fünftem Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 72 Montag, den. 17. September rgang 1934 e »ei9t x, =' 8a,? " Austr«, '^4 . °le nitj ® Ichon i MatteiJ SietzenerKimilienbMer d°b er 6 Häusliches Gespräch. Mer.' )err M m «ßfoften.' jor roeita «rem $i* ifrau, ,N Von Iustinus Kerner. „Mir leeren die Mäuse, Spitzmäuse und Ratten, Verschloss'ne Gehäuse Und offene Platten. Mann! die Apotheke Hilft sicherlich hier. Gift schaffe aus ihr, Auf daß ich es lege Dem wüsten Getier!" Weib! lasse das Morden! Vergönn unsre Speisen, Die bürgerlich heißen, Den schwäbischen Spatzen, Den Mäusen und Ratzen. Wenn ooll die geworden, In stillem Behagen Die Mäuler sich wischen Und weiter dann jagen, Die nirgends doch klagen, Wie sehr sie gelitten An unseren Tischen Durch Mangel an Fischen Und Schnepsendreckschnitten! nan$ )er aller" chl di' ° ' Wir I* jonetf! $• en pache"' •* Ulen wiege*'; irft ilichil * le Oäf* . ßinten S 1 der U S n Kind ot die ■ adezu |pj| les Kinds «erden?' - i rpeint K hiniericki I 1 feujjt li [ em Eieki io dazm«! [ i bewach!? If ung, die t ml* ftam »sgerihi ' Sie m(r k°cht neb« Das Niemandshaus. Von WaldemarAugustiny. „Was war das, Jakob?" fragen die Leute, „fiel da nicht ein Schuß im Haus?" , ... , Aber Jakob zuckte die Achseln. Er hat nichts gehört. Huschte da nicht etwas Helles hinter den Fenstern? Es stimmt etwas licht mit der Villa, denken die Leute. Sie haben das Haus, das die ginne des reichen Sonderlings miten in die Schrebergarten gesetzt hat mb das nun seit Jahr und Tag zum Verkauf steht, bas N'omandshaus x normt. In der Dämmerung, wenn das Haus geisterblaß mit toten fensterhöhlen auf den Weg starrt, machen die Bewohner der Garten- Aber Jakob, der Verwalter, hört sich das Gemunkel der Leute an nb lacht. Er hört keinen Schuß und sieht keinen Lichtschein an den fenstern oorbeihuschen. Es kommt vor, daß der Wmd einmal e'ne ausge- |( rungene Tür zuknallt, ja, und er selbst macht gelegentlich mit der Kar- idlampe einen Rundgang durch die verlassenen Raume. Das Loch in der Decke des Bibliothekzimmers kennt er natürlich auch: er,«e ß bah dis keine Verzierung, sondern der Einschuß eines P'st°lengeschosses ist. Aber was neben ihn Schießereien fremder Leute an? Mögen die Rach- b.rn reden - er freut sich daß die Maklerfirma ihm den Posten eines Verwalters gegeben hat und daß er einstweilen nicht mehr zu stempeln 6 Al^ Jakob hat es sich in der Stube neben der Küche mit zusammengesuchten Möbeln gemütlich gemacht-, er hat sogar ein Grammophon nenn auch nur eine einzige Platte Quf3utretben mar; an bet®anb fingen Silber unb über bem Sofa bie Photographie der letzten Be- figerin. Jakob finbet biefen Kopf fabelhaft 'mpoitierenb unb schom Jakob kann bas Leben aushalten, es ist höchstens e was langweil,^ 26 unb zu kommen Leute mit ihren Wagen angebraust unb sinb nach strzer Besichtigung auf Rimmerwiebersehen verschwunben. Das tt die einige Abwechselung. Aber Jakob kann |a goIegentUcg etroas basteln Techniker hat immer irgenbwelche Jbeen ,m Kopf, an denen.er^her- oniknobelt. Unb schließlich - schließlich ist ba noch bas «tlb»jenerSrau. Jakob geht nicht mehr auf ben Tanzboden, feit er d °r draußen nobnt. Aber wenn er zurückdenkt an b.e krischen warmen Dmger d,e r früher hort fenncnoclcrnt hot — fetns t)ot if)n fo befn) i Q deses einfarbige, schon etwas verblaßte Bilb, bas von sorgens °dends um ihn ist. Es ist fein e i ngi ger ^.am et; ab tm t e er en erfja ^t Senfes. Jakob spricht mit ihm wie mit einem lebenbigen Wesen schm ckt e> mit zärtlichen Worten. Es ist nicht bie Schönheit allein, bte Hjn D Mett. Die wilben Gerüchte von glanzvollem Leben plötzlicher Fl chtt . ulverbampf unb Rauch, von Blut geben bem ^Men Kopf einen öfteren Reiz. Gegen ihn ist ber junge tebenbige Mensch machtlos. n ber v e sind Ä erbe! 5* en. „fö! • - M Kfjter Mn» leine M finb!" hi' Schür* Kto 'N em F irb dir f “ fragt bie Frau mit bunkler ie sich man nichts braus. Mich tzte Besitzerin. Haden Sie bie barin — sehen Sie, hier " beißt Auch bie Frau sagt nichts, steht steif, bie Handflächen aufeinanber- gepreßt, ba. Enblich geht sie gerabeaus auf bie Tür zum Gartenzimmer zu öffnet sie, geht burch verschiebene Zimmer, macht vor ber Küche kehrt, geht, als wäre sie hier zu Hause, zurück auf bie Diele unb steigt die Treppe hoch. Jakob mit ber Laterne, beren Schein bie Wände auf- unb abtanzt, hinterher. ., ,, . ,, „Spricht man viel über bas Haus?" fragt bie Frau mit bunkler Stimme. „Unb ob! Aber ba machen Sie sich man nichts braus. Mich hat's auch nicht gestört" sagte Jakob. ' Sie kommen ins Bibliothekszimmer. Die Frau nimmt Jakobs Hanb, die bie Laterne hält, unb schickt einen Blitz gegen bie Decke, bann laßt sie bie Hanb roieber los. Als sie vom Salon zurückkehren, geschieht basselbe Wieber ergreift sie- Jakobs Hanb unb sucht mit ber Laterne an der Decke — ba reifet Jakob sich los. Der ganze Kram, ber über bas Haus erzählt wirb, all die wilben Gerüchte von Morb unb wilbem Aufbruch überfallen ihn. Er breht bie Lampe ber Dame ins Gesicht — Gott fei Dank, es ist nicht bas Antlitz ber Frau, beren Bilb fein Zimmer schmückt. Ader trotzbem. sie kennt bie Schußstelle, sie weiß zum min- besten um das Verbrechen, sie will am Ende gar nicht bas Haus kaufen, der Brief kann ja gefälscht fein. Was will bisse Frau an biefem Adenb hier im Hause? ... , .... Schweiß tritt ihm auf die Stirn, denn er weiß nicht, wie er sich in diesem Fall zu benehmen hat. Immerhin ist es ja auch möglich, daß die Dame wirklich das Haus zu kaufen beabsichtigt. Die Frau bemerkt feine Verstörtheit. „Sie brauchen nicht zu erschrecken" sagt sie ruhig. „Ich bin die letzte Besitzerin. Haden Sie bie Legitimation nicht gelesen? Es steht alles barin - sehen Sie hier 'Jakob aber ist nicht imftanbe, zu lesen. Er macht starre Augen. Das soll — unmöglich ist bas bieselbe Frau, beren Bild bei Tage und selbst in ben Träumen um ihn ist. . „ , , , _. Jetzt tritt bie Dame ein wenig zurück, schlagt ben Mantel auf. Ein blaues Kleib wirb sichtbar. Sie zieht ben Schleier über bie Kappe, lächelt. Jakobs Lampe, bie tief am schlaffen Arm hängt, beleuchtet zitternb ihre Gestalt und eben noch das Gesicht. „äßenn Sie sich fürchten sollten — ich kann Ihnen die bösen Gerüchte '^Fürchten?" Jakob ^hat ^k'eim'Furcht Er sieht die Vision, die er all bie Monate in seinem Herzen genährt hat, sieht bie frembe Frau,vor sich — unb langsam geschieht es, bas bte beiben Gesichter in eins ver- schmelzen. Jakob zittert wie ein Jagbhunb. . $ Aber nun beginnt bie Frau sich zu fürchten Was hat bieser junge Bursche? Haben ihn bie Webereien ber Leute verrückt gemacht? Dummer Einfall baß sie heute unbebingt bie Stätte eines lange zuruckliegenben Schicksals aussuchen mußte. Run muß sie sehen, wie sie mit einer un- ”Ö;X3«" Ml; Ml*, bern wenn es m ben Wänben rieselt, wenn bie Holztäfelung knackt. Bttte leuchten Sie mir hinaus", sagt bie Frau, „ich mochte gehen " Da "fängt sie den Blick bes Burschen auf unb suhlt — warum unb wieso farm sie nicht sagen —: ber Bengel ist verliebt. Sie ist immer noch Frau genug, um barüber ein wenig stolz zu sein,,unb halt sich an seiner Seite, als sie bie Treppe hinuntergehen Das Licht ber Lampe schaukelt durch den Raum, die Treppe tanzt, das Gewölbe dreht sich — die 8rau ergreift lächelnd ben Arm bes Jungen. Jakob brückt ben Arm — sagen ^"wim roirb* bie Frau etwas übermütig „Es ist kalt", sagt sie, „wollen Sie mir, bevor ich gehe, einen Tee machen?" Jakob schaut bankbar auf. „Gern mach ich Anen Tee, ich habe auch Bohnenkaffe - auch Brot", fügt er verlegen hinzu. Mit ber Butter würbe es hapern. Horch — es klingelt. Jakob binbet sich schnell einen Kragen um. Er weiß: wenn es tlingelt, kommt jemanb, zur Besichtigung; bie Nachbarn klopfen nämlich ans Fenster. Jakob reißt bie Tür auf unb leuchtet mit feiner Lampe hinaus. Der Lichtschein hott eine schlanke blasse Frau aus ber Dämmerung. .. „, , rL ... ., Ob sie bas Haus besehen könnte? Aber natürlich. Jakob strahlt birekt vor Vergnügen, unb bie Frau tritt ein Sie klappt die Handtasche auf unb zeigt eine Legitimation bes Maklerbüros. Jakob sieht ben bekannten Briefkopf, überfliegt bie Maschinenschrift unb nickt. Es wäre ,a eigentlich ein bißchen spät und fast dunkel, aber sie habe sich in der Stadt verspätet und umkehren habe sie auch nicht wollen. „Aber bas macht gar nichts", versichert Jakob, unb jetzt stehen bie beiben vor ber Eingangshalle. Die Karbiblampe schneibet einen weißen Kegel burch bas Dunkel, zu beiben Seiten steigen mit mattem Schimmer bie bronzenen Treppen- 9el<3atorb i(äg'tUnid)t5 weiter, er hält es für bas richtige Geschäftsprinzip, das Haus für sich selbst sprechen zu lassen. Vielleicht ist diese Dame eine Art Pensionsoorsteherin oder etwas Äehnliches. Möglich, bas sie an- ein Bad nehmen muh, dem bürgerlichen Franzosen und andern noq nicht; im siebzehnten Jahrhundert badete man allenfalls einige Male im Copyright by I. L. A., Wien. Sitte und Mode ändern sich fortwährend und sind doch unerbittlich; man wird eher verzeihen und übersehen, wenn ein Mensch einen »rcunD betrügt oder seine Eltern in der Not verläßt, als wenn er in Gesellschaft mit seinem Löffel aus dem Suppentopf essen wurde. Und doch taten die Damen und Herren am Hofe von Versailles zur Zett Lus- wiqs XIV. das täglich, und niemandem fiel etwas dabei ausi Las denken wir nie, daß was wir alle täglich und selbstverständlich tun, einmal eine kühne Neuerung war, die ein Mann oder eine Frau als Erster zum erstenmal wagen mußte, und daß aller Fortschritt oer Kultur auf diesen Wagnissen beruht. .. Dem bürgerlichen Engländer ist es selbstverständlich, daß er täglich ein Bad nehmen muß, dem bürgerlichen Franzosen und andern noch 9 Seit der Erschaffung der Welt bis ins siebzehnte Jahrhundert aß der "Mensch mit den Fingern." Mit diesen Worten beginnt Alfred Franklin, ein französischer Gelehrter, der ein vierundzwanzigban- diqes Werk über das „Privatleben der Vergangenheit" geschrieben hat den Band, der von den Gewohnheiten der Menschen bei ihren Mahlzeiten handelt. Der Satz ist nicht ganz richtig. Franklin sagt, daß Gavei und Messer früher nur zum Vorschneiden dienten daß die Gamn Karls IV. von Frankreich in ihrem Hoshatt nur eine einzige Gabel be|cß, Karl VI. hatte schon ihrer drei! Im siebzehnten Jahrhundert begann man in der vornehmsten Gesellschaft mit der Gabel zu essen, ftatt mit o Fingern: im Bürgertum wurde dies erst im achzehnten Iahrhunoer allgemein. So kurz ist es her! Franklin fragt, woher der Gebrauch der Gabel beim Essen kommen mag. Aus den Berichten alter Reisinven weiß er, daß sie in Italien früher zu finden war, als in Frankreich. verdanke den besten Teil meiner Kenntnisse aus dem Gebiet seinem unschätzbaren und unterhaltenden Werk: dennoch kann ich seine tfroge beantworten: einer der Dogen von Venedig aus dem Hause Djlcoio ich erinnere mich nicht, welcher, aber es muß ungefähr um das ^ay 1000 gewesen sein — hatte eine byzantinische Prinzessin zur Frau, un sie aß als die erste in Westeuropa — denn vom Osten kam dama^ nom die Kultur — mit Messer und Gabel. Die Folge war denn auch, oas, die Geistlichen Venedigs gegen ihre gottlose Hoffart predigten da ooq Gott sichtlich dem Menschen die Finger zum Esten gegeben habe! uev wieder einmal gestellt. . „ . Wen geht diese Frage an? Wo sind die Menschen, denen ein Band Lyrik ein Lebensbuch ist, denen es Bedürfnis ist und Glück, an jebem Tage ein paar Verse zu lesen oder vor sich herzusagen? Wo sind die Freunde der Lyrik, denen es selbstverständlich ist, zu ihrem Besitz an klassi cher und romantischer Lyrik, zu ihrem Besitz an den Banden Dehmels und Liliencrons, Rilkes und Stesan Georges auch die Lyrikbände der Jungen, Unbekannten zu stellen? Wo sind die Kenner und Liebhaber, die in ihrer Gesellschaft diskutieren über Friedrich Schnacks süße Melodie und Gottfried Benns hohen klaren Klang? Wer kennt die Gedichtbücher des jungen Wolfram Br o ckme, er? Wer kauft zu den Gelegenheiten, die ihm Büchergeschenke ab fordern, einen Band neuer Lyrik, oder nur eine der schönen Lyrik-Anthologien. (Etwa die beiden prachtvollen Bände des Phaidon-Verlags „Die schönsten deutschen Gedichte der Weltliteratur")? Den Zweiflern zum Trotz, die nie ein Gedicht gelesen haben und richtig lesen werden — diese Freunde der Lyrik sind da. Sie sind ihrer ßiebrnie untreu geworden, sie öffnen täglich ihre Bande, sie lesen jebes Gedicht, das ihnen eine Zeitung, eine Zeitschrift bringt (die beide nie aufgehört haben, Gedichte zu drucken). Sie sprechen darüber zu andern, sie kaufen immer wieder einen, zwei neue Gedichtbände. Es sind die Mädchen und Jünglinge, die Frauen und Männer, denen der Sinn für die Kristallform der dichterischen Sprache gegeben ist. In ihnen hat sich das Kindheitserlebnis immer fortgesetzt, unter einem neuen Wortklang! Wortbild, Wortstnn zu erbeben, ihnen hat sich die Lust an den allerersten Wortlauten immer erneuert. In ihnen erklingt Musik des Wortes, ihnen ersteht Magie der Sprache, sie gemeßen die Harmonie des Reimes und das Atmen des Rhythmus im Vers ihnen kost sich ciaene Freude, eigene Sorge, eigene Not am reinsten in den Versen derer denen ein Gott zu sagen gab, was sie leiden. Das Auswachen zur Sprache wird ihnen immer neu geschenkt, sie sind es, ine die Worte der ßnrit Wald, Traum, Gestirn, Sehnsucht, Herz wahrhaft sehen und hdren schmecken und riechen, tasten und erkennen. Das was den Kindern beim ersten Vers, was den Vierzehnjährigen bei der Begebung mit den großen Gedichten geschah, das wiederholt sich in diesen Gluck- sichen immer wieder. Keine andere Form der Dichtung kann ihnen das geben, w7s ihnen die Lyrik gibt. Nein, fie tonnen es m-ht entbehren, Qfn Abend oder in der Nacht, auf der Reife im Zug, beim Spaziergang durch die Felder diese magischen Zeilen ö" zitteren, in benen innerstes Bekenntnis eines Menschen im andern Menschen Macht und ^Ci$ie(e grauen sind in dieser Lyrikgemeinde. Als Mädchen blieb ihnen das in der Schule gelernte Gedicht unvergeßlich, spater können sie es noch ihren Kindern hersagen. Vielleicht bewahren die Frauen sich dauerhafter den Sinn für das Selige, Schwingende, Erhabende, IReine unb Parte vielleicht erfüllt ihre Phantasie leichter bas Wort bes Dichtes. Aber auch viele Männer finb bis ans Enbe bem Geheimnis bes Ge- bichtes ausgeliefert, selbst biejenigen bie es schamhaft verschweigen. Mag es bem Dumpfen unsichtbar, bem Nüchternen verschla fen bleiben, bem Rastlos-Tätigen eine kindische Spielerei, - das Gedicht lebt für alle I Gläubigen, Ehrfürchtigen, auch für alle Geistigen. Se,®s0 mag fein, daß diese Gemeinde für die Neugierigen und für die Statistik nicht zu fassen ist. Sie preist sich nicht an, veranstaltet keine Generalversammlungen. Aber sie lebt. Die Mitglieds dieser Gemeinde erkennen sich mühelos. Und sie geben einander das Gut weiter das sie sich erworben haben. Diese Gemeinde ist bald groß, bald klein, bald deutlich, sichtbar, bald scheint sie verschwunden. Aber für sie Mten bte Lyriker, für sie werden die Gedichte gedruckt. Diese Gemeinde stirbt nicht, das Gedicht aber bleibt ewig. Nur den einen strengen Kreis ziehen diese wahren Liebhaber: vor ihnen gilt nur der höchste Anspruch. Sie hassen die Dilettanten, die Reimkünstler, die braven Verseschmiede, die Ehrgeizigen, die mit ihrer Privat- und Familienlyrik in die Literatur wollen. Dafür sind aber unter der Gemeinde genug, die selber die Literatur nicht kennen. Vielleicht I tragen sie nicht einmal den Namen des Autors mit sich. Zu ihnen gehören aber auch bie Kenner, gehören bie Schöpferischen, bie Geistigen, I bie bas Weltbilb ber Lyrik überschauen, bie bas hohe lyrische Kunstwerk I xu beurteilen verstehen. Sie alle lieben bas- Gebicht. Für bie andern ist es nur Schmuck, Stoff, SBilbungsgegenftanb wie die ganze Kunst. Cs ist herrlich, daß einmal über Lyrik geredet und gestritten wurde. Streit klingt auch an bie Ohren berer, bie auf leise Dinge nicht Horen. Mancher von ihnen hat bie Lyrik vielleicht nur im Drang ber Ge- schäfte, im Strubel ber Sorgen vergeßen. Es geschieht alle Tage, batz Menschen bie Lyrik entberfen unb burch Gebichte gläubig unb ehr- I fürchtig werben. Barocker Speisezettel. Von Karl Febern. In seinem Zimmer schaltet Jakob bas Licht ein. Ein nicht sehr heller, I wohltuend ruhiger Schein flammt auf unb gibt atten Dingen gleich- I mäßige Bestimmtheit, Jakob holt sogleich einen Kessel, füllt ihn m ber Küche mit Wasser, kommt zurück und stellt ihn auf einen Kanonenofen. I Er rückt die Stühle zurecht und ist sehr geschäftig. Die Frau sieht ihr Iugendbild über bem Sofa. Sie schaut lange auf bas Bild Ist das sie selbst? Es ist ein anderer Mensch, ein fremder Mensch. Versteht sie noch die Wünsche dieses jungen Mädchens? Nein. I Kennt sie ihren Ehrgeiz? Kann sie ihre Leidenschaften nachempsinben? I Die Frau schüttelt heftig ben Kopf. Vor biefem Bilbe suhlt sie, baß bas Schicksal, bas sie hergetrieben hat, vergangen, ausgeloscht ist. I Sie schaut sich ben Jungen näher an: er hat em offenes, unschuldiges Gesicht. Sie ist ihm dankbar, nicht etwa, weil er, von einem Irrtum befangen, ihr noch einmal die glückliche Vorstellung, geliebt zu werden, I geschenkt hat. Nein, er hat sie ihrem Iugendbild >md 'hier Vergangenheit^gegenübergestellt. Guter Junge, daß du dieses Bild aufbewahrt hast^ Jakob hat bas Wasser aufgegossen. Währenb ber Tee zieht, dreht er I noch schnell bas Grammophon an. Aber als die Frau nach ben ersten quietschenben Tönen ber verspielten Platte bie Jjanbe hebt, stellt er ben 2tPPetaet sinb^Äutoschlosser von Beruf?" Als Jakob nickt, sucht ihr Gedächtnis nach Adressen, bei denen sie sich für ihn verwenden kann. Sie weist hier unb bort wirb es gelingen. „ „Wie lieb von Ihnen, baß Sie bas Bild aufgefjangt haben. So glauben Sie nicht, was man über biefes Haus rebet? Jakob schüttelt ben Kops. „Schön, Ihnen gefällt bas Bilb - eine hübsche junge Frau nicht wahr? Aber, lieber Freund, diese Frau gibt es, nicht.mehr Sehen Sie —" Die Dame zieht die Kappe vom Kopf, dichte Buschel silberglänzenden Haares schießen hervor „Und nun haben Sie Dank und ^Die^Frau°steht auf, und auch Jakob erhebt sich. Er sieht wieder eine fremde Frau vor sich mit den ernsten Zügen einer Pensionsvorsteherin. Der lächelnde Kops an der Wand aber gehört jenem anderen, unwirklichen Wesen, das er im Herzen trägt. Jakob steht verlegen da und nötigt die Frau zum Bleiben. Der Tee sei ja fertig, es wäre doch gut, etwas Warmes zu sich zu nehmen. Aber die Frau ergreift feine Hand, schon knirscht die Tür, und Schritte klappern über die Stein- biele. Jakob geht hinterher, aber als er bie Haustur erreicht, ist bie Frau verschwunden, nach welcher Seite, ist nicht zu ^kennen Ein paar Tage später packt Jakob seine Sachen. Er schließt bie Tur des Niemanbshauses ab unb marschiert, einen Anstellungsbrief m der ^"^'eht"ch^'!°fagen die Leute, „nun hat der Sput ihn doch gepackt." Streit um Lyrik. Von Alfred Günther. Dichter unb Kritiker, Verleger unb anbere Schrifttumssachverständige haben sich — zumeist in Fachblättern — über die Rolle der Lyrik in unserer Zeit und über die Verpflichtungen der Zeit gegen bie Lyrik gestritten. Ein Dichter, Fritz Diettrich, selbst ein Lyriker, wagte ben ersten Vorstoß unb klagte namentlich die großen Verleger an, daß sie das lyrische Schaffen der Gegenwart vernachlässigten. Der Dichter orderte Opfer von diesen Verlegern und hätte ihnen gern die Verpflichtung abgelockt, jährlich eine bestimmte Anzahl neuer Lyrikbande beraus3ugebem a Heute veröffentlichten Lyrikbände auch genügend Käufer finden, fand sich der Wortführer der Lyriker sehr optimistisch ab. Die Verleger erklärten, bah sie sich durchaus bewußt seien, mehr für die Lyrik getan zu haben, als vom Standpunkt des Geschäfts tragbar sei. Sie zählten die Bände auf, die erschienen sind, fie beurteilten die lyrische Produktion der Gegenwart (und ihre Lektoren dürfen beanspruchen, aufs beste darüber unterrichtet zu sein) als nicht sehr hoch, stellten fest, daß bas Mittelgut überwiege, nur sehr selten wirklich Bedeutenbes vorliege. Schließlich roanbten bie Angegriffenen bie Waffe: Es werbe noch viel zu viel Lyrik gebrückt, banale, mittelmäßige, dilettantische, auch ehrliche, gekonnte, gute — aber wo seien benn bie Käufer bafür, wo bie Liebhaber! Der Streit würbe mit Leibenjchast unb mit Klugheit geführt Es würben runb um bas unerschöpfliche Thema eine Fülle von praktischen Vorschlägen gemacht, bie alle vor allem eins bewiesen, wie vielen Menschen bas Schicksal ber Lyrik am Herezn liegt. Ob nun diese schonen Vorschläge, ober sagen wir: Wünsche unb Hossnungen ber zur Forbe- rung ber Lyrik entschlossenen Fachleute in Erfüllung gehen ober nicht: Ein Gutes hat biefer Streit gehabt, bie Lebensfrage ber Lyrik würbe Künste, die zu ihnen gehören, eine neue, feiner emfindende und ge» nießende Zeit. , , , „ Aber das Lieblingsgetränk der großen Mehrheit war noch wie seit den Jahrhunderten des Mittelalters der heute vergessene Hypocras. Da das geheime Wesen dieses besonders auch bei den Damen beliebten Süßtranks manchen interessieren mag, so folgt hier ein Rezept für „weißen Hypocras" aus dem Jahre 1715: , Man nimmt zwei Pinten von gutem Weißwein, ein Pfund Zucker, eine Unze Zimmet, ein wenig Muskatblüte, zwei ganze Körner weißen Pfeffers, und drei Viertel einer Zitrone Das Ganze läßt man eine Zeit lang ziehen; dann wird euer Hypocras drei oder viermal durch einen Strumpf gesiebt. Man kann ihm Moschus- oder Ambraduft geben, indem man ein verzuckertes, in Baumwolle gewickeltes Korn davon vor dem Durchpassieren in die Strumpfspitze tut." So fremd diese Dinge uns anmuten, so ftemd, so anekdotenhaft komisch werden unsere Gewohnheiten kommenden Zeiten erscheinen. Das Volk wacht auf. Roman von Walter von Molo. (Fortsetzung.! „Laßt das Gequassel", spricht abschließend eine Baßstimme. „Machen wir weiter, Herr Hauptmann, wir haben genug geruht!" Fühegetramvel, Waffengeklirr. „Probieren wir lieber noch einmal die aufgelöste Chaine^ Herr Hauptmann, das mutz noch ganz anders flecken! Schlag an, Karl!" Eine Trommel schlägt an; wildes Hurra bricht hinter der Hecke los: in loser, ungeordneter Zickzacklinie, vehement, wie eine mächtige, alles vor sich niederreihende Sturzwelle erscheint stürmend auf dem Exerzierfeld die Kompanie. Die Bajonette gefällt, wie ein Sturmwind stürzt sie über den sandigen Platz, dem Birkenwald zu; sie verschwindet, emporsetzend, zwischen den weihen Stämmen. Bei gesenktem Kopf, langsam, tief nachdenklich, wandert der Pensionierte weiter; er schüttelt den Kopf: „Und da sagt man, es sei bei uns alles schlecht gewesen?! Hat vielleicht der große König anders mit seinen Soldaten gesprochen? Häh?" . m. , ,« , Nächstens, Papa", spricht stolz die Tochter, „wird der Kurt Majori „Wieso? Es sind doch noch fünf im Rang vor ihm?" „Die Anciennität gilt nicht mehr, Herr Papa! Es geht jetzt nur mehr nach der Leistung!" „Seit wann wäre das?" , Der Herr General von Scharnhorst hat das so verfugt. Der wird auch noch bei der Jnfantrie drei Beine einsuhrenl Ein Teufelskerl!" Der Alte starrt: Blohfüßige Knaben marschieren in Reihe und Glied auf dem Sturzacker. Sie haben statt der Gewehre Prüges, sie sind wie die Mannschaft - auf dem Platze formiert: mit schrillem, Hellem „Hurra", daß der Acker poltert und die Erde spritzt, rennen die Knaben gegen das Birkenwäldchen an. Hell lacht die junge Hau^- männin. „Alle Jungens spielen jetzt Soldaten! Das war doch früher nicht o Herr Papa? Richt wahr?" Der alte Mann streckt den Arm: „Komm her, mein Kind." Er umarmt die junge Frau, er küßt sie fest, abbittend auf den entgegendrängenden Mund. Hastig, dankbar gibt sie den Kuh ! zurück. „Hab' Vertrauen zu uns, Papa!" bittet sie. Der Alte wendet sich. I „Kommt zum Exerzierplatz!" gebietet er, er zappelt mit Händen und ; Füßen. „Ich will mir das modische Gespiele näher angucken! Er um- : faßt die Hand seines Kindes und preßt sie, als könne der Druck Erfüllung schaffen. ,Zch hätt' ja solche Freude, wenn ihr recht hattet! „Wir haben recht, Herr Papa!" i Eilig, ineinandergehakt gehen sie zurück. Auf dem Exerzierplatz ordnet . sich lautlos, hochatmend die Kompanie zu neuer Hebung. In einer kleinen Berliner Konditorei sind nur drei Gäste. Born bei der Eingangstüre sitzen zwei junge Leute, rückwärts in der Ecke nahe dem kleinen Büfett, mit dem Antlitz gegen die Wand gekehrt, trinkt ein hagerer, bejahrter Offizier feinen Kaffee-Ersatz. Die Zweie bei der Ture flüstern, zornig sehen sie zum Offizier. „Susette! noch ein Stuck Schill- torte!" ruft der Eine Bitte sehr!" Die junge Kellnerin in ihrer altdeutschen Modetracht kommt mit dem Stück Torte in den Vordergrund getänzelt; aufbegehrend fährt der Gast mit dem Löffel in den Teig, auf dem ein Stück von Schills Gestalt in rotem Zucker sichtbar ist. „War Herr von Schill heute noch nicht hier? 1 _ Unser Held war schon seit drei Tagen nicht mehr hier, Ehrenfester" _ So? Sie sehen aber heute wieder entzückend aus, Susette! Es ist gut "daß wenigstens ihr Mädchen noch in Deutschland Ehre im i Leibe habt! Superb stehen Ihnen die Ritterlocken! Kennen Sie die | stndine' des Herrn de la Motte Fouque?" — „Nein, Ehrenfester, was ! ist das?" — „Diese deutsche Nixe muß so ausgesehen haben, wie unsere fittiqe Jungfrau, nicht? Bring' der Susette das Buch!" Der Redende wendet sich, und sagt pathetisch: „Es ist ein teutsches Buch, teutsches Mädchen^8 bezahlen", spricht'? leise aus der Ecke, Das Mädchen ; dreht sich, verstimmt geht es zum Ofsizier. Die Herren stoßen sich an ! Wie aelb der Latwergenmann wieder aussieht! — „®>e verweht und salopp seine Uniform ist!" — „Das sind unsere Säulen!" Der Ossi,zier ! erhebt sich Sein Blick unter der hohen Stirn ist, als ruhe er über Gedanken aus. Der Offizier nimmt die Kappe vom Nagel, freundlich nickend gelassen, lautlos, den bartlosen, faltigen Kopf gesenkt, schreitet er an der Kellnerin vorbei, zur Straße. Die Überhängende Gestalt mit dem eingefallenen Rücken verschwindet. „Es ist zum Tollwerden! Das . i will ein teutfcher Soldat fein? Unser Kriegsminister? Es ist zum Kobolz- ickießen» So was will vom Schill nichts wissen? Woher er nur seinen toönen alten Namen hat? .Scharnhorst'", spricht btflamierenb der Jung- Ung Scharnhorst'!? Das müßt' ein Titane sein, ein Riese mit Adlerblick mit Adlerfängen nicht so etn S-blappje! Er schläft ja den ganzen , i Tag! Susette, du mußt in unseren .Christlichen Verein' kommen; wir ,chshundert Jahre brauchte die Gabel, um von Byzanz nach Paris zu ! > inmen, bann nur noch hundert, um die Welt zu erobern. i Im Hause der Marquise von Rambouillet, die dank chrer liebens« rürbigen Begabung die feineren Formen der modernen Geselligkeit, i tan kann es sagen, erfunden hat, brach auch mit der Sitte, daß alle ;äfte mit ihren Schöpflöffeln aus der gemeinsamen Schüssel aßen, wie ; der Hos noch lange tat, wie es heute noch in mancher Gegend die lauern tun Ihr Tochtermann, der Herzog von Montausier, der Erzieher >5 Dauphin, verbat es sich immer und verlangte einen eigenen Suppen» Her, er galt darum für einen beschwerlichen Gesellschafter. Dafür muhte n siebzehnten Jahrhundert jeder Herr vorschneiden können, sonst war : blamiert. Wunderlicher noch, als die Art zu essen, erscheint uns, was man aß, le maßlose Fülle der Gerichte, der Fleischspeisen vor allem, die sonder- firen Mischungen. Im sechzehnten Jahrhundert preist ein französischer kchriststeller die „gute alte Einfachheit" frühere Tage, da man bei einem lärgerlichen Festmahl nur sechs verschiedene Fleischspeisen auftrug. Die pariser Speisewirte wie ihre Garküchen waren schon damals berühmt. §ei einem Diner Pyramiden von Wachteln und jungen Fasanen auf« stürmen, ober wie es Boileau schilbert, auf einer Schüssel einen Aasen mit sechs Hühnern unb sechs Tauben garniert unb mit brei quer- iberlegten Kaninchen zu servieren, währenb ein Kranz von gebratenen Archen ben Schüsselranb bebedte, galt im siebzehnten Jahrhunbert für «roße Art. . ' Die Hygiene ber Küche lag im Argen wie alle Hygiene. So wie bie finber bamals, vor ber Schutzpockenimpfung, selbst in ben vornehmsten Rufern wie Fliegen an ben Blattern starben, so waren bie Männer, tud) die großen Feldherren der Zeit infolge des übermäßigen Fleisch- md Alkoholgenusses mit dreißig Jahren gichtgekrümmt. So wie die Menschen sich in Unmaß parfümierten, sich nicht wuschen, so wurden :lle Gerichte in Unmaß gewürzt, mit Rosenwasser, mit Majoran, mit ilmbra und Moschus; Riechpulver wurden auf bie Fleischspeisen gestreut ;nb Rosenwasser barübergegossen, wie heute Salz unb Worcestershire- Sauce bas Backwerk, bie Eier, mit Parfüm zubereitet unb serviert. Es fehlte nicht an Kochbüchern. Schon im vierzehnten Jahrhunbert irfchien unb nicht als erstes, ber „Hauswirt von Paris", ber Form nach der wirklich, Anweisungen eines reichen Bürgermannes an feine junge Trau. Für ein Diner wirb barin folgendes Menu empfohlen: Erster Gang: Fleifchpasteten, schwarze Gemüsesuppe, ein ßampreten» >«richt, deutsche Kraftsuppe, Krastsuppe mit Fleischstücken, weihe Fisch- lauce, Birnenfladen. , ... Zweiter Gang: Fleischbraten, Seefisch, Sühwassersisch, Fleischschnitten |n Speck, Fröschlein, Rose (?) von jungen Kaninchen und Bögelchen, Näße mit warmer Sauce, Pisaner Torten. Dritter Gang: Schleien mit Brotschnitten, weiße Mandelgallert, gekostete Brot- und Speckscheiben in Eiermilch, Eberschwänzchen m warmer Srühe, Kapauner geschwenkt (?), Lachs- und Brassenpasteten, Schollen, ^^N^rte^Gang:"'Mehlsuppe, Wildpret, Eierbackwerk, Kalter Salbet, gestürzter Aal, Fischsülze, Kapaunpasteten. , Jeder Gang wurde auf einmal aus ben Tisch gestellt. So speiste ein reicher Pariser Bürger in ber guten alten „einfachen Zeit. Für die -einzelnen Gerichte sinb zumeist bie Rezepte angegeben. Das sur -Deustche Krastsuppe" lautet: „Man lege Eier in Oel, nehme Mandeln, schale, guetsche unb siebe sie, schneibe Zwiebel in Scheiben koche sie in Wasser, backe sie bann in Oel unb lasse bas Ganze tüchtig sieben; bann stampfe -nan Ingwer, Zimtrinbe, Gewürznelken mit ein wenig Safran, ber mit laurem Wein getränkt ist, tue enblich bas Gewürz m bte Speise unb siebe sie in einem Kessel, bis sie dickflüssig unb nicht zu gelb ist. Feinere Kochbücher erschienen im siebzehnten ^chrhundert wie »Der iranzösische Koch" bes Herrn von Lavarenne, Küchenchefs des Marquw □on Urelles. Vor ganz strengen Richtern, wie vor ber Marquise von Sabie,^beren Küche berühmt war, sanb bas Buch keine ®nabe: „Man mußte ben Kerl (trafenI" sagte sie. Ihr erklärte auch °ls sie fromm geworben war, eines Tages ihr Freund, der Abbe de a MctoUe der Teufel ben sie aus ihrem Schlafzimmer unb ihrem Anklewe immer vertrieben, habe sich in ber Küche verschanzt Dem Publikum gefiel bas Werk; er erlebte acht Auslagen. Ein königlicher Kammer- diener, Nicolas von Bonnefons, gab 1655 ein erganzenbes Werk „D Köstlichkeiten ber Fluren" heraus Zwanzig Jahre spater erschieni o>on Pierre David ber „Koch" mit einem unendlichen Untertitel Aus einem | Rezept Lavarennes erfahren wir, baß man d'e Artychocken bamals n ’ vier Teile schnitt, ben Bart entfernte, sie iti kaltem Wassel quellen lieh unb sie bann mit Salz unb Pfeffer servierte. S'° würben °ber auch schon gebacken. Ein Zwischengericht, bas nach feinem Ersinber einem italienischen Koch Nullio, „Nullen" h>eh, würbe in folqender Art bereite! ..Man nehme vier ober fünf Eidotter, sehr frische S°hne v.el Zucker ein Körnchen Salz, schlage bas Ganze gut, lasse es in einer W™ -Schüssel kochen, streiche mit ber rotglühenden F°uerschaufel darüber begieße es mit wohlriechender Essenz und fermere ee mH TOotouMUtfer bestreut." Von den Gewürzen und E enzen abgesehen fangen d i lichte an, sich unserer Kochweise zu nahem. JmIahre 1674 gab V . to. Robert ein Bändchen „Die Kunst zu bewirten her°us m bem er sagtt I. ..Man ist heute von der UeberfüUung ber Gerichte °bgekommem m°n häuft nicht mehr sinnlos alles burchemanber aus, Be g ® ' I bizarr bereitete Zwischengerichte: b,e erlesene Abwahl d-r Flestchforien, Die Feinheit ber Zubereitung, bie elegante Art zu fer , .Zahl der Gäste angepaßte Menge der Speisen tut es. Man merkt 0 i Kulturfortschritt. Zur selben Zeit schrieb der Herr von 6 a n t L mond, ein Vorläufer B r i 11 a t - S a v a r ' ns ..fernen Wn weife und geistvolle, durchaus modern anmutende B ^tu 9 Küche und Kochkunst. Er hatte zu den Jnt.men der Mar^ye o LL tÄÄ'Ä Ä a*: ,Er hat gesagt, ziehend: „Der Gott, der Eisen wachsen lieh. Der wollte keine Knechte, Drum gab er Säbel, Schwert und Spieh Dem Mann in seine Rechte. r, c r annnortlich: Dr. Hans Lhyriot. - Druck und Verlag: Brühl',che UniversitötS-Buch. und Steindruck erei, «.Lange. Wiehen. Sie sollen ihn nicht erschießen!' Mißtrauisch tritt der französische Dffi; ','ier heran. „Hat Ihnen seht der Herr feine letzten Wunsche mitgeteilt? — Jawohl, Herr Kolonel, ja." Der alte Mann reißt den Kops hoch. „Ich muß bloß noch einen Sprung ... in meine ... Dfftgin - - tun! Herr Pievenfuß und ich werden dort ... das Testament des Herrn ... nut größter Eile aufsetzen, und es ihm dann sofort, mit Ihrer Bewilligung, Herr Kolonel ... überbringen!" ''Hochm^gerichte^sieht^Quast seinen verschwindenden Freunden nach. Die Mutter der vier Kinder lächelt. „Silentium!" "Er^hM mßagt, wir sollten uns an den Franzosen ein Beispiel nehmen! Ja das hat er gesagt!" — „Wir sind nicht äußerlich! Herr Friede- lob versteht un» nicht! Wir haben ein deutsche» Herz!" „Bernunst, Jungens! Vernunft! Niemand will euch euer deutsches Herz nehmen! Brüllt doch nicht so! Ich las,' euch doch euer deutsches herz? - „Aber er nicht!" — „Herr Rektor, immer lobt er die Franzosen! Immer! Bet jedem Anlaß!" — „Wir wollen die Franzosen nicht als unsere Herren anerkennen! Wir erkennen die Franzosen niemals an, S)err Geht nach Hause! Vorwärts! Alle aus der Klasse! Ihr habt für heute frei!" N lRichig''Imigens! Der Deutsche hat Disziplin! Gehorcht als Deutsche! Kommen Sie, Herr Kollega!" Im Dröhnen der neu anschwellenden Schrei- Symphonie gehen die Lehrer. „Das ist die Folge der neuen Erziehung, Herr Rektor! Sie entwickelt Persönlichkeiten, aber sie mordet ,ede Auto- ritnt" — „Das ist das, was wir brauchen!" Sie treten in die Rektorenstube, der Rektor sperrt die Türe hinter sich ab. „Herr Rektor, klagt Friedelob, „Herr Rektor, ich will die Jünglinge doch nur zur Demut erziehen!? Wie sollen sie denn anders ihr hartes Schicksal ertragen? Sie müßen an unsere Schuld glauben! Sie müssen! Herr Rektor weint der Lehrer auf, „ich habe doch auch zwei Jungens? Soll ich die arß dem Schlachtfeld verlieren? Der Frieden ist nur zu erhalten, Herr Rektor, wenn unser Land glaubt, seine Not sei verdient!" Der Rektor schüttelt den Kops. Nein! sagt er -n Weden „Nein! Wenn jemandem Unrecht geschieht, dann hat er die Pflicht, allstund ich sein Recht in die Welt zu schreien! Die Jungens sind nicht formal, aber sie sind zweifellos seelisch im Recht!" ".Wenn^jeniand in Ihr Haus dringt und Sie mit Mord bedroht, bringen Sie dann dadurch den Mörder zur Nachgiebigkeit, daß Sie ihm die Füße küssen? .Du ober ich' heißt es!" Lauschend halt der Rektor Inne, *’öiV k’llen \nir denn hochkommen,' klagt Friedelob, „wenn uns die Formen so gar nichts gelten?" Zum Schweigen mahnt des Rektors Zeigefinger: Stiirmifch, taktfest singen die Primaner, an der Ture vorüber- singt der Lehrer Heydedank mit: „Doch wer für Tand und Schande ficht. Den hauen wir zu Scherben. • Der soll im deutlchen Lande nicht Mit deutschen Männern erben." . Friedelob senkt den Kops-, der Rektor schnaubt sich, er bur*-1 ">w räuspert sich. „Rdrmrhm!" Der Rektor steht, das Taschentuch norm Gesicht. (Fortsetzung folgt.! Wildes Geschrei schwillt hinter der Türe des Friedrich-Gymnasiums. Der Pedell reißt die Türe in die Rektorenstube auf. „Revolution, Herr 'Jiehör! Revolution!" brüllt der Invalide. „Die Jungens bringen den f)crrn Friedelob um! Sukkurs!" Das Lineal reiht der Rektor vom Schreibtisch, sie stürzen gemeinsam über den Gang, die Treppe hinan: Wüstes Durcheinander ist in der Prima, Papier raschelt, R'dieklappern, widerspünstig ausbcgehr-nd schreien die iuug-n Stimmen durcheinander Wir lassen uns das nicht gesallen! — „Nein! — „Er muy wwer rufen!" — .Wir sind stolz daraus, daß wir Deutsche sind! Des Rektors Gesicht erhellt sich. Vergeblich sucht hinter der Türe des Lehrers stolpernde Stimme einen Satz. „Schweigen Siel" — „Wir laßen uns nicht beschimpfen!" — „Wir sind nicht äußerlich!" — „Dafür hungern wir nicht, daß Sie uns befchimpfen!" — .Wenn wir auch nicht so geschniegelt und gebügelt gehen wie die Franzosen, wenn wir auch -in armes, getretenes Volk sind, ein Herz haben wir doch! Sie kennen uns nicht — „3an>ol)l! jubeln die andern. „Er kennt uns nicht. Er will uns nicht kennen! Leg' dein Prügelholz weg! Da, nimm auch mein Lineal, versteck es! — "Raus!" brüllt es hinter der Türe. „Raus!" Der Rektor osfnet verwüstet, gedrängt, gedreht und gestoßen, zitternd steht Herr Friedelob vor seinem Rektor '„Er hat Deutschland beschimpft, Herr Rektor!'^ schreien die Schüler. „Er hat gesagt, wir feien Barbaren! — „Er , die Franzosen seien im Recht, sie seien viel feiner als wir! Drum gab er ihm den kühnen Mut, Den Zorn der freien Rede, Daß er bestände bis oufs Blut, Bis in den Tod die Fehde." „So, Herr Friedelob, so wächst unserem Inhalte die Farm! Nur so!" Der Rektor faltet, zum Himmel emporsehend, die Hände, der Gelang zielst der Straße zu, des Pedells Stimme qröhlt im Rasseln der ft affen- schlüssel mit: „Bis in den Tod die Fehde!" lieber den, Rektoren zimmer in einer anderen Klasse hebt sich das gleiche Lied, aus voller Brust SÄ' hädifler Svannung studieren sie die Kreuz- und Querstriche, die zu Un lelerllchkeil aus der Tischplatte verwischt sind. „Er löscht alles aus, bevor er geht!" Aergerlich, mit aller Kraft reibt das Mädchen. „Wahrscheinlich rechnet er seiner Plätterin nach! Susettchen!" Der Bursch legt dein Mad- chendenArmum die Schuster „Gelt? Ihr werdet wie d.e Spanierin- »en kämpfen? Komm, gib mir einen Kuß, Holde!. > Hoch, vivat! Es lebe der Tugendbund! Kennt ihr des .Knaben Wundcrhorn ?Rcht Paßt aus!" Der Burfch setzt sich aus den Tisch, er zieht das Madel zu sich, er singt, die Umhalste hin- und herwiegend: „Der Leib verweset in der Grust, Der Rock bleibt in der Welt, Die Seele schwingt sich durch die Lust In» blaue Himmelszelt... Das haben gesungen drei Jungsräulein Zu Wien, in Destereiche, Zu Wien! In De—sterrei—chell „Majestät", spricht Scharnhorst. „Es ist Zeit! Ein b^iegies Oesterreich bedeutet endgültige Vernichtung für uns! Ich habe bieFest"VC t'Iic die Feughäuser sind gefüllt, es ist alles vorbereitet! In einem Tage können die festen Plätze unser sein! Bewafsnen Sie Mann und Frau, Kind und Greis, der Feind kann jetzt mit Sensen, Zahnen und Fausten hinausgeworfen werden, einer Mlllionen-Jnsurrektion widersteht feine Armee!" Unverdeckt, leidenschaftlich loht Scharnhorsts Blick. „Horen Sie nicht aus die Diplomaten, rechnen Sie nicht aus England, rechnen Sie au Ihr Volk! Es will frei sein! Es breitet die Flügel! Nein Ist der erste Pastor erschossen, hat Ihre Idee ein Ende. Nein", sogt Friedrich Wilhelm bestlmmt. „Habe alles genauestens überlegt Wird der Kaiser In Wien sicher wieder nicht durchhalten. Habe aber nicht» dagegen," schließt Friedrich Wilhelm beschwichtigend, Jdfulb- bewußt, „daß Sie meine ehemaligen Soldaten in den Militarwerkstatten beschäftigen, al» Arbeiter, selbstverständlich! betont Friedrich Wilhelm, er schielt, „will ja dem Elend steuern, wo ich kann. „Cure Majestät sind jetzt wieder gegen eine Kriegserklärung an der „Kann nicht! Dars nicht! Steht zu viel aus dem Spiel, tue es nicht. Ernst sieht Scharnhorst In Friedrich Wilhelms ^edergebrochene Gesichts- ziige „Könnt ja ohne mich ansangen! sagt Friedrich Wilhelm. „Tut ohnedies in allem, was ihr wollt . Wlrd |a sicherlich ... Gott einmal helfen. Jetzt .. kann nicht! Kennen Sie die Fürsten nicht! Kenne die Fürsten. Defterreid) hält sicherlich nicht durch." „Kein Fürst, Majestät," spricht Scharnhorst, „kann die nationalen und moralischen Ueberzeugungen seines Volkes, aus sich heraus entstanden, zurückhalten wie die Meinung des Einzelnen! Hier endet die Gewalt der Fürsten! Ich werde Eurer Majestät Willen durchsetzen, solange es möglich ist." Scharnhorst geht-, ein welker lebensfremder Gelehrter tritt aus Friedrich Wilhelms Zimmer, tief hangen die Augen- deckel Scharnhorsts über seine Augen Köckritz und Zastrow erheben sich, mißtrauisch mustern sie Sd)arnl)orfts Erscheinung. „Meine Herren Kameraden", spricht Scharnhorst müde. „Wirken Sie aus Gerne Majestät ein daß er uns vertraut Wo war id) denn? Was wollte id) denn sagen? ’ Ja? " Erschöpft, als gehorche ihm das Hirn nicht mehr, abbittend lächelt Scharnhorst. „Richtig, ja. Bitte: schärfen Sie Seiner Majestät ein daß er nicht den Versprechungen Englands glaubt, die Engländer werden nicht landen' Wir stehen allein! Wir müssen Ruhe halten um jeden Preis, anders ginge Seine Majestät zugrunde. Ach, wie furchtbar! Seine Majestät Ist heute wieder sehr mutlos." Scharnhorst neigt den Kopf, er schreitet davon, sie leben ihm nach. „Die Seele diese» Kerl» ist faltenreid) wie seine Visage! knurrt Zastrow, „ich kenne mld) mit Ihm nicht aus!" ,Ach nein", beruhigte Köckritz, er tupft sich an die Stirn, „er ist bloß da oben nicht richtig. Er denkt nicht an Krieg. Kommen Sie, gehen wir zum König! Mir haben gesiegt!" ♦ Der herkulische Mann sieht zur Türe. Der Apotheker Eberswaldt ist mit dem Notar Piepensusz in» Wachzimmer getreten. Die Herren verhandeln „Bon", lagt der Iranzösische Dffigier. „Id, habe nicht» dagegen, daß Sie de» Herrn letzte Münfche entgegennehmen. Id) gebe Ihnen dazu drei Minuten Zeit!" Durch die sperrende Linie der Franzosen tritt hastig der Apotheker: der Notar bemüht sich, die Soldaten in ein Gespräch zu verwickeln .Herr von Quast", haucht der Apotheker. „Ist e» wirklich wahr, daß man in Ihrem Stall unseren alten Grenzpsahl sand? Breitschultrig nickt Quast. „Id, hob ihn für meine Kinder auf. Sie werden ibn wieder einpslnnzen, ist die Kned)tiing zu Ende!" — „Ach, Herr von Quast, do» ist aber lehr übel'? Sie wissen, wie die Dinge flehen?" Fra- genb stemmt Eberswaldt seinen unglückverhangenen Blick Ins Antlitz der kleinen Frau an de» Verhafteten Seite. „Gnädige Frau, die Feinde sind (ehr erbarmungslos'" Die blaße Frau nickt: ihr Blick ist mutig, gehalten: wie es Gefaßte sind am Bette eines Sterbenden. „Herr von Quast" bittet der Greis „Sagen Sir mir schnell, was Sie mir zu sagen haben' Wo» können mir für Sie tun? Sie haben vier Kinder!" Der Riese ni-ff liebevoll. dankbar faßt er die Hand seiner Frau. „Wir haben alles miteinander durchgest,rochen. Herr Eberswaldt". lagt Quast ruhig, er nelat sich vor. fein Blick funkelt auf. „Gib mir Gift!" Ein Sturz geldlich' im oit.-n Apotheker. „Die Huizde fallen mich nicht erschießen: verschaff' mir Gift!" „Herr Quast?" Ich bitte Md,, Eberswaldt! Du haft Gift in deiner Dffigin, ich weiß!" — Ach ja, bitte, geben Sie ihm Gift!" fleht die kleine Frau.