MMiierZaimlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang Montag, den 22. Januar Nummer 6 Schlittenfahrt. Von Johan L u z i a n. ließet weitweißem, schneehellem Land die Blitze der Sonne springen. Das Herz wird uns fröhlich und heiß, wenn die Schellen des Schlittens klingen am funkelnden, stäubenden Straßenrand. Winter, du männliche Jahreszeit! Die Bäche krachen von Scholleneis, und der Wälder große Gelassenheit erfüllt die frostklare Welt, das leere rabenbetupfte Feld und die verwunschenen Dörfer auch, behaglich umhüllt von der Herdfeuer Schmauch. Wir fahren dahin im Zuckeltrab leise, im Knirschen der Kufen, im Roßschnauben, Rufen wir fahren, wir fahren — v schön ist die Reise! Eine Geschichte von der Grenze. Von Eberhard Korte. Der Tatort dieser Geschichte ist die holländische Grenze. Es «vielen sieben Personen eine Rolle, die nicht als leuchtende Vorbilder bezeichnet werden können. Obwohl sie die Frage nach ihrer Beschäftigung ohne Scham mit „selbständige Kaufleute" beantwor- ien, sind sie im Grunde genommen ausgesuchte Betrüger. Sie sind kn Behörden ein Dorn im Auge, denn sie begehen in ununterbrochener Folge strafbare Handlungen. Ihre Einkünfte sind auf i>cn Verkehr mit zollpflichtigen Waren zurttckzuführen, die sie mit «rngewöhnlichem Geschick den Zollbeamten au der Nase vorbei- «mportieren. Woraus geschlossen werden muß, daß es sich um Schmuggler handelt. Ihrer zwei steuerten an einem regnerischen Abend der Grenze Ut. Sie benutzten, da ihnen schnelle Erledigung am Herzen lag, ein Auto. Eifrig bohrte sich der Wagen durch die Nacht. Mit leisen Sprüngen hüpfte er über die Pfützen. Er gab an Wegkreuzungen fein Signal von sich. Auch fuhr er mit abgeblenbeten Lichtern. Er itog nur so durch die Dörfer, deren Bewohner mit den Hühnern schlafen gegangen waren. Die beiden Männer hinter der Scheibe starrten krampfhaft aus dem Wagen. Sie konnten in Anbetracht der Nässe nicht Vollgas leben, worin sie einen Mangel erblickten. Dennoch schätzten sie kn Regen. Er verringert die Wachsamkeit der Zollbehörde und erschwert daß Postenstehen. So ein Wetter haben Schmuggler gern. Da sie der Grenze näher kamen, gestatteten sie sich, den Motor tinen Augenblick zu drosseln, um über Dinge nachzudenken, die ihnen bevorstanden. Ihre Gesichter waren bemüht, vertrauen- irweckend ansznsehen. Doch ließ sich nicht vermeiden, daß ihre bespräche verdächtig klangen. „Weißt du was", tuschelte der eine, „wir warten hier bis gegen Morgen. Kurz vor Tagesanbruch schlafen die Beamten bekanntlich rm festesten." „Meinst du wirklich", zweifelte der andere. „Wenn es aber tzegen Morgen nicht mehr regnet?" „Dann ist es bestimmt neblig. Um so besser." Infolge dieser taktischen Erwägung bogen sie in den Wald. Dort erwarteten sie den unvermeidlichen Nebel. * Jenseits der Grenze, hinter höchst geheimnisvollen Gebüschen, lauerten um diese Zeit fünf beherzte Männer. Sie führten Erhebliches im Schilde. Sie hatten einen bis ins Kleinste ausgearbeiteten Plan und warteten nur ans den richtigen Augenblick, ihn aus- zufübren. „Wenn sie aber nicht bald kommen", knurrte der eine, dann sollen sie mir gestohlen bleiben. Ich werde mir ihretwegen nicht He Nacht um die Ohren schlagen " „Das wirst du wohl müssen", behauptete ein anderer. „Wenn sie jetzt nicht kommen, kommen sie erst gegen Morgen." „Willst du damit sagen, daß sie aus den unvermeidlichen Nebel warten?" „Vielleicht haben sie auch Lunte gerochen und kommen gar nicht", bemerkte ein dritter. Die fünf beherzten Männer taten kein Auge zu, um jederzeit bereit zu sein, mit gezückter Masse hervorzubrechen. So verging allmählich die Nacht. * Gegen Morgen hörte es zu regnen auf. Dagegen blieb der unvermeidliche Nebel aus. Die beiden im Auto warfen sich enttäuschte Blicke zu, wodurch es auch nicht nebliger wurde. Dann gaben sie sich einen Ruck und dem Motor Gas. Sie fuhren gleich ein rasches Tempo, das sie noch immerfort steigerten. Tas Wetter ließ jedes Verständnis für Schmuggler vermissen. Rosig und klar dämmerte der Morgen. Die Lust zischte über dem rasenden Gefährt. Das Auto nahm die Kurven mit 90 Kilometer, und da es einen instinktiven Widerwillen gegen geringere Geschwindigkeiten hatte, bewegte es sich mit unheimlicher Sicherheit aus die Grenze zu. Bald wurde die Grenze sichtbar. Schon konnte man das Zoll- gebüude deutlich ins Auge fassen. Der Wagen verschlang die letzten Kilometer im Handumdrehen. Er raste einen Abhang hinunter, den jenseitigen Berg hinauf und machte nicht die leisesten Anstalten, vor den Hoheitszeichen anzuhalten. Die Zollbeamten fuhren entsetzt auseinander. Sie standen wie verstört. Dann sah man sie äußert empört in das Amtsgebäude stürmen, wo sie wahrscheinlich sämtliche Fernsprecher rebellisch machten. Das Auto hatte einen erstaunlichen Schwung. Es behielt ihn bis zum Walde bei. Dann stoppte es. Sein Führer trat auf den Fußhebel, um einen Augenblick erleichtert aufzuatmen. „Wir können direkt von Glück sagen, daß sie nicht geschossen haben", bemerkte er und zündete sich eine Zigarette an. „Denn hatten sie geschossen, wären wir glatt aufgeschmissen gewesen." „Erst müssen sie aber treffen", behauptete der andere und goß sich einen Schnaps in den Becher, „mit Schießen allein ist es nicht getan." Als der Schnaps eingegossen war, umstanden die fünf beherzten Männer das Auto. Sie riefen in unmißverständlicher Weise „Hände hoch!" und richteten auch etliche Revolver aus die Insassen. Sie erklärten, Zollbeamte zu fein und das Gepäck revidieren zu müssen Sie revidierten es. Voller Entsetzen ließen die Insassen es zir. Die beherzten Männer knöpften eine Zeltbahn auf und entdeckten fünfzig Flaschen Kognak. Unter den Sitzen förderten sie zehntausend Zigaretten zutage. Sie sanden drei Zentner Kaffee, einen halben Zentner Tee und ganze Berge Butter. Sie belegten alles schmunzelnd mit Beschlag und waren auss äußerste entrüstet über das Verbrechen der Zollhinterziehung. Die beiden Schmuggler standen, von dem Vorwurf erdrückt, betreten daneben. Dann zogen die beherzten Männer ein Auto aus dem Gebüsch und verstauten das wuchtige Resultat ihres Vorgehens. „Das übrige wird sich später finden", sagten sie vorwurfsvoll und steckten die Revolver wieder ein. Sie ließen den Motor an- springen, nahmen auf ihrer Beute Platz und entschwanden int rosigen Morqenlicht. Höchst langsam begannen die beiden Schmuggler sich von dem Schreck zu erholen. Denn infolge des erlittenen Schadens und hinsichtlich der ausgestandenen Angst waren sie hartnäckig verstört. Sie blickten sich, die Tragweite des Geschehens allmählich begreifend. sprachlos an. Offenbar waren sie noch nie zuvor dem Auge des Gesetzes anheimge'allen. Jedenfalls nicht so gründlich „Du mußt auch ausgerechnet bis gegen Morgen warten", hauchte der eine. „Als ob es nicht gestern weit bester geklappt hätte." „Gestern?" Der andere wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. „Gestern hätte uns das genau so gut passieren können. Und wahrscheinlich wäre es auch passiert. Die haben sicher schon auf uns gelauert." In den Bäumen erschienen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Ein unerhört schöner Tag brach an. Sämtliche vorhandenen Vögel zwitscherten. Den beiden war die vorzügliche Natur kein Trost. Sie standen mit umflorten Sinnen. „Untere Ware sind wir jedenfalls los", konnten sie nicht umhin, zu konstatieren. Doch bewies der eine die Tapferkeit, in einem fort zu versichern, daß es sogar noch schlimmer hätte kommen können. „Inwiefern?" fragte der andere. „Weil sie nämlich die Hauptsache vergessen haben." Die fünf beherzten Männer hatten tatst' 'stich einen wichtigen Schritt unterlassen Sie batten nämlich davon abgesehen, die beiden zu verhaften. Nicht einmal ihre Personalien notierten sie sich. Das fanden die beiden ungemein heiter und zeigten trotz ihrer Trauer höchste Schadenfreude. „Da kannst du wieder mal sehen, wie Beamte arbeiten. Die wichtigsten Sachen vergessen sie." „Wohl uns", sagte der andere. Aber als er es ausgesprochen hatte, nahm die Geschichte eine andere Wendung. Es näherte sich ein Lastauto mit schwerbewaffneten Grenzpolizisten. Sie erlaubten sich, das Versäumte nachäu- holen. Die Schmuggler, die beim Anblick der bewaffneten Macht einen fürchterlichen Fluch ausstießen, verfielen bald ob der erneuten Heimsuchung in ein Röcheln der Verzweiflung. Sie wurden im Zellengefängnis der Stadt Aachen abgeliefert. Dort enthüllte sich ihnen ein unerwarteter Anblick: die fünf beherzten Männer waren auch verhaftet. Arbeiter des Meeres. Aus einem alten Journal von Edzard H. S ch a p e r. Die Kompaß-Lampe hob den Mann am Rad in ihren schwachen Schimmer, vor den Fenstern lehnten zwei unbewegliche Schatten, deren Gesichter die Glut der Pfeifen dann und wann aus der Dunkelheit riß. Langsam, vor ausgesetztem Geschirr arbeitete der Dampfer sich ostwärts. Meer und Himmel eine unzertrennliche Wand dem Auge, das Ohr nur genährt vom Stampfen der Maschine und dem leisen Klirren in Lampen und Beschlagen, das hier oben auf der Brücke rote ein Echo dem unterirdischen Rollen nachklang. Und manchmal eine stürzende Wand Bugroaster über die Schanze am Steven. So war es Tage und Nächte, ja eigentlich sind diese Unterscheidungen kaum gerechtfertigt, denn fast immer war es Nacht. Vier Stunden des Zeitraums von vierundzwanzig eine graue Dämmerung, in der wir langsam nach Osten pantschten. , t .. „Kanin-Feuer an Steuerbord!" murmelte der eine am Fenster, und gab dem ersten Steuermann das Nacht-Glas Der sah lange hindurch, dahinüber, wo aus dem Dunkel drei Blitze in kurzen Abständen aufzuckten. — „Ja, Kanin! Kurs: Nordost viertel-ost, Bootsmann!" „Nordost, viertel-ost!" brummelte der zurück, und das Rad mit seinen Schatten ging knarrend hinüber nach Backbord. Es war nach drei Uhr nachts. — „Klokken vier Hieven!" meinte der Steuermann, und zog die Joppe an. — „Tee? Stürmann?" — „Ja, wäre ganz gut!" Wir gingen in die Messe, hinter deren halb zugeschobenen Schotten die Freiwache schnarchte. Allen Schlafenden zum Trotz flogen die hohen Stiefel polternd in die Ecke. Ich hatte den Tee fertig, holte die Kumpe aus der Pantry, Sahne, Zucker. Seine Mischung kannte ich: Den Kump dreiviertel voll Tee, fünf Sekunden Sahne aus der Büchse, drei Löffel Zucker. Bei diesem Vorgang sah er mir zu und strich sich die Haare aus der Stirn. Um diese Zeit konnte man etwas von ihm erfahren, hier war er allein, ohne die Jungen, denen er die Flüche des Nordkapers ins Gesicht schreien mußte, sein donnerndes „Hiev! — Holt faaast! hiev op! hiiiieiv!" Hier war er zart rote ein großer Junge, so rote sie alle sind und nicht sein dürfen, die Arbeiter des Meeres. Er war ein kleines „Nachrichtenblatt für Seefahrer", aber er begann geradeaus, ohne Ueberschrift und Schlagzeilen. Nach Wassertiefen, Klima und den besonderen Ereignissen fragte man ihn, und er wußte immer Antwort, am besten um diese Stunde. „Das war vor zwei Jahren, — da ging ich hier in der Gegend auf rocks!" — „So??" — Er sah lächelnd von der Tasse auf und wurde ein bißchen rot. Natürlich hätte ich gern, mehr gehört, aber er fing von anderem an. Und dann plötzlich stand er auf, hing seinen Kump an den Haken, packte die Siebensachen in die Lade und zog Trojer und Gummistiefel an. „Bald vier!" murmelte er, und sah in die Kojen.'— „Wecken Sie den Zweiten und den Käpten kurz vor dem Hieven!" — Einen Augenblick stand er unschlüssig, ging dann zu seiner Koje, kramte lange hinter dem Wellenbrecher herum und reichte mir ein paar Seiten krumpeligen, fleckigen Papiers. — „Wenn Sie Lust haben--" Das ist das Journal der Strandung. Ein bißchen mein persönliches. Bei der Seeamtsverhandlung konnte ich es gebrauchen." Er lächelte und wurde verlegen rote ein kleiner Junge. „Na,--" meinte er, und schob sich durch die Tür. Als ich ihn an Deck nach vorn gehen hörte, hatte ick die Papiere schon aufgeschlagen, legte mich auf die Bank und las: Journal des deutschen Fischdampfers C-N 228. 26. Dezember 10 Uhr vorm. — Koljugen-Küste droars an backbord. Wir haben den alten Fischplatz Position 47 Grad östl. Länge verlassen, roetl die Fänge zu gering waren. Setzten neun Uhr vormittags Kurs West, und wollen zur Nacht mit Kap-Kanin- Feuer in Sicht wieder aussetzen. Wetter: Nord-nord-ost, frische Brise mit häufigen Schneeböen: Treibeis dann und wann,' sehr starker Strom in Richtung Süd. Log 24. 26. Dezember 2 Uhr mittags. — Koljugen-Küste außer Sicht; dampfen mit altem Kurs: West, Wind auffrischend; andauerndes Schneegestöber; sehr starker südlicher Strom. 26 Dezember nachm. — Kurs unverändert. Windstärke sieben; vollkommen unsichtig! Schnee. Starker Strom Richtung Süd. Log- leitte untersucht, ob Angaben stimmen, da Befürchtung, Uhr könnte eingefroren sein. Kanin-Feuer noch nicht in Sicht, obgleich es unserem Besteck nach so sein müßte. Schneesturm hindert alle Sicht; setzen Kurs von sieben Uhr an auf Nordwest, einhalb West." Hier endete das Journal. Es begann auf der anderen Seite sehr eilig in Schrift und Ausdruck, so als wäre es nach den kommenden Ereignissen aus der Erinnerung geschrieben. haben aufgegeben. 81. Dezember morgens. — Wie diese Nacht verging, weiß nie- U mand von uns; auf der Brücke alle im Wasser; wenn Schiff ganz unetr schweren Brechern, die Maschine gestoppt; ein Heizer und 26. Dezember 9 Uhr abends. — Sieben Uhr fünfzehn Minuten bei starker Brise in Schneeböen bei Maschinenkraft Volldampf voraus infolge Stromversetzung und Kompaßdeviation ausgelaufen. Vorderschiff mit großem Leck (Schätzung: zwei einhalb Meters auf Felsen, wird gegenwärtig gelenzt, Achterschiff unter Brechern schwer leidend. Ein Boot zerschlagen. Schotten vom Vorschiff zum Bunker dicht; Mannschaft konnte bas Logis räumen; Antenne über Bord, Empfang unmöglich. Schiff ist achtern fortwährend unter Wasser. Befehl zum Räumen gegeben. Mannschaft bringt Boot klar, Proviant und Ausrüstungen werden an Land geschafft. 26. zum 27. Mitternacht. — Vorschiff lenz; Schaden nicht zu übersehen; alles bleibt an Bord; Maschine unter Dampf; abwarten Wetterbesserung und Tageslicht; im Augenblick: Windstärke sieben, Schnee halten Strandungsort für Ostküste der Halbinsel Kanin. 27. Dezember vorm. — Schiff lenz; großer Schaden unter der Wasserlinie; Besteck: Befinden uns an der Ostküste der ^nsel Korga, die der Halbinsel Kanin östlich vorgelagert ist; Kamn nicht zu sehen. Achtunbzroanzig Grad Kälte, abflaironder Wind, bedeckt, Strom südwärts. Achterschiff liegt in tiefem Wasier, Vorschiff auf ^^^Dezernber Mittags. — Mannschaft an Land; drei Mann Wache an Bord; haben sehr zu leiden unter Kälte, Logis unbrauchbar; Kombüse ebenfalls; es soll an Land gekocht werden; Strandungsort liegt nach Meflung auf 46 Grad, 14 Minuten östlicher Cöncje. 27. Dezember nachm. — Mannschaft von Land meldet: Insel unbewohnt, soweit zu erkennen; Eisbären und Füchse angctrvffeii; Ueberwinterung ausgeschlossen, weil Nahnrngsmangel. Fußmarsch zur Westküste fast unmöglich wegen der Fels-Formation und unübersichtlichen Schluchten. Der Koch ist bei Unternehmen gestürzt; Beinbruch; kommt sofort an Bord. Keine andere Möglichkeit als die: Schiff zu dichten und zu versuchen, Nothafen in Dock anzu- laufen. Halte Honingsvaag und Wetterfahrt Tromsö für das beste. Nennundneunzig Prozent Lebensgefahr, weil Dichtungsmaterial für unser Leck völlig unzureichend sind; Beschluß der gesamten Mannschaft wird abgeroartet. 27. Dezember abends. — Mannschaft von Land zurück; alle sehr entkräftet; Stimmung nicht gut; der Koch fiebrig; verbunden und in Kartenhaus gelegt; der Beschluß der Mannschaft ist: Nicht an Land gehen! Dort nicht möglich zu leben; werden versuchen Leck abzudichten und in See zu gehen; als Nothafen wird Trömsö gewählt; bei Honingsvaag mit Einfahrt in den Fjord wird wie gewöhnlich Lotse genommen; die Mannschaft weiß, daß sie an Land dem Tod preisgegeben ist und daß bei einer Fahrt nach Tromsö nur wenig Möglichkeit besteht, Schiff und Leben zu retten; Mannschaft wählt trotzdem letzteres; es wird sofort alles unternommen nach Seemannsordnung, um Schiff flott und seetüchtig zu machen; ich werde Flaschenpost an die Glocke vor der Brücke binden um, — wenn wir den Seemannstod sterben sollen, — Nachricht über unser Ende geben zu können; Flasche abgeschnitten, wenn Schiff sinkt. 28. Dezember mittags (mit ganz veränderter Schrift). — Schiff flott bekommen; Leck mit alten Brettern, Twist und Teer notdürftig gedichtet; Brücke mit drei Mann besetzt; alle verfügbaren Leute an den Pumpen, um uns lenz zu halten; wir fahren sehr stark vorderlastig; Nase unter Wasser; des Kochs Befinden sehr schlecht; Behandlung laut Anweisung im Sanitätsbuch für Schiffe auf großer Fahrt, wir alle sind ohne Essen, da Kombttle nicht brauchbar; desgleichen beide Logis; Kurs: Nordwest zu West bei Windstärke drei und klarem Wetter; sehr starker Frost; Mannschaft übermüdet und hungrig; zwei Leichtmatrosen sind Finger erfroren; hoffen, daß Golfstrom in Höhe Skelpenbank Erwärmung bringt. 28. Dezember nachmittags. — Gefahr für schlechtes Wetter; hohe Dünung; ganzes Deck unter Wasser; Schotten noch immer dicht, aber wir befürchten, baß Wasier in die Maschinenräume und Bunker dringt; fünf Flaschen Rum ausgegeben. 29. Dezember nachts drei Uhr. — Aufziehender Sturm aus Nord-nord-ost; Windstärke sechs mit Schnee machen sehr wenig Fahrt; Schiff kann nicht lenz gehalten werden; wird die Abdichtung halten?? Die Mannschaft ist wunderbar; ganze Kerle; Heizer und Maschinisten wissen, daß sie verloren sind, wenn unser Leck aufspringt; bleiben ununterbrochen im Dienste; das sind Leute-- 30. Dezember vorm. — Hunger! Wir arbeiten langsam in sinkendem Zustand mit altem Kurs vorwärts. Alle Mann an den Pumpen; schwere Brecher haben Fenster auf der Brücke zerlchla- gen; oft bis zum Bauch im Wasier hier oben, so daß Maschinen gestoppt werden müffen. Letztes Rettungsboot ging über Bord. Geschlagen. Keine Hoffnung; feit dem 26. ist die Mannschaft auf den Beinen und ohne warmes Essen und Trinken; zum Teil verwundet. 30. Dezember abends. — Alles rote bei voriger Eintragung; erwarten Ende; Heizer und Maschinen-Personal sind bereit, an Deck zu kommen; Schotten sind dicht, aber rote lange werden sie noch widerstehen können?? 30. Dezember nachts U'/i Uhr. — Vardö passiert; Abstand: 14 Seemeilen; Schiff kaum noch manövrierfähig, weil Vorderschiff zu tief im Wasier, und achtern Schraube und Steuer halb in der Luft; Sturm aus Nord-nord-ost bei Stärke neun; Schnee. Wir zwei Matrosen unter hohem Fieber erkrankt: an den Pumpen und im Maschinenraum ist man am Zusammenbrechen. Wird wohl die letzte Nacht gewesen fein; hier ist es in vierundzwanzig Stunden schon zwei volle Stunden hell; zehn Flaschen Rum ausgegeben, denn heute ist ja Sylvester. — Diese Mannschaft kann es nur einmal geben; aber keiner wird an sie denken; — 31. Dezember mittags. — Wieder dunkel geworden; das ist wohl der Höhepunkt des Sturmes; schlimmer kann es mit uns nicht kommen; die meisten von uns phantasieren; und immer noch zwei Tage bis Honingsvaag, wenn es so weitergeht. Kessel und Maschine voll besetzt; die Leute unten stehen an den noch möglichen Schächten um nach oben zu kommen wenn ... Manchmal sind wir sekundenlang bis zur Brücke unter Wasser. 31. Dezember nachm. sechs Uhr. — Voraus Dampfer in Sicht; das kann Rettung sein; der zweite Maschinist liegt neben dem Koch; vom Dampf verbrüht; gleich werden wir Notsignale geben! Raketen! Hoffentlich sind sie trocken!! Wetter aufklarend, so daß wir gesehen werden können; laufen in sinkendem Zustand. Wenn nicht jetzt Hilfe, — dann nie! — Jetzt sechs Uhr 15 Minuten Notsignale; wir alle haben das Gefühl, gerettet zu werden. — Lange Pause. Keine Eintragung. 31. Dezember, abends neun Uhr — Zähne z'usammenbeitzen! Warum mutzte das so sein!? Wir feuerten sichtbar rote Notraketen und brannten Magnesiumfackeln ab. Antwort von drüben bestand in Erwiderung unseres Feuers! Sie dachten, wir erlaubten uns bengalisches Sylvesterfeuer! Herrgott!! Nun kommt wieder eine Nacht; die letzte?" t Großer, unbeschriebener Raum; mitten durch ihn ein Strich; irgendwer schrieb hinein: ENDE! Und doch begann das Journal wieder; sehr kurz, zittrig, kaum erkennbar: 2. Januar, morgens sieben Uhr. — Honingvaag angelaufen; Lotse weigert sich, an Bord zu kommen; gut, dann krebsen rott eben allein durch die Fjorde! Lotse^boch au Bord; mit ihm ein neues Rettungsboot aufgehievt; rote wir das noch konnten, weitz ich nicht; Neugierige ruder- 4en zu uns heraus; wir sahen es nicht, wir alle schlafen und wachen doch. Nun kommt Tromsö bald; ich mutz auf der Brücke bleiben. sRatf) 19 Stunden — Tromsö erreicht; Schiff auf Land gesetzt, man nannte uns „Unterseeboot"; an die Reederei telegraphiert; Kranke wurden ins Spital gebracht, und man brachte fast alle hin; neun Mann wurden in einer halben Stunde ohnmächtig, als sie Land gerochen; da war es eben zu Ende; ich verlasse da» Schass, das in Dock geht. Das wäre getan. — Also — doch — lebendig —" Da endeten die Aufzeichnungen des Steuermanns, der als Kapitän den Fischdampser N-C 228 befehligte. Ganz benommen lag ich auf meiner Bank. Das Wasser dröhnte, die Ma^hrne stampfte, hinter den Schotten schnarchte die Fretwache; noch! ! Denn nun mutzte ich aufspringen und sie wecken, rütteln und schimpfen, und wie ich sie aus den Kojen hatte, ging ich mit dem alten Journal in der Brusttasche an Deck. Das große Eismeergrauen.lag um Kap Kanins drei Blitze. Die Manwchaft lief müde über Deck, irgendwo weiter hinten stand der Steuermann. Er sah nnch kommen. Mir schien, er wurde rot als er mich anlachte, so verlegen wie ich mir wohl nie wieder einen Menschen vorstellen kann. Und dann drehte er sich schnell um und brüllte über Deck: „Htev op! — Die Winsch fauchte und kollerte, Troffen jagten durch die Rollen auf die Trommel, und das Tiefseenetz mußte bald unter den grauen Dünungen herangleiten. Geistliches Lied. Von Paul Fleming. In allen meinen Taten Laß ich den Höchsten raten, Der alles kann und hat; Er muß zu allen Dingen, Soll's anders wohl gelingen, Selbst geben Rat und Tat. Es kann mir nichts geschehen, Als was er hat versehen. Und was mir selig ist. Ich nehm es, rote cr's gibet, Was ihm von mir gelicbet, Das hab ich auch erkiest. Ihm hab ich mich ergeben. Zu sterben und zu leben, Sobald er mir gebeut: Es fei heut oder morgen, Dafür laß ich ihn sorgen, Er weiß die rechte Zeit. So sei nun, Seele, deine. Und traue dem alleine, Der dich geschaffen hat! Es gebe, wie es gehe, Dein Vater aus der Höhe Weiß allen Sachen Rat. Oer Gternenboum. Roman öo.i Friedrich Schnack. ^Fortsetzung.» tNachdruck verboten.) „Ihr Leute", sagte sie, „da steht Juppi, vaterlos, mutterlos: ihm zuliebe, in Gottes Namen, laßt mich nicht unverrichteter Sache fvrtgehn!" Da schauten die Weiber mitfühlend auf den fein gekleideten, verlegen lächelnden Juppi. „Einen Meter Band hält ich wohl nötig", hieß es ... „Wie roär's noch mit einem Fensterleder?" Und so kam zum roeißen Band ein gelbes Wischleder, zu Batist gesellte sich Barchent, vier Meter Kattun sanden sich zu Spitzen, der Handel blühte, Bargeld wurde gezählt, und wo es sich als vorteilhaft erwies: ein Kredit eingeräumt. Die Gret hatte tausend Worte für die Leute und noch ein paar mehr für ihr Geschäft. „Vorbei ist die faule Zett!" meinte sie. Es war ihr Leitsatz. Sie trug den Waldbewohnern, die kaum eine Zeitung sahn, Neuigkeiten in die muffigen Häuser. Was war in der Welk draußen alles los und was hatte sich da den Winter über ereignet. Du meine Güte! Wenn sie bas alles wüßten. Geschickt ließ sie einen Zipfel ihrer Nachrichten fahren und gab ihnen einen Zipfel Seinen und Blusenstoff mit: die Leute zogen an beiden Enden, und ehe sie sich versöhn, gehörten die Neuigkeiten ihnen und dazu die Reste. „Die Reisenden müssen immer einen guten Wttz für die Manner und eine Unterhaltung für die neugierigen Weiber auf Lager haben", belehrte sie ihren Mitwanderer, „sonst können sie sich die Beine in den Leib stehn bei den Waldmenschen. Immer das Herz auf dem rechten Fleck und den Mund mitten im Gesicht, Juppi!' Sie lachte. , r Auch Juppi war gut gelaunt. In seinem Herzen glanzte lauterer Sonntag: mit seinem neuen Anzug war er auf dem Weg zur Spenderin. „Erzähl von Weihnachten", forderte ihn die Hemden-Gret auf. Oh jeh! Ein Schatten zog über seine Sonntagsstimmung. „Schläfst du noch im Stall?" . Nein, er schläft im Heuboden, im Heu ... berichtete er zögernd. „Ach, du mein Gott", schalt sie. „Auf dem Heuboden, sagst du — und solch einem Bauernweib schenk ich ein Hemd mit Hohl- saum. Die sollte lieber einen Kartoffelsack anziehen. Hast gefroren, Hofschafferl?" Er hat eine warme Decke gehabt. Wenn sie nur von anderem reden wollte. Der Winter ist vorbei, schon lang vorbei. Die Unterhaltung sagt ihm nicht recht zu: er denkt an den Milchraub, wofür er so arg bestraft wurde. . ., Sie knurrte in einem fort. Im nächsten Winter wird sie ihn aber nicht droben lassen bei den groben Bergbauern. Bel ihr mutz er nicht auf dem kalten Heuboden schlafen, er, ein so junges, äaI®r fragte^ sie dies und das. Schlau lenkte er sie ab von ihrem Zorn. Plötzlich, als sie nun auf die freie Landstraße hinaustraten, wo die sandigen Felder anbrandeten und die Straße begleiteten, blieb Juppi mit einem Ruck stehn. Seine Augen starrten auf ein kleines Kriechtier, das sich rasch vorüberbewegte. Etn dunkles, häßlich aussehendes Insekt. , . , .. ™ , „Geh zu, entsetz dich nicht vor einer Werre!" rief die Gret. „Kennst du die Maulwurfsgrille nicht?" Nein, so ein Tier hatte er noch nicht gesehn. Die kamen auf dem Oedhang nicht vor. Er schüttelte fidj. Die Grille war weg. Doch, als er aufblickte, wie sonderbar sah die Gegend nun auf einmal aus; rote in einem fremden Lande fühlte er sich, wo unbekannte Tiere herumkrochen. Stark beunruhigt hatte ihn das Erlebnis. Eine ganze Weile trug er es Beim Weitergehn mit sich, ehe er die Frage tat, warum es so scheußliche So''hab ich auch mal meinen Vater gefragt, als ich so jung war wie du", antwortete die Gret. „Ich weiß es nicht, hat er gesagt, nur Gott kann das wissen. Und er hat noch gesagt: er denke sich, Gott habe dem scheußlichen Ungeziefer erlaubt, da zu sem weil er auch den schlechten und bösen Menschen das Leben gestattet hat. Solang es teuflisches Menschengeziefer gibt, hat er gesagt, muß auch häßliches Tiergeschmeiß herumkrauchen. Die beiden halten sich eben die Waage. So hat er gesagt. Ich habe oft darüber nachgedacht. Wer kann ahnen, Juppi, tn was für Gestalten die schlimmen Gedanken auftreten, wenn sie erst einmal ausgebrütet f,n©o und ähnlich spann die Hemden-Gret ihren Gesprächsfaden, und sie kamen bis an einen steilen Berg, ehe da» Garn abriß^ Kier aina der Gret die Redeluft aus: man mußte steigen, und es war gutz daß sie einen Prüael fand, auf den sie sich stützen konnte. Sie schleppte eine tüchtige Warenlast, der Weg mußte sich lohnen. Die Tritte klirrten auf dem Schotter und Geröll. Doch Juppi wippte leichtfüßig mit seinen dünnen Ziegenbeinen. Die einsamsten Waldhäuser und Forstdiensthütten waren der Gret bekannt. Sie wußte, wo eine junge Frau in der Wilüni» wohnte. Allerorts kam ihr Wäschekorb zurecht: die eine hatte zerrissene Bettlaken und brauchte einen Leinenstreifen zum Aus- bessern des Schadens, die andere erwartete em Kind und wollte B* »S«. »« Mer "SK&’Ä««»»», Mi»-w M'stjauche. aus dem andern rabmige Milch. In der Hohle tief tm sagte Juppi vor- es ist Er über zu ihr ins Dorf hinunterziehn solle. „Du hast wieder Hemden verschenkt Haus lag still, und über der Tür hing das tote Hirschgeweih. „Niemand zu Haus!" sagte die Gret. „Klopf noch einmal tüchtig!" bat Juppi enttäuscht. Die Gret pochte, und auch Juppi begehrte Einlatz, aber nützte alles nichts: die Frau Förster war nicht daheim. „Ist sie am Ende gar gestorben?" befürchtete Juppi. „Daß du mir schweigst", schalt die verstimmte Gret. „Die gesund und soll lang gesund bleiben, Amen!" Sie entfernten sich stumm. Juppi ließ den Kopf hängen. Berg unterhalte der Teufel auf einer fetten Almwiese eine große Viehwirtschaft. Seine Kühe hätten allesamt drei Euter am Bauch und sieben Striche an jedem Euter. Ihre Hörner stiinden so weit auseinander, daß zwei Männer dazwischen auf den Stirnen Platz hätten. Am Hals hingen ihnen wohltönende Glocken, die habe er aus den Kirchen gestohlen. Manchmal höre man sie läuten. Die Jauche flösse aus dem unterirdischen Stall, die Milch aus den Eimern, wenn sie der Teufel in seinem Zorn über die christlichen Waldleute oder über den Hubertus-Hirsch mit seinem Kreuzgeweih umschmeiße. Während die Gret in den Häusern ihrem Handel nachging, trieb sich Juppi neugierig zwischen den Felsen umher. Wo sprudelte der Milchbrunnen? Wo sickerte die Jauche? Trotz aufmerksamem Suchen glückte es ihm nicht, die Abflußrinnen zu entdecken. Nur schwefelbleiche Flechten fand er aus den groben Blöcken. Vertrocknete Milch? Wer mit der Gret ging, der konnte allerlei sehn und hören. Den Milchbrunnen müßte der Flunk entdecken, dachte er. Der wiirde wohl nie mehr aufhören, sein Maul hineinzuhängen und seinen Haarschopf über das Rinnsal, wie eine der Krüppelkiefern, die sich zäh in die Schründe eingeklammert hatten, ihre Wedel. Frohen Sinnes schritt Juppi mit der Gret bergab. Noch manche Sagengeschichte gab sie zum besten. Sie hatten über den Berg ihren Weg abgekürzt und erreichten bald darauf Siebenellen. Als sie an die Tür des Forsthauses pochten, um der Frau Förster ihre Aufwartung zu machen, zogen sich ihre Gesichter in die Länge. Sie klopften noch einmal und wieder, aber niemand öffnete ihnen. Das wurfsvoll. Aber er war doch froh, daß ihn die Gret holte. Diesmal blieb kein Damenhemd in den Händen der Einödbäuerin, so war der Abschied kurz. Flunk stand mitten im Hof und schmihte wütend mit der Peitsche. Die Gret schnitt ihm ein Dorfgesicht und brummte: „Knall du nur immer, bleibst ja doch eine windige Latsche ..." Und rasch verschwand sie mit ihrem Reisegefährten hinter dem leeren Nutzbaum. Sie tauchten in den Novembernebel, indes Flunk ihnen seinen Peitschenknall nachschickte, als pfitze der Wind aus dem unwirschen Böhmen herüber. Bevor die Wälder verschneit und die Strahen ungangbar waren, machten sich die beiden, meist am schulfreien Samstag oder am Mtttwochnachmittag, noch einmal auf die Beine zu kurzen Zügen. Die Hemden-Gret des vergangenen Sommers war von der Spielzeug-Gret der Vorwethnachtswochen abgelöst worden. In ihrem Korb, gefüllt wie der, den Knecht Ruprecht im Dezember durch Abenddörfer und Kinderträume trägt, schleppte sie Puppen Trommeln, Kindertrompeten, Holzgäule, Wageu, Klappern, Menagerien und viele andere Wunder- und Wunschdinge für kleine Waldleute. Wenn sie mit Juppi, den alle Häusler gern mochten, in den Stuben erschien, wurden die Kinder hinausgeschickt, man tuschelte geheim mit den Erwachsenen und gab wohl acht, dah kein vorwitziges Glöckchen zu laut klang, keine Vlecheisenbahn zu dreisten Lärm bei ihrer Probefahrt über die Tischplatte verursachte. Juppi, schimmernd und blondhaarig, wie ein Abgesandter aus dem Weibnachtsreich, saß dabei, folgte aufmerksam den Geschäften und kam sich ganz erwachsen vor. Dennoch umwogte ibn der Wald mit kinderseligem Weihnachtsduft, mit geheimen Winken und Ahnungen, alle Wege sahn aus, als führten sie zu wunderbaren Weibnachtsbäumen und Jesukrippen. Nach Siebenellen kam man nicht. Dahin war es jetzt viel zu weit. Die Frau Förster hatte ja auch keine Kinder und benötigte keine Puppen und Trompeten. Aber was wird Juppi der Gret zu Weihnachten schenken? Immer nach Schulschluß und wenn seine Wohltäterin im Dorf zu tun hatte, holte er ein tännernes Brett aus dem Holzschuppeu, zeichnete mit dem Bleistift nach Tischlerart Maße darauf und sägte das Brett zu, wie er es brauchte. Er bearbeitete es mit einem scharfen Messer, glättete es und überraspelte es mit Glaspapier. Allmählich entstand, schön gemasert und pikfein, ein Eckbrett für die gute Stube. Auf beiden Seiten war es scharf gekantet, so daß es genau in sein vorbestimmtes Wanöeck hineinpaßte. Leicht gerundet zeigte sich die Vorderkante. Das Brett erhielt eine nicht minder sorgfältig hergcstellte Stübe. damit cs auch einen schweren Gegenstand tragen konnte, einen Blumentopf, eine Uhr oder ein Bild mit Rahmen. Er malte sich aus, wie schön darauf das Bild von Gerts Vater stünde. Zu seiner Arbeit brauchte er lange Zeit. Endlich aber war bas Wer? roh fertig. Freilich hätte er nun gern dem Eckbrett einen letzten Glanz gegeben, eine Beizung oder noch lieber eine nußbraune Politur wie sie die glas^chimmerndcn Möbel der Frau Förster aufwiesen. Wober aber sollte er Farbe und Lack nehmen? In seinem Dorf gab es keinen Tischler, den er um eilt paar Pinselstriche hätte anbetteln können. Da kam ihm wieder einmal die Spielzeug-Gret zugute. Die Post brachte häufig Pakete und Schachteln voller Spielwaren für ihre Passauer Weihuachtsbude. Nichts war Juppi lieber, als beim AuSpacken der Waren mttzuhelfen. Aus den Schachteln stiegen die bunten Märchen, die Boten der Christträume, die Puppen mit den Flitterkleidern, die Pferde mit den weißen Mäbncn und die Automobile, die man auszichn konnte wie Ubren. In diesem paradiesischen Durcheinander der Waren und Papiere fühlte sich Juvvi wohl: er hatte einen Zauberrausch und ein Vorweihnachtsglück. ■ Beim Aufräumen glitt ihm wie eine blitzende Schlange ein Streifen Goldpapier in die Hand, zugleich auch ein Bogen blauen Glanzpapiers, ein Stück Himmel. Seine Einbildung ging daran, an den Papicrfetzen herumzuschneiden: blaue Streifen für die Kanten von Brett und Stütze ... goldene Sterne dazu ... zum Aufkleben auf die blauen Untergründe. Anfangs wollten ihm die kleinen fttufgezackten Sterne gar nicht recht gelingen: mit der Zeit aber glückten sie ihm makellos, als wäre er bei einem Goldschmied in die Lehre gegangen. sFortsetzung folgt.) Die WeihnachtsVude. Die Zeit verflog auf der Höhe genau so schnell wie tm Tal und auf den Wald- und Hausiererwegen. Gleich den Halmen unter Sensen und Sicheln sanken die Tage. Dem Frühling folgte der Sommer und entwuchs ihm, wie aus Blatttrieben die Blüte lodert. Die Blüte genoß ihre Zeit, dann kam die Frucht. So schwand der Sommer und nahte der Herbst. Als die Früchte geerntet waren, gab es nichts mehr zu tun in den Feldern. Man konnte mit den Erträgnissen zufrieden sein, und man war es. Wie die Stauden am Wald war Juppi um ein Stück in die Höhe geschossen, doch immer noch nicht so viel, daß er den Gabelstiel tm Stall bequemer handhaben konnte oder dem Knecht Flunk bis an die Schulter reichte. Zwar hatte er sich, wie der Volksglaube riet, schon wiederholt in den Regen gestellt, wenn er bei Sonnenschein fiel, aber davon war er auch nicht merklich geioachsen. Und groß werden wollte er möglichst schnell — die Großen brauchen sich nicht alles gefallen zu lassen. Im November fand sich die Gret aus dem Hof ein, mit einem Schreiben des Vormunds, und darin stand, daß Juppi den Winter trug doch den schönen, neuen Anzug für die Försterin und hätte wieder einmal von Herzen gern an ihrem Tisch auf den goldbenagelten Stühlen gesessen und Kaffee getrunken. Jetzt eben spürte er großen Hunger. Er zog ein Brot aus der Tasche und atz seine Enttäuschung hinunter. Am Abend hielten sie in einem abgelegenen Wirtshaus, wo die Gret ihren Korb auf die Seite stellte und Nachtquartier für sich und Juppi forderte. Sie bezogen eine Bodenstube, darin es nach dürren Zwetschen roch, nach getrockneten Pilzen und Wacholderbeeren. Vor dem Fenster flüsterte der Wald. Nachdem sie ihren kargen Abendimbiß, Kartoffeln, Sauerkraut und ein Brot mit Käse, verzehrt hatten, setzten sie sich noch eine gute Viertelstunde vor die Tür, weil der Abend so ruhig und prächtig war. Neber die Straße schnürte ein Fuchs, gleich einem rostroten Feuer wischte er aus dem Wald. Nah schrie ein Kauz. Alle Düste kamen daher und umschmeichelten sie. Am Himmel rollten die Sterne. Die Wipfel badeten in den silbernen Nachtflüssen. Die Gret schaute empor, und Juppi schaute empor. „Wenn man wüßte, rote es da oben von oben aussieht!" sagte die Freundin. Sie deutete in die Höhe, tvo das große, nebelweiße Band sich durch die Dunkelheit schwang. Juppis Blicke irrten in dem Ungeheuern Sternengarten. „Die Milchstraße ..." sagte sie sinnend. „Ein Milchbrunnen, gelt?" meinte Juppi und dachte an die Mtlchrinne am Lusenberg. „Das sind lauter Sternentropfen. Sie fließen seit Adam und Eva über die Welt und tränken das Licht, rote die Bache die Wiesen und alle Blumen. Wenn die Milchstraße einmal versiegt, roird's ewig dunkel, die Sonne erlischt, so steht es in der Bibel ..." Kindlich ehrfurchtsvoller Schauer rührte an Juppis ^er*. Wenn es nur fließt, solang ich lebe, hoffte er. „Mein Vater hat alle Sterne mit Namen gekannt", sagte sie, an ihre entlegene Jugend denkend. „Sterne und Bäume waren ihm das liebste ..." Vor Juppis ittnerm Auge erschien ein Mann, der hielt eine tausendjährige Eiche umschlungen, und über ihm kreisten die Sterne in Strahlenrinaen. Da befiel ihn ein Nachklang aus Kirchenpredigten, eine bildhafte Ahnung: der Mensch sei ein Stamm, sein Wipfelbaupt rage in den Himmel, da umspielten ihn die Sterne und brächten ihren Weilmachtsglanz in alles, was er oenft und sinnt. Es war fast so schön wie die gemalten Sterne ttt der Kirche. Grets Finger wanderte weiter über den Himmel. „Der große Wagen ..." sagte sie. Sie wies ihm die Räder und die Deichsel. _ gDer fährt nun seine Millionen Jahre dahin ... Durch die Ewigkeit ..Juppi bestaunte das Sternenbild. Schon oft hatte er Cv gesenn. cs war ihm vertraut. Zum erstenmal aber hörte er heute, daß es ein Sternenwagen war. Die Gret nannte noch ein paar andere Sterne und Sternen- gruppen. Jtivpi bebielt die Namen nicht. Seine Augen hingen an dem hlmmlckchen Wagen, der über die Wipfel in seiner grenzen- l'in'chwebte. Unsichtbare Pferde zogen die'Kutsche, unsichtbare Fahrer saßen dann. Beranttoertud) Dr. a hyriot. Stud und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch» und Steindruckerei, 2i. Lange, Gießen. che am Na un M $1 iwi rei aöi P, roo int ftc W di! I-i! Di eit tal iU hu K eit liil NU zu un ich nii Ck Ui eit B- A Pf ih> le) di, it: ha Ul! »i Ich zu