Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 22 Montag, den 19. März Jahrgang müßte sich zu dienten. Grab- Frage Fwei Jahre nach dem Tode des Vaters verließ der langauft geschvssene Konfirmand August Micheelsen, angetan mit einem viel zu kurzen, schäbigen schwarzen Anzug, die einklassige Armenschule in welcher die Stiefkinder der Stadt, abgesondert von deren rechtmäßigen Sprötzlingen, den Bürgersöhnen und Viirgertöchtern, unterrichtet wurden. Fiek Micheelsen verlangte, August solle sich als ForstarbeiteL aumustern lassen! Daun verdiene er schon vom Tag nach Ostern an Stund um Stund Geld und könne sie beim Grobmachen des Achten Neunten und Zehnten, mit denen sie seit Jahren allem dasitze, unterstützen. Das sei bitter nötig! Denn von den sechs vor ihm gäben die vier Ausgeflogenen keinen dreckigen Dreier mehr ab. Die beiden andern aber zahlten von dem Lohn, welchen sie Samstags aus dem Forst mitbrächten, viel zu wenig, so daß es kaum für Kost und Logis reiche! Also müsse er nun, wo er konfirmiert sei, sie unterstützen. Dazu sei er verpflichtet! Denn die Kinder müßten nach den neuen Gesetzen ihre Eltern „standesgemäß" ernähren. Sie werde ihm den Gendarmen auf den Hals schicken, wenn er dieser Verpflichtung nicht Nachkomme! Also damit cr’8 könne, in die Forst gehen! Denn er wolle doch nicht vielleicht ans das Gerede des toten Vaters hören? Bei dem waren nicht die Taten, sondern die Worte so die Hauptsache gewesen wie beim Eichkätzchen der Schwanz. Schuster werben? Unsinn! Dann verdiene er in vier Jahren keinen roten Pfennig, und sic mit den drei letzten verhungern. In den Wald habe er scheren. Als Arbeiter! Verstanden? Oer Mensch. Von Matthias Claudius. Empfangen und genähret Vom Weibe wunderbar, Kömmt er und sieht und höret Und nimmt des Trugs nicht wahr: Gelüstet und begehret Und bringt sein Tränlein dar: Verachtet und verehret, Hat Freude und Gefahr: Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, Hält nichts und alles wahr: Erbauet und zerstöret Und quält sich immerdar: Schläft, wachet, wächst und zehret: Trägt braun und graues Haar. Und alles dieses währet, Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr. Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder, Und er kömmt nimmer wieder. Oie Schufterkugel. Roman von Hans Franck. (Nachdruck verboten.^ I. * Gust gab keine Antwort. Als cs dunkelte, ging er auf den Kirchhof. An einem hüael führte er ein langes, halblautes Gespräch, das oud und Antwort, aus Ermahuung und Zustimmung, aus Sorberung und Gelöbnis bestand, obwohl der vom Gebüsch verdeckte Totengräber nur eine Stimme hörte. Sichern Schritts kehrte Gust gegen Mitternacht zu dem Pantoffelmacherhäuschen in den Baracken zurück und gehorchte nicht dem Zetern seiner sorgenüberlasteten Mutter, sondern den stillen Worten seines totgearbeiteten Vaters. Am Abend des zweiten Ostertages packte er seine fünfeinhalb Habseligkeiten in ein roh buntes Taschentuch und trat des andern Morgens Schlag sechs seine Lehrzeit in der Ackerstraße bei dem Schuhmachermeister Pritzschke an, dem er sich unter Zustimmung seines Vormunds für vier Jahre versprochen hatte. Mit seiner Bkutter wechselte er deswegen fein Wort Sie sah, was vor sich ging. Das genügtel So saß denn Gust, der Siebente des verstorbenen Pantoffcl- machcrs Schorsch Micheelsen in den Baracken, fortan tagsüber neben seinem fleißigen, aber vom Herkommen eingegittertcn Meister in der Ackerstraße auf dem dreibeinigen Schusterhüker vor der wasiergcfüllten Glaskugel, in welcher sich bet Hellem Himmel der Sonnenschein, bei Dunkelheit das Licht einer Petroleumlampe, das von ihrem Messinglaker vers^rkt daraufgeworfen wurde, regenbogig brachen. Saß da von sechs Uhr in der Früh bis sieben Uhr des Abends, in den Wochen vor der Ernte, dem Lierbstmarkt und Weihnachten, wenn es eilig war, von Uhr fünf, rtör vier, bis Uhr acht, Uhr zehn. Während der Mittagspause, der Vesperzet't, nach Feierabend half Gust der schrumpligen Meisterin in der Küche, im Stall, im Garten. Die Nächte verbrachte er hinter einem Bretterverschlag auf dem Boden, der unverschämt genug war sich Lehrlingsstube zu nennen. Dort war es unter den un- vcrs'chaltcn Ziegeln des Sommers so stickig, daß der schweiß auch dann in Rinnsalen an seinem Körper herunterlicf, wenn der nicht nur unbedeckt, sondern außerdem auch unbehemdet war. Des Winters tagte der'Sturm den Schnee durch die Fugen der uuoer- strichene» Dachsteine auf sein Lager, das Oberbett fror in dem Atem seines Mundes brettsteif, und manchmal mußte er, damit er des Morgens an das Waschwasser gelangen konnte, die Eisdecke auf seiner Blechschüssel zerschlagen. SVraatc jemand Prihschkes nach ihrem Lehrling aus den Baracken so gab der Meister aufleuchtenden Auges zur Antwort. „Prima!", und die Meisterin versicherte: „Gust is n gaudn Jung, '' '«ogar ^Fi'ek"Micheelsen söhnte sich nach und nach mit dem Lebensweg aus,' den ihr Siebter gegen ihren Willen - ngeschlagen batte Denn Gust brachte ihr von den Trinkgeldern, die er in der ieferrt der fertigen Stiefel erhielt, und von dem ^aM^n^tMira^ den Meister Pritzschke ihm nach Ablauf eines Jahfes freiwillig ^aussctztE mehr für die Aufzucht des Achten kennten und Zehnten in bas Barackcnhäuschen, als der Fünfte und Sechste die Tag für Tag den Stundcnlohn im Wald ver- Das zweitgrößte Geschäft in der Stadt besaß er: Schuhmachermeister August Micheelsen. Nur das seines Nachbars, des Kaufmanns Otto Markwardt, war noch größer. Aber das wollte nichts besagen. Denn die vor mehr als hundert Jahren gegründete Markwardtsche Kolonialmarenhandlung hatte sich Geschlecht um Geschlecht von dem Vater auf den Sohn vererbt, und es war nicht das Verdienst ihres jeweiligen Inhabers, der reichste Mann zwischen dem Wiescntor und dem Weidetor eines mecklenburgischen Landstädtchens zu sein. Aber daß er — Schuhmachermeister August Micheelsen - das zweitgrößte Geschäft sein eigen nannte und stch mäbrend zwanzig Jahren zum zweitreichsten Burger empor gearbeitet hatte war sein persönliches Verdienst. Es galt irrtümlich sogar als seine alleinige Lebensleistung, da Fricbenfe A iche el= sen es nicht duldete, daß irgendwer ihre frauliche Mithilfe ve “!3Kä'£ ÄÄäÄsfM 3: aufkommen konnte: zum andern die Mahl p- t ßätte, feilte sechs älteren Brüder, von denen keiner aus ihn geyork^ya^, als Arbeiter auf Tagelohn zu flC1Pe?'J°nr;Srnr?rinaf)nte in solchen werk zu erlernen. Fragte der e-ndrnglich Ermahnw m^mtw Augenblicken den Vater: was fur eins?, f la Hubwerk sei Schorsch Micheelsens al emal. ganz gleich. Feoes ^ ^lber am besser als Schaf er im Stundcnlohn m renide^iei _ besten wär's doch wohl, er wurde^ Schuster. Denn° »gcnowa^^ abgesehen von den wenigen sommerlichen f ’ & was müßten die Menschen über ihrer-Strümpfen » & tragen. Also werde das Handwerk - jS/„cÄament Kindern jene lederne Fußbeklechung z 'ach nähren. Ver- Mode sei, bis zum Jüngsten Ta« seinen jwui Matsch standen? Schuster! Denn obwohl s Meckleuvurge i nichts Besseres und Billigeres für die Füße gaoe < , _ Holzpantoffel, wären diese ja - mehr so säßen die Dienst- LL Ä“ btU" Wroe“e” im Stallmist! " ' zu der Ellenbogen zwischen die Rippen zu stoßen. Oie germanische Sendung in der Geschichte. Von Professor Dr. Johannes Haller. Der Historiker Johannes Haller, der von 1904 bis 1913 als Ordinarius in Gießen wirkte, und dem wir u. a. die meisterhafte Darstellung der Epochen der deutschen Geschichte" verdanken, faßt eine Reche seiner kleineren Werke in dem bei I. G. Cotta rn Stuttgart erschienenen „Reden und Aufsätze zur Geschichte und Politik" zusammen. Einer der wichtigsten, vorher noch nicht veröffentlichten Beiträge behandelt den "Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte". In dem Schlußabschnitt befindet sich die folgende großzügige Schau über die Wirkung, die das Germanentum auf die abendländische Geschichte ausgeübt hat. Ich kann darauf verzichten, von den eigentümlichen Hervorbringungen germanischen Geistes in Dichtung und bildender Kunst, in Wissenschaft und Technik zu reden. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der weiß genug davon. Hüten mutz man sich nur davor, allzu vieles auf germanische Wurzeln zuruck- zuführen, was doch vielleicht aus der frühen Mischung mit römischen und vor allem keltischen Elementen hervorgegangen ist. Die besondere Ausgestaltung des Rittertums, seine Verquickung mu höfischem Wesen, Frauendienst und Frömmigkeit, alles, roa» nut chevalerie und chevaleresque bezeichnet wird, durfte dahin zu rechnen sein. Auch in der Dichtung des Mittelalters und vollend» neuerer Zeiten ist das ursprüngliche germanische Element mit der Zeit immer mehr zurückgetreten, während Nebenflüsse au» anderen Quellen ihren Geschmack und ihre Farbe bestimmen. Was wir von altgermanischer Dichtung in reiner Gestalt kennen, hat sich nicht fortgeerbt, ihr Stamm ist abgestorben. Um so stärker ist der Eindruck, den fte uns von Natur und Lebensgefühl der Völker vermittelt, aus denen und für d,e ste geschaffen wurde. Wir treten da in eine durch und durch aristokratische Welt, in der nur von Königen und Helden dm Rede ist, Kraft und Mut, Stolz und Treue die Tugenden sind. Ob wir die Lieder der Edda, den Beowolf, das Hildebrandslied oder den Spätling der Familie, die deutschen Nibelungen, hören, stets atmen wir adlige Luft. Es ist keine frohe, keine heitere Wett, diese Welt des Kampfes. In düstere Glut getaucht, erscheinen Menschen nnd Dinge, keine weichen Töne mildern die Härte des Schicksals, finstere Tragik ist der Grundton, und tragisch muß darum auch die Natur der Menschen gewesen sein, die ruhiges Behagen verschmähen und die Schwermut, die ihnen im Blute liegt, durch immer neue Taten kühnsten Wagnisses besiegen. Darin suchen sie den höchsten Genuß, das Gefühl der eigenen Kraft. Daß der Kampf ihr Lebenselement ist, zeigt nicht minder deutlich ihre Religion. Ich meine nicht ihren ursprünglichen Götterglauben, den sie ja so früh und meist so merkwürdig leicht mit dem römischen vertauschten, sondern das, was sie aus dem angenommenen Christentum gemacht haben. Sie haben es recht eigentlich in sein Gegenteil verkehrt. Mit vollem Recht hat neuere kirchengeschichtliche Forschung geradezu von einer Germanisierung des Christentums gesprochen. Eine Friebensreligion, die Demut, Entsagung, Weltflucht predigte und in einsamer Beschaulichkeit die Vollendung des frommen Menschen sah, ist bei ihnen zum Kriegerglauben geworden, dessen Bekenner sich den Himmel am sichersten zu verdienen meinen, wenn sie den Namen ihres Gottes mit Feuer und Schwert ausbreiten, der sich selbst erniedrigte und die Welt durch Leiden erlöste, ist für sie ein König, der seinen Getreuen Sieg und Lohn und gutes Gedeihen schon in diesem Leben I verleiht und ewigen Jubel in seiner himmlischen Salle verheißt. I Da wird die Geschichte vom Leiden und Sterben des Weltheilandes umgedichtet zum Heldenlied, in dem der Herr Christ mit seinen I Mannen durch die Lande zieht, um dem Teufel die Welt zu entreißen, ihn zuletzt in der Hölle selbst zu besiegen und im Triumph emporzufahren in den Himmel Gottes. In der vorgermanischen I Welt wäre eine solche Denkweise unmöglich gewesen. Seit dem Eintritt der Germanen greift sie mit jeder Generation stärker um sich, bis sie in der großen Bewegung der Kreuzzüge gipfelt. Auch nachdem diese Welle verebbt ist, die kriegerische Energie sich ausgetobt hat, bleibt das germanische Christentum grundverschieden von dem alten ursprünglichen, wie es sich im Orient erhalten hat bis auf den heutigen Tag. Niemals vermochte bas altchristliche orientalische Ideal der reinen apathischen Beschaulichkeit _ seine Verkörperung hat es noch heute im Mönchtum der griechischen Kirche — niemals vermochte dieses christliche Fakirtum im Bannkreis der germanischen Völker Wurzel zu fassen. Alle Ansätze dazu sind vereinzelt geblieben oder wieder verdorrt, alle Weltflucht, so oft sie versucht wurde, ist hier immer sehr bald in Wclteroberung und Weltbeherrschung umgeschlagen. In diesem tiefinnerlichen Wesenskontrast liegt die Ursache und Berechtigung der Trennung zwischen Ost und West. Die Welt fahren zu lassen, I um den Himmel zu gewinnen, wird dem Empfinden des Ger- I manen immer nur als Ausnahmeerscheinung begreiflich. Was er seiner ganzen Natur nach als Regel aufstellte, heißt: sich die I Seligkeit im Jenseits verdienen, indem man in diesem Leben seine Pflicht tut und die Ding» dieser Welt so gut und vernünftig wie möglich einrichtet. Es ist der Gedanke, den unbewußt der englische I Missionar noch heute vertritt, wie einst Bonifatius, der Apostel der Deutschen, ihn vor zwölfhundert Jahren schon vertrat. Und wenn jemand auch den großen Abfall von Rom, den die germanische Völkerwelt im sechzehnten Jahrhundert vollzog — sie nicht ganz, aber doch nur sie —, wenn man auch die Reformation aus diese letzte Ursache zurückführen will, ich wüßte nicht viel dagegen gründen gedenke, bei ihr wohnen dürfe. Die Pantoffelmacherswitwe widersprach: Kein Platzl Gust wies darauf hin, daß inzwischen, wie man ihm in Bahn erzählt hätte, auch ihr Letzter aus dem Haus gegangen fei; daß da, wo zu früheren Zeiten Mann und Frau mit zehn Kindern untergekommen wären, ohne sich bei jedem Schritt auf die Zehen zu treten, sicherlich Mann und Frau mit einer alten Mutter wohnen könnten, ohne sich jedesmal beim Umdrehen mit dem Mochten sie es in der Heimat treiben, wie sie wollten, die Mutter und die Brüder — was ging es ihn an? Vor Gust stand — so deutlich, daß man in Versuchung kommen konnte, mit den Händen danach zu greifen, und doch berggipfel- fern — vor dem Pantoffelmacherssohn aus den Baracken sein Ziel. Nicht zurückblicken. Weiter! Weiter! Nach zehn Jahren war der auf Wanderschaft — unbekannt wo? befindliche Schuhmachergeselle August Micheelsen eines Abends wieder da. Und nicht einmal allein. Denn mit Gust, dem fast dreißigjährigen blonden Hünen, kam seine Frau Friederik, eine schwarzhaarige, schmale, kaum mittelgroße Zwanzigerin; kam, wie Bläffe und Hohläugigkeit ihres ungemein schönen Gesichts vermuten ließen, wahrscheinlich noch jemand. Gust ging Arm in Arm mit Rikelchen die Hohe Straße des Städtchens entlang, vom Weidetor bis zum Wiesentor, um auf diese Weise seine Rückkehr und seine Verheiratung öffentlich bekannt zu machen. Erst dann begab er sich in die Baracken zu der Witwe des Pantosfettnachers Schorsch Micheelsen, seiner Mutter. „Wat wißt du von mi?" fragte Fiek ihren Siebten, noch ehe dieser einen Gruß, geschweige einen Handschlag anbringcn konnte. Gust verzichtete auf das Entgegenstrecken seiner Rechten, sagte „Guten Abend" und bat die Mutter, daß er mit seiner Frau — jawohl, das da sei seine Frau, nicht seine Braut! — bis zur völligen Einrichtung des Schuhmachergeschäftes, welches er Mit 18 Jahren ging der Schustergeselle August Mick;eelfen auf Wanderschaft. Er tippelte ostwärts bis Danzig, westlich bi» Aachen. Er spuckte zu Wien in die grüngelben Wasser der ^onau, stellte zu Aalborg fest, daß die dänische rode Grode ebenso wie die mecklenburgische Rote Grütze aus reifen Johannisbeeren gekocht wurde. Er winkte in Konstanz zu den weißen Häuptern der Berge hinauf, konnte sich in Glückstadt nicht genug daran tun, voni Elbdeich zu den Tag und Nacht nordwärts treibenden Eisschollen hinabzuschauen. Aus keiner Stelle blieb der mecklenburgische Handwerksbursche länger als drei Monate. Mochte ihn auch mancher Meister hart ums Bleiben angehen, manche Meisterstochter, so viel 's" ihren Kräften stand, deswegen mit ihm schon tun, nach drei Monaten hieß das Lebensgebot, dem er zu gehorchen hatte. Weiter! Denn Gust wollte die Welt sehen! Nicht Frauensleut. Bei denen - das hatte er schnell heraus — gab es landaus, landenr kerne solchen Unterschiede, so daß es sich lohnte, sie ^ahr und Tag 'm Spiegel der Verliebtheit, Kopf neben Kopf, anzubttcken. Eust wollte die Leistungen und Einrichtungen, die Gewohnheiten und Verschiedem heften, die gleichbleibenden Bräuche und ,chnellwechselnden Moden seines Schusterhandwerks in ganz Deutschland kennenlernen. Wie also hätte er irgendwo länger als drei Monate bleiben dürfen, wenn er bei guter Zeit mit dem Meisterwerden zurechtkommen wollte? Gab es auf einer Stelle schlechtes Esten, schluderte man auf einer andern bei der Arbeit, gefielen ihm bei näherer Betrachtung Nase und Mundwerk des Meisters zu wenig, dort die Reize der Meisterstochter zu sehr, dann wanderte Gust schon nach Wochen weiter. Waren aber die drei Monate, die auch an der besten Stelle zum Allesbegrcifen genügten, wieder einmal herum, oder sah Gust sich zum vorzeitigen Gehen gezwungen, so hieß es bei dem Lohnholen Sonntagnachmittags: „Meister, nächsten Samstag, oder „nächsten Sonnabend", wie man es nun gerade gewohnt war - „mach ich fremd. Mahlzeit!" Und kein Schelten des Meisters, ferne Bitte der Meisterin, kein Weinen der Meisterstochter vermochte ihn zur Rücknahme der ausgesprochenen Kündigung zu bewegen. Denn Gust sah sein Lebensziel lange schon vor sich. In voller Klarheit. Aber auch in großer Ferne. Also weiter! In dem mecklenburgischen Heimatstädtchen des wandernden Pantoffelmachersohnes wußte niemand, wo in der Welt Gust nut seiner Htnterseite den Schusterhüker drückte. Anfangs hatte der Deutschland Durchstreifende, sobatt er irgendwo Arbeit nahm, jedesmal seinem Lehrherrn eine Postkarte in die Ackerstraße geschrieben: „Lieber Meister! Da — oder da — bin ich. Es geht mir gut. Mit bestem Gruß auch an die Meisterin, ($511 ft" Aber schon nach einem Jahr blieben selbst diese kargen Karten aus. , , , Der Mutter in den Baracken flog — ebensowenig rote von den vor ihm ausgerückten ältesten Vier — seit dem ersten Tag der Wanderschaft nicht eine einzige Silbe von ihrem Siebten ins Hau». Es kam — ebensowenig wie von den andern — auch kein Pfennig Geld von Gust. Die Alte mit den beiden Nestkücken zu versorgen, war Sache des daheimgebliebenen Fünften und Sechsten. Sowie des Achten. Dem hatte Gust gegen Ende seiner Lehrzeit Tag für Tag zugeredet, am Morgen nach Ostern bei Meister Prttzschke auf seinem Süker in der Ackerstraße als Schusterlehrling Platz zu nehmen. Aber der Unbelehrbare war, obwohl nun auch die Mutter eingestimmt hatte: „Auf Gust hören! Schuster werden!" zu seinen andern Brüdern als Arbeiter in den Wald gegangen. lFortsetzung folgt.) zu sagen. sprach: Fülle, Pfannkuchen und Pflaumeneingemachtes. Wer noch esse« konnte, kriegte neues, soviel er wollte. Die Stirnen schwitzten. Die Uhren blieben stehen. . So saßen sie bei Rohleders in tiefem Schweigen, Die Groß- väter Nohleder gingen umher und sahen zu, daß alle Teller immer gefüllt waren. Die Jugend speiste im Hof unter etnep Zelt, denn die Stuben waren voll, Rohleders waren so großmach- tige Kolonisten, daß halb Wolgaland Gäste geschickt hatte. Die Erlesenen unter diesen saßen in einer kleinen Stube, zu der die Tür offen stand, der Sprengelpfarrer, der Schulmeister, Alexandra, Anna, Sommer, Karl Schehl und die vorzüglichsten Kolonisten. Hans aber speiste mit dem Katchen in der kleinen Hinterstube, wo für sie besonders gedeckt war, zum erstenmal allein. Als alle satt waren, hatten die Burschen Tische und Stühle der Rohlederfchen Hauptstube hinausgetragen, in der Ecke stand jetzt ein Tisch für die Musikanten, das Zymbal darauf nebst Branntwein, Gläsern und einem Becher für den Kwas, wovon sich unter dem Tisch ein ganzer Eimer voll fand. Und während die Musik zu spielen begann, das Hackbrett, die Violinen und die Baßgeige, die Klarinette nicht zu vergessen, erschien in der Tür des Hauptzimmerchens das hochgeschmückte Brautpaar. Jemand Der Ehemann muß schaffen das Brot, daß Haus und Hof nicht leiden Not. Mutz sorgen wohl für Vieh und Kind, sonst tut er eine grausame Sünd. Hei, dei böige ... fahr'n wir über die Wolge! Die Ehfrau muh sehr gehorsam sein, mutz schassen und halten die Zunge rein, spricht sie hinter dem Mann ein nichtsnutzig Wort, muß sie brennen allda am feurigen Ort. Hei, dei dolge ... fahr'n wir über die Wolge! Tanzen wir, tanzen wir ... Schon tanzen sie alle, Brautvater und Braut, Bräutigam mit Schwieger, Christian mit Alexandra, Mutter mit Sohn, Söhnerin mit Vater, Verheiratenes, Versprochenes, Verlobtes, Verli^tes, Hanna mit Martin, Liese mit Sebald, Konrad mit einem Machen, Franz und Fritz mit Mädchen. Und Anna und Arnold, mit Arnold Krott, denn er hatte sie so inständig und so ehrfürchtig gebeten. Aber Anna schaute geschloffenen Auges seitab in die Lust, es war offenbar, datz sie tanzte mit irgendwem Starken, Fremden, Fernen, den sie selbst noch nicht kannte, aber innig liebte... Und ein Spitz bellte. Und es krachten die Böden. Und es bog sich das d^Der Pfarrer stand lächelnd an einem Türpfosten des Sonder- zimmerchens, Karl Schehl am andern. Die Braut war bald mit Papierrubeln besteckt, jeder, der mit ihr tanzen wollte, heftete ihr einen Schein an. Die Gläser mit Wein und Branntwein kreisten. Die Frauen, die zuerst den Kwas, den kühlenden, erfrischenden, ungefährlichen, getrunken haten, gingen eine nach der anderen unauffällig zum Weine über. Es wurde bemerkt, datz auch Alexandra mit spitzen Lippen von einem Gläschen nahm. Schon legte eine „Wers", so hietz man die würdigen Frauen, ein Bein auf einen Tisch — am andern Tag wird sie sich schämen. Alexandra aber und die vornehmen Leute saßen im Stübchen beisammen um den Tisch. Der Holsteiner Pfarrer sah Alexandra mit unverhohlenem Entzücken an. An ihrer Schulter schlief bereits ihre Schwester, es war Abend geworden. Auf allen Hochzeitsfesten, zu denen Schulmeisters hingingeu, wurde Anna um zehn oder elf so müde, datz sie kaum noch aus den Augen sehen konnte, während Alexandra die ganze Nacht mit den Gästen schwatzte. Man kannte das, auch Alexandra wußte das so gut, datz sie still saß, wenn Annas Kopf an ihre Schulter sank und dort ein paar Stunden liegen blieb Aber Alexandra redete dann weiter. Die paar Hochzeitsgesellschaften^ im Jahre waren ihre Ausschweifung, während eigentlich ausschweifend nur Annas holde Natur war, die am liebsten mit den Winden in alle Welten und Weiten ausgeschweift wäre. Sie fürchtete sich nicht vor entführenden Schicksalen und allen Leidenschaften der Welt. Auch auf der Hochzeit im Hause Rohleber hörte Alexandra, aufrecht sitzend und unverändert und gleichmäßig.freundlich für jedermann, jede der Frauen an, die zu ihr kamen, sich eine Weile neben sie setzten, die alte Frau Reinhard, eine W'nterin, eine Karninerin und. die Zungen vom Weine gelöst, ihre Freuden und Schmerzen, mehr Schmerzen, vortrugen. Obgleich sie keiner helfen konnte, so ging jede getröstet und erleichtert fort, denn sie hatte die Betrübte angehört, als höre sie nur einmal eine, eben die eine, an, obgleich im Laufe der Nacht das halbe Dorf, soweit es Unterröcke trug und grauhaarig war, bei ihr in der Hinter- stube satz. Der Pfarrer konnte sich kaum losreihen von ihrem Anblick und sagte heimlich zu Christian: „Ja, zwei Alexandras in der Welt! Dann wär' die eine mein, und ich war kein saurer Innggesell geblieben." „Hei dei dolge, fahr'n wir über die Wolge bei mein' Tante Annemarie ... Die Jugend sang, tanzte, fang, trank und fang. Eine neue Tanzpause war eingetreten, und nun kam den Deutschen die große Feierlichkeit ins Herz. Sie fangen Lieder vom deutschen Vaterland, wo meine Wiege stand, so einfach und natürlich, als satzen Wie klein, wie ruhig erschien im Grunde die europäische Welt, bevor die Germanen handelnd in sie eintraten, ein Stilleben fast im engen Familienkreis: und welche rastlose Bewegung erfüllt sie seitdem! Gleicht jene dem Teich, den von Zeit zu Zeit der Sturm aufwühlt, so zeigt diese den ewigen Wellenschlag des Ozeans. Ihre Bewegung steigert sich fortwährend. Noch sehen wir kein Ende ab, ob uns auch manchmal der Atem ausgehen will. Wohin, wozu? Die Frage hat keinen Sinn, es ist Bedürfnis, Trieb, innere Notwendigkeit, die nicht fragt nach Zweck und Ziel, die nur unbekümmert dem eigenen Gesetze folgt und bei dem Gedanken erschrickt, daß sie einmal gezwungen sein könnte, stillzustehen: die in jedem errungenen Erfolg nur den Ausgangspunkt zu neuem Streben sieht, und ihr letztes Ziel erst in der Ewigkeit erblickt: so wie es Worte ausdrücken, mit denen Faust dem letzten, höchsten Augenblick entgegengeht: Im Weiterschreiten find er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick ... Hochzeit im deutschen Wolgadorfe. Von Josef Ponten. Auf dem Kirchplatz standen Wagen und Rosse. Die mit Papier- rosen geschmückten Tiere trippelten ungeduldig. In hohem Ton bimmelten die metallenen Glocken hoch in ihrem Krummholzstuhl, im Vogen über dem Mittelpferd des Dreigespanns, an den Beiläufern begannen die lose herabhängenden Schellenriemen ihr abgestimmtes Hundertglockengeläut, und irgendwo klirrten schon die Raspeln. Die Rosse bekamen einen Branntwein eingegoffen. Los fuhren die Wagen! Hans, der Bräutigam selbst regierte - er konnte es nicht lassen — entgegen der Regel die rotbebanderte Peitsche. Die Steppe rauchte. D,e Gefährte gatten in Wolken dahin. Die Kutscher fuhren um die Wette. Die Wolken vermischten sich. Nicht konnte ein Wagen die Fahrbahm dem Nebenbuhler sperren, der zu überholen versuchte, genug Platz war da, jedes Gefährt suchte auf der Straße feinen Weg. Poltern von Brettern, Knirschen von Leder, Schnauben von Rossen, Schreie von Menschen — ein fremder Steppenwanderer, der vor dem aufholenden Donner und Sturm in die Stoppel ausgewichenl war-- hatte in dem vorbeirasenden Staubspuk kaum etwas Dingliches und Menschliches erkannt und hätte nimmer geglaubt, daß es die langsamen ernsten Deutschen gewesen seien, die da vorubergetobt waren. „Ä Mm Ä&"”US "^Jn Bellmann aber"satzen sie und atzem Atzen und atzen. Sch!öps- fleisch und Schinken, Kohl und Kraut. Suppen, deutsche und rusi fische, Fisch vom allerbesten, Stör und Salm und Kaviar die Was ist es nun, das sich in diesen Erscheinungen offenbart, was ist es anders, als neben einer erstaunlichen Fähigkeit der Anpassung und Aneignung, die es den neuen Völkern erlaubte, in kurzem vom Erbe ihrer Vorgänger Besitz zu ergreifen, um es mit Zins und Zinseszins zu vermehren, eine noch erstaunlichere, nicht zu bändigende Lebenskraft? Von ihr legt ja die ganze Geschichte der germanischen Völker Zeugnis ab. Stärke, Lebensenergie, in allem und jedem ist es, wodurch die Germanen alle Völker, die vor ihnen waren, weit übertreffen: womit sie der Kulturgeschichte der Menschheit einen noch nicht dagewesenen Antrieb gegeben haben. Von Anfang an ist ihnen die Welt zu eng, ze klein. Von der Ostsee bis nach Spanien, von der Weichsel bis nach Nordafrika wandern sie. Mit ihren Kriegsschifsen umfahren sie ganz Europa, wo früher nur selten ein abenteuernder Händler eine schüchterne Küstenfahrt gewagt hatte. Mit den einfachsten Hilfsmitteln durchguerten sie die östliche Tiefebene von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Entfernungen sind für sie nicht vorhanden und Hindernisse nur dazu da, um überwunden zu werden. Sie sind dieser Eigenschaft treu geblieben bis heute, haben sie im Laufe der Zeit nur gesteigert und die anderen Völker mit fortgeriffen, sei es durch Blutmischung oder Beispiel. Sie sind die Hefe im abendländischen Völkerteig geworden, so datz mit ihrem Auftreten ein neuer Lebensprozeß für alle beginnt. Die gewaltige Willenskraft, die sich zu Anfang nur in Kriegszügen und Raubfahrten austobte, ist mit der Zeit gezähmt und auf friedliche Ziele gelenkt worden, die Leistung aber ist dabei ins Ungemessene gestiegen. Bald ist kein Meer zu weit, kein Berg zu hoch, kein dunkler Erdteil zu gefährlich, der ganze Erdball wird erschlossen, alle Seiten der Natur werden erforscht, alle ihre Kräfte, alle Elemente dem Menschengeist unterworfen und auch das Unbotmäßigste, die Lust, bezwungen. In rastloser Tätigkeit, in unermüdlicher Anspannung überwinden sie die anererbte Schwermut und geben dem grüblerischen Erkenntnisdrang, den sie mit den Griechen teilen, Ergänzung und Gegengewicht im Handeln, daß er nicht zu unfruchtbarer Träumerei entarte. Der deutsche Faust, der zuerst alles wissen, alles haben, alles genießen wollte, findet sein Ziel und seinen Frieden zuletzt im Wirken und Schaffen, im Kampf mit der Natur und in Ausbreitung des Reiches menschlichen Geistes und Willens. Umsonst hat der beredteste Denker dem Deutschen, dem Abendländer überhaupt, die Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben gepredigt, die der Natur östlicher Völker so gemäß ist. Die „Seligkeit willenlosen Anschauens , die Schopenhauer preist, kann dem Abendländer nur für Augenblicke genügen, viel eher wird er dem Wort desselben Philosophen beipflichten: das einzig wahre Glück sei, daß man sich der eigenen Kraft bewußt werde. Da hat auch aus dem Adepten orientalischer Entsagungslehre einmal die Stimme des eigenen Blutes mittelt: Braut, zieh nun den Brautkranz aus, morgen wirst du Frau im Haus. Grüner Klee, weißer Schnee, blüht die Jungfrau nimmermeh. Der.ntworMch: Or. Hans Lhyriot. - Druck und Verlag: Drühl'lche UniversitätS.Vuch. und Stetndruckerei. R. Lange. Gießen. Ton in der Hand des Töpfers. Von Arnold Bennett. Copyright 1932 by I.L.A.Wien. Der Ton des Töpfers ist ein lebendiges und daher unberechen- . bares Etwas, er gibt in der Tat unzählige Rätsel aufzulosen. Ein Teller mag dem Laien wie ein lächerlich einfacher Gegenstand erscheinen, und er meint wahrscheinlich, wenn er so etwas zu machen hätte, brauchte er nur die richtige Qualität Ton zu nehmen, ße I zusammenzukneten, zu modellieren und dann zu brennen. Die | richtige Sorte Ton ist aber im Naturzustand nicht zu f'«den. Das . Fundament einer jeden Topferwarenfabrik ist daher eine Werkstatt, in der ehrwürdige Manner verschiedene Sorten Rohton > überprüfen, und sie dann mit brutaler Maschinenkraft durcheilt- I andermischen lassen, in der Hoffnung, daß chr Produkt weiß und brauchbar sein werde. Die Männer, die sich damit bejassen, sind arau — sind grau geworden beim vergeblichen Studium von -reit- 1 dien ihrer Muttererde, die ihnen nicht selten Possen wielt^Und sie wieder sind Nachkommen von Generationen ähnlicher Manner. Und ihnen zur Seiten stehen junge Helfer, und auch ihr Haar wird sich bleichen, und der Ton wird ihnen immer neue Probleme auf- 3Ulsnie diese" Menschen haben nur mit dem Ton als formloser Masse zu tun. Das Formen der Substanz ist Sache einer andern Reihe von Männern, sowie ihrer männlichen und weiblichen Hilfskräfte: sie entsprechen weit besser als die erste Gruppe der her- | kömmlichcn Vorstellung, die man sich von Töpfer macht. Unter ihren Fingern wird wirklich eine blasse, geschmeidige Substanz geformt, die sich gleich als Ton erkennen läßt. Wohl werden sie dabei von Maschinen unterstützt, aber diese sind bloß ihre hirnlosen Diener. In vielen anderen Fabriken ist der Mensch Diener der 9i'asihine, bei der Töpferei wird er es wohl niemals sein. Die Finaer aller di-?'- °citte sind weit bessere Werkzeuge, als es Holz oder Metall j sein könnten. . Man betrachte nu; t jungen Burschen dort, wie er ein Stück Ton von einem riesigen Klumpen abreißt und ihn aitstoUL Nach der Geschicklichkeit seiner Finger zu schließen, könnte man glauben, daß er seit 100 Jahren nichts anderes macht. Man blicke eine kleine Weile weg und dann wieder zurück, und eins, zwei, drei — was ein dickes Stück Ton war, ist jetzt ein kleiner Teller und kein bißchen Ton ist übriggeblieben. Der junge Bursche hat genau die richtige Menge Ton für ein Geschirr abgerissen, dessen Maßver- hältnis wieder genau mit der Schablone übereinstimmen mutz. Oder man beobachte den Mann dort, wie er ein stuck Ton auf eine Drehscheibe setzt und mit seinen Händen einen Krug formt! Der Krug ivächst wie eine Blume. Wie durch Zauberkraft scheint er ihn ouS dem Drehtisch herauszuztehen. Der Tisch hört auf, sich zu drehen und der Krug ist fertig. Alle diese Menschen verstehen ß- rtn mfioin nnö Neckar, am Moselufer oder Donaustrand, und die Wolga, die drunten vorüberfloß, hörte sich mit keinem Wor trennen ©ie sangen diese Lieder, die vom fremden Land und Wasser sprachen, wie die Gläubigen in der Kirche singen von des ^inrniels Auen die sie nur im Geiste sehen. Hand 'n Hand saßen Burschen uud Mädels auf der Bank, und die Burschen sangen b--u »nd,ch am 9M«r, bald gras ich am Rhein, bald hab' ich a Schätzet, bald bin ich allein." Die Mädchen aber machten einen Sprung und sangen unver- unberech Teller, so einfach er aussehen mag, noch lange nicht vollendet. Allenfalls muß er nur glasiert werben ge- nrnhnlifh wird et aber noch verziert, da die Hausfrauen Gewicht m"f "ie Dekorativri legen. Und dann muß er sich nochi einerwenn nicht aar einer zweiten Feuerprobe unterziehen. Doch die Possen, die^das Feuer den Farbsubstanzen spielt, bereiten den Leuten, d e sich damit befaßen, keine geringeren Schwierigkeiten, als dre bereits eingangs geschilderten, durch die Launenhaftigkeit des ^on^> ^^Die"ser"letz§Teil der Fabrikation besteht in einem rein mechanischen Umdrucken von Schablonen, die anderwärts gezeichnet wurden und in einer ebenso mechanischen Anwendung von stossen für die ferne und unbekannte Chemiker verantwortlich stud Man betrachte zum Beispiel so einen Teller, um dessen Rand sich'eiickge"farbige RUige ziehen, breite und schmale Das alles scheint zu vollkommen zu sein, um von Menschenhand herzu- rAren. Und doch ist es die Handarbeit von jungen Frauen, und wird wahrscheinlich immer so sein. .. I Die Mal-Ateliers in den Tonwarenfabriken sind stets auch die ruhigsten und in der Regel auch die saubersten von allen Werkstätten. Sie sind die Domäne junger Frauen, die eine ungeheure Meinung von sich als wichtigen Faktor rm Weltall haben. Man sie wie sie ein Gefäß zur Hand nehmen und es mit I einer unbeirrbaren Geste genau in die Mitte eines kleinen Drch- I tisches stellen, wie sie einen breiten Pinsel ergreifen und ihn ruhig I uns fest an den Rand des Geschirrs ansetzen. Der Streifen ist I gemacht. Ein dünnerer Pinsel, und mit derselben Genauigkeit rd iebt ein weiterer Strich gezogen. Hierauf wird das Gefäß vom Ti!ck geschoben und ein anderes kommt an die Reihe, und dann I rnieöei ein anderes und so geht es fort in die Unendlichkeit. Denn Lu mutz sich vor Augen halten, daß- es Millionen und aber I Millionen von Gefäßen gibt, die mit Streifen und Strichen ver- | ziert sind, und daß jedes einzelne von jungen Frauen gemalt I hat man schnell erworben. Man könnte glauben, daß ihre Ein- I förmigkeit und Endlosigkeit diese jungen Frauen lanssiam zum I Wahnsinn treiben oder sie doch zumindest melancholisch machen I müßte. Doch keines von beiden ist der Fall. Im Gegenteil, d« I Beruf stattet sie mit einer wohltuenden Ruhe und einer gewissen I liebreichen Milde aus. Sie gehören zu den seltsamsten Produkten des Gewerbefleißes im allgemeinen und zu den seltsamsten Neben- I Produkten der Odyssee des Tons im besonderen. I Kein Mensch von Phantasie, der mit Intelligenz dieser Odyssee I öe§ Ton gefolgt ist, von seiner Einlagerung im Erdboden ange- | fangen, bis zu seiner letzten Vollendung am häuslichen Tisch kann ohne gewisse Empfindung einen Teller zur Hand nehmen. Wa» Ton daran war, ist allerdings tot, aber wieviele Abenteuer haben zu seinem Feuertod geführt und wieviel menschliche Gedanken sind in seiner ewig dauernden Härte eingeschlossen! (Aus dem Englischen von O. Embden.) den Ton — wie er eben in diesem besonderen Entwicklungsstadium SÄÄ Z VallLS ResuS SPhr- hunder?en Aber ihr! Anteilnahme geht über diesen Stand der kommen wir zu einer Gruppe von Männern, die den Ton in Form von Gefäßen in einen ungeheuren ^euerrachen fnerren wo er so gründlich verändert wird, daß er durch keinen rfrtmiirh'en Vrozeß mehr in seinen ursprünglichen Zustand zuruck- Lrwau öeÄr&t& ®tefe Männer sind viel geheimnisvoller und priesterlicher als die anderen. Sie arbeiten oft bei Nacht, und wenn sie einmal eine Arbeit in Angriff genommen haben so un- tprßretfien sie sie unter keinen Umständen, bevor sie Nicht vollendet ist Eine einzige Unachtsamkeit, und modellierter -ron im Betrage von vielen Zehntausenden kann unbrauchbar und wertlos werden. Sie wissen natürlich nicht, was in der Höchstglut vorgeht, die sie aeschassen haben und haben begreiflicherweise keine Möglich , sich selbst davon zu überzeugen, wie der Ton die Feuerprob - fiefit Sie können sich nur aufs Mutmaßen verlegen und s f ante Rater. Und sie raten schon seit der Zeit, da die Normannen Enaland erobert haben. Aber noch während sie das Feuer lang- i „erftIimmen laßen-der Prozeß des Abkühlens nimmt einige ÄeTn Anspruch - verharren sie in einem Zustand quälender Un@iftt6nalS6em der Töpfer, bis zur Taille entblößt, in das ge- 1 sveustifche geisterhafte Ofengewölbe eingedrungen ist, von dem nock irmn'er^eine solche Hitze ausströmt, daß Sie oder ich tn Ohn- I macht fallen würden, und nachdem er die blassen, gemarterten Je- schime partienweise herausgenommen hat, ist der Augenblick für I M« Sachverständigen gekommen, bei Hellem Tagesucyi zu oe |?s SÄ &ÄÄÄÄ2 SkxäS’S I weitere Prozeß gibt dem Ton Gelegenheit, feine Eigenwilligkeit zu Sn Selbst der Packer, der jedes Stück mit Stroh umwickelt, I xin Lied davon zu singen. Bekanntlich kommt es vor, daß I Töpferwaren bei einem Eisenbahnzusammenstoß 'vtakt bleiben, während sie bei der leisen Berührung durch eine junge Hausmagd I im Atome zerfallen können. Bis zu allerletzt bleibt eben d Jetzt aber sprang ein Kammerjunge auf und rief: „Könnt ihr auch die sieben Sprüng', könnt ihr sie auch tanze? Da ist mancher Edelmann, der die sieben Sprüng' nicht kann. Ich kann se. Ich kann fe!" Und er begann den schwierigen Tanz. Andächtig sahen alle zu. Ats der Tänzer müde war, brach er einfach ab, und die Leute standen einfach auf, formten sich zum Kreise und gingen an de Wänden der Stube entlang und sangen rote einen Choral. „Jetzt, Bräutchen, tu' dein Kränzlein ab, häng's an die Wand am Nagel. Trauer' drüber nicht so sehr, es hilft nun alles gar nichts mehr, ein Weibchen mutzt du werden. Die Brant aber war schon verschwunden. Die Gäste verschwanden auch einer nach dem andern tn der Autzentur, der Gesang erstarb. Die Hochzeitsfeier war zu Ende, einen zweiten Feiertag gab es Heuer nicht. . Der Schulmeister aber ließ tn der tiefen Nacht eine Stunde lana die Glocke läuten, ein fester Hörpunkt für die tn ferne ^)or- e? Fahrenbem damit sie sich nicht in der Steppe verirrten. Denn die Kutscher waren Weines trunken, auch das Weibsvolk sah die Sterne doppelt, und die Pferde waren noch nuitf ganz nüchtern ...