Nummer 64 Montag, den 2V. August rgang 1954 ijje Zi« I lag igle Vs gilt1* und und und Und Ein Die Wir wir Wie tarnt g n beintt 'PPS «, leie bti Shtbitf mg. Uni ' Bibb> ein H 'S - fit Xodjter. ctennenb mi*!'! angel«" aus W iütr * m mn* chebich", panbautt t b#!' fang, «« Ländliche Einladung. Von Hans Leip. große Stadt, du hast sie satt, sagst du? denken uns die Stadt sehr amüsant; kennen sie nur flüchtig, geb ich zu. dem auch sein mag: Komm zu uns auss Landl Mdi»»: le langt 11 in bt:H überall , flut -J not 1‘ Als du noch klein warst, warst du manchmal hier spieltest mit den Enten und dem Schaf sahst ein Reh im nahen Forstrevier, Mamsell Else sang dich oft in Schlaf. ijnel in litt. 3d) inbel», tergudra, t Sick, mute, tt idjen, lii tnn @01 Deulfr Touchtt „M* tit halt, mal lii im liek baut an, fragt! isftetlini illen... einmal fielst du in den kleinen Teich. Glück, daß es die beiden Knechte sahn! Und Stall und Stuben, unser kleines Reich, es ist wie sonst. Ich hol dich von der Bahn. t: Leb» unb l'1' jmnW (5 IjäiH" en, w* 16 « " 'Ubf^j Rhch Riffen, °gte!t 65 mil iehenerZamisienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Sobald Friedrich Sandberg fertig angezogen war, wurde ihm befohlen, zu Mamsell Broström zu gehen .. Und als er die Bodenkammer, wo Mamsell Brostrom wohnte, er- stiegen hatte, stand sie eben vor dem Ofen und buk Hippen. Sie war gerade nicht besonders sorgfältig angezogen. Im Mieder und Unterrock stand sie vor dem Ofen, und der kleine Schuljunge meinte, er habe noch niemals solche Arme und Beine, solche Hande und Füße und einen Körper von solchem Umfange gesehen Mein Name ist Friedrich Sandberg", begann er, „und ich soll untertäntgst fragen, ob ich wohl Mamsell Broström zum Jahrmarktsball einladen dürfte?" Mamsell Broström gehörte nicht gerade zu der guten Gesellschaft und hatte wahrscheinlich nicht die Absicht gehabt, aus den Jahrmarktsball zu gehen. Ms sie nun aber von einem so flotten Kavalier ein- geladen wurde, dachte sie keinen Augenblick daran, nein ZU sagen, son- bern sie verneigte sich vor Friedrich Sandberg und sagte, sie sei über- aus dankbar und sühle sich sehr geehrt, sie werde sich mit dem größten Vergnügen einfinden. „ , , . Friedrich Sandberg war über den freundlichen Empfang sehr erfreut denn es hätte ebensogut auch anders gehen können; sobald es anging, verabschiedete er sich und tief eilends zu den Gymnasiasten und berichtete ihnen, wie alles abgelaufen war. Acht Tage nachher wurde Friedrich Sandberg abermals zu den Gymnasiasten befohlen. Wieder wurden ihm ein Herrenhemd mit gestärkter Hemdenbrust, Kragen und Busenstreis, Halsbinde, seidene Weste, graue Beinkleider mit Sprungriemen, ein blauer Frack mit glanzenden Knöpfen und Lackschuhe angetan. Die Haare wurden ihm geträufelt und toupiert, Handschuhe und Spazierstock in seine Hand gegeben und ihm obendrein ein hoher Zylinderhut mit geschweiftem Rand aufgesetzt. Nachdem er ganz fertig angezogen war, wurde er noch einmal zu Mamsell Broström geschickt. Als er diesmal in die Bodenkammer trat, stand Mamsell Broström vor dem Spiegel und probierte ein rotes Tüllkleid an. Das Kleid ließ Hals und Arme frei. Und Manifest Broström drehte und wendete sich ungeduldig vor dem Spiegel hin und her und schien entsetzlich schlechter 2aU5riebrict)IT6anbberg betrachtete bie bieten Arme, die da aus dem roten Tüll herausquollen, sowie die unter dem turzen Gewände sichtbaren dicken Beine. Er betrachtete diese mächtige Person, die zweimal so groß und zweimal so breit und zweimal so dick war als er Sem Blick richtete sich auf bie groben Wangen, bie tupferrot geworben waren, weil Mamsell Broström beftänbig vor bem Ofen stanb unb Hippen buk. Er betrachtete auch bas üppige, bas Gesicht struppig umgebenbe schwarze Siaar er begegnete bem scharfen Blick ber rotunterlaufenen Augen, er härte bie grottenbe Stimme, und da detam er Angst. Am liebsten wäre er banongelaufen; aber er war von den Gymnasiasten ausgeschickt und wußte, was diese sagen würden, wenn er der Obrigteit un- 0Ct,©oaiDerbeugte er sich denn vor Mamsell Broström und sagte: „Ich möchte untertänigft fragen, ob ich am Jahrmarttsball Mamsell Broström um den ersten Walzer bitten darf?" . Mamsell Broström war gerade an diesem Morgen recht bedenklich gewesen: sie hatte bereut, ihr Jawort gegeben zu haben und sich gefragt ob sie hüigehen solle ober nicht. Möglicherweise hatte sie sich auch ben ganzen Ball aus bem Sinne geschlagen, wenn letzt nicht Friedrich Sanbberg erschienen wäre unb sie um ben ersten Walzer gebeten Hane. Nun aber, wo sie eines Kavaliers sicher sein konnte, würbe sie rasch wieber guter Saune, unb sie antwortete Friebrich Sanbberg sie fühle sich geehrt unb geschmeichelt unb werbe mit bem größten Vergnügen m't2lnmbem?e[ben Tage war ber Jahrmarktsball, unb Mamsell Broström begab sich mitten unter bie Bewohner von Karlstabt unb bie Jahr- marktsreisenben. Sie ging bnrch ben Damensalon unb trat in ben Ballsaal. Da ließ sie sich auf einer ber kleinen gepolsterten Banke nieder, die die Wände entlang liefen. Mamsell Broström trug ein Kleid aus rotem Tust; bas war für sie bas schönste, was es gab, unb sie war höchst befriedigt von sich selbst. Die Leute starrten sie zwar an, das sah sie wohl, aber sie kümmerte sich nicht darum: da sie nun einmal eingelaben war, hatte sie ebensogut das Recht, hier auf bem Jahrmarktsball zu tanzen wie alle bie anberm Sie sah baß bie andern Damen Bekannte hatten, mit denen sie sich unterhielten: aber auch das machte ihr nichts aus denn sobald die Musik zum Tanze anstimmte, würde man schon sehen, daß sie einen Kavalier hatte, und Zwar einen ebenso feinen, wie irgendeine von den °"^lls bi^Regimentskapelle zum ersten Tanz auffpielte sah sie, wie bie Buchhalter vom Hüttenwerk bie Töchter ber Huttenbesitzer, bie Offiziere bie Offiziersdamen und die Labengehilfen bie Kaufmannsmabchen Wir haben keinen Benz noch Brennabor, wir haben nur ein einziges PS, unb bas ist unser Pony Theobor. Und Mamsell Else deckt den Tisch indes. So hoppeln wir gemächlich über Feld und biegen in bie Pappelauffahrt ein. Nein, Marktviehpreis unb Hypothekengeld, das soll dabei nicht der Gesprächsstoff sein. Familie, Landschaft unb die gute Luft — da wird sich Stadt und Land alsbald verstehn. Ein bißchen Bauernschnack und Tennenduft; wir sind nicht ganz verrostet, wirst du sehn. Doch manches, was uns selbstverständlich ward, wird uns durch deine Ankunst wieder neu. Du staunst den Mond an, nennst die Blumen zart, der Teich wird silbern, süßer riecht das Heu. Die Giebelkammer, wo du Ruhe hast, ist zwar für Stabtbegriffe schmal gebaut Doch sieh ben BlickI — Komm, unser @aftl Unb beine Mutter wohnte bork als Braut. Mamsell Broström. ^ Ms^Friebrich Sanbberg vor ben Gymnasiasten erschien, würbe ihm mi Hernb mit steifgestärktem Kragen "»b Busenkrause angezogen 10^ «re großgeblümte feibene Weste, graue Beinkleiber mit Sprungnem , in blauer Rock mit glänzenben Knöpfen ""d feine Lack chuhe^ Dann e rben ihm bie Haare geträufelt unb toupiert !^bfä“^6 ’. IM in feine Hand gedrückt unb zu guter Letz ein hoher Zysinberhut E gefchwungenem Ranb auf seinen Kops gesetzt. Ware Friedrich S irg nur nicht gar fo klein gewesen, daß die ^ofen Salten schlugen du Rockschöße fast auf dem Boden schleiften und ihm der Hut bis fer bie Ohren herunterging, bann hatte er einen f f - Qn= orgeftellt, wie nur je einer auf ben Straßen ber otabt b I) 3 tert war. Von Selma Lagerlös. war nicht in unserer Zeit, als bas Nachfolgenbe geschah. Es _ Nit zurück, bis in bie dreißiger Jahre bes "clJn3el)"ten *Wt'tsg Ai Gymnasiasten in Karlstabt hatten sich im ^fang des Herbstfemesters ^gewöhnlich ruhig verhalten. Sie hatten weber 6«lagereien mtt ben Njenjungen vorgehabt noch irgenbemen andern Unfug getrieben. D taiue Stabt verwunberte sich baruber unb war froh unb dankbar, jltid) man immerhin eine gewisse Leere empfand. Als aber ber Herbstjahrmarkt herannahte, wo Leute aus ganz tcrmlanb in ber Kdeisstabi erwartet würben ^h"°"d'e Gymnasiasten, d«; es jetzt an ber Zeit fei, ihr Ansehen aufrechtzuerhalten. Jetzt Han leite es sich ja nicht allein um Karlstabt, (onbern um die ganze Pro- mz. Nach gründlicher Ueberlegung, und nachdem ^rfchiedenft ßrschläge gemacht und verworfen worden waren wurde em Sch Inge namens Friedrich Sanbberg zu ben Gymnasiasten befohlen. Natürlich folgte er bem Rufe, benn zu jener Zeit Hatte wan e leinem Schuljungen raten können, sich gegen bie ^/"nafiaften auf- Mhnen. Diese waren bie Obrigkeit unb es wäre dem »ich gut ge fangen, ber versucht hätte, einem Befehl von ber Seite nicht »ach engagierten. Jeder nahm seine Dame und einige auch die der andern, aber alle Leute traten vor und drehten und schwangen sich hin und her, nur allein Mamsell Broström nicht, die an der Wand saß und aus Friedrich Sandberg wartete. . , , m „ Die Gymnasiasten saßen droben auf der Galerie bei der Musik und sahen von da Mamsell Broström im roten Tüllgewand an der einen Langwand sitzen, damit der, den sie erwartete, sie auch leicht entdecken Die Gemahlin des Landeshauptmanns sah durch ihre Lorgnette und fragte, wer denn dort so geputzt und groß mitten auf der Langseite des Saales sitze. Die chüttenbefitzerstöchter rümpften die Nase über sie, die adeligen Fräulein fragten, wie denn eine folche Person hier aus den Jahrmarktsball habe kommen können; aber Mamsell Brostrom blieb immerfort in einsamer Größe auf ihrem Platze sitzen. Friedrich Sandberg zeigte sich nicht, und kein anderer Herr sah nach ihr hin. Dann kam das Abendessen, und danach wurde wieder getanzt; dann brachen die vornehmen Familien allmählich auf, die Herren fingen an, etwas erhitzt auszusehen, abe'r Mamsell Broström sah noch immer auf demselben Platz. Schließlich kam aber doch der Gerber Gründer zu ihr hin und forderte sie zu einer Polka auf. „Es ist wahrhaftig Zeit", sagte Mamsell Broström. Und das sagte sie so laut, daß man es im ganzen Saale hörte, und dieser Ausspruch wurde in ganz Värmland zu einem geflügelten Wort. Der Gerber hatte die ganze Zeit beim Kartenspiel in den kleinen Zimmern gesessen und keine andere Absicht gehabt, als nun auch ein Tänzchen zu machen; und da er sonst keine Dame sah, die frei gewesen wäre, merkte er nicht, in welcher Gemütsstimmung Mamsell Broström war. Als sie nun aufstand, um sich in das Gewimmel der Tanzenden zu stürzen, wollte sich der Gerber höflich und verbindlich zeigen, und so fragte er: „Sollen wir vorwärts oder rückwärts tanzen, Mamsell Broström?" „Das ist mir einerlei, wenn es nur losgeht", erwiderte Mamsell Broström. Auch dies sagte sie so laut, daß man es im ganzen Saale hörte, und auch dies wurde zu einem geflügelten Wort in Värmland. Am Tags nach dem Jahrmarktsball wurde Friedrich Sandberg aufs neue vor die Gymnasiasten geladen. Er wurde mit dem gestärkten Herrnhemd, mit Kragen und Busenstreis, Halsbinde und seidener Weste, grauen Beinkleidern mit Sprungriemen, blauem Frack mit blanken Knöpfen und Lacklederschuhen bekleidet. Seine Haare wurden gekräuselt und toupiert, ihm Handschuhe und Spazierstock in die Hand gegeben und obendrein ein hoher Zylinderhut mit geschweiftem Rand aufgesetzt. Alsdann wurde er noch einmal zu Mamsell Broström geschickt. Als er bei ihr in die Bodenkammer trat, stand sie wie bei seinem ersten Besuch vor dem Ofen und buk Hippen. Diesmal trug sie kein rotes Tüllgewand, sondern stand in Mieder und Unterrock da wie zuvor, und der Schuljunge dachte, er habe noch niemals solche Hände und Füße, solche Arme und Beine, so ein bärbeißiges Gesicht, so borstiges Haar und so eine gewaltige, kraftstrotzende Gestalt gesehen. Die Worte wollten ihm im Halse steckenbleiben, aber drei der aller- gefährlichsten Gymnasiasten standen horchend vor der Tür, und Friedrich Sandberg wußte, was das bedeutete, bei der Obrigkeit in Ungnade zu fallen. „Ich möchte mich untertänigst erkundigen, ob Mamsell Broström gestern auf dem Jahrmarktsballe vergnügt gewesen ist", sagte Friedrich Sandberg, indem er sich verbeugte. Mehr gibt es nicht zu berichten, denn wie Friedrich Sandberg aus der Stube hinaus, durch den Bodenraum, die Treppe hinunter und auf die Straße kam, das wußte er selbst nicht, und genau so erging es auch den Gymnasiasten, die vor der Tür aus der Lauer gestanden hatten. Auch sie wußten nicht, wer ihnen die Treppe hinunter geholfen hatte. Aber es war recht gut, daß sie dabei waren, da war Friedrich doch nicht allein bei der Bewirtung. Sie reichte reichlich hin für ihn und für die andern. Deutschland, Land der Ferne und des Wanderns. Bon Dr. Georg Böse. Schlägt feelisches Erbteil aus den Zeiten der Völkerwanderung immer wieder durch, hat der fchickfalsfchwers Boden dieses Landes, über das die Stämme von allen Himmelsrichtungen gezogen kamen, den Geist der Unruhe in sich aufgesogen, der das Herz Europas viele Jahrhunderte durchzittert hat, um ihn in dem tiefen Wandertrieb und der unstillbaren Fernensehnsucht des Volkes bis' auf unsere Gegenwart hell aufleuchten zu lassen? Die deutsche Geschichte hat schwer an diesem Vermächtnis zu tragen gehabt, es hat ihr aber auch die große Weite ihrer Sendung geschenkt und ihre Männer kühn nach den Sternen greifen lassen, wo die Aufgaben in den engeren Bezirken der Heimat sichereren Gewinn versprochen hätten. Wieviele kostbare Opfer die Jtalienzüge der deutschen Kaiser auch gefordert haben und wie tragisch ihre Folgen auch für den inneren Bestand des Reiches gewesen fein mögen, sie haben die Geltung der deutschen Kultur in der Welt vollends begründet und den Blick für fremdes Land und fremde Völker geschärft. Die Kreuzzüge haben der Sehnsucht nach der Ferne, besonders Nach der bunten Fremdheit des europäischen Südens und des Orients, neue Nahrung gegeben, und auch die Handelsfahrten der deutschen Kaufherren über die Alpen, bis nach Flandern, zum fkandinavifchen Norden und bis weit nach Nifchni Nowgorod haben ebenso wie die im Herbst des Mittelalters mit der einfetzenden Blüte der Universitäten aufkommenden Scholarenfahrten der Wanderlust starke Antriebe gegeben. Ader der Blick brauchte gar nicht erst jenseits der Grenzen zu schweifen; das alte Deutsche Reich war unermeßlich genug, seine Landschaft reich und wechselvoll und seine politische Karte schon bald so buntscheckig, daß schönheitsdurstige und unruhvolle Wanderer und Abenteurer auch im Innern ein weites Feld fanden. Das deutsche Mittelalter bot keineswegs, wie es einige übe» holte Geschichtsdarstellungen weisinachen wollten, das Bild eines geniif (amen, ja bequemen Bauern- und Bürgerlebetzs, das sich selbstgeföll, hinter seinen schützenden Pfählen einrichtete, ohne mit der Welt kj draußen in Verbindung zu stehen. Zwischen den Städten und Semei*, den wogte die bunte Fülle der wandernden Heerscharen von Kriegen und Geistlichen, von Gauklern und Sängern, von bildungsbeslisser» Scholaren und streitbaren Rittern. Sie alle waren die Sendboten btJ großen Weltgeschehens und brachten einen Abglanz der Fremde mit af das Schloß, in das Refektorium des Klosters, in das Haus des Bürgin und unter die Dorflinde der kleinen Bauerngemeinde. Als Nachricht!», bringet, als phantasievolle Erzählet, fahrende Sänget und Possenreißr waten sie überall willkommene Gäste; aber die weltlichen und geistlich,, Behörden beobachteten ihr bewegtes Treiben, das nicht selten in tolle, Streichen und Zügellosigkeiten ausartete, mit wachsendem Mißtrau! r Zahllose Warnungen und Verbote wurden gegen die Fahrenden gerichj tef, die man den „Unehrlichen" zuzuzählen begann. Noch bis iri 18. Jahrhundert hinein waren sie und ihre Nachkommen vom Gintrit in die Zünfte ausgeschlossen; sie selber aber wappneten sich gegen biet öffentliche Mißachtung mit einer tüchtigen Portion Gleichgültigkeit I stellten „ihre Sach' auf nichts" und bezeichneten sich selbst als „mel: nach irdischer Begier als gen Himmel lugend". An der Bewegung kräftig«! Lebensbejahung und der Hinlenkung des Menschen auf die Natur url die Freuden des Diesseits, die feit dem 11. Jahrhundert gegen dri asketische Weltanschauung des Mittelalters entstanden, haben sie einet großen Anteil. Und der alte Handwerksbrauch des Gesellenwandem, darf hier nicht vergessen werden; er hat die Sitte des Wanderns geradeuj als ftandesmäßige Verpflichtung bis auf unsere Tage erhalten und letl z. B. noch bei den Zimmergesellen fort, denen wir in ihrer romantische! Tracht auf den Straßen aller deutschen Städte begegnen können. Mit Recht dürfen wir diese Herrscher der Landstraße und Seni- boten der Fremde als die Ahnen unseres Wandervogels anseh«; Wanderlust und Natursreude fanden in ihrer Poesie und in ihre! Liedern einen allerdings häufig recht unbeholfenen und derben 2Iu* druck. Wenn dem Deutschen dieses Erbe schon von seiner geschichtliche: L^rgangenheit her mitgegeben ist, so muß ihm die Wcmdersehnsull doch noch viel tiefer im Blut stecken, denn auch andere Völker tönnei auf eine ähnliche geschichtliche lleberiieferung zurückblicken. Den 2tng.r- hörigen der meisten Nationen erscheint es fremdartig ober gerade;! unverständlich, wenn der Deutsche in feiner freien Zeit, vielleicht uw mittelbar nach den Anstrengungen des Berufes, mit dem Rucksack auf! Land hinauszieht ober gar einsam viele Stunben durch Täler und übst Höhen schweift, anstatt in feinen vier Wänden gemächlich auszuruh« und auf diese Weise neue Kräste für die kommenden Werktage sammeln. So verrät der Südländer — wir brauchen nur an den Jis liener zu denken — für dieses „tätige Verhältnis" zur Natur wem? Sinn. Der Engländer wiederum, der gewiß kein bequemer Mensch i:t und der mit der ihm eigenen Mischung von Gelassenheit und Verbissen heil, die seinen Spleen ausmacht, vor keinen Schwierigkeiten und Gefahren zurückschreckt, hat nicht das rechte Verständnis für das deuW Naturgefühl und für feinen damit eng zusammenhängenden Wandm- brang; ihn dünkt die deutsche Art leicht als romantisch verträumt obs zu gedankenvoll, als ginge ein Volk von Naturphilosophen und Märchen- prinzen auf bie Berge ober an bas Gestalte ber Meere, um bort mit Herz unb Verstaub über bie ewigen Fragen von Gott, Mensch um) Natur nachzugrübeln. Einen Kern Wahrheit wirb jeber in biefer Ansicht entdecken, ber bie Geschichte ber deutschen Jugendbewegung, insbesondere des Wandervogels, mit ihren geistigen Auseinandersetzung! i kennt. Zwischen tätiger Naturerfassung, wie sie nur dem Wandern zuteil wird, und dem beschaulichen Versunkensein in das „geheimnisvoll! Buch" der Natur, wie Goethe es Faust aussprechen läßt, ist den Wandern dem Deutschen eine innere Notwendigkeit, bie roeber mit bem Begriff sportlicher Ertüchtigung noch mit dem des Ausruhens und bei: Erholung gekennzeichnet werden kann. Es ist deshalb kein Zufall, daß wir bas Wanbern im beutfdjen ßiti unb in der deutschen Dichtung in so reichem Maße besungen unb gebeult:: finben. Goethe ruft im „Egmont" aus: „Frisch hinaus, ba wo wir hi® gehören. Ins Felb, wo aus ber Erde dampfend jede nächste WolM der Natur unb burch ben Himmel wehenb alle Segen ber Gestirne um umwittern, wo wir. bem erbgeborenen Riesen gleich, von ber Berührung unserer Mütter kräftiger uns in bie Höhe reißen; wo wir die Menlch- heit ganz und menschliche Begier in allen Adern fühlen:" Und in „Wilhelm Meisters Wanderjahren" heißt es so schön: „Bleibe nicht am Boden haften Frisch gewagt und frisch hinaus! Kopf unb Arm mit heitern Kräften, Ueberall sinb sie zu Haus. Wo wir uns ber Sonne freuen, Sinb wir jebe Sorge los; Daß wir uns in ihr zerstreuen, Darum ist bie Welt so groß!" In ber Volksbichtung war immer vom Wanbern, von Wanberlust unH Adschiebsschmerz, vom kühlen Trunk unb von ben Mäbchen gejungt worben. Der Quell ber Poesie von Vaganten, Scholaren, Hanbwerk-^ burschen unb sahrenben Sängern war nie versiegt; wir hören ihn no® heute in ben Wanderliedern zauberhaft unb unvergänglich fpTubelm mehr in buntlen wehmutsvollen Melodien^ als in überschäumender Lum Wenn auch schon K l o p st o ck unb bie Sänger bes Hains bie Sdjon? heiten ber Natur begeistert gepriesen hatten, so entbeckte boch erst bw Dichtkunst ber Romantik ben ganzen Reiz ber beutschen Lanbschaft uw bie Lust am Wanbern roieber, unb ihre Dichter waren selber Wanderen bie mit offenen Augen unb kräftigen Schritten bie beutschen Gaue burdir streiften unb neben ben eigenen Versen manche kostbare Beute aus dem Lieberschatz bes Volkes mit nach Hause brachten. Unter ihnen aber perbient wohl keiner so sehr ben Ruhmestitel eines Wanderbichters nW Josef von Eichenborff, dessen erste Abteilung seiner gesammelten- Auto ihre Grün ver- des wilden Die Bärin. Eine Geschichte aus Siebenbürgen. Von Otto A l s ch e r - Orsova. Unten, in den Tälern, ist der Buschwald von schwerem schlossen, Hagedorn und Wildapfel verblüht, selbst der Duft Flieders in den Kalkfelsen beginnt zu vergehen, doch die höchsten Gipfel der Süd-Karpathen glitzern noch weiß in den blauen Himmel. Etwas Gedichte bezeichnenderweise die Ueberschrist „Wanderlieder" trägt. Im Wandern erlebte dieser Poet wie schon Goethe den Rhythmus der Weltbewegung nach und er erfüllte die ganze Natur um sich mit den Stimmen der Menschen, Ranzen und Wanderstecken werden im Reiche der Musen heimisch, und mit der Wiederentdeckung der deutschen Vergangenheit springt auch der Quell der landschaftlichen Schönheiten neu und beglückend auf. Wandergeist lebt in den Liedern von Justinus Kerner, von U h l a n d und von Wilhelm Müller. In seinen „Runenblättern" verkündet Friedrich Ludwig Jahn: „Wandern, Zusammenwandern erweckt schlummernde Tugenden, Mitgefühl, Teilnahme, Gemeingeist und Menschenliebe. Steigende Vervollkommnung, Trieb nach Verbesserung gehen daraus hervor und die edle Betriebsamkeit, das auswärts gesehene Gut in die Heimat zu verpflanzen. Die Wanderschaft ist die Bienen- sahrt nach dem Honigtau des Erdenlebens." Seit diesen Tagen sinden wir die Gestalt des Wanderers als Verkörperung deutschen Wesens immer wieder dargestellt, und die Eroberung der deutschen Heimat mit Rucksack und Wanderstab ist weiter vorgeschritten, ohne daß die gewaltigen Neuerungen der Technik, ohne daß Eisenbahn und " Erfolge schmälern konnten. tiefer singen in den sturmverrenkten Buchenwipfeln die Ring-Amfeln. Doch auch hier, auf den Hochwiesen, liegen in den Schluchten der Nordhange noch Schneewehen. Und dreht der Wind einmal jäh nach Nordost herum, wirbelt dichtes Schneegestöber über die kahlen Grate hinweg, in den Wald hinab. Aus den Hochwiesen tönen die tiefen Glocken der Schafherden. Die rumänischen Berghirten, in langen Schaspelzen, die Axt im Arm, begleiten die Herden. Und die großen, weißen, zottigen Hunde fahren oft mit wütendem Gebell in den Wald hinein, wenn ihnen die nahe Witterung des Wolfes entgegenschlägt. Doch der Wolf ist nicht der gefährlichste Feind in diesen Bergen... Grauweiß dringt es aus der Nacht zwischen den Stürmen hervor, füllt den Lichtkreis des Feuers vor dem halbseitigen Dach der Hirtenhütte mit milchiger Helle und sprüht eisiges Naß nieder. So dicht ist der Nebel, daß sich die weihen Wollrücken der Schafe im Pferch kaum aus der Finsternis lösen. Aus den nachtverschlossenen Wipfeln klatschen große Tropfen nieder, Aeste knarren im Sturm, eine Eule ruft und vom Winde zerrissen steigt dünn das Geheul eines Wolfes auf. Dann knurren die Hunde, die fich irgendwo verkrochen haben, einer blafft kurz und ärgerlich auf, doch nach einer Weile ist wieder nur das eintönige Brausen des Sturmes, das Aechzen der Wipfel hörbar. Anfangs hatte sich hin und wieder einer der beiden Hirten erhoben, die brennenden Holzklötze über dem Gluthaufen des Feuers zufammen- S-schoben, eine Weile in die Nacht gelauscht um dann wieder weiierzu- hlafen. Dann aber sank das Feuer immer mehr zusammen, nur selten noch riß der Wind ein blaues Flämmchen hoch und die Finsternis rückte enger über Hütte und Pferch. — Im verschlossenen Grau der Nebelmauer zwischen den Stämmen wuchs ein Schatten. Reglos ragt er auf, gleich dem Stumpf eines verkohlten Stammes, nur schmäler... Und jetzt ist er einige Schritte vorgerückt. Die Nacht ist finster, bis auf einen Stamm, der rötlich glänzt. Der herantreibende Nebel führt den Geruch von Rauch mit sich und von vielen Tieren und Menschen. Der reglose Schatten beginnt sich zu bewegen, wird zum langgestreckten Leib einer Bärin. Gierig zieht sie die Witterung der Schafe ein, schüttelt aber dann mißtrauisch den Kops, denn die Anwesenheit der Hunde, der Menschen stört sie. Zwar nimmt sie wahr, daß sie schlafen, aber sie traut ihnen dennoch nicht. Die Bärin ist hungrig. Zwei Junge in der Hohle zwischen den Felsen zehren an ihr. Lange, lange lauert die Bärin. Sie ist langsam naher geruckt. In Sprungweite vor der Hürde verhasst sie nochmals, sie hat festgestellt, wo die einzelnen Hunde sich verkrochen haben, hat sich von der Arglosigkeit der schlafenden Hirten überzeugt. Da rührt sich plötzlich einer der nahen Hunde, ein Windwirbel hat ihm die Nähe einer unbestimmten Gefahr zugetragen, er knurrt, hört im gleichen Augenblick ein zorniges Schnauben, zwei jähe Sprünge, dann kracht das trockene Reisig der Hürde, und in das heulende Anschlägen der Hunde mischt sich das wütende Gebrumm des Räubers, das Poltern der erschreckt auseinander- fahrenden Schafe. Noch bevor die Hunde die Bärin angreifen können, erf?; int sie wieder, ein Schaf im Fang außerhalb des Pferches, ein Prankenhieb schleudert einen Hund zur Seite, tobend folgt bie Meute der mit mächtigen Sätzen Entfliehenden. Doch einen nächtlichen Kampf im Walde, ohne die Nähe ihrer Herren wagen sie nicht. — Die Hirten sind verzweifelt. Immer wieder kam die Bärin tötete ein, zwei Schafe, schleppte sie davon, ohne Furcht vor den H^chben, trotz der wachenden Hirten. Vergeblich saßen die Hirten die ganze Nach- mit der Axt im Arm beim Feuer, um den Räuber mit brennenden Acsien zu empfangen. Er kam nicht, auch nicht in den regenschweren, finsteren Nächten. Nur bann, wenn sie es am wenigsten vermuteten, gegen Morgen, wenn schon ber Uhu ben Tag verkündet. Els Schafe hatte der Bär schon geraubt, zwei Hunde zu Schanden geschlagen, als die Hirten endlich den Forstwart im Tal verständigten, daß ein Schad-Bär da sei, der abgeschossen werden müsse. Und der Forstwart, der schon manchen Bären erlegt, kam, nachdem er die Erlaubnis zum Abschießen des Bären eingeholt hatte. — Die Bärin kam im langen Trabe aus der Schlucht heraus. Als sie schon den Rauch des Hirtenfeuers witterte, ging ihr Lauf in ein tastendes Schleichen über. Der scharfe Geruch der Schafe, die Witterung der wenigen verängstigten Hunde war wie immer. Auch die Witterung der Hirten drang zu ihr herüber. Aber hier hörte sie etwas. Das waren nicht zwei verschiedene WUterungen, noch eine war dazugekommen, von einem dritten Menschen. Geduckt hinter Büschen und Bäumen, geräuschlos wie ein Schatten^ glitt sie näher. -Dann sicherte und windete sie minutenlang. ... Ja, es war ein Fremder dazugekommen. Mit der Witterung der anderen vermischt, vom Rauch des Feuers durchsetzt, ließ sich der Geruch des einzelnen nicht deutlich erfassen. Und doch mußte sie wissen, ob dieser Feind gefährlicher war, als die anderen. Beunruhigt fchüttelte die Bärin den Kopf. Alle Gier nach der nahen, gewohnten Beute war vergangen, nur Argwohn beherrschte sie, weshalb sich die Feinde wohl vermehrt hatten. Die Bärin hatte sich auf ihre Keulen niedergelassen und saß wartend da, auf irgendeine Veränderung harrend, die ihr Gewißheit bringen könne. Lange geschah nichts. Dann aber fing ihr Gehör ein Räkeln in ber Hütte auf, Zweige würben geknickt, ber Rauch des Feuers wurde dichter, es flammte auf und begann hell zu brennen. Zugleich kam für einen Augenblick deutlicher die Witterung des Fremden herüber. Die Bärin schnaubte zornig. Nun wußte sie, daß der neue Feind nicht so arglos war wie die anderen. Sie hätte sich davonmachen sollen. Aber sie war wütend, daß ihr jemand die nahe Beute verwehren wollte. Den Angriff jedoch, mit dem Feind zwischen sich und der Schafherde, durfte sie nicht wagen. Von einer bestimmten Absicht ersaßt, begann sie einen Bogen um Pferch und Hirtenlager zu schlagen. Kaum kam sie den Hunden unter den Wind, als diese schon mit rasendem Gebell auffuhren und wie eine Mauer, zur Abwehr bereit, vor dem Pferch Aufstellung nahmen. Nur einen Augenblick hielt die Bärin vor den Hunden, dann setzte sie ihren Weg fort, um im weiten Kreis das Hirtenlager wieder unter Wind zu bekommen. Die Hunde kläfften noch immer aufgeregt nach der Richtung hin, wo sie die Bärin gespürt hatten. Einer der Männer hatte sich den Hunden zugesellt und suchte mit den Blicken die Nacht zu durchdringen. Nun kam er wieder zur Hütte zurück und, von der frischen, reinen Nachtluft getragen, fing die Bärin voll die Witterung dieses Mannes auf. Scheu drückte fich die Bärin in die Nacht zurück. Das war die gleiche Witterung, die ihr einst als Jungtier entgegengeschlagen, als sie an einem Spätherbsttag, durch Lärm und Hundegekläff aufgeschreckt, durch den Wald geflüchtet war. Jäh hatte sie einen Menschen vor sich eräugt, blitzschnell warf sie sich in eine Hecke, ein scharfer Knall, ein dumpfer Stoß, und durch einen brennenden Schmerz in ihrer linken Keule war sie fast gelähmt. Lange hatte sie damals mit der Wunde in ihrer Höhle gelegen. Die Bärin beschleunigte ihre Flucht. Bald war der Schein des Feuers, jeder Laut der Hunde hinter ihr versunken. Sie näherte sich nie mehr dem Hirtenlager, sie war vergrämt für immer. Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. IFortfetzung.l Ladewig kam noch einmal nachsehn und sträubte den kurzen Seehundsbart. „Also, wenn ich raten darf: Mal weiter weg! AegyptenI" trompete er. „Den ganzen alten Adam überholen lassenI" „Keine Zeit dazu." „Wenn ich Sie wäre, lieber Herr Professor, nach Ihrer Lebensleistung, ich gestatte mir eine Jacht im Mittelmeer, ein weißes Chateau an der Adria und dazwischen eben Aegypten." „Habe weniger weitläufige Ansprüche, Doktor. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht." „Die Gedanken macht sich immer bloß ber auf der Minusseite. Also denken Sie über Aegypten nach! Die Stimmung scheint nicht rosarot zu sein?" „Ich fühle mich sehr munter, Doktor! Ausgezeichnet!" Er brachte den kleinen, runden Sanitätsrat an die breite Treppe. Er ging flott und ausrecht, stark und stattlich. Brauchte nicht mehr zu kommen, der rauhe, tüchtige Ladewig! Hatte, eine Art, einem unversehens den dicken Zeigefinger gegen den muckernden Zahn zu stoßen, die einen in Harnisch brachte. Louis hatte plötzlich bas Bedürfnis, ein paar Schritte zu laufen. „Klüter!" rief er mit starker Stimme die Treppe hinab, als ber Doktor draußen war. „Meinen Mantel! Möchte ausgehn." „Es ist rauh." „Weiß ich. Dann sagen Sie Finke, er solle sich zu vier fertigmachen! Ich will Fräulein Till vom Büro abholen. Und dann — ja Klüter: Ein paar Theaterkarten heute abend!" fiel ihm ein. Till hatte gestern begehrlich mit den Nasenflügeln geschnuppert: Dieser Schauspieler Soundso sollte wieder sehr hervorragend sein. Konnte man mal machen! Louis war in brillanter, unternehmender Laune, trotz dem Krakeeler Ladewig; hatte Lust, den ritterlichen Onko zu spielen. Er fühlte Gesundheit und federnde Kraft in sich — ein neues Glücksgefühl. Bloß vor romantischen Marmorbänken würde er sich fein Lebtag zu hüten wissen ... Ein Mann von Lebensleistung, wie der Seelöwe Ladewig sagte. Er hatte sich in seinem Leben immer durchgesetzt, war ein Mann von hohen Graden — erfolgreich in jedem Betracht. Gewiß kein Mann der himmelblauen Lebensgläubigkeit — kein eitler Narr! Er hatte schließlich etliche Jahrzehnte Menschenerfahrung ... Er wollte ihr Blumen schicken und einen Gruß. Hatte oft schon daran gedacht ... „Was ist los, Klüter?" fragte er ärgerlich. Unschuld ■ und Ui H UM Es die w! 'uni i-I war Lust I. M ftr in tg S ■;li .wert'..." „Unsinn!" sagte er zornig. „Du warst immer sehr gut zu mir, wie niemals jemand in meinem Leben. Das ist keine Lüge. Jedes Wort, jedes Tun, jede Geste Güte und Verwöhnung. Das war herrlich, das Schönste — zuletzt das Schönste Sehr kostbar für eine Frau. Das werde ich — nie vergessen, liebster Freund Lu.. „Nun?" „Ach, Lu, ich möchte ganz ehrlich und wahrhaftig sein. Das müssen wir doch zueinander sein —- nach allem, was geschehen und schon gesagt ist?" Katarina sah vor sich hin auf ihren fchmalen Fuß. Ganz gewiß war auch in ihm etwas ins noch Hellere gerückt worden Solche äußerlichen Verkühlungen schlagen gern auch nach innen, schaffen Pausen der Einkehr und scharfen die Lebensskepsis, dachte sie, willkürlich abschweifend. Sie hob den schimmernden Blick. „Wie steht es mit dir, Freund Lu? Ich und mein Leben waren dir immer sremd und ein bißchen unheimlich. Ach: .Geliebte' — das willst du, das kann deine grade Natur ja gar nicht. Und das andre? Das kannst und willst du erst recht nicht" „Das ist überspitzte nachträgliche Weisheit, Katarina; weil es dir paßt, weil du es brauchst und willst." „Ich glaube nicht, Lu." „Was willst du mir sagen, Katarina?" Sie senkte den Kopf und streichelte mit den aufgestützten langen Fingern zögernd über die Sesselarme. Verantwortlich: 0r. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerf itäts-'Luch- und Steindruckerei, 2L Lange, ©iefeen. 9 «Sie lächelte dankbar und schmerzlich. „Die Mama Ist leider wenig in Ordnung. Sie hat ihren Herbstkatarrh. Sie muß wahrscheinlich weg. Der Arzt meint: das sonnige, windstille Celerina, das auch Julia anrat. Julia läßt sich herzlich empfehlen. Sie vergleicht dich immer mit ihrem seligen Amandus Hillerbeck Du kennst Celerina?" „Sehr hübsch." „Ob man hier lebt oder dort, es ist nicht teurer. „Du willst deine Mama begleiten?" fragte er nach einer Pause. „Es wird aus materiellen Gründen nötig sein." „Das würde mir leid tun." . „Ich wollte dich vorher noch einmal sehn und sprechen, Lu. Wir haben uns das für jeden Fall vorgenommen. ^Deshalb bin ich hier, Lu. Ich bin noch immer unbeschreiblich traurig..." , Ich dachte hier öfters daran und dachte es eben wieder—", sprach er langsam und herrisch. „Man könnte einen Strich unter alles machen und — gewissermaßen von neuem beginnen. Sie — so dachte ich — könnte ins Haus hier ziehen; könnte hier — herrschen. Es ginge keinen Menschen etwas an. Und kein Mensch würde das geringste zu denken wagen. Man steht nicht umsonst auf einem Lebensgipfel, hat nicht umsonst diese Höhe — durch Leistung — erreicht. So dachte ich noch eben, kurz bevor du kamst. Wir sind reife, freie, uns allein verantwortliche Menschen. So dachte ich." „Als deine Geliebte, Lu?" „Du sollst nicht gebunden sein. Darin liegt in den meisten Fällen der tragische oder lästige Zwiespalt, das Gefährliche und die .Entzauberung', wie du es nennst. Die Tür ist offen; das schafft Freiheit und Vertrauen, weil es ohne Zwang ist. Auch für deinen Beruf ohne jeden Zwang." Es war eine Weile still; nur das feine, zärtlich erregende Knistern von Katarinas Pelz war vernehmbar. Sie legte ihre Tasche weg — eine umständliche Beschäftigung, bei der ihr der weite Pelz hinderlich war. Dann saß sie wieder voll stillen Kummers da und knisterte mit dem weichen Tierfell „Ich fürchte, daß das nicht viel ändern würde", sagte sie bann. „Du bist nicht leichtlebig — bestimmt kein Mann des kürzeren oder längeren Abenteuers. Du würdest auch das sehr ernst und mit unlösbaren Klammem in dein Leben einzuordnen suchen Und ich — ich habe mir niemals etwas aus Liebschaften gemacht. Ich glaube, Lu", Kfie, tragisch lächelnd, „es würde alles so bleiben, wie es war. das willst du doch gar nicht mehr? Ich bin deiner nicht mehr "Ja Ich glaube, ich kann nichts mehr dagegen tun. Pause.-. Endlich "sprach sie, ohne den Blick zu heben, und indem sie die Stimme festigte weiter: „Vielleicht, Lu — ja, vielleich — ist es besser so — bart ich auch das sagen? —, daß wir es gewissermaßen antizipando — ich meine: jeder für sich vorweg — erlebt haben. Ich auch darüber nachgedacht: Das Leben ist schwieriger und viel banaler und in seiner Endwirkung doch genau so wie diese schlagfertigere -Lowoedia Humana, wie Diez es nennen würde", sprach sie weise, mit lächelnden und plotz lick zuckenden Lippen. Und der große Gelehrte horte unbewegten Gesichts zu. , Wann — willst du mit deiner Mutter fahren? „Sobald wir Antwort haben. Ich werde gleich telegraphieren. Ich muß dort unten natürlich sehr fleißig arbeiten. Ich erzahIte bir oon Johnny Scribles? Ich hab' mir s überlegt unb mit Dr Kittel darüber gesprochen. Ich möchte meine großen neuen Tanze erst gier bet. uns herausbringen. Ich muß nock> daran feilen. Das ist immer das Wichtigste """er"Profeffor^atmest iaut. Er bog sich zu 'hr hinüber. „Ich» birt ein schwerer, verwitterter Klotz, kein behender, lugendlicher Apoll, der deiner schwebenden Art und Heiterkeit besonders nahesteht —! „Ach, nicht, Lu!" bat sie. „Auch ich war sehr gut zu dir. Du darfst nickt unaereckt fein!" Die Worte hallten tm Zimmer, „ßteber, lieber Su!" Sie senkte und schloß die ^heih bestürzten Augen. „Verzeih mit, ^Sie^saß ‘nodj^'eine^aBeile bequemer, Knie über Knie. Louis rauchte. Einmal lachten sie kurz; er hatte ihr, auf ihre Frage, von Dagobert und feiner neuen Lebenslage und von Barby Pick, die sie kannte, erzählst Er kramte in Gedanken in feiner Schreibtischlade und fand ein flaches goldenes, mit Brillanten besetztes Döschen aus der Papst-Jnnozenz-Zeit. D^Oh^ danket Luh! Wie reizend es ist! Wie wunderschön! Es soll mich auch an diese Stunde erinnern. Brauchst du etwas —?" Er dachte mit Widerwillen an Selenna und wünschte, ihr zu zeigen, daß sie 'hm,,trotz allem, ">Et sei , das Wort wühlte in ihm. Sie würde ihren Schatten, den verdrehten Dr. Kittel, die behende Ratte, mitnehmen; es wurde sie eine Masse Gelb t0^Sie bankte lächelnd, sehr warm mit Mund und Augen. „Nein, danke dir von Herzen. Immer der alte, gute Lu!" Er wurde furchtbar dose, der alte — gute-- Eine Uhr schlug. Andre Uhren und Uehrchen antworteten. Ein klingendes und mahnendes Konzert. , . ., „Im Winter willst du hier in Berlin tanzen? fragte er feindselig. Sie nickte. „Willst du mich sehen?" „Ich glaube nicht." „Es muß meine beste Leistung werden! Ich bin vollendet ausgeruht, voll drängender, befreiter Kraft. Auch das durch diese Zeit — durch bich. Weißt du: Es ist doch das reinste Gluck, zu formen... Sie bewegte leicht' zärtlich und anmutig die inbrünstig greifenden Hande m der Luft, kaum merklich die Arme, den ganzen Körper. Er sah ihr wortlos zu: ein fremder, schwerer Herr dieser Erde... Und nun erhob sie sich lautlos, wie schon einmal vor einiger Zeit, vor langer Zeit, fo dünkte es sie, und stand herrlich, wie das süße Leben vor ihm. „Ich will nun gehn. Lu. Leb wohl Heber Lu! E n furchtbar schwieriges Erlebnis, wenn ein mächtiger Fixstern und em im Lebensraum tanzender temperamentvoller Komet Zusammenstößen... Du warst sehr gut zu mir. Unauslöschlich gut unb heb. Fern vom Alltag, beine Welt. Unb eine kostbare Besinnung. Ich danke bir von Herzen, Lu — Es ist besser so — besser auch für bich. Seiner kann feiner Welt entrinnen, unb überall geht ber Tanz weiter..." Sie neigte sich stark unb freimütig zu ihm — unb riß sich los. Dann horte er, wie schon einmal, ein Kleib knistern unb rauschen. Spürte eine bezaubernbe Lebenswärme, einen heißen Lebensbuft entschweben. Er brähnte ihr nach, ein unbeholfener Riese, wie er sich fpurte, ber etwas Helles, ungreifbar Halbes verfolgte. Er umfaßte bas Ge- länber. „Nimm meinen Wagen, Katarina! Finke soll dich fahren. Klüter!" Seine rauhe Stimme bebte, wie das Geländer. „Ja, den nehm' ich gern, Lu! Ich gehe durch den Garten. — [ Addio, Lu —I" XXIX. Um die Mittagsstunde muhte Diez nach der Bülowstraße fahren. Sein Nachfolger im Archiv der „Vegumag" konnte sich in einer Sache nickt zurechtfinden. Diez hätte es telephonisch erledigen tonnen Jeden- falls befand sich Diez bald darauf auf dem Korridor der Reklame- QbU,’gräulein Grotemeyer ist beim Chef," sagte Bürodiener Ziepke. Diez schenkte Ziepke keine Zigarette, ließ Ziepke stehn unb ging gebankenvoll burch ben Korriborschlauch weiter. Nichts Neues —-. Machte Karriere, Fräulein Grotemeyer, hegte ben naiven Glauben, bie dicke Raupe Brosie ums Fingerchen wickeln zu können. Aber solche (Tajaren aus Talg litten mitunter an Geistesverwirrung, dachte Diez gemuthd). Da war das Sekretariat neben dem Chefbüro, und plötzlich erschien Till in Lebensgröße in der Tür und prallte auf Herrn Dr. Diez Haffet- brink Sie sah frisch und jung aus, gerötet, wunderbar hübsch, wie er sie kaum noch gesehn zu haben glaubte; sie schien auch großer und stattlicher zu fein, eine köstlich lebendige, weibhast und zornig erregte Im- „Nanu, Diez?" Auch sie starrte ihn an. Dahinter, in dem großen Privatbüro, stand der kleine, rundliche Eugen Brosie, ein rosiger, fetter Gummifchwamm, und starrte edensaus. Dann klappte die Tür unter Tills Händen kräftig zu. (Fortsetzung folgt.) Ml Ä H i:i Ü tji Ml Klüter stand lautlos da, Kopf schräg, ein Bild gedunsener und Verschwiegenheit. „Die gnädige Frau ist dal „Wer?" D^r^Prostsist "drehte sich mit raschem, kräftigem Schwung aina fest und würdig, an die Treppe hinaus. 6 9©tör' ich? Guten Tag! Ich bin gestern öuruckgekommen. -u schlechtes Wetter bei Julia. Immer Sturm und Regem 8 ^ch freue mich Gut zurück? Wollte eben ein Stuck an gehen." Er küßte ihr die Hand und sah sie mit blanken, harten Augen an Willst du nicht ablegen, Katarina?" . , Sie fckritt voraus. „Wie geht es dir? Ich erwartete immer einmal von dir?u hören Lu. Oh, wieder stattlich und frisch? Natürlich!" Sie musterte ihn ernst und aufmerksam und nahm Platz. ^Jch hotte keine Ahnung ich hörte erst gestern davon; Kika hat deinen Gartner Glanzel unb M mll «tobenem Stan wieder besorgt prüfend, in sein männliches, unverändert sympathisches und verläßliches Gesicht. Er war dennoch verändert, frember — durch ein Erlebnis. Sie war selbst verändert durch einen Komplex von Erlebnissen. Er wirkte wie ein versachlichter Freund aus sie, unbestimmt älter für ihr nüchternes Sehen, und war in jeder Sekunde ein unaussprechlich vertrauter Freund, voll lebendigster Erinnerung. (Sie selbst bot in dem hellen Pelz einen mädchenhaften frischen An- blick dar- war von der kalten Luft draußen belebt und gerötet; der heitre Mund blühte, als müsse er unbefangene Dinge sagen, unb die hohen Brauen mit den leichten haarechten Abstrichen an ben Seiten waren noch liebenswerter _ m „ Da war wieder die grimmig beißende Wunde — ber ungeheure Groll unb Schmerz... Louis faß unbewegt. „Du siehst ausgezeichnet aus!