A l"’l 4« “'Hiflu* 1 nart). ietzenerZamilienbMor Unterhaltungsbeilage 511111 Siebener Anzeiger Hummer 73 Freitag, den 2l. September Wenn lug» mol)l founi fiti' nnenl'. f|or»,W’' r( porüb«' «ItiiMil ben ' 6rjl*; jtbt 8* > ülfit*' ftor,” W jur Demiil ragen? & ' weint I« le fiul I* err MM Jahrgang msassend, so althergebracht und gleichsam „klassisch" begreifen will, so Ij.fcen wir, die wir von der Schulbank in den Krieg gerutscht sind, diese h,lt>e, klassische Form der Iugendsreundschast all wenn auch nicht verheiratet war, und einen Bruder, der einen Hund besah und eine Stube voll leerer Zigarettenschachteln und In Bonn die Rechtsgelehrsamkeit llublerte. Den Namen des Hunde» habe ich vergessen, aber ich schwöre daraus, das, er Bier trinken und Pselse rauchen kannte und danach richtig betrunken war. Der Student machte e» un» vor, wenn er mit seinem Hunde in die Ferien kam, wir sanden es über die Mähen lustig und kornisch, und da» respektvolle Staunen unserer Spielkameraden und da» Gerede der Leute darüber gefiel un« fehr. Höwig war ein Jahr älter al» ich, und kam also auch ein Jahr früher in die Schute, nicht in die gewöhnliche Bolk»fchule, wie wir anderen, sondern in die katholische Psarrschule, beim er war katholisch. Auch ba» war auherordentiich und bestärkte meine Zuneigung zu Ihm beträchtlich. Ich brachte ihn morgen« hin zum Unterricht und holte ihn mittag» wieder ab, wobei ich jedoch stet» draus,en auf der Straf,e Irgendwo, unter einem Apfelbaum ober an einer Gartentür, aus ihn wartete, und die Schule selbst, die an die Kirche angesügt war, niemals betrat. Höwig halle gewls, keine Feinde unter den anderen Jungen, aber auch keine Freunde, eben weil er so ganz anders war al» sie alle. Darin sand ich Anlas, genug, mich zu seinem Beschützer und Freund zu erklären, wo» er sich gern gefallen lieh. Mit dieser katholischen Psarrschule, die In unserer sonst rein protestantischen Landschaft null und breit die einzige war, hing iii*' i n- da» kleine Erlebnis zusammen, da» mich immer wieder einmal an Höwig erinnert, und da» die Geschichte meiner ersten Liebe, mindesten» aber die Geschichte meine» ersten Kusse« bedeutet und um dessenwülen ich wohl überhaupt hier van Höwig erzähle. Mit ber Eisenbahn kam nämlich täglich au» einem benachbarten Dorf ein kleine» Mädchen zu un» in die Stadt gefahren, um in die Pfarrschule zu gehen. E» 1)1 eß Paula und war hellblond, halte fröhlich btlhende blaue Augen, stet» eine große, Ja über gebundene rote ober weihe Schleife im Haar und war genau da», wo« man bei un» eine „lütte brülle Deem" nannte. Sie wurde aus ber Station Ihres Dorfes in ben Zug gefetzt und in unserer Stabt wieder herausgehoben, und ging bann mit Höwig Haub in Hand und meist eben auch mit mir al» Begleiter in die Psarrschule. Mittag» nach dem Unterricht blieb bl» zur Abfahrt de« Zuge», der sie wieder heimwärts brachte, eine gute Stunde Zelt, bie (le nach der lleberetnfunft Ihrer Eltern mH Höwig Im Hause de» Stationsvorsteher» verbrachte, wo sie, artig, fröhlich und anstellig, wie sie war, wie ein eigene» Kind geliebt und gehalten wurde Wir spielten Bersteck zusammen auf dem Hausboden, wir pflückten zusammen l)Imbeeren im Garten, mir suchten die srischgelegten Eier Im Hühnerstall, wurden mit kleinen Aufträgen in den Keller und zum Kaufmann in öle Stadt geschickt, lutschten zusammen unsere „Bötchen", und wenn mir Mann und Frau und Baby spielten, so mar Höwlg da» Baby und wurde In ben Wagen gelegt, und ich war glücklich und stolz ber Papa und rauchte eine Zigarre au» Ahornmark und hakte Paula ein, wie man es eben als Mann und Frau tut. Ich vermute heute, bah es ein zusätllg belauschtes und mit ber ganzen leidenschaftlichen Neugier der Kinder beobachtete» Rendezvous de» Studenten und großen Bruder» mit ber wunderschönen Tochter de» Justiz- rat» war, da« uns auf ben Gebauten brachte, Paula ebenfalls zu küssen. Wir gaben un« da» Wort daraus, Paula zu lieben und sie zu hlfleit, und ba» Los sollte entschelben, wer von un» Ihr den versprochenen Kuh geben mußte. Wir zerschnitten eine alte Zeitung zu Papierstreisen, längeren und kürzeren, und zagen jeder dreimal: mich traf da» Lo», un- widerruflich, unanfechtbar, meine Papierstreifen waren die längeren, *d) Wtr^voübrachten nufere lat eine» Mittag» nach der Schule, als Paula von Höwig» Mutter den Auftrag erhielt, in den Keller zu gehen und aus dem angebrochenen Steintopf eine Schliffet voll saurer Gurken heraufzuholen. Es führte eine stelle Treppe In den Kelter, öle unter ber Haustreppe In einem gewöhnlich verschlossenen Verschlag ansetzle. Höwig nahm »‘ wir anderen, ging er in dunkelgrünen ober schwarzen Samtanzügen Wb großen weißen, gestreiften Umlege fragen mit rotseibenen Schlei en. Ü., ich erinnere mich mit befonberer Deutlichkeit der spitzen gelben : iefel, die er trug, bie nicht wie bie unseren, gehörig derb unb sest, aus Hmbteber ober Boreals beim Schuhmacher Hasselbrlnk bestellt mm den, «idem bie au» ganz welchem Leder waren, bl» oben hin wie Mabcheu- den Namen Schlage ter einsetzen — das ist das fraglose Opfer vi- nur aus dem heißen Gefühl kommende Eingabe, die aufsteht ohne -öer bindung, ja zumeist im Gegensatz zur sogenannten „hohen Politik . vat- Opfer erscheint beziehungslos und stört gar diejenigen, die da „oven ihre Fäden ziehen. Aber das Volk ist bei denen, die sich geopfert haben., als die Salven von Wesel verklungen, erschollen die Flüche gegen veni König von Preußen, und es ging das Gerücht, daß die Königin ■ sich scheiden lassen wolle von ihm, der kein Mann sei. Was aber den, der um die tiefste Verknüpfung und Einheit allem Geschehens weiß, viel mächtiger packt als jene anderen, die nur oa»> Gefühl lenkt, das ist der Anblick der grandiosen Wechselbeziehung Zwi scheu dem Tod da unten und der Politik da oben. Schills milttarw. Aktion verpusfte nutzlos. Aber die rasende Wut. die sein und sein Offiziere Tod erregte, das Gedenken an sie in jedem preußischen herzen, war ein Faktor, den Yorck ebenso gut in Rechnung stellte, als er ow Tauroggener Konvention unterschrieb, wie der Staatskanzler h a rv e berg, der es eines Tages, alle Contenance vergessend, dem franzostM Gesandten offen ins Gesicht warf, daß man nur noch zähnekniricyen warte. Rur der liberale Dogmatiker unterscheidet zwischen „Kabinen bunter Wirtshausschilder wächst in die Gasse, zwischen blumenge^muck- ten Fensterbrettern stehen die lieben Heiligenfiguren (3olb im Mantel, Segen in den Händen. Weikersheim hebt seine blauschiefernen Zwiebel, türme aus dem Dickicht der Weiden und Erlen. Im silbernen Schaum ällt das Tauberwasser Über den Stau. Weiß geht «n Flug Tauben über >en braunen Ziegeldächern von Creglingen aus, sollt ein anderer herab in die Erntewagen, vor die offenen Scheunen, flattert im malmenden Staub des gedroschenen Korns. Der Weg entwindet sich steil dem Städtchen führt am Berg entlang und endet vor der Mauer der Herrgottskirche. Blumen und Efeu breiten sich Über die Graber, man hort die Grillen zirpen, kleine, friedliche Geräusche eines ländlichen Nachmittags. Die Sonne steht schief und das Licht ist müde geworden. Em wenig Kühle kommt vom Tal, man zögert weiterzugehen der Friede zwischen efeuüberwucherten Kreuzen, versunkenen Leben halt dich an, du atmest Stille, Sammlung. Dann gehst du weiter, zögernd gegen den eigenen Willen angezogen von der schmalen, dunklen Deffnung in der Steinmauer. Es ist wie Ahnung, die dich warnt vor der Stille der Verlassenheit, in die du gehst, vor dem Schicksal, das in toten Meeren ruht und dein Herz fordern wird. Und während du in einer der Lanke itzt und den Blick auf den lindenholzenen Altar geheftet hast der ganz jurchfichtig erscheint, durchbrochen von mildem Licht, da erfährst du es, daß in dieser Kirche, zwischen diesen Gestalten, diesen Grabsteinen, das deutsche Leid eingewurzelt ist. Eingewurzelt, rote die Baume am Berg- Hang, die ewig in die höhe begehren und niemals ihre Wurzelfuhe ander Erde zu ziehen vermögen, sie stürben denn daran, hat dir nicht chon das Herz in der Stuppacher Kirche geklopft? Aber dort ist Warme und Gebet, dort taut Gnade über die Welt, hier ift nichts als Verlassen- beit, und wenn du betest, ist dir, als sauge das Halz von Meister Tilmans Altar Gebete, wie dürre Sommererde Regen schluckt und trinkt. Himmelfahrt Mariens im gelben Lindenholz, doch scheint dies Wachs, so tausendfältig bossiert hat es der Meister. S)ier offenbart sich eine Kunst über alles Maß und über jede Natur. Das Holz ist zu lebender Natur zurückverwandelt worden. Maria überwindet himmelwartssteigeno den Dornenkranz irdischen Geschicks. In bitterlicher Kümmernis verweilen die Apostel. Magisch, aber trostvoll ist die heilige Frau von Stuppach, ist ganz gesättigt von den Brunnen, die ihrem Volk in der Tiefe rauschen hier bricht nicht die Uebernatur sengend wie heilige Flamme aus dem irdischen Werk, aber alles Menschenleid rührt dich an. Du gehst weiter, du löst dich von der schmerzvollen Verklarung, sindest dich aus Grabplatten stehend von Grabsteinen umgeben. Der Fiedelmann Tod hat sie in diesen Raum gereiht, hat sie zum ewigen Schlaf gefiedelt. Die hohenlohefchen Grafen und ihre Gefponsen, ihre Marschälle, Truchsesse und Priester, sie stehen aufrecht an den Wänden, sie liegen unter deinen Fußen, ftemplattenbebectt, aber in ben Monbnächten, zwischen Mitternacht unb Hahnenkraht, sinb sie alle wieber ba. In ben Monbnächten beginnen bie Schacher unter Chris« Kreuz am Altar zu tanzen unb zu springen, ba lästert ber Imke und aufs neue brennt bie Reue ben rechten. Der Altar, von berber Hand geschnitzt, grell bemalt, offenbart ben Verfall einer Zeit, in ber der Seift Grünewalds und Riemenschneiders noch einmal das Mittelalter mit der Morgenröte der Zukunst verschmolz. Blitzhaft erblickst du den Abgrund, den deines Volkes Weg durchmaß, hier ist der Tanz ent- feffelter Sinne, ist Leugnung und blasphemische Lästerung, nichts atmet mehr Glaube und Hingabe Aus dem dürren Holz grinst Alraune, Zeugung einer entgeiftigten Zeit. Aber da ist ein großes Fresko über die ganze rechte Chorhalste gemalt, und im Anschauen, im Sichversenken wird dein Herz ruhig un- getrost. Was du siehst, ist ein riesiger Christophorus, der, geschürzten Gewandes, mächtig watend die Flut burdjguert. Er tragt auf ben Schultern bas göttliche Sinb. Aus bem Waffer steigen bte Nixen, ba tanzt das elbische, heidnische Zauberwesen, gewillt, den Starken zur Tiefe zu tören. Angsthaft knien am Ufer Rittersmann und Rittersfrau, sie sehen zagend zu Christophorus aus. Der aber schreitet gewaltig voran. Da braust das Wasser, da strahlt der Stern, und im Herzen weißt du dir dies, wie das Kindlein auf der Schulter des Fergen, ruiji das Reich Gottes auf den Schultern des Riefen Deutschland, umtort unö umspielt vom elbischen Gaukelwerk, wildwasserumsprudelt, in sm- sterster Nacht, trägt der gewaltige Riefe sicher in sich seine gottlirt)« Sendung. Wir waren nachher mit dieser Ausführung unserer Tat indessen sehr zusrieden. Ich sagte natürlich nicht, daß ich nur den Ohrzipfel geküßt batte3 sondern log, daß es genau die Wange war und daß ich Paula dabei richtig in den Arm genommen hatte, und hornig rechnete es mir aaru zweifellos hoch an. Paula ihrerseits trug es uns nicht nach. Sie hatte es auf das Versprechen einer ganzen Tüte Dolchen hm auch der Tante nicht erzählt und spielte wieder Mann und Frau und Baby mit uns wie vorher, und höwig wurde wieder in den Wagen gelegt und ich rauchte stolz meine Zigarren aus Ahornmark und durfte Paula UntJ)ann wurde der Herr Stationsvorsteher versetzt, und höwig und Paula verschwanden mir aus meiner kleinen Welt, und tarnen und gingen ein paar Jahre lang auch noch einige sorgfältig linierte und beschriebene Glückwunsch- und Ansichtskarten zwischen unsfernher, - es gab nun andere Gespielen, andere Freunde und schließlich auch andere hellblonde Mädchen mit blauen Augen, um die herum man ferne nun allerdings stillen und sehr heimlichen Pläne schmieden und Traume träumen konnte. Ich hörte nie mehr etwas von diesen beiden, von höwig und Paula. Ob höwig mit in den Krieg gegangen ob er zurückgekommen ist? Und Paula? Vielleicht kommen ihr diese Zeilen in die Hände und sie erinnert sich an die Eisenbahnfahrten und an die Pfarrfchule? Ob sie aber noch weiß, wer höwig war und wer ihr ben ersten, ein wenig verunglückten Kuß gegeben hat? Herbst in Kranken. Von Juliana von Stockhaufen, GDS. Bleich liegt bas Land. Die Stoppeläcker fchimmern in einem fahlen Violett, grau filtert ber Tau auf ben geschnittenen Wiesen, grau-weiße Pilze stehen wie Flecken barin. Noch sind bie Wälber grün: feuchte vom Winbe unablässig in zitternbe Bewegung versetzte Laubmassen. Jetzt aber schon beginnt ihr letztes Spiel, ihr Aufflammen unb Verwehen, benn bitterlich beizt sie ber Tau unb bie Kalte ber monbtlaren Nacht. In biefer Zeit, nachbem bie schwere Pracht bes Kornes emgeheimst, erscheinen bie Täler gleichsam tiefer, steiler bie hänge. Unb was bas weiche Fluten von Korn unb ©ras verhüllte, tritt nun zutage; kahl unb karg ist bas Laub, rauh unb berb in seinen Konturen, aber bafür von zeitloser Weite. Ueber biefe lang hinschwingenben Berge geht bas Leben ben schweren Schritt bes Ackermannes, besten Arbeit unter ewig wech- felnbem Himmel ewig wirkt. Diese Fahrt birgt bas Abschiebnehmen von Glanz unb Hitze in sich Die Schnelle ber Bewegung verwischt bie Grenze, bie zwischen der höhe bes Jahres unb seinen Abstieg gelegt ist. Zwischen ben schmalen Gassen ber Dörfer, im flirrenben, mehligen Staub ber Scheunen, burchhammert vom Takt ber Dreschmaschinen, lastet bie Hitze. Da glitzern bie betauten Blumen, grohgesternte Helianthus, blut- unb fleischfarbene Gorgmen; unb funkelt ber Wiberschein bes Lichtes von ben bleigefaßten, gebuckelten Scheiben. Die Tauber strömt niebrig, zwischen flachen Steinen schaukeln auf ben laulichten Wellen hie trägen Enten. In ben Kartoffeläckern arbeiten bie Bauern; bas Kraut ist welk, prall gereift bie braune unb rosige Knolle. Im Winb schwelt ber Ruch bes Kartoffelfeuers, branbig streift der hauch des herbstes bie Wange. . . Von ber letzten höhe gleitet ber Wagen hinab m bas Stabtchen, ist plötzlich inmitten breiter, stattlicher häufer, solcher von spitzgiebeliger Gotik, solcher mit steilen Renaistance-Fassaben unb ganz reicher, bte ein fdjieferblaues, französisches Dach überwellt. Messing funkelt an geschnitzten Türen, Bratenbuft weht hinter weißen Garbinen, mischt sich mit Weihrauch, ben alte Kirchen entatmen, scharf steht ber Mostdunst dazwischen. Am Markt blüht Oleander, rot und weih, am Markt perlt der Brunnen, den der steinerne Ritter hütet. Vom Markt aus springt eine Gasse auf, an ihrem Ende steigt weißes Mauerwerk, wuchten bleiche, mächtige Türme in das tiefe Blau des Himmels, und gewaltig erfaßt dich das Zeichen und Siegel der Deutfchherren, unter deren Huld und Kraft Mergentheim wuchs, sich sättigte mit dieser schweren, bürgerlichen Anmut. Mit diesem behäbigen Reichtum, der aber nicht ins Flache versandete, sondern tief im Volkstum verwurzelt blieb. Jetzt steht der Mittag am höchsten, die rundgekuppelten Hügel, blaugrün gerippt von Weinstöcken, bieten sich dem Licht dar, geben sich ihm hin, mit einer Heftigkeit, in ber sich alles Weh unb alle Lust bes Ab- schiebs offenbart. Schon schlittert ber Winb über ihre Flanken, noch zaghaft, aber wie halb ihr roilber, rauher Gespiele. So zwischen brennenbem Licht unb beizenber Lust, in der Stunde der zaubergewaltigen Mittagsdruden, stehst du vor Meister Grünewalds Altar, vor der weißen, zauberischen Mutter Gottes von Stuppach. Die heilige Frau ist niedergesessen in dem vom Pfahlwerk umgebenen Garten; vom Feigenbaum weht grünblauer Schatten, im Topf blüht die Lilie, denn es heißt im hohen Siebe: „Wie eine Lilie bist bu unter Barons Töchtern". Weit sällt bas glitzernbe haar über hals unb Schultern, wuchtig umwogt ber rote Brokat Schoß unb Füße. Die Frau hält ihren Knaben auf bem Arm, bietet ihm mit gebogenen Fingern ben Granatapfel. Jrn Garten ist Stille, aber über ben fahlen Gebirgen wetterleuchtet bie Gewalt bes Allmächtigen, offenbart sich bie Glorie der Himmel in Gewitterfchauern. Weiß und still ist das Gesicht ber heiligen Mutter unb boch gezeichnet von magischem Wissen; es ist bas Geheimnis ber heiligen, die mit Gott zu heilen und zu wirken begabt sind, wie die Bösen mit der Kraft der Dämonen. Der Meister, der dies schu — in welch weißer, lodernder Mittagsstunde, in welchen Sternennächten ertastete er das Zaubervollr Wann geschah es ihm, daß er davon besessen ward und in das große, blasse Gesicht der fränkischen Magd das mystische derer, die Gott erwählt hat, fjineintrug? Aus der Vereinigung, aus diesem Ineinander von deutscher Magd und Gottes Magd erwächst die Ahnung der Berufung eines Volkes zum Reiche Gottes. Wir fahren unter fruchtschweren Bäumen, durch Wiesengebreite am weidenüberbuschten Fluß; sanft bügelt und senkt sich das Land. Golden nisten Städte und Weiler, runden sich Marktplätze inmitten fachwerkener Häuser ober solcher von Stein mit geschwungenen Treppen. Zierat ' 1809. 5ni3’n * lj*J ;oS‘5 d° >/ >K SÄ Sratlen W6..M in gjW wobei die Mehrzahl der Schillschen stel. Wie nach Schill den Südseewilden wurde dem preußischen MaM 5 abgehackt und Napoleon einen „Räuberhauptmann" „nannte der Kopf abgehackt uno dieser der Anatomie der holländischen Unwerft 9 , in '@efanqen= Elf Offiziere und dreihundertsechzig Soldaten fielen tn besangen Ichaft. , Ein treffliches Bild für die Bühne:, hier der geopferte D°lk-h-ld^im Hintergrund der feige S°ud^rnde Komg D ^ehr ^^^^^ung, König dachte nicht anders als Schill doch t g 9 Major, daß j(s nur für ein Husarenregiment Er wume o ll njLt in Stralsund, die Entscheidung über den Erfolg des A ff » . lag. Denn dieser sondern — dies ist gar nicht so absurd ' b7tanntc Landstrich, noch damals unter dem Titel „Donaufurftentum erunaspolitit. Der Zar der Türkei gehörend, war das Ziel ruscher bünb^t Pein zwar seit Alexander von Rußland war mit Napol Bündnis (denn nur dem Erfurter Kongreß von 1808 »erbleichendes Bundn.s ^ -einer kann die Welt beherrschen, nicht zwei), aoer stiegen" und „Volkskriegen", und gerade im Hinblick auf das Ringen von 1813 hat man zustärkst einen Gegensatz zwischen Kabinett und Ration zu konstruieren versucht. Aber alle Zeit haben sich gute Kabinette mit ihren Nationen in Uebereinstimmung gesunden, und in den letzten Zielen war sogar die Geheimdiplomatie eines Richelieu der Billigung aller Franzosen sicher. Zwischen der preußischen Regierung und icm Volk gingen die Meinungen höchstens Über den Zeitpunkt des Auf- tandes auseinander; der Aufstand selbst war bei beiden beschlossene Zache. Schill ist also nur der Mann, der zu früh gewollt hatte. Ein Jahr Mvor ging Stein wegen ähnlicher Pläne in die Verbannung. — Deshalb also war Schills Opfer nicht vergeblich. Vier Jahre später wurde geerntet in seinem Namen. Aber was ihn und die Seinen in strahlende Helle stellt: es war ein deutscher Zug, den sie unternahmen. Nicht nur der Herzog von Braunschweig und der westfälische Oberst Dörnberg, der 23er« chwörer dicht neben Jeromes Thron, die beide um die nämliche Zeit lufstanden, sondern auch der Preuße Schill wandte sich von Dessau aus um 2 Mai 1809 mit seinem Aufruf an alle Deutschen und mahnte ]utn Kampf. Wir können heute, in einem geeinten Reich lebend, kaum noch die Bedeutung eines solchen Schrittes ermessen. Diese Männer impfanden klar, daß trotz allem der Rheinbund von Napoleons Gnaden ruf tönernen Füßen stand. Es ist zwar ein deutscher Säbel gewesen, !>er später Schill das Leben nahm; dennoch war fein Glaube kein Trug- chluß. Es war nur die Zeit noch nicht erfüllt. * Am 9. April 1809 warf Oesterreich die Kriegserklärung auf den Tisch. Wiens Heere rückten gegen Bayern. Diejenigen, die der Korse seit über einem Jahrzehnt nur zu oft auf den Schlachtfeldern Italiens besiegt, die 1805 bei Ulm ihre größte Schmach und bei Austerlitz ihre schwerste Niederlage erlebt, sie nahmen noch einmal den Kampf auf. Auch Metter- aich, damals Botschafter in Paris, ist in diesen Tagen aller Hoffnungen voll. _ .... tfnter den furchtbaren Schlägen, die bald an der Donau erdröhnen, wird ein abseitiges Ereignis kaum beachtet: am 28 April rückte der Chef eines in Berlin stehenden Husarenregiments mit seinen Schwadronen durch das Hallesche Tor zur Hebung aus, aber diesmal gibt es keine Rückkehr, sondern auf dem Wege nach Potsdam teilt er feinen Soldaten mit, daß der große Zug begänne. Schill war neben ©neifenau und Nettelbeck die Säule des Widerstandes von Solberg gewesen. Nach dem Kriege von 1806 ernannte ihn der König zum Major und zum Ches eines Husarenregiments, das als erstes nach dem Abrücken der Franzosen in Berlin einziehen durfte. Der Denker ©neifenau trat wieder ins Dunkel, schuf im Schoß der ,Heeresreorganisationskommifsion" jenes gewaltige Werk, das noch auf den Feldern von Verdun und in Flandern die Erde erbeben machte. Ader der Frontoffizier und Husar war der Liebling des Volkes; man rauchte „Schill-Kanaster" und aß kriegsmäßig-schlecht gebackene „Schill- Torte" in den Berliner Cafes. Preußen war in einem Frieden mit Frankreich, wie ein um feine beste Hälfte verstümmelter Staat, dessen Grenze nunmehr die Elbe, mit dem herrischen Sieger m Frieden leben kann Aber es war doch eben vertragsmäßig und völkerrechtlich em Frieden. Mehr noch: Preußen war sogar verpflichtet dem „hohen Verbündeten" in diesem Kriege gegen Oesterreich em Hllfskorps zu stellen. Daß Napoleon dieses Korps nicht mehr anzufordern wagte ag an der Haßstimmung, die in diesem Frühjahr 1809 durch tue preußischen Lande tobte. Und von dieser Stimmung wurde Schill getragen. Heber Wittenberg rückt er nach Halle entwaffnet dw dort stehende Befatzung des Königsreichs Westfalen und wirft am 5. Mai bei Dode darf im Kreise Wanzleben Truppen zurück d,e Jerome 'hm entgegenschickt. Aber dann naht die Nacht: Oesterreich wird an der Donau zurück^ geworfen, die Stirnnkung in Deutschland sinkt, und vor allem der Kon g wendet sich gegen Schills „unglaubliche Tat . Der erhoffte Zuzug aus den Rhe.'nbundlanden bleibt aus, die Verstärkungen sind spärlich. Iw Gefecht bei Doingarten am 24. Mai bahnen sich die Sch llfchen den Weg nach Stralsund, um aus ihm ein zweites Saragossa zu machen. Di s spanische Festung war wenige Monate zuvor ein Fanal des fjeloen- wutes gewesen; die stürmenden Franzosen fanden die Besatzung unter bene^1ammanbebres9r5Staüfenb Holländer und Dänen unter dem französischen General Gratien rückten heran. Die Bezeichnungen „Holländer und „Dänen" sind (leider) nicht wörtlich 3? nehmen- Eures der dan sch & Landwehrbataillone, wohl zumeist aus Schlesw g--f)f b Baler wurde von dem Major Friedrich v° n Mo «t ko geführt, ^m^Uater unseres großen Generalfeldmarschalls und erra g Bahnen des Stralsund solchen Ruhm, daß der dänische König .hm die Fahnen 1>n| ,wl “Md W'wl hort irJ Nittel 'ln N;| tw I °u atm;. I " Nil >« Stil dn $»1 n ffietrJ d°r $räi| - ber Mil irft büfl men, °m %J elfühe t=| dir uit] ist Beckh] teifter; 1 mb feint I ies Wch] t sich tis 1 u lebe* I irtsftcigert | emis e| 3rau te- lol! in In 1 »ie hchl irt bidjöl Sertlärm; j jeben. fc| nm etnip onicn, h stecht e kt, aber t nd fie ili; iter W [inte a! irber P in bet te üJiitteW ckst bu in lanj ec nchts *' aune, Sf)0il)6 ruhig ui neschÄilk jt auf M Riten,» starten f Ritters" ef ge®o!i[ int W jergen,* umtort ff- 1 In I'5 ne gö* hielt es noch. Denn Rußland wünschte Rumänien und Finnland, die es vorerst nur an der Seite Napoleons erwerben konnte. Deshalb rückte, wenn auch mit möglichster Schonung, ein russisches Korps in das österreichische Galizien ein. So verhallten die Ruse des Königs von Preußen an den Zaren ungehört; Friedrich Wilhelm III. bat um die bestimmte Zusage, daß Rußland ihn unterstütze und auch nicht angreifen werde, wenn er sich mit Österreich verbinde. Der letzte Brief stammt vom 12. Mai 1809. Diese Zusage mußte Preußen haben. Der in Tilsit verstümmelte preußische Staat war allein zu schwach, um den Kampf ohne Rückendeckung aufzunehmen. Der Zar aber trieb nur russische Politik und sagte ab. Die preußische Armee, heimlich in Kriegsbereitschaft, murrte, Blücher, der feine Truppen in einem Lager in Pommern zusammengezogen, wütete, — es half nichts. Nach dem Hoffnungstage von Afpern, wo Erzherzog Karl am 21./22. Mai zum ersten Male Napoleon zurückwars, folgte am 5. Juli die Niederlage von Wagram. Es war alles vorüber. Hätte Preußen das Schwert gezogen, wäre es jetzt durch den Korsen von der Landkarte gestrichen worden. Der König hat zwei große Augenblicke versäumt: 1805 und 1812; aber 1809 hat er recht gehandelt und den Staat gerettet. Das erst macht Schills Tod zur großen Tragik. Denn für den Patrioten schien dieser Augenblick der günstigste, während jener, — diesmal gottlob — mittelmäßige auf dem Thron die Fallschlingen der Situation erkannte. So marfdjieren die Elf im Morgengrauen des 16. September aus dem Festungstor von Wefel. Das französische Kriegsgericht hat auf „Tod" erkannt und völkerrechtlich ist nichts dagegen zu sagen. Aber was kümmerte diese Els das papierne Bölkerrecht, was wußten sie von den Donaufürstentümern? Ihr Herz brannte für das Vaterland, und ihr Blut schrie Ausstand. Sie haben recht, werden nach ihrem Sterben noch doppelt recht bekommen, wenn vier Jahre später ihre Kameraden auf Leipzig zumarschieren zur großen Entscheidung. Die Soldaten schmachten aus den französischen Galeeren, und diese Elf gehen zum Tod. Der Jüngste von ihnen ist siebzehn Jahre alt. Der Hauptmann unter ihnen hatte gebeten, ihn mit dem Knaben zusammen- zubinden, damit er nicht zittere auf dem letzten Gang. Denn sie sind, je zwei und zwei, aneinanbergefeffelt wie Verbrecher. Die Nacht zuvor haben sie Briefe geschrieben an ihre Familien und bann mit eisernem Willen Schach gespielt. Unb gesungen. Der französische Kommanbant wartet immer noch auf einen Befehl aus Paris, ber bie Erschießung aushebt, bie Begnabigung bringt. Auch bie französischen Solbaten sinb nicht sehr vergnügt, aber bie Zeit verstreicht unb' schließlich stehen sie am alten Exerzierplatz in langer Linie. Die Franzosen legen an. Der Leutnant Flemming wirft bte Husarenmütze in bie Luft: „Es lebe ber König! Preußen hoch!" Dann pfeift bas Blut, unb Zehn liegen am Boben. Einer steht noch, W e b e l l heißt er, Blut im Gesicht. Er schreit: „Zielt ihr nicht besser, ©renabiere? Hier sitzt bas beutsche Herz! Feuer!" Unb bann liegt auch er Durch ben Nebel klingen angstvoll bie Glocken der Willibrobi-Kirche. Das Volk wacht auf. Roman von Walter von Molo IFortietzung.l Ungläubig hebt ber Schuhmachermeister Dieckebusch ben Kops. Kein Zweifel. Es ist preußische Militärmusik, bie ba ins Stäbtchen zieht! Sorgenvoll schiebt sich Dieckebusch bie Brille auf bie Stirn, er krault sich das Haar. Fürsorglich nimmt er die Glaskugel vom Fensterbrett. Wie verrückt rennen droben vor dem Kellerfenster die Leute. , Mann!" In der ausgerissenen Türe ringt bie junge Schuhmacher- tneifterin um Luft. „Es ist wahr! Die Preußen sinb ba! Du!' Schluch- senb stürzt sie ihrem Mann um ben Hals, außer sich wühlt sie den runden blonden Kopf an seine Brust. „Wir werden wieder preußisch Du!" — „Weib? ... Weib? Nimm Vernunft an!" — „Sie haben drei französische Regimenter niedergemacht! Sie haben Kanonen unb Fahnen! Ein Kammerherr von Dessau ist auch schon dabei! Deutschland erhebt sich Unb so stramm sinb bie Kerls!" Sie zerrt seine Hanb auf ihre hochatmende Brust. „Hör' doch! Sie spielen den Hohenfriedberger Marsch! „Sei vernünftig! Marie! Komm, efchauffier' dich nicht; es steht nicht dafür. Den Napoleon schlägt keiner." „Sie haben ihn aber doch schon geschlagen!? „Marie! Sei vernünftig! Vergiß nicht: wir leben von ben Franzosen! Willst bu ins Spinnhaus kommen?" ... , Sie reiht sich los. Sie stehen getrennt; feinbselig mißt bie junge Frau ihren alten Mann. „Schlappschwanz!" schreit sie. Elenber Schlappschwanz!" Sie reißt sich bie Schürze ab. „Ich geh mit! Hoch! schreit sie. Hoch! Hoch!" Sie stürzt bie Kellertreppe empor. Mit flatternben Rocken rennt sie am Kellerfenster vorbei, sie verschwindet. Lauter, martialischer gellen bie Pfeifen, Rumplumplum pumpern bie Trommeln. Aufgeregte Fingerknöchel schlagen ans Fenster; em herab- gebeuqtes heißes Gesicht lugt tn bie Werkstatt. „Dieckebusch! Der Major von Schill ist ba! Der Helb von Solberg! Er läßt Proklamationen an- fdilaaen' Wir werben wieber preußisch! Komm!" Pantinen klappern. Ueberall ist Schreien unb Laufen unb Rufen. Dieckebusch stolpert empor, er wirb untergefaßt unb vorwärts gezogen, gestoßen und gedrängt, er muß im Jubelgeschrei mitlaufen. Vor dem Posthaus steht Sopf an Kopf. Auf den Schultern zweier Männer sitzt der Schnnedegehllfe Schlagtot. Er schreit die Worte der Proklamation in die Menge: „Bewaffnet euch! Sensen und Piken sollen einstweilen die Gewehre vertreten!... "sgalb w^d^ ihr eroberte Waffen gegen ben Erbseinb kehren! ... '.Jawohl! Hoch! Hoch Schill!" „Pereat Napoleon!" ^Der6heilige Zorn eines einigen Deutschlanbs zertrümmere bas Kunst- aebi'ibe ber fremben Eroberungsgier! Kein beutsches Mädchen achte ben, i ber sich feige unserer Aufforderung entzieht!" — „Hoch!' schreit eine der neu Eulenspiegel- des Platz. die Husaren- schlossene Menge zurück. In eisigem, blutaufpeitschendem Schweigen leert sich „Aufsitzen!" Eine Trompete schluchzt; still, bleich formieren sich reihen. mit gesenkten Köpfen. * Zwei Knaben sitzen in der hintersten Ecke eines vollgeräumten Dachbodens Wo das älteste Gerümpel liegt, wo im Halbdunkel die Spinnen hausen. Reglos ruhen die stockigen, unfertigen Glieder auf den staubbedeckten Brettern: Wie gelb, wie mager, wie hilflos dünn der Mensch liegt wenn er tot ist? Wie Tiere brüllten sie! In Bächen floß das Blut in den Straßen. Breeig, rauchend, blasenbedeckt stand es überall in den Rinnsteinen. Die jungen Beine zucken. So kann der Mensch sein? ... Warum half niemand? Die Türen sperrten die Eltern ab, sie schlossen die Läden, verlassen mußten draußen die Tapferen sterben. Einen stockenden, sich aufstemmenden Seufzer tut der Fritz. Er steht seinen Freund an; der kann auch nicht reden; es wäre furchtbar, sähe der Fritz, daß er innerlich heult, wie ein Kettenhund! Hart stellen sie die Zähne aufeinander, die jungen Fäuste ballen sich. Es zerrt und wühlt in den Gesichtern der Knaben. Feig saß der Vater! Die Mutter häkelte. Als höre sie nichts! Die Schwester spielte ... Pianoforte! „Ich schmeiß' ihr die Gesichtstinktur aus dem Fenster! Ich steck' ihr Radeln ins Bett!" Schills Kopf lag aus dem Gehsteia vor der Rathauslaube: auf der Fleischbank lag der wundenbedeckte. zerfetzte Körper! Nackt! Tiefschwarz troff das Blut aus den Röhrenöffnungen des abgeschnittenen Halses. „Fritz! Wir müssen's zurückzabl->ns" „Ja!" Mit der Faust macht der Fritz eine heftige Drehung im Gelenk. „Zwölfe waren es gegen einen! Saft gesehen, wie er dem holländischen Oberst den Schädel auseinanderhieb? Wie ein Zinnsoldat flog der vom Pferde!" Verantwortlich: vr. Haus Thyriot. - Druck und Perlag; Prühl'fche Univer, itäts-Puch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen- „Rückt ab!" An der Spitze seiner blutjungen Offiziere, zu Füßen „ türme, vom alten Schloß überragt, biegt Schill aus den engen Giebelhäuschen in die freie Straße nach Norden ein. Wie Weinen ist es über den Rücken der langsam Verschwindenden. Traurig gehen die Pferde, hünno Mädchenstimme. „Hoch!" Lachen .....Heldenmütig trotzen die Tiroler dem Feind. Die tapferen Hessen haben sich erhoben! Aus! Zu den Waffen! Zu den Waffen!" Ein Ruck geht durch die wirbelnde Menge, sie drängt zurück: Breitschultrig steht ein schnauzbärtiger Unteroffizier, auf der 9©tirn einen blutüberkrusteten Hieb, aus der Treppe über den Menschen. „Helft zu neuem Ruhm!" Der Unteroffizier schnellt dre Stufen hinab, ehe der Hausknecht vom Löwen Zuruckwelchen kann, hak er ihm die Hand auf die Schulter gelegt: „Tritt ein, Kamerad! Asthfahl ist der Bursch im Gesicht geworden, er retiriert. Wild starrt der Hujar auf die Zurückweichenden. Totenstille; Halsbinden werden geruckt, Hauben werden gesteckt, die Blicke suchen im Staub. Die Köpfe drehen sich: Larnwnd überschallt von der schönen alten Musik der aufgelösten snderiziamschen Regimenter, in breiter Front ziehen Schills Husaren die Straße herauf. „Ich mach' mit, Herr Unteroffizier!" schreit Marie Dieckebusch „Ich bin kein Feigling!" Die Menge teilt sich, von der todesentschlossenen Musik an die Hauswände gedrängt. Ein junger preußischer Ma>or, ionn- oerbrannt, mit herabhängendem dunkeln Schnurrbart u^? v^^enem Antlitz, den hohen Tschako schles auf, reitet voran. Staubbedeckt sind die Mannschaften, unerschütterlicher Kampfesmuk, volle Todesbereitschaft zeigen die Gesichter. „Verwundete!" Enger preßt sich die Menge an die Mauern der Häuser. Ein Planwagen rumpelt im Zug. Daß das Feuer aus den Steinen spritzt, galoppiert ein Offizier die Reihen entlang. „Leutnant von Frangois meldet die Aufhebung der Stadtwache! Die Burger stoßen sich an: „Komm! Wir werden erschossen, wenn die Franzosen -mrückkommen! Das sind Rebellen! Komm mit! Was gehen uns die an? Das Militär rückt auf den Marktplatz ein; zaghaft, widerstrebend folgt ein Teil der Menge. Die Mannschaft sitzt ab, Jungen helfen; ängstlich werden sie von ihren Müttern zurückgezerrt. „Hierher! Was gehen euch die an?" Der Bürgermeister und der Pastor treten vor Schill. "Herr General , beginnt der Bürgermeister, „wir sind getreue rheinbündlerifche Untertanen!" „Ihr seid Deutsche! Wie wirt" „Wir leben mit Frankreich in Frieden, Herr Oberst!" Dunkelrot ist Schills Gesicht. „Brüder!" ruft Schill schallend über den Platz. „Bleibt nicht so fern. Kommt doch näher! Habt ihr denn Angst vor uns? Wir sind gekommen, um euer Unglück zu enden! Habt doch Vertrauen! Unter meiner Führung stehen tapfere deutsche Männer, die alles, was ihnen teuer war, itn Stiche gelassen haben, um euch von den fremden ausge- zwungenen Gesetzen zu befreien, die unsere Eigenart und euren Charakter ermorden! Wir sind da, um die alte deutsche Freiheit zuruckzuerobernl Wollt ihr kleiner sein als Spaniens Frauen und Kinder, als -Tirols Bauern?" Es bleibt still. Schills Faust umkrampft den Sabelkorb Verschlossen, verlegen, ablehnend sind die Mienen der Bürgerschaft. Schill tut einen unsicheren, fahrigen Blick über seine Schar: Verbissen finster und traurig stehen die Husaren neben ihren Pferden. „Ihr seid Rebellen! schreit anklagend eine Stimme im Hintergrund. „Aufrührer seid ihr! — Bleibt ruhig'" Der Pastor hebt die Arme zum Himmel. „Ich frage Sie, Herr Major, ich frage Sie im Antlitz des allmächtigen Gottes, der unsere Taten richtet, ist es wahr, daß Sie im vollen Frieden kaiserliche Truppen angegriffen und niedergemetzelt haben?" „Schmähliches, ehrloses Knechtepack!" „Ruhig, Moltke! Ich bitte dich!" Mit zuckendem Antlitz steht Schill. Christen Brüder und Schwestern!" kräht der Pastor. „Weiecht zurück vorn den Verführern! Rettet eure unschuldigen Kinderchens! Laßt die Verräter ihren Lohn finden! Kommt, kommt, geht in die Häuser!" Mit gebrei- tetcn Armen eine lebendige Warnungstafel drängt der Pastor die unent- Blau«, verzweifelt dreschende Hufarenarme, bäumende, schäumende Pferde sind vor ihi^n, gelbweiß stieg der Puloerdampf! Wie Opferrauch! Zeia' mir die Fahne!" „ Den eroberten Tuchfetzen zerrt der Fritz unter sich vor; sie krallen anbetend, schwörend die Fäuste in das blutnasse Fahnentuch, sie umarmen sich. Sie weinen, daß es sie schüttelt. * Verstörte Menschen stehen inmitten des überschwemmen Rheingeländes Van der Stadt her, auf dem Damm naht französisches Militär. Kavallerie zieht voran, Infanterie hinterdrein; vor den Kolonnen schreiten elf hohe, chmale, aneinandergekettete Jünglingsgestalten. In Straflingskleidern. Dumpf einherschwankend hallt unheilverkündend der Trommelschlag unter dem bedrückten Regenhimmel. Die Bürger weichen zur Seite, eine Grube ift im sumpfigen Grund aufgeworfen. Der Zug schwenkt ein. Hochaus- gerichtet betreten die Schillschen Offiziere ihre Richtstätten, st«; gehen ge> lassen vor ihr Grab. Die Trommeln lärmen zu Ende. Em Kommando. Die Gewehre in der Hand tritt die ausgeloste Exekutionsmannschaft vor die Verurteilten, sie formiert sich, heller Schein ist auf den Stirnen dex Gerichteten. Der Kapitän nimmt ein Blatt Papier zur Hand; er lieft mit öeit^m tarnen Soifer Napoleons des Großen! Die westfälischen Rebellen sind durch Pulver und Blei zu Tode zu bringen!" Lärmend quaken aus den Sumpfwiesen die Frösche. „Herr Leutnant verfahren: Sie: nach dem Gesetz!" Ein neues Kommando, die Herzen stehen still. „Wünscht ihr bte qenaue Vorlesung des gesamten Urteils? Ihr habt nach dem Völkerrecht einen Anspruch daraus!" Die Verurteilten schütteln d,e Kopse; furchtlos, verächtlich sehen sie in die Gewehrläufe, die sich auf sie richten. Die'Bürger und Bauern sinken auf die Knie, sie decken die Hande über die Augen. Die Salve kracht. Der Pulverdampf schwankt über den Kopsen des Pelotons. Hochaufgerichtet ragt inmitten der erschossenen Kameraden ^^,Könni^hr9nicht besser schießen, Franzosen? Hier steht ein Wedelt! Hoch Preußen!" D^r? Exekutionsoffizier reißt ein Gewehr an die Backe. Zwei andere Offiziere springen vor; drei Schüsse. Ein Stein, geschleuderte Steine und Rasenstücke fliegen über die Köpfe des Kordons; die Infanterie wendet sich sie pflanzt die Bajonette auf. Zitternd schiebt d.e Pwn.erkompan.e die Leichen in die Grube. Die Ketten der Ermordeten klirren. Schleiermacher schließt in der Dreifaltigkeitskirche in Berlin die Bibel- er legt sie zur Seite. Wie von Sinnen starrt ein alter Offizier zur Kanzel empor. „Jesus erkannte die bittere Notwendigkeit her völligen Zertrümmerung alles Erhabenen aus vergangener Zeit , spricht Schleier wacher. „Klar verkündigte er seine Ueberzeugung, daß von aller ehemaligen Größe nicht ein Stein auf dem andern bleiben konnte Jesus hat recht behalten. Auch uns ist das Große verschwunden! Von dem vortrefflichen Baue Friedrichs ist kein Stein mehr übrig! Es ist verständlich", spricht Schleiermacher in die erregte Menschenmenge unter sich hinab, „daß viele von Ihnen am Alten sesthalten. Es ist das für viele die einzige Art, um dem Feind des Guten ohne Verzweiflung entgegenzutreten' Was aber war uns wahrhaft Friedrich? Wir muffen uns darüber klar werden! Was blieb uns von ihm? Sein Vorbild! Sem Tun und fein Handeln entsprachen dem Geiste und der Bestimmung seines Volkes! Unverfälscht setzte er unsere Art m die Tat um, Friedrichs Bleibendes sind wir, ist sein Volkstum, aus dem er entUanbl ® müssen wieder mutig sein, rote er! Wir muffen wieder unabhängig werden, wie er es war! Wir muffen wieder eine Gemeinschaft bilden, wie Friedrich und die Seinen eine Gemeinschaft bildeten! Des Erlösers Wort vom nötigen Verfalle iches alten Gebäudes ist weissagende Drohung. Viele von euch haben ge agt: .Wir werden niemals daniederliegen!' Das war vermessen. Es ist aber letzt ebenst falsch, zu sagen: .Wir werden uns nie mehr aufrichten! Der Menjcy muß haben, als hätte er nicht! Verehren Sie Fredrich, ja, er verdient es, aber verehren Sie ihn, als hätten wir ihn nicht! Er i|t ja in uns!" Schleiermacher nickt den Kindern zu, die ihm von Mannern und Frauen entgegengehalten werden. „Ihr, meine Bruder und Schwestern" pricht Schleiermacher mit zitternder Stimme, „es ist em Kamp, um unser Innerstes, um unsere Religion, um unsere Geistesbildung, um alles! Seien Sie in ruhiger Ansicht der Weitbegebenheiten einig darinnen! Seien Sie einig und entschlossen im Geiste Friedrichs! Amen. Lautlos erhebt sich die Gemeinde. Sie steht, bis Schleiermacher verschwunden ist. Lautlos, langsam gehen die Menschen dem Ausgang zu. ♦ Wortlos wartend stehen Offiziere vor dem Zimmer des kommandierenden Generals in Pommern. Ein korpulenter Herr m Zwü tun ein. Mit ängstlichen, unsteten Augen sucht er ein befarm es Gesicyr Hastig, dunkelrot eilt er auf einen Obersten los. „Mein lieber Bulow. Ich muß Blücher sprechen! Ihr habt das Kriegsgericht doch noch.mcyl abqehalken?" „Wir warten auf die Exzellenz! Aber, Herr von Ruchel, wenn ich Ihnen gut raten darf, ich glaube, es ist besser. Sie sprechen heute nicht die Exzellenz! Sie hat die alte Uniform an! — „Ich muß! Lieber Romberg", bittet der Verabschiedete einen jungen Offizier. „Um unserer ehemaligen Kameradschaft willen, sehen Sie zu, daß mich Blücher empfängt!" Der junge Offizier geht in den Hintergrund des Zimmers. Wie steht es mit Rombergs Vater?" — „Er ist in der Vorwoche qe- f'torben!" — „Ach Gott, ach Gott!" Kummervoll nickt Rüchel vor sich hin „Ueberall Unglück! Ueberall! Dieses grausige Malheur! Ich fage Ihnen, der Massenbach war schuld! Scharnhorst und Gneisenau sivo ungerecht! Sie sind geradezu barbarisch in ihren Urteilen." (Fortsetzung folgt.)