Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang DM Montag, den |8. Juni Nummer^b verlegen dabei. Er öffnete das Futteral und zog das Glas heraus. Und weil er so aufgeregt war, oder weil das Glas sich festgeklemmt hatte, zerrte er daran, um eilig und gewandt zu sein, und ließ dabei das Glas' fallen. Es polterte über die schmale Brücke und plumpste mit dumpfem Klatschen in das Wasser, bas da unter ihren Füßen mit kleinen unruhigen Wellen und blitzenden Lichtreflexen sich bewegte. Was darauf geschehen war, dessen konnte er sich später nur undeutlich erinnern. Jedenfalls hatte er eine Bemerkung gemacht, um seine Ungeschicklichkeit zu entschuldigen, war aber mitten im Satz steckengeblieben. Ihre Worte, die sie dann zu ihm gesprochen, hatte er kaum verstanden, weil ihm das Blut so heftig tn den Schläfen sauste. Dann gingen die beiden Freundinnen weiter und plauderten und lachten, und er selbst stand noch eine Weile, Gleichgültigkeit heuchelnd, an der Brüstung und schaute unter vorgehaltener Hand auf das Meer hinaus, innerlich gepeinigt von dem Gedanken, daß er sie so unüberlegt plötzlich angeredet und sich dabet ungeschickt benommen hatte. Den Nest des Tages saß er an seinem Fenster, das auf die See hinausging, und lauschte dem Brausen der Wellen, die schäumend den hartgeschlagenen Strand hinaufliefen, um plötzlich über ihre eigenen Füße zu stolpern und mit donnerndem Krachen niederzufallen... Mit Scham dachte er an seine Ungeschicklichkeit und an die kleine zarte Hand, die sich ihm schon entgegengestreckt hatte, und in die er sein Glas hätte legen können, wenn er weniger tolpatschig gewesen wäre. Das Schicksal war ihm hold gewesen und ihm entgegengekommen, und er hatte alles wieder durch seine ungeschickten Finger verdorben. Aber am andern Tage wollte er alles wieder gut machen. Er würde sich wieder an die Brücke stellen und sie erwarten zu der Zeit, wann der Dampfer dort anlegen mußte. Gewiß würde sie wieder auf ihrem Spaziergange dorthin kommen und ihre Post tn Empfang nehmen wollen. Und dann wollte er sie noch einmal anreden und wieder gutzumachen versuchen, was er heute versehen hatte. Eine Anknüpfung hatte er ja nun. Er stellte sich alles genau vor: Dort war die Landungsbrücke — dort bei dem zweiten Pfeiler würde er stehen, genau wie heute. Sie würde kommen, und dann würde er sagen: „Mein Fräulein!" — hier stockte er in Gedanken, denn er mußte bet diesen Worten an die Augen denken, die zu ihm aufgeschlagen werden würden. Das Blut schoß ihm zum Herzen, als wenn sie in diesem Augenblicke leibhaftig vor ihm stünde. „Mein Fräulein!" würde er sagen, „was haben Sie nur von meiner Ungeschicklichkeit gedacht gestern! Ich hätte ihnen so gern einen Gefallen mit dem Glas erzeigt." Dann würde sie lächeln und vielleicht sagen: „Das schöne Glas. Es ist schade darum!" Und er würde sagen: „O, bitte, an dem Glase ist nichts gelegen — aber ..." So würden sie ins Gespräch kommen. Er malte sich alles bis in die kleinsten Einzelheiten aus, und wenn er damit zu Ende war, begann er von neuem, ob auch irgendwo ein Fehler wäre und alles richtig erwogen sei. Aber jedesmal, wenn er sich so vorstellte, daß er sie anreden werde, bekam er Herzklopfen und mußte tief Atem holen, um wieder ruhig zu werden. Am andern Tage erkundigte er sich schon in der Frühe, wann der Dampfer heute eintreffen würde sdenn das richtete sich nach der Flut), so daß ihn der Bademeister fragte, ob er Bekannte CTTüClTtC. Al« um Mittag die erste Spur des ausstetgenden Rauches sichtbar wurde, stand er wieder an dem Brückenpfeiler und wartete geduldig und entschlosien. Währenddes kam das Schiff näher und naher. Er konnte schon den weißen Rettungsgürtel erkennen, der vor dem Steuermannshäuschen hing — aber das Fräulein war noch nicht ba. Ob sie heute nicht kam? Sie war doch täglich um diese Zeit auf der Brücke gewesen. Dann legte der Dampfer langsam qn und machte fest Passagiere stiegen aus und kamen mit Koffern und Decken neugierig schwatzend über die Brücke. Die Post wurde gewechselt und einige Badegäste, die wieder abreisen wollten, gingen an Bord, und immer war das Fräulein noch nicht zu sehen. Schon schickten sich die Arbeiter an, die Taue des Dampfers wieder loszuwerfen, weil das Signal mit der Dampfpfeife bereits gegebtzn war als noch zwei Hoteldiener mit zwei großen Koffern erschienen, die an Bord verstaut wurden. Dann kamen noch zwei Damen in Eile auf die Brücke. Er erkannte sie sofort an der Stimme wieder Sie mußte es sein. Da er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, sie heute noch zu sehen, überfiel ihn in diesem Augenblick Morgendliche Trennung. Von Rudolf G. Bindtng, GDS. Dämmrung. Frühgrau. Es tropfen die Bäume. Tief duftet die Welt von der Liebe der Nacht. Noch schaust du mir nach von der Pforte des Gartens. Doch da ich mich wende, verschlingt dich das Grau. O heimliche Morgen der wahrhaft Geliebten. O tieferer Duft deiner Liebe in mir. Ich gehe dahin so leicht wie ein Seliger. Mein Atem ist süß und mein Auge ist weit. Schon schweben die Adler besonnt in der Reine: So ende denn Nacht! So beginne denn Tag! Ich will deine Liebe dem Morgen zutragen und ewigen Tagen — der Liebe nicht müd. Auf der Landungsbrücke. Von Wilhelm Scharrelmann. Er ging die Treppe hinab, die von den Dünen zum Strande hinunterführte. Wie er dann da unten hinschritt, langsam, den Kopf etwas gebeugt, schwerfällig und ein wenig ungeschlacht in seinen Bewegungen, schien er den Körper eines Riesen zu haben. Man sah ihn stets allein, und niemals bemerkte man, daß er einen Bekannten begrüßt hätte. Er war hier an der See ebenso einsam, wie früher zu Hause, und vielleicht noch einsamer als dort, trotz der vielen Menschen, die ihn hier umgaben und zwischen denen er sich verlegen lächelnd und mit linkischen Manieren bewegte. Aber hier hatte er sich nun verliebt. Ganz plötzlich. Bisher waren ihm die Frauen ziemlich gleichgültig gewesen. Trotz seiner sechsundzwanzig Jahre hatte noch keine sein Blut in Wallung gebracht. Nun war es über ihn gekommen, wie ein Wetter über die Fluren hinfährt und die Kronen der jungen Pappeln durchbraust und die Birken tief zur Erde beugt und am Ufer des Sees die Wasservögel aufscheucht... Die er liebte, war zart, klein und zierlich, rote eine Figur aus Meißner Porzellan. Seitdem er sie zum erstenmal gesehen, begegnete er ihr jeden Tag wenigstens einmal, wenn sie mit ihren Bekannten am Strande spazieren ging. Aber gesprochen hatte er mit ihr noch nie ein Wort. Es machte ihm schon Herzklopfen, wenn er sie nur kommen sah und sie unter ihrem Sonnenschirm von blauer Seide lächelnd und plaudernd an ihm vorüberging, ohne ihn zu beachten. Er fühlte dann, wie mit einem gewaltigen Stoß ihm das Blut zum Herzen drängte, daß es ihm den Atem benahm und er Mühe hatte, unbefangen und gleichgültig zu erscheinen. Denn er dachte Tag und Nacht an sie, malte sich ihr Bild aus, grüßte sie in Gedanken und überlegte tausendmal, wie er eine Anknüpfung finden könne. Aber in Wirklichkeit scheute e'r sich, mit ihr in ein Gespräch zu kommen und erschrak wie ein Schulbube, wenn er plötzlich ihre Stimme hörte. Er wurde trotz der heißen Glut der Sonne bleich wie ein Städter im Winter. Nur wenn er ihr begegnete, schien ein heißes verzehrendes Feuer in ihm aufzuleben, das seine Wangen erglühen ließ und ihn verwirrte und unglücklich "^Jn'Wahrheit hätte er nicht den Mut gehabt, sie anzureden. Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß es sich schon einmal so fügen werde. Und es fügte sich wirklich einmal. Er war auf seinem Spaziergange bis an die Landungsbrücke gekommen, um dort stehenzubleiben und in das Wasser hinunterzustarren. Die Flut fing an, auszulaufen, und allmählich lammel- ten sich mehr und mehr Badegäste hier an, um die Ankunft des Dampfers zu erwarten, der täglich die Post vom Festlanöe heruber- brachte. Als er aufblickte, stand sie neben ihm und schaute unter dem blairseidenen Sonnenschirm aus das glitzernde Meer hinaus. Er erschrak und erzitterte heftig und wagte nicht, die Hnnde von der Brüstung zu nehmen: es traf ihn, rote e,n plötzlicher Windstoß die Krone eines Baumes trifft. Dabei empfand er ein Gefühl der Beklemmung, als wenn ihn eine unsichtbare Hand am Halle ""Rein! Ich sehe wirklich noch nichts!" rief die junge Dame ihrer Freundin zu. „Aber sieh doch nur dort! Man kann den Ranch schon sehen!" rief die Angeredete zurück, dte weiter seewärts stand. Da glaubte er, daß jetzt der Augenblick für ihn gekommen sei, und er bot ihr seinen Feldstecher an. Er sprach mit einer Stimme, die rauh und in Absätzen aus seinem Munde kam, und lächelte fiM föShS .TM*. SÄ s innnht'<> fafi er daß die beiden Damen den Dampfer bestiegen Ln Kn- T°-- --S°-w--!-n W«- 6em Rauschen der Räder langsam die Brücke verließ ... Er stand und sah dem Schiffe nach, wie es hinaussteuerte in die See, die grau unter dem bewölkten Himmel lag. Er sah eine zarte Gestalt auf dem Achterdeck des Dampfers stehen und wußte, daß sie es war. Und mit dem entschwindenden Schiff wurde die Gestalt kleiner und kleiner, als wenn ne in d^^in brennender Schmerz stieg langsam in ihm auf. Und während er noch stand und ihr nachstarrte, begann er der vcrschwin- ! denden Gestalt die da drüben auf dem Dampfer tm grauen Reise- , Mantel stand die Worte zuzurnfen, die sein Mund in tiefer Scheu ; nicht gesprochen hatte: „Ich hab' dich lieb ... Ich hab dich lieb ... , Ewig werde ich dich liebhaben ... ich "Erde dich niemals vergessen! Nein! ganz gewiß — niemals ... Ich hab dich ja so un- ifjcC®eemööen umflatterten das eilende Schiff, das leise von den Wellen geschaukelt wurde, und dann verschwand es am Horizont und man sah nur noch einen feinen Streifen Rauchs Da lächelte er schmerzlich und biß die Zahne auf die Unterlippe, wandte sich um und schlug den Weg ein, der zu den Hotels hinaufführte. Am nächsten Tage reiste er ab. Oer Maler der Familie. Z« Ludwig Richters 50. Todestage am 19. Juni. Bon Dr. Olga Bloch. „Richter gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die mit den tiefsten Fa ern im gemeinsamen Volksgrunde wurzelten. Und die sind es, die gleichsam der Sprache des Volkes die Schrift verschaffen, die weiter überliefert, was aus den Seelen herausklang und es so erhält, nicht nur für den Zeitgenossen, nein, auch für die Geschlechter der noch Ungeborenen." Diese Worte eines Biographen kommen uns in den Sinn, wenn wir Ludwig Richters gedenken, der in jedem Zuge seiner Kunst ein Heimatmaler war. In einer Zeit wachsender Entfremdung von Künstler und Publikum, die im Laufe der Jahrzehnte zu einer exklusiven Kunst für einen kleinen Kreis von Kennern mit allen ihren Verzerrungen und Verirrungen geführt hat, schlug Ludwig Richter neue Brucken ins Volk, die heute noch bestehen und heute besonders gewürdigt werden. In der Buchillustration, der Verzierung des Buches, das sich nach der Blüte der deutschen Literatur um 1800 außerordentlich ausbreitete, fand dieser Meister die Möglichkeit, in die Weite 8U Richter'beginnt als Mitarbeiter seines Vaters bei Radierungen von interessanten Landschaften Sachsens. Er hat vor allem dank seines dreijährigen Aufenthaltes in Italien darin einen persönlichen Stil entwickelt, dessen glücklichste Leistungen heute in Gestalt schöner Aquarelle und Zeichnungen die Landschaftskunst des Dtetsters in deutschen Museen vertreten. In einer Gedenkausstellung hing eine Perle der deutschen Kunst, jene farbige Alpenlandschaft von 1823, neben dem einzigartigen Blatt, dem Aquarell mit der Geschichte vom Rotkäppchen. Nirgends trat der Gegensatz der beiden Pole Richterschen Schaffens deutlicher zutage als in diesen beiden Blättern. Der Stil, der aus dem Rotkäppchen- Aquarell zu uns spricht, ist der Stil, zu dem sich Ludwig Richter von der Landschaft fortentwickelt hat, als er aus dem freischaffenden Künstler zum Buchillustrator wurde. In seinen „Lebenserinnerungen" kann man darüber lesen und hören, wie der Maler sich umgestcllt hat: „Der Kunstverein (bei die Gemälde der Künstler durch Verlosung ins Publikum brachte) nahm den Charakter einer Unterstützungsanstalt an, und darin sah ich ein unrichtiges, ungesundes Verhältnis. Als ich daher von Verlegern bestimmte Aufträge erhielt zur Ausfübrung, wenn auch nur kleiner Kompositionen, die gebraucht, gewünscht, mit freudigem Jntereffe empfangen und mit Dank bezahlt wurden, so versetzte mich dies sogleich in ein viel frischeres Element, ich atmete freier auf und fühlte mich nicht mehr abhängig von Gunst und Laune des Zufalls." Wir können heute sagen, baß diese Umstellung zur Voraussetzung hatte, daß der Meister ein ebenso guter J-igurenzeichner wie Landschafter war. In der Arbeit an Buchillustrationen, zeigt sich der Künstler als der Zeichner der deutschen Familie, der bäuerlichen und der Familie in der großen Stadt. Er erkannte, daß der Bauer als Träger alter Sitten, alter Volkstrachten, als der Hüter volklicher Kulturwerte, zum Vermittler werden kann zwischen Geschichte und Gegenwart: wie recht der Künstler hat, zeigt die Tatsache, daß die Maler der Düsteldorfer Schule nicht wie Ludwig Richter in Deutschland blieben, sondern zur Ausbildung nach Frankreich zogen — um ihren eigensten Stil wieder in der Heimat auSznbilden, weil es in den französischen Landen keinen Bauern wie den deutschen gibt. Es fehlt, außer etwa in der Bretagne, das bodenständige Haus und die eigenartige Volkstracht, die örtliche Sitte. Wir wiffen heute, daß die Franzosen die Vermittlung im Ausland suchen, in Italien und im Orient. Was die Pariser Ateliers in dieser Richtung schufen, wurde für viele deutsche Maler vorbildlich, aber cs konnte das Volk nicht der Liebe für seine Baucrnmaler entfremden. Richter war schon fünf- uuddreißig Jahre alt, als er stch der Buchillustration zuwanbte. Aller Anfang ist schwer! DieS mußte auch Richter erfahren, und seine ersten Arbeiten sind keineswegs befriedigend ausgefallen. Aber der Künstler ließ sich nicht entmutigen, und schließlich fand er überall Deutschland eine verständnisvolle Anerkennung In schneller Folge entstanden in den 1840er Jahren Buch über Buch. Märchenbücher und Volksliedersammlungen, Jugend- und Bolkv- schriften, Ausgaben von Studentenliedern, der lungere „Robln- son", Kalender, plattdeutsche Schriften und zahlreiche Veröffent lichungen schöner Literatur — wer kennt und liebt sie nicht, wenn Cl Ein^Maler^des ^„Genre" tut sich vor uns ciuf, der für seine und anderer Leute Kinder zeichnet, wenn er.Bucher illustriert, die schon damals in ununterbrochener Folge in die Hauser des ganzen Volkes drangen, in die Herzen der Kinder und durch diese in jene der Eltern. Ein milder Glanz und eine wohltuende Wärme strahlt von Richter aus wie von einem der alten Kachelöfen, die er so gern als Mittelpunkt des Hauses zeichnet. Man betrachte den Holzschnitt aus der noch ungedruckten Familienchronik des Georg Wigand, jene reizvolle Kinderszene, da der kleine Wigand auf dem Wagen eines Händlers mit nach Pari^ ^^Das^Kind, das den Wagen besteigt, und die Familie und die Dorfbewohner, die um ihn herumstehen und sich wundern, die Menschen in den ländlichen Trachten, vor allem der alte Mann des Dorfes mit dem Dreispitz auf dem Kopf und den Händen auf dem Rücken, der sich vor Lachen kaum halten kann, weil er den Unsinn belacht und weiß, wie es um das kindliche Unternehmen steht — eine köstliche Dorfszene und ein Abbild unmittelbarer Volkskunst! Dann die Reihe der Arbeiten, die unter dem Titel „Fürs Haus" zusammengestellt wurden, der bekannte „Brautzug" nach Brentanos „Brautgesang", oder das sehr anmutige „Rotkäppchen", später durch Sepia und Wasserfarbenmanler um einige künstlerische Gegensätze bereichert und deshalb noch eindrucksvoller: das Blatt „Winterfreuden", ein dörflicher Holzschnitt, und nicht zuletzt die als Holzschnitt und auch als Federzeichnung berühmte Rtchtersche Darstellung '-Den Honoratioren wird heimgeleuchtet", in der der oft spöttische Künstler sein Bestes in der Gestalt der Frau gibt, die die etwas angeheiterten Honoratioren mit der Kerze aus dem Wirtshaus geleitet. „Der Neue Strauß fürs Haus" bringt ebenfalls Proben Richterschen Könnens im Sine der Ausgabe, in das Familienleben zu bringen, um die Eltern und Kinder liebenswürdig zu unterhalten. Und b,es gelingt dem Meister auf der ganzen Linie, denn ein „Johannlvieit , dos so lebendig das bunte Treiben einer Festwiese widerspiegelt, oder „Das Mädchen aus einer Wiese" konnte nicht sprechender gezeichnet werden als hier. Oft findet man kleine Härten technischer Art in den Blättern des alternden Künstlers, aber man muß sie einem Augenleiden zugute halten, das Ludwig Richter in den letzten Jahrzehnten des Schaffens befallen hatte. Aus der Krankheit ergab sich jenes langsame Nachlassen seiner Leistungen. Trotzdem blieb er bis in die letzten Lebensjahre jener Humorist und Spötter, den wir lieben. Das Blatt „Die Musikkapelle", bie die verschiedenen Typen der Dorfmusiker schildert mit ihren verschiedenen Instrumenten und der Art, sich der großen Ausgabe des Musikmachens zum Dorffest anzunehmen, ist einzigartiges Zeugnis dieses künstlerischen Schaffens ebenso wie die „Mnfenklänge aus Deutschlands Leierkasten" mit dem Buch „Die sieben Schwaben". , , . Es gibt etwas, was wir im Auge halten müssen, wenn wir uns die Richterschen Arbeiten liebevoll anseben: Neben der Festtagsstimmung, die kein anderer so verdeutscht hat wie er, neben ] dem geburtstäglichen Zauber, der über diesen Familienbildern liegt, stehen Werke voll kernigen Spöttertums, die die ungewöhnliche Schärfe seiner Beobachtung, den Witz Richters und seine > dekorative Begabung erkennen lassen. Lebendigstes Beispiel dafür : aus dem Bechstein-Märchenbuch das Blatt „Das unzufriedene ! Ehepaar, die Edelleute werden wollten". Mit großer Meisterschaft i hat der Künstler hier in witzigster Form die Menschen dargestellt, \ wie sie sich ansnehmcn, nachdem ihnen ihre Wünsche in Erfüllung ; gegangen: es sind Eheleute, denen man vom Gesicht ablesen kann, j daß sie Kunstsachen und Kutsche und Pferde und zahlreiche Be- i dienung erhielten, wie es der Text des Märchens noch eingeben- ! der zu erzählen weiß. Vom Kleinen ausgehend und die Fülle i seiner Vorwürfe künstlerischer Gestaltungskraft, besonders die Fülle der komischen, dem Leben unmittelbar abgelauschten Gestalten erst durch seine Auffassung adelnd suchte und fand Ludwig Richter die Poesie im scheinbar Alltäglichen und Nüchternen. Ein hervorragender Meister der Komposition steht neben dem begnadeten Zeichner, der mit Knappheit, Klarheit und Schärfe dem Altdeutschen Holbein nahekommt. Guckkastentheater und Freilichtbühne. Von Dr. Paul Junghans. Natur und Kunst werden als Aeußerungen der gleichen freude- spendenden Schöpferkraft oft in innige Verbindung miteinander gebracht, ja Geschwister genannt. Dieser Betrachtung steht aber die Auffassung entgegen, die Natur und Kunst gerade als Gegensätze begreift, die ihrem Wesen nach unversöhnlich sind, so sehr sie sich auch gegenseitig bereichern können. So wird bald jene Kunst vollendet genannt, die der Natur gleicht, und jene Naturgestalt schön, die der künstlerischen Anschauung entspricht und sie in ihren Kontrast- und Harmonieempfindungen befriedigt: bald aber sieht man dagegen das Kunstideal erst dann erfüllt, wenn die Kunst ihre eigenen Gesetze erkennt und sich nach ihnen gestaltet in freiwilligem Verzicht darauf, bas einzigartige Wachstum der Natur nachzubilden. Von keiner dieser Betrachtungsweisen aber wird geleugnet, daß die menschliche Schöpfung in der Erweckung der Seele des Menschen mit der Natur wetteifert, daß sie ihr in der bilden- fort Kunst den Weg zur Landschaft aufschlietzt und in der lyrischen Md epischen Dichtung ebenso wie auch in der Musik bestrebt ist, sie iril Ehrfurcht vor der Natur zu erfüllen. Nur eine Kunstgattung scheint diesem Naturerlebnis völlig entfremdet zu sein, die in ihren Ursprüngen gerade am tiefsten ii der Natur verwurzelt ist: das Theater als Stätte der drama- tichen Kunst. Aus der religiösen Feier der in der Natur wirkenden Geister, Dämonen und Götter erwachsen, hat sich das Theater ii seiner Entwicklung zweifellos immer weiter von der Natur et tfcrnt, sie erst als Raum, dann aber auch als Gehalt verloren md andere „naturfremde" Elemente in sich ausgenommen, so daß nmi vielfach mit der Bezeichnung „Theater" gerade das Unnatürliche und das Nachgestaltete versteht, das die Natur „er- slizen" soll. Das Theater hat sich mit der Schaffung des geschlos- srnen Bühnenraums, des Guckkastentheaters, der Kulisse und Kampe ein eigenes Bretterhaus geschaffen, das ihm nunmehr sune Welt bedeutet, und in ihm ein magisches Spiel entfesselt, dis in der Erwartung schon die Herzen höher schlagen läßt, wenn d r künstlich verdunkelte und spärlich erleuchtete Raum betreten mrd. Hier wird nun „der ganze Kreis der Schöpfung" ausge- frritten; hier die „Natur des Menschen", sein Wille und seine Lidcnschaft, seine Liebe und sein Haß, zu einer erschütternden lfrlebniswelt gestaltet, die im Aeußercn nichts mehr mit dem fsaturgefühl gemein hat und die sich ihr doch an Tiefe und Reich- trm der Empfindungen messen kann. Trotz dieser unbestrittenen Macht über die Geister der Zu- saauer hat das Theater aber doch immer wieder gezögert, die „Tür zur Natur" endgültig zuzuschlagen und sich mit der Kulisse, der inturnachgeahmten wie der stilisierten, abzufinden und in dem Sretterhaus zu verkapseln, sondern es hat immer wieder versucht, Je Kulisse nur als Behelf hinzunehmen und den Guckkasten wie- J r zu öffnen und mit dem Spiel in den weiten himmelhohen Kaum der Natur hinauszuschieben. Damit würde die Rampe jsierflüssig werden, die sich oft wie eine unsichtbare Mauer zwischen Zpielerschaft und Zuschauer schob, und die Möglichkeit eröffnet »erden, beide auf gleiche Ebene zu stellen und ein Spiel auf der gleichen Erde zu gestalten, auf der Spieler und Zuschauer wie fiiiher einander begegnen. Jener soll losgelöst werden aus einer Mwirklichen Komödiantenwelt, wieder mit den aus der Tiefe der Erde aufsteigenden Kräften beseelt werden und aus dem Geist der ^ntur spielen, dieser aber aus dem gesellschaftlichen Gefüge des farketts und der Ränge herausgehoben und von dem ganzen äußerlichen Glanz befreit werden, der sich in der Ueberlieferung dis Theaters allmählich herausgebildet hat und der schließlich zu d-r lebendigen Gegenwart in Gegensatz geriet, die dem Theater »jeder eine Zuschauergemeinde zuführen will, wo bisher das „Ge- fcllschastliche" herrschte. Diese echte Sehnsucht, aus der vielfach verkapselten Theaterwelt »jeder in die Natur einzudringen, ist aber nicht eine „roman- ssche". Es handelt sich deshalb auch nicht etwa darum, daß das Theater einfach den Schauplatz wechselt und daß der Guckkasten mseinandergelegt und wie ein Puppensptel ins Freie getragen »ird, damit sich alsdann die Zuschauer um ihn scharen. Der kul- tirgeschichtliche Weg und die künstlerische Bedeutung des Guckst stentheatcrs als einer kulturellen Macht, die trotz aller Mängel einen unversiegbaren Zauber ausstrahlt, sollen keineswegs ver- stnnt werden. Das Spiel- und Raumgesetz des Theaters ist ja (ne künstlerische Form, in die der Gestalter des dramatischen Wortes, der Dichter, sein Werk goß; und innerhalb dieses Raum- g«setzes hat auch der Nachgestalter, der Schauspieler, sein Können e:lernt, ebenso wie die Zuschauer von dem Zauber des in magi- äem Licht auseinanderfallenden Vorhangs und von dem Einblick > eine besondere Bühnenwelt die Haltung des „bewegten Zu- äauers" gewonnen haben, die sie nicht preisgeben wollen. So nie das Konzert zumeist eines geschlossenen Raumes und das iild eines bestimmten Platzes, etwa in der Kirche, für das es gi malt wurde, und einer bestimmten Beleuchtung bedarf, um innen reichen Glanz entfalten zu können, so braucht auch die Tichtung einen ihr bestimmten Ort, an dem sie zu Hause tft Jene Sehnsucht des Theaters nach der neuen Einheit von Spieler und Zuschauer, nach einer Wiederentdeckung und Wteder- giwinnung der Natur als Sptelort wies darauf aus eine zinz andere Aufgabe hin: aus die Neugestaltung eines östlichen Spieles in der Natur, das wieder an jene erste Ur- strm des Theaters im religiösen Fest anknüpft, und das unter tinem eigenen Formgesetz steht. Nicht um die Uebertragung öes bi stehenden Theaters auf eine Naturbühne also handelt es sich, Icndern um die Neuschöpfung des festlichen Freiltchtsptels, wie es fit> noch an einigen Orten erhalten hat, aus einem neuen Genieinschaftsdenken heraus, um eine Festspielschdpfung, die neben bi m Theater des geschlossenen Raumes steht und sich mit ihm in bie gemeinsame Aufgabe teilt. Aus dem Festspiel können dem Theater Kraft und Geist zuflicßen, die ihm über die äußerlichen Ränge! hinweghclfen, zugleich aber wird jenes auch vom -rheater mnkbar empfangen dürfen, was das Theater sroß machte: die Spielgewalt und die Schauspielkunst, die dort zu höchster Voll- kimmenheit herangereift ist. Aber dies Festspiel muß doch sein epenes Formgesetz finden und alle jene Elemente an sich ä,eo?'1' bc ihm entsprechen, die Sprache im freien Raum, die größere Be- >«Lgung, die in einem anderen optischen Winkel gesehen wird, den Tanz und die Musik. Und vor allem eine Dichtung, die nicht nur äußerlich jenen Ausmaßen entsprechen will, sondern die auch innerlich die geistige Kraft und Bereitschaft sunt fcjthdjen Spiel sur br Gemeinschaft der Spieler und Zuschauer besitzt, eine Dichtung »so, die lebendig in diese neue Form einfließt und in ihr einmalige Gestalt gewinnt. Wenn heute neben den ersten neuen Schöpfungen, die aus dieser Forderung erwachsen sind, Werke jener anderen Theatersphäre an den neuen Festspielstätten aufgeführt werden, so ist es nicht zufällig, daß es zumeist gerade „Fremdlinge" sind, Werke, die den Raummassen der Guckkastenbühne widersprechen, Mysterienspiele, festliche chorische Werke, in denen Sprecher und Chöre als symbolische Gestalten einander gegenübergestellt sind. Als Beispiele wären hier „Jedermann", „Die Braut von Messina", „Wallensteins Lager" und die „Nibelungen" neben anderen zu nennen. Sie entfalten sich erst auf der freien Bühne und gewinnen hier den Glanz, der ihnen dort mangelte; und man empfindet deutlich, daß der Dichter sie in unbewußtem Verlangen fü-r solche Orte schuf. Daß es daneben Stücke gibt, die dem Gesetze des Guckkasten- thcaters und dem der Freilichtbühne entsprechen, widerlegt die obigen Betrachtungen nicht, sondern bringt nur den Beweis, daß der Geist des Dichters beide Räume, den des Theaters und den der Natur zu umspannen und eine Dichtung schaffen kann, die auf den Brettern magisches Theater wird, das bis in die Tiefe der Seele dringt und alle Zauberkräfte der Guckkastenbühne lebendig werden läßt, unverlierbar und kostbar — zugleich aber auch die dämonische Kraft besitzt, die Natur zu erfüllen und dem Werk hier festliche Gestalt zu geben — im „Sommernachtstraum", im „Kätchen vou Heilbronn" und den „Räubern". Wie ein Regenbogen wölbt sich diese Dichtungsgewalt über beide Welten des Theaters und bezeugt dem Volk der Gegenwart aufs neue den unveräußerlichen Besitz seiner schöpferischen Kraft und den unbegrenzten Reichtum der Gesichte und Gestalten seiner Seele. Katarina kann sich nicht entscheiden. Roman von Viktor von Kohlenegg. Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H„ Berlin. lFortsetzung.l „Lieber Finke! Halb zwölf Knesebeckstraße! Dann Rheinsberg! Denke: über Potsdam zurück. Wir halten aus der Rückfahrt an der Eremitage. Abends Verdeck!" Frau Gugernell liebte die frische Luft im Gesicht. Auch er liebte das. Eine gesunde Frau voll warm rollenden Bluts — kein empfindliches, gemaltes und rasiertes Weibchen. Eine richtige Frau, wie Gott sie an seinem besten Tag aus vollen Mulden geschaffen hatte! ~ „Ein paar Decken für den Abend, Finke! Prachtvoller Tag!" V. In der Knesebeckstraße saß mgn noch beim Frühstück. Die Damen hatten, nach Verkauf der kostspieligen und dick verguldeten Vanderlipschen Villa in Nikolassee, die möblierte Wohnung einer Frau Professor Pfefferkorn, die in Tokio lebte, gemietet. Ein Heim in blühendem Jugendstil mit ehemaligen Gaskronen, aber das betrübte die Dame Gugernell nicht sehr. In das dreifenstrige helle Hinterzimmer hatte sich Katarina sofort verliebt und es zu ihrer Werkstatt erhoben. Dort übte sie jeden Morgen mit leidenschaftlrchem Eifer, stundenlang ihre Schwünge, Schwebungen, Biegungen, Sprünge, frei und an der Stange, die sie zur strengen Schmeidigung und Ent- schwerung ihres Körpers für nötig hielt. Am Nachmittag war häufig Herr Dr. Alfons Kittel zur Stelle, saß in der Ecke an ihrem Stutzflügel und spielte mit zwingendem Rhythmus, die gelblichen Ziegenaugen fest auf die Probende und Schaffende gerichtet: ihr Trainer und ihr Gewiffen — zu manchen Zeiten gräßlich lästig! Denn es gab, wie man schon weiß, auch lustlose und unproduktive Zeiten, zweiflerische Zeiten, die mit der bürgerlichen Guqernell-Seele und manchem andern zusammenhingen; in denen sie sich aufsässig und ketzerisch fragte: Ist das alles so notwendig? Wird man davon als Mensch und Weib satt und zufrieden? Ja, es kam vor, daß sie sich mitten in der guten, stürmischen Arbeit plötzlich selbst verwundert zusah und es dann geradezu ein bißchen sinnlos und komisch fand, daß eine reife Frau von Sechsunddreißig hier herumsprang, ihren Leib zu jugendlichen Künsten drillte, eine bejahrte Dame! Sie sah es in abirrender Unlust und selbstquälerischer Scham, die beide aus gewissen Versäumnissen oder unerfüllten Wünschen hochstiegen; zugleich aus dem ewigen Zweifel, daß es bald einmal aus sein könnte mit Bezauberung, Anbetung und Erfolg, was durch die schreckhafte Erinnerung an den schon einmal erfolgten scheusäligen Abfall und Verrat der Menge durch geheiligte Mode, Kritik und gymnastischen Tiefsinn abscheulich verstärkte wurde. Dann konnte sie für kürzere oder längere Zett unerlaubt sentimental sein. Konnte ihre „menschliche Existenz" außen und innen in froher, unzerstörbarer Gelassenheit zu spüren wünschen; konnte wünschen, bloß Frau zu sein in starker, seliger Geborgenheit — ja so wahr sie lebte und tanzte, Kinder zu haben: tüchtige, gesunde, starke, schöne, blühende Kinder ... Ach, das andere? Ein uferloses Erlebnis, das nicht ins Zentrum des Lebens traf. Bis das schwarze, phantastische Gewölk ebenso plötzlich wieder vorüber war. , . Dr. Kittel mißbilligte das natürlich mit heftigen Zischlauten, ein kleiner, fanatischer Mann mit gelbem, strähnigem Methodistenhaar, der sich kennerhaft in allen Künsten umgetrieben hatte, bis der Tanz seine große Entdeckung geworden war: die Tänzerin Gugernell, die er, tapfer und fröhlich entschlossen, zu ihrer reinen Art zurückgeführt hatte. » Denn — um es gleich zu sagen — sie hatte nie viel Stnn und gar keine Begabung für kunstgewerbliche Gymnastik mit Krampf und Tragik zu begleitender Negermusik gehabt, für Fußphilo- sophie und Flunkeret, die polternd über die Bühne schlich und Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dieben. stampfte,- das alles war bloß eine kurze, vorübergehende Ber- Irrung und Zentverwirrung gewesen. Die G.ugernell — das war schwingendes Leben und Beseeltheit, Sehnsucht, Zärtlichkeit, saftige Leidenschaft, Heiterkeit, holdes und derbes Gluck und seine ernsten Widerspiele und Auslösungen, alles, was Werb war: sie selbst, losgelöst vom Irdisch-Schweren, ein bezaubernder Eros barm, ein Elementares, das aus Blut und Sinnen sederte, dem Rhythmus selig verspielt hingegeben und ihm leidenschaftlich dienend. Ein Sonderfall, ein Naturwunder: die Tänzerrn Gugernell ... Nichts sollte und durste sie wieder an sich rrremachen! Ach, auch der stürmisch gläubige Kittel war kein unbesiegbarer Cherub mit flammendem Himmelsschwert. .. Die beiden Damen tranken jetzt auf dem dsefferkornschen Seidensamtsofa nebst „Fauteuil" mit Quasten ihren Morgenkasfee. Katarina iah dabei die Post durch. Bon wem?" fragte die Mama und blickte gespannt durch den großen Hornkneifer,- denn sie erwartete jeden Morgen durch die Post etwas Erregendes, irgendeinen Glückstaumel. Uebrtgens war sie gekränkt. „Nichts von Louis?" fragte ste, voll hartnäckiger ^Kcckarina war taub auf dem Ohr. Sie trug ein weißes, geblümtes Morgenkleid, schlicht und bürgerlich, sehr frisch, ein großes, gesundes, blühendes Mädchen. Die Mama war schwarz und weiß gestreift, flimmerte von Ringen, war gepudert und welk, eine weißhaarige, stattliche Dame mit dunklen Augen und heftigen Brauen. „Bitte!" Katarina warf flach einen Brief über den Tisch. „Bon Nikodem Glod. Ich fürchte sehr, er kündigt sich wieder mal an. Es würde mich gräßlich stören. Ich muß auch gleich Dr. Kittel anrusen. Ich kann ihn heute Nicht brauchen. Ich mochte überhaupt eine Weile Ferien machen. Ich bin schrecklich — wundervoll saul ... , ,, ... „Oh — Niko!" rief die Mama, ohne hinzuhören. Niko war ein Banderlip-Better, der gern plötzlich von irgendwoher auftauchte und dabei auf seine stürmische und unbekümmerte Art in Katarina verliebt war. __ „Louis Nasselbrinks wegen störend?" fragte die Mama, immer noch streitsüchtig: denn sie hatte aus einem Telephongesprach gehört daß heute ein besonders weiter Ausflug in Aussicht stand, ohne baß man daran dachte, sie mitzunehmen. „Was schreibt dein Liebling, Mama?" fragte Katarina in Mein ... Ein Genie! Oh, kein steifer, schwerer, majestätischer Professor! Kein rücksichtsloser Riesenmann!" Katarina schlug, nun selbst temperamentvoll, mit den Fingerspitzen aus die Tischkante. „Du bist nicht sehr artig, Mama! Als wünschest du, mir den Tag zu verderben ... Was dir niemals gelingen wird!" erklärte sie gemütlich und bequem, mit einem Phlegma, unter dem sich ihr Temperament gern ausruhte oder seiner selbst eine Weile müde zu sein schien. Die Mama zitterte mit der dicken Unterlippe. „Liebe und sehr verehrte Base ...!" las sie. „Er ist heute mit demFrühzug hier. Er wird gleich anrufen." „Ich möchte ihn nicht sehn." „Aber, mein Kind —I" „Immer seine schwarzen, fressenden Augen und die Neigung, etwas Ueberraschendes und Unmögliches zu sagen ... Ungebärdig und entsetzlich lästig, Mama — glaub es mir! So gern ich ihn dazwischen und überhaupt habe. Ein Genie? Mag sein ... Trotz seiner Dreißig ein großer Knabe. Sag ihm, daß es heute nicht geht! Daß ich sofort weg muß — daß wir ihn diesmal überhaupt nicht brauchen können!" Sie trank ihre Tasse leer. „Er wird etwas Neues für dich mitbringen: eine wundervolle Tanzmusik! ... Du meinst, daß Louis Hasselbrink ungnädig ——" „Herr Professor Haffelbrink existiert niemals in diesen Zusammenhängen!" Katarinas perlgraue Augen blitzten. „Na, also! sagte sie friedlich. „Ich gedenke, mich anzuziehen und Niko hrnaus- zuwerfen." ..... , , . Da zirpte der Apparat. Katarina erhob sich, groß, leicht, reizend. Es bestand eine mehr gutmütige als stürmische Liebe zwischen ihr und der Mama, besonders auf Katarinas Seite. Katarina stammte aus Mamas erster Ehe mit Dr. Gugernell, der eigentlich Sänger hatte werden wollen, sonst bürgerlich untadelig intakt,- er war int zweiten Ehejahr gestorben. Danach war die Mama dem soliden Grundstücksmakler Stülpe in Hamburg für eine zwanzigjährige unruhige Ehe angetraut worden. Herr Stülpe hatte keinen Sinn für fremder Männer Kinder gehabt,- Katarina war im kiiblen Haus der Großeltern, Landgerichtsdirektor Gugernell am Liikowplatz, und in Pensionen erzogen worden und war schon als Kind ihre Zärtlichkeit nicht losgeworden. Sie sang jetzt in ihrem Schlafzimmer. Auch sie freute sich. Sie hatte es unaussprechlich gern, verwöhnt zu werden. Ein unheimlich gediegener, überaus stattlicher Mann, der Großherr vom Tulpenweg: frisch und stark und jugendlich. Ein bedeutender Mann — herrisch und doch wieder nicht: mit einer menschlich heiteren Warze auf der Backe. Hier hingen Bilder von Katarina in phantastischen Seidenge- wändcru in schlanken und qepluderten Hosen, in deutscher und fremder Volkstracht. Etliche andere zeigten sie halb und dreiviertel unverhüllt — höchst erfreulich anzusehen, o gewiß! Sie stammten aus jener kurzen wirrsäligen Nebergangszeit, in der auch sie sich als tänzerische Schwerarbeiterin gebärdet hatte, vom Publikum verleaen bestaunt und verleugnet. Fran Ktawinke kam herein, junge rotblonde Witwe, die hier wirtschaftete. „Die weißen Schuhe, gnädige Frau? Doch, doch! Für fo'n schönes großes, blankes blaues Auto! „Die Aegypter beteten den heiligen Stier an — wir haben dafür das heilige Auto! Sie tun immer so kühl und verständig, Erika!" Sie reichte ihr die große Flasche mit dem Spritzknops und begann, sich langsam schwebend zu drehen. „Aber ich glaub es Ihnen nicht. Seh' ich gut aus, Erika?" Erika spritzte andächtig lächelnd. „Sehr gut! Katarina neigte Büste und Nacken (Louis wäre erblaßt, Diez in die Knie gesunken, und Dagobert hätte sich anerkennend geäußert». „Genug! Einen Hauch Puder auf Hals und Brust. Die Mama nahm die Lorgnette hoch und musterte öte Erscheinung. „Du siehst glänzend aus, mein Kcnd!" lobte sie durch alle Verdrossenheit. „Aber wenn mich Louis nun d o ch bittet, mitzufahren —?" Sie hob die Hände und ließ ste temperamentvoll J»u”o, sei bitte verständig! Ich wünsche, daß meine Mama immer den vornehmsten Eindruck macht. Glaube mir: Du wirkst am stärksten und eigensten mit deinem schönen weißen Haar, wenn du die Leute und Dinge an sich herankommen läßt geborene ^^Was' sprichst du, mein Kind?" warf die Mama mißtrauisch "^Dft ^o?blonde Erika erschien mit einem Lächeln: „Herr von @1?,®uten Tag, lieber Nikodem! Ich muß leider gleich weg...' Nikodem sah ste, als habe er bloß aus diese Sekunde gewartet, aus dunklen, heftigen Augen an, die zugleich Enttäuschung und unplatonische Bewunderung strahlten. Sie sah zum Erzittern gut aus: der Blick versank in etwas sehr Süßem, immer wieder neu und überwältigend! Er küßte andächtig ihre Hand, die ste ihm ruhig entzog. Dann neigte er sich über die große weiße Hand Mama Stülpes. „Verzeih, Tante Margot! Wenn man eine so sehenswerte Tochter hat —!" , ,, ,, , „Nimm Platz, lieber Nikol Eine Viertelstunde hab ich noch Zeit ... Du warst wieder im Ausland?" Meist bei Tante Martine in Frankfurt", berichtete N'ko Glod und griff begierig nach einer Zigarette. „Morgen- und Abendandacht, elf Uhr Polizeistunde. Es ist sehr gesund. Du wirst ab- ^^^Vön^vmftrem Freund Profeffor Louis Haffelbrink!" warf die Mama hoheitsvoll dazwischen. , ., . . „Hasselbrink? Die europäische Vokabel kenn' ich doch? Chemie _ Physik — Segen der Industrie ... Wer von den Vanderlips stammt, hat einen sechsten Sinn für so was — selbst ich, rote? Neue Errungenschaft?" Er wrach rasch, zart und scharf, wöbe, der Zigarettenrauch zwischen seinen schmalen Lippen hervorwirbelte. Nikodem Glod hatte pelzartig geschorenes schwarzes Haar, das mit einer Spitze in die Stirn zackte, schwarz brennende Augen ttt einem feinem, schmalen, eigentümlich schönen Gesicht und einen dünnen, reizbaren Mund. Er war schlank, fast mager, über mittelgroß, jungenhaft keck und nervös in der Haltung, völlig furchtlos vor der Welt, wie es schien, und zu heftigen Ausbrüchen genetgtz eine beunruhigende und herausfordernde Erscheinung. Sein Blick hatte etwas Scharfes, aber plötzlich einen weichen, guten Schimmer, etwas Kindliches, und seine dünnen Lippen zeigten dany mit einemmal einen leidenden Zug. Nikodem trug einen hellen Sportanzug mit Pumphosen, lief immer so herum: er hatte trotzdem etwas Prinzliches in seiner Art, eine eigensinnige, zarte Anmut, aber niemals Geld. Sein Vater war der berühmte Philosoph und Ethiker Immanuel von Glod gewesen. Sein Sohn hielt es mehr mit der weltlichen Musik, hatte schon eine Masse Kammermusiken, Lieder, Suiten, Sinso- nietten geschrieben, auch ein paar geistreiche und unverfroren melodiöse Opern, die ebenfalls nicht aufgeführt wurden, so daß er für einen internationalen Musikkonzern süßen Schnaps anderer Leute neu mixen und instrumentieren mußte. Tante Martine glaubte allein in der Familie an seinen jähen Ausstieg. Aber Tante Martine hatte selbst kaum noch etwas, konnte ihm bloß Unterschlupf gewähren und ein bißchen was zustecken. Bei den übrigen Vanderlips war er unbeliebt, wie schon sein wenig taubenzüngiger Herr Papa. Niko lief mit leichtem, nervösem Schritt umher, suhlte sich mit seiner raschen Art behaglich daheim: erzählte von Tante Martine, ihren sechs Katzen und ihren Gallensteinen und von Paris: blceb vor Katarina stehen und ordnete mit seiner schönen, sehnigen Liand behutsam etwas an ihrem Kleid: setzte sich an das betagte Pfefferkornsche Klavier in der Ecke, dessen sanfte Verstimmtheit ihn entzückte, und spielte ein paar hämmernde Rhythmen, die die Mama entzündeten: flunkerte dabei von seiner neuesten Oper „Tut-anch-Amon", mit Giftmückenballett und Miß Daisy Snake- bridge, die Tut nach Bokohama entführt. Höhepunkt das Brautlied: „Pyjama —Yokohama, Yokohama — Pyjama!" Diese Weltnummer sei schon fertig. Er spielte und sang sie, die Zigarette schief im Mundwinkel. Mittendrin sprang er wieder auf. Die Mama saß entzückt. Auch Katarina hatte lächelnd und angepackt zngehört. Das war nicht bloß Spaß und frecher Schwindel, das hatte überall unerhört neu und echt geklungen und war zuletzt in eine herrlich schwelgerische Kantilene übergegangen und grell abgebrochen. Das waren offenbar Stücke aus einer viel ernsteren Sache. Denn Nikodem konnte etwas — konnte unendlich viel: war wirklich ein genialer Kerl, der unbändige und gewaltsam zarte Anbeter Niko! Sie hatte eben seine inbrünstige sinnliche Kraft ganz stark empfunden. sFortsetzung folgt.»