Gießener ZamiiienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1(954 Freitag, den 20. Juli Nummer 55 Was ist die Liebe? Von Detlev von Liltencron. Was ist die Liebe? Jst's ein Heller Stern, der plötzlich leuchtet, den wir nie geschaut? Jst's ein Erinnern, das unnennbar fern uns dünkt und nun in unsre Seele taut, jäh aus der Schale springt und einen Kern uns zeigt, so voller Süße, daß uns graut? Ich bin dir gut. Du bist mir gut. Nichts weiter. Dann klimmen wir hinauf die Himmelsleiter. Liliencrons Werk für unsere Zeit. Zum 25. Todestage des Dichters am 22. Juli. Von Hans Walther. „Er war nicht bloß der kindhafte Spielmann, nicht der Junker llebermut, nicht der liebenswürdige Leichtsinn, für den ihn viele gehalten haben, er war auch der Mann der schweren Stunden, der ein- samen Fragen und Gedanken, und er hat nur deshalb das menschliche Leben in ein launisches Spiel der Natur umgedichtet, weil er den furchtbaren Ernst des Lebens aus innerster Erfahrung begriff, weil er sich befreien wollte von der grausamen Notwendigkeit. Er hat erst als Mann zu dichten begonnen, der vom Schicksale geprüft war... Daher der edelmännische Zauber seiner ganzen Gestalt, dessen sonniger Liebenswürdigkeit niemand wiederstehen konnte, und daher die Zauberkraft des Dichters, der selbst seine trübsten und leidvollsten Angelegenheiten in heller Lust vor uns allen verhandelt hat .. Ich höre noch seine eigenen Worte: ,Der Himmel lächelt seinem Sonntagskinde'." Diese Worte sprach vor nun fünfundzwanzig Jahren Richard Dehmel am Grabe seines Freundes Detlev von Liliencron und um- nß in diesen wenigen Sätzen das freudvolle und leidschwere Leben eines deutschen Dichters, der von den Zeitgenossen teils verkannt, teils bemitleidet, ja, hin und wieder belächelt wurde, weil er ein wirklicher Dichter war. Er wurde am 3. Juni 1844 geboren. In der Schule zeichnete er sich nicht besonders aus. Hauslehrer und Gelehrtenschule gaben ihm nicht viel mit; die Mathematik nannte er „Schleismühle des Kopfes", die ihn furchtbar gequält haben muh; einzig Geschichte hat ihn immer gefesselt. Oie Freizeit benutzte er, „um mit Hund und Gewehr allein durch Heide, Wald und Busch zu streifen". Sein Kinderwunsch, Soldat zu werden, wurde ihm erfüllt; so lernte er in sieben Provinzen und siebzehn Oarnifonen Land und Leute kennen. In den Feldzügen 1866 und 1870 wurde er verwundet und nahm „Wunden und Schulden halber" den Abschied. Die auf eine Amerikareise gefetzten Hoffnungen erfüllten sich nicht, auch als Klavierlehrer konnte er dort sein Leben kaum fristen, heimwehkrank kam er zurück und war anderthalb Jahre Deichhaupt- mann auf der kleinen nordfriesischen Insel Pellworm und dann Hardes- »ogt auf Kellinghusen. Später lebte er in München, nachher in Ottensen und Altona und zuletzt, verheiratet, in Altrahnstedt bei Hamburg, wo er am 22. Juli 1909 starb. Auf Pellworm, dem „einsamen Eiland im Nordmeer", schrieb er sein erstes Buch „Adjutantenritte und andere Gedichte", das den bereits Fünfundvierzigjährigen als eine „Natur" im Sinne Goethes zeigt, als eine trotz aller Vielfältigkeit und Beweglichkeit ungebrochene, in sich ruhende Persönlichkeit von germanischer Kraft. Für sie ist der Kampf nicht nur Notwendigkeit, sondern in gewissem Sinne Bedürfnis, tn ihren Forderungen hat sie manchmal etwas heidnisch Wildes: Hoch weht mein Busch, hell klingt mein Schild Im Wolkenbruch der Feindesklingen. Die malen kein Madonnenbild Und tönen nicht wie Harfensingen. Und in den Staub der letzte Schelm, Der mich vom Sattel wollte stechen. Ich schlug ihm Feuer aus dem Helm Und sah ihn tot zusammenbrechen. Ihr wolltet stören meinen Herd? Ich zeigte euch die Mannessehne. Und lachend trockne ich mein Schwert An meines Rosses schwarzer Mähne. Dem „Raubritter vom lachenden Heute" — so hat ihn der Dichter Schoenaich-Cakolath genannt — war der Krieg zum stärksten Erlebnis geworden im Schlachtenlärm, auf langen Märschen oder an Lagerfeuern unter dem hohen Sternenhimmel. Hier hat er auch eines seiner besten Gedichte „Wer weiß wo?" und viele seiner Balladen sozusagen nacherlebt und später gestaltet. So kam in seine Dichtungen das Männliche, Heroische, das ihn weit über die meisten dichtenden Zeitgenossen hinaushebt. Als Liliencron die ersten Gedichte veröffentlichte, gab es kaum Dichter der norddeutschen Landschaft. Die „Versemacher gehen an den Rhein ober in den Süden, um das Lob dieser schönen Gaue immer wieder zu besingen", sagte er einmal und blieb selbst daheim. Ihm war darum zu tun, den Zauber von Marsch und Moor in neuen Worten zu malen, die trotzigen Gestalten aus der Geschichte seiner Heimat neu erstehen zu lassen. Beides ist ihm gelungen in seinen heimatlichen Gedichten und Balladen. Eine Morgenstimmung schildert er: Die Nacht versinkt in Sumpf und Moor, Ein erster roter Streif. Der Kiebitz schüttelt sich im Rohr Aus Schopf und Pelz den Reis. Den Himmel färbt ein kühles Blau, Der Wind knipst Perlen ab vom Tau. Auf Wiesen wölkt der Nebel, und im Feld Mault mit gekämmtem Schwanz ein feister Schimmel, Der sich frostmüde nach dem Stalle wünscht. Die einsame endlose Weite seiner Heimat zeichnet er anschaulich: Tiefeinsamkeit spannt weit die schönen Flügel, Weit über stille Felder aus ... Es jauchzt der Sturm und peitscht mit seinen Ruten Erlösend meine Haidewelt. Auch als Balladendichter hat Liliencron eine ganz eigene Note. Von Strachwitz und Fontane mag er manches gelernt haben, aber von Jahr zu Jahr wurden seine Balladen immer straffer, eigenwüchsiger. Hier stehe die erste Strophe der wundersam geschlossenen Ballade „Das Schlachtschiff lemeraire": Der Morgenruf will verklingen, keine Nachtwache legt sich aufs Ohr, die Blaujacken summen und fingen beim Putzen von Raum unnd Rohr. Der Morgenruf will verklingen, das Schiff fährt mit schwellenden Schwingen, die Blaujacken summen und fingen beim Putzen von Raum und Rohr. Wie wenig man damals den Dichter verstand, beweist die Tatsache, daß noch im Jahre 1903 eine große angesehene Zeitschrift dieses packende Gedicht als „unsinnig" ablehnte! Sein eigenes Dichterleben schilderte Liliencron in dem kunterbunten Epos „Poggsred" und zwar aus „Erinnerung, Traum, Erlebnis, Phantasie" gemischt. Dehmel sagte, hier habe der „Herr auf Poggfred" (Liliencron) das bunte Leben zu einem „launischen Spiel der Natur umgedichtet". Dieses Buch ist zeitlos und wird noch einmal seine Auferstehung feiern. Liliencrons Dramen beweisen, daß er kein Bühnendichter ist; einzelne, schöne, ergreifende Stellen sind eben Balladen, in gerüstlose Akte und Szenen eingebaut. Auch seine tagebuchartigen Romane sind keine reinen Kunstwerke, wenn sie auch Kapitel voll chronikhafter Wucht enthalten. In den „Kriegsnovellen" allerdings leistet er Meisterliches in Form und Inhalt. Helle und dunkle Bilder wechseln. Biwak, Kleinkrieg, Massen- fturm, Erkundungsritte, letzter Angriff, und aus allem blühen die Mannestugenden Treue und Kameradschaft, Liebe zum Volk und Menschentum. Detlev von Liliencron war nicht nur ein Dichter überschäumenden Lebenswillens, sondern auch ein Künder reckenhafter Kraft, der vieles litt um feines Werkes willen, den feine Zeit nicht ehrte, weil sie ihn nicht erkannte. Nun, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode, wäre es an der Zeit (und im Sinne unserer Zeit), daß er in feinem Werk fröhliche Urständ feierte, ihm zu Dank und uns zu Nutzl sichtige Lust. Es sah so aus, als ob sie ein Riese aus Rache in bk Seqenb geschleudert hätte. Eine wohltuende Ruhe und Stille beherrschte die^ ganze Natur. Kein Lüftchen regte sich. In der Nacht hatten wir Vollmond, der alles mit silbernem Schein überflutete. Das Kreuz des Südens flimmerte über uns. Man kam sich vor wie m einem Märchenland. Ohne Zwischenfall verlief die Nacht. Bor unserem Aufbruch am anderen Morgen wurde ein Träger von einem Skorpion gestochen. Er brüllte vor Schmerzen, blieb aber trotzdem marfchsahig und schleppte sich mit. „ . Die nun folgenden Tage stellten große Anforderungen an alle, da wir uns nach den Wasserstellen richten mußten, die sehr weit voneinander entfernt lagen. Unterwegs stießen 70 mit Speeren, Schildere Schwertern und Vorderladern bewaffnete Wakwafi zu uns, die mich baten, sich an dem Unternehmen beteiligen zu dürfen. Diesen Wunsch erfüllte ich den Leuten gern, zumal sie als Verpflegung eine kleine Viehherde mitgebracht hatten, von der sie täglich einige Stuck schlachteten. Ein recht buntes Kriegsbild bewegte sich von nun an durch die Massai- stcppe Als Spitze sandte ich unter einem Askar, eine Wakwasiabteüung voraus Links und rechts bildeten Wakwafi die Seitendeckung Der Haupttrupp folgte der Spitze in geringem Abftaiid und hmter diesem marschierten unter Unteroffizier d. L. Steinbach, den ich als guten Kenner der Massai mitgenommen hatte, die Träger mit einer kleinen Nachhut. Lautlos schlängelte sich meine Abteilung durch die Steppe, neugierig beäugt von Tausenden von Stücken Wild, die sich hier infolge der Krieqswirren zusammengefunden hatten. Zebras, Gnus, Schwärztetsenantilopcn, Büffel, Ducker (eine Antilopenart) und Wildschweine wurden überall in größeren Herden und Rudeln angetroffen, die uns manchen Braten lieferten. Am vierten Marfchtag trat eine derartige Wasferknapphelt em, daß mir gezwungen waren, täglich 12 bis 14 Stunden zu marschieren, um bann an einem pfuhlähnlichen Wafferloch zu lagern. Infolge der ungeheuren Marschleistungen scheuerten sich bie Trager an ben Lasten bte Schultern wunb. Von brennenbem Durst gequält fielen viele unterwegs um unb muhten später ins Lager getragen werben. W.e besessen stürzten sich die, welche die Anstrengungen gut überstanden hatten, auf Das Wasser und tränten bie trübe Brühe tierisch hinunter. Das beste Wasser fanben wir immer bei ben Kraalen ber Massai, die sämtlich nut ihren großen Viehherden nach Norden abgezogen waren. Ständig kühle mit Tauniederschlägen verbundene Nachte trugen dazu bei, daß sich die ermüdeten Leute bis zum nächsten Tag wieder so erholten, daß der Weitermarsch keine Verzögerung erlitt. Als bie Wasserknappheit immer größer mürbe, mar ich gezwungen, die guten Wakmasi in ihre Heimat zurückzusenben, ba sie mir nicht viel nutzten. Trotz ihrer heroischen Gestalten unb ben äußerst geschmackvollen Ausrüstungen, mären sie alles anbere, wie Helben. Sie hatten vor ben Massai eine berartige Angst, bah sie schon am ganzen Leib zitterten, wenn nur ber Name Massai ausgesprochen würbe. Die Massai befanben sich etwa brei Tagesmärsche vor uns, wie der Sultan Abdallah nach den Viehspuren und Exkrementen seststellte. Wir hatten bis jetzt noch nicht einen einzigen von ihnen gesehen, obwoh wir hin und wieder auf frifche Fußspuren stießen, tue von feindlichen Spähern stammten. , _ Die größte Anstrengung hatten mir am letzten Tag vor unserem Endziel zu bestehen. Nach vierstündigem Marsch befanden mir uns in einem dichten Busch, in dem mir auf der Suche nach einem Durchgang hin-- und herirrten. Und als mir diesen nicht sanden, mußten mir uns schließlich mit ben Buschmessern ben Weg bahnen. Eine ungeheure Arbeit, bie trotz allseitiger Ermübung geleistet werden mußte. Die Sonne brannte wie Feuer auf uns hernieder. Die Zunge wurde trocken und rauh wie ein Reibeisen. Und trotz Durst und Hunger mußte der Busch niedergeschlagen werden. Es war zum Verzweiseln. Heia, los, keuchten die Leute und schlugen blindlings drein. UeberaU blieben Träger und Diener vor Erschöpfung liegen, wimmerten mit heiserer Stimme nach Wasser und mußten nach unserer Ankunft am Songerbesberg, den wir nach ISftünbigem Marsch gegen 20 Uhr erreichten, ins Lager geschleppt mcrben. Dies bauerte bis 24 Uhr. Von ben Massai war nichts zu sehen. 6i- hatten sich verzogen. Wasser war auch nicht sofort zu finden, obwohl der Sultan Abdallah behauptete, daß ein tiefer Wasferschacht am Abhänge des Berges vorhanden fei. Auf diese Behauptung hin, begab ich mich mit Unteroffizier Steinbach und noch einigen brauchbaren Askan ofort auf die Wafferfuche. In jeder Schlucht wurde nachgefucht. Vergeblich. Kein Wasser und 130 durstige Menschen. Die Erschöpfung wurde immer größer. Aber ruhig ergaben sich meine Leute in ihr Schicksal. Der Europäer wird schon sorgen, sagten sie. Und außerdem ist es Befehl Gottes, ob mir sterben sollen ober nicht. Gegen 1 Uhr nachts mürbe der Wasserschacht endlich gefunden. Wie eine Zentnerlast fiel es von mir. Maji, maji, maji, Wasser, Wasser, Wasser, schrien heisere verdorrte Kehlen. War es Wahrheit ober nur ein Traum? War bas Wasser wirklich gefunden? Doch es war Wahrheit. Maji, maji, Wasser, Wasser, rief alles. Wie elektrisierend wirkte biefer Ruf. Mit Mühe wurde die Ordnung aufrecht erhalten. Jeder fühlte jetzt doppelt und dreifach den Durst. Jeder wollte zuerst trinfen. Einer riß dem anderen den gefüllten Eimer vom Munde. Wie wahnsinnig benahmen sich viele. Diesem Zustande wurde durch energische Maßnahmen bald abgeholfen. Mancher Puff wurde ausgeteilt, bis endlich alles geordnet vor sich ging. Das Wasser stand- in dem Schacht so tief, daß 5 Leute in ihn hinabsteigen mußten, um es heraufzureichen. In der Trockenheit fall es nach Abdallahs Angaben so tief stehen, daß 20 Massai nötig sind, um an den Wasserspiegel zu gelangen. Goldsuchende Portugiesin sollen ihn angelegt haben. Sobald der Durst gelöscht war, ließ ich mit Dornen unseren Lagerplatz umgeben und bann legte sich jeber neben seine Last zum Schlafen nieder. Nach Verpflegung frug niemand Infolge der allzugroßen Erschöpfung stellte ich nur eine kleine Wache aus und dann hörte man weiter nichts mehr, als ein fürchterliches Schnarchen, in das sich in nicht allzuweiter Entfernung Löwengebrull Auf Patrouille gegen aufständische Massa, in Deutsch Ost-Afrika. Von Georg Heß (Gießen). Während des Weltkriegs sollte ich zwei Monate lang den Etappenkommandanten der Etappenstrahe Derema—Kondoa—Jrangi vertreten. Es sollte für mich ein Erholungsurlaub fein. Der erste feit zwetzahriger Kriegsteilnahme. In einem aus Lehm und Stroh erbauten Häuschen hatte8 ich mich gerade in Derema häuslich niedergelassen, als die vor mir liegende Urlaubszeit jählings unterbrochen wurde. Trr, trrrr, trr. Heftig klingelte das Telephon. Befehl: „Nach eingetroffenen Nachrichten eingeborener Händler rotten sich bie Massai am tiongerbesberg zusammen, um unsere Magazine zu überfallen und auszuplündern. Sie haben sich sofort m Marsch zu setzen und die Massai auseinander zu treiben." qu Befehl! Der Posten wurde alarmiert. Von den anwesenden Trägern wählte ich hundert kräftige Wanjamwefileute aus und desttmmte 30 Askari, die mich begleiten sollten. Äxte, Spaten, Buschmesser, Wassereimer, Verpflegung und Munition wurden zu Lasten verpackt. In kaum zwei Stunden stand die Abteilung marschfertig ba unb gegen 14 Uhr 11 “ Mzigo 8juu!^Die Lasten auf! Tutututu riefen bie aus Hörnern der Säbeiantilope hergestellten Blasinstrumente der Trager bie tm Takte mit dicken kurzen Keulen auf die Lasten schlugen und dabei kohlten, als ob es zu einem Freudenfeste gehen sollte. Kwa her«, lebt wohl, riefen uns bie Zurückbleibenben nach unb klatschten in bie Hande Durch hügeliges und dichtes Buschgelände führte zunächst unser Weg. Die Sonne brannte unerbittlich auf uns hernieder. Der Schweiß lief uns in Strömen von der Stirne. Alle keuchten vor Anstrengung mernand sprach ein Wort. Das Johlen war den Leuten vergangen. Allmählich tarnen wir aus dem Busche heraus in eine lichte Steppe, die einem großen Parke glich. Mühsam ging ber Marsch vor sich. Erst gegen Abenb schlugen wir in ber Nähe eines Dörfchens unser Lager auf. Einige Dorfschönen brachten uns Holz und Wasser. Es wurde abgekocht. Die Stimmung der Träger hob sich. Sie summten ihre eintönigen ßuber viele lachten und scherzten Die Müdigkeit war vergeßen. Um 21 Uhr begab sich alles auf ein Pfeifensignal hin zur Ruhe, nachdem vorerst noch eine Lagerwache eingeteilt worden war. Die Nacht verlief ruhig. Hin und wieder horte man bas Lachen einiger Hyänen, bie sich in ber Nähe herumtrieben. Aber fonst traten irgenbroeldje Ereignisse nicht ein. Der nächste Morgen rief uns schon um 4 Uhr aus bem Schlaf. In aller Eile wurde ein kärgliches Frühstück eingenommen und dann wurde der Marsch fortgesetzt. Ein prachtvoller Sternenhimmel stand über uns. ] Nachtvögel lockten im Busch unb Grillen zirpten ohrenbetäubend Gegen 6 Uhr sprang die Sonne über den Horizont und färbte den ganzen Himmel im Osten blutigrot. Ein Bild von überwältigender Schönheit. Mit ihr kam die Hitze wieder und erschwerte den Vormarsch. Lichter Busch Steppe und angebautes Land wechselten miteinander ab, bis wir gegen Mittag zum Sultan Abdallah tarnen, der nur noch ein Auge hatte und dem die in seinem Sultanat umherziehenden Massai unterstanden. Die Massai sind ein Nomadenvolk. Sie tarnen nach Werter vor undeutlichen Zeiten in drei mächtigen Heerhaufen, die sich in großen Zeit- räumen folgten, vom weiten Norden, von 2lbe|finien fyer m bie 9Jtci]|ai- fteppe, wo sie für ihre Viehherden vorzügliche Futtergräser vorsanden. Als erster Trupp wanderten die Wandorobo ein. Diese wurden aber durch Viehseuchen und Kriege so sehr geschwächt, daß es dem zweiten Trupp, den Wakwafi, ein leichtes war, sie zu verdrängen. Em Teil der Wandorobo wurde von feinen Bedrängern als Stammesgcnoffen aufgenommen, ein anderer fand Zuflucht bei ben umwohnenben Ackerbauern. Der Rest zog sich in bie Wälber unb Büsche der Steppe zuruck, wo er heute noch durch Jagd ein dürftiges Leben fuhrt. Die Wakwafi teilten bald das Schicksal ber Wanborobo. Rinberpest unb Kriege brachten Armut über sie. Unb zu allem Unglück wanberte gerabe in biefer Zeit der brüte Trupp, bie Majfai, ein. Lange Zeit lebten sie mit diesen in gutem Einvernehmen zusammen. Als sie dann aber eines Tages ben Gehorsam verweigerten unb sich einen eigenen Sultan wählten, begannen zwischen ben beiden Brudervölkern die Kriege, in denen bte Wakwafi unterlagen. Einzelne von ihnen blieben bei ben Massai, em größerer Teil bagegen würbe ansässig ober ging in anberen Stammen auf. Zu biefen letzteren gehörten auch bie Vorfahren Abballahs. Abdallah empfing uns sehr sreunblich unb war sofort bereit, mit uns zu ziehen. Er brachte uns einige Kürbisflaschen mit Milch, bte ganz fürchterlich schmeckte. Mir persönlich schenkte er noch einen jungen Hahn, ber nicht viel Fleisch an sich hatte. Außerbem stellte er uns noch zwei roegtunbige Wandorobo zur Verfügung, bie unser Marschziel genau kannten. Es waren kleine schmächtige, aber sehnige Leute, die mit einem Bogen nebst Kocher unb vergifteten Pfeilen, sowie mit einem unansehnlichen Speere ausgerüstet waren. Unter Führung ber beiden Wandorobo wurde nach kurzer Rast aufgebrochen. Da wir keine Wegekarten befaßen, waren wir somit vollkommen auf sie angewiesen. Ich lieh sie daher in meiner nächsten Nähe marschieren, um sie mit Hilfe des Sultans stets ausfragen zu können. Wir kamen vorerst durch eine unbewohnte wafferreiche Steppe hindurch, bie stellenweise mit mannshohem Elefantengras bewachsen war, bis wir gegen Abenb die eigentlich Steppe erreichten. An einer spärlichen Wasserstelle wurde hier das Lager ausgeschlagen. Wachen unb Posten wurden ausgestellt, kleinere Erkundungspatrouillen wurden in bie nähere Umgebung entjanbt unb bann würbe inmitten eines fast undurchsichtigen Bufchbeftandes abgekocht. Soweit bas Auge reichte, sah man in eine endlose Steppe hinein, bie hin und wieder von größeren und kleineren Buschflächen durchbrochen war. Ein geradezu märchenhafter Sonnenuntergang entschädigte mich für die überstandenen Anstrengungen. Träumerisch aussehende Afsenbrotbäume lugten hie unb ba aus bem Busche hervor, kahle, dunkelbraune Bergfelsen erhoben vereinzelt ihr Haupt in bie klare, durch- Inhalten. Die Leute gaben uns soviel Milch als wir haben wollten. Daß 'üervon genügend Gebrauch gemacht wurde, ist selbstverständlich. Als Ich von ihnen fortzog, gab ich dem Dorfältesten als Entgelt für seine Gastfreiheit einige Silberrupien, die er mit Dank annahm. Der Rück- 'irarsch ging langsam vor, weil viele Träger krank waren und getragen c erben mußten. Unterwegs schlug ein Askari eine große Speischlange bt, die im Schatten eines Afsenbrotbaumes der Ruhe sröhnte. Nach fast vier Wochen kamen wir glücklich in Derema an, wo wir iereits als vermißt galten. Ich selbst blieb noch drei Tage hier, um tonn nach Tabora abzureisen, wo ich zum Stab des Generals Wahle bmmandiert war. i.'hmungen erzählten, daß ihre Stammesbrüder ins englische Gebiet i-zogen seien, um sich dort mit den Massai der englischen Kolonie zu ureinigen. Ein Verfolgen des Feindes hielt ich nach diesen Feststellun- pn, die mir von den zurückkehrenden Patrouillen bestätigt wurden, für ^ecklos. Ich beschloß daher den Rückmarsch anzutreten, zumal auch insere Verpflegung an Zerealien zur Neige ging. Wiederum hatten wir ärchtbar unter Wassermangel zu leiden, der einmal so schlimm war, irß meine Leute die Rinden der Buschsträucher abrissen und kauten, iurch prachtvolle Viehweiden marschierten wir. Wildherden wurden iift überall angetroffen. Man kam sich vor, als ob man durch einen roßen Wild-Park ginge. Am letzten Marschtage kamen wir zu den Wakwafi, die uns herzlich Ausnahmen. Ich legte hier zwei Ruhetage ein und hatte dadurch Ge- 1 genfjeit, manche Sitten und Gebräuche dieser Menschen kennenzulernen. !ie Männer besorgten nur das Weiden des Viehs; während die Weiber ! e Kühe molken und den Kraal reinigten. Der Kraal war kreisrund lind mit dornigen Astverhauen umgeben. Die Hütten im Kraal waren Mit Hilfe von Kuhexkrementen erbaut. Als Speise diente in der Haupt- che Milch, die aus großen Kürbisflaschen getrunken wurde. Die Milch- Jiaschen wurden mit dem Kuhurin gereinigt und dann über Rauch hrmonifd) mischte. Steinbach und ich schliefen in dieser Nacht richt, yir hielten Wache bis der Morgen graute und holten dann das Ver- I umte nach. Der nächste Tag war ein Trauertag. Viele klagten über Durchfall und enige schrien laut über Schmerzen im Leib. Sie hatten in der Nacht i>hen Reis gegessen, der nun aufquoll und fürchterliche Qualen ver- i sachte. Im Laufe des Vormittags starben drei Leute. Gegen Abend tieberuni zwei. Wir haben sie am Bergabhang beerdigt. Die Stimmung hinter den Trägern war hierdurch sehr gedrückt. Sie wurde erst wieder : I; |>jfer, als ich von einem kleinen Jagdausflug zurückkehrte und zwei | slmantilopen mitbrachte. Bom Longerdes aus sandte ich Patrouillen nach allen Richtungen ab. 1 Herbei wurden zwei feindliche Späher ergriffen, die nach langen Ver- Tier-Tragödie. Von C. M. E ck m a i r. Copyright by I. I. A., Wien. Der Zoologieprofeffor Peter Würmer durchmaß mit dröhnenden Schritten das Klaffenzimmer, in dem die Schüler mit schlotternden Knien md hängenden Köpfen faßen. Eine dunkle Unmutswolke lagerte auf der Mirn des gefürchteten Ordinarius und die Klaffe wußte, daß ein Donnerwetter unmittelbar bevorftand. Sie kannten alle nur zu gut diese drohen- len Zeichen. . . . n. ... s. Kein Laut fiel. Nicht einmal der blonde Hemz, der Liebling des 8-rofeffors, getraute sich, wie es sonst seine Art war, laut zu schneuzen. Irgend etwas Besonderes lag in der Lust und die Schuler srchlten iistinktiv, daß einer von ihnen wieder einmal etwas angeftellt hatte. L ber diesmal war es wohl etwas ganz Besonderes. Endlich °hörte der erregte Rundgang auf, Professor Peter Würmer idte sich kerzengerade vor die erste Bank und sagte mit umschleierier klimme: Franz König, stehen Sie aufl" . In ber letzten Bank fuhr ein bicker Wufchelkopf m die Hohe und stellte sch neben die Bank. Die Augen des Jungen waren furchtsam und fiebrig. „Warum haben Sie gestern in Ihrem Garten nach den Sperlmgen -sschofsen? Leugnen Sie nicht, ich habe es mit meinen eigenen Augen -Zehen. Sie hatten ein Flaubertgewehr und schossen damit nach den Ü-ögetn. Aber Sie waren grausam, Primaner Franz König, denn- i eiten nur nach den Weibchen. Warum? Sie wollen es nicht lagen? ifcer weih es, denn ich sah es an Ihren gräßlich lachenden 21 g , »ar etwas grausam Schadenfrohes, das ich tn Ihren Augen f h, ' n tödlich getroffener Vogel niederfiel ins Gras Sie empfanden eine iöllifche Freude, weil Sie hörten, wie die Männchen, die erschreckge- hohen waren, ängstlich kreischten und schrien. Sie waren sehr g ! - franj König!" ^Schwdgen? S^e, junger Mann, und hören Sie zu, was ich Ihnen imd den anderen jetzt sagen werde. ■ •" . .. Gespannt folgten die Blicke der Klasse dem Profefsor ber mit fast andächtigen Schritten zum Schaukasten ging und mit einer ungeme l-irtlidjen Geste ein ausgestopftes SHispaar heraushob em Männchen imb ein Weibchen. Geheimnisvolles Schweigen lag über langen tippen, als der Professor, der an (einen Platz zuruckgekehrt wA, begann. „Vor zwei Jahren war ich auf Sommerfrische m eurem klemen Dors ii Oberösterreich. Die Frau meines Wirtes machte mich da eines Tag aufmertfam, daß die große, graue Hauskatze mit dauernden Saj funkelnden Augen beständig um die Scheune ichl'ch- . . h . .Sie spürt einen Iltis!' sagte die Frau leichthm, ,ber mir jeben Tag k ier aus ben Hühnerneftern stiehlt... ___„ (dnnüpr« Inzwischen war es Abend geworden. Ich kam eben v fröblick png nach Hause, als mir meine Wirtin entgegentrat und fast froh ch iugle: ,Sie hat ihn schon!' Men?' fragte ich überrascht. ,Na, die Katze hat den Iltis schon erwürgt', erwiderte die Frau. Im Hose sah die Katze und hütete ein schönes, grohes Jltismännchen. Sie lieh mit keinem Blick davon ab und verteidigte pfauchend ihre Beute, als wir uns näherten. Da liehen wir ihr das Tier, das sie ja, wie wir jähen, nicht fressen, sondern nur besitzen wollte, einstweilen und gingen weg... Gegen Mitternacht erschrak ich plötzlich vom Schlafe, auf. Langgezogenes Wehklagen scholl herzzerreißend vom Hofe herauf in meine Kammer. Es klang manchmal wie Kinderweinen und schrie dann auf wie das Klagen eines Menschen, der große Schmerzen leibet. Ich habe einmal eine junge Frau am Grabe ihres Mannes so schreien gehört. Es war ein untröstliches Wimmern unb markerschlltternbes Jammern. Jnbessen waren alle im Hause wach geworben. Wir trafen uns in ber Stube unb rieten hin unb her. Die Frauen begannen zu schluchzen und uns Männer fröstelte. Da bewaffnete ich mich mit meinem Revolver, der Wirt mit einem Prügel und einer grellen Blendlaterne und so fchritten wir in den Hof hinaus. Plötzlich prallten wir zurück. Im Lichtkegel der Laterne saß vor dem Kadaver des Iltis ein großes Jltisweibchen und schrie in zuckendem Schmerz. Es saß aufrecht bei der Leiche des Männchens und floh bei unserem Näherkommen nicht. Es starrte nur immer auf den blutigen, kleinen Körper unb stieß gräßliche Schreie aus. Der Wirt wollte mit dem Prügel hinfchlagen, boch ich hielt ihn zurück. Denn in diesem Augenblick geschah etwas Sonderbares, Ergreifendes. Das Weibchen, das bisher still gesessen hatte, biß sich plötzlich mit kräftigem Ruck in den Unterleib und riß sich eine große Wunde auf, daß die Gedärme nur so herausquollen. Dann fiel es stöhnend vornüber. Wir standen erstarrt. Ich nahm meinen Revolver und schoß einmal in ben Kopf des sterbenden Tieres. Dann lag.es still und friedlich neben feinem toten Männchen. Stumm sahen wir uns an. Hinter uns waren die Frauen leise herangeschlichen und hatten feuchte Augen ... Ich nahm die beiden toten Tierchen und ließ sie präparieren; hier sind sie..." Der Professor schwieg. Ein befreites Aufatmen ging durch die Klasse, nur hinten in der letzten Bank hatte der Primaner Franz König seinen Kops auf beide Arme gelegt und heulte... Kaiarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Verlin. IFortfetzung.l Der hielt die Pfeife schräg im Mund unb besah sich bas. .Hör mal —!" sprach er bann. „Da staunste?" „Das ist gut, Dag." „Und ob es gut ist! Ein paar Striche — siehst du, Diezemann? Gesund, diese ruhige Ueberlegenheit! Das macht heiter und weise, ein» sallsreich und läßt einen alles Menschliche furchtbar komisch finden... Wunderbare Möbel und Interieurs das! Entzückend auch in ber hin- gefpielten Farbtönung, wie? Sieh mal das ba aus Schloß Drottningholm am Mälarfee! Kleiner Tagesausflug... Wichtiger als alle menschlichen Eeblähtheiten!" Diez überhörte bas. Er hatte selbst hinter Seestoro in einer golb- roarmen Sonnenuntergangsstunde fast ein Gelübde getan — einen ab- tlingenben Katarina-Zauber im Anblick ber friedlichen, abendmilden Bees- toroer Sonnenscheibe erlebt, der ihn aus der Höhe kühl-sachlicher Weltüberlegenheit, wie es schien, sacht unb unwiderruflich Herabgeholt hatte. „Ein Urinstinkt, Diez!" fuhr ber gesprächige Dagobert fort. „Siehst bu: Das will ausgetragen fein! Dabei ist bie beste Manier ein herzhaftes Zufassen und Jns-Wasser-Springen. Tischler, meinst du? Ein neuer, praktifcher Schinkel..." „Na, warte noch ein bißchen! Aha, hier steht 'Barby,, in eine Truhe geschnitzt, und daneben am Rand, ziemlich ähnlich, trotz der aufgestülpten' Katarina-Nase, Barbys Profil..." „Steht da? Kleiner Scherz... Bin meist in guter Laune, Diez. Lustig, was?" Er streckte gemütlich die langen Beine von sich. „Wie geht es Till?" , Ich sehe sie selten in ber .Vegumag'. Sie steckt roieber viel bei Eugen Brosse, trägt festfrohe feibne Strümpfe, keine eingebeulten Hüte unb Flatterschlipse mehr, zieht sich bezaubernb ■an, spricht lächelnb ... Alles für Brosse!" „So, so, so!" sagte Dago in Barby Picks Tonfall. „Werbe sie mir bald mal ansehn und ihr aufs Zähnchen fühlen. Schließlich muß man ein bißchen aufpaffen. Onko ist beschäftigt." „Du trafst ihn draußen, wie?" „Geht in Ordnung. Er ist zur letzten Sammlung und Bußubung in Gastein, wie ich von Lina Klüter hörte. Katarina ist hier. Leidest du noch sehr, mein Süßer? Siehst du — ich kann mit klarer Erkenntnis behaupten- Ich bin an Katarinas starkem Lebensglanz gescheitert, habe mich an ihm übernommen unb verblutet — bildlich gesprochen, Diez. Das Leben hat immer neue und besondere Methoden, einem ein Elektrizitätswerk anzuknipsen. Gesegnet sei--Sagtest du was?" Da zirpte das Telephon. Dagobert, der ihm zunächst saß, griff eifrig nach dem Hörer. „Aha — du bist es, kleine Till? Ja, ich bin ein bißchen zurück. Sprachen eben liebevoll von dir; besonders Diez ist ein boshafter Lümmel. Wo weilest bu’ Aha, bei Picks —!" Dagobert würbe sogleich von einer angenehmen Wärme ergriffen; benn es gab ba unten in Berlin O über dem väterlichen Schuppen und über der Beizkammer im Hof zwei kleine niedrige, abends sehr hell erleuchtete Buden, riesig gemütlich. „Wie geht es Barby? Ist — gerade — da? Ja —? Das ist famos!... Sind Sie es, Barby? Das ist reizend! Wie geht es Ihnen, Barby?" „Glänzend, Dagobert! Und Ihnen?" , .. Er lächelte; er wiegte das Köpfchen, vergaß die Wett, sprach weich und fröhlich, benahm sich wie ein durchsichtiger Tischlergeselle und bekam rote Obren. „Ja, ich komme furchtbar gern ein bißchen. Ganz famos, Barby! — Diez? Ja, er ist auch hier. Ich weiß nicht... Ob du rntt- kommen willst?" fragte Dagobert rauh. „Barby — ? Smd Sie noch da?... Oh, famos! Hören Sie, Barby: Er wird so gnädig fern. Natürlich kommt er mit. Also: aus ein Stündchen! Freu' mich riesig, Barby! Freu' mich... Wiedersehn, Barby! Wieder--" .Dagobert —I" mahnte Diez sanft. Was willst du denn? Ekelhafter Kerl! Zwei so nette deutsche Mädchen— frisch und gesund ... Auch Till — du Nashorn!" „Eben, eben." m ., . „Wir fahren gleich los, mein guter Diezemann. Mach dich nett unö sauber wie sich's gehört! Reinen Kragen um und anständigen Schlips unters' Kinn, mein lieber Junge!" Dagobert ging in feine Kammer, rumorte und fang. Eine entsetzliche Stimme. XIV. Zuweilen trat Katarina am Tulpenweg ein. Drüben im Haus wurde gehämmert und tapeziert; Maurer gingen, langsam wiegenden Schritts, mit einer Molle Kalk ober Steinen zwischen Hofwinkel und Haus, indes Lina Klüter behaglich Schoten pellte. , Hier wurde Ernst gemacht mit der Zukunft! erkannte Katarina und wurde selbst ernst, als rückten ihr die Dinge mit einemmal beängstigend nahe auf den Leib. Ach, kuckt nicht so frech, ihr dummen Männer! dachte Katarina gereizt. Ihr, mit euerm bißchen Hämmern und KalkschmiereM Ich habe mehr und leidenschaftlicher gearbeitet — nie zufrieden! Ich würde es rasend gern weitertun, wißt ihr... Danach schlenderte Katarina allein durch den Garten. Hier war sie sicher und glücklich, hier fiel fast alles von ihr ab, wuchs das Leben hell und blank in die Zukunft. Sie ging in das Gewächshaus hinab, wo Glänzels faltiger Hosenboden traurige Gesichter schnitt. Ziska Glanzel trat schüchtern und beglückt auf sie zu und brachte ihr Blumen, als habe sie gewartet. Ach, in der brannte auch etwas, das nie zur Ruhe kommen wollte: ein Hunger — ein sehr simpler, wilder Heißhunger vermutlich ... Daheim räumte Katarina in Schränken und Schüben aus; man mutzte etwas tun — wenn man nicht plötzlich mit fanatischer Lust und heißem Willen im verschwiegnen Studio übte. Sie räumte auch in ihrem Schreibtisch und in der großen Briefschatulle auf; Himmel — was lag da alles! „Ins Feuer damit! Ich werde todkrank, wenn ich in alten .Schätzen' krame. Staub, Staub, Moder." Doch da waren Lus kurze, humorvolle Briefe; die wurden sorglich geordnet. Sie streckte die Beine aus und steckte sich genußsüchtig eine Zigarettss an. Sie sprach in Gedanken auch zu den Briefen auf ihrem Schoß: „Natürlich vermisse ich dich, Lu! Ich war immer eine Frau von Fleisch und Blut. Immer sehr ordentlich. Aber bestimmt keine Sägemehl- puppe. Du solltest hier fein, Lu! Ober ich bei bir! Wenn bu zu jeher Stunbe erreichbar unb zur Verfügung bist — das überzeugt. Deine Abwesenheit macht manchmal — haargenau gesagt —: ein bißchen problematisch ober schwieriger, was man sich leichter gebucht unb gewiß auch leicht unb beglüdenb erlebt hat. Da ist zum Beispiel bas mit Manfred Spille und feinen großen Plänen. Du wirft bas verstehn? Man sitzt hier, läuft herum, tut taufenb Dinge unb buch nichts. Ein Mann, ben man liebhat, nicht wahr, mutz wirklich fein, muß bafein!" Sie spielte mit ben Briesen, häufelte sie neu, mischte sie mieber willkürlich burdjeinanber unb buchte für sich, uls gehe bas mehr sie an als Lu: Ohne Zweifel, ber Gebanke einer unwiberruflidjen Trennung bis zur Hochzeit war von ihr ausgegangen, Lu hatte ihm zugestimmt. Es war von beiben Seiten aus hochnoblem Grund geschehen. Aber es war auch [o etwas wie — ehrlich, Katarina, ganz ehrlich, mein süßes Kinb! —so etwas wie ein geheimes Verlangen nach Freiheit barin gewesen: nach einer — wie sag' ich's ganz richtig? — vielleicht noch aufschiebenden Flucht aus allem biefen Neuen, Ungewohnten, bas eigne Leben Be- zwingenben unb Aufschluckenben ... Ein Fluchtwunsch, wie —? Eine Flucht... Ein bißchen schwierig bas. Es blieb besser im Dämmerschein der chaotischen Gefühle. XV. Cs gibt besonders scharfsinnige Leute, die dem Zufall in einem höheren Sinn bas Daseinsrecht verbieten. „Es gibt", sagen sie streng, „bloß eine pfiffige Komöbie ober listige Tragöbie bes heimlichen Bewußtseins. .Zufall' — alles äußere Geschehen unb Erleben ist bloß Mittel ober Vorwanb zur Erreichung geheimer Wünsche ober zur Flucht vor etwas Unerwünschtem!" sagen bie gescheiten Tiefenforscher im Schein ihrer Grubenlampe, womit sie bem harmlosen unb alltäglichen Zufall als Gelegenheitsmacher, wie einem schlauen Sdjwinbel, bas Genick abdrehen Katarina war kein weises unb gelehrtes Huhn. Sie war eine sehr menschliche Frau, bie bloß aus eigne Faust mal aus ber bunklen Brunnenstube bes Geschehens Ahnungen unb Vermutungen fischte: Es ist alles Bestimmung... Eines Morgens kam Katarina ziemlich spät zum Vorschein. Sie hatte wieber in ihren Sachen gekramt. Sie war streitsüchtig, was sonst nicht ihre Art war. Das muß sofort geänbert werben! brütete sie über ihrer heißen Tasse. Es gab keinen befonberen Grunb zu schlimmer Laune. Katarina löffelte mit Erquickung eine Apfelsine unb schielte auf bie Briese hinüber Die Mama hatte bie Post schon georbnet; bas war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Es lagen zwei sauber geschichtete Häufchen ba, also auch Privatbriefe Die nahm Katarina gern unb neugierig in bie Hand: Briefe von Verehrern unb Verehrerinnen, bie beinahe Liebesbriefe waren. Da schien auch ein neuer, bitter Brief von Kittel zu liegen, wahrscheinlich voll gebrückter unb bebilberter Nachrichten aus ber Welt bes Tanzes, bie sie entzünben sollten; Kittel interessierte jetzt nicht. Auf diesem zweiten Päckchen lag ein langer, schmaler Brief in starkem blauem Umschlag, mit schwarzem Reliefaufdruck oben links in ber Ecke; ein Hotelumschlag, wie es schien. Die Abresse zeigte eine elegante, feste Herrenschrift. „Von wem ist der Brief?" fragte ine Mama. „Weiß nicht." „Aus Hamburg, Atlantic-Hotel, las ich — darunter handschriftlich eine Zimmernummer, sonst nichts. Amerikanisch, wie?" Fragen, die Katarina grundsätzlich überhörte. Sie sah hinüber. Aber ihr Blick war langsam erwacht. Sie mußte aus unerfindlichem Grund zwischen zwei Atemzügen an jemand denken. Konnte es das wirklich geben? Sie glaubte es nicht, wehrte sich dagegen. Aber die Tatsache da drüben war nicht völlig von der Hand zu weisen. Mein Gott! dachte sie und trank gemächlich und genießerisch weiter. Das ging doch jetzt nicht? „Willst du die Post nicht ansehen, mein Kind?" „Das hat doch Zeit, liebe Mama!" antwortete Katarina ungeduldig. Sie saß gelangweilt da, tippte die Krümchen auf. Du liebe Zeit! dachte sie wieder, ohne es zu wissen. Die Mama wurde böse. Katarina rührte das nicht. Da stand die Mama auf. „Erika wird abräumen. Es ist recht spät, mein Kind!" sagte sie tadelnd und rauschte ungnädig ab. 0 schön! O gut! Klapp —I machte die Tür, und Katarina schenkte sich noch einmal ein, schielte nach dem Brief unb trank gemütlich — sehr süß unb bitt bas Letzte. „Ach, hab bich nicht so —I" sagte sie berb unb belustigt. Dann griff sie nach bem langen Brief hinüber. Dann schnitt sie ben Umschlag mit bem bereitliegenben Eisenbeinstäbchen auf. Es war bloß ein kurzer Brief mit gut aussehenbem breitem Raub. Ihr Blick ging langsam nach unten. „Peter Geyck", ftanb am Schluß. Nun also! dachte sie mit einem sanften Schrecken, und das nächtliche Gespräch mit Julia vor ein paar Wochen, das mit Tante Bigge-Mäncke in Park-Avenue begann unb mit „Lord" Peter unb Wil Möncke gcenbet hatte, fiel ihr ein. Julia hatte es „Hellseherei im Morgengrauen" genannt. Der „unsterbliche (Beliebte", wie Julia gespottet hatte. Nun war er also beinah hier? Eine schöne Geschichte! Sie lehnte sich bequem zurück unb las, neugierig lächelnb unb gefaßt. „Liebe gnäbige Frau! Ich kam gestern abenb in Hamburg an. Ich hörte schon auf bem Schiff von begeisterten ßanbsleuten Ihren Namen; bas schien mir ein gutes Zeichen. Ich fanb ihn eben im Adretz- buch. Wie geht es Ihnen? Ich hoffe, morgen ober übermorgen in Berlin zu fein, um von bort aus meine Neuruppiner Bermanbten zu besuchen. Aber ich hoffte auch, Sie wieberzusehn. Ich wäre glücklich, wenn ich Sie nach so langer Zeit wieberfehn bürste. Ich werbe es (ebenfalls wagen, aus meinem Berliner Hotel anzurusen, unb verbleibe in ungewanbelter Verehrung ber Ihre —" Sehr viel „Ich" in bem Brief. Sehr viel Peter. Nun, das mar nicht neu — trotz der „ungewanbelten Verehrung". Sie las ben Brief, bequem zurückgelehnt, noch einmal. Es war immerhin anhänglich von Peter. Schon zehn Jahre her? Eine Ewigkeit. Eine lächerliche, verbrehte Sache bamals... Er hatte auf bem Schiff von ihr gehört? Sie las bie Stelle bebächtig ein briftes Mal. Gute Leute. Ob er inzwischen Witwer geworben ober geschieben war? „Lorb Peter", wie sie ihn in ber Park-Avenue am East River, Neuyork, genannt hatten; Wil Möncke, Julias störrischer, frecher Vetter aus Rostock, hatte ihn so getauft. Wahrscheinlich hatte er feine Frau unb feine Kinber bei sich? Sie schätzte: vier Kinder... Er muhte jetzt gut über Mitte Vierzig sein, sechs-, sieben-, achtund- vierzig; wahrscheinlich gealtert, fett, grau unb gebeugt. Er war bamals schon ein bekannter Architekt gewesen, an einer großen Firma beteiligt; war mit einer reichen, sehr jungen unb hübschen kalifornischen Dame aus mächtiger Familie verheiratet gewesen, einem launischen, zarten Geschöpf — bamals in Palm Beach in einem Sanatorium; hoch- gewadjfener, breitschultriger Mann mit ausfallenb Hellen Augen, prachtvolle Erscheinung, großartig, ein „Lorb"; im (Brunbe gutmütig unb sentimental. Er hätte sie bloß anzutippen brauchen, unb sie wäre hilflos gewesen unb rafenb geworben, zu jeber Preisgabe bereit, wie niemals vorher ober nachher... „Unsterblicher Geliebter", wie Julia gelästert hatte? Das gab es zur Zeit ber Kreuzzüge... Gr hatte nicht ben Mut unb bie Härte gehabt, sich von ber reizbaren, hübschen unb — reichen Frisko- Dame aus „einflußreicher Familie" loszureißen; unb auch nicht bie Courage zu rücksichtsloser Leidenschaft. Sie waren einanbcr krank unb sinnlos in bie Arme gestürzt, Arm in Arm, Hanb in Hanb gekrampft gegangen unb anbres mehr: rafenbe, unersättliche Küsse.. Julia, bie bem „Lorb" nicht grün war, hatte wie ein böser Wachhunb aufgepatzt, unb Wil Möncke hatte biskret gefeixt. Aus... Sie hatte ihm durch einen riefelnben Strom von Heuttagen nachgesehen, fprubelnb in Wut unb schauerlicher Qual; unb Julia Möncke hatte strenge unb erbauliche Reben gehalten. Na, schön! Aus biefen kinblichen Tornabobezirken war man feit etlicher Zeit heraus. Eine reifere Jugenbliebe mit bickem Staub ... Sie schlug mit ber Hanb flach unb fest auf ben Bries, ber auf ihrem Knie lag. „Cs wirb ein angegrauter Herr in Erscheinung treten: leberund gallensteinleidend!" Da kam die Mama zurück. Katarina packte klatschend alles zusammen: Briefe, Drucksachen unb Zeitungen. „Sita! Abräumen!" „Von wem ist ber Brief aus Hamburg?" fragte bie Mama unb blickte auf ben achtlos zerknitterten Brief. „Welcher Bries —? Ach, von einem alten Bekannten aus Neuyork, von Bigges her, Julias Onkel unb Tante." Unb sie ging geschäftig mit Sita aus bem Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Deraniwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, (Sieben.