei höre man vor allem aus I e a n Paul: „Was fünfmal geschrieben, hundertmal gedacht, sollte, wenn nicht einmal, doch zweimal gelesen zu werden verlangt werden dürfen" und auf Friedrich Rückert: „Manch art'ges Büchlein läßt sich einmal lesen, Zu dem der Leser nie dann wiederkehrt: Doch was nicht zweimal lesenswert gewesen, Das war nicht einmal lesenswert." „Jedes irgend wichtige Buch soll man sogleich" — sagt Schopenhauer — „zwei Mal lesen, teils, weil man die Sachen das zweite Mal in ihrem Zusammenhänge bester begreift, und den Anfang erst recht versteht, wenn man das Ende kennt, teils, weil man zu jeder Stelle das zweite Mal eine andere Stimmung und Laune mitbringt als beim ersten, wodurch der Eindruck verschieden aussällt, und es ist, wie wenn man einen Gegenstand in anderer Beleuchtung sieht." Wertvolle Bücher soll man womöglich also noch öfter als zweimal lesen, damit sich das innere Verhältnis zu ihnen festige. Man soll sie immer zur Hand nehmen, wenn man Laune, Stimmung und Lust danach hat. Um das zu können, muß man die Bücher natürlich besitzen. Bei ihrem Ankauf kommt es nicht auf die Menge an, die man erwirbt, — denn man kann nicht mit dem Ankauf der Bücher auch die Zeit, sie zu lesen, einhandeln. Aber man verwende das Buch vor allem für Geschenke, wozu es Wilhelm von Humboldt „vorzugsweise" geeignet fand. Und Heinrich Sohnrey rät: „Gib deinem Kind ein gutes Buch und sei gewiß, du gabst genug. Ein gutes Buch ist Sonnenschein, der tief sich legt ins Herz hinein, ist Samen auf ein Blumenbeet, darüber Gottes Odem weht." Bei allem Kaufen und Schenken bleibt freilich die Hauptsache daS Lesen, wie Gustav Falke stoßseufzt: „Wenn ihr uns nur wolltet lesen! Was haben wir von dem Deukmalwesen? Ach, wohin wir gestrebt im Leben: jetzt könnt ihr es so leicht unS geben: ein wenig Liebe. Der Tod macht uns billig: Kauft uns. Aufs Denkmal verzichten wir willig. Mehr freut uns, wenn ihr ein Lied von uns kennt, als wenn unser Bild in der Sonne brennt. Eure Liebe sei unser Postament." Die Liebe kommt aus dem Herzen und nicht aus dem Kopfe. Beim Lesen soll nicht der Verstand allein herrschen. Wer alles auf die Vernunft hin liest, wendet sich von der Poesie ab. In ihr herrschen Empfindung, Gefühl, Phantasie, herrscht der Lebenswille. Richard Dehmel will es freilich anders,- aber er geht zu sehr vom Technischen ans, wenn er meint: „Ein Buch zu lesen, ist allererst eine bare Verstandestätigkeit." Das trifft nicht zu. Zwar ist sein System, wie sich aus dem verstandesmäßigen Lesen allmählich das suggestive Ergriffensein entwickelt, recht schön und klar, aber erinnert er sich gar nicht mehr der Zeit, da dem Kinde schon der erste sinngewordene Buchstabe einen merkwürdigen Zauber enthüllte und aus dem Worte der Fibel sofort das anschauliche Bild geboren wurde? Darin hat er freilich recht, daß jeder Leser, wenn er vollwertig sein will, schon etwas mitbringen muß, nämlich die Hingabe an die Dichtung, zumindest den Willen dazu. Dann stimmt der Vergleich, den Dehmel zieht: „Bücher sind wie spiritistische Medien,' wer die nicht richtig zu fragen versteht, dem antworten sie falsch oder gar nicht, und die meisten Leute halten deswegen den Spiritismus für Schwindel, bestenfalls für Selbsttäuschung. Jener afrikanische Wilde, der einen Missionar aus der Bibel vvrlesen hörte, sich dann das Buch an die Ohren hielt und es ungläubig wegwarf, weil es ihm nichts sagte: der steckt noch in jedem gebildetsten Leser." „Zu verlangen, daß einer alles, was er je gelesen, behalten hätte", sagt Schopenhauer, „ist, wie verlangen, daß er alles, was er je gegessen hat, noch in sich trüge. Er hat von diesem leiblich, von jenem geistig gelebt und ist dadurch geworden, was er ist. Wie aber der Leib das ihm Homogene assimiliert, so wird jeder behalten, was ihn interessiert, d.h. was in sein Gedankensystem oder zu seinen Zwecken paßt. Letztere freilich hat jeder: aber etwas einem Gedankensystem Aehnliches haben gar wenige: daher nehmen sic an nichts ein objektives Interesse, und dieserhalb wieder setzt sich von ihrer Lektüre nichts bei ihnen an: sie behalten nichts davon." Der Mensch hat also am meisten von seiner Lektüre, der schon etwas i st. Darum trifft zu, was Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen" sagt: „Niemand mag lesen als das, woran er schon einigermaßen gewöhnt ist, das Bekannte, das Gewohnte verlangt er unter veränderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vorteil, daß es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegönnt ist", oder an anderer Stelle: „Was in der Zeiten Bildersaal Jemals ist trefflich gewesen, Das wird immer einer einmal Wieder auffrischen und lesen." Vom Gewohnten gehe also der Anfänger im Lesen aus. Dann wird er schneller den Weg zu der Lektüre finden, die für ihn am meisten fruchtbringend ist. Das Gelesene charakterisiert nicht allein den Lesenden, es führt ihn auch über sich hinaus und der Dichter übt an ihm jene Wirkungen aus, die Goethe an Wieland zu rühmen wußte: „Was macht er nicht aus unfern Seelen? Wer schmelzt wie er die Lust im Schmerz? Wer kann so lieblich ängsten, quälen? In süßen Träumen zerschmelzen das Herz? Wer aus der Seelen innersten Tiefen mit solch entzückendem Ungestüm Gefühle erwecken, die ohne ihn uns selbst verborgen im Dunkeln schliefen? Nahe dem Orient. Reiscbilder von Edwin Erich Dwinger. Delos. Eine kleine Insel, selten erreicht von normalen Kursschiffen. Nach schwieriger Fahrt durch schmale Engen, die unendlich stillen Fjorden gleichen, liegt sie vor uns: Kahl, fast baumlos, über und über mit Häusern bedeckt, hier und dort noch ein paar Säulen tragend — aber ohne Menschen. Es ist, als ob man durch Pompeji ginge. Völlig erhalten sind die Straßen, mit breiten Steinplatten gepflastert, zuweilen eiu- gemuldet und zerschlissen von den Sandalen, die ste einst beschritten. Unter den Platten entdeckt man die Kanalisation, brerte Schächte, die kreuz und quer das Regenwasser vom Berg zum Meere leiteten. Geradezu erstaunlich sind die Häuser, lediglich die Dächer fehlen, Treppenstufen und Fensterkreuze sind unberührt, viele Wände tragen noch den rauhen Unterputz, nicht anders auf- getragen und gerauht, als man es heute tut. Auf den Fußböden der schönsten Häuser findet man zahlreiche Mosaiken. In den Brunnen, die viele Häuser ichmucken, steht noch das Wasser: in großer Zisterne, deren sechs gewaltige Bögen sich unzerstört über ihre Tiefe schwingen, ruht noch ein schivarzer sec. Das Amphitheater rundet sich mit hundert stelnernen Ringen unversehrt, der Tempel des Apollon, dieser Insel stärkstes ^^bins, strebt weiß und ragend in die Bläue, der Blick vom höchsten Punkte auf dieses Jnsclmeer dringt unvergeßlich ein. Wie konnte es kommen, fragt man sich, daß eine solche Stadt eine» Tages oi,ne Menschen war? Hier hütete man einst den märchenhaften Schatz des Attischen Seebundes, hier befand sich einst der größte Sklavenmarkt ganz Griechenlands — bis zu zehntausend Sklaven wurden täglich hier verhandelt, von hundert Schiffen aus aller Welt auf diesen Börsenplatz gebracht! Ja, welches Leben hat einst diese Stadt erfüllt... Jetzt wohnt aus dieser ganzen Insel, inmitten dieses vorzeitlichen Häusermeeres nur noch ein alter Grieche, ihr stummer Wächter. Und Perleidechsen liegen breit- gefüchert aus den Fensterbänken... Athen. Die Stadt der Automobile, sagt man uns. Jawohl, dazu jener, die irrsinnig um alle Ecken rasen, zudem einmal rechts, einmal links ausweichen, gleichsam immer dort, wo es am schnellsten geht. Eine aufstrebende, amerikanisierte Stadt, die im Grunde überall auf der Erde liegen könnte, nichts typisch Griechisches mehr an sich hat. Im Staatsmuseum suchen wir vor allem jenen Raum, in dem die Schätze Schliemanns aus Mykene liegen. Vergessen ist die amerikanische Stadt, ihr internationales Gepräge: Die alten Schwerter, Schilde, Helme sind von solcher Arbeit, daß man vermeint, etwas von gleicher Schönheit niemals wieder sehen zu können. Auf der Akropolis verstummen unwillkürlich die Gespräche, wird jeder leise. Propyläen, Erechtheion, Parthenon, Niketempel... Zwei griechische Soldaten in alten Trachten, weißen, gestärkten Nöcken, feuerroten Umhängen, halten die Ehrenwache. Der Himmel ist wolkenlos, die ungeheure Marmormasse goldgelb. Sieht man nicht junge Menschen überwältigt an den Säulen lehnen und die glatten Wände mit Händen streicheln, die leise zucken? Ich selber sitze mit zwei jungen Mellschen auf einem Felseustück am Rand der Burg, zu dem von unten das ferne Brausen der großen Stadt heraufschwingt, wo es aber dennoch so still ist, als ob die ganze Akropolis ein einziger, überdachter Tempel sei. Und aus uns steigen Worte und Gedanken, die nur auf diesem Platz entstehen können, auf dem vor Tausenden von Jahren Schönheit und Glaube ihre höchsten Feste feierten — niemals von einem Volke noch einem Menschen mehr erreicht! So sitzen wir vom frühen Mittag bis zum Abend auf diesem einsamen Platz, bis rot die Sonne untergeht, irgendwo mit klagendem Klange die Glocke des Wächters ertönt, die Ehrenwache feierlich die Burg verläßt. Und jedem tft’S, als ob er aus dem Paradies vertrieben würde... Stambul — Konstantinopel. Kaum hat das Fallreep sich auf den Kai gesenkt, als ein türkischer Hauptmann in Gold und Khaki die Treppe herauffliegt, mich überstürzt au seine Brust drückt, schalleud auf beide Wangen küßt. „Lieber, Lieber — habe ich dich wieder!" Ich stelle ihn den Freunden vor: „Jüsbaschi Achmed Bey — ein alter Kampfgenosse aus Sibirien!" „Nun, vorwärts, illerü — Ihr seid zwei Tage meine lieben Gäste!" Achmed führt uns. Oh, er ist unermüdlich, keine Moschee bleibt aus, kein sehenswerter Platz, kein wertvolles Denkmal, weder die „Süßen Wasser" bei Ejoub, noch Alexanders Sarkophag im Zivilmuseum, weder seine Kavallerieschule, noch das Heeresministerium, in dem er arbeitet. Und immer wieder schlüpfen wir in große Pantoffeln, um lautlos über riesige Teppiche zu gleiten, in den gewaltigen Kuppeln der Hagia Sophia, der Sulejman, dem nasalen Gesang der Hodjas zu lauschen. „Oh", sagt er, „früher waren diese Moscheen immer übervoll, zu jeder Zeit, jetzt sind sie fast leer, wie Ihr seht! Seit unser Gazhi..." Ja, er ist ganz modern, mein alter Freund, schreibt nur noch lateinisch, zeigt uns als Allerwichtigstes das Denkmal Kemals, auf dem er an der Spitze seiner letzten Truppen zur Entscheidung vorstürmt... Mittags essen wir in einem Restaurant, in dem viele Offiziere sitzen, die unglaublichsten Gerichte: Gefüllte Schoten, Hammel am Spieß, fremdländische Früchte, übersüßes Zuckerwerk. Ein Diener schleift die riesenhafte Nargileh herbei, die reihum geht, ein kleiner Stiefelputzer nimmt sich unserer Schuhe an, daß sie nach kurzem wie mit einer Glasschicht überzogen scheinen, derart, tu stechendem Glanze flimmern, wie keiner es von Schuhen je gesehen. Zum Schlüsse bringt man den Kaffee, jenen herrlichsten Kaffee aller Kaffees der Welt, den man ganz dick und mit dem Satz nimmt... • Nachmittags gehen wir ins Serail, das alte Haremsschlotz der Sultane, vor kurzem erst eröffnet. Ein Teil der unzählbaren Räume birgt die herrlichste Wasfensammlung der Welt, von einem deutschen Professor geordnet, unendlich reiche, aber meist überladene, nicht häufig wahrhaft edle Stücke. Im nächsten Raum stehen Thronsessel und Prunkbetten mit soviel Perlen und Diamanten, wie man als Kind in Märchenbüchern las, dazwischen fünfzehn, zwanzig lebensgroße Puppen, sämtliche Sultane, in jenen edelsteinbesäten Kleidern und Turbanen, die sie zu Lebzeiten trugen. Die Räume der Eunuchen und Haremsdamen schließen sich daran — leuchtende Teppiche, flimmernde Majoliken, zerschlissene Polster, Schmuckschränke für die Nacht ... Konstantinopel geht zurück, man kann es nicht leugnen: Dies alte Serail wird ihm für alle Zeiten mehr Fremde bringen als sie irgendein sehenswerter Ort der ganzen Welt hat! Als letztes sehen wir die Gefängnisse der Haremsdamen. t Abends sind wir zur WiederseheuLfeier in Achmeds Wohnung geladen, ein kleines Haus inmitten eines Trümmerfeldes. „Ja, Stambul zerfällt", sagt Achmed, „Stambul stirbt... Alles geht nach Ankara, nahe zur Sonne — hier wird nicht mehr aufgebaut, was einmal zusammenstürzte..." Achmeds Frau, Hafis Hanum, eine schöne Türkin mit fremdem Charme, schwarzen Augen, sehr vollem Mund, hat eine Freundin für uns eingeladen, damit sie uns auf ihrem Instrument, einer zwölfsaitigen Laute, heimatliche Lieder spiele. Um Mitternacht kommen wir nicht darum, in großem Chor den Gallipolimarsch zu singen, den wir einst in Sibirien gesungen... Bevor wir gehen, sagt Hafis Hanum: „Hier sind die Gastgeschenke, Freund meines Gatten!" Ihre Gaben sind zwei kleine Rauchtischdecken, aus Gold und Seide, mit dem Monogramm des Propheten eigenhändig bestickt, ferner eine Reitpeitsche, völlig aus ziseliertem Silber, innen vom Holze eines Baums aus Mohammeds Zeiten, dessen Berührung jedes Pferd gesund macht... ..Alin' ans einer bi cf en Wolke. —? Wie kommst du darauf? Ich weiß es nicht/ „Hei Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'fche Univerfitäts-Vuch. und Steindruckerei, 2t. Lange, Sieben. Nikodem ipn.sierte wieder prinzlich nervös umfier, lieft achtlos Maaretteiw'che fallen, ein Knabe in Hellen Pumphosen, der durch feine Musik ah gelegentlicher Raserei neigte; ein blasser, schöner. Katarina lachte; zu spät. Katarina erhob sprach Re und hielt „Ich werde mit Mama rachsüchtig. „Oh, tut das! Wiedersehn, Nikol Wir sehen uns noch mal?" „Ganz gewiß!" versicherte der, hart entschlossen. „Ich gedenke, diesmal längere Zeit in Berlin zu bleiben." Sie nickte mit einem holdesten Lächeln und entschwebte. Der gelehrte Großherr folgte ihr mit rötlichem Nacken. Das Erröten älterer, cholerischer Truthähne! dachte Nikodem Glod feindselig und gequält, nahm nervös eine frische Zigarette und lieft sich, erquickt anfstöfinend, in den Sessel fallen. „Was ist los, Tonte Margot?" Louis — ?" „Sprich nicht ,Louis', Niko!" verbot die Fürstin-Mutter. „Völlig unerlaubt! Ein imposanter, muntrer Herr ... Stark und rauh vor der Welt und vermutlich eine süße und weiche Seele." Die Mama war plötzlich noch dickere Unterlippe. Niko war ein reizender, genialer Mensch; sie liebte und bewunderte ihn. Aber waS ging dos ihn an? Er war in Katarina verliebt, immer wieder rasend verliebt; je öfter er hier war, desto mehr. O nein — das nicht! Das niemals! dachte auch die Mama. Ein Wohnsinn! Da unten schnatterte der grofte Wagen; dort fuhren sie jetzt ins Weite. Die Mama trat ans offene Fenster und winkte ernst und zärtlich. „Gott segne euch!" betete Niko im Psefferkornschen Plüschsessel. „Ein Mann, der bloft schwere, aufreihende Arbeit im Leben sich. „Erwarte mich nicht zu zeitig, Mama!" den Blick der weißhaarigen Dame fest. Nikodem in der Stadt frühstücken!" sagte die „Du bist heut unser Gast, Niko!" „Ich habe es nie Begriffen. Er geht mit einem Zollstock auf die Auktionen. Er iftt auch jeden Morgen nüchtern drei rote Radieschen. Vielleicht hängt es damit zusammen?" ' '■ Louis lachte rauh und lose; die Mama lachte gekannt bat" berichtete die Mama voll Anerkennung. bedauerte Niko. „Will sie ihn heiraten?" fragte er leise, Mko 'b?k6 stehn und streichelte zart über die Hand Tante Maraots Fch versprach mich, wie ein Mensch. Durchaus verab- schcuungsw'ert! Ich renne hierher, um demütisi zu kmen. und zu boten Ans! Wegen Hasselbrrnk geschlossen! Was tun wir N-m. wo »»- weiteres nicht tot. Wir meinen auch nicht laut. Wir vummein ein biückien Tante Margot. Ich war ziemlich lange nicht in Berlin, viel zu lang? Nicht Läden ansehen! Siehst du: Ich gehe manchmal in meinen Kniehosen in die teuersten Geschäfte, g j bieterisch das Feinste vorlegen, freue mich nut Hansen uno Augen und gehe unter Segenswünschen der Verkäufer und Chefs wieder raus. Ich will gar nichts haben. Kennst du das, Taute ^Sie^ lachte mütterlich und bezaubert. „Ja, wir gehen, Niko! Ich werde mich rasch umziehen, mein lieber Niko. Dann jrufi- stücken wir im Freien, oder wo du willst. Wir fahren auch fjma9Bofinr6eT Ihnen — dieser Herr von Glod?" frogte der Professor eine Weile später im Wagen, das Gesicht Katarina zu- Öeil(Sktf(6üttene den Kopf und antwortete nahe au seiner Wange. Der Wagen schmetterte eben auf freier Bahn. Sie erzählte ihm von Nikodem. .. c*.. „ Dann waren sie draußen zwischen den lenzgrünen Feldern, die silbrig im frischen Winde schauerten. Der Atem ging leicht im frischen Wind. Der Blick schweifte frei, und das Blut summte ruhig mit der Stimme des Motors. Es war em heiterer und glückhafter Gesang. Die andere Welt lag dahinten und war vergessen. Nur, was vor ihnen lag, galt und war frisch und neu. Sie lächelte in der wohligen Wärme ihres Bluts, als dachte ste° So ist es gut! So gut soll es sein und bleiben! Und er blickte ernst mit einem starken, gesammelten Glanz tm Auge, in die iVerne Er sah jetzt ihr Lächeln. Sie neigten sich zueinander mt Sprechen. Aber noch hübscher waren die Hausen, wenn ste sich zurücklehnten, ein schweigend zueinander gehörendes Paar. Als der Wagen nach einer langen, unbegrenzt langen Zeit einmal eine Kurve zu kurz nahm, sank Katarina für eine Welle weich und ohne Widerstrebeli mit der Schulter an ferne unerschütterliche Schulter. Sie lächelte wieder. Und der Glanz semes Auges wurde hell und hart. Da legte er behutsam die Hand auf ihre Hand, die auf der Decke neben der seinen lag. Legte schützend ferne starke Hand auf ihre Hand. Er hatte stch so etwas Aehnliches schon öfter, auch heute morgen ein paarmal, vorgestellt; schon öfter vorgestellt. Katarina überließ ihm die Hand, die er zuletzt, demütig entschlossen, hinter dem umgestülpten Handichnfileder an die Lippen führte, was ihn, wie noch nichts un Leben, erschütterte. Eine freundschaftliche Geste und Huldigung? Die amüsante Warze auf der linken Backe über dem noch menschlicheren Grübchen schien 8U Katarina Gugernell nahm, als sei nichts geschehen, nach einer Weile ihre Hand wieder an sich. Und die beiden großen Leute ruhten stumm, und wie ermüdet von einem langwierigen Ge- schefin, tm Wagen aus. „Sie sind wundervoll, Katarina! Ganz wunderbar! Das Herrlichste, das ich je gesehen und erlebt habe! Ich muß vthnen dav '"^Sie schwieg. Sie hatte so etwas wohl schon öfter im Leben zu hören bekommen. Dann blickte sie ihn ruhig und klar an. Eine Frau, die lacht! blitzte es ihm grimmig durch den Sinn. Und doch plötzlich, wie ihm schien, eine ernste und willig stark ergriffene Frau... Er nahm wieder kühn und fest ihre Hand. VI. Die beiden Vettern batten ihren Kral in der Meraner Strafte dicht nnterm Dach, zwei Kammern nebst Atelier mit Bunten Holz- möfieln und grellen Holzfratzen von der in an'vruchsvollen Kreisen geschützten Südsee; davor lag eine Pnpvenküche, die unverzüglich aus die Bodentreppe führte. Den gröfteren Teil dieser Annehmlichkeiten muftte der AtelierfieRtzer Dagofiert bezahlen, was dem energischen Diez nicht auszureben war. Diez Sorte in seinem Einbettzimmer, das zugleich Arbeitszimmer war, norm Spiegel gegen einen nicht vorhandenen Sandsack' schwirrende Uppercuts, Kinnhaken, Schwinger, Gerade, seine ständige Moraenübung. Diez traf im Geist kunstgerecht fremde Gesichter und Rippen, wgs die Sache ungemein würzte. So reagierte er jeden Morgen Aerger und Unannehmlichkeiten ab. Er lebte zwar nach dem ehernen Grundsatz: Das Leben kalt, hart und spöttisch onfnifen! Ausgezeichnete Grundsätze, die aber niemals ohne einige Reizbarkeit gefaßt zu werden pflegten. Es war ihm in seiner Jliaend, fern von Berlin, nicht gut gegangen, was ihn zäh und selbstbewußt, aber auch etwas diinnhäutig gemacht batte, bevor der sagenhafte Onkel Louis am Tulpenweg in , fein Leben eingegriffen hatte. Als Primaner Schreiber in einem Bersichernngsbüro, Zeitschriftenkolportenr. als Student Helfer 'n einem Fabriklager Reporter einer Provinzzeitung. Louis' HUfe . war niemals von Diez und feiner Mutter erbettelt worden; stolze , und empfindliche Leute überlassen so was dem Schicksal. , (Fortsetzung folgt.) Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von 93iftoi von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Er stand hinter ihrem Sessel. Er hatte die Hände aus die Rückenlefine aestützt, so daß sie etwas von seiner Warme, Utut und Kraft, ein Vibrieren spürte. Ein ^iner Schauer stieg über ihren Rücken. O nein, das nicht! Es wurde nicht beachtet. Wundervoll, Nikol" rief die Mama. „Wir sollten euch nach- her begleiten!" rief sie angeregt. „Louis wird uns Einladen. Es wird ihm selbst Freude machen!" Die Mama verlor etliche Zoll Fürstlichkeit. , ,, , «?ifn Glod lag, wie ein gutes Kind, still Msnnimengefaltet in einem Sessel und beobachtete scharf, wie ein Panther. „Ist nicht für Familienensemble, der hohe Herr?" „Ich kann es dir nicht sagen, lieber Niko. Ich bin dankbar, wenn er mir einen freundlichen Tag bereitet. „Ohne Zweifel. Ein umgänglicher Herr, der hervorragende Mann? Ein Treuhänder des Lebens? Ich habe übrigens in einer Stunde höchst dringliche Besprechungen^, log er und sah lässig nach der Uhr unter der Manschette. „Da ist er schon " Seine Majestät der Herr Professor!" Es hatte eben draußen stark und t'C^@rC n^or es in der Tat, mit einem Berg von Nelken im Arm. Erika ließ ihn ehrfurchtsvoll ein. „Oh, wie entzückend, lieber Herr Professor!" rief die Mama. Er verneigte sich. Die Mama erinnerte ihn immer wieder von weitem an eine ältere, gepflegte Zigeunerin. Doch er verbot sich stets diese Feststellung. Er sah auf die unbefangen mit den Brauen lächelnde Katarina, die blühende Saftweide der Augen. „Herr Nikodem von Glod, Vetter meines verstorbenen Mannes!" stellte sie vor. . 9/z „Erfreut! Sie leben in Berlin, Herr von Glod? „Nein. Ich bin in Geschäften hier. Hin und wieder in Geschäften", plauderte Nikodem, mit glitzernden Augen. „Sie sind Mitarbeiter des Hauses Vanderlip in Frankfurt? „Vertrete meine eigene Branche, wenn ich so sagen darf. „Herr von Glod ist Musiker", sagte Katarina mit hellen Augen, die zu zürnen und zu lachen schienen, und klingelte nach Erika. „Ich hörte viel von der berühmten Pirre-Galerie, Herr Professor. Sie soll geistig ebenbürtigen Leuten nicht ganz verschlossen sein?" plauderte Niko Glod unbefangen weiter. Der breite, schwere Mann ärgerte und reizte ihn; von einer tiefer nagenden Pein und Qual zu schweigen. „ Louis Hasselbrinks starker Oberkörper schwankte humorvoll Bereitwilligkeit. ,,, , _ , „ „Mein Onkel Heinrich Vanderlip ist auch Sammler. Aber er sammelt bloß alte Winterlanöschaften von einem bestimmten mittleren Format. Wohl ein Seelendefekt!" beharrte Niko Glod. „Es gibt solche ernsten Spielarten", sagte der Professor. sefiniaer Teufel mit schwarzem Pelzhaar und unheimlich glühenden Augen „Ein alter, dicker Gockel!" sagte er, aufrichtig gehässig; seine Lippen waren schmal und qualvoll verzerrt.