Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 30 Zreltag, den 20. April Jahrgang MH sein Das Largo von Händel. Eine Geschichte von Paul Ernst. Das Herz. Von Carl Spitteler. Es kam ein Herz an einem Jahrestage vor seinen Herrn, zu weinen diese Klage: „So mutz tch Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruh, kein Brieflein heute zum Erwärmen! Ich brauch ein Tröpflein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank ersaht und auf die Dauer niemand je gehatzt. Noch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir vernommen. Wer weitz es besser, wie man Gift vergibt? Wer hat in Strömen so wie ich geliebt? Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Ocde." An seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: „Ein jeder wandle einfach seine Bahn. Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Not? Es sprüht. Was tut der Baum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut. Wasch deine Augen, schweig und bleibe gut. Das eine der Mädchen hatte wohl die Nacht durchgetanzt oder sonst den Schlas versäumt,- ihr Gesicht war noch grauer wie der übrigen, tiefe blaue Ringe waren unter den Augen, und ihre Bewegungen waren sehr matt. Sie sah müde vornübergebeugt, plötzlich sackte sie zusammen und fiel vorwärts vom Stuhl auf den Boden, sie war ohnmächtig. Ihre Nachbarinnen blickten fluchtig nach ihr hin, dann wendeten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Lumpen im Schoh und das eilfertige Spiel ihrer Hande mck den Flicken und Lappen. Die Ohnmächtige lag, es wurde auch nichts gesprochen, und nur das leise Geräusch des Zupfens und Suchens war. Eine schimpfende Stimme kam von oben aus einem Kiichenfcnster, die Frauen im Haus hielten sich für Besseres, wie die Arbeiterinnen, die Stimme schmähte, datz sich niemand um die Ohnmächtige kümmere, die doch auch ein Mensch sei, wenn auch nur eine Lumpenausleserin,- die Arbeiterinnen hörten das Ke-fen wohl, aber sie waren so eifrig in ihrem Suchen und Sammeln, daß sie «icht antworteten. ,, , ... Durch den Torganq kamen zwei junge Menschen, wohl ein Ge- schwisterpaar, eine junge Dame von etwa achtzehn und em Jüngling von vielleicht neunzehn Jahren. Die beiden waren sehr sauber und anständig gekleidet, man sah auch, daß die Kleidungsstücke einmal von einfacher und vornehmer Kostbarkeit gewesen waren, aber nun war alles verschobt und sorgfältig zurechtgemacht, so, datz man trotz der freien Haltung und der ursprünglich guten Kleider den beiden doch die bitterste Armut ansah. Der Jüngling trug eine Ziehharmonika, das junge Mädchen eine Geige. Eines der fetten alten Weiber wendete das gemeine Gesicht den beiden zu und sagte grob, sie seien selber arm, bet ihnen könne man nicht auf den Bettel gehen. In dem edlen, durch den Hunger ckmalqewordenen Gesicht des Mädchens stieg eine leise Stote auf, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie zupfte ihren Begleiter, um ihn zum Fortgehen zu mahnen. Der aber biß sich auf die Lippen, ergriff die Ziehharmonika und begann zu sprelen. Das Mädchen bezwang sich sichtlich, nahm die Geige zum Kinn und fiel ein. Die beiden spielten das berühmte Largo von Händel. Bei den ersten Tönen lasen die Weiber weiter aus. Einige Fenster öffneten sich, dann mehr. Als aber die wunderschönen Stellen der Geige kamen, die das junge Mädchen Har und rem vvrtrug, in welchen eine göttliche Heiterkeit und Sehnsucht sich verbunden haben, datz wir denken mögen, dw Tranen des Glucks müssen uns in die Augen steigen, da liehen die Weiber im Hof die Hände sinken und lauschten still, mit gebücktem Kopf, als schämten sie sich ihrer gemeinen Gesichter,- die Weiber an den Fenstern lauschten still, und es schien, als ob auch ste sich versteckten: lautlos war es im Hof, und die wundervoIen Klänge perlten von der Geige, über welche sich das blasse Gesichtchen beugte. Das Largo ist eines jener Werke, die so geschlossen smd, datz wir nachher nicht wissen, ob sie lange gedauert haüenvdernur kurze Seit. Ton für Ton lau,chten die Weiber, selbst der Mann hinter dem Glasfenster war vom Schreibpult fortgegangen und hatte sich, die Hände hinten unter den Rockschößen zusammengeschlagen, breitbeinig in die Tür seines Lagerraumes gestellt und lauschte. Wie verzaubert war die Stille, und ste wahrte bis zum Schluß, da senkte das junge Mädchen den Bogen und verneigte Alle hielten noch still: es ivar, als ob selbst der Atem zurück- gehalten werde. Der Mann in der Tür des Vorratsraumes suchte "in seiner Geldtasche und winkte, der Jüngling kam, und er gab ihm ein Geldstück. Einige der Weiber suchten in ihrer gasche, der Jüngling ging mit dem Hut in der Hand im Krene und nahm die hineingeworfenen Pfennige mit Dank auf; aus den Fenstern wurde Geld, in Papier gewickelt, geworfen, er sammelte es, und in seiner Verlegenheit eilte er so, daß er einiges liegen ließ. Dann trat er wieder zur Schwester, die beiden verbeugten ''^Noch immer lag die Kranke auf dem feuchten Boden. Da erhob sich eine Alte und trat zu ihr, zwei andere Alte kamen noch, und so brachten die drei die Kranke m den Vorratsraum und legten sie auf ein eilig zurechtgemachtes Lager. Der Besitzer trat besorgt neben sie und fragte, ob man einen Arzt holen solle; die Kranke schüttelte den Kopf; die eine Alte beugte sich zu ihr, strich ibr über die Wangen und sprach ihr ent Trostwort zu; dann wurde sie verlegen und ging mit den beiden anderen wieder in den Hof an ihre Arbeit, der Besitzer trat an sein Schreibpult und schrieb; die Kranke lag eine lange Zeit schweratmend da, dann richtete sie sich auf, und dann rief der Besitzer zwei der Weiber, gab ihnen Geld, und trug ihnen auf, die Kranke nach Hause zu * bringen. Ein Lumpenhändler in einer großen deutschen Stadt hatte Geschäft in einem weiten Raum, der auf den Hof eines von Slrbeitern dicht bewohnten Hauses ging. Hier lagen auf der^ einen Seite die Ballen aufeinander geschichtet, tuu sie von den Sammlern abgeliefert wurden. In der Mitte des Raumes saßen tut Kreis etwa zwanzig Frauen und Mädchen, jede mtt einem großen Ballen vor sich und suchten die Lumpen auf verschiedenen Häuschen zusammen die sie nm sich liegen hatten. Bei der Arbeit entwickelt K »L M-Ub und 's®n,ft; 6,86,16 »««» 6te »»-«■ gewohnt, wenn daS Wetter es irgend erlaubte, daß ste ihre Stuhl- Men auf den Sos stellten und dort ihre Arbeit versahen. Da stiebten denn an allen vier Seiten die geschwärzten, feuchtklebrigen Mauern in die graue Luft, unterbrochen von den Fenstern, von denen allerhand Kleidungsstücke hingen, die ost zerbrochene und ualiierverklebte Scheiben hatten, wo auf umgitterten Blumen- brettchen ein kümmerlich verschmutztes M^uveUchen stand oder Geickenke von allerhand Feiertagen, oder Milch im £opt unö äuci- sen, die kühl stehen sollten. Gelegentlich kam einmal elneSchimp- ferei ein Weib öffnete das Fenster und beklagte sich über den Schmutz der von den geschiittelten Lumpen aufstieg, andere Fenster wurden geöffnet und Weiber aus den engen und stickigen Wohnungen hörten zu oder stimmten bei. Die Arbeiterinnen aber erwiderten nichts und suchten emsig in ihren widerwärtigen Zacken, "ie Arbeit ging in Akkord, und jede verlorene Sekunde war ver- l^^Man ^kann^ sich vorstellen, daß zu der ekelhaften Arbeit sich nur ein Abhub von Weibern fand. Die meistenwaren altere Personen die unförmig breitbeinig dasaßen mit fetten ^^"keln, einige iünaere Figuren und Gesichter waren zu sehen, grau. 1 cölaff, uÄunb sSfi Die Bewegungen der Finger und Arme gingen fast maschinenmäßig, die Augen„wareni auf Arbett^ge- richtct, die in den Schotzgerasft war. Em g I ~ . allerhand »eit kommt aus den Schneiderwerkstätten, das Mo aueryano kleine Flicken und Schnippsel, wie sie beim Zuschnelden übrig bleiben,^nachdem die großen Stücke ausgesucht smd, bessern verwendet werden können oder für allerhand tteme ^vare, menn hie Weiber bei solchen Lumpen auf ihr Tagloyn kommen wollten so mutzten sie die Finger schon fleißig rühren und durften nicht von der Arbeit aufsehcn. Die lieferten. Das königliche Spiel. Betrachtnnge« über Wese« «ud Geschichte des Schachs. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Wieder einmal sitzen sich in diesen Tagen im Rahmen eines großen Schachturniers die beiden berühmten „Meister der 64 Felder" Aljechin und Bogoliubow gegenüber und bekundeten in vollendeter Kunst die Feinheiten und Tiefen eines Spiels, das weit mehr ist als gesellige Unterhaltung oder eine Herausforderung von Glück und Zufall, sondern das schon seit vielen Jahrhunderten als das Spiel der Könige und Weisen überall Eingang gefunden hat, wo sich Menschen in geistigem Wettkampf gern gemessen haben. Auch der an dem Ausgang solchen Ringens um die Weltmeisterschaft weniger Interessierte kann sich der einzigartigen Stimmung selten entziehen, die über den Spielern liegt. Diese Atmosphäre hat nichts gemein mit der fiebrigen Erregtheit in einem Spielsaal Monte Carlos oder mit der lärmenden Geschäftigkeit der meisten Kartenspieler. Ja, nicht einmal das mit so viel Zurückhaltung und gesellschaftlicher Würde gepflegte Spiel der Angelsachsen, das aus dem Whist entstandene Bridge, kann es dem Schachspiel an geistigem Ernst gleichtun. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß die Gestalt schachspielender Menschen, die tiefversunken und gegen ihre Umgebung abgeschlossen Zug um Zug der Entscheidung entgegengehen, sowohl die Malerei als auch die Dichtkunst zur Darstellung gereizt hat. „Der Vergleich mit der Philosophie und mit der Mathematik hat immer nahe gelegen, und der Wert des Schachspiels für die Entwicklung der Denkfähigkeiten ist immer mehr anerkannt worden, so daß Schach in einigen deutschen Schulen Pflichtfach geworden ist, wie es auch im neuen Rußland in der Erziehung der Jugend einen breiten Raum einnimmt. — Zweifellos gehört aber auch zu diesem Spiel Begabung und besondere Schöpferkraft, die oft von Generation zu Generation vererbt wird. Wie auch auf diesem Gebiete die Talente unter den einzelnen Menschen verschieden verteilt find, so scheinen die Völker mehr oder minder starke Begabung für das königliche Spiel mitzubringen. An seinen höchsten Spitzenleistungen verlangt es einen Menschen mit der geistigen Uebersicht und inneren Sammlung des Philosophen und der nüchternen Klarheit des mathematischen Denkers, der aber zugleich entscheidungsbereit und handlungsfähig sein mutz, denn der Zug mutz geschehen, wenn neben ihm auch noch so viele andere Möglichkeiten bestehen, die den ewigen Zauderer bedrücken und lähmen, wo ein beherzter wenn auch wohlüberlegter Entschlutz notwendig ist. Die geistigen Fähigkeiten und die charakterliche Veranlagung prägen die verschiedenen Schach-Temperamente, den angriffslustigen Spieler, den kühlabwägenden und den ent- schlutzfreudigen, den der auf einfaches übersichtliches Spiel bedacht ist und den, der plötzliche Ueberraschungen liebt. Es ist gewiß kein Zufall, daß zwei Schachgrößen der Gegenwart geborene Russen sind, der deutsche Staatsbürger Bogoljubow und der französische Staatsbürger Aljechin. Der grüblerische Sinn des Slawen verbindet sich bei ihnen mit einer außergewöhnlichen Hartnäckigkeit. Der große Entscheidungskampf um die Weltmeisterschaft in Buenos Aires im Jahre 1927 zwischen Jose Capablanca und Alexander A l j e ch i n zeigte die Grundverschiedenheit der beiden Männer und der sich in ihnen verkörpernden Völker. Die mathematisch klare und übersichtliche Spielweise Capablancas stand der an Kombinationen reichen Technik Aljechins gegenüber. Capablanca hat man mit Recht eine „Schachmaschine" genannt, die nach einem genau berechenbaren System funktioniert, während der Russe mehr dem schöpferischen Einfall vertraut, der jeweils aus der Lage des Spiels hervorspringt. Die Herkunft des königlichen Spiels ist zwar in tiefes Dunkel gehüllt. Ansätze lasten sich aber schon bei den ältesten Kulturvölkern nachweisen. Nach den ersten zuverlässigen Nachrichten ist es indischen oder persischen Ursprungs. Eine alte Mythe erzählt auch, daß der Held Palamedes das Schach während der Belagerung von Troja erfunden habe,' deshalb hat Palamedes lange Zeit als der antike Schirmherr dieses Spiels gegolten. Arabische und persische Quellen nennen als den Erfinder Sassa, den Sohn des Dahir. Viele indische Sagen berichten von der Bedeutung des Schachspiels,- Herrscher vergaßen darüber ihre Regierungsgeschäfte und verloren Krone und Reich. Aber der tüchtige Schachspieler genoß alle Ehren des Weisen. Der im Jahre 1020 gestorbene persische Dichter Firdausi erzählt in seinem großen Heldenbuch, den „SchLh-nstme", wie das Schach nach Persien kam. Der König der Hindus schickte zu dem König Nauschirwan einen Gesandten mit einem Schachbrett und verpflichtete sich, dem Perser ein großes Vermögen zu zahlen, falls es einem Angehörigen seines Hofes gelänge, das Geheimnis dieses Spiels zu ergründen. Der erste Kanzler des Königs, Buzursmihr, erklärte, nachdem er einen Tag und eine Nacht in tiefstem Nachdenken verharrt hatte, vor dem gesamten Hof dem erstaunten Gesandten feierlich die Regeln des Spiels. So soll Indien damals in die Abhängigkeit Persiens geraten sein. Die Tschaturanga („das Vierteilige, das Heer") genannte Form des Schachspiels kam in Indien in mehreren Abarten vor, von denen die älteste mit Fußgängern, Rosten, Wagen und Elefanten operierte. Dte Perser entwickelten das indische Tschaturanga zum Schatrandsch, in dem der König die persische Bezeichnung Schah erhielt, woraus der Name Schach entstanden ist. Im frühen Mittelalter waren die Perser und die Araber, die das Spiel vornehmlich nach Europa brachten, die Meister der Schachkunst,- von Sizilien und Spanien breitete es sich nach Süd- und Mitteleuropa aus und gelangte schon im 12. Jahrhundert nach England. In den ersten Jahrhunderten wurde das Schach von vier Personen gespielt, aber schon wie heute auf einem Brett mit 64 Feldern. Jede Partei hatte einen König, einen Turm, einen Ritter (unseren Springer), einen Narren (unseren Läufer) und vier Bauern. Zwei Parteien spielten zusammen gegen die anderem Der Sinn des Spiels war, den König zum Feld des verbündeten Königs durchzubringen. Glückte das vor dem Bundesgenoffen, so übernahm der Erfolgreiche den Oberbefehl über beide Heere, um sie gegen die feindlichen Könige zu führen. Bald entwickelte sich in fast allen Ländern ein gründliches Studium der theoretischen Voraussetzungen des königlichen Spiels, unter Betrachtung aller möglichen Kombinationen. Ans spanischarabischen Handschriften schöpfte der Dominikanermönch Jacobus de C e s s o l e s sein berühmtes, schon im Jahre 1275 erschienenes Schachbuch, das in 24 Kapiteln das „Goldene Spiel" zum Abbild des Lebens machte und die Elemente der christlichen Sittenlehre an den Symbolen der einzelnen Schachfiguren erläuterte. Später entstanden in Spanien die Schachwerke des Lucena (1497), Damiano (1512) und Ruy Löpez (1567) und in Italien die des Gianu- zio (1597), Salvio (1604 und 1634), Carrera (1617) und Greco (1619). Im 14. und 15. Jahrhundert erscheint das Schachspiel auch häufiger in Bildern, aber nicht nur als ein würdiger Wettkampf der Großen, wie auf dem Gemälde des Lucas von Ley 8 en, sondern auch als warnende Darstellung weltlichen Treibens, als Spiegelbild des Menschenschicksals, als Gleichnis der Vergänglichkeit und Unentrinnbarkeit alles Irdischen. Die neue Art des Schachs, bei der Dame, Läufer und Bauern nach den noch heute bestehenden Regeln bewegt werden, entstand im 16. Jahrhundert in Frankreich. Die Schachbretter der Ritterzeit waren kostbar aus Gold und Silber oder ans Elfenbein gefertigt, die Figuren aus Elfenbein oder Ebenholz, bisweilen auch aus verschiedenartigen Edelsteinen,' sie waren sehr groß, wie man noch heute aus den erhaltenen Stücken z. B. im Germanischen Museum in Nürnberg, im Britischen Museum und im Pariser Museum entnehmen kann. In höfischen Kreisen galt das Schachspiel als edelste Beschäftigung- genaue Kenntnis des Spiels und der technischen Ausdrücke gehörte zum guten Ton. Den Geistlichen wurde es jedoch im 14. und 15. Jahrhundert streng verboten. Aber auch noch im 18. Jahrhundert stand dieses Spiel in dem Ruf, ein wahres Element der vornehmen Erziehung zu sein, das nicht nur dem Zeitvertreib diene, sondern an dem man auch Mäßigung und Besonnenheit, Staatsklugheit und strategischen Sinn erproben könne. Die Namen von großen Schachkünstlern wurden in ganz Europa bekannt. Im 18.Jahrhundert galt der Franzose Phili- d o r als unumstrittener Weltmeister. Offiziell wurde dieser Titel zum ersten Mal dem Deutschen A n d e r s s e n auf dem ersten internationalen Turnier in London im Jahre 1851 verlieben. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten vor allem Deutschland, England und Frankreich in der Pflege des Schachspiels hervor. Zwischen 1840 und 1850 wurden in Deutschland und England die ersten Schachzeitungen gegründet, die das Interesse für das königliche Spiel in die weitesten Kreife trugen. 1894 wurde Emanuel Lasker, der bezeichnenderweise auch als Philosoph und Mathematiker hervorgetreten ist, Weltmeister, der den Titel in erbitterten Kämpfen gegen Janowski, Marshall und Schlechter behauptete, um ihn dann gegen Capablanca 1921 zu verlieren, der ihn seinerseits an A l j e ch t n im Jahre 1927 abtreten mutzte. Galgenhumor. Auch ein Beitrag zur Volkskunde. Von Dr. Wolfgang Frahm. Woher das Wort Galgenhumor stammt, was es bedeutet? Hier bedarf es zur Erklärung wirklich keiner philosophischen Tiefenschürfung und keiner sprachkundlichen Bildung. Wohl kaum ein Ausdruck gibt seinen Sinn so ungeschminkt und sinnfällig wieder wie dieser. Hier dürfen wir ein Wort gewissermaßen bei seinen Buchstaben packen, und alles, was an Vorstellungen, an Geschichte und an Gefühl hinter ihm steht, breitet sich handgreiflich vor unserem geistigen Auge aus. Galgenhumor? Ja, das ist der Witz, das Augenblinzeln oder die Gaunerfrechheit, die dem Armesünder in seinen letzten Augenblicken unter dem Galgen wie eine wegwerfende Handbewegung beim Abschied aus diesem Jammertal gerade noch zur Verfügung steht, also in einer Lage, die man im allgemeinen nicht gerade als rosig empfinden dürfte, zumal man die Aussicht aufs Himmelreich bei solchen Anwärtern auf den Galgen nicht sehr hoch einschätzt. Nun lautet ein altes Wort: „Scherz beim Schmerz — das gibt Humor". Danach — und wir können dieser alten Volksweisheit Glauben schenken — erweist sich die Echtheit des Humors eigentlich erst inmitten der Schwierigkeiten und Nöte dieses Lebens, umgeben von Peinlichkeit und Bedrängnis. So wäre es möglich, die Menschen aller Schichten und Länder nach den Beweisen ihres Humors einzuteilen. Und es wäre nicht die schlechteste Rangordnung. Ganz unten würden die stehen, die zu allem, was in der Welt vorgcht, eine saure Miene machen, die sich so wichtig vorkommen, daß sie dem übel- nwllenden Schicksal am liebsten auf die Finger schlagen möchterr, und die vor allem keinen Spatz verstehen können, wenn es ihnen an den Kragen geht. Dann folgen in mannigfaltigen Abstufungen die vielen, die den Widerständen der Welt zwar nicht aus einer tiefen Bereitschaft zu Witz und Gelassenheit begegnen können, die aber doch in seltenen Augenblicken — das sind die Höhepunkte ihres Lebens — über den Humor der andern zu lachen vermögen. Ganz oben aber stehen die Weisen, die dem Leben gegentiber so viel Humor aufbringen, daß sie — wie Sokrates — willig den Giftbecher in die Hand nehmen. durch den Strang verurteilt. Auf der Nichtstätte bat er den Richter, ihm einen Barbier zu bestellen, denn er habe gehört, daß ein Aderlaß das sicherste Mittel gegen den Tod sei. Ein anderer flehte den Henker an: „O Herr, häng' mich nicht am Halse auf, denn am Halse bin ich sehr kitzlich. Wenn du mich aber durchaus hängen willst, so lege mir den Strick um den Leib, denn da bin ich im geringsten kitzlich." An einem anderen Ort richtete ein zum Tode verurteilter Zigeuner folgende Bitte an seine Richter: „Ihr Herren, wenn Ihr mich durchaus wider meinen Willen aufhängen wollt, so reißt mir wenigstens nicht den Schafpelz vom Leibe herab, denn schaut, jetzt sind die Nächte schon so ziemlich kühl, und ich fürchte, ich könnte mir eine Erkältung zuziehen." — Bei einem weiteren Vorfall zeigte sich ein Geistlicher dem Verurteilten ebenbürtig. Aus dem Wege zur Richtstätte an einem regnerischen Tag machte der arme Sünder auf seinem Karren eine sehr mißmutige Miene. Als ihm der Geistliche Trost zusprechen wollte, sagte der Verurteilte: „Habe ich nicht Grund zur Kümmernis, bei solchem Regen unter freiem Himmel spazieren fahren zu müssen." — „Was soll denn ich erst sagen", antwortete der Geistliche, „ich muß bei diesem Wetter auch noch wieder zurück!" Die Gchusterkugel. Roman von Hans Franck. (Fortsetzung.) «Nachdruck verboten.) Wenn sie jemals wieder arm werden könnten, dachte Gust plötzlich, was ausgeschlossen genannt werden müßte, denn all sein Geld war mündelstcher angelegt, und fast reichten schon die Zinsen, daß sie bis ans Ende ihrer Tage ohne Arbeit leben konnten, aber wenn sie jemals wieder arm werden könnten, was genau so wahrscheinlich war wie die Behauptung, daß der Himmel eines Tages auf die Erde falle, also: wenn — wenn — Rikelchen würde auch damit fertig werden. Und er? Nein, er nicht. In die Baracken zurück? Lieber — Schluß! Doch nein, es war Wahnsinn, so etwas zu Ende zu denken. Der Gegensatz in der Auswertung ihres Lebens trat zwischen den beiden Ehegatten immer mehr zutage. Schließlich fast Woche für Woche. Gust nannte schwer, was Rikelchen leicht hieß. Gust drängte, wo Rikelchen stehenbleiben wollte. Gust war bei pieitem nicht genug, was Rikelchen als zuviel abwehrte. Aber da die Liebe der Schusterleute nicht nachgelassen hatte, wurden sie durch diesen Gegensatz keineswegs auseinandergetrieben, sondern nur mehr verkettet. In den Stunden der Selbstbesinnung gestand jeder dem andern das Recht auf ein abweichendes Urteil zu. Alldieweil sie im tiefsten wußten oder doch fühlten, daß man auch das Gegnerische des geliebten Menschen bereitwillig einlassen muß, wenn man das Ganze seines Wesens umfassen will. Nach mehr als drei Jahrzehnten glückhafter Ehe kam der Augenblick, wo Gust und Rikelchen sich zum ersten Male nicht verstanden. „ ,, Um die Mitte des Jahres 1912 sagte der Lederwarenhandler August Micheelsen, nachdem er einen ganzen Tag lang über seinen Geschäftsbüchern gesessen hatte, zu seiner emsig bandarbeitenden Gattin: „In einem halben Jahr, wenn der Antonitermin z« Ende geht, ist Schluß." t rc „Womit?" fragte Rikelchen, ohne von ihrer Häkelei aufzusehen. „Mit dem Geschäft!" schmetterte Gust. „Weswegen?" stieß die Ueberraschte, die nicht gewahrte, daß die Handarbeit ihr in den Schoß fiel, fast tonlos hervor. „Heute sind die Hunderttausend an zurückgeleqtem Kapital voll geworden. Das macht im Jahr viertausend Mark Zinsen! Ungerechnet, was beim Verkauf des Geschäfts und des HauseS an Rente herauskommt. Nicht einmal der Bürgermeister kriegt jährlich so viel Gehalt, wie wir jahraus, jahrein — bis zu nnserm Ende — an Zinsen verzehren können. Schluß also! Schluß!!" „Ist das recht, Gust?" , „Alles habe ich an erster Stelle hypothekarisch eintragen lassen. Vollkommen mündelsicher! Uns kann nichts geschehen. Selbst dann nicht, falls wir hundert Jahre alt werden sollten. Einzig wenn die Erde entzwei reißt, so daß die Häuser umfallen, in welchen unser Geld steht, kann's uns schlecht gehen. Aber Erdbeben gibt s nur da hinten, wo sie zu Ende ist, auf der Welt. In Japan und, was weiß ich, wo sonst noch! In einem geordneten Staatsleben wie Deutschland jedoch sind Erdbeben nicht zulässig. Werden verboten Jawohl: durchs Reichsgesetz vom Deutschen Kaiser. „Ich fragte nicht, ob es richtig ist, was du tun Füllst", rief Rikelchen den Davonrasenden an. „Ich fragte: ob es recht ist? Vor wem sollte ich mich meines Geschäfts wegen, ,ch konnte auch sagen: meines Geldes wegen, denn eins ist nicht ohne das andere, zu verantworten haben? Höchstens vor Jupp. Aber der ist mit seinem Studium fertig. Die lumpigen Referendar- und Assessorenjahre hindurch, die er noch auf Vaters Geldbeutel angewiesen ist, soll er in einem Monat mehr kriegen, als der Amtsrichter seinem zweimal durchgefallenen Dämelack in einem ganzen Dem ^einzelnen Menschen, auch wohl Jupp, bist du über dein Nab und Gut keine Rechenschaft schuldig. Aber allen Menschen? Der — so sagt man ja wohl dafür — der Mensch—hett? Oder wenn das zu weit gegriffen ist, dem Staat? Dem Volk?" „Mir schulde ich Rechenschaft über meinen selbsterworvenen Besitz. Niemand sonst auf der weiten Welt! Und — natürlich — dir, die mitgeholfen hat, daß er mein eigen wurde. Von mir bei dieser Sache kein Wort!" wehrte Rikelchen ab. .Also gut, ich will mit meinen Gedanken bei dir bleiben. Obgleich ich es eigentlich nicht dürfte, sondern weitergreifen mußte. Doch Der Galgenhumor ist eine spitzbübische Abwandlung dieser Einstellung zum Leben: er sorgt dasür, daß wir nicht alle mit gerunzelter Stirn über die Erde gehen, er betreibt das Geschäft der Bespöttelung in derberer Weise und bekämpft die menschliche Wichtigtuerei mit schlagkräftigen Sprüchen, die im Volke Anklang und dankbare Zustimmung finden. Der Gauner und Verbrecher unter dem Galgen ist der Grenzfall, denn an ihm können wir prüfen, wie weit es dem Todeskandidaten ernst ist mit seinem fiuntor. Alle werden zugeben müssen, daß es ein Unterschied ist, ob man an diesem Ort ein zündendes Wort oder eine witzige Geste bereit hat oder ob man sie im geselligen Kreis an gut gedeckter Tafel unverbindlich und eitel entwickelt. Deshalb hat bas Volk auch immer viel Sinn für den wahren Galgenhumor gehabt und manchem Gauner wegen seiner witzigen Zwiesprache mit dem Tode gern verziehen. Ein ganzer Kreis von Dichtungen, Anekdoten und Sagen ist um Ereignisse oder vorgebliche Geschehnisse entstanden, bei denen sich ein solcher Galgenhumor prächtig gezeigt haben soll. Ja, man hat jede Art von Witz in peinlicher Lage — wobei man nicht immer gleich an den Galgen und an das Hochgericht zu denken braucht — Galgenhumor genannt, womit zugleich die Stimmung derber Schlagsertigkeit und volkstümlicher Treffsicherheit verbunden wird. Manche Völker sind wegen ihres Galgenhumors besonders bekannt, und unter ihnen wieder bestimmte Schichten. Gerade in Deutschland finden wir eine schöne Reihe von Beispielen, von den frühesten Anfängen unserer Geschichte bis fast zur Gegenwart. Am Rhein in der Gegend des Siebengebirges erzählt man sich folgende Geschichte. Im Kirchdorf Aegidienberg soll dereinst ein Galgen gestanden haben. Als in alter Zeit ein Verbrecher hingerichtet werden sollte, und der Denker bereits begann, seines schaurigen Amtes zu walten, bemerkte der „Galgenvogel" hoch über seinem Haupt in dem Baum ein Vogelnest mit sieben Jungen. Aus die übliche Frage, ob er noch etwas zu sagen habe, sprach er schnell den Vers: „Hue, hue Hang Seben Jong fang Enen Duaden no dobei Rod, er Horen, alle drei Wenn ihr es nicht könnt roden, on nitt denken Dann donnt mt nun Lewen schenken." Die Richter, so eifrig sie sich auch bemühten, konnten das Rätsel nicht lösen nnd schenkten dem Gauner das Leben, ein Vorgang, der sich in der Geschichte der .Galgenromantik übrigens häufig wiederholt. Auch aus dem Rheinland stammt die folgende grausige Sage: „Es sollte ein leidenschaftlicher Kegelspieler hingerichtet werden. Nach der Urteilsverlesung bat er um die Gunst, auf dem Rabenstein noch einmal Kegel spielen zu dürfen Auf dem Nichtplatz wurde alles entsprechend vorbereitet. Da den Richtern die Sache aber zu lang dauerte, bedeuteten sie dem Scharfrichter, dem Verurteilten den Kopf abzuschlagen, während er sich nach einer Kngel bückte. Nach einem wohlgezielten Streich fiel der Kopf dem Kegelspieler. der sich gerade ausrichten wollte, in die Hände. Er warf den Kopf mit unter die Kegel. Als alle Kegel umgeworfen wurden, soll der Kopf noch mit voller Stimme gerufen haben: „Hol mich der Teufel — alle neun!" Zur Schwedenzeit galt auch in Augsburg wie in anderen deutschen Städten der Brauch, daß ein Verurteilter vom Galgen befreite wurde, wenn sich eine Jungfrau sand, die ihn zu heiraten bereit war. Ein solcher armer Sünder, den eine alte spitznasige Jungfer auf diese Art befreien wollte, rief mit ängstlicher Miene: „A spitzig Nasen, Spitzig Kinn, Da sitzt doch der Teusel drinn. Mach lieber Gingerl, Gangerl!" und ließ sich schleunigst hängen. Das gleiche wird von einem Reiter zu Augsburg berichtet, der Anfang des 17.^ahrhunderts den Tod durch den Strang erleiden sollte. Trotzdem ihn „ein junges Mensch zu erlösen begehrt, soff er noch unter der Leiter drei Maß Wein und wurde alsdann aufgehangen. In Camburg war noch bis vor kurzem der Spruch „Höger rup, seggt Sander", eine stehende Redensart: fte erinnert an einen berüchtigten Raubmörder, der dem Scharfrichter, als er ftct) bei der Durchführung seines Handwerks etwas ungeschickt an- stellte, — schon im Baumeln ermunternd zurief: „Höger rup! Besonders bekannt für den Galgenhumor sind die Smenner; eine Unzahl Anekdoten sind über sie im Umlauf. Em Geistlicher tröstete einen Zigeuner auf seinem letzten Gang damit, daß er bald int Himmel sein werde und mit Engeln und Heiligen zu Ti'ch sitzen könne. „Pope", meinte da der gtgeuner. We mich in meinem Zelt am wohlsten und behaglichsten, und ich bin gänzlich unwürdig, mit so bedeutsamen Leuten gemeinsam zu Nacht zu essen: vielmehr gebührt eine solche Ehrung dir, o Vater. Wenn es dir recht ist, trete ich sie dir gern von Herzen ab. — Ein anderer Zigeuner stand bereits auf den Stufen des Galgens, er bat um ein Glas Wein, das ihm alsbald gereicht wurde. Nachdem er ausqetrunken hatte, fiel das Glas zu Erde Mit sorgenvoller Miene sagte da der Zigeuner »» den Anwesenden. „Das ist ein ungünstiges Vorzeichen: mir ist, als ob ich heute noch eute Un- annehmlichkeit erleben sollte." — Ein zum Tode verurteilter Zigeuner ersuchte den Henker bringend, ihn bei der Prozedur nicht zu martern. „Mein Lieber", antwortete der, „ich werde mich bemühen, so gut es geht: doch ich muß gestehen, daß ich bisher noch niemanden aufgehängt habe." Da neigte sich der Zigeuner zu ihm und sagte, als ob er ihm ein großes Geheimnis anzuvertrauen habe: „Auch ich muß dir verraten, baß ich noch nie aufgehangt worden bin, und daß mir jegliche Uebung fehlt. Wegen zahlreicher Verbrechen wurde ein Zigeuner zum Tode Mj will es einmal in diesem Augenblick gelten lassen: dir allein schuldest du Rechenschaft. Aber kannst du es wirklich vor dir selber verantworten, was du tun willst?" „Daß ich mich zur Ruhe setze, warum sollte ich es nicht verantworten können? , , , . , , „Zur Ruhe willst du dich setzen. Aber das hat doch nur dann einen Sinn, eine Berechtigung, wenn du müde brst. Willst du es mit deinem Tun vor dir und vor mir und vor aller Welt behaupten?" Nein " "Richt' wahr, du zählst sechzig Jahre. Bist gesund. Kannst arbeiten. Wenn du magst oder wenn es sein muß, von früh um sechs bis abends um zehn. Woher nimmst du das Recht zu sagen: .Nach Antoni nächsten Jahres werde ich nicht mehr arbeiten? „Daher, daß ich es nicht nötig habe." „Im Bienenstock werden die Bienen, welche nicht mehr nötig haben, zu tun, was Sinn hat, von den Arbeitern getötet und aus dem Stock hinausgeworfen." „Rikelchen!" , r „Verzeih mir, Gust. Es war zu hart, was ich sagte, war zu bittet/' „Und falsch! Weswegen werden die Drohnen im Bienenstock, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, getötet? Weil sie den Arbeitern ihre Nahrung wegnehmen. Weil sie während des Winters das Leben des ganzen Volkes in Gefahr bringen. Wem nehme ich, wenn ich mich zur Ruhe setze, etwas fort?" „Denen, die dir zweimal im Jahre, Antont und Johannis, Zinsen bringen müssen." „Was soll das heißen, Frau?" „Widersinnig ist es in meinen Augen, wenn man stch seine HUfe — und das ist doch dein Kapitalhingeben — bezahlen läßt. Bis zum Jüngsten Tag bezahlen läßt. So hoch bezahlen läßt, daß man mit der Zeit mehr zurückkriegt, als man zum Zwecke des Helfens hergegeben hat!" „Wir verstehen uns nicht." „Das Höre ich von Wort zu Wort mehr, Gust." „Da ist es wohl das beste, daß ich geh'." „Wenn du mir versprichst, über meine Worte nachzudenken — ja, dann ist es wohl das beste, baß wir schweigen und uns nicht noch weiter auseinanderreden. Zu gehen brauchst du deswegen nicht. Es gibt so vieles, über das wir sprechen können, warum reden wir in den letzten Jahren immer häufiger von dem, wovon zu sprechen nicht lohnt: vom Gelb?" Gust schwieg. „Sei mir nicht böse", bat Rikelchen. „Ich sehe es sicher nur von meiner Seite an. Mit Frauenaugen. Aber stell dich doch einen Tag lang neben mich. Versuch, wenn das zu viel gebeten ist, versuch mir zulieb, ein paar Stunden hindurch mit meinen Augen zu sehen. Wenn du hinterher noch derselben Meinung bist wie heute abend: Schluß mit dem Geschäft!, so will ich glauben, daß ich irre. Will versuchen, es zu glauben. — Gibst du mir keine Antwort?" Gust ging. Ohne seiner Frau ein Wort zu sagen, verließ der angehende Rentier August Micheelsen das Zimmer. Ohne ihr die Hand zum Abschied zu reichen. Ohne in der Tür nach ihr umzublicken. Als ob er schon oft im Unfrieden von ihr geschieden wäre. Er legt sich schlafen, dachte Rikelchen und wollte dem Erzürnten nach wenigen Minuten folgen. Aber Gust holte aus dem Schrank im Schlafzimmer Hut und Stock mit silberner Krücke und ging ins Wirtshaus. Das war, stellte Rikelchen betrübten Herzens fest, in den zweiunddreißig Jahren ihrer Ehe immer wieder einmal des Sonntags vorgekommen. Aber noch nie an einem Alltag. Zwei Monate hernach begann der Ledergroßhändler und Schuh- ivarenlagerbesitzer August Micheelsen die Verhandlungen über den Verkauf seines Geschäfts und seines Hauses an der Hohen Straße. Bisher hatte Gust keine Handlung von Gewicht ohne Rikel- chens Zustimmung vorgenommen: selbst bann nicht, wenn sie schwer zu erringen war. Bon dieser entscheidenden Tat ihres gemeinsamen Lebens aber sprach er nach jener Unterredung, die bei völligem Nichtverstehen beendet worden war, zu seiner Frau mit keiner Silbe. Rikelchen wußte, daß Gust nicht sprechen wollte. Aber gerade deswegen stellte sie ihn. Wenn eS durchaus sein müsse, daß er sich schon als gesunder Mann mit sechzig Jahren zur Ruhe setze, sagte sie eines Tages — da wieder ein Käufer wegen überhoher Forderungen Gusts achselzuckend fortgegangen war — zu dem Verstummten, dann solle er Haus und Geschäft doch nicht verkaufen, sondern verpachten. Durch eine Verpachtung nähme er seinem Nachfolger und dessen Angehörigen tatsächlich die Butter vom Brot weg, gab Gust gereizt zur Antwort. Was durchs Zinsenerheben nach dem allgemein üblichen Satz keineswegs der Fall sei. Obwohl sie, ihn vor weniaen Monaten dieser menschlichen Roheit beschuldigt habe. Also gut: das Geschäft verkaufen! willigte Rikelchen ein. Aber nicht das Haus! Obne die Wohnung im selben Haus sei das Geschäft fast wertlos. Nicht die Hälfte des Preises, den er fordern und durchsetzen werde, kriege er heraus, wenn sie oben wohnen blieben. Ihretwegen, versuchte die Abgewiesene das vermeintliche Hindernis aus dem Wege zu räumen, könnten sie ausziehen. Auch dann, wenn die neue Wohnung nur halb, nur viertel so groß sei wie die jetzige und nicht an der Hohen Straße liege. Sie wäre durchaus bereit, in eine Seitenstraße zu ziehen. Oder in eine Hinterstraße. Wenn es sein müsse: in die Baracken. Mik allem, was er für nötig halte, erkläre sie sich einverstanden. Nur nicht damit, daß er ihr Haus verkaufe. Weswegen dieser frauenzimperltche Eigensinn? fuhr Gust Rikel- chen an. Alle Wege der Ueberlegung, die er ginge, führten zu einem Handweiser mit derselben Aufschrift: Verkaufen! Das mit den Ueberlegungen möge stimmen. Das mit dem Eigensinn stimme nicht. Dann habe ste Angst, unsinnige Angst. Da er bei ihr bleibe, wovor sie wohl Angst haben, solle? Wenn sie auch keine Angst habe, warum in drei Teufels Namen sie nicht ja zu dem Verkauf sage? Ste wären, erklärte Rikelchen den für Gust unbegreiflichen Widerstand, in ihr Haus hineingewachsen wie eine Schnecke in thr Gehäuse. Seien jetzt mit ihm verwachsen. Seien ihm angewachsen. Wenn man sie mit Gewalt aus ihrem Haus herausreiße, wurden sie zwar nicht wie die Schnecken sterben. Denn die Menschen hatten eine dickere Haut als die dickfelligsten Tiere. Aber auch bet ihnen würde es Wunden geben, Wunden, die schwer, die vielleicht niemals wieder heilten. Aber selbst wenn diese Wunden völlig verheilten und von ihnen nichts übrigbliebe als Narben — ohne ihr schützendes Haus wären sie hinfort so leicht verletzlich, rote sie es seit dem Tode der Frau Senator, der ihnen den Kauf ihres Besitztums ermöglicht hätte, nicht eine einzige Stunde lang gewesen seien. Albernes Frauengerede! Diesmal ging Gust in heftigem Zorn türenknallend aus dem '^^nd^wieder suchte er, obwohl es Alltag war, Zuflucht und Zustimmung im Wirtshaus an der Bierbank. Michaelis 1912 verkaufte August Micheelsen, der wohlhabend gewordene Pantoffelmacherssohn aus den Baracken, sein Geschäft und sein Haus auf der Hohen Straße an einen Hamburger Herrn. Der Käufer ließ Gust keinen Zweifel darüber, daß die veraltete Schuhmacherwerkstatt, die der Heraufgekommene schließlich doch nicht in ein neues Stockwerk verlegt, sondern in dem Htnter- zimmer geduldet hatte, eingehen solle. Dagegen werbe er den Schuhverkauf sowie insbesondere die Lederhandlung wert über das Kleinstädtische hinaus vergrößern, damit diese endlich werde, was sie bis jetzt nur dem Namen nach sei: eine großkaufmänntsche Angelegenheit. Als znm ersten Male in der Stadt der Kaufpreis für das Geschäft August Micheelsens genannt wurde, hielt jedermann ihn für erlogen. Aber der Stadtsekretär, vor dem in Ermangelung eines Notars der Vertrag abgeschlossen wurde, mutzte, um endlich Ruhe vor der ständigen Fragerei zu haben, die angezwerfelte Summe bestätigen. Gust ließ die Restkaufsumme als die größte seiner Hypotheken in das eigene Haus eintragen^ Diesmal allerdings, entgegen seiner Gewohnheit, an zweiter Stelle. Die Räumung war in dem Kaufvertrag auf den Anfang des Jahres 1913 festgesetzt worden. Gust wollte, ehe er sein Geschäft schloß, für Famtlte und Freunde in den Wohnräumen des ersten Stockes, für die Angestellten und Handwcrksleute im Laden ein prunkvolles Fest feiern; trotz des Abschiednehmens ein Fest der Freude, von dessen Glanz man noch jahrelang in der Stadt sprechen sollte. Er schrieb an den Assessor Dr. jur. Joseph Micheelsen, der des besseren Fortkommens wegen in preußische Dienste übergetreten und den Kommunalbehörden einer rheinischen Stadt zugewiesen war, daß er unbedingt zu Weihnachten Urlaub nehmen müsse, um an dem Fest der Geschäftsniederlegung teilnehmen zu können. Aber Rikelchen sandte ohne Gusts Wissen ihrem Jupp einen Brief, in dem sie ihn anflehte, doch einen Grund zu erfinden, der dem Vater sein Fortbleiben als notwendig erscheinen lasse. Ein Fest der Freude feiern, wo alles in ihr meine — sie bringe es nicht über das Herz. Mit ihm gemeinsam zum letzten Male durch jene alten lieben Räume gehen, in denen noch immer ihr gemeinsames Lachen glitzere wie Tau in einem Spinnennetz und bei diesem Gang beides, Spinnweb und Glitzertau zerstören — sie wisse nicht, woher die Kraft dafür nehmen. Also nicht kommen! Ihr zulieb dem unnatürlichen Fest fernbleiben! Anfang Dezember traf ein Brief von Jupp für seinen Vater ein. Darin schrieb der preußische Assessor Dr. jur. Joseph Micheelsen: er könne, so sehr leid es ihm tue, an dem großen Fest zur Auflösung des väterlichen Geschäfts nicht teilnehmen. Denn es wäre ihm durch eine Tücke des Geschickes, die sich aber sehr günstig für ihn auszuwirken verspreche, völlig unmöglich gemacht, für Weihnachten Urlaub einzureichen. Einer ihrer städtischen Beigeordneten habe einen zweimonatigen Urlaub antreten müssen. Ihm fei von dem Herrn Oberbürgermeister die ehrenvolle Aufgabe der Durchführung der amtlichen Obliegenheiten des Erkrankten zuteil geworden. Von der befriedigenden Lösung dieses bedeutsamen Auftrags hänge für seine weitere Laufbahn alles ab. So leid es ihm tue, seinen lieben Eltern eine Enttäuschung bereiten zu müssen, der Vater werde sicher ohne weiteres verstehen, daß der Dienst, zumal der Dienst im Interesse seiner Zukunft, dem Festefeiern vorgehe. Und die Mutter werde durch den Vater aufgeklärt, wohl auch zum richtigen Verständnis seiner Lage kommen, so daß sie nicht gar zu traurig über sein Fortbleiben wäre. (Fortsetzung folgt.) (verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'jche Univerjitäts»Buch- und Steindruckerei. 2L Lange, Dietzen.