SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (93$ Freitag, den (9. Januar Nummer 5 Mein Vaterland. Von A. H. Hoffmannvon Fallersleben. Treue Liebe bis zum Grabe Schwör ich dir mit Herz und Hand: Was ich bin und was ich habe, Dank ich dir, mein Vaterland. Nicht in Worten nur und Liedern Ist mein Herz zum Dank bereit; Mit der Tat will ich's erwidern Dir in Not, in Kampf und Streit. In der Freude wie im Leide Ruf ich's Freund und Feinden zu: Ewig sind vereint wir beide, Und mein Trost, mein Glück bist du. Treue Liebe bis zum Grabe Schwör ich dir mit Herz und Hand: Was ich bin und was ich habe, Dank ich dir, mein Vaterland. Hoffmann von Fallersieben. Eine Geschichte z« seinem 80. Todestage am 19. Januar. Von Hans Franck Als der Dichter des Deutschlandliedes, Hoffmann von Fallersleben, um seiner „Unpolitischen Lieder" willen der Breslauer Professur entsetzt war und von Ort zu Ort gehetzt wurde, von Oranienburg nach Leipzig, von Frankfurt nach Mannheim, von Heidelberg nach Soden, von Bingen nach Wiesbaden, von Lahr nach Schaffhausen, von Offenbach nach Oranienburg und nirgend vor der Polizei Ruhe fand, nicht einmal zu Fallersleben in seiner Heimat Hannover, wo ihn Landdragoner überwachten und mit Verhaftung bedrohten, wenn er das Haus seiner Schwester ohne soldatische Begleitung verließe: da kam der Obdachsuchende schließlich nach Mecklenburg. Ein freiheitlich gesinnter Mann, namens Dr. Samuel Schnelle, Herr zu Buchholz, gab ihm Unterkunft und verncherte ihm, daß er auf dem Stück Erde, welches ihm gehöre, solange verbleiben könne, wie es ihm beliebe. Denn ein mecklenburgischer Rittergutsbesitzer unterstünde nicht der Polizei. Sondern sei nur dem obersten Landesherrn, dem Großherzog, und seinen Schweriner Rcgicrungsorganen für Tun und Lassen verantwortlich. Zwei Wochen hernach kam aus der Landeshauptstadt eine Groß- herzogliche Anfrage nach Buchholz: Wie Dr. Schnelle dazu käme, einen Ausländer, den pp. Hofsmann „aus" Fallersleben im Hannoverschen (nicht „von" Fallersleben, wie der abgesetzte preußische Professor sich, in Erschleichung des ihm nicht gebührenden Adelsprädikates unrechtmäßiger Weise nenne!) zu hausen und zu beherbergen? Dr. Schnelle schrieb zurück: Daß einem mecklenburgischen Rittergutsbesitzer, wofern er landtagsfähig wäre, nach den derzeit geltenden Gesetzen zustände, Ausländer als Mecklenburger auf seinem erbeigcntümlichen Hofe zu recipicren. Von der Negierung in Schwerin traf die Antwort ein: Die Necipierung eines Ausländers stände den landtagsberechtigten mecklenburgischen Rittergutsbesitzern allerdings ohne landesherrlichen Consens zu . Aber dieses Recht wäre an zwei Bedingungen geknüpft: Entweder müsse der zu Recipierende einen vermögensrechtlichcn Anteil an dem Gute des ihn Recipicrenden rcchtgiltig nachweisen können oder aber sich einer ortsüblichen täglichen Arbeitsfunktion unterziehen. Da von der ersten Bedingung im vorliegenden Falle sicherlich keine Rede sein könne, so habe er binnen einer Woche zu berichten: Welchen ortsüblichen täglichen Gutsdieust der pp. Hoffmann „aus" Fallersleben zu Buchholz sich gegen Entgelt unterziehe? Dr. Schnelle konnte es sich nicht versagen, seinem Unmut Luft zu machen und zurückzuschreiben: „Bei uns zu. Lande wird es teilweise leichter, sich in andere Weltteile, als von einem ritter- schaftlichcn Gute in das benachbarte, oder von einer Stadt in die andere zu übersiedeln. Das klingt abenteuerlich, ist aber doch, wie jeder Mecklenburger weiß, buchstäblich wahr. Und dazu ist Mecklenburg das volkärmste Land von Deutschland!" Was aber Hoffmann ,,oon" Fallersleben und seine ortsübliche tägliche Arbeitsfunktion betreffe, so sei er auf seinem Gute als Kuhhirte angestellt. Habe allerdings während des Sommers einen Vertreter. Die Negierung zu Schwerin: Politische Belehrungen seiner landesherrlichen, ihm vorgesetzten Behörde könne Dr. Schnelle sich in künftigen Fällen ein für alle Mal sparen. Falls er seiner fragwürdigen volksbeglückenden Weisheiten aber um jeden Preis ledig werden müsse, so sei dazu während der Landtage in Sternberg und Malchin hinreichend Gelegenheit. Auf die regierungsseitige Anfrage wegen der Beschäftigung eines Ausländers wäre binnen drei Tagen eine bündige, jederzeit nachprüfbare Antwort zu geben. Denn die des vorigen Briefes sei offensichtlich Scherz gewesen und ein schlechter obendrein. Ober ob zu Buchholz die Kühe etwa auch des Winters im Schnee gehütet würden? Falls auch die nächste Antwort nicht befriedigend ausfalle, habe der zugewanderte pp. Hoffmann „aus" Fallersleben („aus"! wie schon einmal richtiggestellt worden fei; nicht: „von"!) Gut und Land binnen vterundzwanzig Stunden zu verlassen. Dr. Schnelle: Anbei ad 1 die Urkunde, durch welche der mittellose Dichter Hoffmann „von" Fallersleben („von"! nicht: „aus"!; denn Dichter hätten die unbestrittene Freiheit zu einem nom de guerre und könnten also solcherwegcn nicht der Usurpierung von Adelsrcchten angeklagt werden) zum Hintersassen seines Gutes ausgenommen und ihm Einwohner- und Heimatrecht zugesprochen fei; wozu laut Anerkennung der Regierung, im Falle ortsüblicher Beschäftigung, dem Briefschreiber als Guts- und Gerichtsherrn auf Buchholz das Recht zustehe. Anbei des weiteren ad 2 die Entlassungsbescheinigung Hoffmann von Fallersleben aus dem preußischen Staatsverbande. Da diese nur durch Einsendung einer notariell beglaubigten Abschrift der Hintersassenaufnahme nach Breslau zu beschaffen war, habe sich die verlangte Auskunft nicht, ivie vorgeschrieben, binnen drei Tagen, sondern nur binnen drei Wochen bewerkstelligen lassen. Was endlich die ortsübliche Beschäftigung des nunmehrigen Hintersassen Hoffmann betreffe, so sei er nach wie vor Kuhhirte und übe seine Obliegenheiten gewissenhaft Tag für Tag in Begleitung eines Hütejungen aus. Denn da er überraschend gute Fortschritte gemacht habe, sei es möglich gewesen, die ursprünglich beabsichtigte Vertretung durch einen Knecht viel früher in eine Adjustierung durch einen Hütejungen zu verwandeln, als bei Abfassung des letzten Briefes, der bitterernst gemeint gewesen, hatte angenommen werden können. Was alles jederzeit von einem Vertreter der Regierung durch Augenschein nachgeprüft werden könne. So trieb also der Dichter Hoffmann von Fallersleben während eines Frühlings um die Mitte des vorigen Jahrhunderts allmorgendlich mit einem Hütejungen zu Buchholz in Mecklenburg die Kühe des Gutsherrn Dr. Samuel Schnelle auf die saftgrüne Weide. Dort kümmerte er sich freilich um die schwarzbunten und rotbunten Euterträgerinnen, um Bullen und Starken nnd Kälber nicht mehr, sondern überließ sie der Obhut seines barfüßigen Begleiters. Er warf sich hinter einem Knick mit ausgebreiteten Armen ans die Erde, horchte um sich, horchte in sich, gab sich der Natur ivie einer Geliebten hin und dichtete. Das Unscheinbarste wurde ihm wichtig. So wichtig, baß er es in seinen Lebenserinnerungen noch nach einem Jahrzehnt aufzeichnete. Dort heißt es: „Den dreißigsten April sah ich die erste Kirschblüte, den vierten Mai den ersten Maikäfer, und den 9. Mai hörte ich die erste Nachtigall, doch hatte sich der Storch schon den 4. April eingefunden." Das erste Gedicht, das der Kuhhirte und Hintersasse Hoffmann von Fallersleben auf der Buchholzer Viehweide niederschrieb, lautete: „Wir sind mit dem zufrieden, Mit dem, was uns beschieden, Die gute alte Zeit. Was ihr auch sprecht und schreibet. Der Mecklenburger bleibet Ein Mecklenburger stets. Hali, Halo, halihalo! Bei uns bleibts immer so." Bald aber versanken die Händel dieser Welt dem vom Morgen bis zum Abend im grünen Gras Ruhenden. Nußhäher und Eichhörnchen, Rotkehlchen und Uhu, Blume und Halm, Ameise und Goldkäfer, Wind und Wolke wurden ihm wichtiger als Professur und Polizei. Und der Hütejunge ersetzte ihm das geistvollste Auditorium. Der Natur und dem Kinde galt die unerschöpfliche Sehnsucht des zur Nutze Gezwungenen. Lied auf Lied sprang ihm über die Lippen: Wer hat die schönsten Schäfchen? und Der Kuckuck und der Esel, Winter ade und Was haben die Gänse für Kleidung an?, Alle Vögel sind schon da und Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön!, Kuckuck. Kuckuck rufts aus dem Wald und Maiglöckchen läutet in dem Tal, Rühret die Trommel und Der Sonntag ist gekommen, ein Sträußchen auf dem Hut, Ward ein Blümlein mir wrftfirnfrf NN» Jm Walbe nifirfjh' Ich leben, So schoben wir mtl n-uiKi mtb Mlau« im» Win IVuittitli'ln |tei)t lui Walde und Miete- a„der' noch lener Webet, an denen mir alle UN» arol, ne linden,' "leie, viele. ®U das, inan, wenn man ,»c überdenkt, b< I 'V,,nullen« weiden könnte, e.i habe aus,er Hossmann von ', j,tl«i «leben niemand nach Kinderliebe, gedichtet. ,smmcr wieder mnftle der Hütesunge „um fiiils,her„oa konnte seine wmpöruna darüber, das, er einem T,r, schnelle nntrrle„en war, nicht bemeistern. Unter dem II. Juli Ii.nrde mH Jnstlmmung der säst annsthliesilich adeligen Lande« sttinde ein Gesetz erlassen nnd seine Geltung ans den Beginn de« Jahre« zu, lickdolie, t, welche», NNr noch landesherrliche Natura lisalion in Mecklenburg „esiallele. Vlui,genommen den einen Jett, das, siih jemand ein Nitlergul kaufte, womit er ohne weitere», heimatbe reiht täte r Mecklenburger wurde. J a weder der Dichter noch sein Beschütze> in dc, Vage waren, diese -lnSnahmebedingnng zu erst!sien, musste der nerseschreibende Knhhlrle zu Buchholz nun 6od) auch Mecklenburg verlassen. Hossmann von Hallen,leben schnitt sich einen Haselstecken and del ttnickhecke, die ihn sorgsamer beschtttzt nnd reicher beschenkt hatte al»' sein Elternhaus nicht geziihll irgendeine mensch liche Behausung ans Erden, nnd wanderte, ungewissen Jiielen zu, davon. Der (Sdytuelurm. Von Joses P v n t e n. Tie deutsch« Kolonie „Bellmann" an der Wolga hat beschlossen, an der östlichen der „Wiesenieiie" de« grossen Jlnsse., eine Jnnglolonte, „Wtesenbellmann", anzusiedeln. Nach dem gestthrlichen ileliergang liber den vereisten Strom geraten die Kolonisten mit ihren Bleh Herden in einen Sihueesturm, dem ein grosier teil von Menschen nnd Tieren zum Opfer stillt. Da wurde es plötzlich Nacht. Wem ist e„ nicht schon sonderbar vvrgekvmmen, wenn er im J Heater sasi, wenn er intl dem Geschehen ans der Bühne lebte nnd da« ganze j Heater eine Welt Ivar, das, plötzlich inmitten etn I nch Yernledersnnk nnd dte Welt In zwei teile schniil: so war es tzhilstiau, al« er den letzten Wagen dte Neigung de« flachen WtesennseiS hlnansstihrte. «hi Borhann fiel herunter, deckle dte Szene de« Abzügen zn nnd schlos, tlin davon ans. Doch er gehörte wahrlich zn der Szene, zn Menschen, Tieren nnd Sachen er sitlrmte hinein, ES scynette. W« schneite dicke Jlocken, es schneite Wolle, e« schnetle Walle, Ws schnelle Vasten davon. Es wurde dunkel. W« mar etn eigentümlich blaues Vlihi im iltnnm, "der war ,‘»< eine blaue iVhifh'riilO? Ulirisiian lies, den Wagen stehen, den er slihrle, ei halte den ganzen sog zn führen. tzr rannte nag) vorn nnd ries fist) dabei ins Beivngtsein, was im 'Schneesturm das Wicl)tigste ivart die !II>g)lnng behalten, das Gefiihl stir den Baum nicht ver Iirren, Herr dei Windrose bleibenl Denn Kopflosigkeit, ilmlier trreu, Entkrtiflnng nnd Erschüpsnng infolge limherirrens, das lieferte die kmser au die Schneestlirme. Beherrschen muhte ein Mann ancl> die Wjugal Wjngal Wjugal SchneesturmI chreckensruf der Winierstevpen! Uhristtan lialie den !stns „Wjnga" links neben sich in der Watte mell gehört. Die Schil||chneider von KraSni Jar waren so schnell sie konnten in II)r T orf gerannt. VtzjugaI „iltlchtnng Nvrdost! iltlchtnng Nordvsll Die Wjnga kommt da her!" redete UIirtsttan vor sich hin. Ju dieser ittichlnng lies er. I abei ries er mit gewattiger Stimme, die in eigentttmlichen Pansen, sozusagen Löcher des Sturmes, fielen, wtthrend er an dunklen Masten hi der nwllnen Vstell vorstberftstrztei „Vstir haben Nlchtnng istvrdosll Mil kleiner Drehung ans Nord kommt ihr nach KraSni Jiii'l Tort ist stielinngl Bewegt euch dorthin!" KraSni Jar war ein sttussenbors, da», man von Bellmann ans mit seiner Kirche inmitten von den stins Jnstebelknvpeln liegen iah. Es lag da unten ans her Wiesenleite dem hohen Bellmauii fozniagen zn Allsten, das ans dem Bergranbe lag. Wo ivar Michel V (lhrtstian- lialie Michel zuletzt gesehen, wie er IIher die Maltiliule zweier Schollen sprang. Wo mar Vlnna? cheel? .......io? „Richtung halten! Krasni jm i , Wer hie Rich inna uerllerl, liehen bleiben... Besser stehen bleiben als stnnlos lattfeii, bli Wolga ist nahe .. .i Der Sturm Haueri höchstens drei Jage! Vlnsbalieu, dnrrlstialten, wenn'S nichts anderes gibt! Hört Ihr iiihb? Hört llir mich? Avlgi mir nach KraSni Jari Nb gehe langsam voraus stlichtung Nord! Nichlnug Nord! stlichlnng Nord! ...!" ?»> hallte (eine SItinnie hu S turm. Ju Jetzen, In Brocken, in 'tiiticsteu, in Würfen kam sie bei den hi Nacht nnd Wolle langsam Maiilhiereiiden an. Die Mtlnner hatten die Jngtiere |e|l an den 'lihinien. Die Pferde verhielten sich rubln, die stlinde, J le 1 ,l>ase umreit eine zusammeage drängle tan|endst>stige Masse, die hhbl aufgeschlossen den kurzen cinvtluzeu het ,'jiegen svlgte Aste» fetzte Auh vor Juli ple ‘ Hunne, die da aus dem Dunkel ries, beruhigte, befestigte, befriedete. Ter Jlihrer glaubte, also glaubten alle. Der Jllhrer Halle »le Richtung, also ging man nicht In die Irre. Der J«6rer muhte den Weg, also würde man bald unter Dach sein und da« liebe Leben retten. Man hörte auch in der Nahe und nm sich herum vertrantes Knattern von Jahrzeugen, obgleich man nichts sah. Aus den Wagen sahen mir noch wenige. Dte meisten, auch die Jrrauen, mären abgesprungen und halten sich neben den Herden ausgereiht. Sahen die Tiere Menschen In ihrer Nähe ruhig ihres Weges gehen, so gingen sie auch ruhig. Nicht anöbrecheni Nicht auS- brechen! Der Sturm heulte. , ,, . Wenn zwei Menschen nebeneinander gingen, so hielten sie einander gefasst nach uraltem Gesetz der Whtferfl weit. Wer baö nicht tut, kommt bestimmt auseinander und findet sich vielleicht nie wieder. Hanna und Marlin hatten Wrof,unter Scheel zwischen sich genommen und sührien ihn. Scheel war wohlgemut, Ah, ein bifidjen SchneesturmI So was Halle man ans den Prärien von KanfaS im» Nebraska nicht wenige Male erlebt! Christian Hörle, während er tastenden JnheS voranschritt, In allem Windgehenl und SlnrmgebranS, die Masse sich hinter ihm heibewegen. 5Je Schwenkung ans Nord schien gelungen zu sein. Einzelne Gestalten gingen recht»« oder links von ihm in der weihen Nacht vorüber. Er konnte aber nicht festftellen, ob es Menschen ober Tiere waren. Er rief sie an, bekam jedoch keine Witt« wort. Jhnen nachgehen, durfte er nicht, et suchte angespannt in gerader Linie voranzuschretten. Das lobte und raste, das knatterte und knallte. Aber der Schnee mar weich und fast warm. Atel er ins Gesicht, so zerging er. Man konnte nicht mehr weit vom Dorfe fein. Die Bussen würden tu allen Häusern die Samowars schon ausgestellt haben. t«hristicin fürdilelc, die Büsten möchten an« Menschensreund- l ich leit die Glocken ihrer grüngezwiebelten Kirche läuten. Dann miirdeu die J lerc nicht mehr zu halten fein und durchgehen. Dann mürben die Tiere heil In Krasni Jahr ankommeu, aber viele Menschen niedergelrelen und gefahren haben. Dvch es läutete nicht von Krasni Jar. Die Kamischmaher hatten gesehen, dah die Njemz« viele Tiere im June führten. Die stlusseu waren steppenfromm. VIOer sie stellten die Samowars auf und schlachteten schon die Hühner) die wohnten bei ihnen unter b<'Tn hmt dn« Unglück ein. Es wurde plötzlick) sehr knlt. Der Schnee m rinnnbelle sisti mit einem Schlng In EiSuadeln. Hundert feinste Pfeile trafen die Wangen, man konnte glauben, ein Steck- nahefflllen In seiner rechten Gesichtshälste zu tragen. Das Nadel- gespritze Iras die Vlngäpsel. ES war, al»« atme man Nadeln, hinten im Nachen pickten sie wider die Wand, sie fielen in die Lunge und reizten die Vdentbriift. Auch Ehrlstian blieb stehen, schlvst die Vinnen, und bedeckte fein Gesicht mit den Händen, einmal zu ver- schnaufen unb ungereizt zu atmen. Er machte mit den Händen einen gefchlvssenen Korb vor dem csesicht. Ju der Luft waren nicht nur Nadeln, e« war etwa« wie Eiswolle darin, das Lnftgas selbst war tiesgeklihlt, man musste es vorwärmen, ehe man es atmen konnte. „Ta« ist das Ende, dachte Ehristian. Dann bornierte es auch schon dumpf in seiner Nähe. Die Tiere waren auSgebrochen. Solange kein El« dahergeweht war, hatten die Tiere sich führen lassen, die Pferde, die gegen den Wind zn gehen lieben, ualürtld) fern, aber auch die dummen stlinder, die Int Siurm mit hem Wind zu laufen pflegen. Selbst da« Ausschweuken nach Worben hatten sie zwischen den schreitenden Jännen von Menschen, und von bereit beruhigenden und ermnnternben Stimmen zngc- deckt, noch mitgemacht. Via ment (Id) Hanna»'« Tonfall hatte in einer unerklärlichen Weise glättend auf surchterregte Tiergemliier gewirkt. Aber al« da unter kurze in Windknallen, al« würben Kanonen abgefenert, EIS geschosten wurde, die Tiere nicht mehr au« den Augen sehen konnten und vor Schmerzen die Lider schliesten nnifiten, da vertrauten sie den Menschen nicht mehr, da fühlten sie sich ans Ihre Erbt riebe znrückge worfen: die Ülhtber stellten sich In den Sturm, al» könnten sie mit ihm laufen» bavonlansen, die Stoffe gegen ihn, al« wollten sie ihn unterlaufen. Die Tiere rasten 1"«. Ehrlstian stand still. ES hals liier gar nichts. St ist stehn und sich ergeben war bu« einzige, was man hui konnte, warten, ob man nlebergerannt nnd zertrampelt werben würbe, man war völlig beni Glück überantwortet. Vlber er hörte die Ntassen von ihm fort- brau feil und sich Ins linbefaiiitlc entfernen, '"'leit her Wind feine NichtIIug bei, so wusste Ehrlstian, hast bte Nlnber in hie Wolga laufen würben ... Da sah er In her Dchneenacht einen Hund link»'« von sich vorOei- streichen, merkwürdig klein und fern. „Armer Hunb", baditr er. VIim Ptiileid, unb well er nichts anderes zu tun hatte, griff er nach bein Hunbe unb fuhr jemanbem In den Halskragen: „Michel, Junge!" entfuhr es feinem Balermnirbe. Ehristion liest nist)! lvS. Jmlfchen Mantelkragen und Leib regnete und Olle« eS Wlrliel Schnee unb Eisnabeln den Blicken hinunter. „Wollte ... blr ... nach, Bgter. Warft auf Krasni Jar ..." kam es aus bem zappelnden Pt en fcheu pa ketche n. Ehrlstian fielt le e« zwar auf ble J liste, gab aber beu Juarlff nicht frei. Ju dem ar eine Schlamm Wulfe, ein dnniier Urei, nnb blniiitan bub nuivilikürllch den Jilh, dann den anderen ans. Aber da fühlte er es an seine Mule siosien, sa nrasl nn,r das da nnien, ho» «rbneenesibber balle ed mertioilrhln enilerni und uei- riclnerl. Ziegenbüruerl Die bieiben, die -Schafe .. die Verde wülisle sich heran, ed mar lebt unter dein Wind auch au riechen. je bl sieb der ‘Herten veisidiem, die Sihase Io l neu dann I üb rl ftlrtii Hirtel, um die Haube frei A» bekonnneu, Wirbel Awiskbeu die Tchrtse. Dari konnte er sich nur nirbt verlieren, iveim (Mult dem jnimeii nur ein Quentchen vierstiind und Sinn siir Wirtitchkeiieu uiilgegeben Halle. Und dann ibrtr auch der (Mernd) der Verde dal Und er konnte souar reitens Hilf dir selbst, Micheli binisiian psifl naci> zmei giosien HIeneiiUöfteii, fohle Ile bei den vbrnern und führte sie in der !>liri>iuuu fort, in der er das Nnssenbins uer mutete. Die Sdiafumsse niiiUte Urb dick hinter den bleiben bei. Die Schale batten luobl keine Müple, sie batten sie ivle bei Stea peiirtliiiblbe unter die Velber der Nachbarn gesteckt. „»iist du da, Wirbel?" Knattern .. . Zickzack .. Prasseln ... Hniiish Wlrbell" ... Hohahahabaa lachte der Sturm. „lilieiH du mir, 4‘«»te „(Wut. Wlrbell" ... ,,VHii unter die Schaf ..." Siels lUiiUte sich dl« Pfaff« der Wollkürper dinier den .'Heuen Her, die vurderfteu der Schafe fliehen die welfien sauar avrun. „Bist du da, Wirbel?' - „Ich reit nf einem Schaf." * Da lief bbrisllan plübliib lulber einen geflochtenen .‘sann ans. Aber ma ein elnnn mar, da mar man I» Menschennuber Die Dieppe balle keine Zaune. Galt fei Dunks Mrndiil jarI Jebl er die Ziehe» lodlassen, er hauuellr |hb entiauu dein Zanu In einer IflUblilllfl, die nlelrbnillllii unir. Qb reiht» »der Huld, mau iniifile, meiin man sich mir solgeridiilg melier lastete, „ach Mioonl Jur kommen. Ob auch erst inoruen. Dir (fiitfi ift der (Germanen in hie Wettiieschichie. ttion Dr. sfriedrlch Spree n. Der Norden tznropa» Ion noch Im Tnlmmerlhbl der „Viorne schichte", als am WIttelmeer und INI Orient K »Huren blübteii, pvii denen ein relchentluickelteS Dchrisitum kündet. Jüesea JeiHen einer VUerotiir bedeuiet kelneSmeu«, daß dem Norden eine hohe Mn Kur fehlte. Zahlreiche Junde, besoudei» die oijü bei ,,»( roiiAe acH" die hem Amelien inrrchrlstllchen Jobrlnuiend entspricht, Ai'lm'ii, metrb ktinstlerlfcher tflelrbtnm bereits den All iah des uernroulfchen Menschen aersrbünie, mle eigenarllg sein Wesen |hb entfaltete und aerobe in dieser Abgesihlosfeniieit non fremheii dii|llll|en erstarkte. ‘Insriuittienininue mH der VliifieiiiueH eraaben eltiltu Kvstborkeiten, bk> nm Wltlelmeer und Im Orient helft begeht umreit, so dosr , (Stoib des Nordens", der Wernfteiii, der in bei llrflelibiible des Handels eilte michltue Nolle fplell, dann bo< Zinn <2m eiillliiiib ein Handel, der die erste Munde non diesem Wnnberland in den südlichen (Meneoben verbreitete, tzs umreit ober nur morchenba le lüeschichten, die die Phantosle onreoleii, und so enlscbloh sich Im Job re Hin I>. dir. ein Grieche, P n 11) e n 0. ans her Handel» ladt Mosfllia, dem heu Urteil Marseiile, dieses „sicherste Ibnle" mllfeii schastllchAN erforsche»,' er lonrbe dadurch a»ui ü n I b e l>e und Jini lin Wattenmeer a» denken bat. In hei Nordsee Iniib Puthea» eine Hüt) MHomeler (mifle »sucht „Meluonis , nnb die elHAlne Aiiuerltilflfle Nachricht, die und an» seinem nerscha euen Werk in her „Naturgeschichte" de» P l i n I II » ilberlleferl Ist, beruhtet, bah hier die „Gntoneu" ((MotenI sahen, nnb eine i nnerelfe non Ihrer Misste entfernt. Heue die Inset Ain,In», „um bei mein stelii Im Jrllblliirt durch die Meeresstnien ..................rbe ; ,aan bot darin Helgoland vcrniiilel. Die tiinmooiier diese, . nfei, bei fit e» melier, (lebrniid)ien den meritftelii statt OoIa a» ■ neue riin , nnb uerfnilften Hin an die benachbarten 4 etiloneii. hl<‘ ilHefte aefchichtliche Nachricht »au de» Gerniaueii lutirbe In spaterer Zelt »erneffen, und someft sich die Mitielluime" des flHtnen Jvrschers melier verbreiteten, Ivurdeu fie „iS Vllgennadi rÜblen verseilt!, jedeusalld Ivar ho» Werk des Pislhea» A»r Zei s lee ro» und i< n e (o r » gänzlid) verschallen, PiHheo» fetbft titelt hie Teulonett, iioii denen er berichtet, mabrsdieliitldi shr Skythen, beim s» nannten die Griechen »He mtilfer, die »ii।biiu elnlflen eftnernmiilfdieii Stil, ii am Schmu neu Weer, den Ski reu nnb Viastarn.-in, dach bot Hir brsdieine» au her Donau keine historische wh.'iiluiifl bubt. Die erste Wandern ng‘"velte, die aermauifche rntitkei in den Gesichtskreis der NiliUer brachte nnb mH ihnen feindlich AUsonmien flohen lieh, Hl her .■ f n u h e r M I in b e । n il n b J en tv neu Da Mil erfalule her Mnlrllt her Gennaneu In die WeHueschichl' in hclinlldie Gerilchie drängeu Im Jahre tHi » dir. nach Nom wt» (rrinbe» Wolf, das mm den Gestaden des nürblldieii ' seans In-, rammen sollte und fld) im Gebiet der taurisker, bem Oeuttfleii Kärnten, befand, umnberte nach jialien ah ROOtW streiibaiv Pt.Inne i sohlen e» sein, beoleliei nun einer noch rtrüliereii VliiAobl non jroiien nnb Kindern. Der Mangel an Vonh sei die lirsmbe he» AnSAnueS uemefeiii sie um reu also ein „Bofk ohne iltouiii". i'b ed Mellen ober Skutbe» um reu, unifile mon nicht a» sauen i lebens,itis mären es Männer urtn rlefliu'iii AHnhS mH binnen Annen nnb blonbein vuor, Iin krienerischen Ansturm nnmiherstehiich Ai» sie Alterst im Gebiet her 4 ourlßler auslreteu, ei t Hirt ihnen her rbmische Kons ns, her Ihnen eiitneoeiielHe, hie jouridker seien 1111111- dedaenoffen bei Hl linier Darauf enlfchuldlgleu sich ble M'lmberii beim sie nm re 11 ble,er NoikSsiutum und baten, 1111U1 solle Ihnen Wohn sich' au messe u. AIS der listige flllhiier sie horauthi» in einen is^interhalt liutte, griffen sie mit svlcheii Aeivalt ble rümi scheu Venloneii au, bo|i diese meliben nmhieii. nnb um ein Horte» (Me»ilHer, doss lortbrenb her Schlucht losbraib, lieh ble (Merinone 11 einhalten, ble barin ein Zeichen bei Gülle 1 sahen, Schon bei diesem ersten Znsummenslofi Aeigt liih die im (Mrimbe ,liebliche, ober AUrtlelch Im Mumps siirchlerliche vlri bei (Meriimnen nnb hie o 111111(1,11- Jolschheit her Ülihnei Hir Kimbern AOUI'U do, oushiu über den ülbeln nach Gail len nnb scheinen sich dann 11» v, 0b, mit den Tentoiien nnb bereu Genossen, ben «indroneu, vereinigt au haben. Im Jahre um treffen sie In der Nboneueuenh ans» neue mit rliinischeu Streitkräften Aiifiuiiiiieu nnb Aeigeu muh hier mleder Ihre Jrlebendllebe; beim naibbein sie den m'liih per nichtenh ueschiuueu haben, schicken sie Gesandte uaih Nom nah bitten, inan mliue ihnen Vaud mnuelleii; Io, sie mailen iouar ihre A1 nie nnb Waffen ben Nüniern A»r Nerfiirtnnu steilen -Hirse Gnt- niüllrtfell Aeirti sich midi bei Ihrem niiihsien Vluilrelen um» Jahr Illi., „IS sie an die rliinischeu Jelbberreu Gesandte mit bei ') 11He um Vonh nnb Soatnnl schicken »ist ai» diese aus» schmählichste mifihmibell meiden, schiullreis die Gerisianen, alle», Iva» ihnen In ble von de fiele, den GUI lern a» meihen. f'lefer Sihmtir ml rb von Ihnen isehalten, uuchdeu, sie die beiden rümischen veere verntchletid ueschiuueu nnb grvsie Vie 11 le ueuiiicht haben Alle Gewänder der Gelüteten mürben Äerlssen, olle PatiAer Aerhmien, olle» Gold in heu Nhoneslroin »ersenkt, |elii|i ble Pferde iniirbeu in» Wasser geworfen. Gon bem Über Hill nun Wann Horten rümischen Herr sollen kauin Aelni eiilroimen [ein, um ble SchreckenDknnde iimh Nom ah (H'liineii (MaHA Italien ei'Alllerle vor bei furdiiboreu Drohntia. Vibe 1 ble S ieger iimiiblen sich Midi Spanten, und In den folgenden Job reu erstand hem bedrohten Nom der Netter In Worin», her diese Gefahr durch den Sleu über die germanlscheu Mltilfer obmmihle. (Sd ist bekannt, mle erfi ble i entonen und Ainbronen von Ihm Del Aguae Sertlae, bann die Mlmberu aus den rmibifdieii Ietdern uu mell «le reell ne ueschiorten und vernichtet mürben. An» ben Kampf- Idillberiumeu, so mell sie (J'lllAelhelleü mltlelleii, pehl hie f rleoe- rIsche Wildheit, Aiirtleku aber auch ble harmlose Natürlichkeit dieser inngeii VUllfer hcruor. Da büren mir a vi non den Ainbronen, mir sie au den helsien Quellen von Agnae Sertim- mH Weib und Mluh sich lagerten, liiiiibAeiib In dein umrmeu Wasser vlätsdierten, nnb sich am imneumhiiteii Jenermein be» Süden» labten, bl» her Jelub über sie beri-lnbrhIH Wir erfahren von den Kimbern, iole (le beim Zug dnich ho» üi|d|lnl Ihre nortlen 1 dierth 1 per frhlilid, ben wirbelnden Schneeflocken onafehen und auf Ihren ,(neben E,Hilden die vereisten steilen Abbdnue wie schllttensabrende Minder heruntersanseu ilh-fmiber» fiel den Nümeiii ble ikeelrngrlsfie 111,h Heldenhaftigkeit bei Jrmteii auf, ble Im uerAUielfelteii Wider ft „uh die Wageiibnrrt nerielblnleit nnb fdiliehlllt) Ihre Ml über nnb |l,t) selbst tüteten, „bi« aiu» lebten Hauch l» Ihrem Wille itlibe- lli'rtl", Die Vlenmiiberiiiiil, die ble Nümer bem besiegten Jelub ent gegenb,achten, lenchtei 11 od) au» einer Nenierkting be» r n , I - tu«, her von bem Nest der Mlmberu, ble nach her alten Heimat Aiirlliffebrteu, tu her „(M e r m n n I n" sagt! „Jetzt j«mr ein 1111- bcbeuteiiher Stamm, hod) fein Nahm reicht bi» All den Sternen," Dse Gründe für b|e Vfeflegimg her Germnuen Innen In her besseren Vlenrnffuiiiifl nnb gesdllckter«n Slrntegle bei lllümer 4 le ge>inanisiheu Krieger, ble mH (Hohem »köpf und nacktem » be, tbi per, nur durch den IjülAeriien Sdiild gesdiübt, mH VntlAe nnb Schild knmpsten, (01111 len bei, | „Die Gerwaneu iw Jrllhlidil bei Geschichte" besonder» henm,gehoben. Posefdoi,ln» gibt ble erst« Schltbernng gernta ul scher Vlr/Ind)e nnb gernnmlsibm, Wesen», und er findet ben Schlüssel a» Ihrem Eharakler, in Ihrem Mnmpfeflmiit, bei, er mH sprlchwürllldl rtemordeneu »Horten I'vm „tHub,Ischen Schrecken" nnb be, „teutonischen Viinl" beAelrhnel. Jehenfflll» tml da» erste Auftreten her Germanen in bi-1 Well gefchichie ans ble Nütner, ble Ihnen I» frenib gegetilibe,standen nnb ble Glühe Ihies Wesen» nicht neistehen konnten, einen glas„-n Eindruck gemacht. Kine grundsätzlldte ilnterscheidnua AMtidu-n (Mei nmnen nnb Kelten Hl erst spuler bunb 0 rt | <1 1 voÜAOgen imirben; In feiner Zeit erkannte man, das, ble Germanen ein befände,e», non ben Mellen verschiedenes Molk feien und bah schon ble »Um m-rti 1111 b 4 enlniien Genua neu waren. 1 e 1 ersten gennanifchen VA01 fr 1 melle, ble an» nördlichen Minden nach dem Süden Inn 116eie, (olnleu bann viele andere, die do» lümifdje Weltreich tibeifitiu ten, Oer Sternenbaum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Er hatte gewiß die Hand des Vaters auf seinem Gesicht gefühlt. Das war ihm wohl erinnerlich. Milde, liebe Hand ... Was noch? Sein Kopf strengte sich an. Da erschienen ihm zwei Lichtpunkte zu der Hand ... Zwei Augen hatten über ihm geschwebt, als ihn die Hand berührte. Zwei Augen über ihm, wie Sterne über Wasser. Sie hatten sich mit freundlichem Winken gespiegelt, hatten sich abgebildet: die Augen in seinen Augen. Aus großer Höhe blinkten sie, kühl, gut. Ganz schwindelig war ihm zumute gewesen, als ihn die Blicke angeschaut hatten,' auf und nieder schwebten sie, kamen, gingen, kamen ... Als ob sie ihn weglocken wollten von hier. Er mochte aber nicht fort. Prüfend tastete seine Fieberhand. Ein Bett? Ah, bas war sein Kinderbett mit dem karierten Bezug. Rings standen auch die Möbel. Alle waren um ihn: der Schrank, der Tisch. Die Uhr aber sah er nicht. Wo sie nur hing? Ticken hörte er sie. An der Hintern Wand. Er konnte aber nicht hinschaun. Unmöglich, sich zu rühren. Man muß still liegen, man schläft, man träumt ... Die Augen. Ewtgkeitshell durchbringend leuchteten sie. Solche Augen hat der liebe Gott. Sonnenaugen, Erzengel-Funken. Einen Augenblick hat der liebe Gott an Juppis rotkariertem Kinderbett geweilt. Juppi durfte ihn ansehn. Draußen liegt Schnee, Winter. Jetzt blickt der liebe Gott in die Stuben und Häuser, in die Waldhütten, in die Forsthausfenster. Bei Juppi saß er, Juppi hat ihn anschaun dürfen. Lind strömt sein Atem auf ihn nieder, Gotteshauch. Als bliese ein heilsamer Mund. Kirchenkühle hatte sich über ihn ausgegossen. Wie gut. So war der liebe Gott. Juppis Jnnengesicht verlor alle Spannung, die Gestalt vor seinem Seelenblick verdunstete wieder. „Durst, Durst!" flüsterte er. Und Äärb, die hereingekommen war, gab ihm Zuckerwasser. Stoch einmal spähte sein Geistesblick aus: Er war mit der Spielzeug-Gret durch öen Wald gezogen. Was hatte er da gesehn! Weiße Bäume, hell wie Bein. Goldene Hirsche liefen umher, mit ihrem Kreuzgeweih. Am Berg schritten sie und in den Himmel, wo statt der Fichtenzapfen Sterne an den Bäumen glitzerten. Ach, ein herrlicher Wald ... ein Wald von Weihnachtsbäumen ... ein Wald von Sternenbäumen ... „Spielzeug-Gret!" klang es. „Schön, daß du wieder da bist ..." Die Vauernuhr tickte in sein Verstummen. Am nächsten Morgen, nach unruhiger Nacht, stand es mit Juppi besser. Der Wickel hatte gute Dienste getan. Flunk, der im Stall genächtigt hatte, während Bärb bet ihrem Kranken geblieben war, holte aus der Apotheke die verschriebene Arznei, und als am Nachmittag öer Bezirksarzt seinen Besuch wiederholte, war es nicht mehr der liebe Gott, der da kam, nicht mehr Juppis Vater, sondern ein freundlicher, alter Herr, den Juppt schon von der Krankheit seines Vaters her kannte. Immerhin, in dem gütigen Blick des Arztes fand er Väterliches wieder, und er liebte ihn, als wäre er der beste Freund seines Vaters gewesen, bei dem er geweilt hatte, bis zuletzt. Und als der Arzt, über den Hof gehend, sich entfernte, und Juppi ihm von seinem Bett aus durch das Fenster nachäugte, diesem Wald- und Dörserarzt in seinem stark abgenützten Wintermantel, da erinnerte ihn dieser leicht gebückte Rücken an den Nucken seines Vaters; eine tiefe Falte zeichnete sich wie ein Strich darin ab, Juppi kannte einen solchen Mantelstrich. _ Er genas langsam, doch verging ihm die Zeit auf seinem Lager schneist Draußen vor den Scheiben sah er die rieselnden Vorhänge ”°.nr Schnee: Tag um Tag schneite es, schn.ette es immer mehr. Diese Vorhänge waren weit ausgcspannt, als lägen dahinter große Raume und Stuben, Säle und Gänge, darin er jetzt sich nicht tummeln konnte. Alles Schöne, was er liebte und gern mochte, l»ckte hinter diesen weißen Vorhängen: der tiefe, klare Wald mit seinen Bergen, von denen Frühlinqswasser flössen, die Waldhauser in den Niederungen, die Ziegen hoch oben, wo sie mit ihren Hornern fast an die Himmelsdecke stießen, die Gret, wie sie wan- dcrte von Tal zu Tal, die gewichsten Wiesen zu Spiegelau und die Ringelnattern, die überall schliefen, nicht nur auf den Schwellen rn Ringolay Freuden und Schätze verbarg der flockengewobene Vorhang: immer wieder raffte er ihn mit einer Traumeshand auf die! wette und schlüpfte hinaus in das grüne Land, mit seiner Freundin hmziehcnd durch den Wald, dessen Straße kein Ende nahm. Als er aber das erste Mal aufstand und hinaustastete, teilte sich ihm der Vorhang, es hörte auf zu schnein und zu weben, vor Juppis nnn die alte Wirklichkeit: der winterbeladene Einodhof, die Schneepelzc vor den kalten Fenstern, der vergrabene Wald, der harte Bauer, mit dem man kein Wort wechseln durfte, dre mißtrauische Bäuerin, der freche, stichelhaarige Lois und der .unecht Flunk, der nun wieder der Flunk von früher war und nur darauf wartete, sein Bett von neuem in Besitz zu nehmen und Juppi wieder cinzuspannen ... Hausierer mit Sternen. war dann der Etnsamerhof durch gewaltige Schnee- masscn, die der böhmische Himmel über die Grenze gescgt hatte, von den Leuten int Tal abgeschnitten. Keine lebende Seel fand den ringeeisten Weg herauf. Wie eine Mauer wuchtete der Wald. I Das war eine langweilige Zeit für Juppt. Weder zur Schule noch zur Kirche konnte er gehn. Glühend sehnte er den Frühling herbei und die alte Freundin aus dem Waldhünser-Dorf; er dachte auch an die gastfreundliche Försterin. Ob das Geweihhaus auch so tief eingeschneit war wie der Einsamerhof? i Seine Einbildung schickte warme Sonne in den Bayrischen Wald, die leckte mit Feuerzungen den Schnee weg und die Eiszapfen, trocknete die Bäume und die Straßen und lud ihn ein, mit der Spielzeug-Gret durch die Täler zu wandern. Da zogen sie wohlgemut nach Ringolay, Klingcnbrunn und Siebenellen... In Wirklichkeit aber mußte er noch bitterlange warten, ehe die Schneewässer in die Abstürze gurgelten und die Steilwälder dnrchschwemmten. Die Januarhälfte nach seiner Krankheit verging mit Sturm; der Februar hob sich mit dem Gewölk hungriger Krähen über die Wälder und mit dem Lichtmeß-Tag: hinter den Schneevorhängen ahnte man gern helleres Licht; auf kalten Schwingen segelte der März herbei und stäubte Flocken aus seinem Gefieder. Nachts hing der Mond wie eine Scheibe von Eis über den Forsten. In der dritten Märzenwoche klopfte der Palmsonntag an die Fenster: Winbfinger trommelten. Schneidend kalt ließ sich der sehr frühe Karfreitag an und das Osterfest; noch platzte keine Knospe, auch die Weideukätzchen silberten nicht an Büschen und Stauden. Erst Ende April wurde es wärmer: milde Atemzüge wehten vom Südwesten, die verspäteten Palmenzweige zierten das hereinbrechenöe Frühjahr. Der Schnee krachte zusammen, Feld, Wiese, Wald, Tal ersoffen im Nachwinterschlamm. Juppi badete sein Wintergesicht im scharfen Blenden der Tage. Wie mochte die Mittagsfichte den Winter überstanden haben? Er besuchte sie, ging hinauf zu ihr und den steinernen Stühlen des Oedhangs. In den Bvdcnfaltcn nistete noch hoher Schnee. Aufrecht und stark wie im vergangenen Sommer ragte die Fichte. Ihr grüner Turm hatte dem Winter Trotz geboten; nicht den geringsten Sturmschaden hatte sie erlitten. Die Landschaft klang; Verstecke und Klüfte tönten und läuteten: die Wellen klirrten über Eisbögen, Eiszacken, Eisharfen, als spiele das Wasser bergab eine verstohlene Harmonika. Die Vögel schmetterten ihre Lockrufe in den Himmel hinaus. Lustig lärmten die Waldfinken. Juppi wurde von ihrer Fröhlichkeit angesteckt: t er brüllte lange Schreie in die Weite, und die Berge warfen ihm das Echo zu. Nun, da die Sonne so warm schien, brauchte er nachts in seinem Heu nicht mehr so arg zu frieren. Die Wälder sproßten. Die Fichten steckten neue, grüne Kerzen auf. Die Buchen hängten ihre Fahnen in die Luft. Am zweiten Sonntag im Mai kam die Spielzeug-Gret durch die blühenden Wiesen herauf in den Einsamerhof. Sie und Juppi begrüßten einander hinter der Scheuer. „Gret, ich bin so froh, daß du wieder einmal kommst ..." sagte j er, von Freude durchwellt. „Ha, ihr da heroben, seid ja wie die Berggräser: erst muß der Schnee schmelzen, dann kann man euch finden", sagte sie. „Es war ein schrecklicher Winter ..." Sie opferte wieder ein Damenhemd. Leicht und fein war es wie Spinnwcb, durchbrochen von kunstvoller Nadelarbeit. Kein Wunder, daß die Bäuerin schmunzelte und der Gret mit einer Tasse Kaffee aufwartete. Ja, Juppi könne mit ihr gehn, auf die Wäschereise. So war es denn wieder einmal abgemacht. Er zog feinen neuen, grauen Anzug an. Die Gret wiegte den Kopf. Wie angegossen saß der Anzug. ! Die Frau Förster werde sich freun. Juppis blaue Augen blitzten, seidig schimmerte sein Blondhaar. Mit einem so manierlichen ! Reisebegleiter konnte die Gret bei ihren Kunden Staat machen, i Nun waren sie aufs neue vereint: die zwei Reisenden des Waldes. Die Gret erzählte ihm, wer von den Dorfburschen und -Mädchen im Winter geheiratet und wer von den jungen und alten Leuten das Zeitliche gesegnet habe. Und sie berichtete, was sich sonst zugetragen, und wie das letzte Weihnachtsgeschäft ausgefallen war. Eine lange Dorfchronik und eine längere Schilderung der Marktlage: die Hemden waren teuerer geworden. Jedoch hatte sie vorteilhaft Damenstrümpfe eingekauft. Sie hielt die Hände in die Seiten gestemmt, henkelte die Arme und schritt kräftig aus. Der Korb auf ihrem Rücken knackte und knarrte, als wäre auch er langer Winterruhe enttaucht und fange an zu reden und zu erzählen. Aber Juppi war nur halb so neugierig auf die Dorfgeschichten und Strumpfe, wie die Gret gesprächig: er schickte seine Blicke in den Wald. Springbrunnenhaft rauschten die jungbelaubten Buchen ins Licht. Die Hänge feierten Feste. Goldene Flechten und Moosbärte uberpolsterteu und bezotteten die Granitriesen längs der Wald- straße. Es waren noch die alten Klötze und Brocken, die Felsen- treppen und Steinburgen, und es ächzten auch noch die selben Holzfuhrwerke mit frischgeschlagenen Stämmen vorüber. In den Gründen gingen die Sägen: bei mancher kehrten die Hausierer ein und ließen Hemden und Schnupftücher zurück. Dieweil die Sagen schrillten und die Stämme polterten, pries die Gret ihre dauerhaften Waren au, lobte das gute Aussehn der Mnllerskinder, fand das Neugeborene entzückend — und lockerte Kauflust und Geld. Sie war tüchtig: wem sie eine Hose, ein Leibchen, ein Mieder verkaufen wollte, an dem blieb es hängen, und wenn es gleichwohl Weiberzeng und der Käufer ein Mann war. So trieben sie es zu zweit und hatten ihren Spaß bei dem Unternehmen. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießet