GietzenerZamilienbliittek Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <934 Montag, den t9. Zebruar Nummer 14 Auf eine Lampe. Von Eduard M ö r i k e. Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du, An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, Die Decke des nun fast vergess'nen Lustgemachs. Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand Der Eseukranz von goldengrünem Erz umflicht, Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreih'n. Wie reizend alles!, lachend, und ein sanfter Geist Des Ernstes doch gegossen um die ganze Form — Ein Kunstgebild' der echten Art. Wer achtet sein? Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst. Ein Mann namens Schmitz. Novelle von Wilhelm Schäfer. I. Vor einigen Jahren wollte in Zürich ein älterer Herr vom Glockenhof nach dem Paradcplatz gehen, um dort ein Auto zu nehmen. Indem er zu eilig aus der Talackerstrahe kam, sprang ihm ein Köter an der Ecke so zwischen die Füße, daß er über das quiekende Tier fiel: gerade da, wo sich das Wasser eines eben vorübergerauschten Sprengwagens zu einer staubigen Lache gesammelt hatte. Es geschah ihm weiter nichts Böses, als daß er sich in seinem blauen Anzug übel beschmutzt erhob,- aber er war unterwegs zu einem Besuch, der ihm einen Rosenstrauß wert sein mußte, und eben auf den war er hingefallen, so hart, daß die zärtlichen roten Köpfe zerquetscht in dem beschmutzten Seiden- papier hingen. „ ,, Während er dastand und nicht wußte, wie er das Päckchen loswerden sollte, das für seinen Zweck wertlos geworden war, überlegte er rasch, ob der Fall nicht ein günstiger Vorwand wäre, das Mittagessen abzusagen, zu dem er sich sowieso unlustig verspätet hatte. Denn der ältere Herr, ein angehender Sechziger von gesunder Frische, war ein Dr.-Jng. Herbert Schmitz aus Köln, der für seine Firma einen größeren Auftrag aus Zürich hereinbringen sollte. Das war ihm nun zwar gelungen, soweit der gedrückte Preis überhaupt eine Befriedigung zuließ,- aber er hatte sich an dem Morgen über die Schweizer geärgert, wie sie im Sattel ihrer gesicherten Währung saßen, als ob sich die Ewigkeit im Franken stabilisiert habe. Namentlich ein Doktor V.erwaldner war ihm tn den Verhandlungen peinlich gewesen, ein noch jüngerer Herr mit langen Gliedmaßen und weißen Gamaschen, der sein mokantes Lächeln für Ueberlegenheit hielt und sich mit der schweizerischen Zahlungsfähigkeit gleichsam als den Sieger im Weltkrieg auf- fpieltc. Durch den Verdruß war der Doktor Schmitz wenig geneigt und geeignet, im Hause des Oberst Bünzli für seinen Sohn auf die Brautschau zu gehen: als ob es in Köln an Mädchen aus guter Familie fehlte, die nicht ebenso gern oder lieber als Schwiegertochter in sein schönes Haus an der Marienburg gekommen wären! Aber der Sohn hatte sich im Winter zu Engel- berg in die Tochter Julie verliebt und auch ihr Jawort erhalten, so daß die Einladung zum Mittagessen nur noch die erste der nun beginnenden Förmlichkeiten war, in die er wohl oder übel eintreten mußte. Nachdem er bis zum letzten Augenblick eine Absage erwogen hatte, befand sich der Doktor Schmitz nach seinem Zwilchenfall mit den schmutzigen Kleidern und Händen und dem zerquetschten Rosenstrauß in einer herausfordernden Lage, vtt» Hotel zurückzugehen und sich umzukleiden, war es zu spat, weil er schon seit einer Viertelstunde auf dem Zürichberg hatte fern muffen. Das Vernünftigste schien ihm, die so knallenfalls erfolge Entscheidung hinzunehmen und also auf den Mittagszug nach -diiel zu gehen, der mit einiger Eile noch zu erreichen war. Als Geschäftsmann rasche Entschlüsse gewohnt, war er auch schon auf dem vernünftigen Rückweg, als in ihm der Kölner durchbrach, der sich schließlich nicht von einem Hund konnnandieren lassen konnte. Mit einer Plötzlichkeit, die zwei alte -r amen erschreckte, ritz er seine Füße nach dem Paradeplatz herum, sich dort, so beschmutzt wie er war, in ein Auto zu werfen. Als wäre da^ Ganze ein ausgezeichneter Spaß, lachte er aus vollem Hals m den Wagen, wie doch nur ein Mann namens Schmitz aus Köln lachen kann, wo bekanntlich auch in dem würdigsten Herrn der Knabe nie ganz verloren geht. Er kalkulierte nämlich so: mit den schmutzigen Hosen ist meine Verspätung entschuldigt. Wenn die Leute Humor haben, müffen sie das Mißgeschick mit scherzhaftem Mitleid aufnehmen, und wir kommen über die erste Steifheit fort. Denn er kannte weder die Tochter noch ihre Eltern: und von dem Vater wußte er nur, daß er Herr Oberst genannt wurde, also im bürgerlichen Leben der Züricher etwas Respektables vorstellen mußte. Es kam aber anders, als es sich der Doktor Schmitz ausgedacht hatte. Die Vorhalle des Hauses, die ihm von einem schwarzgekleideten Fräulein mit einer weißen Rüsche an der Stirn aufgemacht wurde, war abschreckend hell: es machte sich ohne Erklärung wenig humorvoll, hier mit beschmutzten Kleidern einzutreten und ein Bündel nassen Seidenpapiers mit zerquetschten Rosen in der Hand zu halten. Ich bin dabei, einen dummen Streich zu machen, stellte er fest und bat das Mädchen, das mit unverhehlter Mißachtung zunächst auf seine Hosenknie, dann prüfend in sein Gesicht geblickt hatte, mit gedämpfter Stimme, ob er den Hausherrn für einen Augenblick herausbitten dürfe. Während die schwarze Gestalt durch eine lautlose Tür verschwand, trat er rasch vor den Spiegel, der in die Marmorwand eingelassen war und ihm seine eigene Gestalt bis auf die unsauberen Schuhe zeigte. Hübsch siehst du aus, Herbert Schmitz, Dr.-Jng. ehrenhalber und Mitglied der Handelskammer, sagte er scherzend, den eigenen Schrecken zu dämpfen, daß nicht nur sein blauer Anzug, sondern auch der weiße Kragen und selbst sein Gesicht von dem bräunlich getrockneten Saft der Straße bespritzt war. Er holte zwar rasch sein Taschentuch heraus, sich abzutupfen: aber darüber ging die lautlose Tür schon zum andernmal auf, und der Oberst Bünzli stand vor ihm, die Hand noch an der Uhr, die er eben weggesteckt hatte. Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, Herr Oberst! begann er und klappte gegen seine Gewohnheit die Hacken zusammen, weil ihn der militärische Rang verwirrte: dann erzählte er rasch seinen Unfall, in der Hoffnung, daß die gemessene Miene des alten Herrn sich durch seine komische Schilderung aufhellen würde. Aber der Oberst trug einen weißen Nietzsche-Schnurrbart tn seinem rosig gesunden Gesicht, der nicht erkennen ließ, ob die Mundwinkel spielten: die Augen jedenfalls unter den weißen Büscheln bewegten sich nicht. Emilie, eine Bürste für den Herrn! befahl er und wies auf die umfängliche Wascheinrichtung, ihn der notwendigen Reinigung zu überlassen. Das Mädchen würde den Herrn Doktor dann ins Eßzimmer führen, wo sie ihn, in Ungewißheit über sein Kommen, nunmehr erwarteten. Es war dem Doktor Schmitz nach diesem selbstverschuldeten Empfang nicht mehr zweifelhaft, daß der Mittagszug nach Basel besser gewesen wäre, und der Galgenhumor, mit dem er sich reinigte, von der zierljchen Person mit der weißen Rüsche schweigend bedient, verging ihm jedesmal vor dem Spiegel, bis er es aufgab, sich besuchsfähig zu machen, und die einzige rote Rose, die noch unverletzt aus dem nassen Bündel starrte, verbissen herausholte, seinen peinlichen Gang anzutreten, zu dem ihm die schweigsame Führerin den Weg wies. Die lautlose Tür führte in die blanke Halle des Hauses und der Einbruch durch eine gläserne Wand nach recht in das Eßzimmer, wo die Familie Bünzli schon zu Tisch saß, fünfköpfig, weil auch die ältere Tochter mit ihrem Mann geladen war. Der Oberst, die Serviette noch in der Hand, stand gleich auf, den Gast der Reibe nach vorzustellen, von der Hausfrau bis zur jüngeren Tochter Julie, die ihm mit sichtbarer Neugier die Hand reichte. Als er ihr den aufgetraqenen Gruß sagte, war der Doktor Schmitz schon über die erste Bestürzung hinaus, daß die Mutter mit ihren beiden Töchtern gleichsam eine Person war, vielleicht ein wenig gemalter als sie, sonst aber die gleiche Sportgestalt mit kurzen, blond gebleichten Haaren: zum Ueberfluß waren alle drei in kaum verschiedener Schattierung lachsfarben gekleidet. Die zweite Bestürzung war die, daß der Schwiegersohn niemand anders als der Mann mit den weißen Gamaschen war, über den er sich in den hartnäckigen Verhandlungen am meisten geärgert hatte. Der Doktor Verwaldner begrüßte ihn auch im Familienkreis mit seinem mokanten Lächeln, das durch ein in Augen- bauenschmäle ausrasiertes Schnurrbärtchen gleichsam eine dauernde Verstärkung erhielt. Der einzigen heil gebliebenen Nose, die der Doktor Schmitz der Hausfrau mit einem bezüglichen Scherzmvrl überreicht hatte, gelang es nicht, die kühle Stimmung zu erwärmen. Sie wurde dem Mädchen mit einer mundartlichen Weisung weitergegeben, die er nicht verstand. Auch als sie dann zu sechsen an dem kreisrunden Tisch saßen — die Eltern einander gegenüber, der Vater von den beiden Töchtern, die Mutter von dem Schwiegersohn und ihm eingerahmt, so daß er zur Rechten der Hausfrau saß und selber Fräulein Julie zur Rechten hatte —, als er die von Emilie hingestellte Suppe im Hinblick aus die abgegessenen Teller der andern mit einem zweiten Scherzwort an die Hausfrau verdankte: Strafe müsse sein! sand er damit nur einen erstaunten Blick. Erst als der Hausherr in der Abräumungspause sein Glas hob, den Gast zu begrüßen, spürte der Doktor Schmitz eine freundlichere Luft. Die Worte waren offenbar genau überlegt, und sein Mißgeschick kam nicht darin vor,' aber sie klangen kernig wie ein Kommando, das die Marschrichtung angab. Und weil der Doktor Schmitz in die Marschrichtung mit einbegriffen wurde, kam er sich zum wenigsten nicht mehr als Störenfried vor Er hatte genügend Erfahrung, um zu wissen, daß Einladungen zum Mittagessen zeremonielle Handlungen sind und selten zur Fröhlichkeit führen. Diese war gleichsam die Ouvertüre zu einer Festoper, in der ihm seine Rolle vorgeschrieben war: und er fühlte sich schon mit seinem Auftritt durchgefallen. Um so dankbarer mußte er dem alten Herrn mit dem Nietzsche- Schnurrbart sein, der ihm mit seiner Begrüßung über den Durchfall hinweghalf: nun nicht mehr aus seiner Rolle zu fallen, nahm sich der Doktor Schmitz tapfer vor. Während das Essen danach seinen Fortgang nahm vom Fisch zum Braten, und der Sternwein von Neuenburg war auch für einen Rheinländer trinkbar, spielte er seinen Part mit all der Unbefangenheit weiter, über die er als Kölner verfügte. Seine Rezitativs über den Sport nach links und rechts gelangen ihm besser als die ersten Scherze: und auch seine Arie über die deutsche Währung, zu der ihn der Doktor Berwaldner herausforderte, fand keine ungünstige Aufnahme bei den Damen. Er hätte mit sich zufrieden sein können, wenn das der Zweck des Mittagessens im Familienkreis des Oberst Bünzli gewesen wäre Aber er war sozusagen als das sechste Rad am Wagen dieses Familienkreises eingeholt worden und mußte mit ihm durch eine Landschaft fahren, die ihm nicht zusagte, Es ist die Landschaft Gottfried Kellers nicht mehr! stellte der Doktor Schmitz heimlich fest und fühlte sich dem Oberst mit dem altmodischen Nietzsche-Schnurrbart zugetaner als seiner Familie, die den alten Herrn offenbar als ebenso überständig ansah wie ihn selber, seinen Generationsgenossen. Eigentlich ist es ein Operationssaal, in dem wir da essen! mußte er denken: indem aber sein Blick über diesen Gedanken gerade auf den schwarzen Knoten fiel, in dem das bedienende Hausmädchen Emilie ihr ungeschnittenes Haar unter der Rüsche trug, hatte er fast gelacht, weil ihm dieser Haarknoten und der Nietzsche-Schnurrbart als die einzigen Ueberbleibsel einer untergegangenen Zeit vorkamen. Nur die Mundart noch, in der sie von dem Achtzylinder des Doktor Verwaldner, von Greta Garbo und Strawinsky sprachen, war ebenso übriggeblieben: während sie im Mund des alten Herrn seiner urchigen Art angemessen ihren Rauhklang hafte, gellte sie aus dem Mund der drei Frauen, obwohl sie offenbar ihrem Gast zu Gefallen nicht eigentlich zürcherisch sprachen. Dies tat nur der Doktor Verwaldner mit Aufdringlichkeit, so wenig es zu seiner sonstigen Vornehmtuerei paßte. Und weil er neben dem zurückhaltenden Oberst meist das Gespräch führte, das gegen Ende der Mahlzeit lebhafter wurde, so beteiligte sich der Doktor Schmitz bald nur noch mit dem Gefühl eines Schwimmers, den die Kräfte verließen. Daß einem mundfertigen Kölner so die Sprache verschlagen kann! spottete er im stillen über sich selber und erneuerte noch einmal seinen Schwur, nicht mehr gegen den Stachel des Zufalls zu löten. Wenn mir ein Hund zwischen die Beine kommt, so bin ich eben gefallen und muß nach Hause gehen. Ich kann meiner Vernunft einen Entschluß abzwingen, aber ich kann keinen Zufall nach meiner Pfeife tanzen laffen, weil er selber die Pfeife ist, nach der ich tanzen muß. Und ich hätte mich besser gefügt, als in diese Famtlienmahlzeit zu kommen, die am Ende für mich doch nur eine Art Gerichtsverhandlung ist, bei der gegessen wird! sFortsetzung folgt.) $'d):e spricht. Von Walter v. Molo. Fichte legt im Vorzimmer den Hut ab. Er streicht sich das dunkle, ungleich verschnittene Haar aus der klobigen Stirn. Er preßt die Hände an die Schläfen. Er läßt die Hände sinken. Erhobenen Hauptes schreitet Fichte in den Hörsaal. Alte und junge Menschen erheben sich: Fichte erblickt auf der vordersten Bank- rethe ein Zeitungsblatt, Fichtes strenger Blick verfinstert sich, gewalttätig streckt er die Hand. Eilig wird ihm die Zeitung gereicht. Er schleudert sie verächtlich zur Erde und tritt mit dem breiten Fuß darauf. „Zur Umerziehung des Menschengeschlechtes durch uns Deutsche, von der ich gestern sprach", beginnt Fichte, kopferhoben, mit starker Stimme, „gehört in erster Linie, gehört als Fundament, die sofortige Beendigung des schmählichen Federkrieges, in dem wir uns unter dem Gespötte der anderen Nationen und unserer Feinde mit leerem Geschrcie anklagen! Es ist Kurzsichtigkeit parteiische, anmaßlichc Pöbelmeinuilg, zu glauben, daß ein großes, gemeinschaftliches Menschenunglück, wie es unser gegenwärtiges Unglück ist, durch eine einzige Regierung oder durch wenige Männer entstehen konnte. Genug der Selbstanklagen! Endlich genug damit! Man weint nicht über ein heilsames Ereignis! Tief verdammenswert und sehr schuldig am Unglück sind die", spricht Fichte, strafend über die reglosen Köpfe unter sich hinwegsehend, „die früher hündisch ergeben allem schweifwedelten, die jetzt, als ergebene Lakaien der über uns jetzt äußerlich herrschenden Gewalten, jetzt, da das Ungeheure geschehen ist, urplötzlich alles angeblich wissen, was wir vorher hätten tun und lassen sollen, was früher hätte geschehen sollen!" Befehlend hebt Fichte die Hand. „Einigkeit ist not: wir waren lange genug entzweit! Weg die Journalkanaillen! Weg damit!" Zornig, gehorsam raschelt es allenthalben im Saal. Zerknittert, zerknüllt, verächtlich von den Füßen zu Boden getreten und gestoßen, liegt Berlins öffentliche Meinung auf dem Fußboden. „Deutsch fein", spricht Fichte dröhnend in den atemlosen Saal, bei geballten Fäusten und vorgestellter Stirn, „heißt Charakter haben! Charakter wird nicht durch freche Gehirnapotheker und eitle, schmalbrüstige, selbstische charakterlose Moralhornisten erzeugt, der Charakter ruht und wächst allein in der Selbsttreue der menschlichen Seele! Diese Seele, als Gewiffen in uns fühlbar, stellt an Sie die Frage: Wollen Sie zu Ihrer Besiegung auch noch die Ehre verlieren? ... Unsere Zeit gleicht einem Schatten", spricht Fichte, „der über seinem eigenen Leichnam steht, aus dem ihn eine Legion von Krankheiten trieb. Der Schatten unserer Vergangenheit jammert noch immer zuviel in Ihnen! Reißen Sie Ihre Blicke von der alten Hülle los! Suchen Sie nicht in die Behausung der Seuchen zurückzukehren: laßt fahren, laßt fahren dahin, ich kündige Euch neue Zeit! Die Zeit des deutschen Geistes will sich erfüllen! Geist ist Tatsächlichkeit!" spricht Fichte bei flammendem Blick. „Worum die Masse streitet, das ist leerer, aufgeblasener Schein! Nur der Geist kann uns erretten! Schassen Sie dem Geist freie Bahn! Wir müssen den Geist auf den Thron unseres Volkes setzen! Das ist unsere Aufgabe, bas ist unsere Pflicht! Das allein kann unsere Rettung fein!" Fichte senkt den Kopf; er ringt die Finger auf dem Rücken ineinander. „Groß ist die Not", spricht Fichte, „wir kämpfen ums Leben. Nicht kleine Mittel geziemen uns; kein Mensch und kein Gott kann uns helfen; es geschehen keine Wunder! Die trüben Wasser sind im Begriff, uns endgültig hinabzuziehen. Kleinmut und Haltlosigkeit, Schmutz, Lug, Trug, Charakterlosigkeit, Egoismus, Apathie, Dummheit und Verzweiflung sind Herrscher, das sind nicht die Mittel, um heraus- und wieder hochzukommen. Verschließet die Ohren nach außen, horchet endlich in Euch! Humanität, Liberalität und Popularität. Was ist das? Sitzt der Lähmung des fremden Phrasenschwulstes nicht auf! Besaßen wir Deutschen nicht seit je Menschenfreundlichkeit, Leutseligkeit und Edelmut? Wir tragen diese Eigenschaften ererbt in uns, sie fließen iy unserem Blut, sie steigen erhaben aus unserer großen Vergangenheit auf. Sie grüßen Sie und mahnen Sie mit ehernen Zungen: Besinnt Euch, daß wir deutsch sind! Nie sahen die Wertvollen unter uns den Zweck des Daseins in den Gütern dieser Erde erfüllt! Nie bat der Deutsche von der Ausnutzung fremder Völker gelebt! Wir sind in die Welt gesandt, um das Unvergängliche im Zeitlichen aufzupflanzen! Wir tragen die Ewigkeit in uns, mehr als jedes andere Volk! Was ist unsere nationale Einheit? Tiefster Glaube an die Unendlichkeit ist sie, an die göttliche Kraft unserer Seelen in der Jrdischkeit! Wir sind das Herz der Welt. Versinken wir, so versinkt die Menschheit mit uns. Darüber seien Sie sich klar!" Fichte hält inne. Fragende Unruhe flutet unter ihm auf. Fichte fixiert einen Herrn, der eifrig auf dem Eckplatz zunächst der Türe mitschreibt; der Mann sieht erschrocken auf; alles starrt aus ihn und auf Fichte; der Mann verfärbt sich; er erhebt sich, Fichte zeigt zur Türe. „Hinaus, Monsieur!" Als zöge ihn Fichtes gebietende Fingerrichtung mit sich, schleicht der Mann zur Türe. „Hinaus den Spion!" schreit eine Stimme im Saal. Zwei, drei, das ganze Auditorium brüllt auf. Der Mann ist verschwunden. Fichte läßt den Arm sinken. Sein Antlitz erstarrt zu neuem, zu drohenderem Ernst. „Wenn die Erdrosselung und Nichtachtung eines jeden Volkes verbrecherisch ist", fährt Fichte fort, „so ist es die Unterdrückung unseres Volkes erst recht! Sie ist Mord an der Gesamtmenschheit! Dagegen rufe ich Sie auf! Deswegen stehe ich hier! Sie haben um der Menschheit willen national zu sein! Wenn Sie um der Menschheit willen, wie es Ihnen geraten wird, Ihre Nationalität aufgäben, so wäre das soviel, als wolle ein Mensch beten, dadurch, daß er Gott lästert! Deutschland ist von Gott! Wenn die Menschheit weiter bestehen soll, müssen wir Deutschen weiter bestehen! Nennen Sie mir", spricht Fichte bei sicherem, Hellem Blick, „nennen Sie mir doch die Dichter und die Denker, die Gesetzgeber der anderen Völker, die so wie die unseren jede Regung der Zett und der Völker nur in Hinsicht auf den Gesamtsortschritt der Menschheit prüften und werteten?! Dem Ausland geht es um spießbürgerlich nivellierende Gleichheit, um sattmachenden inneren Frieden, um hohlen äußerlichen Nationalruhm, um häusliche verschimmelte, sogenannte Glückseligkeit, um Phrasen! Und geht es um der Menschheit Sittlichkeit! Üm der Menschheit Emporcntwtck- lung, uns geht es um Gott!" Glänzend sind die Augen zu Fichte emporgerichtet; Fäuste haben sich geballt, ergriffen gesenkt sind die Köpfe, heiß, inbrünstig zustimmend nicken Gesichter. Fichte atmet hoch auf. „Viel Ungemach muß der Bauherr erleiden", spricht Fichte, „der trachtet, die Zinnen dem Himmel zu zu erhöhen. Ich p reise (Agricola = der Landmann, Porcia - der Schweinzüchter u. a). Die Namen der alten Germanen erzählen uns von Kampf, Sieg und Waffen und liefern damit den Beweis für ihre hervorragenden charakterlichen Eigenschaften. Auch noch in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung kamen die Menschen mit diesem einen Namen bei den damaligen einfachen Verhältnissen aus. Allerdings führen bereits die Römer zwei, nicht selten sogar drei Namen. Außer dem Vornamen ivird die Familie und gegebenenfalls die Sippe oder das Geschlecht angegeben (z. B. Marcus Tullius Cicero). In Deutschland dagegen blieb man bis gegen das Ende des 11. Jahrhunderts bei dem einen Namen. Allerdings ging Vas nicht ohne Mißverständ- nisse und Verwechslungen ab, besonders als mit der Zeit die Bevölkerung immer zahlreicher wurde. Es war naturgemäß dann gar nicht selten, daß in einer kleinen Ortschaft Dutzende von Personen des gleichen Namens vorhanden waren. Durch die nun immer häufiger auftretenden Mißstände bei der Bezeichnung eines Menschen wurde man doch schließlich veranlaßt, noch besondere Benennungen, eben die Familiennamen, zu schaffen. Dies ist naturgemäß nicht so zu verstehen, daß mit einem Schlage Familiennamen angehängt wurden. Ihre Einführung ist im deutschen Sprachgebiet zu ganz verschiedenen Zetten vor sich gegangen, bedingt durch die jeweiligen Bedürfnisse, wobei die Verkehrsver- hültnisse, die Entwicklung und Ausdehnung von Handel und Gewerbe eine äußerst wichtige Rolle gespielt haben. Der Brauch, Familiennamen anzunehmen, hat sich naturgemäß in dichtbevölkerten Gebieten und Ortschaften zuerst vollzogen. Von hier aus verpflanzte sich dann diese Sitte auch nach dem flachen Lande. So begegnen uns die ersten bürgerlichen Familiennamen in Süd- und Westdeutschland, später tauchen sie auch in Mitteldeutschland auf und zuletzt im Norden Deutschlands. Während der Adel zu dem Vornamen den Namen der Burg, des Schlosses oder des Grundbesitzes fügte, traten bei den Nichtadeligen ebenfalls einzelne Beinamen auf, die z.'B. vom Wohnort oder der Wohnlage abgeleitet waren sz. B. Amthor, Zurlinden). Anfänglich begnügte man sich jedoch mit dem Brauche, den . eigenen Personennamen dem des Vaters anzuüängen. Da aber die Zahl der im Gebrauch befindlichen Personennamen noch ziemlich klein war, so entstanden oft Irrtümer, da naturgemäß mit der Zeit die Namen in der betreffenden Familie wiederkehren mußten. Eine große Anzahl Familiennamen weisen noch heute auf den Namen des Vaters hin. Janson bedeutet Sohn des Jan. Vielfach wurde im Lause der Zeit „Sohn" zu „sen" abgeschwächt, wie in Petersen, Hansen, Andersen, Mommsen (= Sohn des Mommo) u. a. Oftmals genügte auch der einfache Genitiv (Wes-Fall) vom Namen des Vaters. So ist Sievers = Siegfrieds Sohn. Die Mode, den Familiennamen lateinisch auszudrücken, bringt es auch mit sich, daß der Genitiv des Vatersnamen sich weiter vererbt. Aus Martinus, filius Arnold! (Martin, Arnolds Sohns wird kurzweg Martinus Arnoldi. Allerdings kam später die Anwendung des Nominativs (ersten Falles) wieder mehr zur Anwendung. Eine andere Art der Familiennamen ist dadurch entstanden, daß man den Namen des Standes oder Gewerbes dem Vornamen beifügte. Da im Mittelalter mehr als heute der Sohn auch den Beruf des Vaters übernahm, so wurde damit auch die Fortführung des Familiennamens erleichtert. Bei den auf diese Weise gebildeten Namen erkennen wir heute noch die weitgehende Teilung der alten Gewerbe (z. B. in Pfannschmidt, Blechschmitt u. a.). Weiterhin finden wir solche BezeiKnungen, die heute nicht mehr verstanden werden. * Eine große Zahl der Familiennamen erinnert an das Kriegs-, Handwerk, an die Jagd und das Weidwerk (z.B. Armbruster, Pfeil, Schweriner, Degen, Jäger, Weidner, Weidemann usw.). Die Verschiedenheit in der mundartlichen Bezeichnung der einzelnen Handwerkerberufe bringt eine große Anzahl unterschiedlicher Familiennamen mit sich. Hierher gehören die Namen Becker und Beck, Töpfer und Häfner, Fleischer, Metzger und Selzer, Bader, Stöber, Scherer, Scheer usw. Manche Standes- oder Gewerbenamen sind ganz besonders häufig: Meier, Schulze, Müller, Schmidt.. Die Häufigkeit dieser Namen gibt oft zu Verwechslungen Anlaß, die auch dadurch nicht vermindert werden, daß neben Meier die Meyer, Maier, Mayr u a. treten. Das überaus häufige Vorkommen gerade des Namens Meier machte noch zahlreiche Unterscheidungen notwendig, so daß bald neue Familiennamen wie Ober-, Neu?, Wiegmeier ulw. entstanden. Die Herkunft des Wortes selbst ist sehr interessant. Das lateinische Wort major domus bezeichnete ursprünglich den königlichen Haushofmeister. Später ging diese Bezeichnung auf alle diejenigen über, die in einem besonderen Lehnsverhältnis standen und kurz Meier genannt wurden. Es waren dies in erster Lime die Verwalter der königlichen Güter, die die Aufgabe hatten, die Hofhaltungen mit Lebensmitteln zu versorgen. Mit der Zeit wurde der Meier selbständiger Besitzer, also Bauer. Wenn der Name heute bis auf wenige Ausnahmen als Berufsbezeichnung geschwunden ist, so erkennen wir doch noch seinen Sinn, der etwa gleichbedeutend mit „Bauer" ist. Außerdem sind noch zu erwähnen, die von Ortschaften, Landern, körperlichen und geistigen Eigenschaften (auch als Spitz- und Spottnamen), Tieren, Geräten usw. entlehnten Namen. Hierher gehören die Familiennamen wie Vrommersheim, Krumbach, Schweizer, Schlesinger, Klein, Schön, Kluge, Fuchs, Pflug, Pfann- ^«Vielfach ist die Uebernahme und Weiterführung der Familiennamen ohne oder wenigstens mit ganz geringen Veränderungen der Namen vor sich gegangen. Teilweise haben aber auch Verstümmelungen oder Umwandlungen stattgefunden, oft hervorgerufen durch undeutliche und fehlerhafte Schrift, so daß man die diesen Bauherrn! Er läßt uns hilflos stehen, wenn wir abirren. Wir werden uns erheben", ruft Fichte, „unser Unglück hat uns gemahnt! Höher denn je!" Fichte dreht den Kopf zum Fenster. Es ist jäh totenstill: Spielerische französische Blechmusik hallt dünn von der Straße in den Saal empor. „Laßt die an den Sieg glauben, die nur- das Heute sehen", spricht Fichte. „Wir sehen das Morgen! Wir wissen, daß das Heute, das wir erleben, kein Ende ist, es ist nur ein Anfang! Die Ewigkeit trat einen Schritt zurück, um neue, um doppelte Kraft zum Sprung vorwärts und aufwärts zu gewinnen! Macht Liesen Schritt! Sie werden diesen Saal als neue, als bessere Menschen, als einige Deutsche verlassen!" befiehlt Fichte. „Fassen Sie sofort diesen Entschluß! Nur der, der jeden Deutschen Bruder nennt, ist deutsch, nur der, der alles dafür aufgibt, der entschlossen ist, für diese Gesamtheit zu sterben, besitzt die wahre, die allmächtige Vaterlandsliebe. Seien Sie bereit! Frei will jeder Mensch sein, der Deutsche voran! Die Freiheit zu lieben, ist das Leben! Es darf nicht dahin kommen", schreit Fichte in den Saal, ,dah das Wort deutsch zur Legende wird! Wehrt euch! Umarmt euch, verbrüdert euch, sofort! Ruft die Erinnerung an das alte Deutsche Reich in euch wach! Ich beschwöre euch! Ihr Jünglinge", spricht Fichte, „ihr steht noch der Unschuld der Natur nahe. Wollt ihr nicht Verbesserung? Ich beschwöre euch Alte, beratet die Jugend! Stärkt ihr den Mut durch eure Erfahrung. Stärkt ihr bas Gefühl der Scham, daß sie sieht: selbst bas Alter will mehr als wir. Das Vaterland des Deutschen ist", spricht Fichte, „das Haus jedes Landmannes, das Heim jedes Bürgers, die Hütte jedes Arbeiters! Von unten auf wächst die Kraft! Uns umschweben die Geister unserer Vorfahren! Sie flehen mit gerungenen Händen: ,Ueberltefert unbescholten unser Andenken der richtenden Nachwelt! Nicht vergeblich wollen wir mit unserem Blute die Freiheit der deutschen Berge und Ebenen erkämpft haben!' Euch drohen die Ungeborenen! Sie wollen nicht, daß ihr die Kette abreißen laßt, die sie an die große Vergangenheit der Menschheit anbinden soll! Das Ausland beschwört euch! Wir kämpfen für alle, die blind und geknechret sind! Sollen die Besten der Menschheit umsonst an die erhabene Verheißung des göttlichen Rechtes geglaubt und dafür gelitten haben? Sie flehen euch an, meine Brüder und Schwestern, aus ihren Gräbern: .Rafft euch auf!' Fühlt ihr die flehenden Arme, die uns umhegen? Hört ihr die klagenden Stimmen der Zermarterten um uns? Uns Deutsche beschwört der göttliche Weltplan l Die Entscheidung fällt! Durch uns! Wir haben zu entscheiden, ob der Mensch ein sinnloses, unfreies Tier ist, ein Vieh. — ob das Fühlen unserer gepreßten Seelen berechtigt ist, ob nicht, ob es Höheres gibt, als das schmachvolle Dasein, das wir jetzt führen! Die Entscheidung darüber ist in eure Hand gegeben!" Fichte tritt in den entflammten Saal. Dankende, schwörende Hände strecken sich Fichte entgegen. Weiche und harte und schwielige Hände. „Als der Feind Berlin besetzte", spricht Fichte aufgereckt, „da mahnte euch ein feiger Greis zur ,Ruhe'! ,Ruhe sei die erste Bürgerpflicht'. Ich sage euch, Brüder", rüst Fichte, „die Menschcnpflicht ist nicht Ruhe, Kampf ist sie! Ewiger Kampf, Kampf in Ewigkeit! Trefft die Entscheidung!" Fichte senkt den Kopf,' er verläßt, den Kopf vorgestellt, den Saal. __________ Oer Ursprung der deutschen Familiennamen. Von Ernst-August St.einmann, Gießen Ohne sein Zutun erhält der Mensch bei der Geburt seinen Namen. Der Familienname steht heute unveränderlich fest. Daher sollte bei der Auswahl der Vornamen mit der größten Vorsicht verfahren werden. Häufig werden nämlich den Kindern Namen gegeben, deren eigentliche Bedeutung den Eltern meist unbekannt ist! Eine Anpassung an den gerade herrschenden Geschmack, eine gewisse Mode sind bei der Auswahl von ausschlaggebender Bedeutung. Eine derartige Namengebung ist in den meisten Fallen abzulehnen. Die Eitelkeit der Eltern sollte nicht so wert getrieben werden, ihren Kindern falsche oder unpassende Namen zu geben. Der Vorname darf nicht im Widerspruch zu den äußeren Verhältnissen und nicht zu der Person des Trägers stehen. Besonders auffällig macht sich die falsche Namengebung in den bäuerlichen Kreisen bemerkbar. Unsere alten klangvollen und darum ichonen bäuerlichen Vornamen sind leider fast ganz in Vergessenheit ße= raten. Es tut einem in der Seele leid, wenn man sicht, wie sich die Verstädterung auch in den Vornamen selbst der rein bäuer- ^^Die^Uidogernmnen hatten nur Vornamen und keine Personennamen (Geschlechtsnamen). Diese bildeten die ausschließliche Bezeichnung des Menschen. Sie waren (außer rühmenden Beinamen, Vergleichungen, Spitznamen) Zusammensetzungen aus zwe, Stammen, die den sogenannten Namen-Wörtern entnommen wurden (z. V. Peri-kles „über die Maßen berühmt", Siegmar, „siegberuhmt , Walt-Hari, Walther, „des Heeres Walter" usw.). So sind diese Zusammensetzungen ursprünglich sehr sinnvoll gewesen. Als jedoch die Sitte aufkam, einen Teil des Vaters- oder der Mutte^mmen oder Teile beider Elternnamen bei der Bildung des Kindes- nvmmen zu verwenden, sind schon früh zahlreiche Namen ohne greifbaren Sinn entstanden (z. V. Heribrand, Hiltibrant, Haöu- braUt: Vater, Sohn, Enkel). Die Vornamen sind uns für das Verständnis der Völker sehr wichtig. Aus ihnen kann man das Wesen, die Seele eines Volkes aufschlußreich kennen lernen. So hatten die dichterisch hochbegabten Griechen auch zwei meist schwungvolle Namen «Kleophanos - ruhmstrahlend. Nikophano» = siegprangend), dagegen finden wir bei den mehr auss Praktische eingestellten Römern in der Regel auch mehr prosaische Namen ursprüngliche Form heute nur sehr schwer oder überhaupt nicht mehr erkennt. Vielfach sind aus einem Namen so viele Formen hervorgegangen, daß ihre Verwandtschaft nicht zu sehen ist. Durch dieses Umformen und Abschleifen entstanden z. B. aus Siegfried neue Namen wie Seyfried, Seefricd, Siefert, Süffert u. a., oder aus Richard Reichart, Reichert, Reichelt, Neichmann, Riemann usw. Auch die aus kirchlichen Namen entstandenen Familiennamen mußten sich oft Veränderungen, Kürzungen usw. gefallen lassen. Nur die verhältnismäßig kurzen Namen wie Thomas und Lukas blieben meist unverändert. Dagegen hat man aus Erasmus Asmus und aus Benediktus Benedikt bzw. Bendix gemacht. Erwähnenswert ist noch, daß die Familiennamen erst gegen das 14. Jahrhundert zu rechtlichen Bezeichnungen wurden, die sie ja heute noch sind. Schon diese wenigen Beispiele zeigen recht deutlich, wie unsere Familiennamen eine reiche Fundgrube kulturgeschichtlicher Begebenheiten sind und' vielfach bei richtiger Deutung auch in. der Regel sichere Schlüsse auf die Vorfahren zulassen. Damit schlagen wir gleichzeitig eine Brücke zu der heute so wichtigen Ahnenforschung. Mein freund Joke. Von Edzard H. Schaper. Ich wanderte des Nachts durch die Straßen, zwischen aufgetürmten Giebeln der Altstadt und unter den grellen Bogenlampen in engen Gassen. Der Regen sank, und die Laternen schwebten zwischen den Wänden. Selten ein Licht. Da und dort verschrie sich ein Lautsprecher, und Schatten kreuzten ferne Ecken, auf die der Blick durch lange Häuserzeilen ging. Unwillkürlich blieb ich stehen, als der weiße Schein eines Gaslichtes zur Seite mich streifte. Er drang aus einem immer noch erleuchteten Laden auf die Straße. Ich trat an die Scheibe — und blieb länger und länger stehen. Ein dünnes Fensterglas nur trennte mich von einem kleinen, halbhellen Raum, ich spähte an den Schatten einer Unmenge von schlafenden Pfeffervögeln vorbei auf zwei Männer, die unter dem Licht standen und redeten. Der eine von ihnen trug einen kleinen Affen wie ein Kind auf dem Arm, und wie einer Mutter hatte das Tier ihm die Arme um den Hals geschlungen und den Kopf an seine Schulter gebettet. — Allzulange blieb ich vor diesem Fenster stehen und ging erst weiter, als der eine von ihnen sich aflschickte, den Laden zu verlassen. Aber nun ging ich durch eine ganz andere Nacht. Immerfort dachte ich an den Mann mit dem Affen auf dem Arm, — wie gut er es hatte, das Vertrauen des kleinen Tieres zu besitzen, und wie wenig ich besäße, wenn ich Tage und Nächte allein verbrachte. Und als ich endlich aus dem Gewirr der Häuserzeilen in den fernen Park kam, war ich ganz schwindlig vor Sehnsucht nach einem Tier, einem Affen, dem ich einen Arm zum Sitz, meine Schulter, um den Kopf daran zu betten und meinen Hals, seine Arme darum zu schlingen, bieten konnte. Die Sehnsucht dieser Nacht verließ mich fortan nie. Am nächsten Tage begann ich meinen Affen zu suchen. Im Hellen ging ich durch alle Straßen, wo sich nur ein Geschäft vermuten ließ, in dem ich ihn kaufen konnte. Ueber seinen Preis dachte ich nicht weiter nach. Fand ich eins und ging hinein, dann wollte irgendeine schmierige Frau mir für viel Geld eine häßliche Meerkatze aufschwatzen, die während der Verhandlungen wild an den Stäben ihres Käfigs rüttelte und die Zähne gegen mich fletschte. Das Raubtier hieß stets: Jumbg! Geld hatte ich nicht! Ich spürte weiter. Irgendwann einmal hoffte ich in der Zeitung ein Inserat zu finden, verheißungsvoll lautend: „Junges Aeffchen billig nur in gute Hände abzugeben." Niemals fand ich das Inserat. Aber am Abend meines ersten Such-Tages hatte ich schon alle Orte in meinem einzigen Zimmer ausgemacht, die meinem künftigen Kameraden lieb sein konnten. Als Ausguck sollten ihm die Dachbalken dienen, hinter dem Ofen sollte sein Bett stehen, da seine Schaukelstange, dort sein W. C. — dort entlang sollte seine Promenade führen, — alles war ihm schon überlassen, und er war noch nicht einmal da. Eines Nachts beschloß ich sogar, große trockene Aeste an der Decke aufzuhängen, um es ihm heimisch zu bereiten. — Ich suchte weiter und fand ihn nicht. Nach einigen Wochen fuhr ich eines Nachts auf dem Lastauto einer Speditionsfirma nach Hamburg. Jeder Verkäufer hatte mir erzählt, die Matrosen brächten gar keine schönen Affen mehr mit. Matrosen waren also die Vermittler?! — Durch einen nebligen Morgen führte mein Weg dort kreuz und glier. Ich lief an den Hafen, wo ich die unberührtesten Affen finden zu können glaubte. Ich stieß auf Zierfisch- und Singvogel- Händler, aber einen Assen sah ich nicht. Unschlüssig stand ich 'zuletzt an der Sankt-Pauli-Landungsbrücke, vor einem Heuerbüro. Da kam mit einem Male ein Mann vom Wasser, die Seekiste in der Hand — und ans seiner nur einmal geknöpften Jacke sahen zwe, große, große, traurige Augen in den kalten Sonnenschein des Wintertages. Diesem Manne ging ich drei Schritt entgegen. „Guten Tag!" sagte ich, „ein schöner Affe!" Der Mann wollte nicht stehen bleiben, mehrmals mußte ich hinter ihm herlaufen und rufen: „Sie! Hören Sie! — Sie! Sie! Aber hören Sie doch!" Endlich blieb er, vor der Tür des Heuerbüros, stehen, und fragte 'such aus dänisch, was ich denn von ihm wolle. Gott sei Dank verstand ich ibn. Nach langem Reden kaufte ich ihm den Affen ab. Er hatte ikm eigentlich seiner Iran mitbringen wollen, aber da hatte ich ibm zu einem ganzen Ast Bananen geraten. Er sah ein, daß i es paßender war. Zwetundzwanzig Mark legte ich ihm in die ' Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl' Hand, und er nahm aus dem Rock den traurigen Affen, der mit einem Male zu fauchen begann, sich wehrte und beißen wollte, und den ich mit Mühe und Not bis zu einem Geschäft beförderte, in dem es Körbe zu kaufen gab. Frierend langten wir zu Haus an. Nichts rührte sich in meinem Korb, und ich stellte ihn in eine Ecke und begann Feuer anznmacheu und mein Bett zu richten: nun erst merkte ich die Todmüdigkeit nach zwei schlaflosen Nächten, die eine davon auf dem Sitz des polternden Lastzuges verbracht. Wie es später wurde und alles mir dazu angetan schien, mein Glück jetzt in Empfang nehmen zu können, nahm ich den Korb, stellte ihn vor mich hin und öffnete ihn. Nichts kam zum Vorschein. Ich wartete — wartete —, endlich ging ich zur Seite und setzte mich. Und da sah ich, rote mein Kamerad unbeweglich in seinem Korb hockte, die Hände auf den Rand gelegt, wie in einer Fesselballongondel, und sich Licht und Wände aufmerksam und traurig betrachtete. Ich wollte mit ihm sprechen, doch ich wußte ihn nicht anzureden. Nach und nach entsann ich mich, daß ich als Namen für einen Affen immer „Joko" gelesen hatte. „Joko!" sagte ich, „willst du nicht herauskommen?" Joko rührte sich nicht. Ich streckte ihm meine Hand hin, er sah sie nur unverwandt an. Mit einem Male aber sprang er aus dem Korb und wanderte neugierig im Zimmer auf und ab. Späterhin kletterte er wirklich auf den Dachbalken und besah die Schränke von oben. Ruhig ließ ich ihn gewähren, kleidete mich aus und ging zu Bett. Die brennende Lampe stand neben mir, und er konnte mich immer sehen. „Joko!" rief ich dann und wann und lockte ihn mit einer Nuß. Er kam nicht. Als ich ein Buch zur Hand nahm und las, kletterte er herunter und fing feine Wanderungen zur ebenen Erde an. Da begann ich ihm zuzusehen. Langsam stieg er vom Stuhl auf den Schreibtisch und griff in die Papiere. Ich wollte aufspringen und ihn hindern, dann aber besann ich mich und ließ ihn gewähren. Und er nahm die umherliegenden Papiere, besah sie nur, ließ sie zumeist wieder fallen. Manche — die farbigen — zerknüllte er. Es war so still, und ich wurde schläfrig trotz der Spannung. „Joko!" rief ich immer wieder und rettete mich damit vor dem Einschlafen. „Joke!" da tauchte zum ersten Male der Name auf, den er behielt. — Joke, dachte ich, es heißt im englischen: Spaß! Der Name soll ihm bleiben. Joke kletterte vom Schreibtisch. Ich hörte ihn unterlaufen. Leise rote eine Katze, nur viel unregelmäßiger im Schritt. Dieses stille, spürende Dasein ließ mich einschlafen. — ... Bis ich auf einmal erwachte. Seine Hand fühlte ich auf meiner Stirn. Und als ich, ohne mich zu regen, nach ihm spähte, sah ich ihn auf dem Bettrand sitzen. Ganz versunken hockte er dort. Die eine Hand hatte er halb erhoben, die andere fuhr behut- fam über meine Schläfe. Seine Augen waren so unendlich tief und geheimnisvoll. „Joke!" sagte ich leise, „warum mußt du dort sitzen und mich so anstarren?" — Er sah forschend auf meine Lippen. Langsam richtete ich mich auf. Jede meiner Bewegungen verfolgte er mit höchster Anspannung. Meine Hand ging ihm näher, — er starrte sie an und während ich leise und begütigend.nur immer wieder „Joke! — Joke, guter Joke!" sagte, streichelte ich ihn. Er ließ es geschehen: ganz 'weich klopfte er auf meine Hand. Alle Scheu, die Geducktheit langer Gefangenschaft verschwand. Er war ein Tier, aber mein Kamerad. Von nun hatte mein Hals zwei Arme, die sich um ihn schlangen, mein Arm war fein Sitz, und meine Brust fand einen Kops, der sich daran bettete. Da ich sand, daß Joke zu einsam sei und ohne Grün und Leben, wollte ich ihm — nicht so töricht, wie anfangs gedacht, — einen Baum ins Zimmer bringen. Lange dachte ich nach, und endlich war es mir klar, welchen. Unter viel Beschwer beschaffte ich mir einen Jingo Biloba, in einem großen Kübel. Nun stand der seltsame Japaner in meinem Zimmer. Schlank wie ein Turm, mit seinen starren, eigenwilligen Aesten. Seine Blätter sproffen im nächsten Frühling. Zuweilen riß Joke sich eins ab, und während ich am Schreibtisch arbeitete, saß er unbewegliche wie ein kleiner Buddha, hielt das langgestielte, fächerartig endende Blatt in der Hand und war ganz versunken Es kratzte leise, wenn er mit den Nägeln bas sich ausbreitende Geäder entlang fuhr. — Ich sah auf — er sah auf. Wir lächelten uns an. Manchmal sprang er schnell an mir hoch und gab mir die Hand. Und arbeitete ich weiter, dann saß er immer noch da. Meine Linke lag ja auf seinem Rücken, und er konnte aufs Papier schauen und den Zeichen der Feder folgen. Bald aber nahm er wieder feinen Lieblingsplatz unter dem Jingo Biloba ein und spielte zärtlich mit den Blättern, die er nie zerriß. Spät des Abends, wenn ich schon zu Bett lag, mußte ich auf Joke warten. Sein Korb stand neben mir, in einer riesigen Kaffeemütze hatte er fein Lager und nur bei Licht nahm er darin Platz. Es dauerte lange: denn Joke ging aufrecht im Zimmer auf und ab und aß aus der Rechten eine halbe Banane, die ihm als Bett- hupser zustand. So war er nicht zu vergessen: Aufrecht, aus der Faust von der Banane beißend: die Linke hätte er gewiß gern 'n die Hosentasche gesteckt, hätte er eine Hose ange'habt, mein lieber, guter Joke! ist noch nicht lange her, daß Joke starb und der Jingo Biloba verdorrte. Ich wandere des Nachts wieder durch die kalten Straßen und bleibe lange vor erleuchteten Fenstern stehen Vielleicht wartet irgendwo Joke auf mich — und ein neuer Jingo sche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, 2i. Lange. Gießen.